Vom Hörensagen

6. Februar 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (46) Die Studio-Lautsprecher HS80M von Yamaha vermitteln mit alten Tugenden ein ganz neues Hörgefühl.

Lautsprecher sind so eine Sache. Eigentlich hat sich seit den ersten Anfängen, also seit der Ablösung des Trichter-Grammophons durch elektrodynamische Schallwandler mit Membranflächen, wenig bis nichts getan (sieht man von Spezialentwicklungen wie Elektrostaten, NXT-Panelen oder Plasma-Hochtönern ab). Ein Umstand, der ebenso langweilig wie tröstlich ist. Gute, teure Boxen, die man vielleicht vor fünfzehn, zwanzig Jahren im juvenilen HiFi-Wahn erstanden hat, machen auch heute noch etwas her. Vor allem dann, wenn die Lautsprecher ein gewisses Volumen und, damit zumeist einhergehend, einen gewissen „Rumms“ besitzen. Feinspitze würden das wohl eher Präsenz, Räumlichkeit oder ein ansprechendes Impulsverhalten nennen. Wie immer auch: solange die Gummisicken nicht porös und brüchig werden, sind Lautsprecher jener Teil des Pop-Universums, der am wertbeständigsten ist. Und am seltensten durch aktuelle Modeerscheinungen abgelöst wird.

Sollte man meinen. Denn dem Schreiber dieser Zeilen z.B. widerfuhr es, dass die Kunde von neuen Studiomonitor-Wunderdingern an sein Ohr drang. Das Modell HS80M von Yamaha sei nun das Maß aller Dinge. Vor allem, wenn man das Preis-Leistungs-Verhältnis betrachte: die schwarzen Quader mit der typischen weissen Baßmembran kosten gerade mal rund 250 Euro. Pro Stück. Für gute Lautsprecher ist das eine Mezzie. Und die HS80M sei ein wirklich erstaunlich gutes Hörgerät, ein „Geheimtipp“, erzählten mir zuhauf Musiker, Produzenten und Audio-Fetischisten: fein auflösend, präzise in der Abbildung der Instrumente und Stimmen, pegelfest und, jawohl, voluminös. Dazu benötigen diese Monitore – man sollte dazusagen, dass es sich nicht um klassische, schönfärbende HiFi-Boxen handelt – keinen Verstärker, da sie „aktiv“ sind, also selbst einen eingebaut haben. Dem Hörensagen nach gibt es zwar noch Besseres auf dem Markt – Boxen etwa Genelec, Dynaudio, Adam, JBL, Tannoy, Mackie, KRK, Meyer Sound u.v.a. -, aber zu meist weit höheren Preisen. Bei mannshohen HiFi-Lautsprechern geht’s dann in der Praxis sowieso in Regionen jenseits von Gut & Böse.

Was soll ich lange um den heissen Brei herumreden: ich hab’ mir die Dinger gekauft. Und links und rechts von meinem 24 Zoll-iMac aufgebaut (es handelt sich um sog. “Nahfeldmonitore”). Seitdem besitzt die Tonspur zur virtuellen Realität, die ich mittels Webbrowser, iTunes oder Logic Studio aufrufe, eine Dringlichkeit und Körperhaftigkeit, die mir bisweilen fast schon zuviel ist. Man hört Musik so, wie sie von Komponisten und ihrem Elektronikpark geschaffen wurde. Und dass sich da auch in punkto Audioqualität einiges getan hat in den letzten Jährchen, belegt der Umstand, dass zum Beispiel frühere Referenzboxen von Yamaha – wie z.B. das berühmte Modell NS10M, das in so ziemlich allen Studios dieses Planeten steht – vergleichsweise fürchterlich tönen. Okay, damit wollte man die Durchschnittsanlage des Durchschnittskonsumenten simulieren. Aber die klingt heute, pardon!, auch besser als das teuerste Equipment anno dazumal.


Magie und Marketing

30. Januar 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (45) Ist der Enthusiasmus, ja die Hysterie rund um Apples „iPad“ gerechtfertigt? Oder doch nur ein schnöder Hype?

Nein. Wirklich nicht. Muss nicht sein. Haben andere schon erledigt. Massenhaft, salbungsvoll, wortgewaltig. Sogar das, äh, U-Bahn-Zeittotschlagbuntpapier „Österreich“ hievte den (das?) „iPad“ auf die Titelseite. Apropos: wo ist der Müllcontainer für die Entsorgung des Namens „iSlate“? Man hatte ihn schon liebgewonnen. Und dann greifen Steve Jobs und seine Marketingabteilung ausgerechnet zu einem Namen, der unerwartete Assoziationen auslöst, zumindest in den USA – mit Binden und Tampons nämlich.

Sie merken schon: die allgemeine Erregung rund um Apples Elektroniktablett, das neue Tabernakel der digitalen Bohème, hält ungebrochen an. Nachdem nun die Katze aus dem Sack ist, die nächsten Wochen über aber weder gestreichelt, getestet noch gekauft werden kann (die Produktion hält mit der Nachfrage nicht Schritt), ergiesst sich die Energie von Journalisten, Bloggern, Nerds und Medien-Zampanos in Spekulationen über Pro und Contra des Prototyps einer neuen Computer-Generation. Versucht hier jemand, die Zukunft in die Gegenwart zu zwängen? Der Werbe-Guru Amir Kassaei, ein Österreicher mit iranischen Wurzeln, brachte es auf den Punkt: „It’s not the tablet, stupid, it’s the digital lifestyle strategy!“ Es geht also weniger um technische Details, mehr um einen Masterplan, den Steve Jobs – Kassaei zufolge – „wie ein Schachgrossmeister Zug für Zug umsetzt“. Und der absehbar unser aller Leben umkrempelt.

Bewunderung, ja Enthusiasmus sind nun mal der allerbeste Treibstoff für die affirmative Aneignung von Visionen. Das gilt freilich auch für Journalisten: ein Testmuster ist wenig bis nichts wert, wenn es nicht mit bestimmten Erwartungen, Projektionen, Lustgefühlen und persönlichen Sympathien aufgeladen wird. Im Idealfall eignet sich der Schreiber das beschriebene Objekt an, im wahrsten Sinne des Wortes. Das Zücken der Brieftasche ist der Ritterschlag, das finale Urteil, die praktische Bestätigung einer positiven Bewertung. Und ich spreche hier keinesfalls vom Privatmuseum nie retournierter, aber auch kaum mehr gebrauchter Me Too-Rezensionsexemplare und Gelegenheitskäufe „zum Journalistenpreis“.

Mal schau’n, wie’s in ein paar Monaten um den/das iPad steht. Laut Apple handelt es sich ja um “unsere fortschrittlichste Technik in einem magischen und revolutionären Gerät zu einem unglaublichen Preis”. Bei aller Superlativ-Gäubigkeit und Gadget-Geilheit: ich habe mich auch lange gegen CD-Player, SUVs, Farblaserdrucker, Energiesparlampen, Kabelfernsehen und e-Reader gewehrt. Bisweilen mit dauerhaftem Erfolg. Ein Blu-ray-Player ist mir bis heute nicht ins Haus gekommen. Dafür aber ein Paar monsterhafte Monitor-Aktivboxen aus dem Hause Yamaha. Warum, erzähle ich Ihnen in genau einer Woche. Stay tuned.


There ain’t no such thing as a free lunch

22. Januar 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (44) Die „Gratis-Kultur“ des World Wide Web zerstört althergebrachte Business-Strukturen. Wer aber zahlt am Ende die Rechnung?

Was denkt sich Mathias Döpfner, Chef des Springer-Verlags und Herausgeber der europaweit auflagenstärksten Tageszeitung „Bild“, eigentlich dabei, wenn er öffentlich die vorherrschende Gratis-Kultur des Internet als „abstruse Phantasie spätideologisch verirrter Web-Kommunisten“ geisselt? Und zugleich am Kiosk Produkte seines eigenen Hauses mit folgender Schlagzeile findet: „Ihre Lieblingsmusik gratis! Millionen MP3s in Top-Qualität aus dem Internet laden – legal und ganz einfach“? Würde mich glatt interessieren.

Sitzen in der Springer-Zentrale in Berlin am Ende des Tages verkappte Kommunisten, Piraten und Free Content-Ideologen? Oder nur mehr Jungspunde der “Generation Gratis”? Haben unsere Politiker schon einmal über das Thema „Urheberrecht im 21. Jahrhundert“ nachgedacht? Und sind jetzt auch die Chefstrategen des Handy-Herstellers Nokia ein wenig gaga? Fragen über Fragen. Zunächst einmal zu Nokia: der finnische Konzern bietet neuerdings kostenlose GPS-Navigation per Mobiltelefon – zunächst nur für Top-Modelle des eigenen Hauses – zum Download an. Eine Reaktion auf die Datenkrake Google, die für ihr erstes Handymodell „Nexus One“ ähnliches in Aussicht gestellt hat. In den USA. Prompt fielen die Aktienkurse von Navi-Herstellern wie TomTom oder Garmin. Verständlich: ich würde diese Papiere auch dringend auf „sell“ setzen.

Den Umsatzverlust in Sachen GPS-Software werde man durch Werbeeinnahmen auffangen, erklärte ein Nokia-Sprecher. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Die ganze lautet: es ist ein Verzweiflungsakt. Wenn einmal der Damm gebrochen ist, hält nichts und niemand den Verdrängungswettbewerb auf. Und „gratis“ ist nun mal noch günstiger als „günstig“. Zumindest für den Konsumenten. Nokia bangt um Marktanteile. Und pusht nebstbei seinen bislang müden „Ovi“-Application-Store. TomTom & Co. müssen sehen, wo sie bleiben. Die Gegner heissen Samsung, Motorola, Blackberry, Google. Und Apple.

Apropos: Steve Jobs und seine Recken planen, so hört man, ein neues Streaming-Service. Eine Art „Gratis-iTunes in der Cloud“, sprich: eine ausgelagerte, nicht an Endgeräte gebundene Musik-Bibliothek. Nun kennt man ähnliche Ideen auch schon von Newcomer-Unternehmen wie „Spotify“, bislang scheiterten solche Angebote aber an komplexen Rechts-, Kontroll- und Abrechnungs-Fragen. Kann sein, dass es jetzt rasch geht. Und wenig bis nichts kostet. Ich fürchte nur, bald draufzukommen, dass Kostenlosigkeit als Konzept nicht umsonst zu haben ist. Und irgendwer irgendwann immer draufzahlt. Eventuell am Ende wir selbst?

Remember: “There ain’t no such thing as a free lunch”… Wer diesem Spruch und/oder meinen kryptischen Worten nicht traut, glaubt vielleicht eher Kapazundern wie dem Internet-Pionier Jaron Lanier. Denn der, früher ein entschiedener Verfechter von “Freemium”-Modellen und grenzenloser Web-Liberalität, hat heute nachdenkliche, ja mahnende Worte parat. Laniers Standpunkt kann nicht einfach vom runden Tisch gewischt werden (jedenfalls nicht so leicht wie Döpfners Erregungen). Schon gar nicht von (vermeintlichen oder tatsächlichen) Vertretern und Verfechtern einer (vermeintlichen oder tatsächlichen) Gratis-(Un)Kultur im World Wide Web.


Am Ende der Spirale

16. Januar 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (43) Alles wird besser, alles wird billiger (zumindest in der Elektronikwelt) – gilt diese Formel auch für State of the Art-Spiegelreflexkameras?

Wenn man sich, wie unlängst Canon Österreich-Geschäftsführer Peter Baldauf, bei Partnern, Kunden und Journalisten für ein „doch recht brauchbares Jahr 2009“ bedankt, darf das schon als erfreuliches Signal gewertet werden. Denn in einer Branche, in der leises – oder auch lauteres – Krisengejammer als Grundtonalität der Business-Gemütslage gilt, bedeutet „brauchbar“ wohl eine Verbesserung der Umsätze, Gewinne, Stück- und Kennzahlen. Keinesfalls aber eine Verschlechterung. Und das ist in Zeiten wie diesen tatsächlich eine beachtliche Leistung. Daran sind wohl aber nicht nur die freundlichen Damen und Herren der PR-Abteilung schuld (wiewohl die wirklich auf Zack sind!), sondern auch die Produkte selbst. Schlechte Ware kann man auf Dauer nicht schönfärben. Wie man umgekehrt gute Qualität nicht unwidersprochen schlechtreden kann, zumal in Zeiten von Web 2.0, Medienpartizipation und unzähligen Online-Testberichten.

Man ist ja auch ein williges Opfer. Sei’s als Konsument oder Journalist. Ist man erst einmal ein paar Tage mit einer Canon EOS 5D oder 7D herumgelaufen, mit einem dieser teuren, schweren Profi-Objektive (etwa dem 24er-105er F4.0 L IS USM) vorn dran, dann will man irgendwann auch nichts anderes mehr haben. Die Durchzeichnung, der Kontrastumfang und generell die Qualität der Bilder, die man mit einer solchen Ausrüstung schiesst, verblüfft immer wieder. Die 5D Mark II ist mit über 2000 Euro Grundpreis allein für das Kameragehäuse („Body“) das teurere Modell, bietet einen Vollformat-Sensor und eine höhere Auflösung, ist aber langsamer als das Schwestermodell. Die 7D wiederum, mit 18 Megapixeln, 8 Bildern pro Sekunde und einem ISO-Bereich bis 12.800, liegt erstaunlicherweise weit darunter (die sogenannten “Strassenpreise” unterscheiden sich von den Richtpreisen des Kameraherstellers nochmals deutlich), lässt aber auch kaum etwas vermissen. Ausser vielleicht die Fokussierung via Augensteuerung, wie sie frühere Canon-Modelle hatten. Das einzige Detail, das mit Geräten wie diesen definitiv verwaschener denn je erscheint, ist die Grenzlinie zwischen Hobby- und Profifotografie.

Einmal angefixt, bleibt einem als Durchschnittsverdiener nur, auf die ewige Preisspirale nach unten und den ewigen Innovations-Zyklus nach oben hin zu setzen. Dabei scheint die Digitalfotografie im High End-Bereich kaum mehr drastisch verbesserbar. „Eigentlich kann die Kamera zuviel für das, was sie kostet“. Diesen Satz – auch er fiel beim Canon-Remmidemmi – hab’ ich mir extra notiert. Solche Sorgen muss man einmal haben.


Beiläufige Musiktipps (7)

11. Januar 2010

Enter: Martin Philadelphy. Ein „Gnom, Strolch, Lüstling und unruhiger Geist im Porzellanladen der Unterhaltungsbranche.” Enter Stephan Sperlich. Ebenfalls kein Mann, der seine Talente unter den Scheffel stellt. Wozu auch: gemeinsam bilden die beiden Musiker das interessante Duo Österreichs – die BLIND IDIOT GODS. Demnächst erscheint ihr Debutalbum “Animilation”.

„Man muß systematisch Verwirrung stiften, das setzt Kreativität frei.“ Keine Ahnung, ob Martin Philadelphy den Satz des Surrealisten Salvador Dali verinnerlicht hat. Oder überhaupt kennt. Aber mit Leben erfüllt der Musiker ihn tagtäglich. Irgendwann verliert auch der bestmeinende Rezipient den Überblick – allein über die Projekte, die Philadelphy betreibt, betrieben hat oder demnächst, bald oder irgendwann zu betreiben gedenkt. „Kloan und braun“ heisst ein Solo-Programm, „In Gnomini et Philadelphy, Amen“ ein anderes. „Elektro Farmer“ ein Projekt, „Die Sheriffs von Nottingham“ ein anderes, „The Philadelphy Experience“ ein drittes. Und das ist nur ein Bruchteil der Vita dieses Mannes. Zwischendurch gibt er dann auch mal den Herodes in „Jesus Christ Superstar“. Fast scheint es, als hätte der Künstler, 38, gebürtig aus Innsbruck („Aber ich weiß es nicht mehr so genau“) selbst den Überblick über sein Oeuvre verloren. Aber es scheint nur so.

Karrierberater würden jedenfalls drei Kreuze schlagen bei einem wie Philadelphy. Jetzt biegt er wieder mit einem neuen Etikett um die Ecke. Blind Idiot Gods. Daß es den Namen, allerdings ohne Plural-„s“, schon einmal gab in der Musik-Historie – nämlich für ein amerikanisches Dub/Jazz/Core-Instrumental-Trio der achtziger Jahre, von zugegebenermaßen nur mässiger Berühmtheit – stört den guten Martin nicht weiter. „Könnte einen Skandal geben, im besten Fall natürlich“, lässt er wissen. „Der Ausdruck “Blind Idiot God” ist ja ein Synonym für Offenheit, Direktheit, Geschenk, Zufall, Hingabe. Das passt schon.“ Na dann.

Tatsächlich spielt der Zufall eine große Rolle bei den Blind Idiot Gods. Und Martin Philadelphy nicht allein auf weiter Bühne. Neben und mit ihm werkt Stephan Sperlich, sonst zugange bei 78plus, an der Tastatur. Philadelphy selbst singt – mal deutsch, mal englisch, vom Timbre her gelegentlich an Grössen wie Alex Harvey oder Peter Gabriel erinnernd – und bearbeitet die Gitarre. Im Herbst 2008 erschien auf dem südsteirischen Label Pumpkin Records mit dem Song „Eva“ ein erstes Lebenszeichen der Götter mit Handicap. Im Herbst des Vorjahrs dann mit Steve Millers „Abracadabra“ auf dem „Death To The 80ies“-Sampler von Ink Music ein zweiter. „Animalation“ Anfang 2010 ist das erste umfassende Statement. Ein tierisches Unterfangen. Und vielleicht das erste Opus in Philadelphys umfangreicher Diskografie, das Chancen auf ein großes Publikum hat.

Chamäleongleich setzt das Duo sich in seinen Songs gern verschiedene (Tier-)Masken auf, als Platzhalter und Metaphern fur menschliche und alllzumenschliche Eigenheiten. Blind Idiot Gods verleihen jedem Vieh einen eigenen Sound. Und eine eigene Botschaft. Augenzwinkern scheint aber immer durch die Masken hindurch. Ratten, Elefanten, Chamäleons, Katzen, Fische, Vögel, gestiefelte Kater, Kalif Storch – auf „Animalation“ tritt ein ganzer Zoo unterschiedlichster Charaktere auf. Was Sperlich und Philadelphy uns damit sagen wollen? Allerhand: von der Abneigung gegen heutige Schönheitsideale bis zur Dunkelheit, die den Maulwurf schützt. Die seelischen Tiefen und Untiefen des „Human Animal“ Mensch. “Not An Amimal At All”? (Hörprobe ganz unten). Dieser Text stammt von Barbara Steiner, andere entstanden in Zusammenarbeit mit der New Yorker Lyrikerin Jane Le Croy.

„Martin Philadelphy scheint auf sympathische Art chaotisch – und ein wenig besessen. Von der Musik, versteht sich. So lässt sich zumindest der Sprung vom Krankenpfleger zum Straßenmusiker und weiter zum Berufsmusiker erklären.“ (Marlene Mayer, „Die Presse“). Tatsächlich ist die Vita des Duos Blind Idiot Gods so sprunghaft, schillernd und interessant wie die seiner Protagonisten. Aber die sollen Ihnen die Story ruhig selbst erzählen.

Kritiker verwenden, so sie die Musik von Philadelphy/Sperlich beschreiben (zum Projekt BIG gibt es selbstredend noch keine zitablen Wertungen), gerne Adjektive wie „ironisch“, „kontroversiell“, „schräg“ oder „hinterlistig“ Zum schönen Bild „Rumpelstilzchen meets Zappa“ verstieg sich das „Innsbrucker Stadtblatt“. Die „Vorarlberger Nachrichten“ zeichneten Philadelphy als „Gnom, Strolch, Lüstling und unruhigen Geist im Porzellanladen der Unterhaltungsbranche.” Andernorts heisst es: „Potenzielle Hits treffen deliziösen Schwachsinn”. Alles so zutreffend wie unzutreffend. Tatsache ist: die Blind Idiot Gods atmen die Spielfreude, Ungezwungenheit, Improvisationskraft und Virtuosität des Jazz (vor allem live). Und sind doch lupenreiner Pop. Rauh, ungeschliffen, derb; bisweilen auch nahe an Art Rock und Dada. Aber Pop.

„Wir sind in die Welt gevögelt, und können doch nicht fliegen“ postulierte der Dramatiker Werner Schwab einst. Martin Philadelphy und Stephan Sperlich, diese göttlich-blinden Idioten mit Musikinstrumenten, können es.

BLIND IDIOT GODS – “Not An Animal At All”


Die Schiefertafel und die Retro-Zukunft

9. Januar 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (42) Verändert ein Elektroniktablett mit Apfel-Logo unsere Vorstellung davon, wie ein PC auszusehen hat?

Das Rätselraten, wie denn der revolutionäre Apple Tablet-PC – kolportierter Code-Name „iSlate“, avisiert noch für das Frühjahr 2010 – exakt aussehen könnte, hält an. Ein gefundenes Fressen für Medien und Scharlatane wie Rosalinde Haller (apropos: wenn in diesem Jahr nicht „die Medizin über den Krebs siegt“, wie die Star-Astrologin exklusiv im „Wiener Bezirksblatt“ verkündete, legt die Dame dann ihren Orakel-Gewerbeschein zurück? Über den Rest der Prophezeihungen möchte ich gnädig den Mantel des Schweigens breiten). Apples Marketingabteilung und Aktieninhaber wird’s freuen, der Rest vom Fest darf sich darüber giften, dass Steve Jobs und seine Entwicklungsabteilung die Medienhoheit anscheinend auf ewig gepachtet haben. Selbst das brandneue Google-Mobiltelefon „Nexus One“, das gegen das iPhone in Stellung gebracht wurde, fällt da vergleichsweise ab. Von Nokia, Sony, Dell und Konsorten spricht kaum jemand mehr. Aber das kann sich auch wieder ändern. Dafür braucht’s keine Hellseher-Lizenz.

Was sich dito mühelos weissagen lässt: wir werden uns zunehmend, rasch und gern daran gewöhnen, dass Personal Computer nicht mehr wie jene öden Formformat-Plastik-PC-Kisten aussehen, mit denen wir uns in den letzten Jahrzehnten herumgeschlagen haben. Der Erfolg von Apple beruht nicht zuletzt darauf, Innovation offensiv mit Stil und Design zu verknüpfen – und dafür ungeniert, aber wohlgelitten dem Konsumenten höhere Gewinnmargen abzuknöpfen. Was mich in diesem Kontext seit je her erstaunt, ist die Trägheit, Drögheit und konservative Beharrungskraft der Konkurrenz. Nur billig macht irgendwann auch unwillig. Die Avantgarde der PC-Bastler greift folgerichtig gern mal selbst zum Lötkolben – und schnitzt sich eigenhändig den eigenen Traum-Rechner. Das sogenannte „Case Modding“, also der Um- und Ausbau grauer Einheits-PCs zu verblüffenden potemkinschen Phantasiekreationen, zeitigt Folgen. Vom quasi dampfbetriebenen Elektronengehirn aus Königin Victorias Zeiten bis zur Fünfziger Jahre-Stilikone mit „Brazil“-Touch reicht die Bandbreite der Hobby-Design-Vorschläge. Bingo! Ich wette, auch Apple-Chefdesigner Jonathan Ive hat da seinen Spass dran. Und notiert sich bisweilen das eine oder andere Detail.

Da Apple aber im eigenen Unternehmen eine klare und stringente Linie verfolgt, lässt sich letztlich die Prognose, wie denn der „iSlate“ (slate = Schiefertafel) aussehen und sich anfühlen mag, leicht treffen: wie ein überdimensionales iPhone. Soweit keine Revolution. Allein der alltägliche Gebrauch des Dings wird die Erinnerung an die Computer-Steinzeit rasch verblassen lassen.


Abermals Post nach Kärnten

5. Januar 2010

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann!

Ich wollte Ihnen ja keine e-mails mehr schicken, weil Sie jetzt sicher sehr beschäftigt sind mit der Sozialgeldverteilung, dem FPK-Aufbau und der Abwehr der Übelkeiten und Unterstellungen seitens der Ost-Regierung und der bayerischen Ausländer, was die HypoAlpeAdria-Bank betrifft… Dabei haben Sie und Herr Scheuch eh schon deutlich klar gesagt, daß das kein Problemfall, sondern ein Erfolg für Kärntnen war und ist! Und saniert ist die Bank ja auch, was wollen die also? Warum Sie jetzt aber gleich eine neue Bank in Klagenfurt gründen wollen, verstehe ich, ehrlich gesagt, nicht. Aber Sie werden schon wissen, was Sie tun!

Es drängt mich nun im neuen Jahr doch zu schreiben, daß Ihr Pullover beim gestrigen ZiB2-Auftritt im ORF jedenfalls sehr authentisch wirkte. So ein fesches Mannsbild! Und das, ein wenig Freude und Schönheit im Leben ist doch wichtiger als dieses inszenierte Polit-HickHack… Sie haben doch auch ganz deutlich dargelegt, daß die BZÖ-FKKP keinen Euro und keinen Cent genommen haben! Bravo!, aber das ist doch selbstverständlich. Oder? Bitte sprechen Sie sich in all diesen Details auch unbedingt mit Frau Ex-LH Claudia Haider und Herrn Martinz von der ÖVP ab, daß hier von den Systemmedien kein Keil zwischen sie getrieben werden kann.

Und was diese bayerischen Linkslinken von der CSU betrifft: wollen die uns über die deutsch-deutschösterreichischen Grenzen hinweg sagen, daß Haider, Kulterer & Co. schamlos gelogen haben? Das ist ja wirklich eine Frechheit, was z.B. die “Süddeutsche” meint, “recherchieren” zu müssen. Wo doch der Untersuchungsausschuß in Kärnten förmlich das Gegenteil ergeben hat!!!! Naja, jetzt wird wieder untersucht, von denselben Experten, die sich ja schon gut in der Materie auskennen. Bitte, was soll dabei herauskommen???

In diesem Sinne: bleiben Sie, wie Sie sind! Bitte treten Sie keinesfalls zurück!!!!!!!!!! Nicht nur Kärnten, ganz Österreich braucht Leute wie Sie.

Mit standfesten Grüssen,
Walter Gröbchen

P.S.: Ich lese immer, daß ein Klagenfurter Rechtsanwalt und Freund von Herrn Landesrat Martinz 12 Millionen Euro für die Vermittlung des Hypo-Geschäfts bekommen haben soll… Bitte stellen Sie diese haltlosen Gerüchte ein für allemal klar! Die ganze Welt weiß doch, daß es Jörg Haider selig, Tillo Berlin, Wolfgang Kulterer und Werner Schmidt (der zurückgetreten wurde, der arme Kerl!) waren, die diese Erfolgsstory eingefädelt haben!! Sie haben sich jeden Euro und Cent somit redlich verdient. Ausserdem gilt die Unschuldsvermutung. Zumindest rund um den Wörther See.


Die dritte Dimension

28. Dezember 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (41) James Camerons opulentes SciFi-Opus „Avatar“ ermöglicht einen Blick in die Bewegtbild-Zukunft.

Natürlich haben wir alle schon 3D-Filme gesehen. Entweder mit diesen dämlichen Rot-Grün-Brillen. Oder vor Jahren in Disneyland, als futuristische Demonstration des technisch Machbaren (wenn ich mich recht erinnere, spielte da Michael Jackson die Hauptrolle). Eh lustig. Wessen Wahl aber rund um Weihnachten 2009 auf den Kino-Renner der Saison, „Avatar“, fiel, der hat hoffentlich nicht den Fehler gemacht, die normale, zweidimensionale Version zu betrachten. Denn „Avatar 3D“ eröffnet tatsächlich neue Kinowelten. Jedenfalls fiel mir und meinen Sitznachbarn doch ein wenig die Kinnlade runter ob der greifbaren Plastizität des Gebotenen. Nimmt man die schwarze Ray Ban-Imitation, die man vor Betreten des Kinosaals erhält, von den Augen, sieht man unscharfe Mehrfach-Bilder. Setzt man sie wieder auf, erhält die ganze Sache eine bislang unbekannte Dimension und Schärfe – sieht man einmal von der Realität selbst ab. Wow! Und ich dachte, unsereins hätte schon alles gesehen.

Ob man sich mit der Story des teuersten Films der Filmgeschichte anfreunden mag, tut da vergleichsweise wenig zur Sache. Für die einen ist “Avatar” ein neumoderner Cowboy-Indianer-Streifen oder schlicht ein pathosgetränktes, actiongeladenes Science Fiction/Fantasy-Spektakel. Für die anderen dagegen eine naive, dafür umso deutlichere Allegorie auf die Rolle und den inneren Konflikt der Vereinigten Staaten von Amerika Anfang des dritten Jahrtausends. Oder den ewigen Kampf zwischen Empathie und Abstossung, Dominanz und Anpassung, Gut und Böse. Rettet Hollywood die Welt? Also uns vor uns selbst? Sagen wir so: ich habe schon miesere Streifen gesehen als diesen. „Ich kam als Krieger, um Frieden zu bringen“, spricht der Held Jake in James Camerons Epos sinngemäss in die Kamera. „Aber es gab ein Erwachen.“ Afghanistan, Irak & Co. lassen grüssen.

Wohlan: eine Technik-Kolumne ist nicht der rechte Ort für eine Filmrezension. Doch die CGI (Computer Generated Imagery)-Effekte sind derartig sensationell, dass nicht nur der imaginäre Planet Pandora – der Ort der Handlung von „Avatar“ – förmlich greifbar wird. Sondern auch die Zukunft des Genres Film per se. Selbst das gute, alte Patschenkino wird bald anders aussehen. Ich musste unlängst leise lächeln, als in einer Pressemitteilung von Sony die Rede davon war, dass in drei Jahren bereits bis zu 50 Prozent der TV-Geräte (!) 3D-fähig sein werden. Jetzt lächle ich nicht mehr. In Südkorea startet gerade der Probebetrieb in HD-Qualität. Ob’s mit dem rauschhaften Cinemascope-Eindruck von „Avatar“ mithalten kann? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur soviel: bald werden wir die dritte Dimension nicht mehr missen wollen. Man gewöhnt sich verdammt rasch daran.


Listen!

21. Dezember 2009

Alle Jahre wieder: noch vor Silvester muss die Ernte des Jahres eingefahren werden. Und gesichtet. Und bewertet. Anfang nächsten Jahres erscheint dann das Substrat des Pop-Jahrgangs 2009 (oder die Essenz der kompletten Nullerjahre), fein säuberlich versammelt und durchnummeriert, als “Best Of”-Liste. Auf Papier. Im Web. Und als CD-Stapel neben der Stereoanlage.

Ich habe alle Fristen verstreichen lassen. Jetzt, knapp vor Jahresende (und erst recht vor dem Ende eines Jahrzehnts, der sog. Nullerjahre) häufen sich obligaterweise die Anfragen. Man möge doch die besten Alben der letzten zwölf Monate (respektive der letzten zehn Jahre) benennen. Die besten Songs. Die wichtigsten Ereignisse. Die wesentlichen Austro-Künstler. Die nachhaltigsten Erfolge. Die prägendsten Kunst-Werke. Die einschneidendsten Erlebnisse, Erkenntnisse, Erfahrungen. Die Essenz eines Jahrzehnts. Und so weiter. Und so fort.

Vor einigen Tagen etwa trudelte die Anfrage nach einer Auflistung der persönlichen Top 10 CDs, Songs, Videos ein, gestellt von einer nicht ganz unwichtigen, aber auch nicht gänzlich unentbehrlichen Pop/Kultur-Gratis-Gazette. Die Antwort, die ich immerhin rudimentär skizziert habe, liegt immer noch im “Entwürfe”-Fach meines Mail-Programms. Die – eh generös verlängerte – Frist ist verstrichen. Der Redaktionsschluß hat das Begehren mit der Feinfühligkeit einer Guillotine von seiner Realisierung getrennt.

Ich muß zugeben: mehr nachgedacht als über Antworten auf all die Fragen habe ich über eine einzelne Frage. Die Frage, warum mir diese “Best Of”-Listen-Manie zunehmend auf den Keks geht. Und weil ich nicht ganz unhöflich sein und als überheblicher Frist-Verstreichen-Lasser und Keine Antwort-ist auch-eine Antwort-Autist gelten will, mögen diese Zeilen ihren Empfängern eines signalisieren: eine progressive Distanz zum allgemeinen Jahreskehraus-Brauch.

Warum der Überdruß? Ich will, neben allgemeinem Zeitmangel (ich komm’ ja nicht mal mehr richtig dazu, persönliche Lieblingssong-Kollektionen für Freunde zusammenzutragen und rund um Weihnachten auf CD zu brennen oder auch nur zum Download bereitzustellen), dafür drei Gründe anführen. Hier gleich der erste: was mich seit Jahren, nein, Jahrzehnten verblüfft, ist der weitgehende Gleichklang der “Best Of”-Guides weltweit. Egal, ob Alternative Rock, World Music oder elitäre Elfenbein-Elektronik, egal ob NME, Spex, Rolling Stone Magazine oder Uncut, FM4, Der Standard, Die Presse, The Gap oder TBA – all die Schreiber, Hörer, Kenner in all den Redaktionen rund um den Globus scheinen aus einem Fundus von höchstens 300, vielleicht 500 potentiellen “Alben des Jahres” zu schöpfen. Dabei erscheinen weltweit, pardon, zigtausend mehr interessante Werke, von den Myriaden an tatsächlich uninteressanten zu schweigen. Natürlich kann man da keinen wirklichen Überblick haben. Aber warum tut man dann so?

Der alljährliche Kanon der Kritiker-Lieblinge, meist vorhersehbar, konservativ und langweilig wie die österreichische Innenpolitik, nährt einen, meinen immer schon gehegten Verdacht: Journalisten schreiben gern voneinander ab. Und wir alle kennen die Meinungsführer, Leitmedien und Opinion Leader. Hintendrein hampeln und humpeln die Nachbeter, Popkultur-Ministranten und Listen-Apostel. Klar: die Börsenkurse im Live-Markt und im CD-Geschäft werden davon massgeblich (mit) beeinflusst. Aber, sorry, auf meine subjektiven Kursnotierungen hat der Sermon kaum einen Einfluss. Außer vielleicht den, gelegentlich eine Art Post It!-Funktion (“Ah, sollte ich mir bei Gelegenheit mal anhören…”) zu erfüllen.

Zweitens, und das erscheint mir ein weit maßgeblicherer Impuls für eine abschlägige Handbewegung zu sein: all diese Listen, “Best Of”-Wahlen und “Top 10″-Pyramiden kommen meist ohne Begründung daher. Einfach so. Platz 100 bis 1, schmecks! Siegertreppchen für Fanboy-Teppchen. Erst heute wieder habe ich mit einem Freund über die Jahresbestenliste des englischen Avantgarde-Magazins “Wire” gerätselt. Angeführt wird der “Rewind 2009″ von Broadcast & The Focus Group mit dem Album “Investigate Witch Cults of the Radio Age”. Hab’ ich – zu meiner Schande? – nie zuvor gehört, vor allem das genannte Album (gilt es, das Interesse ist geweckt, nachzuholen), mein Freund aber schon. Sein Kommentar “Eh nicht schlecht, aber warum zur Hölle soll das das beste Album des Jahres sein? Weltweit?”. Die Antwort kann ihm vielleicht das Magazin selbst liefern. Denn, soviel Fairness muß sein: “The Wire” hat “writers’ and musicians’ reflections and discussions of the state of the art in sound” in Aussicht gestellt. Online ist der Teaser, das Heft am Kiosk dann der Pleaser.

Aber genau das gilt für viele Magazine nicht: sie liefern endlose Listen ohne Begründungen, ohne (oder nur mit flapsigen, lapidaren) Kommentare(n), ohne begründete und/oder nachvollziehbare Bewertungen. Und genau das wäre die wesentliche Aufgabenstellung für jeden ernsthaften Journalisten, Jury-Beisitzer und Kultur-Kommissar: sachliche, fachliche, kompetente Anhaltspunkte für Reihungen, Wertungen und olympische Ränge zu liefern. Oder meinetwegen auch unsachliche, aber zumindest strikt kurzweilige und unterhaltsame. Ohne erläuterndes Wortbeiwerk sind diese ganzen “Best Of”-Schauen zum Krenreiben.

So. Damit noch ganz kurz zum dritten und letzten Punkt meines Absageschreibens. Es ist eine Frage grundsätzlicher Philosophie. Ich bin, je länger ich im Spannungsfeld zwischen Kunst, Kultur, Showbusiness, Medien und Social Media unterwegs bin (und das sind nun doch schon einige Jährchen), immer überzeugter davon, daß man künstlerischen Hervorbringungen jeglicher Art nicht einen “Höher, Schneller, Weiter”-Raster anlegen sollte. Kunsthandwerk, meinetwegen. Charts, ok. Verkaufszahlen, einigermassen objektiv (aber natürlich vielfach auch nur ein Maßstab für Marketing-Etats und PR-Manipulation). Soll alles sein. Ich kann mich diesem System auch nicht – oder nur mit Mühe – entziehen. Aber Kunst, und ich nehme dieses Wort ohne Ironie oder gar Zynismus in den Mund, kann nicht (oder zumindest nicht ausschliesslich) dem Imperativ des Marktes gehorchen. Das verbietet, einer strengen Logik folgend, “Best Of”-Wertungen. Natürlich nicht höchstpersönliche, höchst subjektive, rein privatistische. Niemand wird einem spezielle Lieblinge ein- oder ausreden können. Und jeder/m steht es frei, individuelle Favoriten weiter zu empfehlen. Mit welcher Form zusätzlicher Aufladung auch immer – sei es ein quasi-journalistischer Fingerzeig, eine Empfehlung unter Freunden, mystisches Raunen (“Dieses Album wird Dein Leben verändern!”) oder seitenlange Episteln mit höchst vertrackten Theorien und Gedankensubstraten, eventuell sogar in Buchform.

Warum aber die Summe subjektiver Wertungen letztlich eine objektive ergeben soll, will mir nicht einleuchten. Ausser vielleicht als Signal allgemeiner grosser Beliebtheit. Und als Dokument einer ewigen Wechselwirkung zwischen Kritikerkanon, Mundpropaganda, Hype, Mode, Verkaufszahlen, Charts und Jahres-Ranglisten. Wenn aber für die Masse der Bevölkerung der Spruch gilt, daß sich eher Mediokres durchsetzt als erratische Qualität, eher Banales als Extremes, mehr leicht zugängliches Mittelmaß als hart zu erarbeitende Avantgarde – warum sollte das nicht auch für die Experten, die Nischenkundigen, die Opinion Leader, die Die Hard-Fans gelten? Der Durchschnitt einer Teilmenge unterscheidet sich im Prinzip nicht vom großen Ganzen (zumindest meine ich mich vage an ein so lautendes Gesetz der Mathematik, Unterabteilung Statistik, erinnern zu können). Und damit kann mir die Listen-Manie, überleg’ ich’s mir recht, wirklich gestohlen bleiben.

(Unter uns: ich finde sie eh kurzweilig. Aber ich hatte heuer echt keine Zeit für derlei Kram.)


Kompetenzzentrum Kaffeerösterei

19. Dezember 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (40) Von Mann zu Weihnachtsmann – die besten Technik-Geschenke duften bisweilen nach Kaffee.

Na, immer noch auf der Jagd nach Weihnachtgeschenken? Als Fan des Gemischtwaren-Angebots des Kaffeerösters Eduscho (respektive Tchibo, da steckt dasselbe Prinzip und derselbe Eigentümer dahinter) drücke ich mir auch heuer wieder die Nase platt an den Auslagenscheiben der Filialkette. Nicht, weil es hier Dinge zu bestaunen gibt, die es anderswo nicht gäbe. Sondern weil das Konzept, mit allerlei preisgünstigem, schnuckeligem und mithin gut verkäuflichem Schnickschnack scharenweise Leute anzulocken und mit wöchentlich wechselnden „Themenwelten“ zum Zücken der Brieftasche zu bewegen, schon ziemlich raffiniert ist. Eduscho zielt dabei keineswegs nur auf kaffeeschlürfende Hausfrauen. Sondern auch auf Gadget-geile Mannsbilder.

„Oh Du Fröhlicher“ hiess es etwa diese Woche. Da lagen (und liegen eventuell noch) neben den obligaten Hemden, Socken und Seidenkrawatten auch Automatik-Armbanduhren, Funk-Wetterstationen, Dia-Scanner, PC-Mäuse und Plattenspieler mit USB-Anschluss in den Regalen. Da schlägt das Herz des Weihnachtsmanns höher! (wiewohl man das Zeug oft eh schon dreifach daheim hat). Der Wecker mit iPod-Dockingstation um wohlfeile 49,90 Euro blieb zu meiner Überraschung länger im Angebot als die Stereoanlage samt integriertem DVD-Player im schwarzen Klavierlack-Dress zum doppelten Preis. „Leider bereits vergriffen!“.

Ob die Playstation 3 von Sony samt „Batman“- und „Illuminati“-Blu-ray-Discs dagegen der grosse Renner wird, wage ich zu bezweifeln. Diese Zielgruppe verirrt sich relativ selten zu Eduscho. Und ob Papa und Oma zum kleinen Braunen, quasi nebenher, ein High Tech-Bundle bestellen und auf die Beratungskompetenz der Kaffee-Servierkraft setzen („Entschuldigung, die Bluetooth 2.0-Schnittstelle der Playstation mit Enhanced Data Rate ist abwärtskompatibel, oder?“), mag ebenfalls infrage gestellt werden.

Wenn ich Ihnen einen unverfänglichen Tipp geben darf: ein wirkliches Highlight des aktuellen Angebots – das Ding kommt allerdings alle Jahre wieder, wie das Jesuskind – ist die “Universalfernbedienung”. Kostet keine elf Euro, ist einfach zu handhaben und programmieren, hat extragrosse Tasten und ist somit ideal geeignet für TV-Afficionados zwischen drei und dreiundneunzig. Und wenn Sie jetzt meinen, ich wäre nicht nur von Eduscho mit einer Riesenpackung Gratis-Kaffeebohnen geködert worden, sondern auch noch ein Zyniker vor dem Herrn: nein, das hat schon seine Richtigkeit. Die überdimensionale Fernbedienung ist ein perfektes ironisches Statement auf dem Wurzelholztisch der „Schöner Wohnen“-Villa. Mindestens. Und ein gern genommenes Spielzeug für ausgewachsene Home Facility-Manager in der Post-Pubertät.

Ich werde diese Kolumne meiner Freundin in die Hand drücken – statt des üblichen Wunschzettels. Frohe Weihnachten!