Klangbilderbuch

26. Oktober 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (284) Die beste HiFi-Anlage ist die, die am besten klingt. Zuvorderst in den eigenen Ohren. Punkt.

lindemann_musicbook_25_01

Demnächst – nämlich vom 7. bis 9. November – findet einmal mehr Österreichs einzig nennenswerte HiFi-Messe statt, die “Klangbilder”. Was darf man sich darunter vorstellen? Kurzgesagt: eine den Zahlen nach deutlich vierstellige Versammlung von Audio- und Video-Enthusiasten, die sich mit ehrfürchtiger Miene und getragenen Schritts von Hotelzimmer zu Hotelzimmer bewegt, um dort unterschiedlichste Erzeugnisse aus dem Bereich der Unterhaltungselektronik auf Herz und Nieren zu prüfen.

Diese – für Aussenstehende möglicherweise seltsam anmutende – Prozession nimmt anno 2014 das Arcotel Kaiserwasser in Beschlag. Man muss aber, sollte sich auch bei Ihnen Interesse regen, keine allzu umständliche Anreise nach Transdanubien befürchten – die Wiener U-Bahn-Linie U1 hält unweit des Veranstaltungsorts (Station Kaisermühlen). Viel Vergnügen!

Mir jedenfalls ist es das: ein alljährlich wiederkehrendes Vergnügen. Meist packe ich eine Produktion, die ich höchstpersönlich in- und auswendig kenne, ein (und zwar sowohl als CD wie auch auf Vinyl) – und teste somit ein gutes Dutzend ausgewählter HiFi-Anlagen in unterschiedlichsten Preisklassen auf ihre Wiedergabetreue und Klangqualitäten. Die Erfahrung zeigt: nicht immer lässt das Preisschild eine á priori-Beurteilung zu. Und unbekannte Namen liefern oft für die grössten Überraschungen.

Mein Tipp: suchen Sie den Hörraum von Allegro HiFi auf! Im Vorjahr hatte dort Bernhard Mesicek, seines Zeichens Österreichs Audio-Experte mit dem exquisitesten Musikgeschmack, eine gar feine Anlage aufgebaut: ein Musicbook von Lindemann an S1-Aktivboxen aus dem Hause Manger. Okay, kostet in dieser Kombination die Kleinigkeit von knapp unter 19.000 Euro, ist aber state-of-the-art in punkto konstruktiver Modernität, optischer und tonaler Unaufdringlichkeit und audiophiler Raffinesse. “Da spielt nicht die Technik”, so Mesicek, “sondern nur die Musik.” Sie können das selbstverständlich auch per Smartphone oder iPad nachprüfen, ohne Streaming Device kommt heutzutage sowieso keine g’scheite Anlage aus. Ohne neu entdeckten Phono-MM- und/oder MC-Eingang übrigens auch nicht.

Der rührige Veranstalter der “Klangbilder”, zugleich der Doyen der Handvoll HiFi-Journalisten dieses Landes, Dr. Ludwig Flich, konnte mir noch nicht fix versprechen, dass Allegro wieder mit dabei ist im Ausstellerverzeichnis. Aber wenn Meister Mesicek diesen Lobgesang liest, hoffe ich doch. Man komme, höre und staune!


Jubeln und Jammern

17. Oktober 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (283) Die Naivität von Journalisten schlägt die Dreistigkeit von Amazon & Co. bisweilen noch um Längen.

Four books isolated on the white background

Manchmal ist man echt fassungslos. Mir ging es vorige Woche so, als ich die Technik-Kolumne von Thomas V. im “profil” studierte. “Ich kaufe Bücher wie ein Verrückter”, hob die Epistel des Kollegen an. “Gedruckte Bücher, E-Books, antiquarische Sachen. Bald werden es hoffentlich ein paar Bücher weniger sein.”

Warum das? Weil der Internet-Gigant Amazon ein Flatrate-Angebot für sein Literatur-Lesegerät Kindle eingeführt hat. Für 9,99 Euro im Monat hat man nach dem “All You Can Eat”-Prinzip Zugriff auf 650.000 Bücher, davon allerdings keine zehn Prozent auf deutsch.

Das ist dennoch ein Lockangebot. Und ein Affront. Denn man will solchermassen die Buchpreisbindung in Frage stellen – sie gilt in Österreich demnächst auch für E-Books – und die Leser an neue, lohnendere Bezahlmodelle gewöhnen. Für Amazon & Co. lohnendere, wohlgemerkt. Der traditionelle Buchhandel und die Schriftsteller-Vereinigungen laufen dagegen Sturm.

Thomas V. ficht das nicht an. Im Gegenteil. “Ich finde das super”, verkündete er. “Ich bin Konsument. Ich will billigere Bücher, und zwar möglichst komfortabel.” Dass hier ein ruinöser Wettbewerb für Kulturgüter aufbrechen könnte, ist V. “offen gestanden egal.” Die schlichte Denkart versteckt sich hinter der potjemkinschen Fassade der Marktliberalität. Die altruistisch-cool im Namen der “Demokratisierung des Bücherlesens” auftritt. Und einmal mehr die konservativen Branchenvertreter schilt, die “darüber jammern, dass Amazon schlauer und schneller ist.”

Sorry, lieber Thomas V.: ich dachte, die Spezies der Naivlinge, die die Implikationen des Digitalbusiness nicht versteht (oder verstehen will) und in Hurra!-Geschrei ob der Negativ-Skalierung von Flatfee-Angeboten verfällt (die freilich aus der Sicht eines scheuklappenbewehrten “Geiz ist geil!”-Konsumenten ein unbedingtes Positivum ist), wäre längst ausgestorben. Oder nur mehr in Nerd- und Frust-Foren selbsternannter Verlags- und Literaturexperten zu finden.

Ich erinnere mich noch an die Zeiten, als man der ähnlich strukturierten und somit probat vergleichbaren Musikindustrie publizistisch lautstark zurief, sie wäre hinterwäldlerisch, denkfaul, fortschrittsfeindlich und zugleich gierig und satt. Und blockiere quasi die Zukunft. Heute treffe ich die kecken Kommentatoren von damals meist an der Theke, wenn sie in ihr Bier weinen und den Zustand ihrer Medienhäuser und der Printmedien generell beklagen.

Aber vielleicht hat ja auch Thomas V. demnächst mehr Zeit, mehr Bücher zu lesen. Die weniger gekostet haben (wahrscheinlich auch in punkto Verlagssorgfalt, Lektorat und Korrektur). Könnte sich glatt ausgehen mit der Arbeitslosenkohle.


Warm ums Herz

4. Oktober 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (281) Hurra! Endlich ein Technik-Objekt im Haus, für das sich auch meine Freundin erwärmen kann.

Infrarot-Heizer

Meine Freundin ist – grad’heraus gesagt – keine Freundin der Technik. Sie liest Bedienungsanleitungen höchstens, wenn ein Gerät mal keinen Mucks mehr von sich gibt, lässt Glühbirnen von dienstbaren Geistern (zuvorderst, erraten!,: mir) einschrauben und ist zwar die Herrin über Geschirrspüler, Waschmaschine und Fernseher, ohne sich aber für die Details zu interessieren. Meinem Technikpark begegnet sie mit offensiver Ignoranz. Oder, wahlweise, mit aufreizender Ironie. “Wofür brauchst Du schon wieder so ein Kastl? Da stehen doch schon mehr als genug herum!” ist eine Standardansage in unserer Konversation.

Ganz unwirsch wird sie aber, wenn ich ihr zu einem Festtag – zu Weihnachten etwa oder zu ihrem Geburtstag – etwas schenke, das auch nur entfernt als technisches Objekt zu identifizieren ist. Wenn es schon keine Reise, kein Schmuck oder, sagen wir mal, kein Einkaufsgutschein für das Schuhhaus Wunderl in Sollenau sein darf (wofür wiederum, zugegebenermaßen, ich mich weniger interessiere), möge ich ihr lieber gar nichts überreichen. Sagt sie. Was natürlich auch nicht geht.

Was tun? Die Frage hat schon Lenin gestellt. Der alte Revolutionär kannte aber noch nicht die Firma Pro-Idee, die den kapitalistischen Warenverkehr der Jetzt-Zeit in extraordinärer Weise bedient. Pro-Idee, laut Eigendefinition ein “Spezialversandhaus für exklusive Produkte aus aller Welt”, verschickt regelmässig bunte Kataloge. Voll wunderlicher, innovativer und attraktiver Angebote. Vom beheizbaren Handschuh über patentierte Schuheinlagen, Teleskop-Wäscheständer und Design-Schwebelampen bis zum futuristischen Kunststoff-Iglu für den Garten ist da allerhand zu bestaunen. Und zu bestellen.

Was mir schnurstracks die oben gestellte Frage zu beantworten half. Denn da lachte mir doch glatt ein “Infrarot-Heizer mit klappbarem Strahler-Arm” entgegen. Leistung: 1800 Watt, dimmbares LED-Licht, fernbedienbar und – im Gegensatz zu all den grauenhaft designten Konvektoren und Heizschwammerln, die es im Baumarkt um die Ecke gibt – auch noch probat aussehend. Das Ding lässt sich wie ein Galgen über den Gartentisch schwenken und wärmt laut Prospekt jede spätherbstliche Freiluft-Tratschrunde (Test folgt). “Endlich!” verkündet Pro-Idee. Und ich stimme ein. Meine Freundin – die möchte auch bei Minusgraden im Garten rumsitzen, es fröstelt sie aber schon in lauen Julinächten – wird sich absehbar dafür erwärmen können.

Nun kann ich diese ökologisch fragwürdige Gerätekategorie – wiewohl Technik pur! – eigentlich gar nicht leiden. Aber Geschenke von Herzen müssen ja dem/der Beschenkten gefallen. Und nicht mir selbst.


Auf Biegen und Brechen

28. September 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (280) Ich gestehe: den Biegetest mit dem neuen iPhone 6 Plus habe ich nicht gewagt.

iPhone 6 Bentgate

Jetzt liegt es also da. Vor mir auf dem Schreibtisch. Eigentlich sogar zwei Stück davon. Das kleinere, 4,7 Zoll große Exemplar (soll ich einen Zollstock rausholen und in hierzulande gebräuchliche Zentimeter übersetzen?). Und das X-Large-Modell mit 5,5 Zoll Durchmesser. Erraten: es handelt sich um das neue iPhone 6. Und das 6 Plus.

Man hat es mir förmlich nachgetragen (ich bin ja als Hype-Maschine eher unbrauchbar). Ein sehr freundlicher Herr hat “im Rahmen einer Kooperation mit T-Mobile” die Geräte mit Boten schicken lassen. Noch vor dem offiziellen Verkaufsstart – Sie kennen die Bilder mit den Schlangen vor den Geschäften – waren die begehrten Objekte im Haus. Die iPhones sind, wie immer, hübsch verpackt. Und voll geladen. SIM-Karten mit dem aktuellen LTE-Paket, das eine Download-Geschwindigkeit von bis zu dreihundert Megabit pro Sekunde ermöglicht, liegen bei. Ich könnte gleich mal die Rasanz der Verbindung in meinem Büro voller toter Winkel und dicken Mauern testen. Die Haltbarkeit der Akkus. Die Qualität der Kamera-Module. Und diverse neue Apps.

Alles proper also. Fast unwirklich elegant. Und doch begebe ich mich mit diesen High Tech-Testpaketen mitten hinein in ein Minenfeld. Auch als Embedded Journalist hat man schon von “Bentgate” gehört. Irgendein Geek hatte angeblich, kaum dass das Gerät das Licht der Welt erblickt hatte, es frisch verbogen aus der Hosentasche gezogen. Sagen wir mal so: bei knapp 7 Millimeter Gehäusestärke und Aluminimum als verwendetem Material wäre ich da vorsichtig.

Sollte aber ein grober Designfehler vorliegen – Apple dementiert das freilich –, wäre es im Zeitalter der zittrigen Börsen und sensiblen Mobilfunkpartner ein Desaster. Natürlich streut die Hardware-Konkurrenz – allen voran Samsung – Zweifel, Häme und Negativpropaganda. Aber auch das Betriebssystem iOS 8 bekam mit dem ersten Update gleich einen ordentlichen Dämpfer: plötzlich zeigte das Handy durchgehend die Meldung “Kein Netz” an. Apple musste die Version rasch zurückziehen, mittlerweile ist wohl alles paletti.

Nur die Biegenummer steht noch im Raum. Ein Video mit über 40 Millionen Views, das dem Modell Plus ein markantes Minus nachweist, kann man nicht einfach ignorieren. Soll ich nun also ungeniert den Selbsttest machen? Und dem freundlichen PR-Mann unter Umständen ein bananenförmiges Leihexemplar zurückschicken? Bin noch unschlüssig.

Eventuell umgehe ich die Sache, indem ich behaupte, so ein riesiges iPhone sehe beim Telefonieren einfach nur affig aus – und sei sowieso überflüssig.


Cocktail-Party im Kartenhaus

19. September 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (279) “Netflix“ läutet das Ende des linearen Fernseh-Konsums ein. Angeblich. Aber steckt nicht mehr dahinter?

netflix_logo

Ein Luxusrestaurant am Wiener Donaukanal. Die besten Cocktails der Stadt. Eine ausgewählte Schar von Branchengrössen, Opinion Leaders und Meinungsmultiplikatoren, die legér an der Bar lehnen oder outdoor an einer Zigarette ziehen. Und gelegentlich einen Seitenblick auf die Werbebotschaft werfen, die haushoch auf den “News”-Tower am gegenüberliegenden Ufer gestrahlt wird. Ein Fanal von Werbebotschaft.

Eingeladen zu diesem Medien-Klassentreffen hat ein Neuankömmling namens Netflix. Es eilt ihm ein gewaltiger Ruf voraus: das Ende des Fernseh-Zeitalters, wie wir es kennen, einzuläuten. Was die Manager/innen der lokalen, quasi traditionellen TV-Sender – ebenfalls eingeladen zur Party – nicht weiter anficht: Sehen und Gesehenwerden lautet der kategorische Imperativ der Selbstvermarktung. Das gilt für das Unternehmen genauso wie für die eigene Person.

Relativ zeitgleich trat in Wien – bei den Medientagen – der Netz-Publizist Sascha Lobo auf. Geladen hatte man ihn wohl als ausgewiesenen Querdenker, der den Bedenkenträgern, Schlafmützen und Angsthasen in den Medienhäusern hierzulande den Marsch blasen sollte. Was ihm auch gelang, bei gleichzeitiger Verunsicherung der zukunftsgläubigen Hurra!-Schreier.

Lobos Vision eines disruptiven “Plattform-Kapitalismus”, der die Neuen Medien, die Arbeitsstätten und Kulturbiotope seiner Konsumenten als vollendete, weil mit freiwillig und unfreiwillig verschenkten persönlichen Daten gespickte Vertriebskanäle nutzt, ist eine Warnung. Eine Warnung, die von einem der notorischen Zwischenrufer der lokalen Hemisphäre, dem FM4-Journalisten Martin Blumenau – gebt dem Mann 2015 eine halbe Stunde Sprechzeit am Rednerpult! –, gleich online fortgesponnen wurde: “Die Ausweitung der Billig-/Sharing-Kultur auf alle Lebensbereiche wird unser Gesellschaftsmodell zerstören.”

Na wusch! Jetzt könnte man natürlich darüber diskutieren, ob das attraktive Preismodell und das inhaltliche Angebot des Abo-Streaming-Senders Netflix nicht ein probater Gegenentwurf zur Pirate Bay-Realität ist, wo sich alle längst kostenlos und ungestört “House of Cards” und andere – in der Herstellung sauteure – TV-Heuler heruntergesaugt haben. Wie Google Netflix sieht. Oder was Netflix-Chef Reed Hastings in seiner launig kurzen Party-Ansprache meinte, als er verkündete, seine Plattform zum weltweit führenden Vertriebsvehikel auch für deutschsprachige Serien und Produktionen machen zu wollen. Quiquid id est, timeo Danaos et dona ferentes!

Die Übersetzung dieser archaischen Business-Grundregel wäre dann wohl ein Fall für das gute, alte Bildungsfernsehen. Also genuin öffentlich-rechtliches Territorium. Dessen Gegenwart und, wichtiger, Zukunft hängt weniger von technisch fortschrittlichen Ausspielwegen und Medienkanälen ab, mehr schon von uns selbst. Und unserem Willen, nachdrücklich danach zu verlangen. Und konsequent dafür zu löhnen.


Verschenkte Unschuld

12. September 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (278) Wie ein Marketing-Gag nach hinten los ging: rauben Apple und U2 dem Rock’n’Roll die wahren Werte? Oder nur die Warenwerte?

U2-will-be-at-Apple-Keynote

Medien degenerieren immer mehr zu Feedback-Schleifen. Wo früher noch der Wunsch auszumachen war, spannende, möglichst exklusive Geschichte zu orten, Themen zu setzen und durch Recherche zu glänzen, regiert heute das Abschreiben, Nachwassern und In-den-Chor-Miteinstimmen. Die Impulsgeber für die Resonanzkörper Print, Radio und TV heissen Facebook und Twitter.

Regen sich dort Stimmen – wozu immer auch – und ballen sich zu deutlich vernehmbaren Meinungs-Clustern zusammen, kann man sicher sein, sie am nächsten oder übernächsten Tag als Gegenstand der professionellen Berichterstattung wiederzufinden. Hickhack galore! Pingpong zum Quadrat! So lässt sich mancherlei wunderbar hochkochen. Und für das eigene Click-Counter-Business nutzen.

Dieser Durchlauferhitzer-Effekt war dieser Tage besonders schön sichtbar bei der Vorstellung der neuen, sechsten Generation des Apple iPhone. Plus einer Apple-Uhr. Plus – “one more thing” – eines spektakulären Geschenks an die Fangemeinde des Konzerns aus Cupertino, USA: das neue Album der legendären Rockband U2. Gratis. Und quasi automatisch frei Haus geliefert: ob man wollte oder nicht, hatte man “Songs of Innocence” über Nacht als “gekauft” markiert in seiner iTunes-Mediathek stehen.

Aber gar so unschuldig sind die neuen Lieder von Bono Vox & Co. nicht. Denn nach der ersten Welle der Überraschung und Freude über den Marketing-Schachzug – wahlweise von Apple-CEO Tim Cook auch als “größter Album-Release aller Zeiten” apostrophiert – brach ein Geheul der Kritik, Enttäuschung und Häme sondergleichen los: die Altherren-Partie, bereits einmal mit Apple zugange, hätte ihr – noch dazu reichlich schwaches – neues Opus einfach an einen Computergiganten verscherbelt.

“Das”, so die MP3-Plattform Tonspion, “nannte man früher “Ausverkauf” oder “Corporate Rock” und zog gesellschaftliche Ächtung nach sich.” Ein Verrat am Geist des Rock’n’Roll? Die Neuerfindung der Musik-Distribution im Zeitalter der digitalen Entwertung? Und kann man überhaupt den “Was nix kost’ is’ nix wert”-Psychomechanismus ausschalten? Der “Musikexpress” winkte ab: “Geschenkt ist noch zu teuer. Kann man ungehört löschen.”

Ziemlich deutlich orientierte man sich bei der journalistischen Meinungsbildung am Stimmungsbarometer Social Media. Dort fanden sich auch die zynischsten Einträge: “Eine digitale Uhr und ein U2-Album: das ist wie Weihnachten 1984.” Gleichzeitig erhoben sich Stimmen, die sich von der geballten Ladung Hohn und Spott genervt zeigten – und damit den logischen Pendel-Gegenschlag markierten.

Egal, ob U2, Apple Watch, Ice Bucket Challenge oder Top 10-Bücherlisten: spätestens übermorgen wird dann die Aufregung und die Aufregung über die Aufregung und erst recht die Aufregung über die Aufregung über die Aufregung auch wieder aus den neuen und alten Medien verschwunden sein.


Do you remember?

6. September 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (277) Heissa! Die legendäre japanische HiFi-Marke Technics erlebt ein Comeback.

Watts

“Do you remember?” Die sonore Stimme, die diese Frage mit grosser Suggestivkraft in den Raum stellt, kriecht förmlich aus dem Lautsprecher. “Do you remember when skipping a song meant pressing the Fast Forward button?” Zur Tonspur gesellt sich das Bild eines VU-Meters, dessen Zeiger noch zusätzlich zum akustisch verstärkten Herzschlag des Betrachters zu zittern scheint. “Do you remember when 33 und 45 were not just random numbers?”

Hier geht es eindeutig um längst vergessen geglaubte Insignien der Unterhaltungselektronik, Audio- und Analog-Hemisphäre. Und das mitten auf der digitalen Trash-Streaming-Plattform YouTube.

Und dann plötzlich folgt die Aufklärung: es handelt sich um einen Werbespot. Um einen verdammt gut gemachten Werbespot. Er bewirbt die Rückkehr der legendären japanischen HiFi-Marke Technics. Eine überraschende Rückkehr: niemand hätte gedacht, dass die High End-Abteilung der Mutterfirma Panasonic (respektive Matsushita) – sie baute zuletzt gerade noch die unkaputtbaren SL 1210-DJ-Laufwerke, aber irgendwann auch die nicht mehr – wieder auferstehen würde.

Jetzt, zur traditionellen Branchenmesse IFA in Berlin, war es doch soweit: nach einer Pause von sechs Jahren, wurde ebendort verkündet, sollen ab Dezember 2014 wieder neue Technics-Produkte vorgestellt werden. Zunächst in Europa und später weltweit. Drei Stereo-Komponenten mit „Superlativanspruch“, so Projektleiterin Michiko Ogawa, und vier Geräte in einer etwas leistbareren Klasse. Was man zu sehen bekam und demnächst zu hören bekommen wird, ist gediegene HiFi-Retro-Ware auf der Höhe der Zeit (also inklusive Netzwerk-Player). Weihnachten kann kommen!

Natürlich spielt man hier mit der Sentimentalität der Generation 40 Plus. Denn nach den bronzebraun schimmernden, dezent technoid gestylten Geräten aus dem Hause Technics hat man sich als Youngster förmlich verzehrt. Heute ist genug Taschengeld vorhanden, um den einst erträumten Stereo-Turm aufzustapeln. Und natürlich schlägt das Pendel der Hörmoden gerade stark in die No Nonsense-Richtung. “Wir brauchen kein stinkendes, von Robotern zusammengebautes, schwarzes Plastik-Wegwerf-Zeug, das vorgibt, Hörwerkzeug zu sein” zitiert eine Vintage-Technics-Seite im Netz Rick Stout (stereomanuals.com). Gut gebrüllt, Löwe!

Jetzt warte ich nur mehr auf die Neuauflage der Technics-Plattenspieler-Ikonen. Und auf die Wiederkehr der Marken Sansui, Nakamichi, Wega und Eumig.


Vertrauenssache

31. August 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (276) Amtsgeheimnis, Diskretion, Datenschutz – ach, was haben wir gelacht!

4d58844f494ca20d7463b9cac17a2251_720x600

Ein kurioses Szenario: ich sitze gerade im “Althof” – einem der wenigen Orte in der Gegend, wo es ein öffentlich zugängliches WLAN gibt – im frühherbstlichen Retz im Weinviertel, schlürfe eine Grießnockerlsuppe und schreibe diese Kolumne.

Nebenan ist lautstark eine Seminar-Gruppe zugange. Es handelt sich augen- und ohrenfällig um IT-Manager, die sich darüber austauschen, welche Projekte man ab Herbst – unter Umgehung öffentlicher Ausschreibungen – diversen Ministerien, Kammern und sonstigen staatsnahen Einrichtungen reindrücken könnte. Es herrscht lockere, optimistische, offensive Stimmung. Anscheinend ist das Motto “Gehts der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut” zumindest teilweise zutreffend.

Ich schwöre: ich wollte diese Runde keineswegs belauschen. Aber mich extra wegsetzen und meine Ohren verschliessen auch nicht. Offenbar hat man nicht das geringste Diskretionsproblem. In Österreich werden ja auch die Namen und Telefonnummern der Anzeiger von Neonazi-Umtrieben von Amts wegen weitergegeben oder hoch brisante Gerichtsakten ungeshreddert im Papiermüll entsorgt – also warum gerade in Sachen Informationstechnologie auf Vertraulichkeit pochen? Kurioserweise scheitern aber äußerst berechtigte Nachfragen besorgter Bürger oftmals am “Amtsgeheimnis” und am “Datenschutz”. Ausgerechnet. Einerseits scheint es sich also um den Heiligen Gral des Digitalzeitalters zu handeln, andererseits pfeift man sich in der Praxis kaum etwas.

Welches Amt könnte man nun kontaktieren, wenn einen akute Sorgen plagen in punkto Datensicherheit? Welchen Politiker, Volksanwalt oder Vertrauensmann? (Gern auch: -frau). Ein Exempel: erst dieser Tage wurde berichtet, es sei mittels geeigneter Software nahezu jedem zahlenden Kunden möglich, Mobiltelefone weltweit zu lokalisieren. Auf einen Häuserblock genau. Und das nur anhand der Telefonnummer. Machbar sei dies durch einen Fehler im sogenannten SS7-Standard der Mobilfunk-Provider. Es könne nicht ausgeschlossen werden, hiess es im Bericht, dass die Software “nicht auch in die Hände privater Personen oder Gruppen gerät”.

Ha! Versuchen Sie mal, die österreichische Politik – etwa das Zukunftsministerium? – auf solche Topics aufmerksam zu machen. Bestenfalls hat man dort noch nie davon gehört. Schlimmstenfalls holt man Sie umgehend zu einer Einvernahme ab. Ihr Standpunkt, aber auch Ihr Standort sind ja praktischerweise schon bekannt.


Am richtigen Dampfer?

24. August 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (275) Die E-Zigarette – harmloser Trend oder gefährliche Glimmstengel-Alternative?

EZigarette

Mein Vorsatz ist es, möglichst jedes Objekt, über das ich schreibe, auch in Händen zu halten. Und es, soweit es die Zeit, der Hersteller (bzw. Importeur) und natürlich Lust und Laune zulassen, persönlich auf Herz und Nieren zu testen. Einerseits, weil das fast immer richtig Spaß macht, anderseits aus journalistischem Urtrieb: es wäre ja gelacht, wenn ich Ihnen technische Produkte nahebringe, die sich als Mogelpackungen, Fehlkonstruktionen oder noch gröbere Ärgernisse entpuppen.

Erstmals aber muss ich passen. Die Sache ist die: ich bin Nichtraucher. Nicht das, was man einen fanatischen Nikotingegner nennen würde – ich plädiere für die Freiheit, sich umzubringen, wie immer man möchte –, aber dichte Qualmwolken oder der Geruch übervoller Aschenbecher vertreiben mich aus jeder noch so gemütlichen Runde.

Nun begegnen mir in letzter Zeit aber immer mehr Menschen, die sich statt Glimmstengel der sattsam bekannten Sorte(n) zigarettenähnliche, dampfausstossende Dinger in den Mund stecken. Und genüsslich daran ziehen. Bisweilen ähneln die E-Zigaretten – denn um solche handelt es sich gattungstechnisch – auch chromblitzenden medizinischen Instrumenten. Es duftet statt zu stinken, kein Rauch belästigt meine Nase, die Nikotinsüchtigen scheinen glücklich mit diesem Trend. Er lautet: Dampfen statt Rauchen. An vielen Ecken spriessen Shops, wo es die Inhalatoren samt Liquids (sie liefern die Aromen und Inhaltsstoffe) zu kaufen gibt, wie Schwammerl aus dem Boden.

Erfunden wurde die E-Zigarette schon in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Aber erst seit 2005, als der Chinese Hon Lik mit seiner Firma Golden Dragon Holdings (heute: Ruyan) sie auch in den Westen zu exportieren begann, rollt die lukrative Lifestyle-Offensive.

Was wiederum die Frage aufwirft, was genau die Kunden da in die Heizspiralen ihrer Geräte und danach in ihre Lungen jagen: oft bestellt man das Zeug im Internet, das kaum Qualitäts- und Gefahrenanalysen kennt. Die Politik (und natürlich die bedrohten Tabakkonzerne, die aber ihrerseits längst auch diesen Markt aufmischen) reagieren unterschiedlich: da und dort wurde der Import und Gebrauch untersagt, in der EU gibt man sich (noch?) liberal. Die Österreichische Ärztekammer verweigert jeden Kommentar zum Thema, weil “es noch keine ausreichenden Erfahrungen gibt”.

Nun: ich hätte eine – meine – Sicht der Dinge beizusteuern. Es ist strikt die eines Nichtrauchers. Sie lautet: selbst in einem vollbesetzten Restaurant stören zehn Dampfer weniger als ein einziger Macho mit einer Zigarre.


Offensive Skepsis

17. August 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (274) Wie futuristisch ist es anno 2014, ein Elektro-Auto zu fahren? Ein Postscriptum.

Elektroauto Jamais Contente  1899

Ein bisserl stand ich da wie ein Obertölpel. Neulich nämlich, als ich hierorts meinen Enthusiasmus für ein alltagstaugliches Elektroauto (exakter: ein Hybrid-Fahrzeug mit Elektromotor und Range Extender) zum Ausdruck brachte. Blöd nur, dass zeitgleich der Hersteller – gewiss kein Nischenanbieter – es zum Auslaufmodell erklärte.

Warum? Weil dieser erste konkrete Schritt in die Zukunft des Automobils den Entwicklern zwar jede Menge Aufmerksamkeit, Lob und positive Medienresonanz eingebracht hat, der Konsument aber kläglich versagte. Sprich: der Opel Ampera verkauft sich nur in erschütternd niedrigen Stückzahlen. Obwohl er ein wirklich ausgereiftes, intelligentes Fahrzeug ist. Zu teuer, gewiss. Aber Early Adopters sind üblicherweise bereit, (fast) jeden Preis zu bezahlen. Und die Marke Opel – lange Zeit mehr als unsexy – gewinnt generell wieder deutlich an Fahrt.

Auf die Spur brachte mich ein Freund, der meine beiläufig zum Ausdruck gebrachte Verwunderung mit dem trockenen Satz kommentierte: “Ich kauf’ doch kein Auto, das in drei, vier Jahren veraltet ist.” Auf Nachfrage verglich er den “Ampera” mit Consumer-Computermodellen: “Die kannst Du eine Zeitlang gut nutzen, dann passen die Stecker nicht mehr, der Prozessor ist zu langsam, der Akku verbraucht und Du kannst nicht mal mehr die neueste Software installieren. Wer weiss schon, wie lange bei diesem Auto allein die Batterien halten?” Ich wusste keine Antwort. Auf Anfrage im Opel-Werk beschied man mir: “Ein Autoleben lang”. Gemeint sind damit maximal zehn Jahre.

Ich verstehe diese offensive Skepsis gegenüber Innovationen, die teure Investitionen nicht immer rechtfertigen. Und das ist – Stichwort: geplante Obszoleszenz – noch milde ausgedrückt. Wer hat das Kleingeld, mit seinem Alltagsfahrzeug zu experimentieren? Und wer zückt die Geldbörse, wenn Experten meinen, nicht Elektroautos seien die Zukunft, sondern Fahrzeuge mit Brennstoffzellen-, Druckluft-, Vielstoff- oder Flusszellenantrieb!? Science Fiction rules OK. Aber wer soll da durchblicken? Und dann bleibt da noch das Grundmisstrauen gegen unsere Politiker/innen, die vielfach Individualverkehr zum Auslaufmodell erklärt haben.

Ein Statement ist Opel mit dem “Ampera” aber gelungen: die Mär’ zu widerlegen, Autohersteller besässen längst funktionierende, ja revolutionäre Konzepte für alternative Mobilitätstechnologien, würden diese aber im Tresor einschliessen, um möglichst lange den Status Quo auszupressen wie eine überreife Zitrone.


Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 114 Followern an

%d Bloggern gefällt das: