Erinnerungen an die Zukunft

18. April 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (258) Next stop Kepler-186f? Gerade mal 490 Lichtjahre entfernt der Erde liegt ihre mögliche Zukunft.

Kepler-186f

Zu den faszinierendsten Topoi zwischen Himmel und Erde zählen die Zukunftsvisionen der Menschheit. Als alter Liebhaber des Genres Science Fiction – von abgegriffenen Perry Rhodan-Schundheftln über kuriose Erich von Däniken-Phantastik bis zu hoch philosophischen Werken von Stanislaw Lem, Isaac Asimov, Arthur C. Clarke, den Gebrüdern Strugatzki oder meinem All Time-Favoriten Philip K. Dick – meint man ja, jede Denkmöglichkeit und potentielle Verästelung der zukünftigen Entwicklungsgeschichte des Planeten Erde und seiner Bewohner zumindest schon einmal durchgespielt zu haben.

Viele utopische Entwürfe enden übrigens im Desaster, nicht wenige gar im endgültigen Untergang der Spezies Mensch. Apokalypse wow!? Könnte man die humanoide Geistesverfassheit im Jahr 2014 nach der Geburt eines gewissen Jesus von Nazareth von der Filmproduktion in Hollywood ableiten (mit besonderem Augenmerk auf das Werk von Roland Emmerich), würde ich eine Dystopie mit definitiv dunklem Ausgang jedenfalls nicht á priori als Unfug abtun. Vielleicht ist ja die Bibel auch nichts anderes als ein uralter, etwas wirrer (oder auch nur schlecht übersetzter) Science Fiction-Roman.

Inmitten des alltäglichen Trauerspiels auf diesem Erdenrund – die Ukraine, Syrien und Nordkorea geben die akutesten, bedrückendsten Exempel ab – kommt die Meldung, Astronomen hätten erstmals einen erdgroßen Planeten in einer potentiell bewohnbaren Zone rund um eine andere Sonne identifiziert, wie ein Lichtstrahl. Weniger, weil man dieses Ziel – es wurde 2012 entdeckt, Kepler-186f getauft und ist rund 490 Lichtjahre entfernt, in kosmischen Dimensionen also quasi ein Katzensprung – wirklich rasch erreichen könnte. Das wird noch Jahrhunderte dauern.

Aber es bietet jetzt schon Zuflucht. Und zwar jenen, die auf Fantasie setzen, auf den Überlebensdrang unserer Spezies (bei immer knapper werdenden Ressourcen) und auf positive Utopien. Und natürlich die Macht, die technologischen Visionen innewohnt. Ab sofort trägt die Hoffnung den Namen Kepler-186f. Und selbst wenn sich die Annahme, der Planet wäre erdähnlich, besässe Ozeane aus Wasser und eine atembare Atmosphäre, nicht bestätigt – seine Entdeckung war ja erst ein allerallererster Anfang.

Man hat Kepler-186f übrigens schon auf Anzeichen einer möglichen Zivilisation untersucht. Per Radioteleskop. Der Himmelskörper schweigt. Möglicherweise aus guten Gründen: vielleicht hat man ja schon Jahrtausende vor Christus im ewigen, allgegenwärtigen Utopien-Bestseller Bibel nachgelesen, was uns Menschen so antreibt.


Beam Me Up!

13. April 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (257) Die Vision “Heimkino” schreit doch eher nach dem Einsatz eines Beamers als nach Riesen-Flachbildschirmen.

BenQ TH681

Der erste Flachbildschirm meines Lebens war ein PC-Monitor mit 15 Zoll Durchmesser, der sich trotz seiner bescheidenen Grösse neben den fetten Röhrenmonitoren der Bürokollegen wie ein furioses Fanal des Fortschritts ausnahm. Das war noch im vorigen Jahrtausend. Rasch wuchsen die Bildschirmdiagonalen – heute sitze ich vor einem 27 Zoll-Panoramabildschirm, der in seinem eleganten Alu-Rücken auch gleich den Rechner integriert hat.

Im Entertainment-Bereich, landläufig auch „Patschenkino“ genannt, wagte ich den Einstieg in die Flatscreen-Moderne, als der koreanische Hersteller LG irgendwann seine erste massentaugliche Plasmabildschirmserie abverkaufte. Für einen wuchtigen 42 Zoll-Fernseher, an den man extra das Tuner-Teil anschrauben musste, verlangte ein Elektromarkt anno 2004 „nur noch“ dreitausend Euro – statt mehr als der doppelten Summe, was dem regulären Listenpreis entsprochen hätte. Dieser Tage habe ich das Gerät dem Sohn einer Freundin geschenkt. Der Monitor hat nicht mal HD-Auflösung oder einen HDMI-Eingang, von 3D-Tauglichkeit ganz zu schweigen.

Das ist der Preis, den Early Adopters zu zahlen haben – heute kriegen Sie ja riesige, hoch auflösende LCD-, LED- und OLED-Bildschirme (Plasmas sind selten geworden) um ein paar hundert Euronen. Und Jahr für Jahr übertrumpfen sich die Hersteller nicht nur in ruinösen Preiswettbewerben, sondern auch in Breiter-Heller-Schärfer-Pixelorgien. Der letzte Schrei sind geschwungene Panels in Kinoleinwand-Dimensionen.

Irgendwie scheint mir, wenn’s um schiere Bildgrösse geht, die Alternative etwas ins Hintertreffen geraten zu sein: Projektoren. Denn jeder TV- und Filmfreund, der etwas bislang auf sich hielt, verdunkelte gern mal geheimnistuerisch den Raum und holte den Beamer aus dem Schrank, um Bilder raumfüllend an die Wand zu werfen. Ist das aus der Mode gekommen? Das wäre schade. Denn ich habe z.B. gerade ein – noch dazu recht kostengünstiges – Modell von BenQ im Test, das wirklich zu begeistern weiss: den TH681 Heimkino-Projektor, der rechtzeitig vor der Fußball-WM in die Geschäfte kommt. DLP-Technik, 3000 Lumen Lichtstärke, eine maximale Bilddiagonale von 7,62 Meter, 3D-Fähigkeit und Full HD-Auflösung lassen keine Wünsche offen. Zumindest von den Prospektdaten her.

Nun: bis dato habe ich an dem Gerät – der Hobbykeller wurde umgehend zum Lichtspieltheater umfunktioniert – keinen noch so kleinen Makel entdeckt. Aber demnächst lasse ich den Newcomer frischfröhlich zu einem Vergleich mit einem zehn mal so teuren Spitzen-Beamer antreten… Bleiben Sie dran.


Denken ist wie Knipsen, nur krasser

6. April 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (256) Sex? Die schönste Nebensache der Welt. Die Parole der Stunde lautet: Macht ein, zwei, viele Protest-Selfies in diesem Land!

Düringer

Der neueste Trend auf Instagram, lese ich, sind Selfies nach dem Sex. Das zur allgemeinen Betrachtung im Netz freigegebene Partner-Porträt nach vollendetem Geschlechtsverkehr (Hashtag #AfterSex) nervt allerdings auch schon die Kollegen vom „Time Magazine“. Restgeile Angeberei, gezwungene Lockerheit und/oder moderner Exhibitionismus sind selten Ausweise von Intelligenz. Wie wär’s denn mal mit einem Selfie nach vollzogenem Denkvorgang?

Denn: „Denken ist wie Googlen, nur krasser“. Diesen trefflichen Spruch habe ich neulich im Netz gefunden, als ich auf der Suche nach Argumenten war, warum Herr Faymann und Herr Spindelegger von ihrer Idee, sich eine „unabhängige und unpolitische“ Kontrollinstanz in der Causa Hypo selbst auszusuchen, dringend Abstand nehmen sollten. Wonach es leider nicht aussieht. Kann es sein, dass die obersten Parlamentarier des Landes die Grundregeln der Demokratie nicht verinnerlicht haben? Und den Imperativ der „maximalen Transparenz“, den man in ORF-Pressestunden wie eine Monstranz vor sich herträgt, am Ende des Tages nicht annähernd ernst meinen?

Diese Kolumne soll gewiss keine Ersatzspielfläche für wutbürgerliche Einlassungen sein. Aber, pardon, es kann einem schon das Geimpfte aufgehen, wenn man einmal mehr erleben muss, wie sehr Überheblichkeit und Ignoranz der institutionalisierten Volksvertreter den gesellschaftlichen Konsens in Frage stellen. Und das Engagement des Staatsbürgers – jedes einzelnen von uns – geradezu erzwingen.

Apropos: es gibt viel zu wenige Politikblogs in diesem Land. Der junge PR-Experte Fabian Greiler präzisiert, dass es kaum Blogs gibt, die nicht eher extremistischen Positionen zuneigen und/oder von Parteizentralen selbst gesteuert werden. Das wäre also ein essentielles Betätigungsfeld: das entschiedene, mit Zahlen, Daten und Fakten unterfütterte Wachrütteln der Bevölkerung.

Und wenn Sie dem geschriebenen Wort nicht anhängen: wie wäre es, die technische Entwicklung in den Dienst der Sache zu stellen? Und in ein Gerät wie Canons Legria mini-X zu sprechen, die Files online zu stellen und darauf zu hoffen, dass sie tausendfach geteilt werden? Die spontan geknipsten Selfies müssen ja nicht zwingenderweise eitle Petitessen sein. Mit Sex zu tun haben (wiewohl, das wichtigste Sexualorgan ist das Gehirn!). Oder allein den Absender Roland Düringer zeigen. Sie sollen nur die Fayeggers und Spindelmänner in ihren Trutzburgen erreichen.


Zänd Zamm

28. März 2014

Anmerkungen zu einem neuen, ganz wunderbaren Album des bislang in Wien und Umgebung weithin unentdeckten Singer/Songwriters Alex Miksch.

Alex Miksch - Zänd Zamm

Alex Miksch? „Der“ Miksch? Wir kennen diesen Mann ja kaum. Wobei – um gleich mal die Dinge zurechtzurücken – dieses „wir“ nicht als pluralis majestatis gedacht ist, sondern kurzerhand den Schreiber dieser Zeilen und den Empfänger der Botschaft metaphorisch in ein Boot setzt. Einverstanden?

Vielleicht wissen Sie ja mehr als wir. Aus der Sicht des Labels ist es so: seit Jahren raunt man uns, mal deutlicher, mal versteckter, zu, dass wir „den Miksch“ doch hören, wahrnehmen, veröffentlichen und gefälligst großmachen sollen. Ein grandioser Musiker sei das, ein Mann, der sich hinter den Potentaten der aktuellen Singer/Songwriter-, Mundart- & Neo-Wienerlied-Szene – einem Molden etwa, einem Resetarits, dem Nino aus Wien, den Strottern oder den Kollegienbrüdern aus Kalksburg – keinsfalls verstecken brauche. Im Gegenteil. Also stünde dem Kerl eine Karriere nachgerade zu.

Bislang sei Miksch, der eigentlich aus Krems kommt, ja vielleicht nur ein „musicians musician“, also quasi ein Geheimtipp. Unter Kennern. Aber. Eigentlich blühe da lange schon, zu lange ein Genie im Verborgenen. Aber. Und nichts und niemand hätte die Verhältnisse zurechtgerückt. Aber. Aber in Wahrheit sei Alex Miksch der Tom Waits von Wien.

Solche Zuschreibungen sind – und ich schwöre beim Augenlicht meiner Geisteskinder, diesen Satz oft genug gehört zu haben, aus unterschiedlichsten Kreisen und Mündern – gefährlich. Denn erstens kann, soll und muß es keinen Tom Waits aus der Stadt an der Donau geben (selbst wenn man PR-technisch für alles greifbar Griffige dankbar ist, auch ein Ernst Molden musste lange mit dem Etikett leben, er wäre der Leonard Cohen von Wien.) Zweitens gefällt das dem hiesigen Waits-Pendant nicht (und auch über die lobenden Worte des eben erwähnten seelenverwandten Künstlers auf dem Album-Sticker mussten wir lange diskutieren). Und drittens ist Alex Miksch Alex Miksch. Oder, zielstrebig verkürzt: Miksch.

Er hat bislang schon zwei Alben gemacht, hörten wir staunend, denn wahrgenommen hat sie kaum jemand. Wir auch nicht. Das ist ja die Crux: Qualität und Originalität setzen sich nur in den seltensten Fällen aus sich selbst heraus durch. Also können wir nur mit einschmeichelnder Bestimmtheit sagen: ein besseres Album als „Zänd Zamm“ – das auf unserem Label zugleich das Debut-Album von Miksch ist – ist uns seit langer Zeit nicht untergekommen. Seit wirklich langer Zeit. Songs wie „Hundsvieh“, „Vegl“, „Foedhas“ oder gar „Der Turm“ haben eine Schwere und Tiefe und zugleich einen hinterhältigen Witz, wie auch ein ins Waldviertel emigrierter Neil Young sie kaum hinbekäme. Schon wieder so ein übermächtiger Name, der ins Spiel gebracht wird… Bitte um Pardon.

„Zänd Zamm“ wurde mit Mäx Mayerhofer (Gitarren, Banjo) und Florian Weiß (Bass, Mandoline, Akkordeon, Blech) eingespielt und mit weiteren Mitstreiter(inn)en wie Michael Karpfinger, Florian Weisch, Irene Wagner, Josef Kolarz und Jakob Kovacic – und eben nicht mit Crazy Horse. Das heisst aber noch lange nicht, dass diese Leute auch live auf der Bühne stehen werden – die Bandbesetzungen ändern sich ständig, der personelle Kern bleibt allein und immer der Sänger, Gitarrist und Urheber aller Songs: Alex Miksch.

Was wissen wir sonst noch über Miksch? Wenig. Er ist Autodidakt. Er kennt Ronnie Urini. Er soll eine Zeitlang – und das nicht etwa aus Gründen einer verlogenen Authentizität – dem Alkohol mehr zugeneigt gewesen sein, als ihm guttat, aber das gerade wieder zurechtrücken. Er verschmäht dito Zigaretten – und auch das nicht etwa aus Gründen einer verlogenen Authentizität – nicht. Er hat aktuell 749 Freunde auf Facebook. Er spielt nach Expertenmeinung famos Gitarre und das gerne in verrauchten Kaschemmen, intimen Hinterzimmern, abgewetzten Salons und kleinen Beisln. Bislang. Und, ja, er hat natürlich – neben seinen eigenen – auch so ziemlich alle Songs von Tom Waits drauf. Und eventuell auch den einen oder anderen Klassiker von Neil Young, Leonard Cohen, Tim Buckley, Elliott Smith, Scott Matthew oder Georg Danzer. Aber welcher ernstzunehmende Musiker hat das nicht?

„Zänd Zamm“ soll die Visitenkarte für einen neuen Abschnitt im Leben von Alex Miksch sein. Nicht mehr, nicht weniger. Nicht nichts. Die Erdigkeit, der Blues, die Tragik, das Lachen, der tiefschwarze Humor überhaupt, das sind die Ingredienzien, die dieser Überlebenskünstler jeden Tag in sein Leben, seine Präsenz, seine Musik injiziert. Was für die einen Gift ist, wusste schon Paracelsus, ist für die anderen Medizin. Allein die Dosis macht’s. Wir erhöhen sie sukzessive. Einverstanden?


Highest Fidelity

23. März 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (255) “Man sieht nur mit dem Herzen gut”, wusste Antoine de Saint-Exupéry. Aber wie ist das mit dem Hören?

PHILIPS GF851

Nie klang Musik besser als mit dem Philips GF851 Stereo Wechsler Electrophon inkl. Keramiksystem GP215 mit Diamant (genau so stand’s im Prospekt). Der Verstärker hatte nur 2 x 8 Watt Ausgangsleistung und der Rumpelgeräuschspannungsabstand lag bei >55 Dezibel, der „aufsteckbare Plattenandrücker für Wechslerbetrieb“ ging nie in Betrieb und die Lautsprecherboxen waren Vollplastik wie der Rest, aber anno 1977 war das, sagen wir mal: eher egal.

Natürlich war es ein billiges Klumpert. Aber es fehlte an Vergleichsmaßstäben. Objektivität ist sowieso langweilig. Und Pop ein bonbonfarbenes tangerinrot-gespritztes Stromlinienbaby. Das Ding in meinem Jugendzimmer klang gut. So gut, dass ich es nie wieder vergessen habe.

Denn das ist die – so erschütternde wie banale – Wahrheit in Sachen Audioqualität: High Fidelity hängt nur sehr bedingt von Messdaten, Preiszetteln und handpolierten Frontplatten mit der Signatur eines weltberühmten Designers ab. Eher von offenen Ohren, einer Riesenportion Entdeckungslust und Rock’n’Roll! als kategorischem Imperativ. Selbst wenn Sie eher Coltrane, Bach oder Eno zuneigen. Ich stand damals ja mehr auf Drahdiwaberl, Suzie Quatro und das Electric Light Orchestra.

Viele Jahre nach der Inbetriebnahme meiner ersten Stereoanlage machte ich eine Reportage für das „Diners Club Magazin“. Und sprach mit ausgesuchten Profis über ihr Hör-Equipment, von der – leider längst verstorbenen – ORF-Jazz-Legende Walter Richard Langer bis zu einem heute noch aktiven High End-Fetischisten, der sich kindssarggroße Verstärker selbst baute. Weil der Markt seiner Meinung nach „nichts Erwachsenes“ zu bieten hatte. Selbst für viel Geld nicht.

Das Fazit: die mit den protzigsten Anlagen spielten mir stolz durchaus probat klingenden Referenzpressungen vor, interessierten sich aber kaum für sonst etwas. Langer aber, der Mann mit der exquisitesten Musiksammlung, hörte seine Platten und Bänder über höchst durchschnittliche Geräte. Und schien trotzdem jede Menge Spaß zu haben – während die Freaks permanent die Sorge plagte, ob die Verkabelung ihrer Anlage eh optimal, der Strom „sauber“ und das Lautsprecher-Paar millimetergenau an seinem Platz wäre. Eine nie endenwollende Annäherung an das Elysium.

Bei aller Sympathie und Faszination: ich blieb in der Pubertät stecken. Bis heute.


Zeit-Los

8. März 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (253) Neue Zeiten brauchen neue Zeitmesser, könnte man meinen. Aber wo bleiben sie?

Pebbles

Es gibt ja, so scheint es, kaum eine Branche, die so konservativ ist wie die Gilde der Uhrenhersteller. Die letzte große Revolution, die es hier gab, war die Erfindung der “Swatch” Anfang der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts (das, wenn man’s recht bedenkt, auch schon im letzten Jahrtausend stattgefunden hat). Der Schmäh des visionären Marketing-Zampanos Nicolas George Hayek, billige, voll integrierte Uhrwerke mit zeitgeistigem Design zu verbinden und die Plastikteile zu Sammlerstücken zu (v)erklären, rettete angeblich sogar die Schweizer Uhrenindustrie. Bis heute sind eine wohl halbe Milliarde Swatch-Exemplare in Umlauf gebracht worden.

Was aber ist mit all den Digitalzeitmessern, Wearables und uhrförmigen Mini-Computern, die mir seit Jahr und Tag von diversen Lifestyle-Magazinen angedient werden? Diese offensiv innovativen und verkrampft originellen Multifunktions-Gadgets laufen gemeinhin unter dem neuen Übertitel „Smartwatch“ – hat sich schon jemand diesen Namen schützen lassen? – und repräsentieren die Zukunft. Angeblich.

Aber ‘s läuft irgendwie nicht. Ich kenne niemanden, der eine Samsung Galaxy Gear 2 trägt. Eine Talkband B1 von Huawei. Eine Smartwatch von Sony. Oder gar eine Pebble, CooKoo oder MyKronoz. Warten wieder mal alle auf Apple? Oder ist die ganze Spezies der futuristischen Uhren, mit denen man auch telefonieren, den Blutdruck messen und die Firmenkonferenz aufzeichnen kann, einfach nur ein feuchter Traum von Prototypensammlern und Daniel-Düsentrieb-Tätern?

Ich lehne mich wahrscheinlich nicht allzuweit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, es geht bei Uhren seit jeher weniger um Technik als um Ästhetik. Vielfach ist eine IWC, Rolex oder Breitling ja das einzige Schmuckstück eines Mannes. Wobei die Geschmäcker natürlich verschieden sind (und Geschmacksnerven nicht selten oft ganz fehlen): mit einer protzig-goldenen, platinenen und gar mit Edelsteinen verunzierten Uhr, die das obszöne Preisschild metaphorisch nie ablegt, können Sie mich jagen. Soetwas mag im Barockzeitalter modern gewesen sein, heute ist es nur ein Ausweis instinktlosen Distinktionsgewinns. Zumal auch Uhren in der Unter-hundert-Euro-Preisklasse tadellos die Zeit anzeigen.

Eine Uhr ist eine Uhr ist eine Uhr. Und soll es auch bleiben. Ich bemerke ja auch bei mir selbst Spuren einer zunehmend antimodernistischen Wertekonservativität. Unlängst fiel mir ein Prospekt der Marke Junkers (klarerweise „made in Germany“) in die Hände, die zu erstaunlich wohlfeilen Preisen geschmackssichere, sehr traditionell gestylte Armbanduhren anbietet. Insbesondere die Fliegeruhren haben es mir angetan.

Gekauft habe ich mir aber letztendlich das Modell 6086-5, das als „Bauhaus Chronograph Dessau 1925“ angepriesen wird. Bauhaus? Ein Mythos der Moderne. Und auch mit einem billigen Uhrlaufwerk aus Fernost im Inneren noch anno 2014 eine Kampfansage für Klarheit und Reduktion. Und gegen die Verschnörkelung des eigenen Lebens. Zeitlos, irgendwie.


Testphase (1)

2. März 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (252) Wie futuristisch ist es anno 2014, ein Elektro-Auto zu fahren? Der Auftakt zu einem Langzeit-Test.

Opel Ampera

“Die Dichtung muß aufgefasst werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor den Menschen zu beugen.” (Filippo T. Marinetti, “Futuristisches Manifest”, 1909)

Die Betriebsanleitung hat 216 Seiten. Daran, dass man nach dem Einstieg keinen Zündschlüssel mehr drehen muss (sondern eine blau illuminierte Starttaste drücken), gewöhnt man sich rasch. Ebenso an das leise Surren des Elektromotors, der auch bei Beschleunigung – und, wow!, das Fahrzeug sieht nicht nur aus wie ein „Fast & Furious“-Renner, sondern beschleunigt auch so – kaum mehr Laute von sich gibt.

Was doch etwas übertrieben wirkt, ist die Cockpit-Landschaft, die auf zwei 7-Zoll-Displays Informationen sonder Zahl liefert. Hier stehen aber nicht mehr Geschwindigkeit und Drehzahl im Mittelpunkt, sondern Batterieladung, Reichweite, Kraftfluss und Fahreffizienz. Opel selbst nennt diese Hightech-Kommandozentrale „futuristisch“. Sie merken: eines der üblichen Brot-und-Butter-Automodelle ist hier nicht im Spiel.

Tatsächlich hat man mir einen Opel Ampera zur Verfügung gestellt. Das Schwestermodell in den USA heisst Chevrolet Volt. Nomen est omen: das Fahrzeug nutzt Elektrizität als Antriebsquelle – hat aber zusätzlich einen Benzinmotor eingebaut, um im Bedarfsfall die Batterie mit bordeigenen Mitteln aufladen zu können. Kein ganz neues Konzept: der Ampera ist seit 2011 auf dem Markt.

Der Hersteller hat also einige Erfahrungen gesammelt – und meint, die vollmundige Werbeansage, man müsse bei diesem Fahrzeugtyp „keinerlei Einschränkungen in Bezug auf Reichweite und Alltagstauglichkeit hinnehmen“, mit Fakten untermauern zu können. Aber spielt auch die Infrastruktur mit? Wo und wie kann man Strom tanken? Wieviel Benzin lässt sich im Durchschnitt sparen? Wann rechnet sich ein solches Vehikel (das ja immer noch deutlich teurer ist als ein vergleichbarer Opel mit herkömmlichem Verbrennungsmotor)?

Fragen über Fragen. Gesucht sind Antworten. Sie sind es, die mich reizen, mit dem Ampera einen mehrwöchigen Test zu machen, zumal mich die zukunftsträchtige (?) Sparte e-Mobil wirklich elektrifiziert. Das erste, was ich gelernt habe, ist: man kauft heute kein Auto mehr – man investiert in ein individuelles Mobilitätskonzept. Die Steckdose in der eigenen Garage ist ein Fixpunkt in all diesen Überlegungen (apropos: viele Garagen in Österreich haben traditionellerweise keine Steckdosen), aber natürlich nur die halbe Miete.

Man sieht sich erstmals im Leben mit Firmennamen wie Smatrics oder Electrodrive Europe konfrontiert, die von der persönlichen Ladestation bis zum per Smartphone-App aufrufbaren Starkstrom-Stützpunktnetz essentielle Dienstleistungen bieten. Opel kooperiert sehr intensiv mit diesen Start-Up-Unternehmen (hinter denen grosse Energie- und Technikkonzerne stehen). Die erste Elektro-Tankladung habe ich dennoch – semifuturistisch – am Parkplatz des Supermarkts um die Ecke stibitzt.


Plattenspielerei

23. Februar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (251) Der heimische Plattenspieler-Produzent Pro-Ject definiert die Einsteigerklasse elementar neu.

Pro-Ject Elemental

Hoch an der Zeit, die Allgemeinplätze hinter sich zu lassen – und mögen sie sich noch so trivialphilosophisch durchmessen lassen – und wieder mal über greifbare Produkte zu schreiben. Konkrete Daten, Zahlen und Fakten. Und profunde Urteile zu aktuellen Spielzeug-Objekten der Erwachsenenwelt. Nutzwert, Nutzwert, Nutzwert – und immer an die Leser denken!, um einen Spruch des ehemaligen „Focus“-Chefredakteurs Helmut Markwort abzuwandeln.

Aber ganz so einfach ist das nicht. Denn wenn ich hier und jetzt meiner Begeisterung über ein neues Plattenspieler-Modell der Marke Pro-Ject Ausdruck verleihe – die „Elemental“-Baureihe, um exakt zu sein –, höre ich schon die Meckeranten und Misanthropen ihre Messer wetzen. Warum? Erstens: weil der „Elemental“ die neue Benchmark im Bereich der Billig-Plattendreher mit Qualitätsanspruch ist. Sein unverbindlich empfohlener Verkaufspreis beträgt keine 200 Euro (mit USB-Anschluß und Phono-Vorstufe einen Fünfziger mehr). Darunter gibt es nur Kinderkram und Plastikware aus Taiwan.

Zweitens: weil das Design dieses HiFi-Geräts radikal abgespeckt ist. Es sieht wirklich filigran aus – und ist es partiell auch: die Tonarm-Ablage meines Testexemplars ist gleich beim Auspacken abgebrochen (was aber zugegebenermassen mehr über meine Patschertheit erzählt als über die Bauqualität von Pro-Ject).

Drittens: der Hersteller ist eine österreichische Firma. Und zugleich Weltmarktführer in dieser speziellen Nische, die merkbar breiter und breiter wird. Musikenthusiasten scheinen sich rund um den Globus darauf geeinigt zu haben, die CD sterben zu lassen und kabellos Audio-Files von der Festplatte oder wahlweise von Streaming-Plattformen wie Spotify oder Deezer abzurufen. Gilt es aber, Robbie Williams, Helene Fischer, Marteria oder Garish in höchster Qualität zu geniessen – sagen wir mal, in einem bequemen Leder-Ohrensessel bei einem guten Glas Wein –, ist die Schallplatte das Objekt der Wahl. Und das gilt auch in Zukunft. Das Comeback von Vinyl selbst bei Elektro-Discountern und Grosshandelsketten spricht Bände.

Jetzt gibt es aber eine alteingessene Gemeinde von High End-Fetischisten, die dann sicher murren: das kann nix sein. Ein Design-Turntable „made in Austria“ zum Niedrigstpreis, der absolut unkompliziert ist, richtig brauchbar klingt und zum Verkaufsschlager auch bei Käufern unter 40 Jahren werden könnte – das grenzt an Blasphemie. Nun: für diese Silberrücken-Gemeinde gibt es andere Kultmarken. Auch ich überlege gerade, zu meinen Thorens-, Technics-, Dual-, Lenco- und Rega-Laufwerken noch einen Linn Sondek LP12 zu stellen. Aber der Pro-Ject „Elemental“ bleibt ebenfalls im Haus. Definitiv.


Zukunftsforschung

15. Februar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (250) Wenn Sie diese Zeilen in ein paar Jahrzehnten oder Jahrhunderten noch lesen können, ist alles gut gegangen.

On-Off Switch

Wenn das Internet nichts und niemanden vergisst, wie die Sage geht, dann schreibe ich hier für die Ewigkeit. Das ist, zugegeben, eine hohe Bürde: die allwöchentliche Veröffentlichung ein paar rasch und beiläufig hingeworfener Sätze soll den Test der Zeit bestehen.

Aber worin besteht dieser Test? Darin, dass sich einst – sofern dieser Planet dann noch um die Sonne kreist – überhaupt irgendjemand an Herrn Gröbchen, seines Zeichens Maschinenraumpfleger und Lohnschreiber des frühen 21. Jahrhunderts, erinnert? Darin, dass ein paar ferne Nachfahren den digitalen Nachlass verwalten? Oder darin, dass sich aus den gesammelten Werken für Historiker der Zukunft punktuell signifikante Beobachtungen und Entwicklungen extrahieren lassen?

Vielleicht ist eine Kolumne wie diese ja auch nur ein Zettelkasten voller Witze, Skurrilitäten und Fußnoten für die Technik-Experten und Sozialforscher folgender Generationen. Wie immer: es gilt der alte Merksatz „Prognosen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen“, der wahlweise Karl Valentin, Mark Twain oder Niels Bohr zugeschrieben wird. Zumindest diese Erkenntnis hat den Test der Zeit bestanden.

Oder etwa doch nicht? Denn noch bin ich nicht im greisenhaften Alter, mich nicht daran erinnern zu können, dass 2013 das Jahr war – und das ist wahrlich nicht lange her –, in dem in Mainstream-Medien der Macht der Computeralgorithmen erstmals die Planbarkeit und Vorhersage individueller Lebensregungen zugeschrieben wurde. Und zwar ernsthaft, wenn auch mit jener Beiläufigkeit, die uns gemeinhin den alltäglichen Lauf der Dinge wahrnehmen lässt. Bis dahin waren „Big Data“, „Reality Mining“ und “Post Privacy” ein Thema für IT-Fachleute, Geheimdienst-Mitarbeiter und Science Fiction-Autoren.

Aber die Idee z.B., Verbrechen verhindern zu wollen, bevor sie noch begangen werden – Sie erinnern sich an den Hollywood-Reisser „Minority Report“? – hat Implikationen, die das kollektive Zu-Ende-Denken noch nicht mal den Startschuß hören hat lassen. Es ist, wage ich hier und heute zu behaupten, das Ende der Unschuldsvermutung. Wenn wir freiwillig, ja lustvoll – ja, ich habe da banalerweise Facebook, Twitter & Co. im Hinterkopf – unsere Psychogramme zeichnen helfen und zugleich zulassen, dass sie mit objektiven Daten und Taten ergänzt werden – egal ob sie aus der elektronischen Krankenakte ELGA stammen, von der Überwachungskamera im Beserlpark festgehalten wurden oder dem letzten Hort der unmoderierten Meinungsfreiheit, dem eigenen Blog, nachzulesen sind –, wen können wir dafür verantwortlich machen ausser uns selbst?

Im übrigen wage ich auch die Prognose, dass dem “ewigen Speicher” Internet diese Zeilen verloren gehen werden. Denn wenn sie zu einem beliebigen Zeitpunkt auch nur annähernd relevant sind, würden sie mit Sicherheit gelöscht. Die Vergangenheit gehört jenen, die sie in Zukunft am perfektesten fälschen werden. Schlichtes Vergessenwerden ist mir lieber.


Zauberkasten

9. Februar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (249) Schicke Oberflächlichkeit ist Trumpf in der heutigen Medienwelt – eine fatale Entwicklung.

Dampfmaschine

Da diese Kolumne, wenn ich den Zählerstand richtig ablese, die zweihunderneunundvierzigste in einer langen Reihe von „Maschinenraum“-Kolumnen ist und demnächst also soetwas wie ein rundes Jubiläum dräut, drängt es mich, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Zumal jenes Gerät, das ich seit Wochen der werten Leserschar vorführen und anpreisen möchte, nicht und nicht daher kommt. Aber so ist das nun mal im ewigen Spannungsfeld zwischen Erwartung und Realität, in dem Marketing, PR und Berichterstattung fröhlich Ping-Pong spielen.

Also machen wir mal die alltägliche Arbeit selbst zum Thema. Denn es ist Arbeit, wenn man die Sache ernst nimmt. Ich bewundere Kollegen (leider sind Frauen in diesem Metier immer noch seltene Ausnahmen), die sich wirklich Zeit und Muße nehmen, Dinge genauer unter die Lupe zu nehmen. Und die auch die entsprechende Sachkenntnis und Seriosität mitbringen, um nicht nur an der schicken Oberfläche dieser und jener Gadgets, Entwicklungen und Novitäten zu kratzen (wie leider der Schreiber dieser Zeilen allzuoft auch). Ob das nun ein Redakteur bei ORF.ON ist, der der Fotografie zugeneigt ist und neue Kameras auf Herz und Nieren testet, die Crew der „Spielzeug“-Warte in der „Presse am Sonntag“ oder ein Reporter, der den Chef des Dampfreiniger-Weltmarktführers interviewt und nebenher dessen Gerätepark plastisch vorführt. Good job.

„Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“ Dieses Axiom des Science Fiction-Autors Arthur C. Clarke ist ja das Leitmotiv jedes technikbegeisterten Journalisten. Die bisweilen kindliche Faszination an den magischen Objekten weiterzugeben ist nicht verwerflich, sofern nicht auch der fundierte Versuch einer Entzauberung erfolgt. Nicht wenige Hersteller haben ja kaum mehr drauf als billige Taschenspielertricks und noch billigere Fertigungsstrassen in China.

Und leider, das soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, leben auch Medienunternehmen, Zeitungshäuser, Herausgeber und Chefredakteure nicht selten von prekärem Hobbyisten-Enthusiasmus und einem lässlichen Umgang mit komplexer Materie. Technikjournalismus läuft über weite Strecken unter denselben zauberhaft halbseidenen Rahmenbedingungen und Prämissen wie Lifestyle-, Society- oder Popkulturberichterstattung. Copy/Paste rules OK?

Immerhin: meine heutige kleine Beschwerde – in der Online-Welt würde man sie „rant“ nennen, also: spontanes emotionales Gemecker – ist garantiert nicht von einem PR-Waschzettel abgeschrieben.


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