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Fragliche Innovationen, leere Pisten

7. November 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (34) Stichwort Wintersport. Der manische Innovations-Drang der Skihersteller beschleunigt nur ihre wirtschaftliche Talfahrt.

Ski

Österreich, die Nation der Skifahrer, hat ein Problem: der Nachwuchs pfeift auf’s Skifahren. Eine halbe Million Schüler, rechnete ein Wirtschaftskammer-Funktionär, Sparte Tourismus, öffentlich vor, sei seit der Abschaffung verpflichtender Schulskikurse Mitte der neunziger Jahre nicht auf Wintersportwoche gefahren. Was den Mann nicht ruhen lässt – dann müsse man die Jugend und die Schulen eben wieder in die Pflicht nehmen. Denn: was Hänschen nicht lernt, lerne Hans nimmermehr. Dabei gibt der durchschnittliche Ski-Crack im Lauf seines Pistendaseins rund 47.000 Euro aus. Für g’führige Brettln, Skischuhe, Bekleidung, Skipässe, Hotel und Anreise. Zweifelsohne ein teurer Spass.

Und er wird immer teurer. Armadas von Schneekanonen, exorbitante Preiserhöhungen für Liftkarten (samt schlaumeierischen, verdeckten „Vorzugspreisen“ für Einheimische), DJ Ötzi-verbrämte Abzocke auf den Almhütten – die Misere ist hausgemacht. Auch die Skihersteller klagen. Jahr für Jahr. Allzuviele gibt es ja nicht mehr: die drei grössten Anbieter Amer (Atomic, Salomon), Rossignol und K2-Völkl beherrschen 70 Prozent des Weltmarktes. Megatrends wie Snowboards und Carving-Skier konnten nichts daran ändern, dass die Hersteller kaum mehr Profit machen. Überproduktion, das Verschleudern von Auslaufmodellen, der nervöse Handel und ein generell schwache Konjunktur beschleunigen die Talfahrt.

„Die Technik wurde erfolgreich weiterentwickelt, aber die Preise konnten nicht angehoben werden“, zitiert die „Welt am Sonntag“ einen Sprecher der Händlervereinigung Intersport. Und exakt hier möchte ich einhaken: die Innovation um der Innovation willen ist eine Pest, die auch diese Industrie erfasst hat. Vielleicht stärker noch als andere. Oft sind es nur preistreibende Pseudo-Verbesserungen, elitärer Zierrat oder kuriose Mode-Gimmicks, die einen brutalen Verdrängungswettbewerb abfedern sollen. „Power Switch“, „Flex Adapter“, „Vario Cut“, „Dynamic Grip Control“, „Doubledeck“-Technologie etc. usw. usf. – merken die Designer und Entwickler nicht, dass die breite Masse mit dieser ewigen Neuigkeiten-Manie wenig anfangen kann? Und will? Oder, wenn schon, gern zum Leihski greift? Es geht schlichtweg darum, halbwegs elegant und/oder rasant den Berg hinunter zu kommen. Und das zu erschwinglichen Preisen. Vielleicht kann man ja mit den High Tech-Wunderdingern dieser Saison auch bergauf fahren. Ich fürchte nur, viele Jugendliche betreten eine weisse Piste, wenn überhaupt, nur mehr virtuell. Mit dem PC-Steuerknüppel in der Hand.

P.S.: Manchmal wünsche ich mir die schlichten – und schönen, im Gegensatz zu den vom Design-Overkill verunstalteten Plastik-, Carbon-, Aluminium- und Hybrid-Konstruktionen von heute – Uralt-Modelle Blizzard „Firebird“, Fischer „C4″ oder Head „Hot“ zurück. Die begehrtesten Brettln meiner Jugend. Man fuhr auf ihnen, der Kondition und dem skifahrerischen Können entsprechend, durchwegs probat. Die Erinnerung verklärt, würden mir wahrscheinlich die Skiexperten von heute bedeuten. Aber die Freude am Herumteufeln im Schnee entsteht auch (und vielleicht zuvorderst) im Kopf. Wenn Unsicherheit, Minderwertigkeitsgefühl ob eventuell veralteteter Technik, Ärger über die leere Geldbörse oder Desinteresse an Sport generell Raum gegriffen haben, wird’s wohl nichts (mehr) mit dem gepflegten Winter-Spass.

P.P.S.: Immerhin, ein Hype der letzten Jahre macht Sinn: man sieht immer mehr Skifahrerinnen und Skifahrer, junge wie alte, gute und schlechte, mit Helm auf der Piste. Gut so.


Beiläufige Musiktipps (6)

2. November 2009

ROBERT ROTIFER ist jedem Pop-Fan, FM4-Hörer und Musik-Kenner hierzulande ein Begriff. Als Kritiker, weniger als Musiker. Das sollte sich baldigst ändern. Viele gute Gründe dafür finden sich auf Rotifers neuem Album „The Children On The Hill“.

Cover ROTIFER - Children

Ich kann Google noch so oft quälen, aber die Suchkombination „rock critic, typewriter, stage“ ergibt keine brauchbaren Treffer. War es Lester Bangs? Waren es Blue Oyster Cult? Oder ganz wer anderer? Es gibt da jedenfalls diese eine Anekdote, die ich im Hinterkopf habe. Irgendwer hat sie mir wohl erzählt, irgendwann, und ob sie wahr oder unwahr ist, tut weiter nichts zur Sache. Es ist eine Geschichte, die das Verhältnis zwischen Musikern und Musikjournalisten, zwischen Lyrics-Urhebern und Texte-Schreibern, zwischen Berichterstattern und den bevorzugten Objekten der Berichterstattung trefflich umreisst. Die Geschichte geht so:

Musikkritiker gelten oft als verhinderte Musiker. Bisweilen nicht zu unrecht. So beschliesst die Band X eines Tages, den ihr gewogenen und befreundeten Kritiker Y mit einer freundlichen Geste zu bedenken. Ja, mehr als das: ihm einen besonderen Wunsch zu erfüllen. Y darf mit auf die Bühne, die Live-Atmosphäre geniessen, ein Instrument spielen. „Sein“ Instrument. Der Kritiker, ein leidlicher Amateur an der Gitarre, übt und übt. Und schliesslich ist es soweit. Ein umjubeltes Live-Konzert. Zum Höhepunkt und Schluß hin wird eine besondere Attraktion, ein spezieller Gast angekündigt: ein prominenter Fan als „part of the show“. Er darf, kann, soll seine Virtuosität unter Beweis stellen. X stimmen eine ausufernde Jam-Session an, Y betritt die Bühne. „Sein“ Instrument – er denkt wohl an das teuerste Stück der Gitarren-Kollektion der Band – ist sichtbar verkabelt, aber unter einer Abdeckung verborgen. Noch.

Der Sänger der Gruppe X tritt ans Mikrophon, spricht gestenreich und emphatisch einführende Worte, die zugleich an das Publikum und den neuen Bühnenmitstreiter gerichtet sind: man freue sich auf diesen bewegenden Moment, man erwarte Grosses, und man habe Y selbstverständlich ein exklusives Instrument zugedacht, das er wirklich exzeptionell beherrsche und das ihrem Sound eine ganz besondere Note hinzufügen werde… Der Kritiker ist sichtbar geschmeichelt. Die Band im Hintergrund hebt zum Höhenflug an. Die Abdeckung wird flugs entfernt. Das Instrument, das der gute Mann nun live bedienen soll, ist eine – Schreibmaschine. Eine elektrische, immerhin. Das Publikum tobt. Die Band wiehert. Der Kritiker schreibt. Bleibt ihm anderes übrig?

Warum ich diese Geschichte aus dem großen Fundus der Popkultur-Mythen hervorgeholt habe? Weil wir es bei Robert Rotifer zweifelsohne mit einem Mann zu tun haben, der sich auf beiden Gebieten – dem der Musikberichterstattung und jenem der Musik selbst – einen Namen gemacht hat. Und es wird ihn nicht kränken, wenn ich meine, daß bislang der Journalismus obsiegt hat, was den Rang der Bekanntheit, was Anerkennung und Einkommen und Respekt betrifft. Rotifer ist eine duale Erscheinung: einerseits einer, der samt Gitarre selbstbewusst auf die Bühne steigt, andererseits – vom österreichischen Nachrichtenmagazin „profil“ bis zur „Berliner Zeitung“, vom Radiosender FM4 (ORF) bis zum Deutschlandfunk – als einer der kompetentesten und besten Pop-Schreiber, -Kenner und -Kommentatoren des deutschsprachigen Raums gilt. Das hat damit zu tun, daß der Mann – seit jeher mit einem Hang zum Anglophilen ausgestattet – den Objekten der Begierde näher ist als viele seiner Kolleginnen und Kollegen. Ende der neunziger Jahre zog es den Journalisten samt Familie nach London. Heute leben die Rotifers in Canterbury, selbst Mittelpunkt einer kleinen, aber sprichwörtlichen Szene. Und immer noch nah genug am pochenden Herz der britischen Hauptstadt. Und damit an einer der Hauptschlagadern der Popkultur zumindest des europäischen Kontinents, wenn nicht weltweit.

Aber hilft derlei, wenn es darum geht, als Musiker und Songschreiber zu reüssieren? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ganz enorm. Nicht jeder österreichische Künstler kann Wreckless Eric als Verfasser der Liner Notes einteilen. Oder eine lokale All Star Band (Darren Hayman, Ian Button u.a.) rekrutieren. Aber lassen wir Robert Rotifer selbst zu Wort kommen: „Es gibt viel mitzuteilen. Die Form des politischen Liedes – nicht der propagandistischen, sondern der reflektierenden Art – feiert nicht ohne Grund eine Renaissance. Durch Konzertreisen und Airplay ist es mir in den letzten Jahren gelungen, ein wachsendes aufmerksames Publikum für meine Songs zu finden. „The Children On The Hill“ soll dazu beitragen, dieses Publikum konsequent zu erweitern und die Reise fortzusetzen“.

Das ist in der Tat very british. Nämlich nobel zurückhaltend und äusserst zuvorkommend formuliert. Die Sache ist: Rotifer ist als Musiker immer noch unterschätzt. Sehr unterschätzt (ich neige ja weniger zur Zurückhaltung). Denn aus dem Stand wüsste ich kaum jemanden, der ursprünglich aus der deutschsprachigen Hemisphäre kommend, so elegant, nachhaltig und quasi nebenbei in das britische Pop-Selbstverständnis vor- und eingedrungen ist. Wie ein Virus, der sich als Fan tarnt. Oder ein als Reporter verkleideter potentieller Kulturattentäter, der das Interviewer-Mikrofon zückt, eigentlich aber lieber seine eigenen Songtexte auspacken würde.

Die sind ja auch wirklich nicht von schlechten Eltern, die Songtexte. „We Put It All In Gold“ etwa handelt von der Frage, so Rotifer, „wo in einer von Finanzmärkten und Machtpolitik beherrschten Welt eigentlich die zwischenmenschliche Wärme abgeblieben ist. Bilder der überlebenden Opfer von Bombardements hatten in mir die gegensätzliche Vorstellung von Steinzeitmenschen geweckt, die sich in der Wildnis rund ums Feuer kuscheln“.

Oder „The Chill Coming Coming Up From The Sea“… Laut dem Urheber des Songs „ein Aufschwungswalzer für die leistungsorientierte, nach vorne blickende junge Generation, die eingeladen ist, auf dem Dung ihrer Vorgänger aufzubauen“. Oder „The Pickle Jar“, ein „Überwachungsgesellschaftssong aus der Überwachungshauptstadt London. Wenn einmal jeder Moment unseres Handels aus mehreren Perspektiven erfasst und in den als gigantische Gurkengläser fungierenden Festplattenfarmen der Stadt festgehalten ist, gibt es irgendwann nichts als eine endlose Gegenwart, die das Vergangene nie mehr abschütteln kann“. Dazu Geschichten von einem Erpresserpärchen („Working The Room“), einem osteuropäischen Immigranten („The Branch Line“), einen im Zug eingenickten Pendler („Chinese For A Change“), eine übergeschnappte Finanzexpertin („The Damage“) und einen Betrugsfall, am eigenen Leibe erlebt („The Money Goes A Long Way“). Und und und.

Jener Song, der dem vorliegenden Album seinen Titel gab – das Cover-Ölbild, selbstverständlich vom Autor selbst verfertigt, illustriert ihn in naiv-sachlicher Manier, zu hören ist er hier auch – bringt einmal mehr eine Detailbeobachtung eines Alltags-Grenzgängers auf den Punkt. O-Ton Rotifer: „Bei uns zu Hause in Canterbury gehen meine Kinder zusammen mit dem Nachwuchs britischer Soldaten in die Schule, die zum Teil schon ihre dritte oder vierte Tour im Irak oder in Afghanistan hinter sich gebracht haben. Die gehobene Mittelklasse der Gegend meidet diese Schule, weil die Kinder aus den Armee-Baracken auf einem Hügel am östlichen Rand der Stadt einen eher schlechten Ruf genießen. Die Berufsarmee ist schließlich ein Auffangbecken derer, die sonst keinen Job finden, viele von ihnen aus den ärmsten Gegenden Schottlands, andere aus ehemaligen britischen Kolonien. Die Väter hinterlassen den Kindern CD-Rs mit Gute-Nacht-Geschichten drauf, wenn sie in den Krieg ziehen. Wenn sie dann wieder zurück in die Kaserne kommen, bleiben sie dagegen stumm“.

Mit den üblichen La-la-Klischee-Simplizitäten, wie wir sie von heimischen Bands, die sich einer (mehr oder minder) fremden Sprache bedienen, gewohnt sind, haben derlei „lyrics“ nichts zu schaffen. Es sind kleinere und grössere Stories, die hier in Pastellfarben, Zwischentönen und Akkordsprüngen gemalt und zu einem Album, einem Bilderalbum zusammengefasst werden, und sie erheben keinen Anspruch auf Unvergänglichkeit. Wie auch die – handwerklich nicht gerade ungeschickt gestrickten – Kompositionen, die diese Texte einfangen, nicht den Anspruch erheben, den Rock’n’Roll neu zu erfinden. Den Folk, den Pop, das Singer-/Songwriter-Genre. Oder gar, Gott bewahre!, Brit Pop. Man kann die Lieder, die uns Robert Rotifer hier auf der Silberscheibe serviert, als unaufgeregte, aber keineswegs unaufregende Kaminfeuer-Erzählungen geniessen. Sie jederzeit in einen Kontext mit der Musik-Historie der letzten fünfzig Jahre stellen, von den Beatles über die Kinks, Who und Small Faces über The Jam, XTC und Billy Bragg bis hin zu Blur, David Gray, Fleet Foxes und den Kings of Convenience (ich seh’ Rotifers Mundwinkel zucken). Oder sie zuvorderst als liebevoll vertonte journalistische Notizen, Kommentare und Ableitungen verstehen.

Wie immer auch: diese Quantitäten und Qualitäten zu überhören und zu übersehen, das gelingt wohl nicht. Oder nicht mehr. Oder nur ausgemachten Ignoranten, die meinen, Eulen von Wien über London (respektive Canterbury) nach Athen zu tragen, wäre ja á priori ausgemachter Blödsinn. Wer aber Pop als internationale Sprache versteht, als ewige Liebhaberei und zeitgemässe Form der Flaschenpost, der wird „The Children On The Hill“ als kleinen, aber bemerkenswert konsequenten Beitrag zur Popgeschichte betrachten. Als Rotifers bislang bestes Album. Als Destillat aus Drang, Distinktion und Durchhaltevermögen. Und als äusserst sympathisches Statement eines Universaltalents. Eventuell darf ich ja mal meinen Laptop live an seinen Vox-Verstärker anschliessen.

ROTIFER – „The Children On The Hill“


Video Killed The Radio Star

31. Oktober 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (33) Als bloggender Kolumnist sollte man sich nicht auf Werbeankündigungen und PR-Getrommel verlassen.

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Leserbriefe sind ja das Salz in der Suppe des Kolumnisten. Auch wenn sie bisweilen auf lässliche Versäumnisse, Irrtümer und Schludrigkeiten hinweisen. So erreichte mich im Lauf dieser Woche Elektropost von Albert Malli, seines Zeichens stellvertretender Senderchef von Ö3. Wer Malli kennt, kennt auch seinen Enthusiasmus für technische Innovationen. Der neue iPod Nano, der auch ein probates UKW-Radio abgibt, begeistert ihn genauso wie mich.

Allein: die netten Funktionalitäten, die ich letztens an dieser Stelle aufgelistet habe, spielt’s nicht. Niente. Nada. Keine Titelanzeige für gespielte Songs, kein Direkt-Link zu Apple’s iTunes Music Store. Warum? „Der RDS-Standard in den USA ist angeblich ein anderer“, schreibt Malli. „Ich rechne aber damit, dass es bald iPods mit UKW-Tunern nach europäischem System geben wird“. Na hoffentlich erbarmen sich die Jungs in Cupertino, Kalifornien! Oder die Behörden in Wien, Österreich. Denn es könnte auch daran liegen, dass RDS-Informationen zu Songs und Interpreten hierzulande nicht am Autoradio (und sonstwo) angezeigt werden dürfen. Irgendjemand in hiesigen Amtsstuben befürchtet wohl Auffahrunfälle durch Pop-Fanatiker, deren Blicke an LCD-Displays kleben. Sollte Ö3 eine Protestaktion gegen derlei weltfremde Regulative starten: ich bin dabei.

Damit zu einem weiteren iPod-Feature, das ich neulich nur am Rande erwähnt habe, zu unrecht: das Ding kann Videos aufnehmen. Keine Fotos, das nicht, aber Bewegtbilder im H.264-Format mit 640 x 480 Pixeln. Das ist zwar nicht gerade High Definition-Qualität, aber für YouTube und andere Internet-Videoportale ein gefundenes Fressen. Bitte lächeln, Sie werden gefilmt! Und zwar vom pickeligen Nachbarjungen oder von Ihrer eigenen Tochter. Das freut die Bürokolleginnen und Ihren Lieblingsfriseur, so sie das Video entdecken – davon können Sie ausgehen.

Für Alltagsforscher müssten die erwartbaren Myriaden an verwackelten Sequenzen und Terabytes an Sozialpornos jedenfalls en gros ein beglückender Fundus sein. Hersteller professioneller Videokameras dagegen dürften die neue Konkurrenz eher mit gemischten Gefühlen betrachten: einerseits haben wir es bei iPod-Filmchen vielleicht mit ersten Gehversuchen künftiger Truffauts, Hitchcocks und Ruzowitzkys zu tun. Anderseits reicht der Mehrheit wahrscheinlich ein MP3-Player als Miniaturkamera bis in alle Ewigkeit. Schau’n wir mal: ich hab’ seit Sommer höherwertige Geräte von Kodak und Sanyo herumliegen. Sie harren intensiver Tests und Exkursionen. Ob ich sie aber noch mal auspacke?


Die Rückkehr des Panzerkreuzers

28. Oktober 2009

Wem nach dramatischen Szenen, wilder Musik, revolutionären Parolen, Aufruhr, Solidarität, Diskussionen, Pathos etc. usw. usf. ist, der kann, aber muß sich dieser Tage nicht zwangsläufig in die Universitätshörsäle bewegen. Das Radiokulturhaus hat am 30. Oktober auch etwas Passendes am Programmzettel. Inklusive pressfrischer neuer, emotional bewegender Tonspur.

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„Panzerkreuzer Potemkin“ ist einer der absoluten Klassiker der Filmgeschichte. Das berühmte Opus von Sergej Eisenstein wurde am 1. Dezember 1925 im Moskauer Bolschoi-Theater als offizieller Jubiläumsfilm zur Feier der russischen Revolution 1905 uraufgeführt. Die Handlung lehnt sich sehr frei an die tatsächlichen Ereignisse an, der Meuterei der Besatzung des Kriegsschiffs „Knjas Potjomkin Tawritscheski“ gegen die zaristischen Offiziere – für Eisenstein eine Tragödie in fünf Akten. Wiewohl ein Propaganda- Werk, wurde der Film begeistert aufgenommen und machte den Regisseur weltbekannt. „Panzerkreuzer Potemkin“ wurde mehrfach, unter anderem in den 1950er-Jahren vom britischen Kinomagazin Sight & Sound, zum „besten Film aller Zeiten“ gekürt.

Nun macht sich der Wiener Avantgarde-Veteran Franz Reisecker alias Lichtenberg daran, den Stummfilm neu zu vertonen. Die Bilder-Wucht, Dringlichkeit und Dramatik des Films – die in der berühmten Treppen- Szene im Hafen von Odessa ihren Höhepunkt findet – möchte Lichtenberg in einer zeitgemässen, elektronischen Tonspur widerspiegeln und verstärken. Tatsächlich kein Frevel: Sergej Eisenstein wünschte sich, daß jede Generation ihre eigene Musik zu seinem Film komponiert.

Die erste genuine Komposition wurde von Edmund Meisel 1926 für die deutsche Fassung geschaffen; der Film war zuvor ohne Originalmusik, mit Zusammenstellungen aus Werken klassischer Komponisten wie Beethoven und Tschaikowski, aufgeführt worden. Seither entstanden unterschiedlichste Fassungen, die bekannteste unter Mitwirkung der Pet Shop Boys. 1950 komponierte Nikolai Krjukow die Musik für eine Neufassung des Films. 1976 wurden für eine in der Sowjetunion restaurierte Fassung, die sogenannte „Jubiläumsfassung“, Ausschnitte aus Sinfonien von Schostakowitsch verwendet.

„Panzerkreuzer Potemkin“ zählt zum Bewegendsten und Wertvollsten, was das unendliche Menschheitsarchiv Internet an Fundstücken birgt“, so Reisecker. „Ich finde zunehmend Interesse daran, Töne und Klänge entlang einer vorgegebenen Abfolge von Bildern, Geschichten und Spannungsbögen aufzurollen. Die grossen Werke der Stummfilmära faszinieren mich da besonders“.

Lichtenberg erscheint unter diesem Blickwinkel als besonders trefflicher Künstlername. Als vielseitiger Gitarrist war Franz Reisecker bereits bei Bands wie den Occidental Blue Harmony Lovers, dem Orchester 33 1/3 oder Trio Exklusiv tätig. Das Projekt Lichtenberg bietet dem Musiker die Möglichkeit, sich ganz und gar seiner Vorliebe für elektronische Klänge zu widmen. „Reisecker ist zudem ein Meister darin, sich ständig neu zu erfinden und seine Fühler nach neuen Herausforderungen auszustrecken“ (MICA). Insofern darf man gespannt sein, was ihm zu einer schier übermächtigen Vorlage wie „Panzerkreuzer Potemkin“ – live und frisch auch auf DVD – einfällt.


On Air

24. Oktober 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (32) Ausgerechnet Apple schiebt das gute, alte UKW-Radio vom Abstellgleis in die Auslage.

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Ich bin ja – entschuldigen Sie bitte die unentgeltliche Werbeeinschaltung – an einer Radiostation beteiligt. Und zwar an lounge.fm, einem kleinen, feinen Privatsender im Raum Linz/Steyr/Wels, der sich soweit wacker gegen Ö3 und den Rest der „Die grössten Hits der Achtziger, Neunziger und von heute“-Heulbojen schlägt. Wie einst ein einzelnes Dorf im von den Römern besetzten Gallien. Man hat mich gewarnt: Geld zu verdienen ist mit derlei Ambitionen eher nicht. Aber ich bin nun mal sentimental veranlangt. Und dem Medium Radio verfallen.

Den Rundfunkkapitänen von heute bereiten sowieso weniger die Nachbar- und Nischensender Sorgen: alle kochen nur mit Wasser. Und Ultrakurzwellen. Die eigentliche Konkurrenz kommt anno 2009 aus dem Internet. Es müssen nicht unbedingt Webradios sein. Auch Musik-Streaming-Dienste, YouTube, MySpace, Facebook, Twitter et al kosten Zeit, Aufmerksamkeit und Hörer. Was heute eine anständige UKW-Station sein will, hat zusätzlich ein halbes Dutzend Online-Kanäle, eine aufwändige Homepage samt interaktivem Community-Service und natürlich Aussenposten in allen erdenklichen Social Networks zu bieten. Und trotzdem schaut die Dampfradio-Behübschung oft vergleichsweise alt aus.

Da kommt ausgerechnet Apple ins Spiel. Das US-Paradeunternehmen hat ja gern mal die Nase ganz weit vorn (und auch aufreizend hoch oben, wie manche meinen). Diese Woche erst präsentierte man wieder neue Gerätegenerationen und abermalige Rekordgewinne. Dabei bin ich noch nicht mal dazu gekommen, ein kurioses Detail der aktuellen „iPod nano“-Linie aus voller Brust zu loben: der ebenso winzige wie beliebte MP3-Player besitzt – zusätzlich zur üblichen Funktionalität – eine Videokamera, ein Mikrofon, Lautsprecher und einen eingebauten Schrittzähler. Und, hoppla!, ein UKW-Radio.

Noch dazu eines, das man quasi anhalten kann: die „Live Pause“-Funktion ermöglicht fünfzehn Minuten virtuelles Zurückspulen. Am Display werden Informationen zum gerade gespielten Titel angezeigt. Und ein Klick markiert den Song, um ihn eventuell später im hauseigenen iTunes Music Store einzukaufen. Was bislang nur mit den Nanos funktioniert, wird Apple wohl bald auch am iPhone undiPod Touch nachrüsten. Famos!

Wenn die Zukunft solchermassen image- und hardwaretechnisch gesichert ist, kann man sich wieder verstärkt dem Programm widmen. Auf lounge.fm läuft übrigens gerade Air, „Radio Number One“. Sie sollten mal reinhören. Gern auch per iPod.


Allein im Papierschiffchen

21. Oktober 2009

Ein Meerschweinchen blökt, pardon: quietscht zurück. Oder: warum die Print/Web-Debatte allmählich ins Lächerliche kippt. Anmerkungen zu einer „Zwischenwarnung“ von Armin Thurnher, nachzulesen im aktuellen „Falter“. Und zwar nur dort. Dem Urheberrecht sei dank.

Falterschweinchen

Ich kaufe, schätze, lese den „Falter“ seit seiner Gründung anno 1977. Schon als Schüler war mir die Idee der Stadt- und Programmzeitung samt Kulturberichterstattung auf der Höhe der Zeit sympathisch; nebstbei nutzte ich den Gratis-Kleinanzeigenteil für allerlei pubertäre Scherze (die mir erstmals die Aufmerksamkeit des Chefredakteurs Armin Thurnher einbrachten). Ich habe den „Falter“ selbstverständlich abonniert. Selbst meiner Tochter ein Abonnement geschenkt. Und daheim im Fahrradkeller ein „Falter“-Rad stehen, Typus holländisches Bobo-Opa-Vehikel, mit dem ich selten rumgurke, aber wenn, dann mit dem Vergnügen der bequemen, weil aufrechten Sitzposition. Und im Lauf der Jahrzehnte hab’ ich immer wieder mal Artikel, Rezensionen oder Kommentare für den „Falter“ geschrieben, nicht selten getrieben von Goodwill. Denn die Honorare, die der „Falter“ zahlte, waren eher gering. Und trafen oft erst mit Monaten Verspätung ein. Ich weiß nicht, ob sich das drastisch verändert hat – aber ich habe die Honorarfrage, insbesondere bei Medien wie dem „Falter“, nie für die zentrale gehalten. Wenn auch nicht für gänzlich vernachlässigbar.

Insofern verstehe ich Armin Thurnhers Begehr, für publizistische Leistung tunlichst bezahlt zu werden. Und ich bin der letzte, der mit dem Begriff „Copyright“ fahrlässig umginge. Schließlich hängt auch das Geschäftsmodell eines Label- und Verlagsbetreibers, eines Beraters und Konzeptionisten und jenes eines freien Autors und Kolumnisten nicht unwesentlich davon ab, als Urheber die Art der Auswertung jeglichen „contents“, die Verbreitung, die Vertriebskanäle und kommerziellen Rahmenumstände entscheidend (mit)bestimmen zu können. In diesem Kontext hat sich, wie in vielem anderen auch, in den letzten Jahren doch einiges radikal geändert; Kulturphilosophen sprechen in Bezug auf die Digitalisierung der Medien und die Entwicklung des World Wide Web von einem „Paradigmenwechsel“, andere gar von einer Revolution. Wohl nicht ganz zu unrecht. Schon die Erfindung des Hyperlinks, um ein klitzekleines Beispiel zu geben, hat unser Verständnis, was ein Querverweis ist und kann, ein Zitat oder ein redaktioneller Fingerzeig, drastisch verändert. Es ist heute Usus, einfach zu „verlinken“, wenn ich eine weitergehende Recherche des Lesers umgehend und unkompliziert ermöglichen möchte. Und natürlich macht auch der „Falter“ ausgiebig davon Gebrauch, keine Frage. Zumindest in punkto Eigenrecherche – wäre ich zynisch, würde ich schreiben: in parasitärer Manier.

In der heute erschienenen Ausgabe Nr. 43/09 des „Falter“ verlinkt nun Armin Thurnher, in einer Art Anhängsel auf den „Kommentar des Chefredakteurs“, auf den Verein der Meerschweinchenfreunde in Österreich: www.meerschweinchenverein.at. Das ist zwar nett gedacht (ja, es gibt ihn wirklich, diesen Verein!), hat aber – allein auf Papier – den Nachteil, daß man sich ggf. zum Computer bemühen muß, die Tastatur dito, und nicht einfach wie ein dressierter Affe auf die Maus klicken und sich weiterer Informationen erfreuen kann. Apropos, ob all der tierischen Analogien: rattenscharfe Sache! Denn der Link samt putziger Karikatur ist Bestandteil einer „Zwischenwarnung“. Die schlichtweg darauf abzielt, den Informationsfluß insgesamt auszudünnen und raschest in die rechten, sprich: üblichen Bahnen zu lenken. Sollte dies nicht gelingen, droht mir (und anderen) der Empfang einer Honorarnote, Mindestbetrag 250.- Euro . Dieser Betrag – die Honorarhöhen des „Falter“ scheinen sich doch ein wenig nach oben bewegt zu haben – wäre auf das Konto des genannten Meerschweinchen-Vereins zu überweisen.

Was ist geschehen? Ich hatte mich erdreistet, einen früheren Kommentar Thurnhers („An meine Meerschweinchen: Entwarnung! Das Internet kann bleiben“) mir nichts, dir nichts themenadäquat dem Papier zu entreissen und in gescannter Form ins Netz zu stellen. Denn dieser Kommentar stellte – und Thurnher wird auch jetzt nicht müde, diesen Aspekt zu betonen – eine „Aufforderung zur Debatte“ dar, zuvorderst gerichtet an die „Netz-Community“. Nun: ich fand es aufreizend bescheuert oder zumindest plump provokativ, sich an diese – eventuell real vorhandene oder auch nur herbeiimaginierte, sicherlich aber zuvorderst, wenn überhaupt, in punkto Zugangstechnik homogene – Versammlung zu wenden und diesen Aufruf nicht gleich (auch) ins Netz zu stellen. Und habe das einfach nachgeholt, für die vielleicht gar nicht so wenigen Digital-Nomaden, die den papierenen „Falter“ gerade nicht zur Hand hatten oder nie in die Hand nehmen. Aus welchen Gründen auch immer. Ich empfand das als simple Service-Leistung und initialen Beitrag zu einer Debatte, die ja vom „Falter“ explizit erbeten und erwünscht war und ist. Zumindest, wenn man seinesgleichen Chefredakteur beim Wort nimmt.

Nebstbei: der „Falter“ hat dann im Lauf der folgenden Diskussion – die aber eher einer potjemkinschen Dorfwirtshausdebatte glich als einer wirklich mit Verve, Ernsthaftigkeit und Mut zu offener Kommunikation geführten Auseinandersetzung – sein Versäumnis partiell nachgebessert und doch das eine oder andere Stückchen Originaltext online verfügbar gemacht. Gratis. Auch für Nicht-“Falter“-Leser und -Abonnenten. Armin Thurnhers Originalkommentar, auf den sich das ganze Tohuwabohu bezog, war aber meiner Erinnerung nach nicht darunter (pardon, ich irre, er war nur, hm, relativ versteckt).

Nun beklagt sich jener, der zuvorderst den launigen, aber auch nicht hundertprozentig menschenfreundlichen Terminus „Meerschweinchen“ in die Debatte einbrachte – ja, ich finde ihn eh witzig!, wir bewegen uns nicht in einer humorfreien Zone – darüber, daß die „so zuverlässig auf Reize reagierenden“ Tierchen widerspenstig sind, den Dompteur und seine hochgeworfenen Bälle ignorieren, gern mal die meinungsverfütternde Hand beißen und auch nicht auf Zuruf durch brennende Reifen springen oder sonstige Dressur-Akte vorführen wollen. Und vor allem nicht aufhören, keine Ruhe zu geben. Ich fürchte, das wird anhalten. Und zwar solange, wie Thurnher den Zirkusdirektor gibt und sich als Idealbesetzung für die Rolle des Internet-Bezwingers und Web 2.0-Bändigers wähnt. Das ist er nämlich aus verschiedensten Gründen nicht. Das spricht auch seiner Vita, seinem Denken und Können und seiner Rolle im Medienstadl Österreich insgesamt Hohn. Aber vielleicht wird er ja auch nur „so schnell so falsch verstanden, wie es sich noch nie in meinem ganzen Leben ergeben hat“ (Originalton A.T., siehe „Falter“ 43/09).

Ich hab’ kurz nachgedacht, ob ich Thurnhers „Zwischenwarnung“ einfach ignorieren soll. Oder offensiv der Beurteilung durch die Meerschweinchen-Gemeinde und andere Interessierte überlassen mag. Aber es ist eben nicht so, wie Thurnher meint und schreibt: das Internet ist kein rechtsfreier Raum. „Anonyme Gestalten“, die dort „herumtappen“, können im Fall von Gesetzesverletzungen dingfest gemacht werden (daß sich Thurnher & Co. gern über Postings unter Pseudonymen ärgern, ist eine ganz andere Sache).

Und natürlich ist auch die Frage des Urheberrechts nicht „ungeklärt“, wie Thurnher schreibt. Sondern glasklar: das Urheberrecht gilt selbstverständlich auch im World Wide Web. Allein: wie es anno 2009 exakt auszulegen, anzuwenden und durchzusetzen ist, ob es durch diese und jene neue Kulturtechnik nicht ausgehebelt wird, ob es nicht überhaupt einer radikalen Überarbeitung, Erweiterung oder Neudefinition bedürfte, darüber streiten Experten, Betroffene, Konsumenten, Urheber, Politiker. Und zwar seit Jahren. Und zwar sehr intensiv. Kann mir nicht vorstellen, daß Thurnher diese Debatte – eine der dringlichsten, schwierigsten und umstrittensten unserer Zeit – entgangen ist. Möglich aber, daß „Abt Armin“ – diesen Spitznamen verpassten ihm vice versa einige „Meerschweinchen“ – meint, das alles ex cathedra für obsolet erklären zu können. Und die Realitäten der Digitalära (die uns gefallen mögen oder nicht) einfach als Kapitän Nemo auf der Kommandobrücke eines vereinzelten Papierschiffchens umschiffen zu können.

Anyway: es gilt, diese – en gros und en detail – demonstrativ trotzige Haltung, kuriose Konservativität und á la longue ohnehin unhaltbare Position nicht noch weiter zu befeuern. Ich werde also folgendes tun: ich nehme das Web-Faksimilie am 23.10., sprich: übermorgen, vom Netz (bis dahin gilt eine Art Gnadenfrist). Ich respektiere das Urheberrecht. Ich respektiere den Wunsch Armin Thurnhers (auch wenn mich sein Befehlston, gelinde gesagt, befremdet). Zudem ist der Schwanz, den es einzuziehen gilt, bei einem Meerschweinchen eh nicht grad’ lang. Ich fürchte nur, ich werde wenig tun können für oder gegen Kopien, Links oder weitreichende Zitate. Schon gar nichts gegen anderer Leute Meinung, Kommentarwut oder Humorverständnis. Eventuell richtet auch jemand, von wegen „Communitiykohle“, ein Spendenkonto ein. Die Meerschweinchen wollen schliesslich gefüttert werden.

Und, nein, ich werde das „Falter“-Abo nicht kündigen. Gewiss nicht. Ich liebe diese Knirschgeräusche zwischen Papier und Netz.


Beiläufige Musiktipps (5)

19. Oktober 2009

Das ERSTE WIENER HEIMORGELORCHESTER wirkt auf’s erste Hinhorchen wie Plastik-Kinderspielzeug für überdrehte IT-Manager. Dahinter steckt aber ein Abgrund an schwarzem Humor, punktgenauer Zeitkritik und poppigem Melodienreichtum. Das neue Album „Es wird schön gewesen sein“ ist das bislang beste des Quartetts aus Wien. Und Ronnie Urini darf auch mitsingen.

EWHO_Cover

Das erste Mal wahrgenommen, richtig wahrgenommen, habe ich das Heimorgelorchester – Sie gestatten die légere Abkürzung des üppig geratenen Bandnamens – beim „Protestsongcontest“ im Wiener Rabenhof Theater. Und zwar im Januar 2009. Das ist, zugegeben, reichlich spät für den Umstand, daß dieses Orchester seit über fünfzehn Jahren existiert, bereits drei CDs veröffentlicht hat und auf diversen Live- und Theater-Bühnen omnipräsent ist. Zu meiner Entschuldigung kann ich anführen, lange Jahre im Exil in Deutschland zugebracht zu haben (wohin der Ruf des Wiener Quartetts noch nicht recht gedrungen ist; etwas, das sich raschest ändern sollte). Und eventuell die Bescheidenheit der Truppe. Obwohl sie etwa Fritz Ostermayer, der FM4-„Im Sumpf“-John Peel und Doyen der österreichischen Pop-Intelligenzija, launig als „beste Band aller Zeiten“ bezeichnet, halten sich die Herren Florian und Daniel Wisser, Jürgen Plank und Thomas Pfeffer tendenziell gern im Hintergrund.

Bis, nun ja: zumindest meiner subjektiven Wahrnehmung nach, bis zu jenem denkwürdigen Moment, als dieser „Protestsongcontest“ in Szene ging. Mittlerweile ist die Veranstaltung – die übrigens auch einen Export nach Berlin, Hamburg, München, Zürich vertragen würde, ja geradezu danach schreit – eine Kult-Konstante des Wiener Musik- und Kulturgeschehens. Und wenn auch eine nicht ganz ironiefreie Paraphrase auf den wirklichen, den Eurovisions-Songcontest, so bietet der „Protestsongcontest“ im Rabenhof jährlich diverse Anhaltspunkte für jene, die in der Populärkultur ein wenig mehr suchen als billige Ablenkungen oder wohlige Sedativa. Politisch Lied, garstig Lied? I wo: 2009 standen die vier Herren, um die es sich hier dreht, zackig adrett auf der Bühne, schrien nicht und rauften sich nicht die Haare, deklamierten und proklamierten nicht, liessen nicht die sprichwörtliche Sau raus – und gewannen dennoch überlegen die Protest-Abstimmung. „Widerstand ist Ohm“ hieß der Siegertitel – er ist auch auf dem aktuellen, vorliegenden Album zu finden. Und „Widerstand ist Ohm“ brachte und bringt die Formel des Ersten Wiener Heimorgel Orchesters auf den Punkt: Witz, Wärme und Wunderlichkeit, gepaart mit kühler Analytik, punktgenauer Zeitkritik und hinterhältigem Charme.

Und das alles versehen mit einer billig-beiläufigen Tonspur, deren Präzision, Originalität und kompositorische Exzellenz sich erst nach und nach erschliesst. Heimorgeln? Nein danke. Das ist der erste Reflex. Heimorgeln, das klingt doch arg nach achtziger Jahre, nach Klavierübungsstunden und Familienfeier-Untermalung. Aber die Orgeln, die die Herren Wisser, Plank und Pfeffer da exklusiv – in jedem Sinn des Wortes – malträtieren, kommen direkt aus dem Klangmuseum: kleine, kuriose, billige „consumer keyboards“ der Marken Casio, Bontempi, Yamaha & Co. Ausschließlich. Und unsere Herren beherrschen sie virtuos – so virtuos, daß man sie auf die Bühne des Burgtheaters gebeten hat („Untertagblues“ nach Peter Handke), Stummfilme bei den Wiener Festwochen untermalen ließ oder zu Workshops beim Steirischen Herbst einlud.

Natürlich steht das EWHO (ab sofort gilt diese Abkürzung) unter Kraftwerk-Verdacht. Das ist Teil des Witzes. Aber wo Ralf Hütter und seine Mannen teutonisch-ernst bleiben – hat man Roboter je lächeln gesehen, geschweige denn lauthals lachen? – , bringen die Wiener immer ein Augenzwinkern ins Spiel. Oder zwei. Stücke wie „Vaduz“, „Pfirsich Melba“, „Kastelseer“ oder „Uri Geller“ schrammen knapp an der reinen Blödelei vorbei, können aber jederzeit auch als Bestandaufnahme und Parodie einer sinnentleerten, hochtourig im Leerlauf drehenden Pop-Maschinerie durchgehen.

Damit kommen wir zu einem der Höhepunkte des Albums (und stellen ihn gleichzeitig als Vorgeschmack auf mehr online): Konrad Bayers Suizid-Poem „Niemand hilft mir“. Einer mein „All Time Favourites“. Als Früh-Achtziger-Punk-Song (im Original von Willi Warma, bekannter in der Version von Ronnie Urini & den letzten Poeten) energetisch, tragisch, messerscharf, als Bontempi-Petitesse annähernd dreißig Jahre später auch nicht von schlechten Eltern… Am Mikrofon: Ronald Iraschek alias Ronnie Urini. Authentizität meets Verfremdung. Schwärze trifft auf Samtanzüge. Ent- oder Verschärfung der Situation, ganz nach Geschmack.

Der abgründige Humor des EWHO tritt auch in Pretiosen wie dem titelgebenden Elektro-Couplet „Es wird schön gewesen sein“, seltsamen Freizeit-Hymnen wie „Weekend“, dem auch abseits von Protestsongcontesten trefflichen „Widerstand ist Ohm“ oder dem arg fröstelnd machenden „Die Ruhe im Zimmer“ zutage. Solche Entwürfe brauchen adäquate Assoziationen, Querverweise und Beschreibungen. Robert Glashüttner von FM4 hat sie parat: „Die in gekonnter Dada-Manier ungeheuer starke Schlagwort- und Synonym-Zuweisung bäumt sich mit der hypnotischen Sound-Kulisse zu einer poetischen Protesthymne auf, einer brillanten Elektro-Minisinfonie der experimentellen Semantik…“

Man sollte also nicht den Fehler machen, dieses – sich vordergründig so harmlos gebende – Taschenorchester gedanklich in den Hobbykeller, das Wirtshaus-Hinterzimmer und die Amateur-Bastelwerkstatt zu stecken. Florian Wisser, Daniel Wisser, Jürgen Plank und Thomas Pfeffer haben es faustdick hinter den Ohren. Und das musikalische Können im kleinen Finger. Das neue Album ist ein Anstoß mehr, dieses Quartett als das zu werten, was es immer sein wollte. Und mehr denn je ist: Österreichs Antwort und Kommentar zur elektrifizierten, verlöteten, analog-digitalen Pop-Historie jenseits des Alpenrandes, von Jean-Michel Jarre bis Orchestral Manouvres In The Dark, von Hot Butter bis New Order, von Trio bis zum Jeans Team aus Berlin. Schlimmstenfalls packen die Jungs auch noch die Stalinorgel aus, um uns auf Betriebstemperatur zu bringen. Es wird sein. Und es wird schön gewesen sein.

Noch ein Fingerzeig: Albumpräsentation ist am 7. November im Rabenhof Theater (wo sonst?). Karten gibts hier.

ERSTES WIENER HEIMORGEL ORCHESTER feat. RONNIE URINI – „Niemand hilft mir“


Das elektrische Taschenbuch

17. Oktober 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (31) Der Buchhandel geht mit dem Digitalzeitalter entspannter um als die Musikindustrie. Noch.

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„Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich, es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam; aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen…“

(Johann Wolfgang von Goethe, “Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre“)

Ja, der gute, alte Goethe. Wird wohl gerade von Google digitalisiert. Von bibliophilen Raubrittern in jeder erdenklichen Form gescannt und kopiert. Und demnächst, ganz nach Belieben, im freien pdf-Format oder als wohlfeile Klassiker-Gesamtausgabe mit dem Logo von Sony, Amazon, Time Warner & Co. samt Lese-Instrumentarium unterm Weihnachtsbaum liegen. Denn ausgerechnet bei den Ikonen der Geistesgeschichte muss man keine langwierigen Debatten fürchten, ob denn das nun legal und angebracht und moralisch einwandfrei sei; lebende Autoren und heute aktive Verlage sind da schon ein bisschen feinfühliger, was Copyrights betrifft. Der kommerziellen Krake Google auf die Tentakel zu klopfen ist aber erst ansatzweise gelungen. Bei den Raubkopierern ist es, allen Digital Rights Management-Barrieren zum Trotz, sowieso hoffnungslos.

Im Verlagssektor spielt’s sich gerade genauso heftig ab wie in jeder anderen Industrie und Branche, deren Handelsgüter sich in Nullen und Einsen zerlegen lassen – und die sich ob der Entwertung durch unendliche Kopierbarkeit und unkontrollierbare Verbreitung jeglichen „contents“ ihres Geschäftsmodells beraubt sehen. Es ist ja hoch sympathisch, bei Buchhändlern und in „Amadeus“-Filialen vermehrt Informationsständer und Kauftheken für eBooks und eBook Reader, die nun allerorten getesteten, diskutierten, gelobten und verdammten Lesegeräte für digitale Bücher, vorzufinden. Von wegen Kompetenzzentren: immerhin eine Chance.

Aber ich fürchte – und der CD-Handel gibt nach der Schließung von Tower Records, HMV- und Virgin Megastores, WOM-Filialen und lokalen Grössen wie Kastner & Öhler in Graz ein trauriges Fallbeispiel ab –, das wird á la longue nur ein paar „High Fidelity“-artige Feinschmeckerläden für die Liebhaber der Papier-Ausgaben von Nick Hornby, Peter Handke und Herta Müller überleben lassen. Und Amazon hält ja schon kräftig dagegen: ab kommender Woche gibt’s den hauseigenen „Kindle“ in einhundert Ländern weltweit zu kaufen, auch in Österreich. Das ist erst der Beginn. Und zunächst sind es nur englischsprachige Titel, die zum Download per UMTS-Netz bereit stehen. Ein Umstand, der nicht lange vorhalten wird.

Ich weiß schon: Papier ist sinnlich, der Mensch ein haptisches Wesen, die Buch-Form ein jahrhundertealtes, perfekt ausgereiztes Kulturgut, die Badewannen- und Freibad-Tauglichkeit hoch, der Internet-Nerd ein Literatur-Banause. Und überhaupt. Aber insbesondere als Fach- und Sachbuch-Verleger würd’ ich mir perspektivisch wirklich Sorgen machen: was nur ein-, zweimal, eventuell sogar gezwungenermassen, gelesen, benutzt und studiert wird, will man sich partout nicht ewig ins Bildungsbürgerregal stellen. Und der Kostenfaktor wiegt in Schüler- und Studentenkreisen doppelt. Das hat schon den Brockhaus, den Duden und die Musikindustrie (fast) gekillt.

Tröstlich, wenn man – wie ich dieser Tage in Innsbruck, in der Auslage der Wagner’schen Buchhandlung (Werbespruch: „Bildung seit 1639“) – ein trautes Nebeneinander uralter, wertvoller Buchschinken, sentimentaler Neuerscheinungen („Der Buchdrucker der Medici“) und erster eBook-Reader von Sony vorfindet. Ich fürchte nur, die Idylle dieses Stillebens wird nicht lange anhalten.