Punktlandung

4. Juli 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der “Presse am Sonntag” (17) Entwicklungen wie „Spotify“ verheissen Zukunftsmusik, die mehr als ein paar Cent abwirft.

Spotify

Daß sich die Musikbranche seit geraumer Zeit in heftigen Turbulenzen befindet, ist auch nicht mehr gerade die allerheisseste Nachricht. Im Gegenteil: seit etwa zehn Jahren geht es bergab, mittlerweile ist die Mannstärke – Frauen inkludiert – weltweit auf die Hälfte der güldenen neunziger Jahre geschrumpft, die führende Branchenmesse „PopKomm“ in Berlin wurde abgesagt (angeblich nur für eine ein Jahr lang dauernde Nachdenkpause, aber niemand glaubt daran), und auch die „Midem“ in Cannes ist nicht mehr, was sie einmal war: ein Eldorado austernschlürfender Spesenritter. In Vertrieben und Labels, die gerade reihenweise ihre Pforten schliessen, finden sich keine Biotope mehr für dafür. Allmählich gewöhnt man sich daran, das Wort „Business“ oder gar „Industrie“ im Zusammenhang mit Musik zu vermeiden.

Ist aber die Avantgarde des Niedergangs nicht geradezu prädestiniert, die Vorreiterrolle für eine neue, eventuell radikal andere Ökonomie des 21. Jahrhunderts einzunehmen? Die Tonspur der Pop-Kultur war und ist ja deshalb der bevorzugte „content“, also der Trägerstoff der digitalen Revolution, weil sich Songs, Tracks und ganze Symphonien besonders geschmeidig in Nullen und Einsen zerlegen, in Glasfaserkabel, Netzwerke und Speichermedien einspeisen und behend wieder in reale Glückserlebnisse zurückverwandeln lassen. Um die Musik selbst – und die Kreativität, die sie befeuert – muss man sich keine Sorgen machen: es gibt mehr als genug davon. Und jeden Tag kommen ein paar tausend Kompositionen und Tonkonserven dazu. Daß damit in Zukunft absolut gar kein Geschäft mehr zu machen wäre, weder für die Künstler noch für eine professionelle Infrastruktur (Label, Verlag, Booking, Management, Tonstudio, PR-Agentur, Vertrieb, CD-Store, Downloadplattform… you name it), prognostizieren nur notorische Schwarzmaler.

Ich bin seit wenigen Tagen Beta-Tester von „Spotify“, einer Software aus Schweden, deren Entwickler sich vorgenommen haben, per Peer-to-peer-Technik und Streaming jedes erdenkliche Musikstück auf Endgeräten zum Klingen zu bringen, die mit dem Internet in Verbindung stehen (und das tut heute jeder Kühlschrank). Augenblicklich, unkompliziert und in guter Qualität. Damit würde die persönliche Musiksammlung auf iPods und in Festplattenarchiven schlagartig obsolet. Stellen Sie sich einfach vor, Sie haben jederzeit und allerorten Zugriff auf eine überkomplette Kollektion an Pop, Jazz, Soul Klassik, Hackbrett-Techno, was immer auch. Ich hör’ (und schau’) mir das mal genauer an; mehr dazu baldigst an dieser Stelle, versprochen. Und auch den der „PopKomm“ nachtrauernden Branchen-Gurus – eventuell handelt es sich nur um Dieter Gorny und eine Handvoll Messeausrichter – sei verraten: es kommt immer etwas nach. Und es muß nicht unbedingt Schlechteres sein.


Bitjockeys

2. Juli 2009

Fortschritt kann tatsächlich Fortschritt bedeuten: für DJs z.B. hat die Digitalära einiges in petto. Auf jeden Fall leichteres Gepäck.

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Meine Wenigkeit greift immer wieder mal auf entspannende Rhythmen und Klänge zurück. In aller Öffentlichkeit. Sprich: ich spiele den Discjockey (solange HC Strache und Konsorten nicht zwingend den volksdeutschen Begriff „Plattenreiter“ vorschreiben). Und sorge so für Friede, Freude, Eierkuchen. Und ein Zucken in den Beinen. Bei Freunden und Bekannten, aber auch für zahlende Auftraggeber. Früher, in den Heydays der Achtziger und Neunziger, war ich ja vielerorts gefragt als DJ. Vom legendären „U4“ über die „Soul Seduction“ im Wiener Volksgarten bis zum „Roxy“ oder „Chelsea“. Daß meine Karriere mit Gastspielen in einer Wurstbratbude („Musikkiosk“) ein unspektakuläres Fade Out erlebte, kann man so nicht sagen.

Denn erst neulich war ich etwa im tiefsten Burgenland bei einem Star-Winzer engagiert. Und, was soll ich sagen, es klappte wie eh und je mit der Tanzbodenbeschallung. Oldies, Superhits, Rockhadern, Mash-Ups (gern genommen: Nena vs. Eminem), Soul, Krautrock und Landdisko-Klassiker bunt gemischt („Gamma Ray“ von Birth Control, wer’s kennt, motivierte etwa Herrn Eselböck zu einem ausladenden Veitstanz), ergibt eine bewährte Rezeptur. Daß die fortschreitende Alkoholisierung des p.t. Publikums dabei eine nicht unwesentliche Rolle spielt, ist zudem eine ewige Wahrheit. Aber warum erzähle ich Ihnen das alles?

Weil auch in diesem Sektor der Fortschritt Einzug gehalten hat. Und ich meine das keineswegs ironisch. Oder gar zynisch. Wer früher als DJ zentnerschwere Plattenkoffer oder CD-Kisten geschleppt hat und einen Lieferwagen voller Mischpulte, Laufwerke und Kabelrollen chauffierte, kann nun das fröhliche, unbeschwerte Lied der Neuzeit singen. Man hat abertausende Songs und Interpreten auf der Festplatte eines Laptops bei sich. Und das Mischpult (ich verwende gerade zu Testzwecken eine abgespeckte Version von „Traktor“, die sich gut bewährt) ist quasi auch gleich eingebaut. Elegant, probat und schweisshemmend, derlei. Wenn nun irgendwer, bitt’schön!, noch federleichte Lautsprecher und winzige Digitalverstärker erfindet, die einem den Transport und Aufbau der ungebrochen monsterfetten, voluminösen und entsprechend gewichtigen PA-Anlage ersparen, wäre ich vollends zufrieden. Ich muß glatt mal nachschau’n in alten „MixMags“ oder „Groove“-Ausgaben, ob derlei nicht schon irgendwo, irgendwann angekündigt oder in Aussicht gestellt wurde…

Von wegen: es soll heutzutage schon Discjockeys geben, die gerade mal zwei iPods zur Party mitbringen. Oder gar nur ein iPhone. Minimal Music? Eher: maximaler Überraschungseffekt. Eventuell auch ultimative Effizienz. Kosten tut das ganze Zeug, vergleicht man es mit den Investitionen von früher, als man noch innerlich bereit sein mußte, für Technics-Decks, Profi-Mischpult und Lichtorgel-Firlefanz seinen Bausparvertrag aufzulösen, (fast) auch nichts mehr. Geschmack, Musikkenntnise und DJ-Talent konnte man sowieso noch nie kaufen. Um keinen Preis.


Grünes Meer oder weniger

26. Juni 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der “Presse am Sonntag” (16) Social Networks. Facebook, Twitter & Co. transportieren weit mehr als ungeschminkte Nachrichten aus dem Iran.

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Jetzt verblassen sie allmählich wieder, die grün gefärbten Gesichter in Facebook. Und werden bald ganz verschwunden sein. Aber man wird den Sommer 2009 nicht nur in Erinnerung behalten als jenen Sommer, als Michael Jackson starb, das Donauinselfest fast ins Wasser fiel und man in Österreich auf immer noch gemütlichem Niveau und in gemächlicher Gangart über Sparpakete, Steuererhöhungen, Antikorruptionsgesetze und Krankenkassen-Reformen diskutierte. Sondern auch als jenen Sommer, in dem die Farbe Grün – strikt abseits der kleinkarierten Innenpolitik dieses Landes – als Signal der Hoffnung und Solidarität aufleuchtete. Im Zusammenhang mit dem Widerstand der Bevölkerung des Iran gegen eine blutige Farce, eine (zu) offensichtliche Verhöhnung demokratischer Prinzipien und humaner Grundbedürfnisse. Ob diese Revolution im Keim erstickt wurde oder über kurz oder lang doch die Mullah-Diktatur zu zersetzen vermag, darüber sollen Kommentatoren und Politologen streiten. Man war und ist, verwechselt man sich nicht selbst mit Che Guevara, zu rein privatistischer Sorge, Mitgefühl und Ohnmacht verdammt.

Mit einem gewaltigen Unterschied – und hier kommt die Technik ins Spiel – zu Prä-„Sea of Green“-Zeiten: wo uns Fernsehen, Radio und Printmedien zu weitgehend passiven Konsumenten von Schreckensberichten machen, bietet das World Wide Web als neue, alles vereinnahmende Kommunikations-Matrix einen Rückkanal. Mehr als das: eine Plattform, ein Elektrokatapult, einen Knotenpunkt (oder, neudeutsch, „Hub“), um Aufmerksamkeit zu generieren, Fragen aufzuwerfen, Diskussionen anzuzetteln und sich auszutauschen. Bewusst, direkt und intensiv auszutauschen. Mit Netzbewohnern, die eventuell nicht mal mehr auf die Strasse gehen, um an Protestmärschen und Lichterketten teilzunehmen. Sondern es vorziehen, in den elektronischen Informationskanälen zu verharren. Und von dort aus das reale Leben (mit) zu beeinflussen.

Natürlich ist auch allerhand naiver Hokuspokus mit im Spiel: ob es Menschen, die als Demonstranten und Handycam-Reporter ihr Leben auf’s Spiel setzen, tatsächlich hilft, wenn man seine Twitter-Uhrzeit auf Teheraner Ortszeit umstellt (um die Zensurbehörden zu verwirren), sei dahingestellt. Und ganz unbedarft sollte man auch nicht jeder Facebook-Initiative, Gläubigengemeinde oder 140 Zeichen-Botschaft, egal woher, wohin oder von wem, auf den Leim gehen. Oft hilft schon das Anzapfen weiterer Informationsquellen, die Kenntnisnahme seriöser journalistischer Recherchen oder ein Rückgriff auf den prallen Vorratsspeicher an Erfahrungen, Meinungen und Argumenten. Oder ein schlichter Blick in Wikipedia. Etwa, um draufzukommen, daß Grün viele Bedeutungen und Schattierungen hat. Seit diesem Sommer eine positive mehr.


Tonbüchsen

21. Juni 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der “Presse am Sonntag” (15) Für Tonjäger, Hörfunkreporter und Originalton-Fetischisten ist die Digitalära ein Schlaraffenland.

Marantz PMD620

Einer meiner Freunde hat immer noch einen Cassetten-Walkman, den er ständig mit sich herumschleppt. Das Ding ist inzwischen arg zerschunden und partiell desolat, fast scheint mir, als würde es nur von Tixo-Bandagen zusammengehalten. Auch der Hinweis, dass mittlerweile MP3s und andere digitale Formate die gute, alte Compactcassette abgelöst hätten, ignoriert der Retro-Parteigänger beharrlich. Und überspielt ungebrochen und umständlich CDs auf Tape. Ein Vorgang, der ihn mehr und mehr vom Rest der Menschheit entfremdet, so sympathisch konservativer Beharrungsgeist gelegentlich auch sein mag.

Nun ist Fortschritt um des Fortschritts willen tatsächlich kein Wert für sich. Aber gerade, was die Aufnahme, Speicherung und Archivierung von Tonmaterial betrifft, ist die Digitalära ein Segen. Ich erinnere mich noch an Zeiten, wo ich als Rundfunk-Novize kiloschwere Uher-Tonbandgeräte tragen durfte. Meine Schulter dankte herzlich für den Umstand, dass die noch schwereren Nagras – Wunderwerke Schweizer Feinmechanik! – den Techniker-Profis vorbehalten blieben. Ich habe tausende Schillinge für folgende Gerätegenerationen ausgegeben, vom Sony Professional Walkman über mobile DAT-Recorder bis hin zum MiniDisc-Winzling. Nebbich.

Jetzt aber ist es soweit, dass wirkliche Handlichkeit, leichte Bedienbarkeit und superbe Klangqualität Hand in Hand mit erschwinglichen Preisen gehen. Ich beneide die Radio-Macher und Podcaster von heute um ihre Edirols, M-Audios, Zooms, Tascams und Yamaha Pocketraks (um nur einige Marken zu nennen), mit denen sie Interviews und O-Töne aufzeichnen dürfen. Und habe mir selbst einen schnuckeligen Recorder von Marantz gekauft, Modell PMD 620. Ein Traumgerät, das für mich leider zwanzig Jahre zu spät kommt. Oder auch nicht: Diktiergeräte zeichnen ja immer noch zumeist proprietäre Formate auf. Da kommen kleine, leistungsfähige MP3- und WAV-Tonbüchsen mit Flash-Speicher, im englischen Sprachraum bezeichnenderweise “Field Recorder” genannt, gerade recht. Zumal die eingebauten Mikrofone eine mehr als passable Qualität liefern. Auch wenn ein externer AKG- oder Sennheiser-Prügel natürlich das Aufnahmeergebnis nochmals deutlich zu verfeinern vermag.

Mittlerweile soll es sogar schon Geräte geben, die einen iPod als Klangspeicher verwenden. Oder Software, die ein iPhone zum Diktiergerät umfunktioniert. Wird Zeit, dem schrulligen Freund diese Zeilen unter die Nase zu halten.


Ist die Hoffnung grün?

19. Juni 2009

Nein, hier geht es nicht um die Befindlichkeiten der österreichischen Grünen, zumindest nicht im parteipolitischen Sinn. Es geht um Weltpolitik. Und das weltweite Web.

Where is my vote...

Ich habe, offen gesagt, keine Ahnung von der iranischen Innenpolitik. Ausser, daß mir Mr. Ahmadinedschads Fresse immer unsympathisch erschien und der Mann diesen Instinkt durch allerlei wunderliche, um nicht zu sagen grenzwertige, faschistoide An- und Aussagen bestätigte (von einem weiteren, schrecklichen Verdacht habe ich erst diese Woche mitbekommen). Die Wahlen im Iran haben mich lange eher kalt gelassen.

Aber man kann gewisse Bilder, Videos, Nachrichten nicht so einfach verdrängen. Und die Verdichtung der Informationslage und Situationsberichte in den letzten Tagen, also nach dem vorgeblich korrekt ausgezählten Urnengang, entwickelte Sogwirkung. Zumal der Protest, der sich unmittelbar nach den Wahlen zu regen begann, immer lauter, deutlicher, unübersehbarer wurde. Nicht zum ersten Mal – man erinnere sich an den Wahlkampf des demokratischen US-Hoffnungsträgers Obama – spielt dabei das World Wide Web eine wesentliche Rolle. Die dezentrale, ursprünglich auf militärischen Überlegungen basierende Knoten-Architektur des Netzes ermöglicht neue Wege der direkten Kommunikation, Vernetzung und Impuls-Setzung. Aktuelle Ausprägungen wie Facebook, Twitter, YouTube & Co. lassen ahnen, was da noch alles kommen könnte.

Allein: was bereits existiert, versetzt Regierungen, Machthaber und Diktatoren in leise Panik. Egal, ob man flächendeckend Sperr- und Filter-Software vorschreibt (China), davor warnt, Material ins Netz zu stellen, das “Spannungen erzeugen könnte” (Iran) oder das Land per kategorischer Aussperrung des Internet komplett von der Moderne abzuschotten versucht (Nordkorea) – Weltgegenden, die eher nicht zu den Horten der Demokratie zählen, widersetzen sich dem grenzenlosen Ideen- und Meinungsaustausch. Mit gutem Grund: der Cyberspace ist nicht ohne weiteres kontrollier- und zensurierbar wie Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen. Und im Fall des Falles einfach von der Stromleitung abzukappen.

Damit haben auch die Machthaber, Behörden und “Revolutionswächter” im Iran zu kämpfen. Der staatliche Rundfunk steht unter totaler Kontrolle, das Volk ist auf Facebook, Twitter & Co. ausgewichen. Wären da nicht Sprachbarrieren, grundsätzliche Wissensdefizite um die iranische Politik (sic!) und die Zeitverschiebung, könnte man annähernd von einem (gewiss unübersichtlichen, chaotischen, unüberblickbaren) Live-Bild, das aus tausenden Mosaiksteinchen zusammengesetzt ist, sprechen. Aus lauter Einzelinformationen, für die Menschen vor Ort allerhand riskieren. Eventuell sogar ihr Leben. Ein Panoptikum potentiellen (und ansatzweise schon realen) Grauens. Man muß unseren althergebrachten Medien zugutehalten, daß sie uns davon berichten – aber auch sie müssen, was die Lage im Iran betrifft, weitgehend auf die neuen Informationskanäle zurückgreifen. Nun sind wir, wie fast immer, zum passiven Konsum dieser Bilder, Nachrichten und Kurzmeldungen verdammt. Nur manche, die eine stärkere persönliche Bindung zum Krisenherd aufweisen, engagieren sich über das übliche, auf privatistische Erregung, Mitgefühl und Sorge beschränkte Maß hinaus.

Aber ich hatte da kaum einen Gedanken darüber verloren (sieht man von harmlosen Überlegungen zur heimischen Polit- und Medienszene ab), bis zu jenem Zeitpunkt, als die ersten grünen Bildchen in Twitter und Facebook auftauchten. Die mich zunächst nur amüsierten. Bis ich auf eine Twitter-Nachricht von Brian Eno stiess, den ich sehr schätze und dem ich daher als “Follower” auch eine gewisse Aufmerksamkeit schenke. Eno hatte sein Porträtfoto ebenfalls grün gefärbt, und forderte dazu auf, es ihm gleichzutun. Mit Fingerzeig auf eine schlichte, nicht gerade mit Iran-Informationen überfrachtete Website: http://helpiranelection.com/. Nun: mir erschien das zunächst ein wenig kurios, naiv und zwangsaktionistisch. Da Mr. Eno aber schon öfter im Leben ein gewisses Gespür bewiesen hat (und ich mir spontan dachte, “nutzt’s nichts, schadet’s auch nichts”), drückte ich ebenfalls den Grün-Button. Und liess mich gar zu einem Re-Tweet, einer Weiterverbreitung der Botschaft also, hinreissen.

Und dann begann mich die Sache mehr und mehr zu beschäftigen. Grün als Signal, als Zeichen der Hoffnung, als Solidaritätsbotschaft an Menschen im Iran, die schlichtweg für Meinungs- und Versammlungsfreiheit, mehr Demokratie und weniger offensichtlichen Wahlbetrug auf die Strasse gingen – warum nicht? Im Vergleich zu dem Risiko, das diese Leute auf sich nahmen, war und ist das ja ein Fliegenschiss im virtuellen Raum. Ich ahnte aber rasch, daß meine ursprünglichen Assoziationen und Bedenken auch nicht ganz von der Hand zu weisen waren, und daß meine “Macht eure Gesichter auch grün!”-Impulsivität, die ich behende von Twitter auf die mir zugängliche Facebook-Gemeinde übertrug (wo meines Wissens nach noch keine Applikation bereitsteht und viele schon am Einfärben eines Fotos scheitern), nicht nur Fürsprecher, Nachahmer und Freunde finden würde. Im Gegenteil: eine bobo-hafte Vertrotteltheit zählte rasch zu den netteren Attributen, die man mir umhängte. Geschenkt.

Denn natürlich haben die Kritiker auch recht: was sollte dieser Grün-Aktionismus – strikt abseits österreichischer Parteipolitik – denn bewirken, aufzeigen, verändern? “Diese Herdenbewegungen sind eher mit Vorsicht zu genießen… Free Tibet, Yes We Can, Sieg Heil, auf einem gewissen Level alles der gleiche Schmonzes!” postete einer. “Ich halte die Aktion ja eigentlich 1. für bequem-verlogene Lehnstuhlgutmenscherei, 2. für die ein bisschen unkritische Wertung einer politischen Alternative, die sich nicht grundsätzlich, sondern nur graduell unterscheidet und die 3. unproduktiv ist. Ok, Solidarität ist super und hilft denen, die hingerichtet werden, emotionell sicherlich drastisch…” ein anderer. Und eine zitierte Ionescos “Nashörner” und drohte umgehend, mich aus ihrem Online-Freundeskreis zu löschen, denn sie habe – Zitat – “keine lust auf greenfaces, nur weil grad der trend in die richtung geht. den mohammed A kratzts nicht und jeder grüne zwitscherer wixt si an owe, wenn er wieder in der zib erwähnt wird. somehow lächerlich”.

Eh. Aber. ABER: Es geht um ein Signal. Ein klitzekleines. Aber sichtbares. Für jeden Bürger, Menschen, Netizen, der sehen kann. Es geht um die Meinungsfreiheit der Menschen im Iran (und letztlich auch anderswo). Mag sein, daß das alles vertrottelt, unsäglich naiv oder einfach nur irrelevant ist. Aber zumindest ist derlei hierzulande nicht mit der Todesstrafe bedroht. Mag sein, daß Moussawi eine ähnliche Marionette und Schreckensfigur wie Ahmadinedschad ist, das lässt sich nicht einfach beantworten. Aus der Ferne schon gar nicht. Ich würde mir eine Beurteilung nicht anmassen. Aber Meinungs-, Medien- und Versammlungsfreiheit ist davon unabhängig. Und ein demokratisches Grundprinzip. Kategorisch. Global.

Auch im World Wide Web. Und in unseren Köpfen. Wir müssen alle lernen, neue Wege zu gehen. Und schlichte Schwarz-Weiss-Schemata zu durchbrechen. Grün ist da nur ein Teil eines Spektrums. Aber besser als ein reales Rot, das in die Abwasserkanäle, Rasenstreifen und Pflastersteine in Teheran und sonstwo sickert. Wenn’s denn hilft. Aber schaden, nein schaden kann so ein kleinwinziges kotzgrünes Bildchen im elektronischen Ego-Schrein nun wirklich nicht.


Wahlmöglichkeiten 2.0

13. Juni 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der “Presse am Sonntag” (14) Politiker, aber auch Medienmacher tun gut daran, sich auf mehr, direkteres und kritischeres Feedback einzustellen.

Stoppt Graf

Themen – und nicht mal irgendwelche, sondern taufrische, probate, signifikante Themen für eine Kolumne wie diese – trudeln dieser Tage quasi im Minutentakt ein. Vom neuen iPhone der dritten Generation über Myriaden elektronischer Buch-Nachfolger („E-Reader“) bis hin zu Sportwagen mit ein paar tausend Lithium-Ionen-Batterien im Kofferraum: ob das alles zukunftsträchtig ist, wird sich weisen. Spannend ist diese potentielle Themenfülle allemal. Die Qual der Wahl hat eine lustvolle Komponente.

Apropos Wahl: stark reizen würde es mich aktuell etwa, über eine Web-Plattform zu berichten, die gestandenen Funktionären der Grünen gerade graue Haare wachsen lässt. Der Zug der Zeit, mehr direkte Demokratie zu wagen, scheint für manche ja ein Zug nach Nirgendwo zu sein. Eventuell verwechseln sie das imaginierte Ziel aber auch mit dem eigenen Standpunkt. Andere verstehen überhaupt nur Bahnhof. Oder versuchen behend die eigene, systemkonforme Karriere zu retten.

Lustigerweise hat die ÖVP gerade dito den Scherm auf, da das interne EU-Match Strasser gegen Karas, das letzterer recht eindrucksvoll und eindeutig für sich entschied, ebenfalls den Trend zu mehr – und direkteren – Wahlmöglichkeiten widerspiegelt. Das Internet, zumal in der Version 2.0, begünstigt diese Entwicklung. Eklatant. Und ich spreche noch nicht mal von Web-Maschinerien („E-Voting“), wie man sie bei der Hochschülerschaftswahl erstmals angeboten hat. Mit mässigem Erfolg übrigens. Die Herren Pröll, Faymann & Co., partiell aber auch Frau Glawischnig, wären gut beraten, öfter mal einen Blick auf Social Networks, in diverse Plattformen, Foren und Blogs zu werfen. Dann z.B. würde ihnen vielleicht zum strammen Herrn Graf, ihrem vorbildlichen Nationalratspräsidenten, mehr auffallen. Und eventuell auch mehr einfallen.

Aber lassen wir das. Schliesslich geht es hier um Technik, nicht um Politik. Doch auch Journalisten müssen umlernen: keckes, pluralistisches, unmittelbares Feedback auf Artikel, Kolumnen und Kommentare ist heute ein integraler Bestandteil des (ver)öffentlich(t)en Umgangs mit Themen aller Art. Bisweilen ist die eine oder andere Leser-Anmerkung sogar trefflicher, aktueller, gar kompetenter als jede noch so professionell recherchierte Story. Raum dafür ist genug, weil unbegrenzt, vorhanden. Im Web. Und ein Detail mehr gilt es zu bedenken: es gibt keine „endgültige“ Form mehr, vom Inhalt ganz zu schweigen. Alles bleibt Beta. Eventuell wird man bald Versionsnummern für Online-Artikel einführen, und die Streichungen, Erweiterungen, Korrekturen und Korrekturen der Korrekturen ergeben eine weitere Meta-Ebene im ewigen Ringen um die Wahrheit. Die Ware Wahrheit, wohlgemerkt.

Wie immer auch: könnte sein, daß sich diese Kolumne im Netz ein wenig (oder eventuell ganz) anders liest als auf Zeitungspapier. Quod erat demonstrandum.


Sieben beiläufige Fragen

11. Juni 2009

Ursprünglich habe ich diese Zeilen für das Branchen-Magazin “Sound & Media” geschrieben. Daß sie dort ungedruckt bleiben, überrascht mich ebensowenig wie es mich ärgert. Es sind nur ein paar Fragen, wiewohl unbequemer Natur. Aber wir alle sollten uns nicht um Antworten herumdrücken.

parentaladvisory

Warum hält man in Wien krampfhaft an einem sauteuren, überdimensionierten, kritikresistenten (um ein anderes, böseres “K-Wort” zu vermeiden) Musical-Apparat fest? Es ist schmerzhaft, die Serie von Kontrollamtsberichten zu den Vereinigten Bühnen zu lesen – mit den Millionen, die für ständige “Ronacher”-Sanierungen, dubiose Beraterverträge und Abfertigungen für “verdiente” Manager aufgewendet wurden und werden, liessen sich künstlerisch weit wertvollere, spannendere Unterfangen unterfüttern. Und die gesamte Wiener Kulturförderung neu strukturieren. So aber kassiert Kathi Zechner fette Erfolgsprämien und Stadtrat Mailath-Pokorny Misstrauensanträge. Daß sich probate Musical-Stoffe und ganze Inszenierungen auch mit deutlich weniger Aufwand schaffen lassen, beweisen Kim Duddy, Martin Gellner und Werner Stranka mit “Carmen Cubana” und “Rockville”. Letzteres hat aber dieser Tage in Sankt Pölten Premiere, nicht in Wien.

Warum schaffen es manche Verwertungsgesellschaften nicht, Geldflüsse offenzulegen? Das ist ein sehr spezielles Thema, gewiss. Aber bei genauerem Hinsehen geht es auch hier um viel Geld. Sehr viel Geld. 2007 gelangten unter dem Titel der pauschalen “Leerkassettenabgabe” 16,4 Millionen Euro – der letzte recherchierbare Wert – zur Verteilung an diverse Empfänger. Fünfzig Prozent (oder mehr) dieser nicht unbeträchtlichen Summe sind für “sozial-kulturelle Zwecke” vorgesehen. Während etwa die Leistungsschutzgesellschaft der Interpreten seit vielen Jahren penibel die widmungsgemässe Verwendung (SKE-Fonds) offenlegt, tut dies die LSG der Produzenten, also der Labels und Plattenfirmen, nicht. Obwohl es der Gesetzgeber vorschreibt. Werte Damen und Herren von AKM, Austro-Mechana, Literar-Mechana, VAM, VDK, VDFS, LSG und VGR (und wer immer sich noch angesprochen fühlt, auch bei der staatlichen Aufsichtsbehörde RTR): es wird Zeit! Sonst könnten früher oder später der/die eine oder andere auf die Idee kommen, genauer nachzufragen, was man denn in diversen Gremien so für sozial und kulturell wertvoll hält.

Wie steht es wirklich um die AKM? Gute Frage. Wichtige Frage. Schliesslich kursieren unter österreichischen Autoren, Komponisten und Musikverlegern seit Monaten hartnäckige Gerüchte. Man hätte in den Madoff-Fonds investiert und jede Menge Geld verloren. Man müsse die Pensionsaussichten für verdiente Voll-Mitglieder “an die Realität anpassen” oder gar streichen. Man sei sich tendenziell ganz und gar nicht sicher, ob man als kleine, nationale Urheberrechtsgesellschaft in Zeiten der EU und des grenzenlosen Internet eine gloriose Zukunft vor sich hätte. Und so weiter. Und so fort. Nun, abgesehen von der etwas unangenehmen Frage, ob es Sinn und Ziel einer Genossenschaft sein kann, zu spekulieren und Zusatzpensionen für (manche) Genossenschafter zu reservieren (statt das treuhändisch verwaltete Geld zu hundert Prozent abzüglich der Verwaltungskosten an alle Mitglieder auszuschütten), täte der Gesellschaft generell eine Öffnung gut. Sonst wird man noch bei Jahresversammlungen hinter verschlossenen Türen über Verteilungsschlüssel diskutieren, wenn es längst nichts mehr zu verteilen gilt.

Wie soll der ORF ernsthaft sparen, wenn die Politik einerseits keine und andererseits wieder ausschliesslich Tabuthemen kennt? Das Radiosymphonierorchester. Die Landesstudios. Die “wohlerworbenen” Privilegien der Direktoren, Betriebsräte und Partei-Verbindungsleute. Das Film-Fernseh-Abkommen. Diverse Reform- und Struktur-Pakete. Die neue Medienbehörde. Man kann das natürlich auch alles lösen, indem man gar nichts löst. Dann löst sich die Sache früher oder später (eher: früher) von selbst.

Warum schafft es der “Amadeus” nicht, ein transparentes Wertungssystem einzuführen? Auch diese Frage wird mir nicht viele Freunde bescheren, aber, sorry, ich fühle mich nicht wohl mit (und in) einem System, das weniger denn je eine nachvollziehbare, durchdachte, halbwegs objektivierbare Preisvergabe ermöglich. Okay, werden Spötter einwenden, der “Amadeus” sei doch eh nur ein Witz-Preis und jetzt kämen halt die Kritikerlieblinge, Fanclub-Animateure und Underground-Heroen zum Zug. Dann aber sollte man es gleich lassen. Hausaufgaben nicht gemacht.

Und wenn wir schon beim grössten, weil (mehr oder minder) einzigen heimischen Musikpreis sind: warum verkaufen es uns die “Amadeus”-Macher als Fortschritt, daß es anno 2009 keinen TV-Partner gibt? Ich verstehe schon, daß Michi Gaissmaier et al verstärkt auf Facebook, Twitter, YouTube & Co. setzen wollen. Ist ja modern. Ist auch wirksam, irgendwie (auch wenn der “Amadeus” zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Zeilen noch nicht mal eine aktuelle Homepage hat). Aber war nicht die TV-Übertragung immer der Wesenskern und eigentliche Sinnstifter dieses – vormaligen – Medienspektakels? Oder habe ich da etwas falsch verstanden? Hübsch, wenn man nun aus der Not eine Tugend machen will. Und Äquidistanz zu allen Medien erklärt. Und dann ausgerechnet mit dem “News”-Verlag, der sicher viel Freude mit Soap & Skin & Co. hat (und umgekehrt), erst wieder einen Premium-Partner erkürt. War schon der Vorjahrspartner Puls TV real ein Abstieg in die Bedeutungslosigkeit (wenn auch mit einigem Charme und bemerkenswertem Engagement), so bleibt’s diesmal absehbar bei einer flotten Party 2.0 nach der Massen-Preisverteilung 2.0. Ein paar Medien-Schlaglichtern davor und danach. Und zynischen Kommentaren wie eh und je. Ich beharre auf meinem Standpunkt: ohne ORF, Abteilung Fernsehen, geht da nix.

Damit wäre man automatisch bei der (vorerst) letzten Frage: warum stellt sich der ORF in Sachen “Amadeus” generell ins Trotzwinkerl? Und kommt seiner natürlichen Rolle und Aufgabe partout nicht nach? Und meint, mit der öden Kostenfrage dem Kultur-Auftrag (nein, das ist kein leeres Wort, zumal es sich gut mit Unterhaltungswert auffetten liesse) entkommen zu können? Gute Frage. Nächste Frage.

Warten wir erst mal geduldig die eine oder andere Antwort ab.


Die Neuerfindung von General Motors

7. Juni 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der “Presse am Sonntag” (13) Die Krise ist für die Autohersteller auch eine – letzte – Chance. Werden sie sie wirklich nutzen?

Opel Concept

Fahre ich nun ein österreichisches Auto, wenn ich Opel fahre? Sorry: ernsthaft können diese Frage nur Zwangspatrioten oder Vollidioten stellen. Oder ahnungsvolle Steuerzahler. Denn wir bekommen gerade in aller Dramatik vorgeführt, was abstrakte Begriffe wie „Globalisierung“, „Weltwirtschaftskrise“ oder „Paradigmenwechsel“ in der Realität bedeuten. Und Realität heisst: unser aller Alltag. Ob der Magna-Konzern, der als Autoausrüster mit dem Rücken zur Wand stand, sich mit dem Opel-Deal quasi an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen kann, wird sich noch weisen. Ob die Russen auf Astra, Zafira & Co. abfahren, ebenfalls. Der Leitsatz Frank Stronachs jedenfalls lautet: „Der Markt darf nicht verlorengehen“.

Was aber, wenn der Markt schon längst verloren gegangen ist? Zig Millionen Fahrzeuge stehen auf Halde. Jahr für Jahr kommen Millionen dazu. Die durch die unselige „Verschrottungsprämie“ ausgelöste Hausse bei den Händlern ist die Baisse von morgen. Wenn sogar die „Kronenzeitung“ ihren Lesern flüstert, „seltsame, zum Teil riesige Schlitten“ wären strikt „am Markt vorbeiproduziert“, sprich: elendige Ladenhüter, dann sollte allmählich auch Politikern und Sonntagsrednern ein Licht aufgehen.

Der Wirtschafts-Leithammel des 20. Jahrhunderts, die Automobilindustrie, muß sich neu erfinden. Rasch. Und radikal. Und wenn es gewaltiger Pleiten bedarf, um draufzukommen, daß Zweieinhalb-Tonnen-Benzin-Kutschen im Jahr 2009 ein Sinnbild für saurierhafte Blödheit sind, dann ist die Krise eine Chance. Nur dann. Denn es ist nicht zuletzt eine Sinnkrise. Auf einen Schlag sehen viele der barocken Vehikel, die uns in Propaganda- Illustrierten wie „AutoBild“ als „State of the Art“ angedient werden, furchtbar alt aus: überwuzelt, überdimensioniert, überholt.

Geben Sie einmal „General Motors“ und „Reinvention“ als Stichworte in Google ein. Sie werden einen – seltsam blechern tönenden – Abgesang auf die stolze Historie des nach Toyota weltgrössten Automobilherstellers zu sehen bekommen. Und einen Vorgeschmack auf Kommendes. Was genau, bleibt leider offen (und hat auch schon entsprechende Kommentare und Parodien stimuliert). Immerhin will GM nach dem Konkurs dringend die Marke Hummer (ja, das sind diese peinlich plumpen Panzerwägen) loswerden. Ich fürchte, Albert Einstein hatte die klarere Vision einer „Neuerfindung“: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“.


Beiläufige Musktipps (5)

2. Juni 2009

Mit “Live in Mumbai” liefern Bauchklang demnächst ein erstes, lang erwartetes Live-Album ab. Und was für eines! Die mirakulösen A-Cappella-Fähigkeiten des Quintetts, sein spitzbübischer Charme und die wuchtige Bühnenpräsenz galten immer schon als “unique selling propositions” einer Band, die weltweit keinen Vergleich zu scheuen braucht. Und auch nicht scheut.

Cover LIVE IN MUMBAI (alt)

Viele heimische Künstler, Bands und Interpreten sind „weltberühmt in Österreich“. Dagegen gibt es höchstens etwas zu sagen, wenn diese Vorstufe zu tatsächlichem internationalen Erfolg als ewiges Faulbett vorauseilender Entschuldigungen dient, warum eine Karriere auch jenseits der Grenzen nicht denk-, schaff- und machbar wäre. Diese tödliche Falle für eine stringente künstlerische Entwicklung haben Bauchklang immer elegant links liegen gelassen – ihren Namen kennt man heute in Paris, Hamburg oder Mumbai (alias Bombay) ebenso wie in Wien, Bregenz oder Sankt Pölten.

Eben dort, in Sankt Pölten, liegt der Ausgangspunkt. 1996 formierte sich der Urkern der Gruppe Bauchklang im Zug einer gemeinsamen Musical-Produktion („Jesus Christ Superstar“). Im Lauf der Jahre erfanden die fünf Vocalisten Andi Fraenzl, Alex Böck, Gerald Huber, Christian Birawsky und Philipp Sageder das Genre A-Cappella – lange abgetan als ironisch-beschauliche Populärkultur-Spielform á la Comedian Harmonists – praktisch neu und übersetzten es ins dritte Jahrtausend. Mit virtuoser Stimmbeherrschung, Mouth Percussion und Human Beatboxing generieren Bauchklang einen Gesamtsound, dessen breites Klangspektrum, rhythmische Akzentuierung und brachiale Massivität für das Publikum kaum fassbar ist. Und umso mehr beeindruckt. Bauchklang verbinden und verdichten Dub, Reggae, HipHop, Drum’n’Bass und World Music zu facettenreichen, komplexen Klangbildern, grooveorientiert, dicht gewebt und zugleich spärisch.

Spätestens 2001 mit ihrem Auftritt in Frankreich am Festival Transmusical in Rennes wurde das Interesse der Medien auch europaweit geweckt. Es folgten renommierte Festivals und ausgewählte Clubs in Dänemark, Belgien, Holland, Deutschland, Schweiz, Frankreich und Österreich. 2001 wurden Bauchklang mit zwei “Amadeus Awards” als bester FM4 Alternative Act 2001 und für ihr Debutalbum „Jamzero“ ausgezeichnet. Ihr Erfolg hat das Quintett letztendlich bis nach Übersee gebracht, wo sie u.a. beim Jazzfest in Montreal oder im Blue Frog Club in Mumbai mit Begeisterungsstürmen aufgenommen wurden. Die letzten zwei Jahre arbeiteten Bauchklang an ihrem dritten Studioalbum (”Signs”), das im Herbst/Winter 2009 auf den Markt kommen soll.

„Sie setzen nicht auf hitparadeverdächtige Trends. Das Wort “Kommerz” kommt einem nicht mal ansatzweise in den Sinn“, so das deutsche Online-Musik-Magazin laut.de. „Eher schon Attribute wie sensationell, beispiellos oder unfassbar. Und immer wieder die Frage: Wie kann Mann solche Klänge ohne Instrumente erzeugen?“

Gute Frage. Nächste Frage. Dem „Weltberühmt in Österreich“-Syndrom entkommen Fränzl & Co. mit ihren (fast) konkurrenzlosen Fähigkeiten und ihrer seit Anbeginn forcierten Weltläufigkeit allemal. Das hat das Quintett immer schon vom Grossteil der heimischen Szene separiert: Selbstbewusstsein, Eigenwilligkeit und Gelassenheit. Und eine unangestrengte Internationalität, die nun im Ton- und Bilddokument „Bauchklang live in Mumbai“ ihren bisherigen Höhepunkt findet. Ziemlich genau ein Jahr nach dem ersten Auftritt im „Blue Frog“, im Februar 2009, war dem einstigen Insidertipp ein fulminantes Déjà-vu beschert: abermals ein ausverkauftes Konzertereignis mit hochkarätigen Gästen aus der Film- und Musik-Metropole Nordindiens.

„Live in Mumbai“ erscheint Anfang Juli 2009 und ist mehr als ein Belegstück, ein Pausenfüller, ein schlichtes Reise-Dokument. Das Album präsentiert eine Auswahl von lang bekannten und ganz neuen Tracks (etwa einen Vorgeschmack auf „Signs“) plus spontane Bühnensessions der 2009er-Serie (etwa mit der Sängerin Shilpa Rao, hier zu hören, oder dem Percussionisten Vivek Rajagopalan), die an drei energiegeladenen Abenden festgehalten wurden. Die Bonus-DVD der limitierten Erstauflage liefert die Bilder dazu. Soetwas hat man sich lange schon gewünscht von Bauchklang. Zumal Live-Spektakel die eigentliche Domäne der Gruppe sind (die CD-Präsentation findet übrigens am 29.06. im WUK statt). Kann gut sein, daß die fantastischen Fünf in absehbarer Zukunft eher weniger Interesse an herkömmlichen Formaten, althergebrachten Spielorten und den üblichen Medienkanälen haben.

BAUCHKLANG feat Shilpa Rao – live in Mumbai

Bauchklang


Spontaner, bunter, besser

31. Mai 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der “Presse am Sonntag” (12) Ist die Lomografie die Antithese zum “Höher, schneller, weiter” der Kamerahersteller und Profifotografen?

Lomo LC-A Book

Dass ein wenig Lob für eine (eben nicht ganz) schlichte, vergleichsweise billige Kompaktkamera solche Reaktionen auslöst, hätte ich, zugegeben, nicht vermutet. Aber möglicherweise sind Reizthemen für Kolumnisten breiter gestreut als angenommen. Meine letztwöchige Epistel, eventuell doch Alternativen zu teuren, schweren, überqualifizierten Spiegelreflex-Schlachtschiffen in Betracht zu ziehen, rief die Profi-Fraktion auf den Plan. Eine Bridge-Kamera sei per se ein „Gummilinsen-Glumpert“. Und alles unter einer bestimmten Vollformat-Nikon – die aber auch, pardon, 2000 Euro kostet, und das ohne Objektiv – sowieso indiskutabel. Bei Daguerre!: habt ihr sie noch alle? Dass mehr Materialaufwand und Geldbörsendicke üblicherweise bessere Leistungsdaten bedingen, ist so zutreffend wie banal.

Aber kommt es darauf an? Ich sage: nein. Wie sonst etwa wäre der Erfolg der „Lomografie“ erklärbar, wo man die Non-Perfektion zur Tugend erklärt? Es ist schon eine erstaunliche Geschichte, ganz frisch nachzulesen in einem kiloschweren Prachtband („Lomo LC-A. The Greatest Camera Of All Time“), die in Österreich ihren Ausgang nahm. Eine simple sowjetische Schnappschusskamera mit 32mm-Objektiv und Lichtstärke 2,8 wurde von ein paar Studenten mit Witz, Verve und Konsequenz zum Zentralorgan einer Spassbewegung erklärt. Statt „höher, schneller, weiter“ gilt das Motto „spontaner, bunter, besser“. Millionen Menschen weltweit folgten dem Ruf. Steckten ihre Canons, Sonys und Nikons weg und schossen ungeniert drauf los.

Mittlerweile wird das putzige Kästchen in China gebaut (selbst die Russen haben die Analog-Ära hinter sich gelassen), und die Lomographische Gesellschaft führt einige kuriose Apparate mehr im Sortiment, von der Fischaugen-Unterwasser-Kamera bis zum poppigen Acht- und Neun-Linsen-Ungetüm. Die Detailliebe der Lomo-Society, ihr künstlerischer Zugang zur Fotografie und der Drang zur Vermessung und Bebilderung der Welt ist auch nach zwanzig Jahren noch spür-, seh- und greifbar. Gratulation!

Witzig, daß nun ein ehemaliger Lomo-Mitstreiter, Florian Kaps, auch noch die Polaroid-Sofortbildfotografie retten will. Unter dem Titel „Das unmögliche Projekt“. Klingt spannend. Ist spannend. Demnächst mehr darüber in diesem Lichtspieltheater.