Archiv für März, 2004

Mein Freund Harvey & der Schrottplatz-Blues

29. März 2004

Beiläufige Anmerkungen zum Debut-Album von The Bunny Situation.

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Ach ja, noch etwas. „Es geht in fast jedem Track um Liebe: sehnsüchtige Liebe, mißbrauchte Liebe, Selbstliebe, mangelnde Liebe, abhängige Liebe… Sie existiert auch in dieser Welt noch, sie muß aber gefunden werden. At the end love is here to be found…“. Schreibt Ellen Muhr. Schreibt das Leben. Life ain’t funny.

Dieses Album kommt wie aus dem Nichts. Dabei ist es zwei Jahre alt, mindestens. Und findet jetzt, eine große Plattenfirma im Rücken, die Beachtung, die es verdient. Life Ain’t Funny. Das Debutalbum. Von: The Bunny Situation. Ein Statement. Ein Duo. Florian Prix und Ellen Muhr. Prix ist für die Bedienung der Computer zuständig, und für alles, was Geräusche, Töne, Lärm von sich gibt. Ellen Muhr für den Rest. Den Gesang etwa, nicht gerade den unwichtigsten Part in The Bunny Situation. Und natürlich die Texte. Flaschenpost aus dem Mikrokosmos einer intensiven, gleichwohl höchst eigenwilligen künstlerischen Zweierbeziehung.

„Wenn diese Musik eine Struktur aus Stahl hätte, dann die eines Schrottplatzes“, sagt Prix. „Lokomotiven, die zu Töpfen und Pfannen eingeschmolzen werden. Schrauben, Mütter und Bolzen, dazu Schienen als Ornamente. Lose herumliegende Teile, die gebogen, gedehnt und gebrochen werden, um musikalische Ideen und Formen zu schaffen. Ein gleichwohl organisierter wie anonymer Prozeß. Hier gehen Musique Concrete, Fuck-you-Punk, eine gute Tasse Kaffee, Improvisation und die Leidenschaft, die Nase in den akustischen Mülleimer zu stecken, Hand in Hand.“

Wir finden uns wieder inmitten eines Ensembles aus Geschirrspüler, Laptops, verstimmten Pianos und unsynchronisierten Tape-Loops. Nochmals Prix: „Die ältesten Soundfiles stammen aus dem November 1998. Keine Ahnung mehr, was das ursprünglich war. Vielleicht ein Korg MS20-Synthesizer, auf Viertelzollband aufgenommen? Die Harddisk, die nicht mit der Soundcard harmonierte? Die Nachbarn? Wer weiß das schon, wen kümmert’s auch?”

The Bunny Situation: ein fanatisch-fantastischer Klangbastler und eine Stimme aus dem tiefsten Inneren. Wenn diese Antagonisten aufeinandertreffen, selten genug, dann sprühen kühlen Funken. Ein Austausch von Momentaufnahmen findet statt, Polaroids ihrer akustischen und emotionalen Ist-Zustände, akustische Puzzle-Teilchen, Files, die nach Belieben vermengt, verworfen und neu arrangiert werden. Die Kommunikation findet bisweilen fast ausschließlich über das Telefon statt, die Nebengeräusche als unabdingbare Begleitmusik des eigentlichen schöpferischen Prozesses. Oder man trifft sich, wie beiläufig, in einem Wohnzimmer, das als Aufnahmestudio und Konferenzraum mißbraucht wird. Nie im Studio selbst. So tönt der Schrottplatz des Herzens.

Hier der Beipackzettel. „Wir lieben Plastik-Beats. Wir lieben 60er-Jahre-Soul, Funk, Rock’n’Roll und Elektronikschrott. Wir lieben minimalistische Makro-Bewegungen. Die grobe Struktur von Xerox-Kopien. Das ist unser persönlicher Bunny-Scrapyard-Blues“.

Auftritt Ellen Muhr. „Schon mit neun Jahren habe ich Geige in einem klassischen Orchester gespielt. Ich liebte es, Opernarien zu singen und Melodien aus Musicals, besonders „Hair“. Ich mochte den Pop der sechziger und die Disco-Musik der siebziger Jahre, aber auch Jazzrock. Später hörte ich dann Bands wie Prefab Sprout, Everything But The Girl oder The Nits. Ich übte meine Stimme und wollte an die Oper. Da mein Freund aber Jazzbass studierte, geriet ich stärker und stärker in diese Richtung und gründete schließlich eine Jazz-Band namens „Icy Finger“. Ich improvisiere gerne, mag es, meiner Stimme unterschiedliche Färbungen zu verleihen. Heute studiere ich Jazz, gebe Gesangsunterricht und arbeite mit unterschiedlichsten Jazzmusikern, DJs und Protagonisten der Elektronik-Szene zusammen.“ Darunter, für Chronisten, Enduro, Takon Orchestra und Forms Of Plasticity.

Auftritt Florian Prix. 1972 geboren. Pinguin-Fanatiker. Macht sich gern unbeliebt auf Parties, wo die CD-Kollektion des Gastgebers nicht weggesperrt ist – denn dann läßt Prix gerne Weberns Streichquartette auf The Rolling Band folgen, konterkariert von Glenn Goulds Improvisationen zu Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ oder Guns `n Roses. Studierte Tontechnik, experimentelle Komposition und unzählige andere nutzlose Dinge. Glaubt unbedingt an die „If it’s not broken don’t fix it“-Theorie. Aus diesem Grund keine Software-Updates und Skeptizismus gegenüber Beatles-, Michael Jackson- und Jimi Hendrix-Coverversionen (mit einigen bemerkenswerten Ausnahmen). Fand irgendwann in den frühen Neunzigern per Zufall heraus, daß Systeme (Musik inklusive) desto besser funktionieren, je eher sie im ursprünglichen räumlichen, emotionellen und technischen Kontext belassen werden. Mit-Gründer von „cat-x“, einer Firma, die sich auf die technische Realisation von Medien-Projekten, Ausstellungen, Installationen usw. spezialisiert hat. Der Prozeß der Transformation als Unternehmensgegenstand: Konzept, Durchführung und künstlerisches Resultat inklusive.

„Flo gab mir Bänder voll mit coolen Beats und undefinierbaren Sample-Sounds. So begann diese ganze Bunny-Geschichte“. Originalton Ellen Muhr. „Es klang roh, dreckig – und wunderbar. Ich gewann dazu sehr rasch eine persönliche emotionale Beziehung. Jeder Track inspirierte mich, eine Geschichte zu erzählen. Singen bedeutet zu mir selbst zu sprechen, und Worte bedeuten nur etwas, wenn sie meine Seele berühren. Es geht mir nicht um „schönen“ Gesang. Wenn meine Stimme angenehm und im herkömmlichen Sinn schön klingt, dann hat das mit der Geschichte, die ich erzähle, zu tun. Meine Stimme hat drei, vier verschiedene Facetten auf diesem Album, aus diesem Grund. Musik und Texte sind ungeschliffen, tiefgängig, stimmungsgeladen, sensibel, schön. Und besitzen einen Anflug von Humor.

Life Ain’t Funny? Wie man’s nimmt. Wie das Leben selbst, oszilliert das Album zwischen „Good Vibes“ und „Nightmare Monsters“, zwischen streichelweichem Trip-Hop und schockgefrorener Elektronik. Lassen wir das Name-Dropping, wer Vorbild, wer vergleichbar, wer seelenverwandt sein könnte. Unser aller Freund Harvey, der unsichtbare Hase, sitzt nebenan auf einem Barhocker und nippt gelassen an seinem Drink. Im Hintergrund leise Musik. Kommt einem irgendwie bekannt vor, wohlvertraut, verstörend sublim. Entertainment subkutan. „Life Ain’t Funny“, sagt der Barkeeper. The Bunny Situation. Man sollte sich daran gewöhnen. Man wird es lieben lernen. Man wird es lieben.

Spiel mir das Lied vom Tod nocheinmal, Sam

25. März 2004

Die Musikindustrie rutscht immer tiefer in die Krise. Und tritt, was neue Techniken, Chancen und Vertriebsmöglichkeiten betrifft, ungebrochen weiter auf der Stelle. Der Autor als Chronist einer unendlichen Geschichte.

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Es gibt ja die These, daß jeder Autor in seinem Leben eigentlich nur eine Geschichte erzählt, die dafür aber in unzähligen Varianten, Abwandlungen und Transformationen. Selbst wenn man diese Theorie, die in der Tiefenpsychologie fußt, umgehend als gewollt provokanten Unsinn verwirft, wird man doch bei näherer Betrachtung oft eine Art „Leitmotiv“ im Ouevre von Dichtern, Denkern und, ja doch!, Journalisten finden. Quasi einen roten Faden, der sich – bisweilen unterschwellig, manchmal ganz offen – durch das Werk des Schreibers zieht (und ich spreche hier nicht von der Fließband-Zeilenschinderei eines „News“-Sklaven, dessen wöchentlicher Output in Form und Inhalt oft dem eines Wiederkäuers gleichkommt).

Welche Geschichte erzähle ich Ihnen nun immer wieder, in unterschiedlichsten Varianten? Ich habe darüber nachgedacht. Und bin die letzten Jahre zurückgegangen. Der Computer als neumoderne, elektronische Hängeregistratur macht das ja auf Knopfdruck möglich, da muß man nicht in alten Leitz-Ordnern oder Schreibtischschubladen wühlen. Sieh’ an: da gab es etwa im September 1998 einen Artikel in der „Zeit“, mit dem prophetischen – aber leider vom redigierenden Redakteur geänderten – Titel „Bleibt alles anders“. Worum ging’s? Um das damals noch weithin unbekannte Stichwort „MP3″. Und um eine erste Ahnung von Downloads, illegalen Tauschbörsen, digitalen Klonen und einer massiven Veränderung einer gesamten Branche. „Es ist die Schreckensvision der Musikindustrie: das Internet als riesiger Selbstbedienungsladen.“ schrieb ich damals. „Alles kostenlos, alles verfügbar, alles außer Kontrolle.“

Anno 2004 ist dieses Szenario die Realität. Dazwischen war Napster, war Kazaa, war (räusper) Popfile. Und natürlich das Aufkommen der CD-Brenner, das die Industrie, wie wir sie kannten, von der anderen Seite her in den Würgegriff nahm. Dazwischen waren auch gut dreißig Artikel zum Thema. Bezeichnendes Detail am Rande: der seinerzeitige Anlaß für die „Zeit“-Story war die Einführung des ersten MP3-Players auf dem deuschen Markt, ein Gerät der kleinen Regensburger Bastler-Firma Pontis. Vor wenigen Tagen traf ich wieder auf Pontis, und zwar in Gestalt des Geschäftsführers Erich Böhm. Er stellte, wie dutzende weit größere Firmen – von Philips über Sony bis hin zu unaussprechbaren Koreanern – auf der CeBit, der weltgrößten IT-Messe in Hannover aus. Und war guter Laune. Sein neuestes Gerät, ein Medienserver, zeige wieder, meinte er, wo’s langgeht. Der gute Mann hat recht. Die Stereoanlage der Zukunft ist ein dezent getarnter Computer, per (im Idealfall drahtlosen) Netzwerk mit der Welt verbunden und angedockt an alle verfügbaren Quellen für Musik, Unterhaltung, Information. Legal, illegal, den Konsumenten schert’s kaum. Und CDs werden diesem dienstbaren Geist nur noch als nostalgisch schmeckendes Futter verabreicht.

Auch das habe ich schon vor Jahren geschrieben. Immer wieder, immer öfter. Für das „profil“ und das „WOM Journal“, für „ME Sounds“ genauso wie für den „Wiener“ oder die „Musikwoche“. Und natürlich auch in „Sound & Media“. Im Prinzip immer wieder dieselbe Geschichte – ein Requiem auf den Status Quo. Es bedurfte wahrlich keiner großen Prophetie, um einen gewaltigen Umbruch vorauszusagen. Nachhaltig verblüffend war und ist in diesem Zusammenhang allein der blindwütige Konservatismus und die zähe Beharrungskraft der Spitzenmanager, die das „Internet ignorierten, weil wir es ignorieren wollten“ (wie der deutsche IFPI-Präsident Gerd Gebhardt einmal zugab). Daß „Phonoline“ erst 2004 startet, und auch das mit Pannen und bezeichnenderweise auf der CeBit, ist ein Armutszeugnis für eine gesamte Branche. Und zwar im doppelten Sinne. Dabei muß man den Germanen noch Hochachtung aussprechen: die Lenker der Mutterkonzerne in England und den USA warten ungerührt weiter ab. Apple, Dell, Microsoft, Telekom & Cie. reiben sich derweil die Hände.

Sie meinen, es wäre leicht zu spötteln? Nein, es fällt mir schwer. Denn zufälligerweise arbeite ich in dieser Branche, und ich lebe von Copyrights und Musikliebhabern, die bereit sind, dafür Geld zu bezahlen. Die Drastik des Geschriebenen war und ist kein Selbstzweck. Ich lege keinen Wert darauf, als Mahner in die Geschichte einzugehen. Ich halte es nur für die selbstverständlichste Pflicht von Spitzenmanagern, sich nicht nur für ihre Jahresboni zu interessieren, sondern auch für die technologische Perspektive eines Geschäfts, das mehr oder minder auf einem einzigen Produkt beruht. Und das gerade verloren geht. Schlafen kann man in der (Zwangs-Früh-)Pension.

Ich erinnere mich daran, daß ich im Vorjahr, zur PopKomm, einen langen Artikel zum Thema für das gewiß nicht esoterische Nachrichtenmagazin „profil“ schrieb. Titel: „Das Lied vom Tod“. Das Ende der CD, hieß es da, sei so gut wie besiegelt. Ich erhielt einen Leserbrief. Absender: Herbert Kollisch, Geschäftsführer der kleinen heimischen Plattenfirma Musica. Tenor: das sei doch Unsinn, die CD werde uns noch lange erhalten bleiben und ich solle mich meiner Verantwortung besinnen und doch nicht schwarzmalen.

Kein Jahr später – und Musica sperrt zu. Soviel zum Thema.