Zukunftszone ohne Zukunft?

21. November 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (36) Die „Futurezone“ ist so öffentlich-rechtlich wie der Rest-ORF. Mindestens. Was hat die Politik dagegen?

Es war nur eine Randnotiz. Aber sie machte mich stutzig. „Mit der „Futurezone“ könnte der ORF unerlaubt privaten Medien Konkurrenz machen“, schrieb Patricia Käfer in einem “Presse”-Artikel über den „rot-schwarzen ORF-Deal“, der dem Unternehmen 160 Millionen Euro bringt. Und eine Verschnaufpause bis zum Jahr 2013. „Darüber entscheidet künftig eine neue, weisungsfreie Medienbehörde.“ Punktum.

Ich will hier nun kein Lamento darüber anstimmen, dass sich die Medien-Visionen unserer Politiker offenbar im Austausch missliebigen Personals, dem Drehen an der Finanzschraube und der Aufschichtung zusätzlichen bürokratischen Überbaus erschöpfen – gewiss gänzlich weisungsfrei, nichts anderes vermutet man als gelernter Österreicher. Aber warum soll diese neue Behörde zuvorderst die „Futurezone“ ins Visier nehmen?

Für jene, die das Angebot nicht kennen: es ist einer von acht “Channels“ auf ORF.ON, dem Online-Angebot der grössten Medienorgel des Landes. Schwerpunkt: Technik, Neue Medien, digitaler Alltag. Also Kernthemen für einen ernstzunehmendes journalistisches Portfolio der Jetzt-Zeit. Und tatsächlich machen die Kolleginnen und Kollegen einen guten Job: einerseits gewinnt man, so man sich nicht nur für Fussball, Lady Gaga oder Dessous-Mode interessiert (dafür gibt es andere ORF-Kanäle), einen probaten Themen-Überblick, andererseits gehen manche Stories richtig in die Tiefe. Oft mehr – Online-Medien kennen keine Platzprobleme – als alteingessene Print-Platzhirsche und Kommerz-Privatiers. „Futurezone“ ist gehaltvoller, zukunftsträchtiger, öffentlich-rechtlicher als vieles andere, was uns unter diesem Titel verkauft wird. Was sollten institutionalisierte Medienwächter dagegen haben? Oder gar die EU? Vom Gebührenzahler mal ganz abgesehen.

Von wegen “unerlaubte Konkurrenz”: natürlich könnte man argumentieren, die “Futurezone” würde – im ORF-Kontext weit mehr als zur Hälfte gebührenfinanziert – etwa den Technik-Seiten von “Presse”, “Standard”, “Kurier” usw. das Wasser abgraben. Und Petitessen wie diese “Maschinenraum”-Kolumne be-, wenn nicht gar verhindern. Das ist natürlich Unsinn. Erstens ist die Dichte und Qualität des Angebots jenseits reiner Boulevard-Berichterstattung und PR-Medienpartnerschaft endenwollend. Zweitens: warum sollte eine Fremd- oder Selbstbeschränkung der ORF-Themenfindung gerade diesen Bereich treffen? Da schienen mir Dessousmode oder Lady Gaga-News schon verzichtbarer.

Und last, but not least ist im konkreten Fall der wesentlichste Mitbewerber nicht in Österreich anzutreffen. Sondern kommt aus Deutschland – es ist der technikorientierte News/Content-Aggregator heise.de. In Hannover wird man sich herzlich bedanken für die Schützenhilfe des österreichischen Gesetzgebers. Werbebeschränkungen oder Verbote für hiesige Online-Angebote, die natürlich auch vom ORF kommen können und sollen, bringen dem lokalen Qualitätsjournalismus keinen Eurocent mehr. Sondern lassen mögliche Umsätze viel eher in Richtung Deutschland abfliessen. Schon jetzt ist spiegel.de eines der fünf meistgenutzten Online-Angebote hierzulande. bild.de ist ebenfalls auf der Überholspur. Deckelt man bei den ORF-Online-Diensten die Werbung, lohnt es sich für die Deutschen, es wie im TV-Sektor zu machen und lokale Werbefenster einzurichten. Das geht im Internet übrigens noch hurtiger als beim Fernsehen. In diesem schwierigen Umfeld scheint auch der VÖZ (Verband österreichischer Zeitungen), ganz auf Spurenelemente eines möglichen eigenen Vorteils bedacht, kurzsichtig zu agieren – um es mal vorsichtig auszudrücken.

Insgesamt drängt sich der Verdacht auf, dass uns wieder einmal unter unverfänglichen Stichworten wie „Qualitätssicherung“ und „Public Value“ ein Schleiertanz um den Futtertrog untergejubelt wird. Ich schätze nur, wenn die Politprofis dieses Landes so tolldreist weiter vor sich hinwursteln – holen Sie schon mal Ihr Faxgerät aus dem Gerümpelkeller, um ev. an der urdemokratischen ORF-Publikumsrats-Wahl teilnehmen zu können! – gibt’s bald keinen Futtertrog mehr. Weder hie noch da. Sondern ein Publikum, das sich sein Programm selbst macht. Und seine Medienpolitik. Wie, ist schon heute in der „Futurezone“ nachzulesen. Hoffentlich auch morgen noch.

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7 Antworten to “Zukunftszone ohne Zukunft?”

  1. Tante Jutta Says:

    Mal gucken, ob die für ihre geringe Web.2.0 Affinität bekannte Tante hier so einfach posten kann…

  2. ritchie Says:

    Kann deine Argumentation nicht nachvollziehen… ist weder Fisch noch Fleisch. Entweder alles abdecken oder im Hinblick auf die Gebührenfinanzierung eben auf Kernkompetenz beschränken (=1 Kanal) – aber warum sollte man zwischen Themen differenzieren? Natürlich verhindert der ORF, solange es ihn gibt, in einem 8-Mio Land echten Wettbewerb im Bereich der elektronischen Medien; zumindest noch ein Weilchen, bis FS und Radio keine große Rolle mehr spielen.

    Aber die Internetseite ist einfach nur ein schwachmatischer Witz – hat sich da seit 94 irgendwas geändert? Gibt’s eine Suchfunktion, gibt’s ein Archiv? Der Vergleich mit heise.de ist meiner Meinung nach weder strukturell noch inhaltlich noch vom Themenspektrum her nachvollziehbar. Es hat schon seinen Grund, dass ein beträchtlicher Teil der FuZo Bericherstattung direkt von Heise ab-, äh, sorry, umgeschrieben ist.

    • Walter Gröbchen Says:

      Hallo Ritchie, das seh’ ich anders: ich halte die FuZo für eine wichtige Plattform, unabhängig von kommerzorientierten “Medienpartnern” und auch abhold einer oft zu engen, szeneinternen Sicht der Dinge. Und gerade dieses Themenspektrum für unverzichtbar für einen ORF. der sich selbst ernst nimmt. Suchfunktion und Archiv liessen sich wohl rasch schaffen, wenn man das möchte (und auch finanzieren kann/will). Und natürlich wird vieles ab-, äh, umgeschrieben, das gilt aber heutzutage jegliche Form von “copy & paste”-Journalismus. Es sind einzelne – und in Summe nicht wenige – ausführliche, kritische und ö-spezifische Stories und Kommentare, auf die ich ungern verzichten möchte. Darüber hinaus vertrete ich den Standpunkt, daß die Vertreter eines zukunftsorientierten, 2.0-Technik-basierten Journalismus (nicht: Content Generation) an einem Strang ziehen sollten.

  3. Harald Havas Says:

    (Wiederholung/Kopie meines Kommentars auf den Text von Christoph Chorherr)
    Der ORF hatte einen gutgehenden, schönen und “sauberen” Spiel-Channel, mit Online-Schnapsen etc.
    Und einen hervorragenden Kulturchannel.
    Und einen extrem innovativen Comic-Channel, der erstmals die heimische Comic-Szene nachhaltig förderte (2000-2005!)
    Und…
    Bis die Konkurrenz in Brüssel drohte und klagte.
    In keinem der Fälle gab es nachher dafür einen Ersatz,weder adäquat, noch _irgendwie_ und schon gar nicht von einer österreichschen Zeitung. Der Raum (um die vermuteten Werbemillionen abzusahnen) wäre ja frei gewesen, aber es blieb nur (ohne allzu pathetisch klingen zu wollen) verbrannte Erde.
    Wann reicht’s den Zeitungsherausgebern eigentlich? Wenn der ORF orf.at ganz abdreht?
    Und wie wär’s mit eigenen, hervorragenden Gegenprodukten statt lamoyanten Futternapfneid?

  4. Andreas Says:

    Wenn ich den ORF-Anteil meiner Rundfunk- & TV-Gebühren als Pay-TV-Gebühr verstehe, dann ist es doch hochgradig bizarr, dass mir die Konkurrenz meines Pay-TV-Kanals (ORF) vorschreiben möchte, was ich bei meinem “Vertragspartner” sehen darf und was nicht.

    Und noch bizarrer ist, dass mein Anbieter (ORF) noch dazu bereitwillig dabei mitspielt.


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