There ain’t no such thing as a free lunch

22. Januar 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (44) Die „Gratis-Kultur“ des World Wide Web zerstört althergebrachte Business-Strukturen. Wer aber zahlt am Ende die Rechnung?

Was denkt sich Mathias Döpfner, Chef des Springer-Verlags und Herausgeber der europaweit auflagenstärksten Tageszeitung „Bild“, eigentlich dabei, wenn er öffentlich die vorherrschende Gratis-Kultur des Internet als „abstruse Phantasie spätideologisch verirrter Web-Kommunisten“ geisselt? Und zugleich am Kiosk Produkte seines eigenen Hauses mit folgender Schlagzeile findet: „Ihre Lieblingsmusik gratis! Millionen MP3s in Top-Qualität aus dem Internet laden – legal und ganz einfach“? Würde mich glatt interessieren.

Sitzen in der Springer-Zentrale in Berlin am Ende des Tages verkappte Kommunisten, Piraten und Free Content-Ideologen? Oder nur mehr Jungspunde der “Generation Gratis”? Haben unsere Politiker schon einmal über das Thema „Urheberrecht im 21. Jahrhundert“ nachgedacht? Und sind jetzt auch die Chefstrategen des Handy-Herstellers Nokia ein wenig gaga? Fragen über Fragen. Zunächst einmal zu Nokia: der finnische Konzern bietet neuerdings kostenlose GPS-Navigation per Mobiltelefon – zunächst nur für Top-Modelle des eigenen Hauses – zum Download an. Eine Reaktion auf die Datenkrake Google, die für ihr erstes Handymodell „Nexus One“ ähnliches in Aussicht gestellt hat. In den USA. Prompt fielen die Aktienkurse von Navi-Herstellern wie TomTom oder Garmin. Verständlich: ich würde diese Papiere auch dringend auf „sell“ setzen.

Den Umsatzverlust in Sachen GPS-Software werde man durch Werbeeinnahmen auffangen, erklärte ein Nokia-Sprecher. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Die ganze lautet: es ist ein Verzweiflungsakt. Wenn einmal der Damm gebrochen ist, hält nichts und niemand den Verdrängungswettbewerb auf. Und „gratis“ ist nun mal noch günstiger als „günstig“. Zumindest für den Konsumenten. Nokia bangt um Marktanteile. Und pusht nebstbei seinen bislang müden „Ovi“-Application-Store. TomTom & Co. müssen sehen, wo sie bleiben. Die Gegner heissen Samsung, Motorola, Blackberry, Google. Und Apple.

Apropos: Steve Jobs und seine Recken planen, so hört man, ein neues Streaming-Service. Eine Art „Gratis-iTunes in der Cloud“, sprich: eine ausgelagerte, nicht an Endgeräte gebundene Musik-Bibliothek. Nun kennt man ähnliche Ideen auch schon von Newcomer-Unternehmen wie „Spotify“, bislang scheiterten solche Angebote aber an komplexen Rechts-, Kontroll- und Abrechnungs-Fragen. Kann sein, dass es jetzt rasch geht. Und wenig bis nichts kostet. Ich fürchte nur, bald draufzukommen, dass Kostenlosigkeit als Konzept nicht umsonst zu haben ist. Und irgendwer irgendwann immer draufzahlt. Eventuell am Ende wir selbst?

Remember: “There ain’t no such thing as a free lunch”… Wer diesem Spruch und/oder meinen kryptischen Worten nicht traut, glaubt vielleicht eher Kapazundern wie dem Internet-Pionier Jaron Lanier. Denn der, früher ein entschiedener Verfechter von “Freemium”-Modellen und grenzenloser Web-Liberalität, hat heute nachdenkliche, ja mahnende Worte parat. Laniers Standpunkt kann nicht einfach vom runden Tisch gewischt werden (jedenfalls nicht so leicht wie Döpfners Erregungen). Schon gar nicht von (vermeintlichen oder tatsächlichen) Vertretern und Verfechtern einer (vermeintlichen oder tatsächlichen) Gratis-(Un)Kultur im World Wide Web.

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3 Antworten to “There ain’t no such thing as a free lunch”

  1. Udo Says:

    Ja, Danke! Sehe ich auch so. Gut, dass es jemand wie Lanier einmal ausspricht und sich nun von den allwissenden Müllhalden bei Twitter und Co böse Häme gefallen lassen muss.

    Indirekte Bezahlung für kreative Arbeit ist ein Irrweg und man muss mit diesem Quatsch irgendwann mal aufhören. Die, die am lautesten nach “Free” schreien, sind meistens die mit den potentesten Auftraggebern im Hintergrund.

    Warum kosten Telefongespräche eigentlich etwas, obwohl der “Content”, das Gespräch, auch kostenlos zu haben wäre? Das stellt kein Mensch in Frage, Skype fristet ein Schattendasein. Komisch, oder?


  2. 2 Sätze sind mir heute in 2 unterschiedlichen Zusammenhängen untergekommen:

    “Der Preis der Offenheit darf nicht die Entrechtung von Menschen umfassen” (Jaron Lanier im FAZ Interview)

    “Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren” (Benjamin Franklin)

    Und das ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Facebook & CO funktionieren: Man schmücke sich mit fremden Federn, um selbst als geistreich zu gelten. Und am geistreichsten ist der/die, der/die das Geistreichste aufspürt und die geisteichsten Kommentare seiner geistreichen Feunde generiert…

    Stellen wir uns mal vor, man müsste für jedes Zitat zahlen, dann wäre man gezwungen , selbst kreativen content zu produzieren… Wär doch gut, also ich fände das gut, wenn sich mehr Leute was einfallen ließen und nicht nur immer mit dem Finger irgendwohin zeigen:”Guck hin, schau her, lach da, wein dort….und scho wieder der Scheuch und der HC und der FC und der ASKÖ und der KHG und die Bad Banker uswusf.


  3. [...] nachfolgenden Artikel haben wahrscheinlich nicht nur Kamerahersteller und Chefstrategen in Medienhäusern, sondern auch Vermarkter von Navigationssystemen, Entwickler von MP3-Playern und ein paar [...]


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