Vom Blick zurück und Blick nach vorn

6. März 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (50) Ohne Sendungsbewußtsein und Inhalte bleibt der Fortschritt der TV-Technologie ein potemkinsches Dorf.

Technik-Nostalgie in allen Ehren, aber man kann es auch übertreiben: seit Tagen zeigt der vormalige Wetterkanal TW1 die Sprengung des vormalig höchsten Bauwerks Österreichs, des Mittelwellensenders Bisamberg, in einer Art Dauerschleife. Samt Zeitlupenwiederholung. Immerhin ohne launigen Kommentar des vormaligen ORF-Generals Teddy Podgorski (der findet sich aber online). Was folgt als nächstes? Eine Doku über die Reinigung des Zierteichs am Küniglberg? Die Dekonstruktion eines Ikea-Regals im Büro von Generaldirekor Wrabetz? (USM Haller-Möbel dürften aus Spargründen nicht mehr drin sein). Der Umbau des Radiokulturhauses in der Argentinierstrasse – wo schon Heinz Conrads selig die Kranken und Beladenen der Nation medial salbte – in eine Bank Austria-Filiale?

Ironie off. Die von 1959 bis 1995 über die Sendemasten am Bisamberg abgestrahlte Mittelwelle gehört im Zeitalter von Internet und digitaler Übertragungstechnologie zweifellos der Vergangenheit an. Wie ein Treppenwitz der Geschichte mutet es aber an, daß der ORF anno 2010 tendenziell eher Programm mit seiner eigenen Historie macht, als den Blick des Zuschauers (und natürlich den eigenen) in Richtung Zukunft zu lenken. TW1 selbst ist ein gutes Beispiel dafür: seit Jahr’ und Tag hält man eisern an dieser Frequenz fest, um ein Sammelsurium an Trash, Archivmaterial und PR zwischen den ominösen redaktionellen Eckpunkten „Information, Kultur, Freizeit und Wetter“ auszubreiten. Warum und für wen, ist unklar.

Der lange angekündigte Umbau des Senders in einen ernstzunehmenden Kultur- & Info-Kanal scheiterte bislang an Geldmangel. Und an fehlender Vision. Warum lässt man z.B. nicht die Crew von FM4 ran, um mit viel Idealismus und wenig Etat (sagen wir mal: in Summe zehn „Golden Handshakes“ für ranghohe Chefitäten) zu zeigen, was möglich ist? Und gleichzeitig der Kreativindustrie und der jüngeren Kulturszene dieses Landes ein Überdruckventil und einen Brennspiegel zu verschaffen?

Oder will man derlei privater Kokurrenz überantworten? Lassen Sie den Sendersuchlauf einmal nach Servus TV Ausschau halten – und Sie werden verblüfft sein. Was vermeintlich eine Dauerwerbesendung für die Red Bull-Düsenjäger-Sammlung von Didi Mateschitz ist, entpuppt sich als ambitioniertes, charmantes Programmangebot mit Gehalt. Nicht, dass Servus TV grosse Reichweiten hätte – aber der Segmentierung des Publikums, dem Trend in Richtung höherauflösende Bilder (und bald wohl 3D), dem Hunger nach spektakulären Bildern und dem „Mehrwert“ eines spürbaren Sendungsbewußtseins wird man hier gerecht. Da können sich manche noch einiges abschauen.

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2 Antworten to “Vom Blick zurück und Blick nach vorn”


  1. [...] Gröbchens Glosse in der PresseAmSonntag vom 7. 10. 2010. This entry was posted on Mittwoch, Februar 24th, 2010 at [...]


  2. [...] wie ORF III mehr Gegenwarts- und Popkultur wünschen. Mehr Experimente. Mehr Quergebürstetes. Mehr Jugend. Und weniger repräsentative oder gar museale Hochkultur. Pink Floyd darf in diesem Zusammenhang [...]


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