Technisches Privatmuseum

8. Mai 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (58) Technik-Nostalgie. Von der 3,5 Zoll-Diskette bis zum Commodore C64 – nichts verschwindet ganz.

Wenn Dinge verschwinden, hinterlassen sie Lücken. Aus denen irgendwann Erinnerungslücken werden. Oder können Sie noch aus dem Stegreif sagen, wann Sie die letzte 3,5-Zoll-Diskette in den Diskettenschlitz Ihres Computers gesteckt haben? Wie – Ihr PC hat solch eine ominöse Öffnung gar nicht? Nie gehabt? So rasch kann es gehen. Die Meldung der japanischen Tageszeitung „Mainichi Shinbum“, Sony verabschiede sich mit Ende des laufenden Geschäftsjahres endgültig von diesem Speichermedium, überraschte nicht wirklich. Alles hat seine Zeit. Und die Zeit der „Floppy Disc“ – maximale Speicherkapazität 1,44 Megabyte (!), heute benötigt jeder Schnappschuß mehr – ist definitiv abgelaufen.

Trotzdem rühren solche Nachrichten immer ans Herz. Jedenfalls kann ich mich gut an die frühen achtziger Jahre erinnern, als das Plastikteil Modernität verströmte. Und die weit weniger schicken 5,25- und 8-Zoll-Formate plötzlich nur mehr ödes Hinterherhinken signalisierten. Im ORF wurden damals übrigens noch, wenn ich mich recht entsinne, rotierende Magnetbandspulen und massive Mainframe-Computerungetüme ins Bild gerückt, wenn Wahl-Hochrechnungen anstanden. Professor Bruckmann und das Volk fassten wohl erst spät Vertrauen zu Tischrechnern und PCs.

Aber bevor ich Sie jetzt mit Grossväterchens Geschichten aus dem Krieg zu langweilen beginne: es verschwindet eh nie etwas ganz. Im Fall der 3,5-Zoll-Diskette hat umgehend der Hersteller Verbatim aufgezeigt und eine Fortsetzung der Produktion verkündet. Wahrscheinlich gibt es irgendwo in China auch noch eine Klitsche, die Iomegas Zip-Laufwerke nachbaut. Oder die Magneto Optical Disc (MOD) von Fujitsu. Datasetten für Commodore C64-Nostalgiker. Oder… Stop! Die Evolutions-Schautafel der Computergeschichte samt allen Hauptarmen und abgestorbenen Seitenverästelungen hat hier nicht genug Raum.

Von wegen: ich kenne Kollegen, die haben für solche Zwecke – oft sehr zum Unwillen ihrer Freundin oder Ehefrau – daheim ein eigenes Regal okkupiert. Eine Abstellkammer. Oder gar den ganzen Keller. Schon schick: ein Technisches Museum, nur privat. Inventarnummer eins ist dann oft die erste Spielkonsole, auf der man dereinst daddelte. Die „Sentimental Journey“, zu der ganze Generationen neigen, triggert ja auch kommerzielle Phantasien. Dass etwa auch der erwähnte, legendäre C64-Brotkasten – jener PC, der der gesamten Video- und Computerspielebranche auf die Beine half – in irgendeiner Reinkarnationsform wiederaufersteht, hab’ ich seit seinem Verschwinden von der Bildfläche sicher schon hundertmal gelesen. Und werde es noch hunderte Male. Die Zukunft der Vergangenheit ist die Gegenwart.

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