Protestsongcontest

19. Februar 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (98) „The Revolution Will Not Be Televised“, sang einst Soul-Legende Gil Scott-Heron. Wie wahr.

Wir erinnern uns: Wolfgang Lorenz, Egghead der ORF-Unterhaltung, wurde symbolisch abgewatscht, weil er der Jugend empfahl, sich gefälligst nicht „im Scheiss-Internet zu verkriechen“, wolle sie je gesellschaftliche Relevanz erreichen. Womit? Mit Recht. Denn in Anbetracht der Bilder aus Tunesien, Ägypten, Lybien, Iran et al – die uns freilich nicht die staatlichen arabischen TV-Sender zur Verfügung stell(t)en – wirkt diese Aussage im Nachhinein doppelt scheuklapprig. Wobei hier wahrscheinlich mehr Lust an der Provokation im Spiel war als eine wirkliche intellektuelle Fehlleistung. Andererseits: aktuell prahlt Lorenz via „profil“ damit, fünf mechanische Schreibmaschinen zu besitzen und Computer im Alltag tunlichst zu meiden.

Darüber kann man lachen. Darob kann man den Kopf schütteln. Derlei kann aber auch als Chance begreifen. Nämlich, mit diesem immer irrelevanteren Teil der (Medien-)Gesellschaft keine Zeit und Energie mehr verschwenden zu müssen. Auch wenn es hierzulande – noch? – nicht um den Aufstand der Massen gegen eine saturierte und korrupte Nomenklatura geht, ist die Lahmarschigkeit und Doppelzüngigkeit der Politik ein ideales Biotop für Protestnoten 2.0. Die alte Brot- und Spiele-Ablenkungstaktik, als deren Kulissenmaler sich manche Journalisten freiwillig oder unfreiwillig verdingen, hat in den neuen Peer-to-Peer-Netzen einen vergleichsweise schweren Stand.

Man muss nicht gleich vermuten, dass der ORF Christoph & Lollo zum Songcontest schicken wird, weil z.B. deren YouTube-Hit „Karl-Heinz“ (erraten!, es handelt sich um ein höchst treffliches Liedlein um einen Ex-Finanzminister) demnächst ganz oben in den Ö3-Charts landet. Auch ein forsches kulturpolitisches Statement wie „Ursula Stressned“, als Parodie auf den Duck Sauce-Hit “Barbra Streisand” gemünzt auf die Bezirksvorsteherin von Wien-Innenstadt, wird Ursula Stenzel nicht von ihrem Podest holen.

Aber die Lust am Protest wächst. Und wächst. Man muß keinen g’spassigen “Protestsongcontest” mehr inszenieren – der läuft schon tagtäglich in der Realität. Und wird von ihr links überholt. Natürlich kann man die Situation auch so verkennen wie der Anwalt des feschen Ex-Ministers, der meint, Facebook-Bastonaden, YouTube-Schmähorgien und Twitter-Fingerzeige sonder Zahl (Hashtag: #grassermovies) seien nichts anderes als die Adelung seines Mandanten zur „Kultfigur“. Man kann auch, wie dieser Tage die US-Aussenministerin Hillary Clinton, ultimativ die Freiheit des World Wide Web einfordern – mit der kleinen Einschränkung, dass die für eine Plattform wie WikiLeaks nicht zu gelten habe.

Und, ja, man könnte sich im Netz eventuell auch verkriechen. Und ob einer „Farmville“-Marathonsitzung die Revolution verschlafen. Aber das ist in etwa so wahrscheinlich wie die Vorstellung, dass Wolfgang Lorenz demnächst von Julian Assange abgelöst wird.

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