Monkey Business

12. Mai 2011

Mehr als neunzig Prozent der Produktions-, Unterrichts- und Kulturbudgets dieses Landes sind verplant. Jahr für Jahr. Für staatstragende, aber nicht gerade selten dysfunktionale Institutionen. Und ihre nicht gerade billigen Spitzen-Repräsentanten. Für die Unterfütterung geschützter Arbeitsplätze. Für die Systemerhaltung generell. Ein System, das es zu hinterfragen gilt.

Fall eins. Der Redakteur des neuen ORF-Kultur- und Informationskanals bestellt mich zu sich auf den Küniglberg. Er meint, es wäre doch eine schöne Idee, in der Nacht Videos österreichischer Künstler zu zeigen. D’accord. Irgendjemand muss diese Videos zusammentragen, sichten, auswählen, mit einem Programmrahmen versehen. Und sei er noch so schlicht. Ich erlaube mir, nach dem Budget zu fragen. Immerhin ist der neue Sender eines der Prestigeprojekte des grössten heimischen Medienunternehmens. Der ORF-Mann sieht mich mit grossen Augen an: ein Budget? Nein, das gibt es nicht. Null. Nada. Zero. Man hätte aber freie Hand, Sponsoren aufzustellen. Auf eigene Faust. Und sich so seine Tätigkeit selbst zu finanzieren. Eventuell. Ich verlasse ohne grosse Verabschiedung das Büro.

Fall zwei. Die Musikhochschule meldet sich und schlägt vor, mein Wissen an Studierende weiterzugeben. Sprich: im Wintersemester 2011/12 Vorlesungen zu halten. Ein ehrendes Angebot. „Ausgewählte Kapitel aus Theorie und Geschichte der Popularmusik“, ich soll mir dazu etwas überlegen. Ich treffe mich mit F., der als studierter Musikwissenschaftler derlei schon seit Jahren macht und ein Routinier im Universitätsbetrieb ist. Er meint, wir könnten gemeinsam einen Themenschwerpunkt finden und die Vorlesungen in Absprache halten. Gern. Beiläufig frage ich nach der Honorierung. Er sieht betrübt drein. 369 Euro 79 Cent im Monat. Netto, immerhin. Allerdings: durch zwei zu teilen. Dafür sei man aber tageweise an der Uni angestellt und sozialversichert. Danke, bin ich ja als freier Unternehmer sowieso. Auf eigene Kosten. Doppelt krank sein geht nicht. Und ich bin eigentlich nie krank, weil ich mir das gar nicht leisten kann. Zum Rest denke ich mir meinen Teil.

Fall drei. Ich erlaube mir, im Büro des Kulturstadtrats vorzusprechen. Es dreht sich um eine Druckkostenunterstützung für ein ambitioniertes, umfangreiches Buchprojekt. Der Autor kann und will das Werk auch nicht quasi nebenher schreiben, entgeltlos. Er ist regelmässiger, doch freier Mitarbeiter eines Stadtmagazins, und das seit vielen Jahren. Ich versuche also, das Vorhaben zu managen und entschieden zur Realisierung beizutragen. Der Mitarbeiter des Kulturamts, an den wir verwiesen werden, zeigt sich vom Konzept sehr angetan. Ja geradezu begeistert. Solch ein Buch hätte schon lange gefehlt, es passe wunderbar zu anderen Schwerpunkten und Projekten. Er werde gleich Kollege X und Kollegin Y anrufen, da liesse sich gewiss etwas machen, das sei doch gelacht, wenn nicht. Er hätte da schon die richtigen Fäden in der Hand und werde sie gewiss auch ziehen. Und der Kulturstadtrat selbst sei sicher auch zu gewinnen, er werde ihm das Projekt demnächst vorstellen. Mehr in Kürze. Kräftiges Händeschütteln. Positiv überrascht, ja geradezu enthusiasmiert verlassen wir das schicke Büro. Allein: danach hören wir nie wieder etwas von unserem Gegenüber. Bis auf ein viele Wochen später eintrudelndes, formloses mail, das auf generelle Finanzprobleme verweist. Uns aber immerhin ein Zwanzigstel der erwartbaren Kosten durch eine Förderung des Wissenschaftsreferats in Aussicht stellt. „Deren Leiter wird sich diesbezüglich mit Ihnen in Verbindung setzen.“ Hoffentlich tut er es noch, seitdem sind gerade mal zehn Wochen verstrichen. Höflichkeit kostet ja nichts. Oder?

Ich könnte Ihnen noch jede Menge weiterer Fälle aufzählen. Sie häufen sich. Meiner Beobachtung nach signifikant. Danke der Nachfrage: Sie müssen sich keine Sorgen machen. Ich komme schon über die Runden. Ich boxe mich durch. Irgendwie. Andere aber eventuell nicht. Fast schon täglich besuchen mich KünstlerInnen, die um dringende Vorschüsse auf CD-Abrechnungen, Verlagseinnahmen oder – sowieso unsichere – Fördergelder bitten. Weil sie ihre Stromrechnung nicht bezahlen können. Oder drückende Mietrückstände haben. Oder sonstwie nicht ihr Auslangen finden. Das selten von Luxus geprägt war oder ist.

Ständig höre ich Klagen, dass das alltägliche Durchwurschteln nicht mehr so recht klappt. Dass die Veranstalter nichts mehr zahlen wollen, die geförderten Veranstalter, subventionierten Kulturinstitutionen und gesellschaftspolitisch überkorrekten Biotope noch weniger. Dass „Geiz ist geil“-Fans überhand nehmen, nicht nur unter den Freikarten-Schnorrern, Filesharing-Djangos, ORF-Chefitäten und beamteten Kulturbudget-Kuchenverteilern. Dass das alles perspektivenlos sei, beschämend, ein ewiges Prekariat. Und dass man sich regelrecht verhöhnt vorkommt, wenn man dann zeitgleich in der Zeitung liest, dass ehemalige Finanzminister Geld im Koffer über die Grenzen transportieren und ihre „Seitenblicke“-Anwälte gerade mal eine „schiefe Optik“ eingestehen müssen. To say the least.

Die Teilung unserer Gesellschaft schreitet voran. In die Do-Haves und die Have-Nots. Die einen haben einen halbwegs sicheren, eventuell sogar pragmatisierten Job. Vierzehn (oder mehr) Monatsgehälter, die in beruhigender Regelmässigkeit auf ihrem Konto landen. Abfertigungs- und Pensionsansprüche. Boni und Prämien. Wohlerworbene Rechte. Starke Gewerkschaften, Interessensvertreter und Betriebsräte. Ein halbwegs bequemes Auskommen. Die anderen – und, nein, es ist oft keine Frage der Qualifikation oder des Wollens, sondern eine Fügung einer günstigen (oder begünstigten) Biografie, oder eben auch nicht – dürfen und müssen kreativ sein. Eventuell wollen sie das auch. Das freie, von Zeiterfassungssystemen, Hierarchiepyramiden und Arbeitsverträgen unbeschwerte Dasein in den „Creative Industries“ geniessen. Sich selber um ihren Kram kümmern. Eine Förderung beantragen. Eine Ich-AG bilden. Den Steuerberater füttern. Die Wirtschaftskammer. Die Sozialversicherung. Und –

Ja, und gelegentlich – wenn Sie mich fragen: immer öfter, immer deutlicher, immer trauriger – traurig aus der Wäsche kucken.

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3 Antworten to “Monkey Business”

  1. Mikky Says:

    also dazu kann ich es nur mit Wally Warning halten, don´t let no monkey stop your show!

  2. CEEA Says:

    Danke für diesen ehrlichen Beitrag.
    Die letzten Jahre immer wieder sehr ähnliche Projekte scheitern sehen, weil genau solche Versprechen (oder auch nicht) gemacht wurden und dann NICHTS passiert ist.

    Es erleichtert irgendwie, wenn es auch anderen LEIDER so geht.

    Über kurz oder lang wird es sowieso einen Umbruch geben. Wahrscheinlich nicht in der Form, wie in manchen afrikanischen Ländern, aber doch. Und womöglich sogar gezielter als es manche “Aufständischen” derzeit schaffen.

    Hoffen wir das Beste für die Zukunft!

  3. Karin Koller Says:

    Gerade in jenen Kunstbereichen, die außerhalb der beschützenden Werkstätten des institutionellen Kulturbetriebes mit seinen Kammersängern und ordentlichen Universitätsprofessoren tätig sind, wird sich die Frage, die Christiane Rösinger so schön stellte (“Ist das noch Boheme oder schon Prekariat?”), zukünftig von selbst beantworten. Und wenn schon staatlich finanzierte Institutionen wie der ORF bei ihren potentiellen Auftragnehmern, sobald es etwas vom Dancing-Stars-Mainstream Abweichendes betrifft, die Selbstausbeutung voraussetzen können, dann hat die Kulturpolitik wirklich abgedankt.

    http://karinkoller.wordpress.com/


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