Wolkenkuckucksheim

11. Juni 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (113) Wenn alle Welt allzeit & allerorten alle Musik aller Spielarten hören kann, hat der „Distinktionsgewinn“ ausgedient?

„Das Abgleichen und Synchronisieren von Geräten treibt einen in den Wahnsinn“, sprach Steve Jobs unlängst bei der Vorstellung des neuesten Apple-Services „iCloud“. Ich wünsche dem Mann, dass er keine grösseren Sorgen hat – er wird ja schmaler und schmaler in seinem schwarzen Rollkragen-Pulli. Aber einmal mehr hat Jobs nicht nur recht, sondern macht aus Anti-Wahnsinn, sprich: Bequemlichkeit, ein Patzen Geschäft. Teilweise gratis, teils bezahlterweise soll man demnächst Daten aller Art – Dokumente, Fotos, Musik et al – „in die Wolke“ auslagern können. Und Endgeräte, also Laptops, iPads, Smartphones usw., eventuell nur mehr als Schlüssel zur virtuellen Vorratskammer nutzen.

Das für mich interessanteste Angebot, nämlich die Unmengen an Musik-Files, die ich da und dort und sonstwo horte, via iTunes endlich einmal auf einen Nenner bringen zu können, spielt’s aber nicht so bald. Jedenfalls nicht vor 2012. Die britische Musikindustrie hat nämlich Bedenken angemeldet, die Gespräche befinden sich erst, so liess man verlautbaren, „in einem sehr frühen Stadium“. Hm. In den USA will man dagegen schon im Herbst loslegen.

Und es scheint, als hätte Jobs wieder einen Coup (“One more thing”) gelandet, der Google, Amazon & Co. mit ihren Cloud Services vergleichsweise alt aussehen lässt: MP3s aus allen möglichen Quellen, die man privat abgespeichert hat, werden via “iTunes Match” mit dem iTunes Store-Angebot abgeglichen. Niemand kann, soll und wird danach fragen, wo man das Zeug eigentlich her hat. Das ermöglicht elegant die nachträgliche Quasi-Legalisierung ominösester Filesharing- und Klon-Festplatten-Datenbestände, und das ist gut und richtig so. Denn: Apple verlangt für die gebotene Convenience Geld. Man darf das getrost als freiwillige Kultur-„Flat Rate“ betrachten. Und ein gewisser – allemal diskussionswürdiger – Bruchteil der Kohle wird auch bei den Künstlern landen.

Wenn aber Musik wie Wasser ist – gemäss der Experten-Prophezeihung, sie wäre bald immer und überall auf Knopfdruck verfügbar –, was wird dann aus dem guten, alten Distinktionsgewinn? Denn Kulturgüter waren immer auch Unterscheidungs-Merkmale und Gegenstände der Selbstdefinition. Es soll ja Fälle gegeben haben, wo man sich von einer Freundin ihres unerträglichen Musikgeschmacks wegen – leicht erkennbar an der Plattensammlung – getrennt hat. Darüber nachzudenken könnte sich lohnen: wie rette ich das höchstpersönliche Luxusprodukt Musik in das ubiquitäre, egalitäre, technisch gleichgeschaltete Wolkenkuckucksheim von morgen?

Sollen andere an Syncing-, Streaming- und Download-Plattformen basteln: plötzlich erscheinen mir alte, analoge Tonträger wieder handfest und reizvoll.

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3 Antworten to “Wolkenkuckucksheim”


  1. … das ist erst der Anfang.

  2. CEEA Says:

    Schön geschrieben.
    Die Zeit wird zeigen, ob dieses Angebot sinnvoll umgesetzt wurde.
    Einzig die Speicherbegrenzung macht mir etwas sorgen.
    Was sind schon 5 GB heutzutage?

    Hier wird sich in den kommenden 6-12 Monaten zeigen, welche Firma ein sinnvolles und auch gutes Angebot hat.
    :)


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