David Cameron, Benjamin Franklin & wir

12. August 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (122) Die Technikgläubigkeit der Apocalypse Now!-Apolegeten führt direkt in den Abgrund.

Nervosität überall. Nervosität an den Börsen, in den News-Rooms der Medienunternehmen, in den Polizei-Wachstuben, in den Zentralen der politischen Parteien. Fast überall neigt man zur selben Rezeptur: mehr, mehr, mehr. Mehr Milliarden für „Rettungsschirme“, mehr Polizisten auf den Strassen (und Baseballschläger daheim), mehr Wachstum oder zumindest Wachstumsbeschwörungen, noch mehr salbungsvolle Worte, Medienrummel und Polit-Hickhack.

Und nicht zuletzt mehr Technik – Überwachungskameras, Trojaner, URL- und IP-Filter, Handyortung, Suchprotokolle und Social Media-Screenings, Vorratsdatenspeicher, IT-Spezialeinheiten. Man könnte meinen, da draussen, aber auch im vormals trauten Heim herrscht längst Krieg. Cyberwar. Jugendliche Ego-Shooter, Hacker und Hooligans, WikiLeaks & Anonymous gegen den Rest der Welt.

Es wird Zeit, hierorts ein paar klare Worte zu verlieren. Denn die Bedrohung liegt nicht bei den höchst mysteriösen Gestalten, die sich mehr (sic!) in den Analysen selbsternannter Experten und in den Schlagzeilen der Boulevard-Presse tummeln als in der realen Erfahrungswelt. Unsere grössten Feinde sind wir selbst. Und dieser unendlich naive Glaube, dass ein massives Mehr an moderner, nein: modernster Technik die Dinge wieder geradebiegen könnte. Welch Irrtum.

Aktuelle Debatten – etwa jene um den „Klarnamen“-Zwang im Internet, den Google ebenso forciert wie Politiker und Verfassungsschützer – zeigen, dass sich bestimmte, in der Tat meist technikgetriebene und informationsbasierte Entwicklungen einerseits immer stärker beschleunigen, andererseits immer mehr zuspitzen. Andererseits der “Faktor Mensch” aber seit Jahrtausenden keine Wesensänderung erfahren hat – und Gier, Neid, Wut, Angst, Irrationalität, Aggression – usw.usf., letztlich: Mord & Totschlag ungebrochen herrschen, gezügelt von mehr oder minder stabilen und wirksamen Insignien der Zivilisation. Homo homini lupus est.

Kann es da wirklich ein probater Ratschlag sein, Feuer mit Feuer zu bekämpfen, Gewalt mit noch mehr Gewalt und offenen, eventuell gar konstruktiven Meinungsabtausch mit offensiven Untergriffen und Orwellschem Untersuchungs-Instrumentarium? Wenn sich Ihnen – wie mir – diese Frage immer drückender und drängender stellt, hätte ich gleich noch eine zweite auf Lager: trauen Sie sich, die Antwort unter Ihrem Vor- und Zunamen öffentlich nachlesbar auf Jahre hinaus, eventuell für alle Ewigkeit festzuhalten?

Die deutsche „Computerwoche“ gab potentiellen Paranoikern einst folgende Ratschläge: „Drucken Sie diesen Artikel aus und verbrennen Sie ihn, ohne das Haus anzuzünden. Löschen Sie den Browser-Verlauf und den Cache. Booten Sie. Verhalten Sie sich unauffällig.“

Den Traditionalisten, die diese Kolumne (noch) auf Papier lesen, gebe ich den alten Merkspruch von Benjamin Franklin – das ist der streng dreinschauende Typ auf der 100-Dollar-Note – mit auf den Weg zum spurenterminierenden Kamin: „Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.”

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