Datenstrom in Crypto City

9. September 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (126) Was immer Sie launig auf Facebook posten, lesen mehr Leute mit, als Ihnen eventuell lieb ist.

„Wer bei sozialen Netzwerken amerikanischer Anbieter, etwa Facebook oder Google+, ständig über die Vereinigten Staaten wettert, könnte beim nächsten Amerika-Urlaub Einreiseprobleme bekommen.“ Sage nicht ich. Sagt auch nicht der US-Botschafter. Das ist das Fazit eines Reports des grössten deutschsprachigen Spartenmagazins „ComputerBild“ zum Thema Daten-Scanning, der wohl nicht zufällig zum Jahrestag von 9/11 erscheint.

Dass ausgerechnet die plastisch-populistisch formulierenden, aber gewiss nicht unter Anti-Amerikanismus-Verdacht stehenden Produkte des Axel Springer-Verlags zu solch einem Schluß kommen, ist denkwürdig. Die Welt hat sich seit den Tagen des Kalten Krieges, der auf einem simplen West/Ost/Gut/Böse-Schema beruhte, rasant weitergedreht. Sind jetzt die Amis die neuen Schurken?

Natürlich nicht. Und gewiss sind nach dem 9/11-Trauma – das auch zehn Jahre nach den Geschehnissen unvermindert nachwirkt – erhöhte Sensibilität und Wachsamkeit durchaus verständlich (auch wenn sich viele Feindbilder als absurde Projektionen und üble Polit-Konstruktionen erwiesen haben). Man kann sich aber nur schwer des Eindrucks erwehren, dass das Land – zurecht oder zu Unrecht, darüber mögen Politikwissenschaftler, Historiker und Ideologen streiten – eine gewaltige Paranoia aufgerissen hat. Und stetig die Arsenale des Misstrauens aufrüstet. Der freiheitsliebende, locker kaugummikauende Cowboy von einst gleicht heute einem computerbewehrten, latent aggressiven Marshall der US-Einwanderungsbehörde mit verspiegelter Sonnenbrille.

Ich habe das Bild nicht zufällig gewählt: man begegnet dieser Symbolfigur des Status Quo auf jedem Flughafen und an jeder Grenzstation der Vereinigten Staaten. Unangenehm und fragwürdig genug. Der Arm des Gesetzes reicht aber weit über die Staatsgrenzen hinaus. Bis nach Europa. Und mitten hinein in unseren Alltag.

„Facebook darf Informationen weitergeben, wenn das Unternehmen im guten Glauben der Meinung ist, dass ihre Offenlegung zur Vermeidung von betrügerischen oder anderen rechtswidrigen Handlungen notwendig ist.“ Punkt. Gilt übrigens nicht nur bei Facebook, sondern auch für Amazon, Apple, Microsoft, Google, Twitter, Dropbox & Co. „Dazu zählt unter anderem die Weitergabe von Daten an Behörden.“ Lesen Sie ruhig mal im Kleingedruckten der Geschäftsbedingungen nach (Hut ab übrigens vor den Wiener Studenten, die genau das getan haben – und Klage einreichten. Mit noch unabsehbaren Folgen.)

Im Klartext: wir liefern freiwillig und freudig Persönlichkeits-Profile, Social Media-Röntgenbilder und prallvolle „Cloud“-Aktenschränke – kurzerhand unsere persönliche und professionelle Intimsphäre – gebündelt an einen Haufen Geheimdiensthansln, die dem US-„Patriot Act“ gemäss ganz legal in einem Gebäude- und Bunkerkomplex namens „Crypto City“ beständig den Nachrichtenstrom analysieren. Und, gewiss: die vergleichsweise strengen EU-Datenschutzbestimmungen sind den Antiterror-Agenten herzlich egal. Die Justizbehörde muss über diese Vorgänge zwar informiert werden, aber sie bedürfen nicht ihrer Genehmigung. Jeglichem Ge- und Missbrauch durch FBI, CIA, NSA und „befreundete“ Einrichtungen im In- und Ausland – zählten nicht auch Libyens Folterknechte bis vor kurzem zu den Partnern der US-Antiterror-Truppe? – ist nicht das kleinste Riegelchen vorgeschoben.

Was empfiehlt „ComputerBild“ in diesem Kontext? Eine kostenlose Verschlüsselungs-Software namens „TrueCrypt“. Na super! Ich wette: wer immer die runterlädt, kann sich in Zukunft die Reise und den forschen Blick der US-Marshalls gleich ersparen. Und sich präventiv selbst unter Generalverdacht stellen.

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Eine Antwort zu “Datenstrom in Crypto City”


  1. […] mit jenen des grossen Geistesbruders NSA in Fort Meade in Maryland, USA. Dort, in einem Crypto City genannten Areal, laufen ja so ziemlich alle Informationen dieses Planeten zusammen. Und werden […]


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