Jeder Leser zählt

26. November 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (137) “Spotify”, die Zukunftshoffung der Musikindustrie, setzt auf die Geduld der Künstler und Labels. Und ihre Erpressbarkeit.

Es wird Ihnen nicht verborgen geblieben sein – nicht zuletzt, weil ich gerne über HiFi, Unterhaltungselektronik und Audio-Web-Innovationen schreibe –, dass ich im Musikgeschäft tätig bin. Das bedeutet, Künstler zu produzieren, ihre Werke zu verlegen und zu vermarkten und generell gemeinsam aus „Copyrights“ Profit zu schlagen. Damit wird man schon lange nicht mehr reich, nicht einmal dem Klischee nach. Eher im Gegenteil: die Musikindustrie gilt heute als Heimstätte verarmter Ex-Prunk- und Protzsüchtiger. Tatsächlich leiste ich mir mein kleines Label als exaltiertes Hobby. Leben tu’ ich vom Kolumnen-Schreiben (kleiner Scherz am Rande).

Werden wir wieder ernst. Stellen Sie sich vor, ich würde für meine Texte nicht pauschal oder per Zeilenhonorar bezahlt, sondern ihrer Leserzahl nach. Sie bestimmen und vermehren also jetzt gerade – danke! – mein Einkommen. Man muss nur, so meine Fiktion, exakt messen, wieviele Rezipienten diese Kolumne wirklich hat. Auf Papier. Und online (da funktioniert das übrigens tatsächlich schon). Und am Ende des Jahres würde man mir die Quantitäten schwarz auf weiss mitteilen, im Form einer Abrechnung und eines Schecks.

Bis dahin allerdings erfahren ich nicht, was ein Leser wert ist. Es geht nur das Gerücht um, es handle sich gerade mal um den Bruchteil eines Cents. Ich muss mich zwangsläufig überraschen lassen. Weder der Chefredakteur noch der Verband der Zeitungsherausgeber, auch nicht die Journalistengewerkschaft und schon gar nicht die zuständige Verwertungsgesellschaft wollen vorab irgendwelche Angaben machen. Sie können die entscheidenden Zahlen übrigens auch nicht kontrollieren. In keinster Weise. Dennoch: das sei ein neues, innovatives, revolutionäres Konzept, bekommt man von allen Seiten zu hören, die Konsumenten lechzten förmlich danach, es werde sich schon bezahlt machen. Und damit basta.

Würden Sie ein solches Geschäftsmodell – für die einen mag es möglicherweise eines sein, für die anderen, zuvorderst die kleinen Lieferanten, klingt es wie purer Hohn – akzeptieren? Eben. Aber ihr Protest bleibt schwach. Erstens wissen Sie noch nicht, was tatsächlich dabei rausschaut. Und zweitens gibt es keine Alternativen. Die Industrie-Grössen und traditionellen Medienhäuser meinen nämlich, die Gesamtsituation (oder zumindest ihr Part darin) werde im Digitalzeitalter immer desaströser, man sitze ja in einem gemeinsamen Boot und nur so sei es vor dem Untergang zu retten. Leise seufzend, bisweilen auch laut fluchend rudern Sie dem Hoffnungsschimmer am Horizont entgegen.

Eine Schimäre? Nein, nur ein Sinnbild für das Modell „Spotify“ (ich hatte Ihnen diese Streaming-Plattform für Musik ja avisiert. Und vergangene Woche ist sie tatsächlich auch in Österreich gestartet.) In den letzten Tagen sind die Fragen zu “Spotify” & Co. nicht geringer geworden. Eher das Gegenteil.

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2 Antworten to “Jeder Leser zählt”


  1. Spotify wird am Mittwoch in New York einen “radikalen Kurswechsel” bekannt geben, hört man. Wie auch immer der dann aussieht. Ich gehe davon aus, dass es sich entweder um eine Verbündung mit iTunes oder einem anderen existenten, interessanten Player oder dem Aufsetzen eines parallelen Kaufangebotes handelt. Wäre allerdings ein Zurückrudern vom Streaming only. Mal sehen.


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