Neujahrsvorsatz

1. Januar 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (141) Die Katalysator-Wirkung von “Twitter” & Co. wird anno 2012 nicht geringer werden. Im Gegenteil.

Neues Jahr, neues Glück. Die alten Medien haben ja vor dem Silvesterabend einmal mehr gezeigt, dass sie mit der Geschwindigkeit des Nachrichten-Fliessbands nicht mehr richtig mithalten können. Egal, ob die „Toten des Jahres 2011“ geehrt wurden – bei manchen fehlten dann die Leider-zu-spät-Kommer Vaclav Havel, Jopie Heesters oder Leopold Hawelka –, oder man, wie im ORF, Stellenanzeigen nicht frühzeitig genug aufsetzte, um diverse Büroleiter-Jobs zumindest formal gesetzeskonform auszuschreiben. E-Mail, Twitter, Google+, Facebook & Co. geben heute den Takt vor (und bisweilen auch den Inhalt), da sehen selbst offiziöse Pressesprecher, Nachrichtenagenturen und APA OTS-Eilmeldungen oft ganz schön alt dagegen aus. Feiertage und Dienstschluss waren gestern, sie sind im World Wide Web unbekannt.

Und auch die frappante, aber leider nur vorgetäuschte Erfindung der Zeitmaschine – Posten & Positionen sind ja in Österreich meist schon festgeschrieben, bevor sie überhaupt existieren – hilft dagegen herzlich wenig. Eventuell noch weniger als das grosse „Österreich“-Horoskop, das uns schon tief im zurückliegenden Jahr unser Schicksal bis ins Jahr 2380 (oder so) verkündete. Immerhin haben die Fellners noch nicht den Weltuntergang in ein Abo-Kombiangebot mit einer „Gratis“-Autobahnvignette gepackt. Das bunte Papier, das sie zusätzlich feilbieten, geht unter Freunden unter Umständen als Verpackungsmaterial durch. Der höhere Unsinn, den all die Astrologen, Sternendeuterinnen und professionellen Kaffeesudleser absondern (sogar in “Qualitätszeitungen” und im ORF), darf dagegen direkt in den Mülleimer befördert werden.

Tief durchatmen! 2012 wird besser, als Sie glauben. Warum? Weil wir allmählich lernen – und ich schliesse explizit die Politik mit ein, obwohl deren Lernkurve erstaunlich flach verläuft –, die Technik von heute als Kulturtechnik zu verstehen. Und auch so zu nutzen. Sprich: uns von den naiven Hoffnungen und Erwartungen z.B. an Social Media zu lösen, sie aber immer selbstverständlicher, überlegter und effizienter zu verwenden. Alltäglich. Allerorten. Die (auch positive) Hysterie des Neuen & Ungewohnten fällt zunehmend ab. Der Nutzwert nimmt zu.

Wen interessiert es, ob Faymann höchstpersönlich twittert – oder doch nur ein Propaganda-Bot? Wer glaubt noch ernsthaft an die Unschuld von Marc Zuckerberg, Larry Page, Laura Rudas & Co.? (Big Shoutout, nebstbei, an die wackeren Facebook-Hinterfrager rund um den Wiener Studenten Max Schrems!) Werden die Occupy-Bewegung, Wikileaks, Anonymous et al 2012 weiterhin Relevanz besitzen – oder müssen wir uns einfach nur neue Namen ausdenken für steinalte Mutbürger-Utopien? Und können wir uns – vernetzt wie nie zuvor – ab sofort um die wesentlichen Probleme dieses Planeten kümmern? Bitte. Danke.

Das wäre ein echter Neujahrsvorsatz: für sich persönlich zu entscheiden, ob man lieber weiter missmutig alte Zöpfe flechten mag. Oder die Fenster sperrangelweit aufmacht und frische, kalte, erquickend sauerstoffreiche Luft hereinlässt.

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