Shine On You Crazy Diamond

14. Februar 2012

Ohne Geld ka Musi. Das gilt nicht nur für die Musikproduktion, sondern auch für Fernsehprogramme. Der Kultur- & Informations-Kanal ORF III leidet, liest man, schon kurz dem Start an Budgetproblemen. Dem lässt sich mit gutem Willen und klaren inhaltlichen Gewichtungen abhelfen. Ein Plädoyer.

Vor wenigen Tagen habe ich – gemeinsam mit einigen anderen – eine “Pink Floyd Nacht” im Radiokulturhaus inszeniert, die vom Kulturkanal ORF III aufgezeichnet wurde. Einerseits als exemplarische Übung, weil immer wieder (und vollkommen zurecht) beklagt wird, dass der ORF mit Populärkultur eigentlich nicht umzugehen weiss. Andererseits auch, um zu sehen, ob solch eine launige Mixtur aus Musik, Wort und Bewegtbild überhaupt Sinn & Spaß macht. Fazit: sie macht. (Natürlich gab’s auch kritische Stimmen, das sei nicht verschwiegen).

Pink Floyd sind nun ein recht populistisches, aber auch spannendes und generationenumspannendes Topic für einen – immerhin über vier Stunden langen – TV-Pop-Diskurs, trotzdem waren die Erwartungen zunächst nicht allzu hoch. Schliesslich ist ORF III Cross-Promotion in den zwei reichweitenstarken TV-Kanälen des ORF verboten (warum, sollten einem Normalbürger mal die beamteten Juristen der KommAustria beantworten). Und ein paar Hinweise auf Facebook und der eine oder andere launige Hinweis im Radio können natürlich kein Wunder bewirken. Trotzdem herrschte am Tag nach der Ausstrahlung Freude, ja Jubel: 3 Prozent der Fernsehzuseher hatten die “Pink Floyd Nacht” – Höhepunkt: wunderbares Originalmaterial aus dem ORF-Archiv – gesehen. Und das teilweise bis zwei Uhr früh. Das ist für einen Spartenkanal ein beachtlicher Erfolg. Die Quote fiel für diese Zeit etwa dreimal so hoch aus wie üblich. Der vergleichbare, aber millionenschwere Kanal des “Red Bull”-Eigners Dietrich Mateschitz, Servus TV, kommt auf einen (im breiten Bouquet technisch empfangbarer Sender auch durchaus respektablen) durchschnittlichen Marktanteil von 0,7 Prozent. ORF III liegt in der Regel deutlich darüber.

Nun sind Quoten für deklarierte Minderheitenprogramme nur zweitrangig. Insbesondere für Sport-, Kultur- & Informations-Zusatzangebote. Aber natürlich macht niemand Fernsehen, um möglichst wenige oder keine Zuseher zu haben. Im Gegenteil. ORF III ist insofern generell ein beachtlicher Erfolg. Und ein grosser Pluspunkt der Ära Wrabetz. Dass einige Spötter den Kanal als eine Art Mogelpackung, als Potemkinsches Dorf oder gar als “programmiertes Desaster” bezeichnen, weil hauptsächlich Archivmaterial aufbereitet wird (Zielgruppe: > 60-Jährige) und Wiederholungen angesetzt werden, darf als voreilige Polemik gewertet werden. Denn natürlich gibt es auch Eigenproduktionen. Und eine wirklich griffige, breite, sinnmachende Programm-Mixtur muss erst gefunden und bedächtig entwickelt werden. Aber ich gebe zu: auch ich würde mir von einem Angebot wie ORF III mehr Gegenwarts- und Popkultur wünschen. Mehr Experimente. Mehr Quergebürstetes. Mehr Jugend. Und weniger repräsentative oder gar museale Hochkultur. Pink Floyd darf in diesem Zusammenhang nur als aufreizend moderates und relativ risikoloses Signal verstanden werden. Aber: immerhin.

Nun lese ich, noch beflügelt von diesem (pekuniär selbstausbeuterischen) Ausflug in die Fernsehwelt, dass seitens der Direktion “Maschine stop!” durchgesagt wurde. Oder gar die Parole “Maschine retour!”. Denn es fehlt Geld. Geld, um etwa das – immerhin ORF-eigene – Radiokulturhaus als Produktionsstätte nutzen zu können. Für Talk-Sendungen. Für Diskussionen. Für Konzertaufzeichnungen. Und für Produktionen wie die “Pink Floyd Nacht”. Warum das? Weil das Gesamtbudget von ORF III einfach von Beginn an unrealistisch niedrig angesetzt war. Weil die Auslagerung der Produktion an billige, externe TV-Teams nicht reicht. Weil mit einem gewissen technischen und inhaltlichen Anspruch und Mindestniveau exzessives Preisdumping nicht möglich ist. Und weil zwar für einige Sendereihen Sponsoren gefunden wurden, aber längst nicht für alle. Pecunia non olet. Aber das Geld fehlt. Und diese Situation stinkt zum Himmel.

Denn wir sprechen hier von einem Budgetposten in der Höhe des Produktionsbudgets von zwei “Dancing Stars”-Folgen, wie ich dem “Standard” entnehme. Und, ja, es gehört zu den Aufgaben der Führungs-Crew des ORF, zu entscheiden, ob es einem öffentlich-rechtlichen Sender gut ansteht, das eine zugunsten des anderen sein zu lassen. Oder eben auch nicht. Ohne solch einen internen Verteilungskampf von außen kommentieren zu wollen (und weit davon entfernt, ihn auch nur annähernd beeinflussen zu können), erlaube ich mir, die entscheidende Frage an die Leserin, den Leser dieser Zeilen weiterzureichen: wollen Sie, wollen wir mehr “Dancing Stars”, mehr “Chili”, mehr Sido, mehr Formel 1-Übertragungen und mehr US-Fliessband-Serien? Oder wollen Sie, wollen wir auch Alternativen? Kleine, feine, entwicklungsfähige, quotenzwangferne Nischen und Programmzonen wie ORF III?

Meine Antwort liegt auf der Hand. Und ich fände es enorm enttäuschend, wenn man das mit viel Lob, Verve und Stolz gestartete ORF III nun zur Randnotiz erklärt. Zum Billigsberger-Alibi. Zum Kulturfederl, das man sich bei Bedarf gern an den Hut steckt, das aber tunlichst nichts kosten darf. Wenn man überhaupt in einer Mehrklassen-Gesellschaft der freien Produzenten, Mitarbeiter und Gestalter ein gutes Gewissen behalten kann und darf, dann dort. Ein Experimentierfeld muß nicht – oder zumindest nicht immer – Hochglanz-Fernsehen sein. Lernen, Üben, Ausprobieren schreit nicht nach Angestellten-Dasein und teuren Budgets. ORF III kann, nein: müsste ein Biotop der TV-Zukunft sein. Aber auch das kleinste Biotop kommt nicht ohne Sauerstoff aus.

Daher ein schlichter Appell: Herr Wrabetz, Herr Grasl, Frau Zechner, Herr Ströbitzer – schaufeln Sie ein, zwei zusätzliche Millionen frei. Für ORF III. Ohne Zaudern. Mit der x-ten Staffel von “Dancing Stars” werden Sie nicht in die Mediengeschichte dieses Landes eingehen. Mit einem Bekenntnis zu ihrem eigenen, öffentlich-rechtlichen Wunderkind – das in seiner Frühphase generell der Anerkennung und Zuwendung bedarf und bislang mehr als verdient hat – schon eher. Es ist ja nicht das eigene Geld, das Sie da reinstecken. Sondern das der ORF-Gebührenzahler. Und die scheinen mehr übrigen zu haben für derartige “Minderheitenprogramme”, als viele für denkbar und möglich hielten. Und dem vielbeschworenen “Public Value” dient es auch. Zweifellos.

Und wenn es hilft bei der Entscheidungsfindung: eine zweite Sendung nach dem Muster der “Pink Floyd Nacht” aus dem Radiokulturhaus in der Argentinierstrasse liefern wir gratis. Als kleinen Beitrag zur ORF III-Zukunft. Motto: “Shine On You Crazy Diamond”. Auch wenn es auf Dauer nicht ohne realistische Budgetierung, sensible Grundsatzentscheidungen und klare hausinterne Bekenntnisse gehen wird.

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4 Antworten zu “Shine On You Crazy Diamond”


  1. Ich würde es sehr bevorzugen einen österreichischen TV Sender wie ORF III zu haben, der sich NICHT mit dem Mainstream der Kultur beschäftigt. Es gibt so viele Künstler und Band, Theater, Kabarett und auch nicht alltägliche Doku’s die es WERT sind an das österr. Publikum gebracht zu werden. Ich würde mit wünschen ORF III schafft den Sprung in diese Richtung.

  2. Madonna Mia Sagt:

    @”Verteilungskampf”

    Das schönste Programm bestünde für mich darin, daß die Künstler endlich einmal anfangen, sich um die ihnen angeblich zustehende finanzielle “Unterstützung” doch bitteschön bei jenen anzustellen, die sie ihnen FREIWILLIG zukommen lassen in Würdigung einer mehr oder auch weniger gelungenen künstlerischen Darbietung. So funktionierts ja überall auf der Welt.

    Sich auf ewig hinter einem “öffentlichen Auftrag” zwecks Lukrierung ständig steigender Zwangsgebühren zu verstecken, hat dagegen wenig bis nichts mit Kunst zu tun, aber jede Menge mit jener besonders widerlichen Form von Parasitismus, die geradezu brauchtumspflegerisch von viel zu vielen Leuten im rundum verhaberten Klein-Österreich als Kunstform sui generis mißverstanden wird.

    Und womöglich noch auf beleidigte Leberwurst spielen, wenn das böse Wort vom Staatskünstler fällt, und die dacapo-Rufe ausbleiben? No geh! Wären die Wurstpreise inzwischen nicht schon in obszöne Höhen gestiegen, könnt man sogar darüber lachen, um dem ansonsten eher unlustigen Treiben wenigstens diesen einen Anflug von öffentlich-rechtlichem “Mehrwert” zu attestieren.

    • Walter Gröbchen Sagt:

      Liebe(r) Madonna Mia, damit stellen Sie aber, bitt’schön, das gesamte Medien- und Kultursubventionssystem in Österreich in Frage, vom ORF, dem Burgtheater und der Staatsoper abwärts. Kann ich intellektuell nachvollziehen, praktisch aber nicht. Da müssen Sie schon bis zur Revolution warten. Im übrigen verweise ich darauf, dass meines Wissens nach keine (!) einzige Branche in diesem Land keine Förderungen, Subventionen, offenen oder verdeckten Wirtschaftsanreize etc. usw. usf. bezieht. Könnte man natürlich auch radikal ändern… Was treiben denn Sie so beruflich?

      • Madonna Mia Sagt:

        Dass Sie, lieber Gröbchen, radikale Absagen ans österr. Subventionsunwesen (mit bes. abschätziger Erwähnung der Staatstheater, danke dafür!) PRAKTISCH nicht nachvollziehen können/wollen, war mir in Kenntnis Ihrer Kurzbio freilich vorab klar: Rein persönlich hab ich auch gar kein Problem damit, es muss ja jeder tun, was er nicht lassen kann!

        Weder erwartete/ersehnte ich jedoch eine Revolution, noch widerspräche ich Ihrem Hinweis auf die Durchsubventionierung ALLER Branchen im schönen Österreich, hoffe allerdings schon, dass Sie dieses international kuriose Phänomen weniger als k.u.k. Kultur”gut” rechtfertigen möchten denn als groteske Unsitte erkennen.

        Um schließlich Ihrer Neugier entgegenzukommen: Ich beziehe als (derzeit auslandsösterr.) Selbstständige keine Subventionen, und nehme aus Prinzip noch nicht einmal öffentliche Aufträge an. Es ist einfach eine Frage der Prioritätensetzung, und von daher kann ich Ihnen nur bestätigen: Veränderung fängt man am besten bei sich selbst an. In diesem Sinne…

        Shine On!


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