Selbstbeschwichtigung mit Schwung

27. April 2012

Die „Musiknation Österreich“ feiert sich alljährlich mit ihren aktuellen Pop-Produktionen beim TV-Spektakel „Amadeus“ (am 1. Mai vor Ort im Volkstheater oder in Puls 4 zu sehen) selbst. Dabei gibt es nicht allzu viel zu bejubeln in der heimischen Musikbranche.

Haben Sie je etwas von einer Band namens „Herbstrock“ gehört? Wenn die Antwort „nein“ lautet, müssen Sie nicht extra ihr Gedächtnis trainieren. Herbstrock haben sich dieser Tage nämlich aufgelöst. Nach über zehnjähriger Existenz hat die Wiener Neustädter Formation mittels Pressemitteilung die Erkenntnis verbreitet, „dass es nicht mehr voran gehen kann.“ Ein erstaunlicher Kontrast zum Faktum, dass die Band gleich zweimal mit dem wichtigsten Preis der österreichischen Musikindustrie ausgezeichnet wurde: 2008 gewannen Herbstrock den „Amadeus Austrian Music Award“ in der Kategorie „Newcomer“, 2009 wurden sie für das „Album des Jahres“ geehrt. Nicht einmal zwei Jahre später wegen künstlerischer und kommerzieller Perspektivlosigkeit den Hut drauf zu hauen – ein Symptom für die gesamte Branche?

Nein, lautet die Antwort der IFPI, der Interessensvereinigung der heimischen (Major-)Tonträgerproduzenten. Denn „die Richtung stimmt“, wie Hannes Eder, IFPI-Präsident und Chef des international und national grössten Labels Universal, nicht müde wird zu betonen. Auch Kollege Philip Ginthör, der von Wien aus eine erstaunliche Karriere bei Sony Music gemacht hat und den gesamten deutschsprachigen Raum verantwortet, stösst via APA ins gleiche Horn: „Ich denke, dass wir inzwischen mit dem Mix aus digital und physisch eine kritische Masse erreicht haben. In Österreich legt der Onlinemarkt zum siebenten Mal in Folge zu. Das sind positive Impulse, die auch wieder zu Wachstum führen können.“ Die rituelle Beschwörung der Trendwende und neuer Geschäftsmodelle – strikt abseits individueller Künstlerschicksale – kann allerdings das kräftige Minus in der Gesamtbilanz nicht gänzlich camouflieren. 2011 wurden in Österreich rund 174 Millionen Euro mit Musik umgesetzt, macht ein Minus von 6,5 Prozent im Vergleich zum Jahr davor. Immerhin: damals hatte man noch einen Verlust von fast neun Prozent eingefahren.

Zum fast schon traditionellen Hoffnungsträger ist der Digitalsektor herangereift: mit legalen Downloads auf PC und Handies, Klingeltönen und neuen Streaming-Angeboten (“Deezer”, „Spotify“, „Simfy“ & Co.) verzeichnete man ein Plus von rund 14 Prozent bei einem Volumen von 24 Millionen Euro. Einen dicken Teil vom Kuchen holten für die heimischen Konzernfilialen von Universal und Sony lokale Komponisten und Interpreten: mit dem „Volks- Rock’n’Roller“ Andreas Gabalier und seinem ungleich authentischeren und sprachmächtigeren Kollegen Hubert von Goisern stellen die Dickschiffe der Branche auch die diesjährigen „Amadeus“-Abräumer. Omnipräsenten Retorten-Sellern wie den oberösterreichischen Songcontest-Vertretern Trackshittaz bietet man einmal mehr eine Bühne. Aber auch frische Kräfte wie Elektro Guzzi, Ja, Panik, Parov Stelar oder Dorian Concept dürfen sich Hoffnungen machen. Ludwig Hirsch („Dunkelgraue Lieder“) wird posthum für sein Lebenswerk geehrt.

Der „Amadeus“ selbst spiegelt die Krise und Zerrissenheit der Musikindustrie – realistisch betrachtet ist es eine mittelgrosse Import-Maschinerie, deren Österreich-Dependancen mehr und mehr zu Marketing- und PR-Büros degradiert werden – drastisch wider: 2011 fand eine Preisverleihung erst gar nicht statt. Nach langen Jahren des Schulterschlusses mit dem ORF, der sich aktuell einmal mehr unnobel zurückhält (offiziell aus „Kostengründen“), übt man sich in der IFPI-Zentrale nun in progressivem Pragmatismus. Einerseits will man den Medienpartnern Puls 4, T-Mobile und Ö-Ticket im Volkstheater eine zeitgeistige, selbstironische Show und Plattform bieten und bezieht daher die Independent-Szene beherzt ein. Andererseits hat der „Amadeus“ seine Hebelwirkung in punkto Absatzzahlen fast gänzlich verloren. Die Nachred’ hängt – auch das ein Sittenbild einer Selbstbeschwichtigungs-geübten Branche – vorrangig von der Qualität und Quantität der Cocktails ab, die bei der Aftershow-Party serviert werden. Gratis, eventuell aber auch umsonst.

Denn die eigentlichen Topics und Probleme werden, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt werden: vom aktuellen, brisanten Urheberrechts-Streit (besonders umfehdet: die Initiative „Kunst hat recht“) über die damit verbundenen Gesetzes-Vorstösse auf EU-Ebene (von ACTA bis IPRED), von der wegbrechenden Handelsstruktur für physische Tonträger, die zunehmende Personal- und Kompetenz-Ausdünnung bei den Unternehmen bis zum nachwievor beschämenden „Österreicher-Anteil“ in wichtigen öffentlich-rechtlichen Durchlauferhitzern wie Ö3, Radio Wien oder den dominierenden TV-Kanälen. Der mangelnde Wille, heimische Musik – deren Dichte, Originalität und Qualität kaum je höher war – respektvoll wahrzunehmen, kommerziell zu entwickeln und wirklich offensiv zu transportieren (eventuell auch über die Landesgrenzen hinaus), mündet in zunehmender Verzagtheit auf Label- und Künstlerseite. Eine Negativspirale, die mit Festivitäten, Fördergeldern und Presseaussendungen nur temporär gedämpft werden kann.

Ausnahmen bestätigen die Regeln im heimischen Musikgeschäft. Herbstrock gehören nicht mehr dazu. Auch wenn man auf der Ö3-Homepage wohl auf ewig nachlesen kann: „A star is born! Wieder eine neue österreichische Band, mit der es steil nach oben geht!“

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Eine Antwort to “Selbstbeschwichtigung mit Schwung”


  1. [...] wollen. Wenn es bei diesem Preis aber nur mehr um eine milde Form der Selbstbestätigung oder gar Selbstberuhigung geht – frei nach dem Motto „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst“ –, dann kann man [...]


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