Archiv für 'DIE PRESSE'Kategorie

Daumen rauf, Daumen runter

26. Mai 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (161) Der Erfinder der kabellosen TV-Fernbedienung
ist tot. Seine Erfindung eventuell bald auch.

“Nur wenige Entwickler dürften die Welt derart nachhaltig geprägt haben wie Eugene Polley”, schwadronierte der “Stern”, als vor wenigen Tagen die Nachricht vom Tod des 96jährigen US-Bürgers die Weltöffentlichkeit erreichte. Eugene Who? Ich hätte, ehrlich gesagt, auch nicht gewusst, was nun genau die Verdienste und Meriten des Mannes waren.

Aber man bekommt die Erklärung ja umgehend mitgeliefert: Polley erfand in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die kabellose TV-Fernbedienung. Die “Zenith Flash-Matic” erinnert zwar aus heutiger Sicht eher an einen Miniatur-Haarfön oder eine Gartenspritze im Gottfried Kumpf-Design, aber sie funktionierte. Wenn auch anders als die tastenübersäten Plastikriegel, die wir – (un)gern oft im halben Dutzend – vor uns auf dem Couch-Tisch liegen haben. Polleys “Flash-Matic”, mit der man gerade mal an- und ausschalten, die Kanäle wechseln und die Lautstärke ändern konnte, sendete einen Lichtstrahl aus, den der Zuschauer auf Sensoren in der Ecke des Fernsehgeräts richtete.

Später stieg man auf Ultraschall um (das allererste Modell namens “Space Command” hat übrigens ein Österreicher erfunden, Robert Adler). Dann auf Infrarot. Und noch später auf Apps, die man der neumodernen Universal-Remote Control namens Smartphone verfütterte. Aber das Prinzip des Konsumenten-Szepters blieb mehr oder weniger immer dasselbe. Halten wir an dieser Stelle kurz inne. Und ziehen den Hut im stillen Gedenken an den Urvater aller Couch Potatoes und Zapping-Philippe.

Doch die Welt dreht sich weiter. Und zwar ziemlich rasant. Denn die kalifornische Start Up-Firma “Leap” will uns allen demnächst kleine, billige Kästchen (“Leap Motion”) ins Haus stellen, die per USB-Kabel mit dem Computer und bald auch, jede Wette!, mit dem Patschenkino verbunden werden. Und eine Steuerung der Geräte durch “in der Luft ausgeführte Touch-Gesten” ermöglichen. Also per Fingerzeig. Man kann sich das ähnlich vorstellen wie das Spielen von X-Box-Games per Microsoft Kinect. Oder das Herumgefuchtel vor der konkurrierenden Sony Playstation oder der Wii von Nintendo, wenn man sich schweisstreibende virtuelle Tennismatches oder Säbelduelle liefert Nur mit weit höherer Präzision. Und damit deutlich mehr Eleganz.

Daumen rauf! für die Idee. Daumen runter!, wenn das Ding nicht hält, was es verspricht.

Zuckerbergwerk

19. Mai 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (160) Goldmine oder Riesen-Blase? Warum der “Facebook”-Börsegang kaum jemanden kalt lässt.

Na, mit in Bord beim GRÖBAZ, beim grössten Börsegang aller Zeiten? Wenn ja, sind Sie ab sofort stolzer Mitbesitzer von Facebook. Und nicht mehr nur ein einzelnes blasses Gesicht unter Millionen im Social Media-Ringelreih’ (wiewohl: die güldene “Investor”-Schleife am Portraitfoto habe ich im Freundeskreis noch nirgends erblickt. Kommt sicher noch.)

Ganz billig war dieses Vergnügen ja nicht, bitt’schön. Ausser Sie haben eventuell nur exakt eine Aktie erworben, um sich damit später mal, “been there, done that”, vor Ihren Enkelkindern brüsten zu können… Also gehen wir die Zukunft gleich strikt offensiv an, kapitaltechnisch. Was schlagen Sie vor, wie sich der Wert des Unternehmens und damit Ihr potentieller Reibach steigern lässt? Mehr Werbung? Einen Online-Store für virtuelle Statussymbole? Die skrupellose kommerzielle und soziografische Verknüpfung und Auswertung der gesammelten Daten? Eine noch engere Zusammenarbeit mit FBI, CIA und dem Otto Versand? Die Möglichkeit, sich gegen Geld all die lästigen Geister möglichst vom Hals zu halten?

Die Fragen mögen Ihnen, ganz nach Geschmack, provokant oder lachhaft (oder beides zugleich) vorkommen. Aber sie sind ernst gemeint. Denn ab sofort geht es um das Auf und Ab des Börsenkurses. Kategorisch. Die Manager werden einen Teufel tun und auch nur einen Millimeter vom Pfad der Umsatz- und Gewinnmaximierung abweichen.

Wie die Strategie dahinter aber auszusehen hat, darüber könnten die Ansichten und Meinungen bald auseinandergehen. Und zwar heftig. Nicht nur auf der Kapitänsbrücke, sondern auch im Passagierdeck des Social Media-Flaggschiffs, das zugleich der Laderaum ist. Der Rohstoff, der hier gelagert, gehandelt, geknetet und verwurstet wird, sind private Schöpfungen (deren Urheberrechte man übrigens elegant per AGB’s einzukassieren versucht), menschliche Emotionen und höchstpersönliche, bisweilen intimste Informationen. Auch wenn Humanwissenschafter, Statistiker und Marc Zuckerberg das wahrscheinlich anders sehen: es gibt keine komplexere, unberechenbarere Materie weit und breit. Sie besitzt eine ungeheure immanente Sprengkraft. Und Facebook könnte es schneller zerreissen als die Zeppelin-Industrie einst in Lakehurst, New Jersey.

Sie fragen, ob auch ich Aktien des Unternehmens erworben habe? Nein, habe ich nicht. Mein Bauchgefühl sagt: lass’ die Finger davon. Es hat mich noch selten getrügt.

Weisser Hase, schwarzer Stecker

12. Mai 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (159) Nach dem Smartphone wird nun auch die Steckdose intelligent. Wo steuern wir hin?

Apps, Apps, Apps. Mittlerweile beherrschen die smarten kleinen Applikationen mit den zuckerlbunten Logos unseren Alltag. Diese spielerische Form der Darreichung von “Anwendungsprogrammen”, also zweckdienlicher Software für den Hausgebrauch, scheint der Multitasking-Unwilligkeit (eventuell auch -Unfähigkeit), die offenbar in uns allen steckt, enorm entgegenzukommen. “One pill makes you larger / and one pill makes you small”, sangen schon Jefferson
Airplane in ihrer Sixties-Pop-Hymne “White Rabbit”. Die meinten damit zwar Lysergsäurediethylamid und andere Drogen, aber allzufern sind da auch die digitalen Beruhigungspillen für den Durchschnittsnerd nicht.

Man sollte keineswegs den Fehler machen, die Miniatur-Programme zu unterschätzen. Ihre Mächtigkeit und Universalität erschliesst sich oft erst in Verbindung mit Hardware, der sie – vorzugsweise gesteuert via iOS- oder Android-Smartphone – sanft ihren Willen aufzwingen. Gibt es überhaupt noch Menschen da draussen, die z.B. “normale” Fernbedienungen benutzen? Gewiss, eine überspitzte rhetorische Frage. Noch. Denn demnächst wird man wohl auch die Temperatur des Badewassers, den Stromverbrauch des Kühlschranks oder die durchschnittliche Schnarch-Dauer und -Intensität des Lebensabschnittspartners über eine App kontrollieren.

Wie das? “QGate”, die Entwicklung eines österreichischen StartUp-Unternehmens, hat zu diesem Zweck eine “schlaue Steckdose” mit integrierter Funkanbindung (868 MHz) entwickelt, die mit einem Energiemesser, einem Helligkeits- und Temperatursensor, einem Mikrofon und einer eigenen SIM-Card ausgestattet ist. Das Ding lässt sich via Mobiltelefon von überall auf diesem Planeten an- und ausschalten. Und sogenannte “QApps” – clevererweise lässt man die Entwicklerumgebung für jeden Hobbyprogrammierer offen – sagen dann dem Zwischenstecker, was er genau tun oder lassen soll. Fehlt nur mehr ein fernsteuerbarer Roboterarm.

Von einem “Schweizer Messer der digitalen Nomaden” spricht denn auch “QGate”-Vermarkter Martin Buber. Dann noch ein “On/Off”-Schalter für das, was wir Realität nennen, und eine App für Instant-Glück, Geld und Schnarchfreiheit – und er ist ein gemachter Mann.

Schwarzseher

5. Mai 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (158) “Geplante Obszoleszenz”? In diesem Wortmonster steckt der Wurm unseres Wirtschaftssystems.

Die moderne Welt ist reich an Absurditäten. So drehten dieser Tage die heimischen Zeitungsverleger dem ORF via Rundfunkgesetz und Bundeskommunikationssenat jegliche Social Media-Schnittstellen ab. “Wir sind Kaiser”, Ö3, FM4 & Co. dürfen ab sofort auf Facebook und eventuell sonstwo im Web 2.0 nicht mehr mit ihren Sehern und Hörern kommunizieren. Jedenfalls nicht direkt und “offiziell”.

Glauben Manager privater Konkurrenzmedien ernsthaft, mit virtuellen Schrebergartenzäunen ihre Claims absichern zu können? Und wie genau stellen sich die Medienpolitiker dieses Landes die Zukunft der öffentlich-rechtlichen Multimediaorgel vor? Vielleicht sollte man diese Fragen klären, bevor man am Küniglberg – wo man dem restriktiven Gesetzestext kurioserweise zugestimmt hat – grosse Umzugspläne wälzt. Kunden verdrossen, Anstalt geschlossen? Ich sehe, wenn das so weitergeht, ernsthaft schwarz.

Sollte es Ihnen ähnlich gehen und Ihr TV-Gerät unlängst ein Blackout ereilt haben, überprüfen Sie doch mal, ob die Satellitenschüssel immer noch auf analogen Empfang ausgerichtet ist. Dieses Signal wurde nämlich Ende April ebenfalls abgedreht. Im Notfall hilft der Fernsehtechniker mit einem neuen Digital-Receiver und LNB (das ist das Empfangsteil an der Schüssel) weiter. Dass Sie Ihre GIS-Gebühren brav bezahlt haben, setze ich voraus. Dass das nicht die letzte erzwungene Investition in den technischen Status Quo bleibt, darf angenommen werden.

Sollte nun der Bildschirm immer noch dunkel bleiben, könnte das an Ihrer Hardware liegen. Wie, Sie haben sich erst vor zwei, drei Jahren einen schicken Flachbildschirm angeschafft? Zum ungefähr doppelten bis dreifachen Preis dessen, was die Dinger heute kosten? Das ist der Kern des Problems: mit LCD-, LED-, Plasma- und demnächst OLED-Monitoren verdient die Elektronikindustrie kaum mehr Geld (fragen Sie z.B. mal den Sony-Händler Ihres Vertrauens).

Also setzt man – nicht offen, aber auch nicht gerade streng geheim – auf “geplante Obszolesenz”. Sprich: die Lebensdauer Ihres Geräts ist vorprogrammiert. Und weit kürzer, als sie materialtechnisch sein müsste. Da sich eine Reparatur, wenn der Monitor kein Bild mehr zeigt (zufälligerweise oft kurz nach Ablauf der Garantiezeit), im Regelfall “nicht auszahlt” – so die Standardfloskel in der Werkstatt –, muss natürlich ein neues Gerät her. Das ist der Standardkreislauf unseres Wirtschaftssystems.

Sie halten das für einen Skandal? Unter uns: ich auch. Aber niemand wird uns je danach fragen.

Erleuchtung mit Sollbruchstelle

28. April 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (157) Eine Lampe ist eine Lampe ist eine Lampe. Oder sie ist, Gott verhüt’s!, ein Design-Objekt.

“Mehr Licht!”, das waren ja angeblich die letzten Worte des Denker- und Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe auf dem Sterbebett. Die moderne Literaturforschung hält das für eine Mär’. Dito ins Reich der Fabel verwiesen werden muss, dass eine schlichte Stehlampe knapp 150 Jahre nach Erfindung der Glühbirne keine Probleme bereiten kann. Ich habe jedenfalls seit Wochen des Abends eher weniger als mehr Licht im eigenen Wohnzimmer.

Und das kommt so: als moderner Bildungsbürger schleppe ich regelmässig Ikea-Angebote nachhause. Darunter immer wieder mal die eine oder andere Billigleuchte (Erfahrungswert: Hände weg von Lampen mit externen Trafos! Besonders berüchtigt ist das Modell “Antifoni”. Der Exitus folgt oft schon nach wenigen Monaten).

Lieber aber stellt man sich, sofern das Geldbörsel das hergibt, Qualitätsware ins traute Heim. Bevorzugt sogenannte “Design-Objekte”, wie sie flächenfüllend in den Inszenierungen der Lifestyle-Zentralorgane “Schöner Wohnen”, “H.O.M.E.” und “Architectural Digest” bewundert werden können. So bin auch ich ein Bewunderer der Leuchte “Tolomeo” des italienischen Fabrikanten Artemide geworden. Ein Klassiker, wie Wissende einander zuraunen. Ein Fall für den Konsumentenschutzverein, wie ich meine. Oder wahlweise den Narrenturm.

Denn “Tolomeo”, aus fein gebürstetem Aluminium gefertigt und von graziler Eleganz, spendet zwar – abhängig vom Leuchtkörper – ein ganz wunderbares Licht. Sie hat aber auch, zumindest in der Ausführung als Stehleuchte mit Standfuss, einen Konstruktionsfehler. Und zwar einen gröberen Konstruktionsfehler. Eine Einschätzung, die den Hersteller hoffentlich zu einem wütenden Dementi motiviert. Aber sie entspringt meiner ureigenen Erfahrung.

Denn: man darf die Konstruktion nicht einfach mal hochheben. Ausser, man langt vorsichtig zuunterst nach dem Sockel – und achtet penibelst (aber wer tut das im Alltag schon?) darauf, dass die fragile Alu-Verbindung zum Fuss ja keinen Knacks davonträgt. Sonst steht man nämlich mit einer gebrochenen Leuchte da. Die sich, Sollbruchstellen sollen sich wohl auch rentieren, zum annähernden Preis einer neuen Lampe “reparieren” (also: einfach austauschen) lässt. Bislang habe ich so drei “Tolomeos” erworben. Unfreiwillig.

Der Hersteller zieht sich elegant aus der Affaire, indem er keine Garantie bei “unsachgemässem Gebrauch” gibt. Und es existiert auch ein lachhaft kleiner, aber immerhin eindeutiger Beipackzettel. Ich war schon versucht, der Putzfrau einen unübersehbaren Warnhinweis in Leuchtfarbe auf die Leuchte zu kleben: “Achtung! Nicht hochheben!!! Bricht leicht wie altes Schilf im Frühsommer-Wind!” Aber das würde das Designobjekt zum Mahnmal der Ahnungslosen degradieren. Und wer will derlei schon in den eigenen vier Wänden herumstehen haben?

Der Traum, die Wirklichkeit

21. April 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (156) Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit – ein Fall für Claudia Schmied? Eine (eventuell letzte) Anmerkung zur umstrittenen “Festplattenabgabe”.

Wenn die Wirtschaftskammer, die Arbeiterkammer, grosse Computerhandels-Ketten und Die Grünen unisono in Wehgeschrei verfallen, dann, meine Damen und Herren, sollte man genauer hinhorchen. Ganz genau. Diese schon oberflächlich merk- und denkwürdige Allianz kennt zwar unterschiedliche Motive, warum sie gegen eine “Festplattenabgabe” an- und auftritt, aber letztlich geht’s um Geld. Schnöden Mammon. Nein: eher unschnöden. Die harte Währung der Wertschätzung.

Wie das? Anfang der achtziger Jahre hatte der Gesetzgeber eine Regelung erlassen, die vorsieht, dass der Konsument – also wir alle – für das pauschale Recht, Bilder, Töne, Texte usw. zum Privatgebrauch auf Speichermedien (damals vorrangig Cassetten) zu kopieren, als geringen Ausgleich eine pauschale Gebühr bezahlt. Und zwar pro Datenträger. Eine Art Kultursteuer, die nach bestimmten Regeln auf Kunstschaffende und ihre Mitstreiter, z.B. Verlage, verteilt wird. Viele Jahre lang hat das kaum jemanden gestört. Viele Jahre lang hat das kaum jemand überhaupt registriert.

Da jedoch MusiCassetten heute fast ausgestorben sind, aber auch VHS-Bänder, Disketten und brennbare CDs nicht mehr als der neueste Hit gelten, wollen die Urheberrechtsgesellschaften, die die Gelder kanalisieren, diese Abgabe auf Festplatten ausweiten. Soweit, so nachvollziehbar. Die Folge: ein heftiger Rechtsstreit. Und eine endlose Detaildiskussion im Kontext der sog. “Gratiskultur-Debatte”, geführt auf bisweilen höchst fragwürdigem Niveau.

Nun aber sieht es danach aus, als würde die Kulturpolitik in Gestalt von Ministerin Claudia Schmied dem Wunsch nach der Anpassung der Urheberrechtsabgabe an den technischen Status Quo folgen. Es ist keine Frage von Gier, sondern eine der Notwendigkeiten: die Einnahmen, die die Existenz u.a. vieler lokaler MusikerInnen unterfüttern, sinken drastisch. Gegensteuern tut not. Als bewusster Konsument leiste ich diesen Obolus übrigens gerne. Jedenfalls, solange keine probateren Lösungen für die Förderung und Honorierung künstlerischen Schaffens im Digitalzeitalter gefunden sind.

Natürlich, liebe Grüne (die allerdings, das sei unterstrichen, in dieser Frage keine einheitliche Meinung haben; das durchsichtige Gezetere der Mitstreiter lasse ich mal aussen vor): diese Haltung ist kein “Allheilmittel”. Sondern eine strikt pragmatische Position in bewegten Zeiten. Und, ja, (wenn ich z.B. an Streaming- und Cloud Services denke) nicht wirklich zukunftstauglich. Also her mit besseren, rasch umsetzbaren, tunlichst konkreten Vorschlägen!

Im tiefsten Inneren bin nämlich auch ich gegen eine Festplatten-Abgabe. Genauso, wie ich gegen Mitgliedsbeiträge für Kammer-Zwangsmitglieder bin. Oder contra ORF-Gebühren, die ungeachtet der Frage erhoben werden, ob ich den Sender überhaupt schaue oder auch nur technisch empfangen kann. Ich bin auch gegen Parteisubventionen, üppige Fördergelder für strikt kommerzielle Musicalproduktionen, Wucherpreise für simple Kopien bei Gerichten und Ämtern und Luftsteuern auf die Werbeschilder der Computerdealer.

Der ideale Planet, den ich gerade herbeiträume, kennt übrigens auch Geiz nicht. Missgunst. Oder Scheuklappendenken. Vom Floriani-Prinzip ganz zu schweigen.

Gruppenzwang

14. April 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (155) Lästig, hinterhältig, übel: ungefragt einer “Facebook”-Gruppe hinzugefügt zu werden.

Wir werden Facebook noch hassen lernen. Das ist natürlich, so markig diese Prognose auch ausfällt, ein relativ legér dahingesagter Satz. Es mehren sich aber die Zeichen, dass die in den USA beheimateten Denker und Lenker der Social Media-Plattform – es ist die weltweit mit Abstand beliebsteste, allein in Österreich hat Facebook annähernd 2,8 Millionen Nutzer – den Zauberlehrling, den sie schufen, nicht mehr ganz im Griff haben. Oder ihm, schlimmer noch, absichtlich die eine oder andere Unsitte durchgehen lassen. Vielleicht, um die Werbewirkung zu erhöhen und so den zukünftigen Aktionären mehr Reibach zu verschaffen. Vielleicht auch nur, weil man einen nachgerade diabolischen Schalk im Nacken sitzen hat.

Diese Assoziation hatte ich jedenfalls, als ich diese Woche die web-technisch etwas ungelenken, aber persönlich sehr engagierten Versuche der Ö1-Redakteurin Brigitte Fuchs studierte, ein Zeichen gegen die hochfliegenden Pläne der ORF-Führung zu setzen und “ihr” Funkhaus zu retten. Zu diesem Zweck gründet man heutzutage zunächst eine FB-Gruppe. Mittlerweile hat die virtuelle “Rettet das Funkhaus!”-Gemeinde über tausend Anhänger, das ist nicht viel, aber auch nicht wenig. Und sie sammelt nostalgische, aber durchaus auch heutige, stichhaltige Argumente für den Clemens Holzmeister-Bau in Wien-Wieden, der seit über einem dreiviertel Jahrhundert den ORF-Radiosendern eine Heimat gibt (mit Ausnahme von acht Landesstudios und Ö3). Und nach Meinung nicht weniger ORF-MitarbeiterInnen, Fachleute, Politiker und Hörer auch weiter geben sollte. Soweit, so gut.

Im Zug dieser im besten Sinn konservativen Initiative mehrten sich aber auch Irritationen und Beschwerden, weil Leute ungefragt zu dieser Facebook-Gruppe abkommandiert worden waren. Auch, wenn sie eventuell persönlich einen ganz anderen Standpunkt zur Sache hatten und haben. Und, tatsächlich, das geht. Man fügt “Freunde” einfach hinzu, ob die wollen oder nicht. Sie merken es zumeist erst im Nachhinein. Oft mit tage-, ja wochenlanger Verspätung. Oder überhaupt nie.

Das eröffnet natürlich ungeahnte Möglichkeiten, Menschen via Social Media-Schnittstelle in ein schräges Licht zu rücken. “Für Deppen aller Art, Scherzbolde und Stalker“, analysierte der Journalist und PR-Experte Christian Kreuziger schon 2010, „ist diese Facebook-Neuerung eine Spielwiese, Menschen in ihrer Ehre zu verletzen, sie in politisch falsche Ecken zu rücken oder für dubiose Produkte und Dienstleistungen aller Art zu werben.“ Punkt.

Zugleich lese ich erste Meldungen, dass Facebook-Usern Klagen ins Haus zu flattern beginnen, weil „Freunde“ copyright-geschützte Fotos und Bilder auf ihre Timeline posten. Oder dass Arbeitnehmer gekündigt werden, weil sich „Freunde“ ungefragt, aber öffentlich über die eine oder andere Chefität beschweren. Jobverlust, Schadenersatz-Klagen, Spam-Fluten, die (bewusste oder unbewusste) Sabotierung individuellen Reputationsmanagements – das ist alles nicht mehr wirklich spassig. Um es mal defensiv-höflich zu formulieren.

Die Konsequenz? Man wird sich seine wahren Freunde aussuchen (müssen). Ob die Pappenheimer in der Facebook-Zentrale a priori dazugehören, wird sich erst herausstellen.

Porsche Zafira

7. April 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (154) Design oder Nicht-Sein: wer fährt nicht gerne einen Porsche (auch wenn er eigentlich keiner ist)?

Ich werde kein grosses Geheimnis verraten, wenn ich Ihnen darlege, dass die sogenannten “Wunder der Technik” für die allermeisten Menschen, den Schreiber dieser Zeilen eingeschlossen, ein tatsächliches Mirakel sind. Unsere Freude, ja Ehrfurcht ist nicht eine, die einem tieferen Verständnis für Physik, Mechanik, Kybernetik oder Computertechnologie geschuldet ist, sondern kratzt bestenfalls an der Oberfläche der Schulbildung. Und die vermittelt uns ungebrochen den Lehrsatz von Pythagoras und sonstige Formeln und Regeln von ewiger Gültigkeit. Deutlich seltener aber die praktische Funktionsweise eines Verbrennungsmotors. Oder die nur ganz selten offen dargelegte Pyramidenspiel-Konstruktion unseres Pensionssystems.

Es ist Design, das das Sein camoufliert. Und für uns Durchschnittskonsumenten so begehrenswert macht. In Helge Jepsens Schau-Buch “Männerspielzeug”, 2009 erschienen bei Hoffmann und Campe, werden all die hübschen Dinge vor uns ausgebreitet – vom Montblanc Füllfederhalter bis zur Riva Aquarama Motoryacht. Wir sitzen vor diesen Konsumgütern wie Pawloffsche Hunde. Aber können Sie Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter (oder notfalls Ihrem Sitznachbarn am Wirtshaustisch) erklären, warum ein Flugzeug – deutlich schwerer als Luft – eigentlich fliegt? Oder ein Porsche 911 Turbo mehr Drehmoment hat als ein Opel Zafira?

Ich verfiel ins Sinnieren ob solcher Details, als mich die Nachricht vom Tode Ferdinand Alexander Porsches erreichte. Friede seiner Schöpferseele! Der Mann hat keine Motoren entwickelt, sondern die Hülle rundherum designt. Darunter Ikonen wie eben den 911er (dessen Formensprache noch heute gültig ist) oder den Porsche 904 Carrera GTS. Später wandte er sich Alltagsgütern wie Uhren, Sportschuhen oder Aktentaschen zu. Die Porsche Design GmbH, das von ihm gegründete Unternehmen, war angeblich aber auch in die Gestaltung jenes höchst unspektakulären Gebrauchsfahrzeugs eingebunden, mit dem ich die letzten Jahre über herumgurke (es fand ein paar Zeilen zuvor schon Erwähnung).

Und, ja, ein überlegter und überlegener Gestaltungswillen macht einen Unterschied: die heutigen Zafiras sind vergleichsweise barocke US-Style-Blechbüchsen. Die erste Serie dagegen, developed by Porsche, war von nüchterner, schlichter Eleganz. Derlei hebt selbst schnödeste Massentechnik aus der Masse der Durchschnittlichkeit heraus. Der Erfolg des Modells spricht Bände.

Käferkunde

24. März 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (153) Volkswagen macht seinem Namen längst keine Ehre mehr. Also: neue Marke her!

Lange Jahre, ja Jahrzehnte galt der VW Käfer als Inbegriff des – nomen est omen – Volkswagens. Also als preisgünstiges, unkompliziertes, alltägliches Mittel der motorisierten Fortbewegung.

Dabei stand schon am Anfang seiner Historie ein politökonomischer Grossbetrug (auf den freilich vorrangig Parteigänger der Nationalsozialisten hineinfielen): die potentiellen Volkswagenlenker sahen durch die Finger. In dem binnen kürzester Zeit aus dem Boden gestampften Werk im späteren Wolfsburg entstanden stattdessen Kübelwagen, Panzer und “Vergeltungswaffen” wie die V1. Die Anzahlungen für das “Kraft durch Freude”-Prestigeobjekt Hitlers verfielen nach dem Krieg. Und Professor Porsche durfte, ähnlich Wernher von Braun Raketen, unbehelligt wieder Autos bauen. Darunter eben auch die markante Vorkriegs-Billigkonstruktion, den Käfer. Er sollte sich über 21 Millionen mal verkaufen. Und die Basis für einen der mächtigsten Konzerne der Welt schaffen.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später freut sich darüber nicht nur der Porsche-Clan mit den Erfinder-Enkel Ferdinand Piëch an der Spitze, sondern auch der derzeitige VW-Chef Martin Winterkorn. Er kassierte im Vorjahr ein Gehalt (inklusive Boni und sonstigen Nebengeräuschen) von 17 Millionen Euro. Er hätte zwar Verständnis für Kritik an diesem obszönen Einkommen, kommentierte Winterkorn sogleich die Faktenlage, aber nicht er “entscheide über sein Gehalt, sondern der Aufsichtsrat”. Na dann!

Zufälligerweise (?) ziemlich zeitgleich ploppten News-Meldungen auf, Volkswagen plane eine neue Billigmarke. Mit Blick auf sogenannte “Schwellenländer” – gehört da inzwischen auch Griechenland dazu? – dürfe ein Fahrzeug frisch vom Fliessband nicht mehr als 5000 Euro kosten. Herr Winterkorn könnte sich dann also jährlich dreitausendvierhundert solcher Vehikel leisten (aber eine Garage mit einem solchen Fassungsvermögen sollte man einkalkulieren, das geht richtig ins Geld!) Dass der angedachte Markenname “Paria” lautet, ist aber wohl oder übel nur ein Gerücht.

Der Käfer selbst fährt noch massenweise in Mexiko, bei uns ist er selten geworden. So selten wie das heutige Bobo-Design-Erinnerungsstück: der New Beetle. Der läuft und läuft und läuft längst unter “ferner liefen”: im Jänner 2012 hat der teure Quasi-Nachfolger mit dem historischen Armutszeugnis in Österreich exakt 93 Stück verkauft. Das Volk interessiert sich inzwischen mehr für Golf. Und Volksvertreter thronen längst in Luxuslimousinen. (Manche kommen gar darin um, wie ein Kärntner Landeshauptmann in einem Phaeton. Auch das ein Volkswagen. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.)

Die Republik der Pechvögel

16. März 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (152) Die Ausrede, Unterlagen hätte “der Computer gefressen”, ist gerade sehr in Mode. Freilich aber zumeist aufreizender Unsinn. Ein klares Versäumnis. Oder bewusster Betrug.

Die grinsenden Gesichter sind eine einzige Provokation. Mehr aber noch die Aussagen der Vorgeladenen (so sich die honorigen Damen und Herren nicht kategorisch der Aussage entschlagen). Der parlamentarische Untersuchungsausschuss, der dieser Tage über die Bildschirme in jeden österreichischen Haushalt transportiert wird, löst weithin Fassungslosigkeit aus. Dieses Land ist systemisch und strukturell korrupt. Moralisch verludert. Im tiefsten Inneren faul.

Und diese denkbar traurig, denkbar zornig machende Erkenntnis wird höchstens noch getoppt durch die pauschale Entschuldigung, die ungenierte Selbstbedienung durch die Politiker- und Manager-Nomenklatura wäre doch seit jeher Usus, alle hätten das gemacht, immer schon. Und was nicht explizit verboten sei, sei ja wohl generell erlaubt.

Nun ist diese Kolumne nicht der geeignete Ort für Erörterungen von Recht und Anstand. Andererseits muss es nicht nur Finanzbeamten, Juristen und Aufdeckerjournalisten, sondern jedem technisch halbwegs Interessierten sauer aufstossen, wenn z.B. ein ehemaliger Innenminister den Einserschmäh bemüht. “Leider sind die Unterlagen, nachdem die Polizei meinen Laptop beschlagnahmt hat, weg”, rechtfertigte etwa Herr Strasser seine fehlende Dokumentation angeblicher Beratungsleistungen. Herr Amon findet Belege und Papiere nicht, kann doch jedem mal passieren. Auch der Herr Flöttl, angeklagt im BAWAG-Prozess, hatte seinerzeit eine denkwürdige Computerpanne, die alle Aufzeichnungen vernichtete. Sorry.

Und man darf getrost annehmen, dass dito die Herren Grasser, Mensdorff-Pouilly, Martinz, Birnbacher, Meischberger, Plech, Gorbach, Scheibner, Scheuch, Rumpold, Sorger, Beyrer, Himmer, Wallner, Kulterer, Berlin, Michaelis, Schlaff, Taus, Schüssel und Faymann (um nur einige in den Medien immer wieder genannte Namen zu memorieren, es gilt selbstverständlich und stiktest die Unschuldsvermutung) im Bedarfsfall ihre Daten versehentlich gelöscht, das “EDV-System” nie persönlich durchschaut oder die Sicherungskopie ihrer Unterlagen irgendwo verlegt haben.

Dass die Hausaufgabe “leider der Hund gefressen hat”, galt schon in der Volksschule als denkbar dümmste aller Ausreden. Dass “die Technik” in der Tat nicht immer so funktioniert, wie sie soll, kann ich – eventuell haben Sie ja meine letzten beiden “Maschinenraum”-Episteln mit Sorgenfalten studiert – bestätigen. Vorsorge ist hier nicht nur anzuraten, sondern z.B. für Unternehmer gesetzliche Pflicht. Kein Finanzbeamter wird billige Ausflüchte ohne jedweden Beweis gelten lassen. Im Gegenteil: “Computerpannen” dürften zumeist als Provokation gewertet und die Investigation verschärft werden.

Für all die Spitzengehälter-Tölpel, die nicht nur kein Glück, sondern auch noch aufreizend oft ein Pech haben, sollte folgerichtig – und eventuell zu ihrem eigenen Schutz – ab sofort die Beweislastumkehr gelten.

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