Archive for the 'DIE PRESSE' Category

Vertrauenssache

31. August 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (276) Amtsgeheimnis, Diskretion, Datenschutz – ach, was haben wir gelacht!

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Ein kurioses Szenario: ich sitze gerade im “Althof” – einem der wenigen Orte in der Gegend, wo es ein öffentlich zugängliches WLAN gibt – im frühherbstlichen Retz im Weinviertel, schlürfe eine Grießnockerlsuppe und schreibe diese Kolumne.

Nebenan ist lautstark eine Seminar-Gruppe zugange. Es handelt sich augen- und ohrenfällig um IT-Manager, die sich darüber austauschen, welche Projekte man ab Herbst – unter Umgehung öffentlicher Ausschreibungen – diversen Ministerien, Kammern und sonstigen staatsnahen Einrichtungen reindrücken könnte. Es herrscht lockere, optimistische, offensive Stimmung. Anscheinend ist das Motto “Gehts der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut” zumindest teilweise zutreffend.

Ich schwöre: ich wollte diese Runde keineswegs belauschen. Aber mich extra wegsetzen und meine Ohren verschliessen auch nicht. Offenbar hat man nicht das geringste Diskretionsproblem. In Österreich werden ja auch die Namen und Telefonnummern der Anzeiger von Neonazi-Umtrieben von Amts wegen weitergegeben oder hoch brisante Gerichtsakten ungeshreddert im Papiermüll entsorgt – also warum gerade in Sachen Informationstechnologie auf Vertraulichkeit pochen? Kurioserweise scheitern aber äußerst berechtigte Nachfragen besorgter Bürger oftmals am “Amtsgeheimnis” und am “Datenschutz”. Ausgerechnet. Einerseits scheint es sich also um den Heiligen Gral des Digitalzeitalters zu handeln, andererseits pfeift man sich in der Praxis kaum etwas.

Welches Amt könnte man nun kontaktieren, wenn einen akute Sorgen plagen in punkto Datensicherheit? Welchen Politiker, Volksanwalt oder Vertrauensmann? (Gern auch: -frau). Ein Exempel: erst dieser Tage wurde berichtet, es sei mittels geeigneter Software nahezu jedem zahlenden Kunden möglich, Mobiltelefone weltweit zu lokalisieren. Auf einen Häuserblock genau. Und das nur anhand der Telefonnummer. Machbar sei dies durch einen Fehler im sogenannten SS7-Standard der Mobilfunk-Provider. Es könne nicht ausgeschlossen werden, hiess es im Bericht, dass die Software “nicht auch in die Hände privater Personen oder Gruppen gerät”.

Ha! Versuchen Sie mal, die österreichische Politik – etwa das Zukunftsministerium? – auf solche Topics aufmerksam zu machen. Bestenfalls hat man dort noch nie davon gehört. Schlimmstenfalls holt man Sie umgehend zu einer Einvernahme ab. Ihr Standpunkt, aber auch Ihr Standort sind ja praktischerweise schon bekannt.

Am richtigen Dampfer?

24. August 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (275) Die E-Zigarette – harmloser Trend oder gefährliche Glimmstengel-Alternative?

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Mein Vorsatz ist es, möglichst jedes Objekt, über das ich schreibe, auch in Händen zu halten. Und es, soweit es die Zeit, der Hersteller (bzw. Importeur) und natürlich Lust und Laune zulassen, persönlich auf Herz und Nieren zu testen. Einerseits, weil das fast immer richtig Spaß macht, anderseits aus journalistischem Urtrieb: es wäre ja gelacht, wenn ich Ihnen technische Produkte nahebringe, die sich als Mogelpackungen, Fehlkonstruktionen oder noch gröbere Ärgernisse entpuppen.

Erstmals aber muss ich passen. Die Sache ist die: ich bin Nichtraucher. Nicht das, was man einen fanatischen Nikotingegner nennen würde – ich plädiere für die Freiheit, sich umzubringen, wie immer man möchte –, aber dichte Qualmwolken oder der Geruch übervoller Aschenbecher vertreiben mich aus jeder noch so gemütlichen Runde.

Nun begegnen mir in letzter Zeit aber immer mehr Menschen, die sich statt Glimmstengel der sattsam bekannten Sorte(n) zigarettenähnliche, dampfausstossende Dinger in den Mund stecken. Und genüsslich daran ziehen. Bisweilen ähneln die E-Zigaretten – denn um solche handelt es sich gattungstechnisch – auch chromblitzenden medizinischen Instrumenten. Es duftet statt zu stinken, kein Rauch belästigt meine Nase, die Nikotinsüchtigen scheinen glücklich mit diesem Trend. Er lautet: Dampfen statt Rauchen. An vielen Ecken spriessen Shops, wo es die Inhalatoren samt Liquids (sie liefern die Aromen und Inhaltsstoffe) zu kaufen gibt, wie Schwammerl aus dem Boden.

Erfunden wurde die E-Zigarette schon in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Aber erst seit 2005, als der Chinese Hon Lik mit seiner Firma Golden Dragon Holdings (heute: Ruyan) sie auch in den Westen zu exportieren begann, rollt die lukrative Lifestyle-Offensive.

Was wiederum die Frage aufwirft, was genau die Kunden da in die Heizspiralen ihrer Geräte und danach in ihre Lungen jagen: oft bestellt man das Zeug im Internet, das kaum Qualitäts- und Gefahrenanalysen kennt. Die Politik (und natürlich die bedrohten Tabakkonzerne, die aber ihrerseits längst auch diesen Markt aufmischen) reagieren unterschiedlich: da und dort wurde der Import und Gebrauch untersagt, in der EU gibt man sich (noch?) liberal. Die Österreichische Ärztekammer verweigert jeden Kommentar zum Thema, weil “es noch keine ausreichenden Erfahrungen gibt”.

Nun: ich hätte eine – meine – Sicht der Dinge beizusteuern. Es ist strikt die eines Nichtrauchers. Sie lautet: selbst in einem vollbesetzten Restaurant stören zehn Dampfer weniger als ein einziger Macho mit einer Zigarre.

Offensive Skepsis

17. August 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (274) Wie futuristisch ist es anno 2014, ein Elektro-Auto zu fahren? Ein Postscriptum.

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Ein bisserl stand ich da wie ein Obertölpel. Neulich nämlich, als ich hierorts meinen Enthusiasmus für ein alltagstaugliches Elektroauto (exakter: ein Hybrid-Fahrzeug mit Elektromotor und Range Extender) zum Ausdruck brachte. Blöd nur, dass zeitgleich der Hersteller – gewiss kein Nischenanbieter – es zum Auslaufmodell erklärte.

Warum? Weil dieser erste konkrete Schritt in die Zukunft des Automobils den Entwicklern zwar jede Menge Aufmerksamkeit, Lob und positive Medienresonanz eingebracht hat, der Konsument aber kläglich versagte. Sprich: der Opel Ampera verkauft sich nur in erschütternd niedrigen Stückzahlen. Obwohl er ein wirklich ausgereiftes, intelligentes Fahrzeug ist. Zu teuer, gewiss. Aber Early Adopters sind üblicherweise bereit, (fast) jeden Preis zu bezahlen. Und die Marke Opel – lange Zeit mehr als unsexy – gewinnt generell wieder deutlich an Fahrt.

Auf die Spur brachte mich ein Freund, der meine beiläufig zum Ausdruck gebrachte Verwunderung mit dem trockenen Satz kommentierte: “Ich kauf’ doch kein Auto, das in drei, vier Jahren veraltet ist.” Auf Nachfrage verglich er den “Ampera” mit Consumer-Computermodellen: “Die kannst Du eine Zeitlang gut nutzen, dann passen die Stecker nicht mehr, der Prozessor ist zu langsam, der Akku verbraucht und Du kannst nicht mal mehr die neueste Software installieren. Wer weiss schon, wie lange bei diesem Auto allein die Batterien halten?” Ich wusste keine Antwort. Auf Anfrage im Opel-Werk beschied man mir: “Ein Autoleben lang”. Gemeint sind damit maximal zehn Jahre.

Ich verstehe diese offensive Skepsis gegenüber Innovationen, die teure Investitionen nicht immer rechtfertigen. Und das ist – Stichwort: geplante Obszoleszenz – noch milde ausgedrückt. Wer hat das Kleingeld, mit seinem Alltagsfahrzeug zu experimentieren? Und wer zückt die Geldbörse, wenn Experten meinen, nicht Elektroautos seien die Zukunft, sondern Fahrzeuge mit Brennstoffzellen-, Druckluft-, Vielstoff- oder Flusszellenantrieb!? Science Fiction rules OK. Aber wer soll da durchblicken? Und dann bleibt da noch das Grundmisstrauen gegen unsere Politiker/innen, die vielfach Individualverkehr zum Auslaufmodell erklärt haben.

Ein Statement ist Opel mit dem “Ampera” aber gelungen: die Mär’ zu widerlegen, Autohersteller besässen längst funktionierende, ja revolutionäre Konzepte für alternative Mobilitätstechnologien, würden diese aber im Tresor einschliessen, um möglichst lange den Status Quo auszupressen wie eine überreife Zitrone.

Ziellinie

10. August 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (273) Wie futuristisch ist es anno 2014, ein Elektro-Auto zu fahren? Ein Selbstversuch, Teil drei

Opel Ampera

Natürlich ist ein Langzeittest nur ein Langzeittest, wenn man länger als ein paar Stunden mit dem Testfahrzeug in der Gegend herumgurktQuod erat demonstrandum: der Opel Ampera, den ich im Februar das erste Mal bestiegen habe, ist mir erstaunlich ans Herz gewachsen.

Gerade steht er wieder vor der Haustür, diesmal im tiefsten Niederösterreich. Es handelt sich um eine Gegend, die diesbezüglich ihre Tücken hat: die wunderschönen Waldwege an der Grenze zu Tschechien bedürfen einer gewissen Bodenfreiheit. Und futuristische Raumgleiter wie das Hybridfahrzeug aus der Opel-Fabrik haben zwar jedes erdenkliche Elektronik-Helferlein an Bord, aber mit der Geländegängigkeit ist es nicht weit her.

Dennoch muss man irgendwann mal über die Ziellinie rollen, zum Schluss kommen, ein Fazit ziehen. Das will ich gerne tun. Hier und heute. Mein Resümee lautet: es ist kein Experiment mehr, ein Elektroauto zu fahren. Der Ampera ist ein feines Beispiel dafür. Die Kombination eines kurzstreckentauglichen Elektromotors mit einem kleineren, konventionellen Benzinaggregat kombiniert Sparwillen und Umweltschutz mit hundertprozentiger Alltagstauglichkeit.

Für Pendler etwa ist dieser Opel – und man sagt der Marke ja nach, besonders beliebt bei Pendlern zu sein – nahezu ideal. Vor allem dann, wenn man im Umkreis von dreissig bis sechzig Kilometern des Arbeitsplatzes wohnt. Oder Autobahnen als Zubringer nutzt (mit mässigem Benzinverbrauch), um im spritfressenden Stadtverkehr auf flüsterleisen Elektroantrieb umzuschalten. Ein durchschnittliches Verbrauchsergebnis von 1,2 Liter Benzin auf 100 Kilometer, das der Ampera-Prospekt ausweist, ist mir zwar nie geglückt –  aber man macht sich mehr und mehr einen Spass daraus, die persönliche Benchmark nach unten zu drücken.

Sportwagen ist der Ampera keiner, obwohl er so aussieht. Und auch so beschleunigt. Innen drinnen in der für einen Opel ungewöhnlich luxuriösen und elektroleisen Kabine (die trotzdem vor Plastikteilen nur so strotzt) ist man dann vollends von der Welt abgekapselt: ein Effekt, der letztlich auch der Entschleunigung dient. Man kennt derlei von der Luxusabteilung á la Mercedes, Jaguar oder Bentley. Fast 45.000 Euro Neupreis – und die wurden schon deutlich reduziert - sind für ein Mittelklassefahrzeug allerdings auch kein Bemmerl. 

Letzlich ist der Ampera für Opel “nur ein – gewagter, aber zumindest aus meiner subjektiven Sicht gelungener – Schritt Richtung Neuland. Oder, besser gesagt: war. Denn kaum überlege ich mir, das zukünftige Sammlerstück – in das die Ingenieure ihr gesammeltes Knowhow der letzten Jahre hineingesteckt haben – vielleicht im Winter noch mal auf seine Schnee- und Eistauglichkeit testen zu wollen, trudelt die Meldung ein, das Nachfolgemodell stehe schon in den Startlöchern. Ich bin gleich wieder elektrisiert.

Das Medium, die Botschaft

3. August 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (272) Irgendwann musste er kommen: der erste Shitstorm meines Lebens. Aber hallo!

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Frauen mögen in der Öffentlichkeit doch weniger lachen und tratschen, befand der türkische Politiker A. unlängst. Öffentlich und nachdrücklich. Man kann derlei moralisch-sittliche Oberlehrerhaftigkeit einfach als unsinnige Einzelmeinung abtun, aber immerhin handelt es sich um einen stellvertretenden Ministerpräsidenten und engen Gefolgsmann (sic!) des Staatenlenkers E., der so sprach.

Letzterer war erst unlängst in Österreich zu Gast, weil er meinte, seinen aktuellen Wahlkampf auch hierzulande führen zu müssen. Einer der glühendsten Anhänger dieses Herrn in Wien heisst K. Vielen ist der volle Name des Gefolgsmanns und Propagandisten von E. bekannt, seit ihn der ORF in eine ZiB-Spätausgabe eingeladen hat. Wo er – gelinde gesagt – durch Dialogunwilligkeit, unhöfliches Benehmen und einen vorzeitigen Abgang auffiel.

Wie immer auch: ich hatte den spontanen Einfall, das Lachverbot seitens A. mit dem Kommunikationsverhalten von K. in Verbindung zu bringen. “Das Medium ist die Botschaft” hat ja einst Marshall McLuhan einen – erst recht für die Generation Internet – gültigen Leitsatz formuliert. Ich tätigte also einen Facebook-Eintrag, wie ich es öfters tue: “Wenn das mal XY liest”. Was meist zur Folge hat, dass der/die Angesprochene die Meldung (samt Extra-Namens-Tagging) tatsächlich zu Gesicht bekommt. Und den augenzwinkernd unterstellten Konnex entweder bestätigt oder dementiert. Die meisten nehmen es mit Humor.

Nicht so K. Nach der launigen, aber gewiss harmlosen Online-Wortmeldung meinerseits – “Wenn das mal K. liest” – war ich schlafen gegangen. Als ich wieder aufwachte, hatte ich über achthundert Postings in meiner Timeline. Nicht wenige davon rüdeste Beschimpfungen – und das, obwohl K. selbst in einer persönlichen Reaktion seiner Anhängerschaft die (so gesehen unlogische) Parole vorgekaut hatte, ich wäre einer Antwort nicht würdig, weil eigentlich kein Mensch. Nun ja.

Schliesslich wuchs der Strang auf über tausend Statements an, ich amüsierte mich ein wenig, hielt mich aber aus dem Tumult – dem ansatzweise ersten Shitstorm meines Lebens – fürderhin raus. Weitgehend. Ich lasse mir ungern Diskussionen aufzwingen, die ich aus gutem Grunde nicht führen kann und will. Und ernsthaft argumentieren kann man mit offensiven Hitzköpfen und Rechthabern sowieso nicht, schon gar nicht mit einer Hundertschar von Fanboys, Fahnenschwingern und Claqueuren in deren Windschatten.

Eines nur sollte K. wissen (und eventuell auch seine politische Vaterfigur E.): als Diplomat, Kommunikationsstratege und kultureller Botschafter seines liebenswerten Herkunftslandes ist er ein Vollversager. Und die Zahl der Facebook-Likes argumentativ seit jeher eine lachhafte Währung.

Fitness Hijacking

27. Juli 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (271) Bitte verpassen Sie Ihrem inneren Schweinehund einen digitalen Maulkorb!

Runtastic

Ich gestehe: ich habe Unfug getrieben. Und Ungehöriges getan. Aber es war nicht bös’ gemeint. Ich dachte, wer mich kennt, wird mir das sowieso nie glauben. Und den Witz an der Sache umgehend erkennen.

Wie immer aber, wenn Ironie ins Spiel kommt im Netz, wird man missverstanden. Und nicht gerade wenige meiner Facebook-Freunde haben eine meiner Statusmeldungen der letzten Tage für bare Münze genommen. Die Meldung nämlich, ich wäre 15,6 Kilometer gelaufen. Und zwar in knapp zwei Stunden. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 7:42 Minuten pro Kilometer. Und einem Energieverbrauch von 1323 Kilokalorien.

Die Wahrheit ist: diese Strecke – sie ist kartographisch irgendwo zwischen Maria Enzersdorf und Brunn am Gebirge angesiedelt – ist ganz jemand anderer gelaufen. Ich Spassvogel habe einfach die Statusmeldung seines Runtastic-Accounts per Copy & Paste ausgeschnitten und in meine Timeline übertragen. Und darf damit taxfrei als Erfinder der neuen Social Media-Kategorie “Fitness-Hijacking” gelten (jemand brachte auch den Begriff “Nordic Stalking” ins Spiel). Einige Freunde gratulierten umgehend zu meinen sportlichen Aktivitäten, andere erklärten Zeit, Strecke und Kalorienverbrauch für verbesserungsfähig.

Ich gestehe abermals: zuerst lächelte ich still in mich hinein, weil ich nun, ohne einen einzigen Schweißtropfen vergossen zu haben, als halbwegs fitter Zeitgenosse galt. Endlich konnte ich mich einreihen in die wachsende Liste jener Sportskanonen, die dem Rest der Welt ungefragt ihre Laufstrecken und Rundenzeiten mitteilen. Und sich gegenseitig übertrumpfen in den Fußstapfen von Emil Zatopek. Dann aber kam mir der Originalinhaber der tolldreist gekaperten Runtastic-Werte auf die Schliche. Und in die Quere. Er meinte – vollkommen zurecht übrigens –, ich solle meine Scherze doch mit jemand anderem treiben, aber nicht mit ihm. Ehrenwort!: kommt nicht wieder vor.

Dabei ist die Instant-Fitness-Dokumentation die positive Seite eines generellen Online-Exhibitionismus, die zwischen lässlicher Eitelkeit unter Freunden und bedrückenden Einblicken in die Intimsphäre Fremder oszilliert. All die Pulsuhren, Fitness Apps, Fettanalyse-Waagen, Activity Trackers und Körpervermessungsinstrumente gieren als “Biological Smart Meters” ja förmlich danach, nicht nur ihrem Besitzer Einblick in seinen Gesundheitszustand zu geben (Stichwort “Quantified Self”), sondern das auch gleich dem gesamten digitalen Universum mitzuteilen.

Und, ehrlich gesagt, das will und muss ich nun wirklich nicht wissen (und schon gar nicht augenblicklich): dass Ihr Blutdruck mit dem Lesen dieser Kolumne bedenklich angestiegen ist.

Sofortmaßnahmen

19. Juli 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (270) Egal, ob Eurofighter oder Pinzgauer – das österreichische Bundesheer rüstet systematisch ab.

Steyr-Puch Pinzgauer

Es ist keine grosse Befriedigung, mit einer schwarzmalerischen Prognose recht zu behalten. Im Gegenteil. Denn so sehr ich als Pazifist, ehemaliger Zivildiener und hoffentlich halbwegs mit Intelligenz bewaffneter Staatsbürger dazu verleitet sein mag, mich über das Bundesheer lustig zu machen – in realita tun mir die adipösen Etappenhengste der oberen Offiziersränge und ihre unfreiwilligen (und freiwilligen) Untergebenen längst leid.

Vor viereinhalb Jahren war die Truppe und ihre technische Ausstattung schon einmal Thema dieser Kolumne. Und der damalige Vorschlag, überzüchtete, unleistbare Abfangjäger schleunigst wieder los zu werden, durchaus ernst gemeint. Man kann auf den Zynismus diverser – mit hoher Wahrscheinlichkeit korrupter – Politiker und Entscheidungsträger, das Bundesheer mittels millardenschwerer Militärtechnik-Einkäufe direkt in die Pleite zu treiben, ja nur mit knallhartem Realismus antworten.

Insofern plädiere ich für drei Akutmaßnahmen. Erstens: die sofortige Rückgabe der Flieger an den Hersteller. Derlei ist vertraglich vorgesehen, wenn der Kauf nicht ganz koscher verlief – und bis zur finalen Klärung der Causa erspart man sich wenigstens die Spritkosten. EADS dürfte die Angelegenheit rasch äusserst peinlich werden. Und vielleicht erklärt man ja Peter Pilz zum obersten Heeres-Abgesandten – insofern ist Verhandlungsbereitschaft zu erwarten.

Zweitens: die Besorgung von Prospekten und Daten des Modells „Scorpion“ des Flugzeugbauers Textron AirLand. Dieser ist neu am Markt mit einer revolutionären Idee: wenn schon der Betrieb von Kampfjets nicht generell internationaler Ächtung unterworfen werden kann, weil sich die Menschheit auch im 21. Jahrhundert gegenseitig gern den Schädel einschlägt, dann könnte man sich immerhin den absurden Kostenspiralen des militärisch-industriellen Komplexes entziehen. Und Billigflieger von der Stange entwickeln, die – trotz eines Bruchteils der üblich-üblen Kosten – auch den Zweck erfüllen. Vielleicht sogar besser als die gerupften High Tech-Hendeln namens Eurofighter, die man uns – dem tumben Steuerzahler – angedreht hat. Und für die es inzwischen nicht einmal mehr genügend Piloten gibt.

Drittens: sofortige Rücknahme der Entscheidung, die halbe „Pinzgauer“-Flotte des Bundesheeres – insgesamt 699 Stück – zu veräussern. Denn natürlich sind die geländegängigen Kleinlaster absurd veraltet. Aber zugleich ein Stück genialer österreichischer Technikgeschichte. Immerhin rechnet man beim Abverkauf mit einem Erlös ab 10.000 Euro pro Fahrzeug. Also können die Pinzgauers, Puch G und sonstigen Vintage-Modelle im Fuhrpark des Heeres nicht komplett rostzerfressen sein. Wenn sie schon jahrzehntelang Dienst tun – wie auch die alten Saab 105OE-Jagdbomber -, dann könnte man ja glatt noch ein paar Jährchen dranhängen. Und die Rekruten zu Oldtimer-Liebhabern ausbilden.

Realismus, wie gesagt. Einzige Bewaffung: offensive Ironie.

Uberfall

12. Juli 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (269) Innovative webbasierte Service-Plattformen wie Airbnb, Uber & Co. verstören Business-Besitzstandwahrer rund um den Globus.

Uber Protest

Stellen Sie sich vor, Sie sind Besitzer/in einer kleinen, feinen Eigentumswohnung (vielleicht sind Sie das sogar, Glückwunsch!). Sie nutzen diese Wohnung aber nicht – oder zumindest nur temporär. Und kommen auf die Idee, ihre vier Wände anderen zu überlassen. Für ein paar Tage oder Wochen. Gegen Entgelt.

Auf die Fährte gebracht hat Sie ein Freund oder eine Bekannte, die Ihnen von der Web-Plattform Airbnb vorgeschwärmt hat – dem Online-Marktplatz für die weltweite An- und Vermietung privater Unterkünfte schlechthin. Er funktioniert nicht unähnlich einem Hotelbuchungssystem, wendet sich aber an eine andere Zielgruppe: jene, die etwas abenteuerlustiger sind, authentische Atmosphäre schnuppern oder einfach nur Geld sparen wollen. “Übernachte in über 34.000 Städten und 190 Ländern” wirbt die hiesige Homepage von Airbnb. Gibt man als Zielort z.B. “Wien” ein, stehen mit heutigem Stichdatum über 600 Unterkünfte bereit – ab 7 Euro pro Person und Tag. Und da sind, aber hallo!, wirklich originelle, attraktive, sympathische Angebote dabei.

Wo ist der Haken?, werden Sie fragen. Nirgends, sagen mir Globetrotter, die Airbnb ständig nutzen (es gibt noch jede Menge ähnlich gestrickter, alternativer Web-Plattformen). Natürlich kann es hie und da Enttäuschungen geben, aber generell sei dieses System vertrauensvoller Vernetzung zwischen Privatpersonen eine wirkliche Bereicherung des Angebots.

So wie etwa auch die Online-Drehscheibe Uber – Sie haben wahrscheinlich schon davon gehört oder gelesen – eine spannende Ergänzung zu herkömmlichen Taxi- und Mietwagen-Anbietern ist. Die Idee, Privatfahrzeuge per App wie eine Lohndroschke ordern und nutzen zu können, hat weltweit schon Millionen Anhänger. Und operiert seit Februar auch in Österreich. Derlei gefällt natürlich den Taxizentralen, Platzhirschen und Besitzstandswahrern rund um den Globus nicht – mit der Bekanntheit von Uber & Co. mehren sich die Proteste. EU-Digital-Kommissarin Neelie Kroes hält dagegen: “Wir leben nicht mehr im 19. Jahrhundert”.

Nun kann man jede Menge Argumente pro und contra webbasierter Services wie Airbnb oder Uber finden: letztlich möge der Konsument entscheiden. Denn sonst tun’s Lobbyisten und/oder Bürokraten. Wie im Fall der zeitweise vermieteten Eigentumswohnung: derlei sei, so der Oberste Gerichtshof, ab sofort in Österreich nicht mehr zulässig (zumindest ohne Zustimmung aller Hausmiteigentümer). Denn man hätte es ja mit der “unkontrollierten Anwesenheit von fremden Personen” zu tun. Jössas na!

Showdown

5. Juli 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (268) Können Sie das seltsame Wort “Festplattenabgabe” auch schon nicht mehr hören?

Festplattenabgabe

Das ewige Gezerre um die sogenannte “Festplattenabgabe” zerrt an unser aller Nerven. Eine Entscheidung ist überfällig. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des denkwürdigen Umstands, dass hier ungeniert Millionen Euro – die Urhebern und Rechteinhabern von Musik, Fotos, Filmen, Texten usw. zugute kommen sollen – seit Jahren von den Konsumenten einkassiert, aber nicht an die vorgesehenen Empfänger ausgezahlt werden.

Mittlerweile sind einige der Händler, die dieses Geschäft betreiben und sich zu allem Überdruss auch noch zu Vordenkern eines “modernen Urheberrechts” erklärt haben, spektakulär pleite gegangen. Jetzt fehlen nur noch ein paar jeder Verschwörungstheorie hinterhermarschierende Hanseln, die meinen, daran wären Andreas Gabalier (wahlweise: Sigi Maron), seine Plattenfirma, die AKM und die Bilderberger schuld.

Um keinen Irrtum aufkommen zu lassen: mir gefallen Preisaufschläge und Pauschalabgaben auch nicht. Aber dass z.B. ausgerechnet die Arbeiter- und (!) die Wirtschaftskammer unisono gegen eine sehr pragmatisch angelegte Form eines Beitrags zur Existenzgrundlage von Künstlern wettern, lässt sich aus dem Blickwinkel letzterer nur als Chuzpe interpretieren. Wovon lebt eigentlich der gemeine Kammerfunktionär so? Und was treibt all jene an, die meinen, Kreative mögen gefälligst ihre Geistesprodukte herschenken, die Hände falten und den Mund halten? Dass mit aufgeganselten “Geiz ist geil!”-Egoshootern, die nun partout aus Protest ihre Terabyte-Raids in Luxemburg, Großbritannien oder China bestellen wollen, keine weiterführende Diskussion möglich ist, ist schade, aber verschmerzbar.

Die Frage wirtschaftlicher Kompensationen und gerechter Transferzahlungen im Digitalzeitalter (mit allen seinen radikalen Implikationen) ist seit Jahren am Tapet. Und sowohl national wie international von vielen Seiten her beleuchtet, analysiert und diskutiert worden. Ohne finale Erkenntnis. Der Status Quo ist, ja, hinterfragenswert. Eine mittelprächtige Regelung sollte aber erst dann abgelöst werden, wenn eine deutlich bessere, sinnvollere, zukunftsträchtigere vorliegt. Und mir sind partout jene lieber, die versuchen, konkrete, umsetzbare Lösungen auch wirklich umzusetzen als sich entweder aus populistischen Motiven davor zu drücken oder ins weite Reich der Phantasie zu flüchten. Call it Realitätssinn!

Ich habe jedenfalls mehr Respekt vor denen, die etwas für Kunst & Kultur tun als vor jenen, die um jeden Cent greinen, den sie eh nicht ausgeben. Oder nur in China.

Scooby-Do!

29. Juni 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (267) Zeigen Sie Fahrrad-Fetischisten sanft das Rücklicht: mit einem Billig-Roller namens “Scooby”.

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Es gibt ja Radfahrer (ich bitte das Wort geschlechtsneutral zu lesen). Und Radfahrer. Das ist mir erst neulich wieder aufgefallen, als ich – nachdem ich eine Kolumne zu einem ziemlich innovativen, durchdachten E-Bike verfasst hatte – die Reaktionen darauf studierte. Nicht wenige schlossen sich der Fraktion der Pedalritter-Hardliner an, die meinten, soetwas sei “eigentlich kein richtiges Rad”, sondern plump, fehlkonstruiert und fehlgeleitet. Letztlich könne man nur mit purer Muskelkraft die Welt retten. Oder so.

Das ist freilich Blödsinn. Natürlich sind regelmässige Bewegung, sportliche Betätigung und damit einhergehende Fitness hehre Ziele. Im Idealfall kann und soll der fahrbare Untersatz das Auto ablösen als (zu) teures, raumgreifendes und umweltverpestendes Alltagsvehikel – vor allem auf dem Weg zum und vom Arbeitsplatz. Aber kaum jemand möchte vor dem Büroeingang verschwitzt vom Fahrrad steigen. Und es soll ja auch Leute geben, die unmotiviert, untrainiert oder gar gebrechlich sind. Bequemlichkeit ist generell ein starker Antriebsmotor der Menschheit.

Da hätte ich einen Fingerzeig. Es gibt ein Elektrofahrrad, das aussieht wie ein Motorroller. Und sich auch so fährt. Es heisst Scooby. Der Name rührt von seiner wunderlichen Zwitterrolle her: Scooter meets Bycicle. Der Hersteller – das Ding wurde in Österreich konstruiert und wird in China gefertigt – schwärmt von einer “neuen Fahrzeugklasse”. Der Gesetzgeber folgt ihm darin bislang nicht. Gottseidank! Denn so ist der Scooby ab 14 Jahren ohne Führerschein zu fahren und benötigt weder Versicherung noch Kennzeichen.

Mit Scheibenbremsen am Vorderrad, hellem LED-Licht und integrierten Blinkern, einer an jeder Steckdose aufladbaren Batterie unter der Sitzbank und einem 600 Watt-Elektromotor rollt man so gemächlich wie gemütlich durch die Stadt. Offizielle Höchstgeschwindigkeit: 25 km/h. Die Fahrradpedale dienen mehr der (beim Herumkurven nicht ganz ungefährlichen) Zierde.

Kurzum: Scooby ist mehr als ein kurioses Spielzeug für Erwachsene. Für manche könnte sich dieses Fahrzeug als idealer, niedrigstschwelliger Einstieg in die Zweirad-Gesellschaft erweisen. Zumal es weniger kostet als viele Mittelklasse-E-Bikes, die doch “nur” hochgerüstete Fahrräder sind.

Einen Minuspunkt aber gibt es: nicht nur Polizisten schauen einen verwirrt und mieselsüchtig an, wenn man fröhlich pfeifend an ihnen vorbeigleitet. Sondern auch arg verschwitzte Fahrradfetischisten. Scoop-scooby-do.

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