Archive for the 'DIE PRESSE' Category

Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben

2. März 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (201) Je lauter das Getöse auf den Zuschauerrängen, desto notwendiger ist eine kühle, sachliche, konstruktive Debatte über die Ökonomie des Digitalzeitalters.

keep ahead

“Krise ist, wenn das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann“, befand einst Antonio Gramsci. Ich krame den Satz wieder mal gerne hervor. Denn es ist Krise. An allen Ecken und Enden herrscht Geschrei. Wer hätte noch vor Jahresfrist gedacht, dass man mit einer extraspröden, kaum fasslichen Materie wie dem Urheberrecht jeder Stammtischrunde Diskussionsstoff in Hülle und Fülle auf den Wirtshaustisch werfen könnte?

Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch: der Kultur-Bruch der Digitalära ist ein radikaler. Zuvorderst ist es ein ökonomischer “Reset” jahrhundertealter Denk- und Handelsformen. Die Ware – egal ob CD, Buch, Film, TV-Serie, Foto oder Text – löst sich in Nichts auf. Das heisst nicht, dass die kreative, also ursprüngliche schöpferische Leistung nicht mehr existiert (sonst wäre auch jegliche Ausformung in Form eines physischen oder digitalen Objekts oder Produkts inexistent), aber ihr Warencharakter ist einer zwangsläufigen Transformation und Deformation bis hin zur alltäglichen, beiläufigen Zerstörung durch bewusste Umgehung oder unbewusste Ignoranz unterworfen. Verbote, Richtlinien und Gesetze, die der technischen Realität einen Riegel vorschieben wollen, sind de fakto totes Recht, weil sie individuell kaum verfolgbar sind.

Wir alle hören “illegal” Musik im Netz und aus dem Netz, laden Bilder und Texte herunter, “teilen” Gedanken und Fotos Dritter auf Facebook, Twitter & Co., diskutieren über neueste TV-Serien, die niemals in Österreich ausgestrahlt wurden, müllen unsere Festplatten mit Files zu, über deren Ursprung, Autorenschaft und Copyright wir uns kaum je den Kopf zerbrechen und kümmern uns als Privatpersonen einen feuchten Dreck um Leistungsschutz- und Verwertungsrechte. Das ist übrigens fast nie illegal. Auch wenn Verschwörungstheoretiker, Scheuklappenträger und professionelle Angstmacher das behaupten.

Die Frage aber, wie die Kreativindustrie und die Schöpfer all dieser Werke, also Künstler im engeren und weitesten Sinne, ihre Kreativität in Zukunft monetarisieren können, ist eine weitgehend ungelöste. Die Politik, ausgestattet mit dem Mandat des Entscheidungsträgers, schielt zuvorderst auf Klientel-Opportunitäten und kurzfristige Wahlerfolge. Ganz kann man es ihr nicht verdenken: die Diskussion wird von Lobbyisten, Ideologen und Wichtigtuern beherrscht, die wenig bis nichts zur Versachlichung und Beschleunigung des Prozesses beitragen.

Dabei wäre genau das das Gebot der Stunde.

Plug’n'Pray

23. Februar 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (200) Egal, was die Werbung sagt: Technik im Alltag wird immer undurchschaubarer.

rubiks-cube

Diese Kolumne ist eine Zerknirschungskolumne. Und in gewisser Weise die Fortsetzung, Präzisierung und Verschlimmbesserung meiner Erkenntnisse der Vorwoche. Womit wir bei einer Trilogie der alltäglichen Wunderlichkeiten angelangt wären. Die Ausgangslage lässt sich so zusammenfassen: viele Geräte – allen voran Smartphones – sind heutzutage eilerlegende Wollmilchsäue, können also fast alles. Aber einiges davon nicht wirklich gut. Was wiederum teuren, spezialisierten Profi-Werkzeugen ihre Berechtigung und ihre Zielgruppe gibt. Setzt man z.B. auf einen Mittelklasse-Camcoder statt auf die längst standardmässig vorhandenen Bewegtbild-Features einer Billig-Cam, einer Spiegelreflex oder gar eines Mobiltelefons, macht sich das in der Praxis, zuvorderst im Handling und in der Bild-/Ton-Qualität, schon deutlich bemerkbar.

Umso ärgerlicher und unverständlicher ist es dann, wenn solche (semi)professionellen Tools erst recht wieder gröbere Mängel aufweisen. Bei der Canon XA10 etwa, einem wunderbar ausgeklügelten und dennoch leistbaren Camcorder, schlug ich mich mit der Anbindung an meinen Apple iMac zum Zweck der simplen Überspielung des Videomaterials herum. Und zog spontan eine mieselsüchtiges Fazit. In aller Öffentlichkeit. Was natürlich Canon nicht freut.

Und, ja, ich verstehe inzwischen die Problematik, die den Marketing-Managern das Leben genauso schwer macht wie den Entwicklungschefs und dem gemeinen Konsumenten: hier treffen neue und neueste Codecs, also Speicherformate, auf allerlei proprietäre Besonderheiten, Kopierschutz-Massnahmen und unterschiedlichste, bisweilen auch ältere Hard- und Software auf der User-Seite. Plug’n’play, also Gerät anstecken, Files rüberziehen, fertig! spielt es nur bei Windows-Geräten, nicht bei Apple. Oder wiederum nur, wenn man Final Cut Pro X installiert hat. Oder Trick Y anwendet. Oder… Plug’n'pray! Das Netz ist voll mit Videoten, die in unzähligen Foren-Postings ihre individuelle Misere darlegen. Die einen raufen sich die Haare und kommen auf keinen grünen Zweig, die anderen lachen erstere aus und meinen, das wäre doch eh ein Kinderspiel (“And what part of this was too complicated for you?”).

Mein freundlicher Ansprechpartner bei Canon Österreich hat extra in London und Tokyo angeklingelt. Jede Wette, dass bei der Recherche nichts rauskommt ausser ein entschuldigendes Achselzucken: die Systeme, die hier (nicht) ineinandergreifen, sind Teil des Problems. Nicht der Lösung. Weil einfach: zu komplex.

P.S.: Im Moment schlage ich mich damit herum, Video-Files von einem USB-Stick auf einem Sony-TV-Flachbildschirm abzuspielen. Das Gerät ist dazu fähig. Angeblich. Ich nicht.

Schwarzer Peter

17. Februar 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (199) Egal, ob Spielzeug- oder Profi-Camcorder: gröbere Mängel sollte kein Gerät haben, das ein Verkaufsrenner werden will.

Canon XA10

Die vorwöchige Kolumne war eigentlich nur eine – etwas länglich geratene – Einleitung zu einer ebenso knappen wie brisanten Business-Rätselsportaufgabe. Sie lautet: wie schafft man es, die eierlegenden Wollmilchsäue der Technik-Gegenwart – also Multifunktionsgeräte mit künstlicher Intelligenz und enormer Software-Wandlungsfähigkeit – von hochspezialisierten, exakt auf eine Funktion (oder deren höchstens zwei, drei) zugeschnittenen Profi-Werkzeugen zu trennen. Natürlich gelingt das zuvorderst über den Preis. Der wiederum auf inneren und äusseren Qualitäten aufsetzt. Hoffentlich.

Trotzdem ist es kein Geheimis, dass z.B. das Geschäft mit Camcordern – Filmkameras ohne Film – unter einer massiven Kannibalisierung durch Smartphones, Digitalkameras und Spiegelreflex-Boliden leidet. Fast alle verfügen längst über Full-HD-Aufnahmemöglichkeit für Bewegtbild. Man muß als Produzent und Händler schon sehr nachdrücklich vermitteln, wo die Unterschiede liegen, wenn man den sogenannten “Endkunden” (ein Ausdruck, den man dem so bezeichneten Objekt gegenüber tunlichst vermeiden sollte) zum Zücken der Geldbörse motivieren will. Was zwar schwieriger und schwieriger werden mag, aber durchaus noch gelingen kann.

Vor wenigen Tagen war ich selbst knapp dran, ein Testgerät von Canon – es handelte sich um einen semi-professionellen Camcorder mit dem Kürzel XA10 – käuflich zu erwerben. Es liegen halt wirklich Welten zwischen “Mal ein bisschen mitfilmen”-Aktionismus und dem Unterfangen, brillante Bilder und eine probate Tonspur dauerhaft einzufangen. Die Canon-Cam ermöglicht das mit hoher Lichtstärke, wohldurchdachter Usability und der Möglichkeit, externe XLR-Stereo-Mikrofone anzuschliessen. Die Testberichte, die ich aus dem Netz fischte, lesen sich durchwegs wie Hymnen. Zu Recht.

Ein Detail erwies sich aber als Stimmungsdämpfer schlechthin. Beim Überspielen des Videomaterials auf meinen Mac streikte die beiliegende Software. Sie ist nur auf PC-Anbindung ausgelegt – anno 2013 ziemlich absurd. Letztendlich verstrickt man sich in einen zähen Kampf mit Videoformaten, Kopierprogrammen und Online-Ratschlägen unzähliger gleichfalls betroffener User. Schade. Denn die XA10 hätte sonst eigentlich gute Karten. Vielleicht kann man den “Schwarzen Peter” ja beim nächsten Modell-Update loswerden. Bis dahin tut’s auch eine Billig-SLR.

Denksport-Aufgaben für Marketing-Gurus

9. Februar 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (198) Nichts Neues aus dem Schwitzkasten der schwindenden Margen und ewigen Mode-Zyklen.

Ixus

Gelegentlich tun mir all die Marketingstrategen, PR-Spezis und Product Manager der Unterhaltungselektronikindustrie leid. Und zwar so richtig. Denn sie sehen sich einer zunehmend abgestumpften Riege von Berichterstattern, Schreiberlingen und “Medienpartnern” (eine Bezeichnung, die jeder ernsthafte Journalist entschieden von sich weist) gegenüber. Die wiederum nur die Vorhut abgestumpfter Konsumentenmassen ist.

Und weder die professionellen Spreu-vom-Weizen-Trenner noch die – auch nicht ganz auf der Nudelsuppe dahergeschwommenen, sondern gleichfalls zu behänden Online-Checks, Re-Checks und Double-Checks fähigen – Prosumer von heute lassen sich von von einem Me-too-Produkt mehr unter Myriaden von Me-too-Produkten beeindrucken. Schon gar nicht nachhaltig. Eine neue Modefarbe für eine stinklangweilige Wegwerfkamera löst in der Regel weder einen Aha!-Effekt noch einen Kaufimpuls aus. Höchstens ein herzhaftes Gähnen.

Und dann wäre da noch das Problem (und es ist ein verdammt gewichtiges Problem für die im ewigen Hamsterrad der Innovationszyklen rotierenden Produkterfinder), dass viele Dinge längst alles können. Nun ja: fast alles. Smartphones z.B., die Schweizer Taschenmesser der Jetzt-Zeit, bringen Spezialisten schon ganz schön ins Schwitzen. “Cool, robust, mit Superzoom: so sollen Kameras überleben” titelte unlängst die Gratis-Gazette “Heute” – deren Papier-/Müllständer wohl auch tendenziell aus den U-Bahn-Stationen ins Cyber-Nirvana wandern werden. Werden müssen.

Den nachfolgenden Artikel haben wahrscheinlich nicht nur Kamerahersteller und Chefstrategen in Medienhäusern, sondern auch Vermarkter von Navigationssystemen, Entwickler von MP3-Playern und ein paar Elektronikhirne mehr studiert. Er enthielt tatsächlich handfeste Detailhinweise. Gut so. Denn: warum jemand mit klingender Münze oder auch nur ein paar Minuten Aufmerksamkeit für Funktionalitäten, Informationen und Produkteigenschaften bezahlen sollte, die man an jeder Strassenecke nachgeschmissen bekommt bzw. sowieso schon längst sein eigen nennt, bleibt eine Denksportaufgabe für Marketing-Gurus. Und solche, die es noch werden wollen.

Die solideren Naturen unter den Verkaufsprofis setzen auf Qualität und Innovation. Und die dürfen ruhig ihren Preis haben. Ein hübsches Beispiel finden Sie nächste Woche an dieser Stelle.

War Is Over

2. Februar 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (197) Im Kleinkrieg um Marktanteile macht der eine oder andere Markenhersteller eventuell bald das Licht aus.

Atari Logo

“Business is war!” Dieser markige Kriegsschrei hallt mir immer noch in den Ohren, Jahrzehnte, nachdem ich ihn das erste Mal zu hören bekam. Und zwar aus dem Mund des legendären Geschäftsführers von Atari Austria, Helmuth Rossmaier, der wiederum den Ober-Boss in den USA, Jack Tramiel, zitierte.

Die Vorwärtsstrategie von Atari war mir damals – es muss etwa Mitte der achtziger Jahre gewesen sein – herzlich sympathisch: nach der “Basic”-Brotdose Commodore C64 war der Atari 1040 ST der erste leistbare Computer, der ein Megabyte (!) Hauptspeicher und eine grafische Benutzeroberfläche hatte. Auf der sich, nebstbei, so ziemlich alles erledigen liess, was Apple weit teurer und IBM und sonstige MS-DOS-Kisten weit uneleganter anzubieten hatten. Es soll ja einige Musiker und Freaks geben, die immer noch einen Atari im Hinterzimmer versteckt halten.

Der Rest der Welt konnte und wollte mit dem einst klangvollen Namen – Atari hatte auch die ersten Videospiele (z.B. “Pong”) entwickelt – eher nichts mehr anfangen. Dass das Unternehmen aber im Januar 2013 endgültig Insolvenz anmelden musste, ist doch eine sentimental stimmende Nachricht. War is over!, die letzte Schlacht geschlagen. Und verloren. Eventuell sollte man Einschätzungen und Kommentare, dieser Business-Planet könnte noch einiger klangvoller Namen mehr verlustig gehen, nicht pauschal als Gewäsch notorischer Schwarzseher und manipulativer Börse-Analysten abtun.

Wer etwa hätte noch vor ein paar Jährchen vermutet, Philips würde anno 2013 seine gesamte Unterhaltungselektronik-Sparte aufgeben? Die Panasonic- und Sony-Aktie auf Ramschstatus fallen? Nokia und Blackberry mit ihren aktuellen Handy-Modellen tendenziell eine “letzte Chance” haben? Die Marktdominanz der koreanischen Konzerne LG und Samsung den Managern Sorgenfalten ins Gesicht zaubern? Und Apple, der güldene Apfel im Portfolio der globalen Tech-Spekulanten, trotz Rekordergebnissen im Kurs fallen und fallen?

In diesem Kontext muss man – auch ohne die genauen Zahlen und Strategien zu kennen – dem oberösterreichischen Entrepreneur Stefan Pierer gratulieren. Mit seiner dynamischen Zweirad-Marke KTM übernahm er dieser Tage den Konkurrenten Husqvarna. Von BMW. Kleinvieh macht auch Mist. Immer schöner, einen Aufstieg zu verfolgen als einen langsamen (oder auch überraschend rasanten) Abstieg.

Der tönende Heizlüfter

27. Januar 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (196) Ein Gitarrenverstärker, der aussieht wie ein Toaster und formidabel klingt? Ja, den gibt es.

YAMAHA THR10

Das Yamaha Austria-Team hat es wirklich nicht leicht mit mir. Denn eigentlich sollte ich seit Tagen, wenn nicht gar Wochen ein Testgerät retournieren – und zögere die Rückgabe des Teils mit immer neuen, immer abenteuerlicheren Begründungen hinaus. Hier und jetzt starte ich sogar eine öffentliche Charme-Attacke, die vielleicht eine zusätzliche Gnadenfrist einbringt. Es ist halt so,dass die kühl-professionelle Beurteilung neuer und neuester Geräte der Elektronik- und Unterhaltungsindustrie gelegentlich von akutem Nerd- & Fan-Verhalten konterkariert wird. Und man selbst in eine Rolle kippt, die ihren Stammplatz eher in einem Spielzimmer hat als in einem Maschinenraum für Erwachsene.

Was nun löst diesen Pawloffschen “Will haben!”-Reflex aus? Es ist, räusper, ein Gitarrenverstärker. Von Yamaha, Modell No.THR10. Eigentlich sieht das Ding – einmal mehr im Retro-Design der fünfziger Jahre – wie ein Toaster aus. Oder ein Heizlüfter für den Abstellraum. Natürlich kann man mit solch einem tönenden Durchlauferhitzer, der sich zur Not auch mit Batterien betreiben lässt, nicht die Stadthalle beschallen. Aber für die Garage oder den Proberaum reicht der THR10 allemal.

Von innen her glimmt es rötlich – was wohl Röhrentechnik simulieren soll. Aber auch die schnöde Verstärkung durch Transistoren hat ihre Vorzüge. Mittels Drehregler und gratis downloadbarer Editor-Software lassen sich alle möglichen klassischen Amp-Sounds nachstellen und mit Effekten (Hall, Chorus, Flanger, Tremolo usw.) aufpäppeln. Zusätzlich gibt es einen Aux- und USB-Eingang, etwa für den Laptop oder iPod. Da Yamaha als der führende Musikinstrumente-Fabrikant der Welt, der auch eine formidable HiFi-Schmiede betreibt, hörbar Wert auf brauchbaren Klang legt, ist das also ein ziemlich vielseitiges Köfferchen. Es macht wirklich Spass, die Welt glauben zu lassen, man hätte im Hobbykeller ein 6L6-Jazz-Röhrenmonster herumstehen.

Also lasst die Musik noch ein wenig spielen, liebe Yamaha-PRAbteilung! Und wenn ich den THR10 zurückschicke, hätte ich gleich die nächste Bestellung parat: die Keyboard-Workstation MX49. Da überschlägt sich auch gerade die Fachpresse, was die Fähigkeiten und das Preis-/Leistungsverhältnis dieses brandneuen Synthesizers angeht. Die Zukunft des Musikgenusses liegt ja, wenn man z.B. dem Künstler Beck Hansen (alias Beck) folgt, keinesfalls in passiver Berieselung. Sondern in aktivem Musizieren. Folgerichtig vertreibt der gute Mann sein neuestes Album “Song Reader” nur als Notenheft… Jetzt muß ich, nebstbei, nur noch A-Moll von E-Moll unterscheiden lernen.

Der Schwanzhund & ich

19. Januar 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (195) Facebook beginnt zu nerven. Geht’s bitte auch ohne Kommerz-Kackophonie und Kindergartentanten-Gehabe?

schwanzhund

Seltsames Gefühl, plötzlich nicht mehr am fröhlichen Kommunikations-Ringelreih’ auf Facebook teilnehmen zu dürfen. Und sich in der Verbannung wiederzufinden. Zwar nur für 24 Stunden. Und das nach mehrmaliger Vorab-Ermahnung. Aber doch: plötzlich geht nichts mehr. “Diese Funktion ist vorübergehend blockiert”, meldet sich die Kindergartentante aus der Unternehmenszentrale zu Wort. “Um zu verhindern, dass Du erneut gesperrt wirst, solltest Du die Standards der Facebook-Gemeinschaft gelesen und verstanden haben.”

Was ich zwar gelesen habe, aber bis heute nicht verstehen will, ist der Umstand, dass diese Sperre – meinerseits eine Premiere, Freunde berichten mir, dass ihnen derlei bereits dutzendfach und monatelang passiert ist – auf einer schlichten Meinungsäusserung beruhte. Dahingehend, eine ständig wiederkehrende Werbemeldung eines esoterischen, sektenartig agierenden und offensiv die Werbetrommel rührenden NLP-Unternehmens tunlichst nicht mehr sehen zu wollen.

Eine Social Media-Plattform mit etwas künstlicher Intelligenz hätte meinen Unmut kapiert, erhört und die subjektiv so penetrante Anti-Werbung einfach ausgeblendet. So aber wurde mein legérer Anstoß zum Sündenfall. Zur Gotteslästerung. Verwarnung, temporäres Redeverbot, bei Wiederholung Exkommunikation und Ausstoß aus der Glaubensgemeinschaft. Marc Zuckerberg hat gesprochen. Ich war baff, zugegebenermassen.

Peter Glaser, der beste netzaffine Kolumnist des deutschsprachigen Raums, hat in diesem Kontext seine eigene Geschichte zu erzählen. Die kuriose Story vom “Schwanzhund” – einem Bild, das einen Hund zeigt, aber bei flüchtiger Betrachtung auch andere Assoziationen zulässt. Auch hier gab es eine Abmahnung, der ein Identitäts-Check voranging. “Facebook ist wie ein Bienenkorb“, sagt Glaser. „Wir alle produzieren viele kleine Zuckertröpfchen für den grossen Zuckerberg.“

Für die „Schwanzhund“-Zensur hat der Autor zwei mögliche Erklärungen: „Entweder hat irgendein Marokkaner, der unterbezahlt für Facebooks Anti-Porno-Brigade arbeitet, die Ironie nicht verstanden. Oder eine Maschine hat den Inhalt gefiltert.“ Beides bedeute, dass sich Facebook seine Schäfchen mit möglichst geringem Arbeitsaufwand vom Halse halten will. „Sie sollen brav miteinander spielen und den Reklamerand lesen, sonst fliegen sie raus. Das ist das Gegenteil von sozial.“ Word.

Freund Glaser hat noch einiges mehr zu sagen, man sollte es lesen. Und rückt der gute Mann eines Tages Ober-Kindergartenonkel Zuckerberg schärfer an den Kragen oder zieht mit guten Gründen ganz von dannen, bin ich der erste, der sich ihm anschliesst.

Retromania

12. Januar 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (194) “Retro” ist der letzte Schrei. Dabei leben wir in einer ewigen Echokammer der Moden.

retromania

Neulich stolperte ich im Zug der Berichterstattung zur weltweit wichtigsten Technik-Messe, der CES in Las Vegas, über einen “Spiegel Online”-Artikel, der die Fujifilm X100s an die Spitze setzte.

Unter Kennern gilt das Vorgängermodell dieser Kamera als Auslöser der Retro-Welle, die insbesondere in der Fotobranche – aber nicht nur dort – Raum greift. Ein markanter optischer Sucher auf einem edlen Magnesiumgehäuse, viele manuelle Einstellmöglichkeiten, Fixbrennweite, die geriffelte schwarze Oberfläche in Lederoptik: das ist ein Apparat, der äusserlich ungeniert an alte Vorbilder (etwa von Leica, Konica, Agfa oder Voigtländer) erinnert. Wiewohl er, was die Innereien betrifft, auf dem letzten Stand der Technik ist.

Auch andere Fujifilm-Novitäten wie die Systemkamera X-E1 oder das kompakte Modell X20 huldigen optisch der Vergangenheit. Die japanische Firma scheint sich ganz einem Trend verschrieben zu haben, den der britische Autor Simon Reynolds – hier allerdings mit Blickwinkel auf die Pop-Kultur per se – als “Retromania” beschrieb. Als “Früher war alles besser”-Wahn, der Innovationen behindere und uns ewig in verstaubten Denkmodellen Karussell fahren lässt.

Eine würdige, aber durchschaubare Polemik. Die Selbstbezogenheit ganzer Branchen hat ihre Gründe: hier tummeln sich auch jede Menge Connaisseure, Sammler und Jäger, die ihr Geld vorrangig aus ästhetischer und intellektueller Liebhaberei in die Geschäfte tragen. Kein Mensch braucht ein Dutzend Kameras – wer also soll noch die Wirtschaft ankurbeln ausser Design-Liebhaber und Objekt-Fetischisten?

Insofern sind auch wirklich frische Entwürfe von Interesse: eine Sigma DP3 oder Nikon 1J3, die – auch Retro? – fast Bauhaus-artige Schlichtheit auszeichnet. Oder Canons annähernd quadratische, WLAN-taugliche Schnappschuß-Kamera Powershot N. Mal schau’n, ob diese 2013er-Modelle einst für zukünftige modische Remineszenzen als Vorlage dienen.

Selbst als Retro-Liebhaber geht mir aber so mancher Marketing-Gag zu weit: so habe ich ein Philips-Radio mit iPhone-Docking Station, Modell ORD7300, geordert, das an ein altes “Philetta”-Röhrenradio der fünfziger Jahre erinnert. Allerdings nur sehr oberflächlich. Geht retour. Apropos: möchte nicht jemand baldigst den besten österreichischen Markennamen aller Zeiten – “Hornyphon” – wieder ausgraben?

Es konnte kein Speicherplatz zugewiesen werden

5. Januar 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (193) Heissa! Sie können diese Kolumne nicht nur lesen, sondern auch hören. Eventuell aber auch nicht.

Vocal Studio

Manchmal fühlt man sich wie der letzte Trottel. Pardon, aber so ist nun mal die Befindlichkeit, wenn man sich für einen alltagstechnisch einigermassen kundigen Menschen hält (der ja auch regelmässig und ungeniert Episteln zum Thema schreibt; Sie lesen gerade eine) – und an Details scheitert, die einen nachhaltig am eigenen Hausverstand zweifeln lassen.

Die Geschichte zu dieser erregten Einleitung geht so: ein Radiosender, der via Internet allerorten und auf einer regulären UKW-Frequenz in Linz, Steyr, Wels, Klagenfurt, Gmunden und mit gut Glück bald auch in Salzburg und Wien zu empfangen ist, meinte, es wäre eine hübsche Idee, diese Kolumne für sein Publikum hörbar zu machen. Ich möge doch einfach, sagte der Chef der Station, mein Geschreibsel in ein Mikrofon sprechen und als Audio-File auf den Redaktionsserver hochladen. Simple as that. Ich erinnerte mich augenblicklich an selige Ö3-Zeiten, wo man mit Magnetband und Schneideschere hantierte und einen Tontechniker, der gelegentlich sogar noch einen weißen Arbeitsmantel trug, an seiner Seite hatte.

Anno 2013 dagegen meint man, leichterhand mit einem Aufnahmestudio “out of the box” und im Rechner auskommen zu können. Namentlich “Avid Vocal Studio”. Das ist, kurzgefasst, ein USB-Mikrofon samt Interface und Recording-Software (für Interessierte: Pro Tools SE, eine abgespeckte Variante des weit verbreiteten Profi-Programms). Kosten tut das Paket soviel wie ein paar dutzend Wurstsemmeln in der ORF-Kantine. Und die Werbung verspricht eine einfach zu bedienende Universallösung für Podcaster, Nachwuchssängerinnen und Heimbastler wie mich.

Denkste. Nach dem x-ten Versuch, eine ebenso notorische wie rätselhafte Fehlermeldung (“An access violation has occurred”), gefolgt vom gleichfalls kryptischen Hinweis “Es konnte kein Speicherplatz zugewiesen werden”, zu durchschauen, gab ich das Unterfangen auf. Und spreche diese Kolumne jetzt in das Mikrofon meines iPhones. Entschuldigen Sie also bitte die absehbar mässige Ton- und Schnittqualität. Sofern Sie denn überhaupt etwas zu hören bekommen. (Wobei: die ersten Testaufnahmen mit Apps wie “VC Audio Pro” oder “iRig Recorder” tönen formidabel.)

Das Unterfangen, auch nur annähernd zu begreifen, was man denn im “Vocal Studio”-Universum falsch gemacht haben könnte – die rudimentäre Bedienungsanleitung verweist auf eine Hotline im Ausland, dort hebt niemand ab, im Netz steht auch nichts Brauchbares – dauert noch an. Eventuell ewig.

Unsere nächsten Verwandten

22. Dezember 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (191) Roboter sind ein Entwurf unserer Zukunftsgläubigkeit. Zumeist aus Blech. Und eigentlich auch schon wieder Vergangenheit.

Blechroboter

Mein vorletzter Besuch im Technischen Museum in Wien liegt etwa vierzig Jahre zurück. Es war – erraten! – ein 24. Dezember, an dem mich mein Vater an der Hand nahm und mit mir in den 14. Wiener Gemeindebezirk pilgerte. In jeder Hinsicht dunkel in Erinnerung ist mir das Kohlebergwerk (präziser natürlich: das begehbare Modell eines Bergwerks in einer Ausstellungshalle). Und ein antiquiertes Flugzeug, das von der Decke des imposanten Gebäudes hing.

Als ich dieser Tage die Botschaft vernahm, das Technische Museum zeige aktuell die grösste Roboter-Ausstellung, die Österreich je gesehen hat, kamen abermals Weihnachtsgefühle auf. Nicht umsonst zählt eine Sammlung zerbeulter Spielzeug-Blechroboter zu den höchstpersönlichen Lebenserrungenschaften.

Ich setzte also Kopfhörer auf, wählte Kraftwerks “Mensch-Maschine” (eines meiner ewigen Lieblingsalben der Pophistorie) auf dem MP3-Player und blätterte zur Vorbereitung der kleinen Exkursion in einem Standardwerk zum Thema: “Roboter – unsere nächsten Verwandten” von Gero von Randow. In diesem Buch findet sich ja im Epilog der schöne Satz: “Mir ist natürlich völlig klar, dass die Menschheit nicht etwa deshalb Probleme hat, weil es zu wenige Roboter gibt; eher schon deswegen, weil es zu viele Menschen gibt.” Aber im Advent sind derlei Gedanken natürlich Blasphemie.

Kurzum: die Schau im Technischen Museum ist brav, aber schön. Auch weil sie viele Blechroboter zeigt (darunter das kurioserweise mit einem Jutesack bekleidete Modell “MM7 Selektor”, das 1961 in Wien gebaut wurde). Und sich so einiges dreht, bewegt, blinkt und surrt. Immerhin wuseln einem nicht unentwegt selbstständig “denkende” und lenkende Robot-Staubsauger – die Alltags-Inkarnation der Jetzt-Zeit – um die Beine.

In einem Punkt ist die Ausstellung aber hoffnungslos antiquiert: das Faszinosum der Mensch-Maschine hat sich längst von mechanistischen Droiden á la C-3PO und R2-D2 (remember “Star Wars”?) zu Biotechnologie, Elektronengehirnen und kybernetischen Organismen verlagert. Humanoide Klone siegen – in Filmen, in der Science Fiction-Literatur und in unserer Fantasie – über schlichte Mechatronik. “Schade eigentlich”, um nochmals ein Zitat (diesmal aus dem Popkultur-Organ “The Gap”) einzubringen. “Roboter waren irgendwie deutlich weniger gruselig. Und als Spielzeug auch weihnachtsbaumtauglicher als künstlich intelligentes Klonfleisch.”

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 64 Followern an

%d Bloggern gefällt das: