Archive for the 'DIE PRESSE' Category

Das Medium, die Botschaft

3. August 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (272) Irgendwann musste er kommen: der erste Shitstorm meines Lebens. Aber hallo!

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Frauen mögen in der Öffentlichkeit doch weniger lachen und tratschen, befand der türkische Politiker A. unlängst. Öffentlich und nachdrücklich. Man kann derlei moralisch-sittliche Oberlehrerhaftigkeit einfach als unsinnige Einzelmeinung abtun, aber immerhin handelt es sich um einen stellvertretenden Ministerpräsidenten und engen Gefolgsmann (sic!) des Staatenlenkers E., der so sprach.

Letzterer war erst unlängst in Österreich zu Gast, weil er meinte, seinen aktuellen Wahlkampf auch hierzulande führen zu müssen. Einer der glühendsten Anhänger dieses Herrn in Wien heisst K. Vielen ist der volle Name des Gefolgsmanns und Propagandisten von E. bekannt, seit ihn der ORF in eine ZiB-Spätausgabe eingeladen hat. Wo er – gelinde gesagt – durch Dialogunwilligkeit, unhöfliches Benehmen und einen vorzeitigen Abgang auffiel.

Wie immer auch: ich hatte den spontanen Einfall, das Lachverbot seitens A. mit dem Kommunikationsverhalten von K. in Verbindung zu bringen. “Das Medium ist die Botschaft” hat ja einst Marshall McLuhan einen – erst recht für die Generation Internet – gültigen Leitsatz formuliert. Ich tätigte also einen Facebook-Eintrag, wie ich es öfters tue: “Wenn das mal XY liest”. Was meist zur Folge hat, dass der/die Angesprochene die Meldung (samt Extra-Namens-Tagging) tatsächlich zu Gesicht bekommt. Und den augenzwinkernd unterstellten Konnex entweder bestätigt oder dementiert. Die meisten nehmen es mit Humor.

Nicht so K. Nach der launigen, aber gewiss harmlosen Online-Wortmeldung meinerseits – “Wenn das mal K. liest” – war ich schlafen gegangen. Als ich wieder aufwachte, hatte ich über achthundert Postings in meiner Timeline. Nicht wenige davon rüdeste Beschimpfungen – und das, obwohl K. selbst in einer persönlichen Reaktion seiner Anhängerschaft die (so gesehen unlogische) Parole vorgekaut hatte, ich wäre einer Antwort nicht würdig, weil eigentlich kein Mensch. Nun ja.

Schliesslich wuchs der Strang auf über tausend Statements an, ich amüsierte mich ein wenig, hielt mich aber aus dem Tumult – dem ansatzweise ersten Shitstorm meines Lebens – fürderhin raus. Weitgehend. Ich lasse mir ungern Diskussionen aufzwingen, die ich aus gutem Grunde nicht führen kann und will. Und ernsthaft argumentieren kann man mit offensiven Hitzköpfen und Rechthabern sowieso nicht, schon gar nicht mit einer Hundertschar von Fanboys, Fahnenschwingern und Claqueuren in deren Windschatten.

Eines nur sollte K. wissen (und eventuell auch seine politische Vaterfigur E.): als Diplomat, Kommunikationsstratege und kultureller Botschafter seines liebenswerten Herkunftslandes ist er ein Vollversager. Und die Zahl der Facebook-Likes argumentativ seit jeher eine lachhafte Währung.

Fitness Hijacking

27. Juli 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (271) Bitte verpassen Sie Ihrem inneren Schweinehund einen digitalen Maulkorb!

Runtastic

Ich gestehe: ich habe Unfug getrieben. Und Ungehöriges getan. Aber es war nicht bös’ gemeint. Ich dachte, wer mich kennt, wird mir das sowieso nie glauben. Und den Witz an der Sache umgehend erkennen.

Wie immer aber, wenn Ironie ins Spiel kommt im Netz, wird man missverstanden. Und nicht gerade wenige meiner Facebook-Freunde haben eine meiner Statusmeldungen der letzten Tage für bare Münze genommen. Die Meldung nämlich, ich wäre 15,6 Kilometer gelaufen. Und zwar in knapp zwei Stunden. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 7:42 Minuten pro Kilometer. Und einem Energieverbrauch von 1323 Kilokalorien.

Die Wahrheit ist: diese Strecke – sie ist kartographisch irgendwo zwischen Maria Enzersdorf und Brunn am Gebirge angesiedelt – ist ganz jemand anderer gelaufen. Ich Spassvogel habe einfach die Statusmeldung seines Runtastic-Accounts per Copy & Paste ausgeschnitten und in meine Timeline übertragen. Und darf damit taxfrei als Erfinder der neuen Social Media-Kategorie “Fitness-Hijacking” gelten (jemand brachte auch den Begriff “Nordic Stalking” ins Spiel). Einige Freunde gratulierten umgehend zu meinen sportlichen Aktivitäten, andere erklärten Zeit, Strecke und Kalorienverbrauch für verbesserungsfähig.

Ich gestehe abermals: zuerst lächelte ich still in mich hinein, weil ich nun, ohne einen einzigen Schweißtropfen vergossen zu haben, als halbwegs fitter Zeitgenosse galt. Endlich konnte ich mich einreihen in die wachsende Liste jener Sportskanonen, die dem Rest der Welt ungefragt ihre Laufstrecken und Rundenzeiten mitteilen. Und sich gegenseitig übertrumpfen in den Fußstapfen von Emil Zatopek. Dann aber kam mir der Originalinhaber der tolldreist gekaperten Runtastic-Werte auf die Schliche. Und in die Quere. Er meinte – vollkommen zurecht übrigens –, ich solle meine Scherze doch mit jemand anderem treiben, aber nicht mit ihm. Ehrenwort!: kommt nicht wieder vor.

Dabei ist die Instant-Fitness-Dokumentation die positive Seite eines generellen Online-Exhibitionismus, die zwischen lässlicher Eitelkeit unter Freunden und bedrückenden Einblicken in die Intimsphäre Fremder oszilliert. All die Pulsuhren, Fitness Apps, Fettanalyse-Waagen, Activity Trackers und Körpervermessungsinstrumente gieren als “Biological Smart Meters” ja förmlich danach, nicht nur ihrem Besitzer Einblick in seinen Gesundheitszustand zu geben (Stichwort “Quantified Self”), sondern das auch gleich dem gesamten digitalen Universum mitzuteilen.

Und, ehrlich gesagt, das will und muss ich nun wirklich nicht wissen (und schon gar nicht augenblicklich): dass Ihr Blutdruck mit dem Lesen dieser Kolumne bedenklich angestiegen ist.

Sofortmaßnahmen

19. Juli 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (270) Egal, ob Eurofighter oder Pinzgauer – das österreichische Bundesheer rüstet systematisch ab.

Steyr-Puch Pinzgauer

Es ist keine grosse Befriedigung, mit einer schwarzmalerischen Prognose recht zu behalten. Im Gegenteil. Denn so sehr ich als Pazifist, ehemaliger Zivildiener und hoffentlich halbwegs mit Intelligenz bewaffneter Staatsbürger dazu verleitet sein mag, mich über das Bundesheer lustig zu machen – in realita tun mir die adipösen Etappenhengste der oberen Offiziersränge und ihre unfreiwilligen (und freiwilligen) Untergebenen längst leid.

Vor viereinhalb Jahren war die Truppe und ihre technische Ausstattung schon einmal Thema dieser Kolumne. Und der damalige Vorschlag, überzüchtete, unleistbare Abfangjäger schleunigst wieder los zu werden, durchaus ernst gemeint. Man kann auf den Zynismus diverser – mit hoher Wahrscheinlichkeit korrupter – Politiker und Entscheidungsträger, das Bundesheer mittels millardenschwerer Militärtechnik-Einkäufe direkt in die Pleite zu treiben, ja nur mit knallhartem Realismus antworten.

Insofern plädiere ich für drei Akutmaßnahmen. Erstens: die sofortige Rückgabe der Flieger an den Hersteller. Derlei ist vertraglich vorgesehen, wenn der Kauf nicht ganz koscher verlief – und bis zur finalen Klärung der Causa erspart man sich wenigstens die Spritkosten. EADS dürfte die Angelegenheit rasch äusserst peinlich werden. Und vielleicht erklärt man ja Peter Pilz zum obersten Heeres-Abgesandten – insofern ist Verhandlungsbereitschaft zu erwarten.

Zweitens: die Besorgung von Prospekten und Daten des Modells „Scorpion“ des Flugzeugbauers Textron AirLand. Dieser ist neu am Markt mit einer revolutionären Idee: wenn schon der Betrieb von Kampfjets nicht generell internationaler Ächtung unterworfen werden kann, weil sich die Menschheit auch im 21. Jahrhundert gegenseitig gern den Schädel einschlägt, dann könnte man sich immerhin den absurden Kostenspiralen des militärisch-industriellen Komplexes entziehen. Und Billigflieger von der Stange entwickeln, die – trotz eines Bruchteils der üblich-üblen Kosten – auch den Zweck erfüllen. Vielleicht sogar besser als die gerupften High Tech-Hendeln namens Eurofighter, die man uns – dem tumben Steuerzahler – angedreht hat. Und für die es inzwischen nicht einmal mehr genügend Piloten gibt.

Drittens: sofortige Rücknahme der Entscheidung, die halbe „Pinzgauer“-Flotte des Bundesheeres – insgesamt 699 Stück – zu veräussern. Denn natürlich sind die geländegängigen Kleinlaster absurd veraltet. Aber zugleich ein Stück genialer österreichischer Technikgeschichte. Immerhin rechnet man beim Abverkauf mit einem Erlös ab 10.000 Euro pro Fahrzeug. Also können die Pinzgauers, Puch G und sonstigen Vintage-Modelle im Fuhrpark des Heeres nicht komplett rostzerfressen sein. Wenn sie schon jahrzehntelang Dienst tun – wie auch die alten Saab 105OE-Jagdbomber -, dann könnte man ja glatt noch ein paar Jährchen dranhängen. Und die Rekruten zu Oldtimer-Liebhabern ausbilden.

Realismus, wie gesagt. Einzige Bewaffung: offensive Ironie.

Uberfall

12. Juli 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (269) Innovative webbasierte Service-Plattformen wie Airbnb, Uber & Co. verstören Business-Besitzstandwahrer rund um den Globus.

Uber Protest

Stellen Sie sich vor, Sie sind Besitzer/in einer kleinen, feinen Eigentumswohnung (vielleicht sind Sie das sogar, Glückwunsch!). Sie nutzen diese Wohnung aber nicht – oder zumindest nur temporär. Und kommen auf die Idee, ihre vier Wände anderen zu überlassen. Für ein paar Tage oder Wochen. Gegen Entgelt.

Auf die Fährte gebracht hat Sie ein Freund oder eine Bekannte, die Ihnen von der Web-Plattform Airbnb vorgeschwärmt hat – dem Online-Marktplatz für die weltweite An- und Vermietung privater Unterkünfte schlechthin. Er funktioniert nicht unähnlich einem Hotelbuchungssystem, wendet sich aber an eine andere Zielgruppe: jene, die etwas abenteuerlustiger sind, authentische Atmosphäre schnuppern oder einfach nur Geld sparen wollen. “Übernachte in über 34.000 Städten und 190 Ländern” wirbt die hiesige Homepage von Airbnb. Gibt man als Zielort z.B. “Wien” ein, stehen mit heutigem Stichdatum über 600 Unterkünfte bereit – ab 7 Euro pro Person und Tag. Und da sind, aber hallo!, wirklich originelle, attraktive, sympathische Angebote dabei.

Wo ist der Haken?, werden Sie fragen. Nirgends, sagen mir Globetrotter, die Airbnb ständig nutzen (es gibt noch jede Menge ähnlich gestrickter, alternativer Web-Plattformen). Natürlich kann es hie und da Enttäuschungen geben, aber generell sei dieses System vertrauensvoller Vernetzung zwischen Privatpersonen eine wirkliche Bereicherung des Angebots.

So wie etwa auch die Online-Drehscheibe Uber – Sie haben wahrscheinlich schon davon gehört oder gelesen – eine spannende Ergänzung zu herkömmlichen Taxi- und Mietwagen-Anbietern ist. Die Idee, Privatfahrzeuge per App wie eine Lohndroschke ordern und nutzen zu können, hat weltweit schon Millionen Anhänger. Und operiert seit Februar auch in Österreich. Derlei gefällt natürlich den Taxizentralen, Platzhirschen und Besitzstandswahrern rund um den Globus nicht – mit der Bekanntheit von Uber & Co. mehren sich die Proteste. EU-Digital-Kommissarin Neelie Kroes hält dagegen: “Wir leben nicht mehr im 19. Jahrhundert”.

Nun kann man jede Menge Argumente pro und contra webbasierter Services wie Airbnb oder Uber finden: letztlich möge der Konsument entscheiden. Denn sonst tun’s Lobbyisten und/oder Bürokraten. Wie im Fall der zeitweise vermieteten Eigentumswohnung: derlei sei, so der Oberste Gerichtshof, ab sofort in Österreich nicht mehr zulässig (zumindest ohne Zustimmung aller Hausmiteigentümer). Denn man hätte es ja mit der “unkontrollierten Anwesenheit von fremden Personen” zu tun. Jössas na!

Showdown

5. Juli 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (268) Können Sie das seltsame Wort “Festplattenabgabe” auch schon nicht mehr hören?

Festplattenabgabe

Das ewige Gezerre um die sogenannte “Festplattenabgabe” zerrt an unser aller Nerven. Eine Entscheidung ist überfällig. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des denkwürdigen Umstands, dass hier ungeniert Millionen Euro – die Urhebern und Rechteinhabern von Musik, Fotos, Filmen, Texten usw. zugute kommen sollen – seit Jahren von den Konsumenten einkassiert, aber nicht an die vorgesehenen Empfänger ausgezahlt werden.

Mittlerweile sind einige der Händler, die dieses Geschäft betreiben und sich zu allem Überdruss auch noch zu Vordenkern eines “modernen Urheberrechts” erklärt haben, spektakulär pleite gegangen. Jetzt fehlen nur noch ein paar jeder Verschwörungstheorie hinterhermarschierende Hanseln, die meinen, daran wären Andreas Gabalier (wahlweise: Sigi Maron), seine Plattenfirma, die AKM und die Bilderberger schuld.

Um keinen Irrtum aufkommen zu lassen: mir gefallen Preisaufschläge und Pauschalabgaben auch nicht. Aber dass z.B. ausgerechnet die Arbeiter- und (!) die Wirtschaftskammer unisono gegen eine sehr pragmatisch angelegte Form eines Beitrags zur Existenzgrundlage von Künstlern wettern, lässt sich aus dem Blickwinkel letzterer nur als Chuzpe interpretieren. Wovon lebt eigentlich der gemeine Kammerfunktionär so? Und was treibt all jene an, die meinen, Kreative mögen gefälligst ihre Geistesprodukte herschenken, die Hände falten und den Mund halten? Dass mit aufgeganselten “Geiz ist geil!”-Egoshootern, die nun partout aus Protest ihre Terabyte-Raids in Luxemburg, Großbritannien oder China bestellen wollen, keine weiterführende Diskussion möglich ist, ist schade, aber verschmerzbar.

Die Frage wirtschaftlicher Kompensationen und gerechter Transferzahlungen im Digitalzeitalter (mit allen seinen radikalen Implikationen) ist seit Jahren am Tapet. Und sowohl national wie international von vielen Seiten her beleuchtet, analysiert und diskutiert worden. Ohne finale Erkenntnis. Der Status Quo ist, ja, hinterfragenswert. Eine mittelprächtige Regelung sollte aber erst dann abgelöst werden, wenn eine deutlich bessere, sinnvollere, zukunftsträchtigere vorliegt. Und mir sind partout jene lieber, die versuchen, konkrete, umsetzbare Lösungen auch wirklich umzusetzen als sich entweder aus populistischen Motiven davor zu drücken oder ins weite Reich der Phantasie zu flüchten. Call it Realitätssinn!

Ich habe jedenfalls mehr Respekt vor denen, die etwas für Kunst & Kultur tun als vor jenen, die um jeden Cent greinen, den sie eh nicht ausgeben. Oder nur in China.

Scooby-Do!

29. Juni 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (267) Zeigen Sie Fahrrad-Fetischisten sanft das Rücklicht: mit einem Billig-Roller namens “Scooby”.

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Es gibt ja Radfahrer (ich bitte das Wort geschlechtsneutral zu lesen). Und Radfahrer. Das ist mir erst neulich wieder aufgefallen, als ich – nachdem ich eine Kolumne zu einem ziemlich innovativen, durchdachten E-Bike verfasst hatte – die Reaktionen darauf studierte. Nicht wenige schlossen sich der Fraktion der Pedalritter-Hardliner an, die meinten, soetwas sei “eigentlich kein richtiges Rad”, sondern plump, fehlkonstruiert und fehlgeleitet. Letztlich könne man nur mit purer Muskelkraft die Welt retten. Oder so.

Das ist freilich Blödsinn. Natürlich sind regelmässige Bewegung, sportliche Betätigung und damit einhergehende Fitness hehre Ziele. Im Idealfall kann und soll der fahrbare Untersatz das Auto ablösen als (zu) teures, raumgreifendes und umweltverpestendes Alltagsvehikel – vor allem auf dem Weg zum und vom Arbeitsplatz. Aber kaum jemand möchte vor dem Büroeingang verschwitzt vom Fahrrad steigen. Und es soll ja auch Leute geben, die unmotiviert, untrainiert oder gar gebrechlich sind. Bequemlichkeit ist generell ein starker Antriebsmotor der Menschheit.

Da hätte ich einen Fingerzeig. Es gibt ein Elektrofahrrad, das aussieht wie ein Motorroller. Und sich auch so fährt. Es heisst Scooby. Der Name rührt von seiner wunderlichen Zwitterrolle her: Scooter meets Bycicle. Der Hersteller – das Ding wurde in Österreich konstruiert und wird in China gefertigt – schwärmt von einer “neuen Fahrzeugklasse”. Der Gesetzgeber folgt ihm darin bislang nicht. Gottseidank! Denn so ist der Scooby ab 14 Jahren ohne Führerschein zu fahren und benötigt weder Versicherung noch Kennzeichen.

Mit Scheibenbremsen am Vorderrad, hellem LED-Licht und integrierten Blinkern, einer an jeder Steckdose aufladbaren Batterie unter der Sitzbank und einem 600 Watt-Elektromotor rollt man so gemächlich wie gemütlich durch die Stadt. Offizielle Höchstgeschwindigkeit: 25 km/h. Die Fahrradpedale dienen mehr der (beim Herumkurven nicht ganz ungefährlichen) Zierde.

Kurzum: Scooby ist mehr als ein kurioses Spielzeug für Erwachsene. Für manche könnte sich dieses Fahrzeug als idealer, niedrigstschwelliger Einstieg in die Zweirad-Gesellschaft erweisen. Zumal es weniger kostet als viele Mittelklasse-E-Bikes, die doch “nur” hochgerüstete Fahrräder sind.

Einen Minuspunkt aber gibt es: nicht nur Polizisten schauen einen verwirrt und mieselsüchtig an, wenn man fröhlich pfeifend an ihnen vorbeigleitet. Sondern auch arg verschwitzte Fahrradfetischisten. Scoop-scooby-do.

Die Meinungs-Unmutigen

14. Juni 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (266) Digitales Vermummungsverbot? Warum ich unter meinem Namen gegen “Klarnamen für alle” plädiere.

Meinungsmutig?

Es gibt Begriffe, die eine sachliche, seriöse Debatte annähernd verunmöglichen. Sie werden zumeist eingebracht, wenn einem Kontrahenden die Argumente ausgehen. Und pure Ideologie ins Spiel kommt. Zu diesen rhetorischen Keulen zählen Zuweisungen á la “Gutmensch”, “Genderwahn” oder “Neiddebatte”. Neuerdings werden sie ergänzt durch virulente Schlagwörter wie “Shitstorm” und “Hasspostings”.

Besonders letztere haben es mir angetan. Denn seit einigen Wochen tobt in der Aufmerksamkeits-Arena – sowohl in den alten “Holzmedien” (noch so ein Kampfbegriff) wie auch in den Sphären des Internet – eine Diskussion, die eigentlich keine ist. Sondern eine Kampagne. Geführt wird sie von professionellen Meinungs- und Stimmungsmachern, die seit jeher nicht schlecht daran verdienen, exakt das zu tun, was sie tun. Seit einigen Jahren aber sehen diese Herren – denn es sind fast ausschliesslich Vertreter der männlichen, gern demonstrativ zigarrenrauchenden Spezies – ihr Business-Modell bedroht. In den Online-Foren österreichischer Medien und erst recht auf Facebook und Twitter plappert die p.t. Leserschaft heutzutage munter selbst drauflos. Und redet gar zurück. Und das, Teufel auch!, unter mehr oder weniger lustigen Pseudonymen. De fakto (fast) unkontrollierbar.

Dass dabei Krethi & Plethi oft zu derben Prädikaten aus der untersten Schublade neigen, kann nicht bestritten werden. Noch weniger, dass die Politiker/innen, Leistungsträger und Führungskräfte dieses Landes zumeist nicht gut abschneiden in der öffentlichen Beurteilung. Zurecht. Letzteres war und ist übrigens auch meine Meinung. Sie ist frei. Und ich äussere sie – meinungsmutig? – unter meinem Namen. Aber nichts liegt mir ferner, als nicht auch die An-, Aus- und Einsichten anderer, die sie nicht unter ihrem “Klarnamen” veröffentlichen (und das aus vielfach nachvollziehbaren Gründen), kennenlernen zu wollen. Und wenn es Hass ist, möchte ich erst recht wissen, woher er rührt. Und wie man seine Wurzeln trockenlegen könnte.

Man hat in früheren politischen Debatten oft von der “Hoheit am Wirtshaustisch” gesprochen. Das Netz kennt diese Hoheit nicht (sieht man vom eklatanten Webfehler der totalen Überwachung ab). Das mag manchen unangenehm sein. Und da und dort Unmut hervorrufen. So, wie andernorts Gegen-Unmut hervorgerufen wurde und wird. Wie wichtig aber diese gesellschaftlich breit genutzten Foren – Zyniker würden ihnen allein die Rolle eines Überdruckventils zuschreiben, ich zähle nicht zu ihnen – sind, merken wir einmal mehr dieser Tage: Volksvertreter im Parlament plädieren gerade ungeniert für verschärfte Geheimhaltungsregeln gegenüber ihrem Souverän, dem Volk. Sind nicht gerade Transparenz und Meinungsfreiheit kommunizierende Gefässe?

Was ich von all dem halte, äussere ich auf Nachfrage – aber eben auch ungefragt und gegebenenfalls unter Pseudonym – gerne. Jederzeit. Und allerorts.

A Bike Called Quest

8. Juni 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (265) Es gibt Fahrräder. Luxusfahrräder. Elektrofahrräder. Und das Elektrobiker Quest.

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Keine Sorge: mein vor einigen Monaten verkündeter Langzeittest in Sachen Elektromobilität ist längst nicht abgeschlossen. Demnächst geht wieder ein Schwung Anfragen raus an diverse Mofa-, Roller- und Automobilhersteller und ihre hiesigen Vertriebsfilialen. Aber zwischendurch war ich, zugegeben, etwas abgelenkt. Nicht zuletzt durch ein äusserst elegantes Vehikel, das sich – um die Konklusio gleich vorgwegzunehmen – als ideales Stadtfahrzeug erwiesen hat. Oder zumindest als raffinierte Ergänzung im Mix der fahrbaren Untersätze. Es handelt sich um ein Fahrrad.

Ein Fahrrad? Nicht gerade revolutionär, hör’ ich’s aus dem Publikum raunen. Abwarten! Denn das Modell, mit dem ich – motorverstärkt – durch die City gedüst bin, ist so etwas wie die Summe der Tüfteleien eines kleinen Teams von Enthusiasten, die sich – keep it smart and simple! – Elektrobiker nennen. Und ein stylishes Geschäft in der Wiener Westbahnstrasse betreiben. Das erste E-Bike hatte man anno 2008 noch in einer Garage zusammengeschraubt, das Resultat war – so vermerkt die Homepage – “deutlich zu hässlich für die Strasse”.

Sechs Jahre und einige hundert Prototypen und Verkaufsmodelle später repräsentiert das “Quest” den State of the Art. Es ist technisch perfekt, sieht wirklich gut aus und kann nach eigenen Vorstellungen konfektioniert werden. Gerade in den Details steckt viel Gehirnschmalz. Der Lithium-Ionen-Akku (Reichweite 40 – 90 Kilometer) z.B. ist verpackt wie eine kleine Zubehörtasche und über einen patentierten Verschluss leicht an- oder abschraubbar. Der kräftige Radnabenmotor wird über einen aufs Wesentliche reduzierten Alu-Drehregler mit Leistungsanzeige bedient. Letztlich fährt sich das “Quest” auch ohne Unterstützung probat, mit zugeschaltetem Motor geht aber wirklich die Post ab. Ich war in der Stadt fast so flott unterwegs wie mit der geliebten Vespa. Und das, ohne einen Tropfen Schweiss zu vergeuden.

Es gibt jedoch einen Wermutstropfen: den Preis. Denn mit etwas Zubehör wandert der Kostenpunkt für das Elektrobiker-Spitzenmodell behende über die 4000 Euro-Marke. Nun gilt ungebrochen der alte Spruch, wer billig kauft, kaufe letztlich teuer. Man kann sich eine Auto z.B. noch so schönrechnen – es geht richtig ins Geld. Hier sind die Folgekosten gleich null. Ich überlege ernsthaft, ob ich nicht einen meiner Blechkübel gegen ein “Quest” tausche. Oder Herrn Mateschitz überrede, die Startup-Firma aufzukaufen und in Hinkunft jährlich zigtausende dieser Bikes zu verkaufen. Rund um den Globus. Zu einem Viertel des Preises.

Das grosse Vergessen

31. Mai 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (264) War da etwas? Über das vorgebliche Menschenrecht auf Vergessenwerden.

Recht auf Vergessen

Wir leben in einer Gesellschaft, die dem Menschen zunehmend an den Kragen rückt. Dem Individuum. So wie es unseren Regierungen mehr und mehr freisteht, Einblick in unsere Gedankenwelt, unser Seelenleben und in die tiefsten Geheimnisse unserer Existenz zu nehmen, so sehr leisten wir freiwillig und lustvoll Vorschub beim Datensammeln, Bewerten und Verknüpfen der Bruchstücke unseres Alltags.

Was man mit diesem Informationen alles anstellen könnte (und damit, den ungeschriebenen Gesetzen der Welt folgend, anstellen wird), verdrängen wir – so, wie wir den Hunger in dieser Welt verdrängen, die Gewalt, das Elend und unseren eigenen Tod. Was mag schon passieren, wenn man in den globalen Schaltzentralen der Macht weiss, mit wem der engste Berater des Bundeskanzlers dieses kleinen Landes heimlich schläft? Und wir alle es nicht wissen? Nämlich: dass andere es sehr wohl wissen. Und damit, pardon, den Kerl an den Eiern haben. Und eventuell sogar seinen Chef.

Natürlich ist das pure Fiktion. Vielfach schmerzt aber schon, was jede/r von uns schwarz auf weiß lesen kann. Die Nachricht, dass Google – einer der Konzerne, die dringend unter Verdacht stehen, diesen Planeten beherrschen zu wollen – nun durch die EU-Gesetzgebung gezwungen wurde, das “Recht auf Vergessen” (richtiger: das Recht auf Vergessenwerden) zu ermöglichen, müsste in diesem Kontext Hurra!-Rufe auslösen. Wer meint, unangenehme Tatsachen und Verweise zur eigenen Person in Hinkunft nicht mehr in der Monopol-Suchmaschine aufgelistet sehen zu wollen, darf ab sofort ein Formular ausfüllen. Und auf Gnade hoffen. Die Gnade der Verwischung der digitalen Spuren im Sand.

Tatsächlich ist es positiv, dass einmal klar festgestellt wurde, dass sich ein US-Unternehmen nicht europäischen Datenrichtlinien entziehen kann. Der Rest ist, gelinde gesagt, zweischneidig. Denn Gnade – das ist natürlich kein exakter juristischer Terminus – impliziert immer eine wohlwollende, gottgleiche Instanz. Und das ist zunächst einmal Google selbst. Heerscharen von Juristen könnten nötig sein, befürchten Experten, um zu prüfen, was nun tatsächlich im Sinne unserer Gesellschaft löschenswert ist. Und was nicht.

Die Pole heissen: Abhilfe vor Cyber-Mobbing einerseits, Zensur andererseits. Wenn es einmal menschlicher Macht überlassen bleibt, Verzeichnisse und Archive zu durchkämmen und bei Bedarf zu schönen (und damit gegebenenfalls die Geschichte neu zu schreiben), wird auch bald – jede Wette! – jeder Hinweis auf Edward Snowden fehlen. War das nicht so ein umstrittener britischer Society-Journalist? Wer all die Formulare für ihn ausgefüllt hat, wird man nie erfahren.

Suggestivkraftwerk

23. Mai 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (263) Erzeugt die Computerwelt “richtige” Musik? Sorry: diese Frage können nur Menschen stellen.

Kraftwerk Burgtheater

Da sassen wir nun alle. Und staunten. Meine Wenigkeit in der 3. Reihe, Platz 7, Parkett links im Wiener Burgtheater. Festwochen! Ich hatte um wohlfeile fünfundsiebzig Euro eine Karte für “Die Mensch-Maschine” erstanden, die konzertante Aufführung eines der Schlüsselwerke von Kraftwerk. Sie wissen schon: die legendären deutschen Elektronik-Pioniere.

Der Herr neben mir, ein einschlägig bekannter Musikjournalist und Pop-Connaisseur, war bereits zum dritten oder vierten Mal zugegen. Denn Kraftwerk hatten angekündigt, den kompletten Katalog ihres jahrzehntelangen Schaffens abzuspulen, Album für Album (bis auf das Frühwerk). Er beschwerte sich auch nicht, als sich herausstellte, dass das Quartett auf der Bühne das Versprechen zwar seriell wahrmachte, den Rest des Abends aber immer mit denselben “Greatest Hits” garnierte. Mehr oder weniger.

Die 3D-Inszenierung der retrofuturistischen Alltagsmelodien von Kraftwerk – so simpel wie suggestiv – war einfach zu überwältigend, sinnes- und leuchtkräftig, um an solchen Details herumzumäkeln. Zwischendurch aber beugte sich der Kollege herüber und setzte mir einen Floh ins Ohr: “Das wäre doch eine investigative journalistische Aufgabe: herauszufinden, was die da eigentlich wirklich treiben auf der Bühne!”

Das ist ja eines der Schlüssel-Probleme der elektronischen Musik: es tut sich nichts. Sieht man vom Drumherum ab. Denn live auf der Bühne auf ein Mischpult zu starren oder in einen Laptop, dann und wann mal einen Knopf zu drehen, einen Schalter umzulegen oder still ins Publikum zu lächeln – wie es letztlich auch Kraftwerk hielten –, vermittelt nicht gerade die schwitzige Lebenshaltung des Rock’n’Roll. Und ist in punkto Showgestaltung halt oft – zu oft – reichlich fad.

Was Ralf Hütter, das Mastermind und einzig verbliebene Originalmitglied der Truppe, nicht weiter anficht: Man lassen nicht einfach nur die Computer die Klänge abschnurren, erklärte er im Interview mit dem “Kurier”-Redakteur Georg Leyrer. “Wir komponieren, wir führen die Teile zusammen und gestalten den Klang. Also: Kling, Klang! Das ist nicht körperlich, das ist hochsensibel. Wie Feinchirurgie, mikroskopisch kleine Bewegungen haben große Wirkung. Die Sensibilität der elektronischen Instrumente ist unermesslich.“

Ich glaub’s ihm ja. Höre es sogar raus, bisweilen. Und verstehe dennoch die Skepsis der Techno-Agnostiker, Maschinenstürmer und “Handmade Music”-Traditionalisten. Also hätte ich einen Vorschlag: Hütter und seine Mitstreiter mögen beim nächsten Mal eine Kamera über ihren Instrumentenpulten montieren. Und ihren Live-Aktionismus ins 3D-Szenario einblenden. Dann wären raschest alle Vorurteile gegen die Mensch-Maschinen-Musik ausgeräumt.

Wer’s immer noch nicht glaubt, nehme an diesem denkwürdigen Event – einer Hommage an Kraftwerk seitens des Wiener Heimorgelorchesters – teil. Da werkeln Menschen aus Fleisch und Blut an analogen Klein- und Kleinstmaschinchen. Und rühren damit – so etwas besitzen Computer doch nicht, oder? – ans Herz.

Um mit Karl Bartos, dem langjährigen Weggefährten von Ralf Hütter zu sprechen: “Alle sagen, der Computer hat die Welt verändert, aber ich glaube, Musik ist nach wie vor Musik. Und die Frage ist immer noch die gleiche: Warum wird aus Schallwellen Gefühl?” Boing Bum Tschak.

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