Archive for the 'DIE PRESSE' Category

Verdummungsverbot

24. Januar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (247) Ist Facebook das neue Zentralorgan des demokratischen Diskurses? Eher schon: sein wirksamstes – und zugleich problematischstes – Werbemittel.

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Wenn diese Zeilen erscheinen, wird der alljährliche Mummenschanz rund um eine Wiener Ballveranstaltung „für Demokratie und Freiheitsrechte“ schon wieder Geschichte sein. Hoffentlich für immer.

Dieser Ball, bei dem sich ein paar besondere Kapazunder der Leistungsträgergeselligkeit ausgerechnet in der Hofburg versammeln, steht ja unter spezieller Beobachtung. Sowohl der Polizei wie auch einer nicht unbeträchtlichen Menge an Bürgerinnen und Bürgern, denen die höhnische „Gesetzeskonformität“ von Provokation und Gegenprovokation und die symbolträchtige Selbstbeschmutzung der Republik samt Einschränkung der Versammlungs- und Pressefreiheit auf die Nerven gehen. Mindestens. Kann man sich bitte einmal zu einer intelligenteren, sensibleren Lösung durchringen als alljährlicher wechselseitiger Aufganselung, ja Aufhetzung und Aufrüstung?

Aber hier soll nicht Politik gemacht werden. Ich habe übrigens auch kein Selbstporträt mit Sturmhaube, Schal oder einer sonstigen originellen Ver- bzw. Bekleidung auf Facebook eingestellt wie viele Freunde und Bekannte. Derlei Selbstkatalogisierung mag ja eine gewisse Signalwirkung haben und als klares Zeichen gegen die Absurditäten eines polizeilichen „Vermummungsverbots“ mitten im Winter – angeblich kann man unter dieser Prämisse schon für das blosse Mitführen eines Schals bei einem Spaziergang verhaftet werden – gelten.

Aber irgendwie macht mir die freiwillige, ja aufgeregt-freudige Mitarbeit bei dieser Minderheitenzählung und schematischen Zuordnung von Teilen der Bevölkerung zu diesen und jenen „Lagern“ in Zeiten von NSA-Spähtechnik, Big Data und mangelndem gesetzlichen Schutz vor dem übergreifenden Überwachungswahnsinn Sorgen. Herr Faymann, Herr Spindelegger, Frau Mikl-Leitner, Herr Strache: ist Ihnen eigentlich klar, in welche Richtung wir hier – EU-konform? – marschieren? Und ist es wirklich lustig, wenn man sich gegenseitig auf Twitter und Facebook – ja, auch die Ball-Brüder und ihre Gesinnungsschwestern haben dort ihren Auftritt, ebenso wie (verkündigungstechnisch durchaus zeitgemäß) die Wiener Polizeizentrale – verfolgt, und zwar durchaus auch im wortwörtlichen Sinn?

Letztlich bleibt es eine Aufgabe der Medien, auch in dieser Angelegenheit systematisch tiefer nachzubohren. Und ja nicht nachzulassen. Und es ist nicht mehr allein instituionalisierter Journalismus, der wichtige, dringliche, eventuell schmerzliche Fragen stellt und Beobachtungen liefert. Bunte Vögel wie Robert Misik (www.misik.at), Martin Blumenau oder Erich Möchel (fm4.orf.at) sind eine Bereicherung eines lebendigen gesellschaftlichen Diskurses, selbst ein Christian Ortner („Das Zentralorgan des Neoliberalismus“, www.ortneronline.at) liefert immer wieder Denkanstösse (auch wenn die Abgrenzung zu wirklich randwertigen Figuren nicht recht gelingt). Wie die genannten Herren und jede/r andere Interessierte mit fortschrittlicher Technik Blogs, Beiträge und Selfie-Botschaften noch verbessern können, erzähle ich ihnen – und Ihnen – nächste Woche.

Das kaputte Internet

18. Januar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (246) Das Internet hat sich als perfides Vehikel der totalen Überwachung und Untergrabung der demokratischen Gesellschaft entpuppt. Ist da noch Hoffnung?

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„Das Internet ist nicht das, wofür ich es so lange gehalten habe. Ich glaubte, es sei das perfekte Medium der Demokratie und der Selbstbefreiung.“ Mit diesen Worten hebt ein Artikel an, der unlängst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist und den man gelesen haben muss. Jedenfalls, solange man nicht für sich allein auf einer fernen, weltabgewandten Insel lebt.

Der Autor dieses Artikels heisst Sascha Lobo und ist – zumindest in der sogenannten „Netzgemeinde“, also unter technikaffinen Menschen und überzeugten Nutzern der Digitalsphäre – kein Unbekannter. Gemeinhin gilt er als Evangelist des Fortschritts, nun tönt er plötzlich abgeklärt, ernüchtert, ja: gekränkt. „Was so viele für ein Instrument der Freiheit hielten, wird aufs Effektivste für das exakte Gegenteil benutzt. Der Spähskandal und der Kontrollwahn der Konzerne haben alles geändert.“

Dieser Text – eventuell kann man ihn einen Essay nennen, einen Zeitbefund, polemisch auch einen narzisstischen Rundumschlag – hat mannigfaltige Reaktionen ausgelöst. Zunächst (man ist geneigt zu sagen: typischerweise) nicht gerade selten auf absolutem Kindskopfniveau in diversen Online-Foren, auf Facebook und Twitter („Sascha Lobo glaubte ja auch, dass seine Frisur originell ist“), dann auf argumentativer Augenhöhe im Feuilleton und in der Netzgemeinde selbst.

Mitten im Getümmel fanden und finden sich natürlich auch Dissidenten wie der Journalist und Blogger Karsten Lohmeyer, der das Medium seiner Wahl „diesen Internet-Philosophen entreißen“ will, „den Nerds und Piraten mit ihrer unsäglichen Diskussionskultur und Lust an der Selbstzerstörung.“ Geschenkt. Ich lege Ihnen den Originalartikel ans Herz. Und erst im Anschluß die Lektüre der Fußnoten der Nachkläffer, Sub- und Meta-Querdenker, Gegenredner und Widersacher.

Zugegeben: ich fühle mit Lobo. „Trotz Fachwissens nicht für möglich gehalten zu haben, was Realität ist – das war meine Naivität“, diesen Satz können wir uns alle ins Stammbuch schreiben. Die dräuende Erkenntnis, dass die Digitalisierung unserer Existenz – von elektronischen Krankenakten bis zum Smart Metering der Energieversorgung, von der Auflösung traditioneller Geschäftsmodelle im Kultur- und Medienbereich bis hin zur kompletten Infragestellung unserer Privatsphäre – die Gesellschaft viel stärker prägt, „als die meisten Politiker, Journalisten und Fußgänger erkennen wollen oder können“ (Lobo), bedarf dringend des Weiterdenkens.

Noch – noch!? – üben wir uns in Optimismus. „Das Internet ist kaputt, die Idee der digitalen Vernetzung ist es nicht.“

Neujahrskonzert

12. Januar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (245) Wer das Neujahrskonzert in bester Qualität nachhören will, sollte sich eventuell neue Kopfhörer gönnen.

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Wieviele Zillionen Kopfhörer wurden eigentlich zu Weihnachten verschenkt? Okay, das ist jetzt etwas übertrieben, aber die Notwendigkeit, Musik aus mobilen Geräten – vom Billig-MP3-Player bis zum Edel-Smartphone – in brauchbarer Qualität an die Ohren ihrer Besitzer und Benützer weiterzuleiten, hat unzweifelhaft einen Boom ausgelöst.

Seit einigen Jahren verkauft die Unterhaltungselektronik-Branche deutlich mehr Headphones als Lautsprecher. Und nicht nur die absoluten Zahlen sind Trumpf, sondern auch der Gesamtumsatz. Experten meinen, dass es allein in Europa mittlerweile mehr als sechshundert (!) Anbieter mit etwa 6000 Kopfhörer-Modellen gibt – der Großteil davon im Billigst-Segment unter 50 Euro. Die Ohrmuschel-Klangriesen sind zum Mitnahme- und Modeartikel geworden, Beats by Dr. Dre & Co. beherrschen das Strassenbild. Und natürlich wollen auch die alteingessenen Hersteller – von AKG bis Sennheiser, Stax und Yamaha – ein Wörtchen mitreden.

Wie aber herausfinden, welcher Kopfhörer auf welchen Kopf passt? Und auch noch besser als der Rest klingt? Hierzu gibt es nur einen gültigen Tipp: Ohren aufmachen! Zunächst aber gilt es, mit der ganz unterschiedlichen Passform und spezifischen Funktionsweise von In-Ears, On-Ears, Noise-Cancelling-Phones, Funk- und DJ-Kopfhörern oder gar elektrostatischen High End-Hörgeräten samt eigenen Kopfhörerverstärkern umgehen zu lernen. Vieles – bis hin zum Preis, den man für gute Exemplare ausgeben kann und will – ist Geschmackssache.

Ich habe in den letzten Monaten immer wieder die unterschiedlichsten Hersteller und Modelle getestet. Vom eleganten RHA MA450i aus Großbritannien (mit Fernbedienung und Mikrofon) über superbe Noise-Cancelling-Modelle von Bose (Quietcomfort 20i) und Sennheiser (MM 550-X Travel) bis hin zu Bügelexemplaren für dem Heimgebrauch von Harman/Kardon, Pro-Ject und KEF. Zum aktuellen Lieblingsmodell habe ich den Sennheiser Momentum erkoren – es handelt sich um ein noch brieftaschenverträgliches, edles Kunstwerk aus Aluminium, Leder und fast schon greifbarem Wohlklang. Es gibt das gute Stück übrigens auch in Sondereditionen, aktuell z.B. für Fans von David Bowie. Wer’s braucht.

Generelle Erkenntnis: je mehr Materialeinsatz und damit Ohrmuscheldimension, desto besser. Schnuckelige In-Ear-Headphones sind eher nichts für mich. Nicht zuletzt, weil ich nie so recht weiss, ob das potentiell unangenehme Ding im Ohr jetzt richtig eingesetzt ist oder ich selbst der eigentliche Fremdkörper bin… Wenn aber alles sitzt und passt, klingt das Neujahrskonzert gleich doppelt gut.

Best of Böse

6. Januar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (244) Was sagt es uns, dass “NSA” das Unwort des Jahres 2013 war? Und welche Schlüsse ziehen wir daraus?

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Ich erkläre „Unwort“ zum Unwort des Jahres 2014. Denn, unter uns, all die Bestenlisten, Exit-Polls, retrospektiven Belustigungen und wichtigtuerischen Jahresrückblicke alle zwölf Monate nerven. Und zwar gewaltig. Es ist das Geschäft der Medien, das Aufkochen kalten Kaffees mit einer Konzentration auf das Gute, Wahre, Schöne gleichzusetzen. Oder gar einer Verdichtung des Wesentlichen. Mon dieu! Zumeist will man sich eher der eigenen Bedeutung versichern als sich ausgerechnet an der Aufklärung der Menschheit abarbeiten.

Um nicht gar zu griesgrämig zu klingen: die häppchenweise Darreichung von Momenten der Besinnung und Nachbetrachtung und mehr oder minder soliden Meinungs-Bits & -Bytes hat schon ihre Berechtigung. Sonst gäbe es auch diese Kolumne nicht. Aber lustige Listen wie z.B. „Die 100 besten Küchengeräte des Jahres 2013“ – Sie finden derlei andernorts – mögen nicht mit Journalismus verwechselt werden. Auch nicht ihre antagonistischen Negativ-Entsprechungen. Ich würde Siegerstockerl-Rangeleien dieser Art dem Marketing zuordnen. Oder gleich strikt dem Entertainment-Business.

Es gilt, die Bedenken mit Beispielen zu untermauern. Wohlan: die hoch geschätzten Kollegen der „Futurezone“ – vormals beim ORF beheimatet, seit einiger Zeit ohne Qualitätsverlust beim „Kurier“ – haben ihre Leser das „Technologie-Unwort des Jahres 2013“ bestimmen lassen. Die Wahl fiel auf „NSA“. Dahinter folgten „Selfie“ (damit ist eitle Selbst-Fotografierei samt anschliessender Exhibition in sozialen Medien gemeint) und „Phablet“ (ein Zwitter aus Smartphone und Tablet Computer; nebstbei: ein Wort, das ich noch nie jemanden verwenden gehört habe). Abgeschlagen rangierten in diesen Best of Böse (Copyright: “Falter”)-Charts Begriffe wie „Bitcoin“, „Leistungsschutzrecht“ oder „Big Data“. Im Jahr davor hatte „Festplattenabgabe“ mit weitem Abstand die Negativ-Trophäe gewonnen.

Lustig ist das nicht. Vielleicht populär, vielleicht auch nur populistisch. Aus meinem Blickwinkel eher hirnrissig. Denn ich halte die legére Einordnung immenser und höchst komplexer Problemfelder in launige Jahreslisten für einen unwillkommenen Beitrag zur Verharmlosung, Verdrängung und Verniedlichung. Herr Klug findets vielleicht unklug (wahrscheinlich aus purer politischer Bequemlichkeit), die NSA lacht sich mit Garantie einen Ast ab über Multiple Choice-Protestgehabe dieser Denk- und Bauart. Sie inkludiert den fatalen psychologischen Nebeneffekt, “das hätten wir nun auch hinter uns gebracht”.

Lautet das Unwort des Jahres 2015 perspektivisch „Totalitarismus“? „Drohnenkrieg“? „Meinungsterrorist“? Oh, pardon, ich wollte Ihnen keineswegs den Spass an der kindlichen Freud’ verderben.

Partybeschallung

28. Dezember 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (243) Alles Walzer! Oder eventuell doch Miley Cyrus? Hauptsache im Takt! So werden Sie zum Profi-Discjockey.

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Musik gilt – vollkommen zurecht – als probates Schmiermittel, um beschwingt von einem Jahr ins nächste zu flutschen. Aber die Qual der Wahl, welche Künstler und Songs (bzw. Tracks) zu Gehör gebracht werden, ist keine geringe. Sie setzt Geschmack voraus, dessen Existenz bei den Leserinnen und Lesern dieser Kolumne freilich ausser Zweifel steht.

Ich meine damit: einen eigenen Geschmack im Sinne einer universellen Bildung in Populärkulturangelegenheiten und eines gewissen Raffinements in der Auswahl der tönenden Demonstrationsobjekte – und den Willen, ihn sensibel, aber doch nachdrücklich (und letztlich sogar zwingend) einem Publikum mitzuteilen. Zwingend heisst: nur eine Party, bei der beim Morgengrauen alle auf den Tischen tanzen, ist auch eine denk-, ehr- und erinnerungswürdige Party. Also eine wirklich gute Party.

Derlei benötigt einen Plattenreiter, kurz: DJ, oder eine DJane, der/die auch wirklich etwas drauf hat. Das können Sie selbst sein. Wie? Nun: Raketentechnolgie wird hier keine verhandelt. Und perfekt die Beats ineinander mischen müssen Sie nicht extra lernen – im Prinzip gilt es nur keine Pause zwischen den Stücken ihrer Playlist zu machen. Das technische Equipment sollte – der Autor dieser Anleitung geht von unregelmässigem, tendenziell hobbyistischem Gebrauch aus – nicht zu kompliziert, teuer und überkandidelt sein.

Und, ja, es macht Spass, mit Technics-Laufwerken und altertümlichen Vinylschallplatten zu hantieren. Selbst Profis machen das heute noch, oft aber nur mehr, um spezielle Scratch-Programme (z.B. „Serato“) anzusteuern. Mit “normalen” HiFi-Plattenspielern sollten Sie’s nicht versuchen. Aber eine halbwegs brauchbare Stereoanlage hat jeder daheim. Wesentlich ist das Mischpult. Ob sie da einen zweiten CD-Player oder einen Laptop und ein Mikrofon für launige Durchsagen dranhängen, bleibt Ihnen überlassen.

Natürlich können Sie am Computer herumfummeln und MP3s direkt per DJ-Software mischen, aber mit richtigen Schiebereglern macht es klar mehr Spass. Pult-Empfehlung (die Programme gibts gratis dazu): das schlichte, aber professionelle Traktor Kontrol Z1 von Native Instruments. Oder, wirklich kostengünstig, das iRig Mix, mit dem man sogar mit zwei Smartphones einen Abend schmeissen kann.

Nicht übertreiben! Der Weg vom Nachwuchs-David Guetta zum verspielten Tölpel, der allen zeigt, was er genau nicht kann, ist kurz… Man soll Ihnen ja die Hände küssen für Ihre DJ-Fingerfertigkeit. Und das Gerücht, der Mann oder die Frau hinter dem Mischpult wäre grundsätzlich die attraktivste Person im Raum, wurde nie wirklich widerlegt.

Krieger des Lichts

21. Dezember 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (242) Ihr Nachbar lässt in seinem Garten blinkende Elektro-Hirsche röhren? Nehmen Sie’s als Zeichen gläubigen Fortschritts.

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„Überwunden sind die Schrecken der Finsternis. Vorbei sind die Wochen, unter denen ich an qualvoller Winterdepression litt.“ Normalerweise überfliege ich Social Media-Mitteilungen dieser Art nur kurz – persönliche Befindlichkeiten interessieren mich eher weniger, Anmerkungen zu Jahreszeiten und zum Wetter – oh, im Dezember schneit es gelegentlich!? – schon gar nicht. Insofern war ich doch ein wenig verblüfft, dass Facebook-Freund Volker P., den ich für seine durchgehend gescheiten, provokanten und originellen Mitteilungen schätze, nun auch in diese Kerbe schlug.

Scheinbar. Denn P. setze folgendermassen fort: „Jetzt geht in meinem Reiche die Sonne nicht mehr unter. Vor meinem Schlafzimmerfenster ist alles in gleißendes Licht getaucht. Mein Nachbar hat seine sechsspännige Weihnachtskutsche mit blinkenden Elektro-Hirschen in Stellung gebracht.“

Oh, verdammt bekanntes Szenario! Die jahreszeitlich bedingte repräsentative Materialschlacht hebt ja spätestens drei, vier Wochen vor dem Lichterfest an. Leuchtende Sterne, hellauf erstrahlende Weihnachtsornamente, elektrisch flackernde Kerzen, Krippenspiele, Girlanden und Engelsscharen allerorten. Die halbe Stadt liegt im X-Mas-Taumel.

Am Land ist es keinen Deut besser. Ich erinnere mich heute noch daran, wie ich vor Jahrzehnten einmal zur Weihnachtszeit durch das dunkle, neblige, arschkalte Waldviertel gekurvt bin – um dann in irgendeinem gottverlassenen Dorf auf das achte Weltwunder zu stossen: ein Haus, das lichttechnisch vom Kellerfenster bis zum Dachgiebel erstrahlte. Quasi überirdisch, jedenfalls jenseitig – zumal der hypertrophe Glühbirnen-Einsatz ein kleines Atomkraftwerk leergesaugt haben muss. Freue Dich, oh Christenheit! Notfalls helfen wir mit dem Ein-/Aus-Schalter ein wenig nach.

Aber der Drang zum Lichte ist verständlich. Der Fortschritt der Menschheit darf auch in Candela, Lux und Lumen gemessen werden. Womit assoziieren wir Technik im Alltag? Wohl kaum mit Mondlandungen, Nanorobotik oder Magnetresonanztomographie. Eher schon mit scheinbar banalen, selbstverständlichen Dingen wie Fortbewegung, Wärme, Sicherheit oder der Absenz von Dunkelheit. Eben.

Insofern ist es auch nicht weiter verwunderlich, wenn zu den grössten Geschenkschlagern der Jetzt-Zeit originelle und innovative Lichtquellen zählen. Es muss ja nicht immer ein Designleuchten-Klassiker sein. Gerade die LED-Technik eröffnet ganz neue Gestaltungs- und Anwendungsmöglichkeiten, etwa Farb- und Stimmungswechsel auf Knopfdruck. Oder per App. Und das ganze, hallelujah!, mit deutlich gesenktem Stromverbrauch. Es werde Licht!

Ersatzbefriedigung

15. Dezember 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (241) Die wahren Abenteuer sind im Kopf – versuchen Sie das mal Jägern & Sammlern einzureden.

Plattensüchtig

Es gibt einen Faktor, der gegen die unter Technik-Liebhabern und Gadget-Fetischisten weit verbreitete Sammelwut spricht: Platzbedarf. Es nennt nun mal nicht jeder weitläufige Latifundien, großzügig geschnittene Stauräume, Hobbykeller und Garagen sein eigen. Oder gar ein kleines Privatmuseum.

Und wenn doch, tobt nicht selten der Kampf um die paar Kubikmeter Regalfläche – in meinem Fall etwa gilt es, den Lagerplatz für allerlei Fundstücke, Archiv-Trophäen und Gerätschaften (neu und gebraucht) hartnäckig gegen eine Mitbewohnerin zu verteidigen, die das Gärtnern für sich entdeckt hat. Und partout darauf besteht, ihre Pflanzen und Töpfe im gemeinsamen Kabäuschen zu überwintern. Aber wohin dann mit meinen Schätzen?

Nicht einmal der Hinweis, dass man mit historischen Computern, rostigen Autos oder abgegriffenen Kameras bisweilen exorbitante Marktpreise erzielen kann, kitzelt das Spekulationsfieber. Das Horten und Sammeln erscheint nur dem Sammelwütigen als höchstes der Gefühle, für andere ist es eine exaltierte Form der Platzverschwendung. Ärgerlicherweise.

Im Extremfall gilt es, auf das Postulat von André Heller zurückzugreifen: „Die wahren Abenteuer sind im Kopf, und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo“. Und für Ersatzbefriedigung zu sorgen. Man kann z.B. Bücher über das Sammeln sammeln. Und in Betrachtungen schwelgen, die die umfangreichen, teuren und vor allem platzfressenden Kollektionen glücklicher Seelenverwandter zum Inhalt haben. Ohne selbst übermässig viele Regalmeter dafür zu verschwenden.

Freunden der analogen Musikreproduktion möchte ich an dieser Stelle zwei einschlägige Werke an Herz legen. Da wäre einmal „Passion for Vinyl“, ein wunderschön gestaltetes Buch (Untertitel: “A tribute to all who dig the groove”) über Plattensammler der leicht überdrehten Sorte (einer davon besitzt 750.000 LPs, nur so als Hinweis).

Und, zweitens, „Plattensüchtig – Expeditionen in eine andere Welt“ von Jürgen Schmich, der in Deutschland und Österreich sieben handverlesene Vinyl-Junkies und Musik-Afficionados zum Interview gebeten hat. Irgendwo in diesem schmalen Band, der im Eigenverlag erschienen ist, fällt der denkwürdige Satz: „Es gibt eh nur zwei Typen von Menschen: Sammler und Nichtsammler.“ Punkt. Wobei die Spezies Sammler jene der Jäger subsummiert. Und die der Nichtsammler – ach, lassen wir das.

Die Bezugsquellen für beide Bücher finden Sie leicht, fast schon zu leicht im Netz. Es gibt kein besseres Placebo, um kurz- und eventuell auch langfristig den Hausfrieden zu retten.

Die Anti-Auto-Religion

7. Dezember 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (240) Vom Fetisch zum Hassobjekt – müssen wir uns an eine Zukunft ohne Auto gewöhnen?

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Diese Kolumne zu schreiben fällt mir ungewöhnlich schwer. Denn sie fußt allein auf einer diffusen Gefühlslage. Und einem Essay von Matthias Matussek, veröffentlicht in einer „Spiegel“-Ausgabe vom Oktober dieses Jahres.

Ich habe mir seine Zeilen aus dem Heft herausgerissen und trage sie nun schon einige Wochen, fein säuberlich gefaltet, mit mir herum. Der Artikel trägt den Titel „Staatsreligion“, er ist illustriert mit zwei hübschen Damen vor einem knallroten, in der Sonne glänzenden 70er-Jahre-Porsche Carrera. Die Unterzeile aber lautet: „Die Deutschen liebten das Auto. Jetzt hassen sie es.“

Das bringt die Sache auf den Punkt: es findet gerade ein machtvoller Paradigmenwechsel statt, und natürlich lassen sich die Verhältnisse in Deutschland 1:1 auf Österreich übertragen. Vielleicht sogar auf ganz Europa. Das Auto – der Fetisch der Nachkriegsgeneration, das Symbol individueller Freiheit, die heilige Kuh des Durchschnittsbürgers – gerät aus der Mode. Wie der Marlboro-Mann. Oder das Vertrauen in Banken. Oder der Katholizismus.

„Der moderne Mensch macht sich nichts mehr aus Autos“, schreibt Matussek. „Außer er kann die der anderen verbieten.“ Es klingt weniger provokant denn resigniert. Überall Emissionshysteriker und grüne Wiedertäufer. Das neue Dogma laute: Umweltverträglichkeit, Car-Sharing, Elektromobilität oder wahlweise eine frischfröhliche Alle-aufs-Fahrrad!-Ideologie.

„Nennen wir es“, so steht’s im „Spiegel“ zu lesen, „die Religion der Selbstgerechten“. Dabei hat der Essayist noch nicht mal den aktuellen „Falter“ erblickt, der einen Grazer Stadtplaner mit dem Leitsatz „Zu Fuß gehen ist die elementare Logik der Stadt“ zitiert. Oder die peinlichen Querelen um die Wiener Mariahilferstrasse verfolgt. Oder gar einen Kaffee mit dem einstmals ketzerischen, heute längst tugendhaften Verkehrsexperten Professor Knoflacher („Das Auto ist ein Virus“) getrunken.

Zweifelsfrei ist, fragen Sie mal die Autohändler und Marketingkanonen der Pkw-Industrie!, der fahrbare Untersatz mit Verbrennungsmotor in die Defensive geraten. Und selbst boomende Modeerscheinungen wie die Spezies SUV (Statussymbol urbaner Vizeoberförster) zeigen ein Versagen der Chefetagen: Autos, zu fett, zu voluminös, zu dämlich für das 21. Jahrhundert.

Aber bevor nicht ein praktikabler, leistbarer, sinnvoller Ersatz für eine, sagen wir mal: fünfköpfige Familie mit Hund und Katz’ und einer Wohndistanz von acht Kilometern zum nächsten Supermarkt in Sichtweite ist, werde ich mich – bei aller Sympathie für neue Ideen – nicht umtaufen lassen. Religiöser Eifer war mir immer zuwider.

Buchhaltung

1. Dezember 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (239) Es mag immer noch gute Gründe geben, auf Ebooks zu verzichten. Besonders im Urlaub wiegen sie dann richtig schwer.

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Ich bin gerade auf Urlaub. Und einmal mehr ärgere ich mich darüber, dass der schwerste Teil des Gepäcks aus Büchern und Zeitschriften besteht. Sie machen einen halben Koffer voll, den ich quer durch Vietnam schleppe, von Ho-Chi-Minh-Stadt bis Hanoi und wieder zurück. Ja, ich mag Papier (wie ich an dieser Stelle schon mehrfach festgehalten habe). Aber ich schaue auch neugierig und ein wenig eifersüchtig über den Bücherrand, wenn sich am Hotelpool neben mir jemand mit einem Ebook-Reader auf die Liege fläzt.

Die Leute wirken ja nicht gerade unglücklich mit ihren taschenbuchgrossen Geräten, auf die sie leidlich entspannt starren. Im Gegenteil: gelegentlich scheint mir, sie werfen ihrem altmodischen Nachbarn leicht amüsierte Blicke zu, die mit jedem Augenaufschlag eine unterschwellige Aufforderung kommunizieren: trau’ Dich doch, es tut gar nicht weh!

Tatsächlich habe ich mich vor dem Abflug noch einen halben Tag lang in Wien herumgetrieben, weil ich ahnte, dass es so kommen würde. Und weil ich ernsthaft vorhatte, den Urlaub für einen Praxis-Test in Sachen Ebooks zu nutzen. Natürlich war das Rumlaufen schon ein Fehler: man recherchiert heute nicht mehr, welches das individuell beste Gerät ist, indem man die Begegnungszone MaHü der Länge und Breite nach durchmisst.

Jedenfalls konnte (oder wollte) man mir z.B. in der Buchhandelskette Thalia kein Exemplar des hochgelobten, aber nicht unumstrittenen Kindle Paperwhite zeigen, sondern nur die Hausmarke Tolino. Beim PC-Diskonter ein Stockwerk tiefer – ein Fremdkörper in einem Kulturkaufhaus, wenn Sie mich fragen – hat man zwar alle möglichen Tablets und überdimensionalen Smartphones, aber in Sachen Ebook-Reader seltsamerweise fast nichts im Angebot (außer Schutzhüllen für ein Gerät von Sony). Und wenn man dann alle Elektronikmärkte zwischen Westbahnhof und Zweierlinie abklappert, ist man auch kaum schlauer.

Was nervt, ist vor allem der Hinweis, man möge doch auf die Kompatibilität mit bestimmten Lieferanten und Textformaten achten. Weil da die Hardware-Hersteller und Verlage gern ihr eigenes Süppchen kochen.

Ja, kruzitürken!, meine Bücher sind alle zu 100 Prozent kompatibel mit meinen Sehorganen und Gehirnwindungen, ausser ich erwische vielleicht mal irrtümlich eine vietnamesische Ausgabe des neuen Romans von Thomas Glavinic. Aber ich ahne, dass sich diese trotzige Ausrede, letztlich doch ohne Ebook-Reader in den Urlaub abzurauschen und mit Tonnen von Papier um den halben Erdball zu fliegen, auf Dauer nicht wird halten lassen.

Bad News, Good News

23. November 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (238) Print ist tot? Das Retro-Technik-Magazin “Nemo” behauptet – eventuell insignifikant, aber nicht unsympathisch – das Gegenteil.

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„Jazz ist nicht tot, riecht aber schon komisch“ hat Frank Zappa einmal gemeint. Frank Who? Sie gestatten: es ist tatsächlich bitter, als alter Sack mit der Ignoranz nachrückender, jüngerer Generationen konfrontiert zu werden (was mir erst unlängst beim Tod von Lou Reed auffiel; zwar war Facebook voll von persönlichen Erinnerungen, aber unter die Postings mischten sich auch Stimmen, wer denn das überhaupt gewesen sei und warum man ihm huldige).

Nun wissen wir heute, dass der Jazz als Kunstform sehr wohl überlebt hat und ungebrochen seinen Freigeist in einer immer konformeren, formatierteren Welt behauptet. Und Frank Zappa – für die Teenies unter uns: das war ein bärtiger Mann, der seltsam verquere „Pop“-Musik komponierte – letztlich mit seinem subtilen Zynismus nicht recht behalten hat. Jedenfalls nicht ganz.

Vielleicht enthält diese Erkenntnis auch ein Quantum Trost für jene, die gerade an Bord alter Mediendampfer hocken und vom sicheren Ufer aus mit Schmährufen bedacht werden. Des Tenors, sie hätten die neuen Zeiten nicht verstanden und würden in „Holzmedien“ – damit sind Printprodukte gemeint, die traditionellerweise auf Papier gedruckt werden – dem sicheren Untergang entgegensegeln. Auftrieb erhielt die hämische und/oder ratlose Meute der Kommentatoren – darunter kurioserweise viele Journalisten – hierzulande erst diese Woche wieder, als von akuten Problemen des Magazins „News“ berichtet wurde. Mag sein, dass Boulevardblätter dieses Typs – Neuigkeiten zieht man längst minutenaktuell aus dem Internet – keine Zukunft haben.

Aber „Print ist tot!“ ist – so sehr dieser Weckruf das Management schon vor Jahren hätte wachrütteln müssen – generell eine banale, langweilige, zu simpel gestrickte Erkenntnis. Denn als Luxusartikel und sentimentale Objekte werden uns Zeitungen, Zeitschriften und Bücher locker noch für zwei, drei Generationen erhalten bleiben.

Es gibt auch good news für Papierfetischisten: nicht wenige Blätter haben in den letzten Jahren an Auflage und Lesern zugelegt (zuvorderst solche, die unverwechselbare Inhalte bieten). Und es gibt sogar Magazin-Neugründungen. Manche fallen gar in die Kategorie “Längst überfällig”.

Am Flughafen-Pressekiosk fiel mir erst unlängst ein solcher Erstling in die Hände: „Nemo“, ein Retro-Gadget-Magazin aus dem Hause Chip/Burda. Gewiss zielt „Nemo“ – Untertitel „Technik. Damals. Heute.“ – auf konservative männliche Jäger & Sammler. Es ist auch nicht unbedingt investigativer oder gar innovativer Journalismus, der hier geboten wird, eher leicht kauziges Nischen-Entertainment. Aber die Verquickung von launig-plakativen, doch präzise recherchierten Stories mit Emotionen und Erinnerungen der Leserschaft (etwa an den Sony Walkman, den Commodore C64 oder an die Marke Polaroid) ist ziemlich clever.

Und, sofern man keine Scheu davor hat, die Formel auch im Netz weiterzuspinnen, absolut zukunftsträchtig.

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