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Wir müssen nur wollen

3. Mai 2012

„Die edelste Nation unter allen Nationen ist die Resignation“, wusste schon Johann Nepomuk Nestroy. Der gibt heute einem österreichischen Theaterpreis den Namen. Wir wollen aber – einmal mehr – über den grössten Musikpreis des Landes sprechen. Den “Amadeus”. Und ein paar andere Sachen mehr.

Neulich war ich versucht, ein mail abzuschicken, das dem Titel dieser Blog-Site alle Ehre machen würde. Weil es nämlich an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig gelassen hätte. „Trefflicher lässt sich die Visions- und Mittellosigkeit eines Vereins kaum mehr demonstrieren“, stand in dem Elektropoststück (das ich dann, begleitet von einem resignativen Achselzucken, doch nicht abgeschickt habe), „als durch die Homepage, die als aktuellsten Eintrag „News“ vom November 2010 (!) ausweist. News, die dem erstaunten Besucher verkünden, eine neue Website sei „in der Fertigstellungsphase“.

Ich hatte mir dieses Mahnmal frappierender Untätigkeit angesehen, weil ich eine Einladung zur Mitgliederversammlung und zur Wahl eines neuen Vorstands erhalten hatte – und kurz die Regung verspürte, nachzuschauen, was denn überhaupt der selbstdefinierte Aufgabenbereich dieser Assoziation ist, für die ich jährlich einen (vergleichsweise geringen) Mitgliedsbeitrag löhne. Und wo sich soetwas wie eine Leistungsbilanz ablesen liesse. Aber da war weithin wenig zu finden. Zur Vereinssitzung bin ich dann gar nicht mehr hingegangen. Wozu auch? Immerhin konnte man auf Facebook bald danach die Namen und Mitglieder des neuen Vorstands nachlesen. Sie entsprachen weitgehend den Namen des alten Vorstands. Aber vielleicht packt die Damen und Herren ja nun der Ehrgeiz und sie entwickeln eine ganz frische, ungewohnte Dynamik. Die potentielle Agenda einer Interessensvertretung heimischer Indie-Labels würde diese anno 2012 allemal dringend benötigen.

Aber lassen wir das. Mit meiner kleinen Musikproduktion bin ich ja auch Mitglied eines zweiten, weit grösseren Vereins (mit einem deutlich höheren Mitgliedsbeitrag), der u.a. jährlich den „Amadeus“ veranstaltet. Dieser ist der grösste, aufmerksamkeitsstärkste und wichtigste Musikpreis des Landes – nicht zuletzt, weil er auch der einzige ist. Und, ja, ich finde es generell löblich, dass man sich der Sichtbarmachung und öffentlichen Wertigkeit von Musik annimmt. Jede Branche, die etwas auf sich hält, feiert sich einmal im Jahr selbst. Auch wenn’s natürlich eine sensible Sache ist, alle Partikularinteressen, unterschiedlichen Vorstellungen und individuellen Befindlichkeiten unter einen Hut zu bekommen. Der Charme des „Amadeus“, schrieb ich einmal an anderer Stelle (und vor vielen Jahren) sinngemäß, rührt daher, dass er es schafft, die verschiedenen Lager und Cliquen im Bereich der Musikproduktion legér zu versammeln und mit einer guten Portion Unterhaltungswert, Selbstironie und Schmäh zu präsentieren. Punktum. An diesem Standpunkt hat sich wenig geändert. Auch nicht durch das jährliche Deja-vú der Lektüre der „Standard“-Kritik.

Trotzdem fühlte ich mich am Abend des 1. Mai unwohler als sonst. Denn der Sinn und Impetus der Veranstaltung erscheint mir zunehmend hinterfragenswert. Zunächst einmal fiel (nicht nur mir) auf, dass z.B. die Kulturpolitik dieses Landes kaum vertreten war in den Zuschauerrängen. Kaum? Nein: gar nicht. Keine Ministerin Schmied, keine Kultursprecher diverser Parteien, nicht einmal Altpolitiker und Ex-Schizo-Punks wie etwa Franz Morak waren in den Rängen und Logen des Volkstheaters auszumachen.

Schade, denn immerhin wird derzeit in diesen Reihen eine branchenrelevante Debatte mit einer Vehemenz geführt, die bislang eher nicht auf der Tagesordnung stand. Und wo liessen sich z.B. trefflicher Lob oder Tadel zur politischen Willensbildung in Sachen Festplatten-Abgabe, Urheberrechts-Streit oder Kulturbudget anbringen, als im launigen Gespräch an der Bar bei der „Amadeus“-Aftershow-Party? Eventuell sogar mit Augenkontakt zwischen prominenten Künstlern, Interessensvertretern und Abgesandten aller Parteien (sogar, oh ja! der „Piraten“. Die sitzen demnächst auch im Hohen Haus.)? Natürlich kann solch ein Abend keine parlamentarische Enquete ersetzen und keine tiefergehende intellektuelle Diskussion. Aber so zu tun, als wäre alles eitel Wonne und als Kreativindustrie nicht einen Millimeter über kreative Kommunikation im Rahmen eines positiv aufgeladenen Events nachzudenken, enttäuscht doch. So blieb es den Burschen von 5/8erl in Ehr’n (Preisträger der undefinierbaren Kategorie „Jazz/World/Blues“) überlassen, auf das eine oder andere akute Problem hinzuweisen. Der Applaus dafür war ein denkwürdig kräftiger.

Der „Amadeus“ als unterhaltsamer Spiegel oder gar soetwas wie eine Leistungsschau der Branche bedürfte aber auch – bei allem Respekt für den verlässlichen und engagierten TV-Partner Puls 4 (danke dafür!) – dringend einer medialen Aufwertung. Natürlich sind die Presseausschnitte, die man als IFPI-Mitglied frei Haus geliefert bekommt, in ihrer Quantität repräsentabel. Aber besonders ernst genommen wird der Preis – unter uns – nicht. Tendenz weiter fallend. Der ORF etwa als grösste Medienorgel des Landes (und meines Wissens nachwievor ausgestattet mit einem „Kulturauftrag“) hält sich – mit der löblichen Ausnahme von FM4 – nun seit Jahren zurück. Dieser (Un-)Zustand muss endlich aufgebrochen werden. Wenn nicht auf diplomatischem Weg (sitzt nicht der IFPI-Generalsekretär zugleich im ORF-Stiftungsrat?), dann mit jenem Argument, das allseitig verstanden wird: Geld. Ich weiss schon: das fehlt an allen Ecken und Enden. Sowohl hie wie da. Aber Attraktivität ist zuvorderst eine Frage der Selbstbehauptung und Eigenermächtigung. Mit mangelnder Ambition wird man keine Sponsoren, Mitstreiter und Partner anziehen.

Und, ja, die sollte es sehr wohl geben. Musik ist ungebrochen die emotionalste und wirksamste Dicht-, Kleb- und Knetmasse im Marketing-Fach. Ich meine das nicht zynisch: jedes Unternehmen, das offensiv mit heimischen Tönen für sich und seine Produkte wirbt (und solchermassen auch in die Künstler, Studios, Labels usw. investiert), hätte einen Extra-„Amadeus“ verdient. Und man sollte über Auszeichnungen abseits reiner Künstler- und Interpreten-Ehrungen allemal nachdenken. Vorgeschlagen wurde es schon oft genug.

Man müsste halt wissen, was man will. Und es dann auch wirklich wollen. Wenn es bei diesem Preis aber nur mehr um eine milde Form der Selbstbestätigung oder gar Selbstberuhigung geht – frei nach dem Motto „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst“ –, dann kann man sich das alles natürlich sparen. Die sozial-kulturelle Geldschatulle zulassen. Und irgendwo eine lässige, weil vollkommen unangestrengte Underground-Party feiern. Zu der halt kommt, wer immer kommen mag. Und, nein, ich bin mir nicht sicher, dass ich als gelernter Österreicher die Sause dann demonstrativ schwänzen würde.

P.S.: Von wegen Wollen. Ich schreibe diese Zeilen in Papierform für das Magazin “Film, Sound & Media”. Es ist seit vielen Jahren das Fachmedium für die, nomen est omen, Musik-, Bewegtbild- und Radiobranche des Landes. Gemacht von einem durchaus engagierten Team. Okay, man kann darüber streiten, ob es nicht anders, besser, umfangreicher, kostengünstiger, gehaltvoller, unkritischer, anschmiegsamer oder kontroversieller laufen könnte mit solch einem Organ. Diese Debatte wird auch da und dort geführt, alle Jahre wieder, meist hinter vorgehaltener Hand. Und das, finde ich, sollte, könnte und müsste offener, ehrlicher und konstruktiver geschehen. Und konsequente Entscheidungen generieren. Denn Qualität kostet Geld. Der Wunsch, eine “eigene”, branchenaffine Fachzeitschrift zu haben, macht ja generell Sinn. Stichwort: Innen- und Außenwirkung. Man muss sich nur entscheiden, was genau man haben möchte. Zu welchem Zweck. Und zu welchem Preis. Und ob und wie man sich den leisten kann. Und will. Auch hier gilt: halbe Sachen bringen wenig bis nichts. Ganze Sachen bedürfen einer Vision, einem Gemeinsinn und klarer Entscheidungen. Wir müssen nur wollen.

Selbstbeschwichtigung mit Schwung

27. April 2012

Die „Musiknation Österreich“ feiert sich alljährlich mit ihren aktuellen Pop-Produktionen beim TV-Spektakel „Amadeus“ (am 1. Mai vor Ort im Volkstheater oder in Puls 4 zu sehen) selbst. Dabei gibt es nicht allzu viel zu bejubeln in der heimischen Musikbranche.

Haben Sie je etwas von einer Band namens „Herbstrock“ gehört? Wenn die Antwort „nein“ lautet, müssen Sie nicht extra ihr Gedächtnis trainieren. Herbstrock haben sich dieser Tage nämlich aufgelöst. Nach über zehnjähriger Existenz hat die Wiener Neustädter Formation mittels Pressemitteilung die Erkenntnis verbreitet, „dass es nicht mehr voran gehen kann.“ Ein erstaunlicher Kontrast zum Faktum, dass die Band gleich zweimal mit dem wichtigsten Preis der österreichischen Musikindustrie ausgezeichnet wurde: 2008 gewannen Herbstrock den „Amadeus Austrian Music Award“ in der Kategorie „Newcomer“, 2009 wurden sie für das „Album des Jahres“ geehrt. Nicht einmal zwei Jahre später wegen künstlerischer und kommerzieller Perspektivlosigkeit den Hut drauf zu hauen – ein Symptom für die gesamte Branche?

Nein, lautet die Antwort der IFPI, der Interessensvereinigung der heimischen (Major-)Tonträgerproduzenten. Denn „die Richtung stimmt“, wie Hannes Eder, IFPI-Präsident und Chef des international und national grössten Labels Universal, nicht müde wird zu betonen. Auch Kollege Philip Ginthör, der von Wien aus eine erstaunliche Karriere bei Sony Music gemacht hat und den gesamten deutschsprachigen Raum verantwortet, stösst via APA ins gleiche Horn: „Ich denke, dass wir inzwischen mit dem Mix aus digital und physisch eine kritische Masse erreicht haben. In Österreich legt der Onlinemarkt zum siebenten Mal in Folge zu. Das sind positive Impulse, die auch wieder zu Wachstum führen können.“ Die rituelle Beschwörung der Trendwende und neuer Geschäftsmodelle – strikt abseits individueller Künstlerschicksale – kann allerdings das kräftige Minus in der Gesamtbilanz nicht gänzlich camouflieren. 2011 wurden in Österreich rund 174 Millionen Euro mit Musik umgesetzt, macht ein Minus von 6,5 Prozent im Vergleich zum Jahr davor. Immerhin: damals hatte man noch einen Verlust von fast neun Prozent eingefahren.

Zum fast schon traditionellen Hoffnungsträger ist der Digitalsektor herangereift: mit legalen Downloads auf PC und Handies, Klingeltönen und neuen Streaming-Angeboten (“Deezer”, „Spotify“, „Simfy“ & Co.) verzeichnete man ein Plus von rund 14 Prozent bei einem Volumen von 24 Millionen Euro. Einen dicken Teil vom Kuchen holten für die heimischen Konzernfilialen von Universal und Sony lokale Komponisten und Interpreten: mit dem „Volks- Rock’n’Roller“ Andreas Gabalier und seinem ungleich authentischeren und sprachmächtigeren Kollegen Hubert von Goisern stellen die Dickschiffe der Branche auch die diesjährigen „Amadeus“-Abräumer. Omnipräsenten Retorten-Sellern wie den oberösterreichischen Songcontest-Vertretern Trackshittaz bietet man einmal mehr eine Bühne. Aber auch frische Kräfte wie Elektro Guzzi, Ja, Panik, Parov Stelar oder Dorian Concept dürfen sich Hoffnungen machen. Ludwig Hirsch („Dunkelgraue Lieder“) wird posthum für sein Lebenswerk geehrt.

Der „Amadeus“ selbst spiegelt die Krise und Zerrissenheit der Musikindustrie – realistisch betrachtet ist es eine mittelgrosse Import-Maschinerie, deren Österreich-Dependancen mehr und mehr zu Marketing- und PR-Büros degradiert werden – drastisch wider: 2011 fand eine Preisverleihung erst gar nicht statt. Nach langen Jahren des Schulterschlusses mit dem ORF, der sich aktuell einmal mehr unnobel zurückhält (offiziell aus „Kostengründen“), übt man sich in der IFPI-Zentrale nun in progressivem Pragmatismus. Einerseits will man den Medienpartnern Puls 4, T-Mobile und Ö-Ticket im Volkstheater eine zeitgeistige, selbstironische Show und Plattform bieten und bezieht daher die Independent-Szene beherzt ein. Andererseits hat der „Amadeus“ seine Hebelwirkung in punkto Absatzzahlen fast gänzlich verloren. Die Nachred’ hängt – auch das ein Sittenbild einer Selbstbeschwichtigungs-geübten Branche – vorrangig von der Qualität und Quantität der Cocktails ab, die bei der Aftershow-Party serviert werden. Gratis, eventuell aber auch umsonst.

Denn die eigentlichen Topics und Probleme werden, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt werden: vom aktuellen, brisanten Urheberrechts-Streit (besonders umfehdet: die Initiative „Kunst hat recht“) über die damit verbundenen Gesetzes-Vorstösse auf EU-Ebene (von ACTA bis IPRED), von der wegbrechenden Handelsstruktur für physische Tonträger, die zunehmende Personal- und Kompetenz-Ausdünnung bei den Unternehmen bis zum nachwievor beschämenden „Österreicher-Anteil“ in wichtigen öffentlich-rechtlichen Durchlauferhitzern wie Ö3, Radio Wien oder den dominierenden TV-Kanälen. Der mangelnde Wille, heimische Musik – deren Dichte, Originalität und Qualität kaum je höher war – respektvoll wahrzunehmen, kommerziell zu entwickeln und wirklich offensiv zu transportieren (eventuell auch über die Landesgrenzen hinaus), mündet in zunehmender Verzagtheit auf Label- und Künstlerseite. Eine Negativspirale, die mit Festivitäten, Fördergeldern und Presseaussendungen nur temporär gedämpft werden kann.

Ausnahmen bestätigen die Regeln im heimischen Musikgeschäft. Herbstrock gehören nicht mehr dazu. Auch wenn man auf der Ö3-Homepage wohl auf ewig nachlesen kann: „A star is born! Wieder eine neue österreichische Band, mit der es steil nach oben geht!“

Die Beislhur’, der erste Herzinfarkt und der letzte Fetzentandler von Wien

23. April 2012

Anmerkungen zur Wiederveröffentlichung zweier legendärer Peter Schleicher-Alben.

Vorweg muss ich gestehen, dass ich beide hier vorliegende Alben – „Hart auf hart“, erstmals erschienen 1979, und „Durch die Wand“, das Nachfolgewerk aus dem Jahr 1982 – zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung offensiv ignoriert habe. Zwar ist mir noch das Cover von „Hart auf hart“ in Erinnerung, dessen siebdruckhafte, schwarz-weisse Schlichtheit die Plakativität und Symbolkraft des zentral ins Bild gerückten Pflastersteins noch verstärkte. Aber eine Austropop-Version der Rolling Stones war so ziemlich das Letzte, wonach ein damals Unter-Zwanzig-Jähriger gierte.

In Österreich hatte gerade, mit der üblichen Verspätung, die Zeitenwende begonnen – hinter sich liess man die siebziger Jahre, die Ära von Glam & Glitter, Art Rock, Disco und lokaler, zumeist unbeholfener Adaptionen internationaler Rock’n’Roll-Vorlagen. Vor einem lagen die Achtziger, das Nachglühen des Punk, die hereinbrechende New Wave (samt der hiesigen Spielart, der Neuen Deutschen Welle), das rasante Vordringen der elektronischen Musik, die allerersten Spurenelemente von Rap und HipHop, Sampling und funktionaler Tanzmusik. Und Peter Schleicher schien’ mir, bei allem Respekt, doch eher ein Vertreter vergangener Konventionen und Werte zu sein als ein Mann, dem die Zukunft gehörte.

Einerseits hatte ich mit meiner juvenil-forschen Einschätzung nicht ganz unrecht, das zeigt – wirklich deutlich wird dies natürlich erst im Rückblick, aus einer zeitlichen Distanz von über dreissig Jahren – der weitere Karriereverlauf von Peter Schleicher. „Hart auf hart“ und „Durch die Wand“ blieben Ausnahmewerke, sowohl ihrem Inhalt nach als auch in punkto Verkaufszahlen. Andererseits galten beide Alben schon recht bald als „legendär“, und sie sind es auch noch heute. Dass ein Wiener Musiker und Sänger so konsequent, stimmig und originell das Schaffen der Herren Jagger und Richards in die Alpenrepublik transferierte, mit einem Augenzwinkern ausstaffierte und mit jeder Menge Lokalkolorit versah, passierte ja nicht alle Tage. Zwar hatten hierzulande schon in den sechziger Jahren „The Vienna Beatles“ den originalen Pilzköpfen aus Liverpool nachgeeifert, später Wolfgang Ambros Bob Dylan ins Wienerische übersetzt („Wie im Schlaf“) und der eine oder andere Austropop- Lokalheroe das eine oder andere Liedlein aus dem Ausland importiert, adaptiert und exekutiert, aber dieses Kalkül hatte so ungeniert noch niemand gezogen. Und ohne Umwege umgesetzt.

Und, ja, es war ein Kalkül. Und zwar nicht jenes von Peter Schleicher. Sondern das seiner Plattenfirma WEA in Gestalt des damaligen Wiener Geschäftsführers Gunter Zitta. Der hatte zuvor bei der Bellaphon gesehen, dass sich mit derbem Zungenschlag und zärtlich-präziser, weil unendlicher Schattierungsfreude mächtiger Mundart ein schönes Geschäft machen liess. Sein Star hiess Wolfgang Ambros. Er hatte den „Urvater des Austropop“ (ein Etikett, gegen das sich Ambros noch heute verbissen wehrt) dem „Atom“-Label, einem Imprint der Schallplattenfirma Amadeo/Polydor – heute Universal – abspenstig gemacht. Und „Wie im Schlaf“, die Übersetzung einiger Songs von Bob Dylan ins Wienerische, hatte Ambros den überraschenden Durchbruch immerhin in Deutschland gebracht. Da ging noch was. Zufälligerweise hatte der Organist von Wolfgang Ambros – erraten: Peter Schleicher – gerade nach Unstimmigkeiten die Band der „Nummer eins vom Wienerwald“ verlassen. Und schien reif für eine eigene Karriere. Was lag näher, als ihm die Adaption des Ouevres der Rollings Stones anzutragen?

„Ich habe das als Job betrachtet“, erzählt Peter Schleicher heute. „Meine Idee war es jedenfalls nicht.“ Wie immer auch: man kann Jobs besser oder schlechter erledigen. Oder exzellent. Das Projekt „Peter Schleicher singt Rolling Stones“, das die nächsten Jahre prägen sollte, darf jedenfalls mit letzterem Prädikat bedacht werden. Auch wenn sich der Übersetzer z.B. weigerte, dem bekanntesten aller Stones-Songs, „Satisfaction“, nahezutreten. Die recht explizite „Beislhur’“, im Original „Honky Tonk Women“, geriet umgehend zum Ö3-Hit, ein aus heutiger Sicht – der strikt durchformatierte, stromlinienförmige Sender lässt heute nur mehr in Ausnahmefällen Dialekt erklingen – erstaunliches Phänomen. Aus „Play With Fire“ wurde „Roll’ mi net“, aus „Jumpin’ Jack Flash“ der „letzte Fetzentandler von Wien“, aus dem „Street Fighting Man“ der „Köch“, ein der tiefsten Seele des Wiener Dialekts entsprungenes Synonym für Ungemach, Wickel, kämpferische Auseinandersetzung, Streit. Es war und ist eben keine Wort-für-Wort-Übersetzung. Schleicher transponierte, transferierte und textete, wie ihm der Schnabel gewachsen war und wonach ihm der Kopf stand. Und es war gut. Es war sogar so gut, dass die Legende vermeldet, dass sich selbst Charlie Watts sachte erkundigt haben soll „What the hell is a Beislhur’?“

Das lässt sich rasch beantworten. Wer aber ist Peter Schleicher? 1945 geboren, gründete der von Internatserziehung und Malaria-Experimenten gepeinigte Nachwuchsmusiker 1967 The Clan, gemeinsam mit dem später zu Ruhm und Ehre gelangten Schauspieler und Sänger Ludwig Hirsch („Dunkelgraue Lieder“) und dem Gitarristen Helmut Novak, der Mitte der siebziger Jahre gemeinsam mit dem Keyboarder Schleicher zu Wolfgang Ambros stossen sollte. Zuvor betrieben beide aber noch die Soul-Rock-Band Plastic Drug, zu der auch Hansi Lang (voc) und die Wiener Lokal-Legende Uzzi Förster (sax) zählten. Von Plastic Drug existieren leider keine Aufnahmen (oder nur Bruchstücke einzelner Titel), von Schleichers knapp drei Jahren im Solde von Wolfgang Ambros ist vieles gut dokumentiert.

Das Zerwürfnis der beiden – Schleicher bestieg eines Tages einfach nicht mehr den Tourbus – hatte unzweifelhaft mit den kargen ökonomischen Bedingungen jener Tage zu tun. Zwar resultierte der Überraschungserfolg von „Hart auf hart“ auch in probaten Gastspiel- und Auftrittsangeboten, Schleicher entfernte sich aber ab Anfang der achtziger Jahre – eventuell unterfüttert durch eine zunehmend alkoholgetränkte Lethargie – mehr und mehr vom Rock’n’Roll-Business. „Mitgespielt hat auch, dass die Plattenfirma meine eigenen Songs nicht mochte.“, erinnert sich Schleicher. „Sie sind zwar unter dem Titel „Fifty-fifty (Wiener Geschichten)“ herausgekommen, gingen aber ziemlich unter.“

Was blieb, war der rote Faden Rolling Stones. Mit bekannten Musikern wie Harri Stojka, Mischa Krausz, Alex Mikulicz, „Bummi“ Fian, Lee Harper u.a.m. hatte Schleicher fähige Mitstreiter im Studio und auch live. A&R-Manager Jeff Maxian sang im Chor. „Durch die Wand“, 1982 – versehen mit einem nicht unauffälligen Covermotiv des Grafikers Manfred Deix – war eine folgerichtige Fortsetzung, aber nicht mehr der ganz grosse Erfolg. Hatte es damit zu tun, dass eine neue Generation von Ö3-Redakteuren – darunter meine Wenigkeit – das Projekt dem längst verwehten Zeitgeist der Siebziger zuschrieb? Oder doch eher mit der nachlassenden
Verve der Record Company?

Mit „Steinzeit“ (1994) und „Rotz & Wasser“ (1998, „Stones zum Hausgebrauch“) erschienen auf Kleinlabels weitere Bearbeitungen und Neuauflagen früherer Versionen, erstere sogar einmalig mit Mick Taylor als prominentem Gast an der Gitarre. Sie blieben Marginalien, sind aber von Rolling Stones-Sammlern im deutschsprachigen Raum nachwievor sehr gesucht. Schleicher, zwischenzeitlich fünffacher Vater geworden, bestritt seinen Lebensunterhalt als Importeur von Booten und Schiffen vornehmlich aus den USA, bevor er wieder zu den Ursprüngen zurückfand. Musical-Produktionen in Wien, Bad Ischl und Berlin waren teils erfolgreich, teils folgenreich, weil finanziell desaströs. Heute hat der eingefleischte Musiker wieder eine Band (Schleicher: „Die beste und angenehmste, die ich je hatte“) um sich geschart und tritt live mit zunehmender Frequenz und Resonanz auf. Natürlich nicht ohne die berühmten Stones-Versionen. Reanimiert, verschärft, frisch bearbeitet.

Dabei haben die alten Stücke, hört man sie heute wieder, kaum Moos angesetzt. „Da Köch“ zum Beispiel ist brisanter denn je. Einmal geht’s noch, lieber Peter Schleicher. Mindestens.

Hart auf hart / Durch die Wand“ erscheint am 23.04.2012 bei Bear Family Records / Lotus.

Audiatur et altera pars

22. März 2012

„Kunst hat Recht“ versus „Kunst gegen Überwachung“ – der lokale, verbissene Zweikampf rund um das Urheberrecht 2.0 interessierte kaum jemanden. Bis der gesamte Themenkomplex, Stichwort “ACTA”, explosionsartig europaweit hochkochte.

Ich plaudere ja gern – man wird nicht umsonst Kolumnist – aus dem Nähkästchen. Andererseits muss ich mich davor hüten, als notorischer Krypto-Journalist, Geheimnisverräter und Nestbeschmutzer zu gelten. Natürlich wäre derlei in fast allen Fällen ein an den sprichwörtlichen Haaren herbeigezogener Vorwurf, aber die subjektiven Sensibilitäten sind oft gerade dort besonders ausgeprägt, wo man’s am allerwenigsten vermutet.

Wenn ich Ihnen z.B. erzähle, dass in einer Generalversammlung der österreichischen IFPI – der Denker- und Lenkerrunde der angeblich so mächtigen Musikindustrie – noch nie das Thema „ACTA“ erörtert wurde, löst das den Dritten Weltkrieg aus? Oder bleibt es bei ungläubigem Kopfschütteln? Tatsächlich erscheint es mir im Nachhinein ziemlich, hm, frappant, bei den halbjährlichen IFPI-Meetings (an denen ich als Betreiber eines kleinen Indie-Labels teilnehme) zwar regelmässig launige Bootleg-Vernichtungs-Videos, öde Wahlgänge und das eine oder andere Schinkenbrötchen serviert zu bekommen, aber keinerlei Diskussionbeiträge zu Themen, die die Branche wirklich durchschütteln. Und wachrütteln. Sollten (es bleibt routinemässig beim Konjunktiv).

Ganz umsonst können ja die letzten noch am Spielfeld verbliebenen Majors, die die IFPI selbstverständlich beherrschen, nicht als Gott-sei-bei-uns all der Robin Hoods 2.0, Politaktivisten und Guy Fawkes-Maskenträger gelten, oder? Vielleicht werden die Argumentationslinien und Zukunftsstrategien und Vernetzungsmöglichkeiten im Kampf gegen die Raubkopierer dieses Planeten hinter verschlossenen Türen ausgetüftelt – in der hiesigen Sektion der International Federation of the Phonografic Industry jedenfalls nicht. Oder nur dann, wenn ich nicht mit am Tisch sitze. Verständlich: wer will den grossen Masterplan, der gewiss in einem grandiosen Showdown und unabdingbaren Endsieg über die digitale Hydra mündet, schon vorab in „Film, Sound & Media“ ausgebreitet wissen?

Spass beiseite. Denn eigentlich nehme ich hier die falsche Gruppe auf’s Korn. Nicht die IFPI ist es, die dieser Tage „Kunst hat Recht“ verkündet, sondern es sind die Urheberrechts- und Verwertungsgesellschaften des Landes. Diese „Initiative für das Recht auf geistiges Eigentum“ – ihre Existenz und vielfältigen Aktivitäten werden Ihnen gewiss nicht entgangen sein – wird zudem von vielen weiteren Organisationen getragen, von der „Grazer AutorInnen Versammlung“ bis zum „Verband Filmregie Österreich“, insgesamt vierundzwanzig an der Zahl. Am alleraktivsten erscheint mir der Autor Gerhard Ruiss, den ich schon in einem halben Dutzend Podiumsdiskussionen das Wort ergreifen gesehen habe. Durchaus engagiert und wortgewaltig, wie es sich für einen gestandenen Literaten und Interessensvertreter gehört.

Sie merken schon: die Thematik – im weitesten Sinn die Verteidigung tradierter Verhältnisse im Wandel der digitalen Revolution – interessiert mich. Sehr sogar. Schon berufsbedingt. Also schaue ich mir all die Podiumsdiskussionen, die wie Pilze aus dem regenfeuchten Waldboden schiessen, auch an. Oder zumindest einen guten Teil davon (die personelle Besetzung und die Dramaturgie ähneln einander oft, nach einer gewissen Zeit wird man der Inszenierung tendenziell überdrüssig). Wie wäre es, auch einmal InitiatorInnen der Aktion wie Anja Franziska Plasch („Soap&Skin“), Willi Resetarits, Danny Krausz oder den Essayisten und Kritiker Karl-Markus Gauß vor den Vorhang zu bitten? Augenscheinlich sind es ja Künstler und Kreative, die man hier im ureigensten Interesse für sich sprechen lassen will. Und damit das alles nicht aus dem Ruder läuft, lässt man den Aktionismus von der PR-Company The Skills Group durchdenken, betreuen und abwickeln. Bemüht, brav, bieder. Und wenig breitenwirksam.

Bis „ACTA“ kam. War/ist die zeitliche Koinzidenz ein Zufall? Wie immer auch: plötzlich war das spröde Thema „Urheberrechte im 21. Jahrhundert“ ein heisses. Ein ultraheisses. So brisant, dass es sich in den TV-Nachrichten und Print-Schlagzeilen wiederfand, die Initialzündung für europaweite Demonstrationen lieferte und Parlamentarier in einem Dutzend Länder Distanz von ihren eigenen Entscheidungen nehmen liess. Ein multinationales Vertragswerk, das seit Jahren hinter gut gepolsterten Türen verhandelt wird und Copyrights festigen helfen soll, wurde zum Politikum. Und die kleine, unschuldige (um nicht zu sagen: naive) Initiative „Kunst hat Recht“ geriet umgehend in die – faktische und moralische – Geiselhaft des ungleich grösseren Themas „ACTA“.

Ist die Welt gerecht? Plötzlich mussten und müssen nämlich Gerhard Ruiss & Co. erklären, wie sie’s denn mit der faktischen Durchsetzbarkeit des Urheberrechts und (das interessiert die IFPI gewiss brennender) aller damit verbundenen Leistungsschutzrechte in Zukunft tatsächlich halten wollen… Strikte Kontrolle des Datenverkehrs? Haftbarmachung der Provider? Exekutive Ahndung (z.B. „Three Strikes“) bei Regelverstössen? Einschränkung oder Ausbau kollektiver Abgabemodelle? Das ist nämlich des Pudels Kern: entweder – oder. Oder auch nicht. Recht, das nicht in Anspruch genommen werden kann oder soll, ist jedenfalls relativ nutzlos. Oder, klarer formuliert: Recht, das nicht durchgesetzt wird (eventuell, weil es sich technisch, gesellschaftlich, politisch nicht durchsetzen lässt), ist totes Recht. Und sich hier um Antworten herumzudrücken, kann auf Dauer nicht gelingen.

Natürlich riefen die systemimmanenten Widersprüche sofort die Kritiker, Verschwörungstheoretiker und Spötter auf den Plan. „Kunst hat Recht“ wurde z.B. auf Facebook umgehend von einer Gegeninitiative namens „Kunst gegen Überwachung“ konterkariert. Die einen halten aktuell bei 1263 Freunden, die anderen bei 419 Unterstützern (beides ziemlich schwach, wenn sie mich fragen). Aber ein Gutes hat die solchermassen forcierte Debatte: sie ist erstmals wirklich eröffnet. Audiatur et altera pars! Sofern man sich nicht hinter ideologischen Mauern verschanzt und gewillt ist, wirklich etwas für Urheber und ihre Rechte zu tun. Und ihre Zukunft. Und ihre selbstgewählten Business-Strukturen. Unter uns: die Kreativen, die von ihrer Kreativität auch wirklich leben wollen, dürsten danach. Dringend.

Die fortgesetzten „ACTA“-Aktivitäten pro und contra werden auch die versammelte Politik und Bürokratie die Angelegenheit nicht rasch ad acta legen lassen können. Und „Kunst hat Recht“ sollte nicht nur raschest die eigenen Argumente und Positionen nachschärfen, sondern auch einen Stosseufzer des Dankes ausstossen dafür.

Die Unerträglichkeit der Makellosigkeit

20. Februar 2012

Es gibt eine Schnittmenge von Kunst und Leben, von Schönheit und Wirkungsmacht, von Pop und Propaganda. Sie sollte über Radiowellen kommunizierbar sein. Anmerkungen zu “We All Yell”, dem Debutalbum der Wiener Band GIANTREE.

Es gibt einen Moment auf diesem Album – und wir nehmen gleich vorweg, dass es das beste Pop-Album in und aus Österreich ist, das Sie in diesem Jahr zu hören bekommen werden –, da verschießen Giantree einen aufgelegten Elfmeter. Verschenken einen potentiellen Hit. Lassen eventuell die Feinspitze jubeln, aber die Ö3-Musikredaktion wieder einmal hängen. Das ist der Moment, wo Track 8 („SmilingDrowningLaughingCrawling“) nach zweiminütigem, unbeirrtem, unbeirrbaren Vorwärtspreschen plötzlich alles fallen und stehen lässt. Wo eine zwingende Hookline in eine gläserne, unwirkliche Slow Motion-Starre übergeht. Wo gerade mal ein wenig Klaviergeklimper den unendlichen Hallraum füllt. Wo ein Bruch stattfindet, wo ihn keiner erwartet hätte. Jedenfalls kein Hitradio-Programmchef. Und das, meine Damen und Herren, ist Ambition. Eventuell sogar Kunst. Große Kunst. Jedenfalls alles andere als stromgeladene Stromlinienförmigkeit.

Aber keine Sorge: „Alternative Mainstream“-Klischees von Brüchigkeit, LoFi-Ästhetik und L’art pour l’art-Notwendigkeiten (hinter denen sich nicht selten Unbeholfenheit, Rat- und Richtungslosigkeit verbergen) erfüllt „We All Yell“ weniger. Dieses Album ist purer Pop. Und deswegen, weil dieser Drang nach dem perfekten dreiminütigen Kunstwerk so selten geworden ist, eine willkommene Ausnahmeerscheinung. Giantree haben für jeden Hit, den sie selbst knapp vor dem Einschlag noch eine elegante, unbedingt gewollte, künstlerisch notwendige Kurve kratzen lassen, zwei weitere Hits in petto. Die dann diesen Umweg nicht nehmen. Und mitten ins Herz treffen. Kategorisch. Punktgenau. Und die auf einem anderen Planeten, in einer idealen Welt in jedem Radio, dessen Propaganda-Material Pop, Pop, Pop ist und nichts anderes, rauf und runter laufen müssten, tagaus, tagein. Und erst recht die ganze Nacht hindurch.

Ja, „We All Yell“ ist wirklich so gut geworden. Beinahe beängstigend gut. Dabei handelt es sich um ein Debutalbum. Einen Erstling. Auch wenn die Band, Giantree, eine Vorgeschichte hat. Die heute unter „Erfahrungsammeln“ archiviert werden darf (und gleich wieder vergessen). Die Geschichte beginnt im Jahre 2010. Eine erste EP unter dem Namen Giantree erscheint. Zum Kern um das Brüderpaar Roland und Hele Maurer findet – über ein Kurzfilmprojekt – die Publizistik-Studentin Ada Joachimsthaler zur Band und schließlich zum Synthesizer und zum Mikrofon. Franziska Kleinschmidt, Studentin an der Angewandten, stösst aus Deutschland und via Inserat zum Bass vor, der Studiobetreiber Konstantin Spork kommt als Studienkollege Roland Maurers an Bord und spielt Schlagzeug. Team komplett.

Eine Akustik-Tour durch alle Bezirke Berlins festigt den frisch zusammengewürfelten Haufen. „Time Loops“ und „Communicate“ entstehen, erste Single-Titel samt Videos (und befreundeten Schauspielern wie Sabrina Reiter und Michael Fuith). Die Radios springen umgehend darauf an – von FM4 in Wien über SoundPortal in Graz bis Radio Fritz in Berlin. Und diese Songs sind es auch, die man kennt. Weil sie z.B. in den FM4 Charts ganz an die Spitze vordringen (was Ö3 nicht stutzig machen sollte, wirklich nicht). Weil sie bei den Live-Konzerten mittlerweile begeistert mitgesungen werden. Weil sie das Potential, das ihnen innewohnt, – Ohrwürmer zu sein – schamlos ausreizen. Was auch „Life Was Young“ gelingen dürfte. „Cobwebbed & Frayed“. „Cascade“. Oder „Nord Rhodes“. Oder… Es gibt hier jede Menge Edelsteine zu entdecken. Sie sind nicht ungeschliffen. Eben nicht. Im Gegenteil.

Die Texte sind dito nicht nebensächlich. Es geht – klarerweise – um existentielle Fragen. Liebe (glücklich/unglücklich), Kommunikation, Tod, Gegenwarts- und Zukunftsängste, Fehleinschätzungen, Nähe und Fernweh, ein ewiges Auf-und-Ab, ein notwendiges Loslassen-Können. Um einen Anfang und ein Ende. Aber wozu druckt man heute noch Booklets und Lyric Sheets, wenn nicht, um dringend Gelegenheiten zur Eigeninterpretation offen zu lassen?

Es gibt übrigens auch ruhige Momente auf „We All Yell“, Interludes, die das Hit-Stakkato in all seiner bestürzenden Makellosigkeit, juvenilen Farbenpracht und ungestümen Opulenz, beinahe ist man versucht zu schreiben: erträglicher machen. Aber dann setzt wieder dieser markante Bass ein, ein Wall von Synthesizern oder auch nur ein atmosphärischer Layer, diese luftige, souveräne Gitarre, die leicht rauhe, selbstbewusste Stimme von Hele Maurer. „Filled with an ocean able to take / ready to give I’m awake…“

Mehr gibt es im Augenblick nicht zu sagen. Wir scheuen nicht davor zurück, es nochmals zu sagen. Außer, vielleicht: es wird die Welt niederreißen. Es wird groß werden. Es wird der Anfang von allem gewesen sein. Das ist die Botschaft, die Dringlichkeit, die Kraft von Pop. Das ist die Botschaft, die Dringlichkeit, die Mission von Giantree. Das ist „We All Yell“.

(Das Album erscheint am 23.03.2012 bei monkey./Rough Trade. Eine Möglichkeit, es zu hören, gibt es schon vorab – hier.)

Sündenfall Sido

1. Februar 2012

Sieh’ einer an: der ORF hievt Populärkultur, Musik, Jugend ins Programm. Spätnächtens. Aber immerhin. Doch war Sidos „Blockstars“ nicht bloß ein zwiespältiges, zynisches – oder, schlimmer, „gut gemeintes“ – Laientheaterspektakel? Eine Nachbetrachtung.

Diese Kolumne wird einigen nicht schmecken. Denen, die zu gern ein bisserl Reibach gemacht hätten. Mit einer vorgeblich guten Sache. Denen, die legér die Karriere vorantreiben wollten. Mit einem denkwürdigen, unkonventionellen Überraschungserfolg. Und zuvorderst demjenigen, der meinte, die Quadratur des Kreises schaffen zu können: strikten, annähernd aggressiven Kommerz gepaart mit Würde, Anstand, guter Musik und pädagogischem Mehrwert. Dieser Mann heisst Sido.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen Paul Hartmut Würdig. Alias Sido. Wirklich kennen (nein, auch das wäre übertrieben) tu’ ich nur die Kunstfigur. Den ehemaligen Maskenmann. Den selbstbewussten HipHopper. Den Star namens Sido. Und, ja, er hat einen gewissen Schmäh. Einen pointierten Witz (wenn auch nicht ohne Ausrutscher). Und eine, hm, erstaunlich vertrauenserweckende, kompetente Gelassenheit. Man könnte meinen, die weniger vertrauenerweckenden, klar kompetenzärmeren, um nicht zu sagen: ingesamt fragwürdigeren Typen in der ORF-Show „Blockstars“ hätten tatsächlich einen Mentor, einen Anwalt, eine Vaterfigur gefunden. Einen, der sie nicht nur verbal „rausholt aus der Scheisse“, sondern ihnen wirklich eine Perspektive gibt. Sido „macht Band“, bekanntlich (und sagen Sie bloss nicht, Sie hätten keine einzige Folge gesehen!). Nein, nicht nur „Band“, sondern Stars. „Blockstars“. Die stehen nun – surprise, surprise! – bei Universal unter Vertrag. Wenn diese Zeilen erscheinen, ist die TV-Kiste Geschichte. Und die Charts werden zeigen, ob das Publikum über das Fernsehflimmern hinaus Bock hat auf Zirkusdirektor Sido & seine Underdog-Truppe.

Ich wage eine Prognose: der Erfolg wird überschaubar sein. Die ORF-Medienforschung wies schon zum Ende der Serie hin eher unterdurchschnittliche Zahlen für „Blockstars“ aus. Und die Kritik konnte sich nie wirklich anfreunden mit dem Scripted Reality-Konzept. Es gab sogar Feinspitze, die meinten, damit wäre einmal mehr das Terrain trittsicherer öffentlich-rechtlicher Unterhaltung verlassen worden – aber diese Debatte ist längst abgelöst durch den nächsten lauwarmen Skandal und allerlei Provokations-Häppchen mehr aus dem Denkerstübchen am Küniglberg (aktuell fordert z.B. Niki Lauda eine ORF-Totalreform, weil Porno-Queen Dolly Buster bei den „Dancing Stars“ antanzt. Hat auch einen gewissen Unterhaltungswert.)

Wenn aber – die Entwicklungsabteilung des Senders wird das wütend dementieren – „Blockstars“ hauptsächlich, wenn nicht ausschliesslich der Quote wegen inszeniert wurde, dann ist es schon ein ordentlicher Flop, den man da hingelegt hat. Da gibt es nichts daran zu deuteln. Oder zu beschönigen. Ganz abgesehen von der brisanten sozialen Verantwortung, die sich Sido, Universal und der Österreichische Rundfunk aufgehalst haben – wie lange wird es dauern, bis die „Blockstars“ und ihre Protagonisten ihre 15 Minuten Ruhm ausgekostet haben und in der – Achtung, Doppeldeutigkeit! – Depression verschwunden sind? –, hat man unfreiwillig offengelegt, dass „gut gemeint“ ungebrochen das Gegenteil von „gut“ meint. Und Geld genug da ist für aufwändige Reality-Inszenierungen mit „authentischer“ Tonspur – eine Tatsache, die man sonst gerne nachdrücklich leugnet –, man aber nicht im Traum daran denkt, dieses in die Erkundung und Dramatisierung der High Potentials der hiesigen HipHop-, Pop- und Kultur-Landschaft zu stecken.

Ich bin ja neugierig darauf, schrieb ich vor einigen Wochen (noch vor Start der Sendung) im „Falter“, wie Sido, um soetwas wie Restglaubwürdigkeit beim kritischeren Teil seines Publikums und in der Szene zu behalten, erfolgreiche österreichische Acts wie Texta (samt „Kabinenparty“-Heroe Skero), Nazar, MaDoppelT oder Sua Kaan in das Blockmalzmännchen-Universum einbaut. Was er unter „Hip Pop“ – ein Genre-Widerspruch in sich – versteht. Wie YouTube-Lokalkaiser Moneyboy auf die ORF-Konkurrenz reagiert. Oder was die Spassguerilla namens Die Vamummtn dazu sagt (oder, entschiedener, rappt). Sie wurden eh konsequent links liegen gelassen.

All den genannten Acts hätte man in einem Sender auf der Höhe der Zeit längst Sendezeit galore eingeräumt. Im ORF ist’s ein ewiger Konjunktiv. Offensichtlich hat man sich vom Gedanken, dass das Medium Fernsehen mit Musik unspekulativ, aber aufmerksam, liebevoll und entdeckungsfreudig umgehen könnte (etwa durch schlichte journalistische Berichterstattung), schon weitgehend verabschiedet. Fernsehmacher interessiert sich für Quoten, Budgets und den Menüplan in der ORF-Kantine. Und nicht für Musik. Für Musiker. Für „den Nachwuchs“, den „kreativen Untergrund“ oder gar die tatsächlich boomende lokale Szene. Allen Lippenbekenntnissen zum Trotz. Das junge Publikum hat sich mittlerweile eh weitgehend in die wilden Weiten des Web verabschiedet. „Blockstars“ wird daran, auch das eine Prognose, nichts ändern. Sondern nur die fatalistische, faule, falsche Meinung der Programmverantwortlichen einbetonieren, mit HipHop oder gar Pop im weitesten Sinn wäre partout kein Hund hinterm Ofen hervorzuholen.

Ultimativer Zynismus steckt aber in der Vorspiegelung einer möglichen Selbstbefreiung aus der individuellen Misere mit dem Hebel eines funktionierenden Musikmarkts. Das ist ein schlechter Witz. Für Sido mag der Markt (allerdings zu 90 Prozent der deutsche Markt) ja noch einiges hergeben. Letzlich lebt er aber inzwischen besser von TV-Konzepten (aktuell zu 90 Prozent von in Österreich realisierten). Ein cleverer Geschäftsmann, der Kerl. Für die seiner Obhut anvertrauten Schicksale, die ein Pop-Amalgam weitgehend ungeachtet wirklichen Talents mit HipHop-Flavour und „Street Credibility“ aufladen dürfen, werden schon mittelfristig nur Brösel und Brotkrumen bleiben.

Das Absurde ist: an der Nicht-Existenz eines einschlägigen lokalen Marktes ist grösstenteils der ORF schuld. Ö3 hat in den Neunzigern und Nuller-Jahren HipHop komplett verschlafen, insbesondere deutschsprachigen (und ich weiss, wovon ich schreibe). Und das Fernsehen war und ist eine Katastrophenzone, was aktuelle Populärkultur betrifft. Würde nur ein Bruchteil der Aufmerksamkeit und des Geldes, das Formate wie „Blockstars“, „Helden von morgen“ oder „Starmania“ kosten, in die hiesige Szene gesteckt, gäbe es lokale Stars und Business-Strukturen (von denen wieder der ORF profitieren könnte).

So aber bleibt Texta & Co. ewig nur das Minderheiten-Reservat FM4, während Ö3 Sido und seiner Truppe eine „Perspektive“ bietet, indem man ihnen á priori einen Platz in der Eurovisions-Songcontest-Vorauswahl reserviert. Das ist lächerlich, das ist traurig, das ist vollkommen falsch gedacht.

Solides Holz

17. Januar 2012

Von der Rückkehr zum Mäzenatentum, der Ungeliebtheit des Schönklangs und gerade mal einer Handvoll Facebook-Freunde: col legno, ein kleines Wiener Avantgarde-Label, als Zerrspiegel der grossen Musikindustrie.

Das Firmenschild der Tonmanufaktur gibt einen ersten Hinweis. Denn „col legno“, einen Ausdruck aus dem Italienischen, muss ein Bildungsbürger des 21. Jahrhunderts zumeist erst nachschlagen. Um ihn hinfort als Signal einer besonders ausgeprägten „sophistication“ zu verstehen. „Col legno“ bedeutet „mit dem Holz“. Und bezeichnet in der Sprache der Musiker eine Anweisung beim Spiel der Streichinstrumente, etwas exzentrisch, jedenfalls abseits aller Routine. Dabei dreht man den Bogen um und regt die Saiten mit der Bogenstange zum Schwingen an, „col legno tratto“. Oder man schlägt sie mit dem Holz des Bogens, auch „col legno battuto“ genannt. „Viele Spieler verweigern jedoch die Ausführung dieser Strichart“, verrät Wikipedia, „oder legen sich einen Zweitbogen zu, da bei dieser Technik das Holz der Bogenstange zu Schaden kommen kann.“ Die Beendigung der Komponisten-Anweisung, die seit dem 17. Jahrhundert bekannt ist, aber erst dreihundert Jahre später wirklich in Mode kam, tritt durch „coll’arco“ ein.

Beim Objekt unserer Betrachtung ist ein Ende nicht in Sicht. Im Gegenteil. Betritt man das kleine, karge, aber stimmungsvolle Büro im mittelalterlichen Heiligenkreuzerhof in der Wiener Innenstadt, schlägt einem Tatendrang und Optimismus entgegen. Das ist in Zeiten, wo Schmalhans Küchenmeister ist – und in der Musikindustrie ist er es seit einem guten Jahrzehnt –, schon aussergewöhnlich. In etwa so extraordinär, wie es das Programm des Labels mit dem ausgesuchten Firmennamen: col legno widmet sich der Neuen Musik. Der modernen Klassik. Oder auch den Klangwelten früherer Jahrhunderte in ungewohnten Zugängen und aufregenden Interpretationen. Dafür stehen Namen wie Wolfgang Rihm, Luigi Nono, Arnold Schönberg, Edgar Varèse oder auch, letztere fast schon Pop-Jünglinge in diesem Kontext, Wolfgang Mitterer, Peter Herbert oder Patrick Pulsinger. Es ist, man darf das mit intellektueller Gelassenheit sagen, ein Minderheitenprogramm. Auf die ökonomischen Aspekte kommen wir noch zu sprechen.

Soviel vorweg: die „Schubertlieder“ von Franui sind der Renner des Avantgarde-Labels. Mit über sechstausend weltweit abgesetzten CDs ragen sie als einsame Verkaufsspitze aus dem Katalog. Viele weitere Titel schaffen kein Zehntel davon. Vielleicht liegt es daran, dass die Schubert-Interpretationen der Osttiroler Neutöner „ein Befreiungsschlag“ sind, wie es der „Weltwoche“-Kritiker Thomas Wördehoff formulierte. „Sie befreien die Lieder des jungen Komponisten aus der fast zweihundertjährigen Gefangenschaft, in der sie von wechselnden Kennern mit unfroher Strenge bewacht wurden. Franui führen uns in die überfüllten Beisln, in denen Schubert trotz Alkohol, Tabak, Lärm und Schmerzen spielte und spielte und spielte. An Orte, wo er vielleicht schon das scheele Grinsen seiner späten Anverwandten Strawinsky, Schostakowitsch, Weill und Lennon bemerkt hat. Dort, wo man den Blues liebt.”

Das ist in der Tat eine Ansage an die Klassikaner, die bisweilen eher bis zum bitteren Ende an ihren Dünkeln festzuhalten scheinen als den Anschluss an die Post-Lennon-Ära zu suchen. Ausserdem spielen die Stars des Labels, die auch Brahms und Mahler im Repertoire haben, einfach „zum Niederknien schön”, wie die „Berliner Zeitung“ festhielt. Aber es ist nicht Schönklang, den die Macher von col legno unbedingt suchen. Franui-Mitglied Andreas Schett, der seit 2005 gemeinsam mit Gustav Kuhn das Programm bestimmt: „Uns interessiert Buntheit, nicht Beliebigkeit. Wir wollen weg von eingeschränkten Blickwinkeln, ideologischen Behinderungen und kulturellen Eingrenzungen.“

Die Offenheit und Stringenz des Zugangs schlägt sich auch in der unverwechselbaren Optik der Veröffentlichungen nieder. Ohne flächendeckende Porträtfotos, dafür mit kargen Schriftelementen, leuchtkräftigen Farbkombinationen und ausführlichen, essayistischen Booklets ausgestattet, stechen die col legno-Produkte aus dem zumeist klischeehaft-langweiligen Umfeld heraus. Dabei schien das 1982 im Dunstkreis der Donaueschinger Musiktage gegründete Label zunächst auf unbestimmte Dauer im elitären Elfenbeinturm angesiedelt. „Neue Musik hat einen Namen“, verriet das Firmenmotto, aber er war nur Eingeweihten bekannt. Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts stand man vor dem Zusperren.

Auftritt: Christian Köck. Der promovierte Arzt und ausgebildete Psychotherapeut, 1958 geboren, ist vielen auch als Politiker und kurzfristiger Bundessprecher des Liberalen Forums in Erinnerung. Als Alleinvorstand der Health Care Company AG, Inhaber eines universitären Lehrstuhls für Gesundheitspolitik und Gesundheitsmanagement und Direktoriumsmitglied der Wiener Konzerthausgesellschaft verfügt er über wenig Zeit, dafür aber ausreichend Liebe zur Musik. Und hier speziell zur Neuen Musik. „Ich höre nicht nebenbei“, so Köck. „Restaurant- und Aufzug-Berieselung sind mir ein Greuel. Was mich interessiert, ist die konzentrierte Ästhetisierung und kulturelle Möblierung des Alltags.“ Dass derlei mit der finanziellen Unterfütterung eines Top-Unternehmers leichter in Angriff zu nehmen ist, versteht sich von selbst. Köck wurde Mäzen. Motor. Mutmacher. Und hauchte col legno ein frisches Selbstverständnis und eine professionelle Arbeitsweise ein. „Man ist nicht in einem Markt, der CDs verkauft“, erläutert er. „Auch wenn das gerade für uns noch nicht endgültig passé ist. Es geht um ein Lebensgefühl, um Kultur, um Kunst in umfassender Form.“ Die Tonträger-Branche selbst befinde sich gemäss Schumpeter in einer Phase der „kreativen Zerstörung.“ Das erhöht, so seltsam das klingen mag, die Chancen für kleine Labels.

Auf den Break Even hofft Christian Köck aber genauso wie seine jungen Mitstreiter Mike Breneis und Peter Kollreider. Irgendwie gelingt es ja auch vergleichbaren Firmen („Von Konkurrenz mag ich hier bewusst nicht sprechen“, so Breneis, „die gibt es in unserem Segment nicht“) wie Kairos, Neos, Wergo oder Winter & Winter, zu leben. Oder auch nur zu überleben. Als Vorbild fällt immer wieder der Name ECM, Manfred Eichers solitäre Jazz & Beyond-Werkstatt. „Man muß halt schauen, daß etwas gelingt wie Keith Jarretts Köln Concert“, merkt Köck an. „ECM hat sich damit auf ewig saniert.“

Bei col legno wurde trotz des weitreichenden Engagements des Medizin-Unternehmers, trotz einer – nicht offiziellen, aber essentiellen – zusätzlichen finanziellen Fundierung durch den Bau-Magnaten Hans-Peter Haselsteiner, trotz wachsender Veröffentlichungspläne (zur Zeit sind es etwa zwölf Produktionen im Jahr) und einer deutlichen Öffnung in Richtung Jazz, Electronica und World Music die Situation doch klammer und klammer. Bis man im Vorjahr die Privatstiftung des Sängers Oskar Czerwenka als ideellen Mitträger gewann. Und eine kräftige Kapitalerhöhung vornahm. „Wir müssen auf Internationalisierung setzen. Wir dürfen kein österreichisches Schett- & Kuhn-Privatmuseum werden.“ Andreas Schett, gemeinsam mit dem Dirigenten Gustav Kuhn für das Programm und als Eigner der Innsbrucker Design-Agentur Circus auch für die Optik von col legno verantwortlich, reagiert gelassen: „Unser Programm zeigt ja, dass dem nicht so ist. Berührungsängste kennen wir jedenfalls keine. Die kosmopolitische Perspektive ist essentiell. Wir vertreiben unsere Produkte auch in den USA, Kanada oder Japan, im Idealfall erreichen wir jeden Winkel dieses Planeten.“

Es sind kleine und kleinste Stückzahlen, die sich so addieren. Und sich langsam, aber stetig zu einem unternehmerischen Gesamtkunstwerk auswachsen. Im col legno-Büro im Heiligenkreuzerhof hat man die Mehrzahl der Veröffentlichungen der letzten Jahre – insgesamt sind es bislang zweihundertsiebenundsechzig CDs – an einer Wand zu einem grossen, farbenfrohen Mosaik zusammengestellt. „Wir wollen Geschichten erzählen“, erläutert Label-Manager Mike Breneis. „Und es hilft uns natürlich, dass man als Nischenlabel seit einigen Jahren weltumspannend mit seinem Publikum kommunizieren kann.“ Wiewohl: auf Facebook findet man erst 143 Freunde. „Wir stehen da erst am Anfang“, bedauert Breneis. „Die ersten achtzehn Fans habe ich persönlich gekannt. Aber mir sind letztlich eintausend Leute, die zuhören, lieber als zehntausend, die sich berieseln lassen.“

Diese Gefahr besteht bei col legno definitiv nicht. Selbst dann nicht, wenn etwa Ruedi Häusermanns „Wetterminiaturen für vier wohlpräparierte Einhandklaviere“ oder – Christian Köcks Lieblings-CD – Franz Koglmanns Haydn meets Cioran-Studie „Nocturnal Walks“ als schnöde MP3s aus dem Internet heruntergeladen werden. Für Digital-Fetischisten bastelt man an einer Hochbit-High Quality-Plattform. Schade findet es der Musikmanager, hier wirklich auf jeden Cent schauen zu müssen. „Es wäre schön, wenn es im Kultursektor analog der Film-, Literatur- oder Verlagsförderung strukturelle Unterstützung gäbe“, so Breneis. „Aber vielleicht schliesst sich ja ein Kreis, wenn man im 21. Jahrhundert wieder zum Mäzenatentum zurückkehrt.“ Der Manager klopft, col legno, auf das Holz des Küchentisches. „Eigentlich leben wir im Schlaraffenland. Wohlgemerkt: einem pekuniär kargen, aber kulturell unendlich reichen Schlaraffenland.“

(CASHFLOW)

Spotify in Österreich gestartet

15. November 2011

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Mehr dazu demnächst in diesem Theater. Stay tuned.

The Quality Of Othmar Is Not Strnen

5. November 2011

Am 10. November 2011 spielen The Mekons in Wien. Im “Chelsea”. Wo sonst auch? Und ich vermute, dass der Auftritt der britischen Punk/Wave-Legenden einen besonderen Grund hat: das 25-Jahre-Jubiläum des Lokals am Wiener Gürtel. Prosit!

Ich bin ein Deadline-Junkie. Es ist ein fataler Fehler, wenn man mir zeitgleich mit der charmant-nachdrücklichen Aufforderung, einen Text zu schreiben („Wos zum 25-Jahr’-Jubiläum, waast eh…“), quasi unbegrenzt Zeit dafür einräumt. Indem man keine Deadline nennt. Indem man das selbst eher legér sieht („…irgendwann im Herbst soll’s erscheinen…“). Indem man mir als Honorar gerade mal eine Flasche Whisky in Aussicht stellt. Wobei: diese Art von Text schreibt man selbstverständlich gänzlich ohne Bezahlung. Als Tribut an das „Chelsea“, keine Frage. Den Whisky nehm’ ich trotzdem, Othmar, und es muß schon eine besonders gereifte, edle, seltene Marke sein.

Denn die Sache ist die: Othmar B. hat mir einst eine Schallplatte stibitzt. Und schuldet mir bis heute ihre Rückgabe. Ich tausche also diesen Text (gratis) und die Platte (teuer, weil selten) – es handelt sich um ein Werk der britischen Punk-Band The Mekons aus dem Jahr 1979 mit dem merkwürdigen Titel „The Quality Of Mercy Is Not Strnen“, das Cover zeigt einen Affen an der Schreibmaschine – gegen einen dreiviertel Liter hochprozentigen Alkohol. Ein schlechter Tausch, meinen Sie? Nein, das geht schon in Ordnung, sage ich. Das geht ganz und gar in Ordnung.

Denn erstens ist damit der Beweis erbracht, daß es sich bei Othmar B., dem „Paten“ des genannten Etablissements, um einen wahrhaftigen Musikfreund handelt. Die Mekons-Platte hat er einst, es muss Anfang bis Mitte der neunziger Jahre gewesen sein, vom Plattenteller weg in seinen Besitz überführt. Als Gelegenheits-DJ, der auch dann und wann im „Chelsea“ für Lärm, Gliederzucken und erhöhten Getränkeumsatz sorgte, fiel mir das nur aus den Augenwinkeln auf. Der Lärm übertönte meinen schwachen Protest. Aber Jahre später hat der gute Mann, dessen Ablenkungsstrategie durch joviale Einladungen zu Alkoholgenuß ich erst spät durchschaute, den Diebstahl gestanden. Er „müsse“ diese Platte einfach besitzen. Er sei ein wirklicher Fan der Mekons. Er hätte keine Alternative gehabt. Und überhaupt. Wer könnte da dagegenhalten? The Quality Of Othmar Is Not Strnen.

Und zweitens bin ich dem Erfinder, Betreiber, Seelenfreund, Grandsigneur und Gelegenheits-Schankburschen des „Chelsea“ auch etwas schuldig. Dank nämlich. Dank dafür, dass er ein Lokal geschaffen hat, das seit den tiefen achtziger Jahren bis heute (und wahrscheinlich für immer) ein Biotop des Rock’n’Roll war, ist und sein wird. Ein Refugium. Eine Anlaufstelle für den unsteten Kerl in uns allen (und Frauen sind hier explizit nicht ausgenommen). Eigentlich die erste Adresse in Wien für einschlägige Aktivitäten und Agglomerationen.

Ich habe im „Chelsea“ wüste Nächte sonder Zahl erlebt. Getrunken, geschmust, gelacht, gelebt, mit Barfrauen gescherzt, Musik um die Ohren geschmettert bekommen, unzählige Konzerte genossen, zigmale die Technics- (und später CD-)Laufwerke bedient, Weihnachts- und Silvesterabende verbracht, den Umzug mitgemacht, die herbe Frischluft am Gürtel eingeatmet, den Whisky durch die Gurgel rinnen lassen. Denn Whisky, probaten, um nicht zu sagen: exzellenten Whisky – über die Musik-Helden und -Moden all der Jahre möchte ich mich nicht äussern, da eint uns wohl eine gewisse Abgeklärtheit – hat der Wirt allemal im Regal stehen. Und schenkt immer kräftig aus. Und ein.

Die Jahre sind ins Land gezogen. Bajlicz, einst Fußball-Profi, fährt heute Jaguar. Gröbchen, einst „MusicBox“- & sonstiger Medien-Profi, hat auf das brotlose Gewerbe der Musikproduktion umgesattelt. Und fährt heute einen verbeulten Mazda. Unter uns: das passt so. Für beide (denn auch der Jaguar ist ein altes Exemplar, allein das hat Stil). Es soll jetzt nur keine Nostalgie – too old to R’n’R, too young to die? – aufkommen.

Aber igendwie geht mir die Idee nicht aus dem Sinn, die Kontaktdatenbank abzufragen, zum Telefon zu greifen und ein Konzert im „Chelsea“ zu organisieren. Mit Jon Langford, Tom Greenhalgh und wer immer noch dabei sein mag von den einstigen Punk-Heroen, wenn man anno 2011 The Mekons engagiert. Vielleicht mach’ ich’s noch (korr.: hat Othmar inzwischen längst erledigt, siehe oben). Solch ein lausiger Text und zwei zugedrückte Augen, was die Retournierung einer verstaubten Vinyl-Trophäe betrifft, können ja nicht alles gewesen sein. Vielleicht zum runden Fünfziger? Pardon, aber für eine Legende ist doch ein Vierteljahrhundert gerade mal eine Fliegenschiss. Also: weitermachen. Und jetzt her mit der Flasche, Othmar! Vom Feinsten. Wie immer.

Jobs & wir

6. Oktober 2011

„Der Tod ist die beste Erfindung des Lebens“. Dieser Gedanke ist, bei aller Traurigkeit des Anlasses, Musik in meinen Ohren. Denn der Tod, der Abschied, das Hinter-sich-Lassen ist ein Produktivfaktor. “Krise ist”, wie Antonio Gramsci postulierte, „wenn das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann“. Und wir alle stecken tief in der Krise. Und müssen irgendwie herausfinden. Nur einer nicht (mehr).

Der Tag, an dem ich diese Zeilen in den Computer hämmere, ist ein denkwürdiger. Nicht nur, dass sich die Anzeichen mehren, dass demnächst Griechenland endgültig pleite ist (welche Auswirkungen dieser Umstand auf Europa und den Rest der Welt hat, wird sich erst weisen). Der Tag wird uns auch in Erinnerung bleiben als jener, an dem Steve Jobs starb. Oder, wohl präziser, als jener Tag, an dem sieben Milliarden Menschen erfuhren, dass einer nicht mehr unter ihnen weilt, den man bis in die hintersten Winkel dieses Planeten kennt. Der Gründer und Kopf der Firma Apple mit Sitz in Cupertino, Kalifornien wurde umgehend in Nachrufen als „Visionär“, „kreatives Genie“ und „IT-Revolutionär“ gewürdigt. Eine fast schon messianische Zuschreibung für einen manischen Marketing-Maschinisten und Unternehmer, der tatsächlich die Informationstechnologie, die Medien- und Entertainment-Branche der letzten drei Dekaden geprägt hat. Auch – und zuvorderst – die Musikwelt.

Und das in mehrfacher Hinsicht. Einerseits hat sich der Computer rasant als wesentliche Innovation, als zentrales Tool des Musiker-Daseins des 21. Jahrhunderts erwiesen (und es ist kein Zufall, dass gerade Geräte mit dem Apple-Logo besonders beliebt bei Musikern, Grafikern, Schreibern und Kreativschaffenden generell waren und sind). Als (Universal-)Instrument ist der PC – die Gattungsbezeichnung schliesst Macs selbstverständlich ein – historisch ähnlich wichtig wie die erste, aus Bein geschnitzte Flöte, die Trommel, die Geige, die Elektrogitarre oder das Klavier. Einerseits lassen sich dem Gerät Töne aller Art entlocken, andererseits hat es längst unzählige zusätzliche Funktionalitäten in sich aufgesogen: vom Synthesizer bis zum kompletten Tonstudio. Ein handlicher Laptop ersetzt heute oft ein meterbreites Mischpult, ganze Racks und Regale voll Hardware und hinterdrein – zumindest metaphorisch, oft aber auch real – auch noch Plattenfirmen, Vertriebslagerhäuser, CD-Stores, Radiosender und Konzertbühnen. Dass ich diese Zeilen auf einem MacBook Air schreibe und gleichzeitig Johann Sebastian Bachs gleichnamige Suite höre, hätte sowohl dem Komponisten Bach wie auch dem Produktfetischisten und Musikliebhaber Jobs gefallen.

Andererseits ist Musik – von wegen „Air“ – ein freies, atmendes, nicht greif- und fassbares Fluidum, das sich auch von noch so ausgeklügelter Hardware nicht in noch so elegante Aluminiumformen zwingen lässt. Das wusste wohl auch Steve Jobs. Und er wusste noch mehr: wenn man Musik von ihren „Tonträgern“ befreit – den Wachszylindern, Schellacks, Schallplatten, Tonbändern, MusiCassetten und anderen historischen Begleiterscheinungen des „Festhaltens“ eines flüchtigen Momentums –, dann hat das revolutionäre Folgen. Implikationen, die nicht nur die Art und Weise, wie wir Musik erzeugen, sondern auch, wie wir sie wahrnehmen, besitzen, nutzen, suchen, finden, transportieren, katalogisieren, bezahlen und hören grundlegend verändert.

Es gibt ein Foto von Steve Jobs, das zu meinen Lieblingsfotos überhaupt gehört: es zeigt einen Mann alleine in einem grossen, fast leeren Zimmer, im Schneidersitz auf dem Holzboden sitzend, sehr entspannt, dabei sehr konzentriert. Man schreibt das Jahr 1982. “This was a very typical time. I was single. All you needed was a cup of tea, a light, and your stereo, you know, and that’s what I had” hat Jobs selbst dieses annähernd ikonografische Bild kommentiert. Eine Tasse Tee, eine Lampe – und eine Stereoanlage. Plus ein Stapel Schallplatten. Musik als Lebens-, Überlebens-Mittel.

Jobs war als Kind der Rock’n’Roll-Ära, der Sixties und Seventies (und damit der vielleicht spannendsten Pop-Ära überhaupt) untrennbar mit dem Sound seiner Zeit und den Ideen, die er transportierte, verbunden. Das zeigte sich schon beim Firmenschild seines Garagenunternehmens – die Beatles hatten eines gleichen Namens. Und Jobs hat auch später, viel später noch darüber nachgedacht, wie er den Musikern und kulturellen Meinungsführern etwas zurückgeben könnte. Eventuell mehr als der Durchlauferhitzer Musikindustrie selbst. Denn iTunes wurde zur führenden Software, der iTunes Music Store zur ersten legal aufgesetzten, kommerziell funktionierenden Download-Plattform und der iPod zur „ersten kulturellen Ikone des 21. Jahrhunderts“, wie der Soziologe Michael Bull der englischen Universität Sussex verkündete. Über das iPhone und die bislang neueste Inkarnation, das iPad, brauchen wir gar nicht diskutieren: Steve Jobs und seine Mitstreiter haben seit der Jahrtausendwende den Musikmarkt annähernd auf den Kopf gestellt.

Es ist ein gewaltiger, positiver Treppenwitz der Geschichte, dass sich diese intensive biografische und marketingtechnische Verzahnung mit der Pop-Kultur als Rettung für den lange Jahre maroden Computer-Hersteller erwies – und letztlich sogar als alchemistische Zauberformel schlechthin: der neuerdings scheinbar “wertlose” Treibstoff Musik war es, der Apple – über den Verkauf von innovativer Hardware – zum zeitweise wertvollsten Konzern dieses Planeten wachsen liess.

Man muss nicht jedes Detail der Entwicklung gutheissen (über die Restriktionen von iTunes ärgern sich z.B. täglich Millionen User, aber es gibt auch gute Gründe dafür, warum die Software so ist wie sie ist), wird aber – zumindest als publikumszugewandter Künstler, Label-Betreiber oder Musikmanager, eventuell aber auch als auf Autarkie bedachter Selbstvermarkter – einige noble, clevere und edukative Züge in der Apple-Philosophie entdecken. „It’s not stealing – it’s good karma“ ist einer davon. Natürlich schwingt da ein gehöriges Quäntchen Pathos mit. Aber wo bitte in Zeiten wie diesen tut es das nicht?

Jobs mag sich später von der hippiesken Feelin’ Good-Lifestyle-Ideologie entfernt haben. Manche meinen gar, Apple wäre heute der gleiche Hort des Bösen wie jedes börsennotierte Grossunternehmen. Oder gar schlimmer: ein Konzern, der vom libertären David zum restriktiven Goliath mutiert sei. Zum arroganten Kontroll-Freak. Und zur fettgefressenen Cashcow. Ich persönlich sehe das nicht so: die Stringenz, Sicherheit und Verlässlichkeit der nutzerorientierten Politik von Apple überwiegen alle Einschränkungen gegenüber einer bisweilen ins grotesk Anarchistische kippenden, grenzenlosen User-Freiheit. Man kann mit guten Gründen aber auch der exakt konträren Meinung sein. Letztlich steckt die Diskussion noch in den Kinderschuhen: der Gesetzgeber, aber auch der Konsument konnte mit den Entwicklungen der letzten drei Jahrzehnte kaum Schritt halten.

Ob uns Orwell blüht oder doch eher das digitale Elysium, kann der wesentliche Schrittmacher der Industrie, Steve Jobs, nicht mehr persönlich mitbestimmen. Aber wir können es. Als Musiker, als Kreative, als Bürger, als Menschen. Und wir sollten, abseits von allem Pathos, das heute und morgen und wahrscheinlich noch lange in all den Nachrufen, Würdigungen, Grabreden und persönlichen Erinnerungsstücken (mit nur wenigen Gegenstimmen) mitschwingt, ab und an einige Zeilen von Jobs memorieren. Zeilen und Worte, die auf den Punkt bringen, worum es eigentlich geht, wenn es überhaupt um etwas geht. Um den kreativen Geist. Um den Willen zur Veränderung. Um das Leben selbst.

„Der Tod ist höchstwahrscheinlich die beste Erfindung des Lebens. Er ist der Vertreter des Lebens für die Veränderung. Er räumt das Alte weg, um Platz zu machen für das Neue. (…) Deine Zeit ist begrenzt, also verbrauche sie nicht, um das Leben anderer zu leben. Sei nicht gefangen von dem Dogma – welches sagt, dass Du mit den Resultaten der Gedanken anderer Leute leben musst. Lass’ nicht den Krach anderer Meinungen die eigene innere Stimme zum Verstummen bringen. Und das Allerwichtigste, habe den Mut, Deinem eigenen Herzen und der Intuition zu folgen. Die wissen irgendwie schon genau, was du wirklich sein willst. Alles andere ist zweitrangig.“

Danke, Steve Jobs. Ruhe in Frieden (der Himmel könnte durchaus eine neue Benutzeroberfläche brauchen, die alte – „Religion“ – wirkt ziemlich angestaubt). Und jetzt: Musik.

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