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Die Szene & die „Szene“

14. Juni 2013

Vom Pornokino zum Rockhaus. Mit vielem Auf und Ab. Dreißig Jahre “Szene Wien”: ein Blick über die Schulter zurück.

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Ich bin vergleichsweise unbefugt, über die Vorgeschichte und die Entstehung der „Szene Wien“ (ab sofort nur mehr: „Szene“) zu berichten. Da müssten andere ran. Rudi Nemeczek etwa, Heli Deinboek, Regine Steinmetz oder Eberhard Forcher. Und einige andere mehr. Jene Leute, die sich – größtenteils sind sie immer noch aktiv – Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts für ein selbstverwaltetes Rockhaus in Wien stark machten. Mit Konzerten, mit ihren eigenen Bands, mit Artikeln (etwa im noch jungen „Falter“), Flugblättern und vielen Gesprächen.

Ich bekam das mit, weil meine popkulturelle Sozialisierung quasi Unterrichtsgegenstand war. Am BRG IV in der Waltergasse, wo der Zeichenprofessor Stefan Weber hieß. Der zugleich Oberkapo der legendär obszönen, wilden, aufregenden Polit/Pop-Show-Gruppe Drahdiwaberl war. Zugegebenermassen handelte es sich beim Besuch von Konzerten dieser Formation um ein Wahlpflichtfach.

Drahdiwaberl waren jedenfalls unter den Wortführern der Szene. Und tatsächlich war die Stadt gesprächsbereit. Kulturstadtrat Helmut Zilk besaß den Instinkt, nach der „Arena“-Bewegung, der Besetzung des Amerlinghauses und später auch des WUK- und Gassergasse-Areals, freiwillig und –giebig für Freiräume einzutreten. Und so einen gewissen kulturellen, politischen und demografischen Überdruck kontrolliert entweichen zu lassen, der sich in den grauen, langen Nackriegsgeschichte unzweifelhaft angesammelt hatte.

Die „Szene“ also. Ein ehemaliges Pornokino in der Hauffgasse in Simmering: nicht gerade das, was man sich als zentralen, halbwegs glamourösen Spielort vorgestellt hatte. Es zählt ja auch zu den Eigenarten der an Eigenartigkeiten nicht armen Kulturlandschaft dieses Landes, dass selbst die Alternativkultur und der Underground der SPÖ/ÖVP-Sozialpartnerschaft nicht entgehen konnten. Und auch nicht entgingen.

Der einen Reichshälfte überantwortete man das „Metropol“ (vormals „HVZ“), der anderen eben die „Szene“. Die „Arena“ – gerade mal ein kümmerlicher Rest des ehemaligen Schlachthofs St. Marx – erfüllte (und erfüllt) noch am ehesten den Traum von Autonomie. Wenn auch nicht Autarkie. Aber geschenkt. Jedenfalls stauchte mich der dröhnende Baß Helmut Zilks heftig zusammen, als ich es – daran erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen – als blutjunger Ö3-„Musicbox“-Reporter wagte, darauf hinzuweisen, dass es auch kritische Stimmen gäbe. Und man den wohlmeinenden, aber auch nicht unlistigen Paternialismus der Gemeinde Wien zwar achten und nutzen, aber auch verachten und ablehnen könne. Was in der Folge ja auch passierte. Sowohl – als auch.

Dieser Antagonismus zwischen Szene und „Szene“ tritt – und man muß die Offenheit haben, dies zugeben und, ja, bewußt zulassen zu können – bis heute in Erscheinung. Mal offener, mal verdeckter, hintergründiger und entspannter. Der ewige Diskussion um Selbstbestimmung oder Fremdbestimmung, um Subventionen, Trägerkonstruktionen, Kulturbudgets und Programminhalte wird nicht abreissen. Und zwar grundsätzlich nicht, solange es junge, wache und kritische Menschen gibt, die die – vergleichsweise eh lächerlichen – Geldsummen, die die Politik und Gesellschaft abseits repräsentativer Hochkulturtempel zu vergeben bereit sind, nicht als Behübschung des Status Quo (miss-)verstehen wollen.

Zur historischen Entwicklung und zum aktuellen Programm der „Szene“ habe ich nicht allzuviel zu sagen. Ich war zulange im Ausland, zu selten in der Hauffgasse und mir ist zudem, ehrlich gesagt, der ideelle und faktische Besitzanspruch vieler Fraktionen, Szene-Grössen und Undergroundapostel fremd. Die „Szene“ bedient auch, eventuell sogar zuvorderst – das erklärt sich aus der „Planet“-Historie der Betreiber-Crew um Muff Sopper – eine Szene, die eher auf der Schattenseite des Pop-Ruhms nach der Andy Warhol-Doktrin unterwegs ist. Nennen wir sie das Rock-Proletariat. Das soll und kann in einem Kosmos, der der Hipness mindestens so hörig ist wie dem Hedonismus und dem Kommerz, auch seinen Platz haben. Was nicht heisst, dass man für World Music, Jazz, Punk, Folk, die Elektroniklandschaft oder die Neue Wienerlied-Szene nicht auch ein offenes Ohren haben sollte. Oder zwei.

Aber jetzt darf ruhig mal das (Über-)Leben gefeiert werden. Dreißig Jahre sind ja nicht nichts.

Schöne neue Freiheit

12. April 2013

Eine Wortspende, pardon: Keynote auf der Musikmesse Frankfurt – für den VUT (Verband der unabhängigen Tonträgerproduzenten und Musikunternehmen Deutschlands).

Don't believe

Ich habe mir vorgenommen, einen Text zu schreiben, für dessen Erstellung nicht mehr als eine Stunde und zwanzig Minuten vonnöten sein werden. Dieser Text – und dessen öffentlicher Vortrag hier – ist das Ergebnis einer Interessensabwägung und des Versuchs, eine vertretbare Balance zu finden von Aufwand und Entlohnung. Ich kann Ihnen vorweg nicht versprechen, zu einem allseitig befriedigenden Resultat zu kommen.

Da die Entlohnung gleich null ist, ist dieses Experiment dem uralten Phänomen des Enthusiasten geschuldet. Wenn ich Chris Gercon, dem Leiter der Londoner Tate Gallery of Modern Art, trauen darf, bin ich als Enthusiast einer unter Millionen. Einer aus einer ganzen Armee kreativer Dienstleister. Wenn ich ihn kursorisch zitieren darf: „Man spricht von Creative Industries, aber das ist nur ein Trick, um das ökonomische Modell der kostenlosen Arbeit salonfähig zu machen.“ Der Enthusiasmus ist also die Währung des Prekariats. Sie unterliegt einer rasanten Inflation.

Nun: ich hätte diese eineinhalb Stunden konzentrierter Arbeit – sie entsprechen in etwa der Flugdauer Wien – Frankfurt – nicht Yamaha oder Sony, nicht Apple, Universal, Native Instruments, Spotify oder Fender geschenkt. Der VUT als Club der legéren Prekären darf dagegen das Geschenk gelassen annehmen. Hat er je etwas anderes als Enthusiasmus und Selbstausbeutung kennengelernt und propagiert – quasi als pragmatisches Miniatur-Geschäftsmodell?

Ironie off. Ich will versuchen, zehn Thesen zum Status Quo der Musikindustrie abseits der Majors & Multis zu formulieren. Vielleicht gehen sich aber nur neun oder gar nur fünf aus – die Uhr tickt. Und ich erlaube mir, Sie direkt anzusprechen. „Sie“ meint also die Musikindustrie – was immer man individuell darunter verstehen mag.

Eins: Sie haben Ihren Geschäftsgegenstand verloren.

Ich meine damit zuvorderst die Musikindustrie im engeren Sinne (oder nach altem Verständnis): die Tonträgerindustrie. Sie haben kein physisches Verkaufsobjekt mehr. Okay, die CD-Regale und Tonträgerabteilungen bei Saturn, Mediamarkt, Libro & Co. existieren noch. Aber nicht mehr lange. Und sie sind heute schon erschreckend leer. Die Erosion des Geschäftsmodells, das an ein Trägermedium gebunden ist (und durch dieses auch determiniert wurde), wird immer rasanter und deutlicher. Wenn nicht Download-Plattformen und Streaming-Dienste das Terrain übernehmen, schlägt Amazon zu. Gnadenlos. Die CD, schon lange ungeliebt und längst zum Wegwerfgegenstand herabgewürdigt, wird zum nostalgischen Geschenk oder verschwindet ganz. Okay, im Promillebereich legt Vinyl wieder zu – aber das ist ein Retro-Phänomen und Nischenmarkt par excellence. Eine Liebhaberei. Ein Enthusiasten-Fetisch. Schön, dass es diese Enthusiasten gibt. Die Musikindustrie im allerengsten Sinne hat immer auch (und vielleicht sogar zuvorderst) von ihnen gelebt. Aber Enthusiasten sind selten Industrielle. Und vice versa.

Zwei: wer jetzt meint, Downloads & Streaming würden die gewohnten Verhältnisse und Strukturen retten, hat die Digitalisierung nicht verstanden.

Die Ablösung des Analogen durch Ketten von Nullen und Einsen wurde und wird ja nicht leichtfertig zum Paradigmenwechsel erklärt. Ein Paradigmenwechsel meint: radikale Implikationen. Die Zertrümmerung des Althergebrachten. Einen völlig neuen Erfahrungs- und Denkhorizont. Komplett durcheinandergewürfelte Schöpfungs- und Verwertungsketten. Neue Formen der Produktion, Distribution, Kommunikation, Rezeption und Konsumation von Musik. Es gibt kein Original mehr, weil es auch keine Kopie mehr gibt. Die Grenzen zwischen legal, illegal und scheißegal existieren nicht mehr. Die Erlösmodelle von Spotify, Deezer, Rrdio, Simfy & Co. sind nachwievor undurchsichtig, unbestätigt, unkalkulierbar. YouTube ist immer billiger. Weil gratis. Sie kriegen den Geist nicht zurück in die Flasche. Was gerade abläuft auf diesem Planeten, von WikiLeaks bis Big Data, von Fukushima bis zur Finanzkrise, ist gerade mal die Ouvertüre. Da sind doch GEMA- & Google-Streitereien und Urheberrechtsdebatten ein Orchideenthema dagegen. Oder?

Vordergründig: ja. Bei näherer Betrachtung: nein. Auch wenn das – leider – viele Künstler selbst so sehen, vielleicht aus Unverständnis, Zeitnot, Apathie oder einem dümmlichen Zeitgeist-Opportunismus. Es geht um die schlichte Frage, wie Urheber und ihre Sparringpartner & Dienstleister, zuvorderst Labels, Distributoren und Verlage, in Zukunft ihre Schöpfungen, Copyrights und Leistungen monetarisieren können. Kommen Sie mir bloß nicht mit 360 Grad-Modellen: das ist weitgehend eine Illusion – außer bei längst etablierten Künstlern. Die wesentlichen Fragen sind, sorry to say that, ungelöst. Und zuvorderst ist das die Frage um die Lebensgrundlage professioneller Künstler/innen.

Drei: Sie leben – wir leben – inzwischen von Goodwill, Spenden und Subventionen.

Mit Spenden meine ich übrigens nicht ein paar Münzen in einem alten Hut, wie bei Strassensängern und Bettelmusikanten. Sondern freiwillige Beiträge, Micro-Payment, Aufmerksamkeit – die wichtigste Währung des Business –, Likes, Fans, Follower, Nebenerlöse aus Eintrittskarten für Live-Events – das ist die härteste Währung – und neue Modelle wie z.B. Crowdfunding. Wer immer heute Musik – also Musikstücke, Songs, Tracks, portionierte Musik, wie immer sie es nennen wollen –, käuflich erwirbt, zeigt entweder einen bewussten, fast schon ideologisch-idealistischen Goodwill, komplette technische Ahnungslosigkeit oder luxuriöse Bequemlichkeit. Eine der vielen Wahrheiten in diesem an Lügen reichen Business ist: die staatlichen, halbstaatlichen und mäzenatengleichen Subventionen beginnen die Popkultur zu unterwandern. Oder, ganz nach Geschmack, zu überlagern. All die Förderprogramme, Initiativen, Musikfonds, Produktions-, Export- und Vermarktungszuschüsse sind zusammen aber kaum ein Tropfen auf den heissen Stein. Und sicher kein Ersatz für ein langfristig tragfähiges, zukunftstaugliches Wirtschaftsmodell.

Vier. In jeder Krise gibt es Verlierer. Und Kriegsgewinnler. Aber die Gewinner bestätigen zumeist nur die Regel, dass die Revolution gern ihre eigenen Kinder frisst.

Gut, nein: schlecht! werden Sie sagen, dieser Gröbchen ist ein Untergangsprophet, ein Kleinhäusler, ein notorischer Pessimist. Bin ich übrigens nicht. Ich sehe, wo viel Schatten ist, ganz der Logik gehorchend, auch viel Licht. Und, ja, bislang ist der Mensch als physische Entität, als Wesen aus Leib und Blut, als unklonbares Individuum nicht abgelöst. Das heisst, alle mit der persönlichen Präsenz des Künstlers, mit der Person an sich, mit der Aura, der Strahlkraft, der Präsenz, dem Talent, Können und Knowhow eines bestimmten Menschen verbundenen Elemente sind und bleiben der wesentliche Faktor in diesem Geschäft. Mehr denn je.

Unverwechselbarkeit, sprich: die Deckungsgleichheit von Image und Realität und eine fast schon banale analoge Körperlichkeit sind Trumpf. Deswegen kann man für Tickets & Konzertkarten auch so viel Geld verlangen. Deswegen giert die Menschheit so sehr nach der leibhaftigen Greifbarkeit von Stars. Und deswegen kann ein DJ heute einfach einen USB-Stick mit ein paar Files und einer vorbestimmten Playlist abspulen, ohne von der breiten Masse des Publikums schief angeschaut zu werden. Die werte Kollegenschaft mag sich beim Salzamt oder bei der Neidgenossenschaft beschweren, ohne Resultat: es genügt, wenn er oder sie dazu lächelt und höchstpersönlich ab & an die Arme in die Höhe reisst. Für 98 Prozent der Nachwuchskünstler, Semi-Profis und Provinz-DJs bleibt das aber eine Pose vor dem eigenen Spiegel.

Gut, wenn Sie sich selbst nicht dazu zählen wollen. Noch besser, wenn sie alle anderen nicht dazu zählen.

Fünf. Du hast keine Chance. Also nutze sie.

Ehrlich gesagt: diese Regel hat immer gegolten. Auf eine Handvoll Stars kommt seit jeher eine ganze Schattenarmee von Hobbymusikern, ewigen Talenten, Leuten, die es nicht geschafft haben und nie schaffen werden. Wobei: das was hier „geschafft“ werden kann und soll, ist ja ein verdammtes Erfolgsklischee. Individueller Erfolg muß immer nur einer individuellen Definition genügen. Das, was landläufig darunter verstanden wird, also kommerzieller Erfolg, Bekanntheit, Status, wird immer flüchtiger, unbeständiger und zweifelhafter. Wo in den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch die sprichwörtlichen „15 minutes of fame“ nach Andy Warhol gegolten haben, sind es heute eher „15 seconds of fame“ – jene Zeitspanne, nach der man auf Facebook oder Twitter weiterklickt. Ernsthaft – ich habe heute beim Flug von Wien nach Frankfurt, Dauer eben 1 Stunde 20 Minuten, aktuelle Musikmagazine studiert. Wovon und worüber berichten die? David Bowie, Depeche Mode, Pavement, DJ Koze, Phoenix, Black Sabbath, Charles Bradley, Tocotronic, Richard Dorfmeister – sorry, Richard, aber Du bist ein fast so alter Sack wie ich. Das sind lauter alte Säcke. Ewige Helden? Gut abgehangene Klassikaner? Oder ist man einfach nur inzwischen zu abgeklärt, zu verstockt, zu faul oder zu realistisch, um sich neue Namen und Gesichter zu merken?

Sechs. Es gibt zu viel Musik. Bad news für das Starprinzip, aber keine Todesgefahr für die Musik per se.

Für Musikjournalisten oder die Musikchefs von Radiosendern ist das Faktum der Unaufgeschlossenheit für neue Namen, Gesichter und Sounds ein Armutszeugnis. Mehr denn je. Viele lassen sich z.B. nachwievor CDs schicken – und nutzen den eventuellen Verweis auf Unkörperlichkeit des Musikprodukts als Barriere, Abwehrargument oder ultimativen Programm-Ausschliessungsgrund. Dem Publikum selbst ist kein Vorwurf zu machen. Bei all den kurz- und kürzestlebigen Mikro-Trends behalten selbst Experten keine Übersicht.

Musik ist trotzdem überall & allgegenwärtig. Ich habe ja vorhin von Licht gesprochen. Wo leuchtet es? Wo sind sie also, die positiven Seiten, Chancen und Hoffnungsgebiete im digitalen Nirvana? Das ist eine davon: diese völlig unkomplizierte rasche und allerorten mögliche Verfügbarkeit von Musik. Ich glaub’, man nennt das Niederschwelligkeit. Sie lesen über etwas, und hören es quasi im gleichen Augenblick. Sie hören etwas im Radio oder online – und der Download startet (sofern man den überhaupt noch für nötig befindet, eventuell aus einem Rest-Sammlertrieb heraus). Das ist schlecht für den Distinktionsgewinn, aber gut für Entdeckernaturen. Und es hilft im Gegenzug auch den verbliebenen physischen Kultobjekten. Der Vinyl-Boom erklärt sich daraus. Und, so wie die Musik enorm liquid geworden ist (wenn auch nicht im monetären Sinn, hier trägt die universelle Verfügbarkeit zur Entwertung bei) und die Musikrezeption zum Alltagsphänomen, ist auch Musikproduktion , Musikdistribution, Social Media-Marketing, Below the line-Promotion… etc. usw. usf. für jedermann möglich. Brauch’ ich ausgerechnet Ihnen nicht erklären… Wir sind hier ja auf einer Musikmesse, oder? Was kostet heute ein Synthesizer, der ein ganzes Symphonieorchester ersetzt? Eine Upload- & Vermarktungs-Software? Oder ein komplettes Aufnahmestudio “in the box”? Aber was folgt daraus – ein egalitär-kraftmeierisches Hauen & Stechen, ein Kampf um Aufmerksamkeit, das alte Darwinsche Prinzip im Kunst- & Kulturbereich? Werfen Sie ruhig mal einen Blick auf Ihren Nachbar oder Ihre Nachbarin.

Sieben. Musik wird, allen Widrigkeiten zum Trotz, eine enorm positive Kursentwicklung erleben.

Gründen Sie ein Label! Sofort! Oder noch besser: zwei. Einen eigenen Internet-Radiosender! Eine neue Streaming-Plattform für obskure Krautrock-Raritäten! Eine Record Company zum Mieten! Ein Musikmagazin für Tablet Computer! Oder meinetwegen auch eins, das noch Papier und Druckerschwärze kennt. Einen Verlag, der anders funktioniert als alle anderen! Eine anarchistisch-autarke Selbstvermarktungsmaschine, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Ein Enthusiasmus-Perpetuum Mobile. Eine … Man könnte, nein, man sollte… Tja. Sorry to say that: Time Over. Zeitkontingent aufgebraucht. Enthusiasmus-Reserve gegen null. Text-Ende. Jetzt liegt der Ball bei Ihnen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. Sie ist letztlich doch eine Belohnung, die man nicht geringschätzen darf.

Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben (Remix)

1. März 2013

Der “Extended Remix” einer “Maschinenraum”-Kolumne: Je lauter das Getöse auf den Zuschauerrängen und in den Online-Foren, desto notwendiger ist eine kühle, sachliche, konstruktive Debatte über die Ökonomie des Digitalzeitalters.

keep-ahead

“Krise ist, wenn das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann“, befand einst Antonio Gramsci. Ich krame den Satz wieder mal gerne hervor. Denn es ist Krise. An allen Ecken und Enden herrscht Geschrei. Wer hätte noch vor Jahresfrist gedacht, dass man mit einer extraspröden, kaum fasslichen Materie wie dem Urheberrecht jeder Stammtischrunde Diskussionsstoff in Hülle und Fülle auf den Wirtshaustisch werfen könnte?

Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch: der Kultur-Bruch der Digitalära ist ein radikaler. Zuvorderst ist es ein ökonomischer “Reset” jahrhundertealter Denk- und Handelsformen. Die Ware – egal ob CD, Buch, Film, TV-Serie, Foto oder Text – löst sich in Nichts auf. Das heisst nicht, dass die kreative, also ursprüngliche schöpferische Leistung nicht mehr existiert (sonst wäre auch jegliche Ausformung in Form eines physischen oder digitalen Objekts oder Produkts inexistent), aber ihr Warencharakter ist einer zwangsläufigen Transformation und Deformation bis hin zur alltäglichen, beiläufigen Zerstörung durch bewusste Umgehung oder unbewusste Ignoranz unterworfen. Verbote, Richtlinien und Gesetze, die der technischen Realität einen Riegel vorschieben wollen, sind de fakto totes Recht, weil sie individuell – zumindest im Privatbereich – kaum verfolgbar sind.

Wir alle hören “illegal” Musik im Netz und aus dem Netz, laden Bilder und Texte herunter, “teilen” Gedanken und Fotos Dritter auf Facebook, Twitter & Co., diskutieren über neueste TV-Serien, die niemals in Österreich ausgestrahlt wurden, müllen unsere Festplatten mit Files zu, über deren Ursprung, Autorenschaft und Copyright wir uns kaum je den Kopf zerbrechen und kümmern uns als Privatpersonen einen feuchten Dreck um Leistungsschutz- und Verwertungsrechte. Das ist übrigens fast nie illegal. Auch wenn Verschwörungstheoretiker, Scheuklappenträger und professionelle Angstmacher das behaupten.

Die Frage aber, wie die Kreativindustrie und die Schöpfer all dieser Werke, also Künstler im engeren und weitesten Sinne, ihre Kreativität in Zukunft monetarisieren können, ist eine weitgehend ungelöste. Die Politik, ausgestattet mit dem Mandat des Entscheidungsträgers, schielt zuvorderst auf Klientel-Opportunitäten und kurzfristige Wahlerfolge. Ganz kann man es ihr nicht verdenken: die Diskussion wird von Lobbyisten, Demagogen und Wichtigtuern beherrscht, die wenig bis nichts zur Versachlichung und Beschleunigung des Lösungsrozesses beitragen.

Dabei wäre genau das das Gebot der Stunde.

Die Protagonisten des Schaukampfes verschleiern nur sehr beiläufig, Athleten, Gladiatoren und Statisten eines Stellvertreter-Kriegs zu sein: hie „Kunst hat Recht“, da die „Plattform für ein modernes Urheberrecht“ und diverse Think Tanks wie „Kunst gegen Überwachung“, das „World-Information Institute“ oder die „IG Kultur“, die teils idealistisch-individualistisch-ideologisch agieren, partiell aber auch Förderung und Unterstützung durch die sozialpartnerschaftlich festgefügten Strukturen (Arbeiterkammer, Wirtschaftskammer, Parteiorganisationen) des Landes erfahren.

Hinter „Kunst hat Recht“ – nach Eigendefinition schlicht „eine Aktion von Kunstschaffenden in Österreich“ – stecken zuvorderst die IFPI, der Interessensverband der internationalen (Major)-Tonträgerunternehmen, Urheberrechtsgesellschaften wie AKM, AustroMechana, VBK, LSG und VAM und ein unterstützendes Netzwerk kulturnaher Interessensverbände, Vereine und Funktionärsversammlungen. Inszeniert und organisiert wird ihre Kampagne von der Skills Group GmbH., einer Wiener PR- und Lobbying-Agentur.

„Kunst gegen Überwachung“ dürfte sich als spontane antagonistische Plattform auf Facebook entwickelt haben und tritt vorrangig „gegen Kriminalisierung, Vorratsdaten-Speicherung und Zensur“ auf, bleibt dabei aber weitgehend anonym.

Hinter der euphemistisch betitelten „Plattform für ein modernes Urheberrecht“ stecken fast ausschliesslich IT-Unternehmen und Händler, denen zuvorderst die Forderung nach einer „Festplattenabgabe“ ein Dorn im Auge ist. Namentlich sind dies: Adolf Schuss, Also, Apple, Asus, Brother, Canon, Dell, DiTech, Geizhals.at, Hewlett-Packard, Ingram Micro, Konica Minolta, Kyocera, Lenovo, Media Markt, Nokia, OKI, S&T, Samsung, Saturn, Sony, Tech Data und Toshiba. Als Sprecher fungiert – erstaunlicherweise auch im Namen der “Geiz ist geil!”-Konkurrenz – Damian Izdebski, Gründer und Geschäftsführer der Computerhandelskette DiTech.

Sorry, bei allem Respekt: diese Leute wollen – allein oder zumindest zuvorderst – unser aller Zukunft bestimmen?

Wo bleiben die Künsterinnen und Künstler, die kleinen Verlage, Agenturen, Filmproduktionen, Indie-Labels, Booker, Medienklitschen & -Cluster? Jene, die die seit Jahren als ökomonisches Hoffnungsgebiet vielbeschworenen „Creative Industries“ tatsächlich ausmachen? Sie tun, als ginge sie diese Diskussion nichts an. Sie wollen nicht Partei ergreifen, ihre Sympathien zuweisen (so sie denn überhaupt welche haben) oder eine festgelegte Position einnehmen auf diesem labyrinthischen Spielfeld. Einem anno 2013 äusserst undurchsichtigen Terrain, dessen Eckpfeiler Urheberrecht, Verwertungsrecht, Urhebervertragsrecht, Kopie, Plagiat, Sampling, Remix & Mashup, Creative Commons, Verwertungsgesellschaften und Pauschalabgeltungen heissen (um nur ein paar Schlagworte zu nennen) – und das selbst für Juristen und Urheberrechtsexperten oft ein einziges Minenfeld ist.

Der in Social Media, in Mainstream-Medien, auf den Unis und unzähligen Veranstaltungen zum Thema tobende Stellvertreter-Krieg hat offensichtlich die emotionale und faktische Distanz der Mehrzahl der Betroffenen eher befördert als verringert. „Kunst hat Recht“ z.B. scheint als starr durchkonzipierte, wenig kommunikationsfreudige und konservativ-rechthaberisch anmutende “Astroturfing”-Kampagne mehr kaputt- als gut zu machen. Auf der Gegenseite wiederum zieht man Politische Theorie, trotzigen Antagonismus und lustvolles Mikro-Hickhack einem konkreten, konstruktiven Dialog mit praxisnahen Playern und selbstbewussten Protagonisten der Kunst- & Kulturszene vor.

Selbst bei gesellschaftspolitisch radikal denkenden Aktivisten, etwa im Umfeld der „Piratenpartei“, scheint es aber so zu sein, dass das Urheberrecht als Ur-Kern aller Überlegungen und Basis ökonomischer Emanzipation per se nicht in Frage gestellt wird. Alte Schwarz-Weiss-Schemata – „Kommunismus“ versus „Kapitalismus“ etwa – haben ausgedient. Nicht zuletzt, weil der Paradigmenwechsel der Digitalära sie zur Makulatur erklärt. Und es gibt tatsächlich jede Menge Ideen, Ansätze, Garagen-Modelle und Partituren bislang unaufgeführter (und vielfach nie zu Ende komponierter) Zukunftsmusik-Symphonien. Wenn aber das Internet „das grösste Experiment in Anarchie, das es je gab” ist – so Google-Vorstandsvorsitzender & -CEO Eric Schmidt –, dann gibt es eine fulminante Chance, die eingangs postulierte, allumfassende Krise konstruktiv umzudeuten: man nutze ihre Sprengkraft, um alles & jedes neu zu denken. Radikale Dekonstruktion als ultimatives Reformkonzept und Initialzündung des 21. Jahrhunderts.

Die Voraussetzung dafür: eine Triade der Notwendigkeiten. Eins: Transparenz. Sprich: eine rückhaltlos offengelegte, objektive Datenbasis. Zwei: die Analyse und präzise, detaillierte und konkret umsetzbare Ausarbeitung alternativer Vergütungs-, Förderungs-, Anreiz- und Basis-Lebensmodelle, die wohl weit über den engeren „künstlerischen“ Bereich hinausgehen wird und muss. Drei: eine breite demokratische Diskussion, Entscheidungsfindung und exekutive Realisierung des denkmöglich „besten“ Systems. Oder die Ermöglichung und Evaluierung parallel existierender, inhaltlich und technisch divergierender Modelle.

Also mal andersrum. Destination: Utopia. Genau in die Gegenrichtung jener Marschrichtung, in die diese zähe, unproduktive, mit Seitenblick auf diverse Posting-Foren und Leserbriefseiten annähernd absurde Diskussionsveranstaltung seit unzähligen Tagen, Monaten, Jahren steuert. Oder gesteuert wird.

Erkennen wir die Gegenwart als das, was sie ist: eine Vorahnung der Zukunft. Eine neue Ära. Chaos, das einen Stern in sich trägt. Unzweifelhaft eine Zäsur. Leiten wir daraus logisch notwendige Schritte ab. Lassen wir die wenig zukunftsträchtige Festplattenabgabe sein. Durchleuchten wir die Verwertungsgesellschaften bis in den letzten Winkel und konstruieren sie komplett neu. Machen wir die Geldflüsse, Subventionen und Kompensationen für Künstler transparent. Diskutieren wir darüber, wer überhaupt sich Künstler/in nennen darf. Und wozu es Verlage, Labels, Agenturen, Vertriebe, Medienhäuser usw. noch braucht. Stellen wir jedes vermeintliche Grundrecht in Frage, jede Lobby, Partei und Organisationsform und jeden aktuellen Gesetzestext, bringen wir alternative Wirtschafts- und Lebensmodelle ins Spiel, visieren wir ein generelles Grundeinkommen an und schauen uns alle (!) anderen Gesellschaftsbereiche strikt unter dem selben kategorischen Imperativ an. Vielleicht muß Rom ja niedergebrannt werden, bis zur letzten Hütte, bis zum letzten Palast, um Rom neu zu errichten.

Was Beppe Grillo wohl zu dem Vorschlag sagen würde? Nun: ganz pragmatisch plädiere ich dafür, die Festplattenvergütung erst dann zum Ideen-Gerümpel von vorvorgestern zu werfen, wenn die Hausaufgaben gemacht sind. Und die Kreativklientel nicht zwischenzeitlich verhungert ist. Oder zu Berlusconi – als Sinnbild für die notorisch reaktionären, ewig dunklen Kräfte dieses Planeten – übergelaufen.

Die Beislhur’, der erste Herzinfarkt und der letzte Fetzentandler von Wien

23. April 2012

Anmerkungen zur Wiederveröffentlichung zweier legendärer Peter Schleicher-Alben.

Vorweg muss ich gestehen, dass ich beide hier vorliegende Alben – „Hart auf hart“, erstmals erschienen 1979, und „Durch die Wand“, das Nachfolgewerk aus dem Jahr 1982 – zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung offensiv ignoriert habe. Zwar ist mir noch das Cover von „Hart auf hart“ in Erinnerung, dessen siebdruckhafte, schwarz-weisse Schlichtheit die Plakativität und Symbolkraft des zentral ins Bild gerückten Pflastersteins noch verstärkte. Aber eine Austropop-Version der Rolling Stones war so ziemlich das Letzte, wonach ein damals Unter-Zwanzig-Jähriger gierte.

In Österreich hatte gerade, mit der üblichen Verspätung, die Zeitenwende begonnen – hinter sich liess man die siebziger Jahre, die Ära von Glam & Glitter, Art Rock, Disco und lokaler, zumeist unbeholfener Adaptionen internationaler Rock’n’Roll-Vorlagen. Vor einem lagen die Achtziger, das Nachglühen des Punk, die hereinbrechende New Wave (samt der hiesigen Spielart, der Neuen Deutschen Welle), das rasante Vordringen der elektronischen Musik, die allerersten Spurenelemente von Rap und HipHop, Sampling und funktionaler Tanzmusik. Und Peter Schleicher schien’ mir, bei allem Respekt, doch eher ein Vertreter vergangener Konventionen und Werte zu sein als ein Mann, dem die Zukunft gehörte.

Einerseits hatte ich mit meiner juvenil-forschen Einschätzung nicht ganz unrecht, das zeigt – wirklich deutlich wird dies natürlich erst im Rückblick, aus einer zeitlichen Distanz von über dreissig Jahren – der weitere Karriereverlauf von Peter Schleicher. „Hart auf hart“ und „Durch die Wand“ blieben Ausnahmewerke, sowohl ihrem Inhalt nach als auch in punkto Verkaufszahlen. Andererseits galten beide Alben schon recht bald als „legendär“, und sie sind es auch noch heute. Dass ein Wiener Musiker und Sänger so konsequent, stimmig und originell das Schaffen der Herren Jagger und Richards in die Alpenrepublik transferierte, mit einem Augenzwinkern ausstaffierte und mit jeder Menge Lokalkolorit versah, passierte ja nicht alle Tage. Zwar hatten hierzulande schon in den sechziger Jahren „The Vienna Beatles“ den originalen Pilzköpfen aus Liverpool nachgeeifert, später Wolfgang Ambros Bob Dylan ins Wienerische übersetzt („Wie im Schlaf“) und der eine oder andere Austropop- Lokalheroe das eine oder andere Liedlein aus dem Ausland importiert, adaptiert und exekutiert, aber dieses Kalkül hatte so ungeniert noch niemand gezogen. Und ohne Umwege umgesetzt.

Und, ja, es war ein Kalkül. Und zwar nicht jenes von Peter Schleicher. Sondern das seiner Plattenfirma WEA in Gestalt des damaligen Wiener Geschäftsführers Gunter Zitta. Der hatte zuvor bei der Bellaphon gesehen, dass sich mit derbem Zungenschlag und zärtlich-präziser, weil unendlicher Schattierungsfreude mächtiger Mundart ein schönes Geschäft machen liess. Sein Star hiess Wolfgang Ambros. Er hatte den „Urvater des Austropop“ (ein Etikett, gegen das sich Ambros noch heute verbissen wehrt) dem „Atom“-Label, einem Imprint der Schallplattenfirma Amadeo/Polydor – heute Universal – abspenstig gemacht. Und „Wie im Schlaf“, die Übersetzung einiger Songs von Bob Dylan ins Wienerische, hatte Ambros den überraschenden Durchbruch immerhin in Deutschland gebracht. Da ging noch was. Zufälligerweise hatte der Organist von Wolfgang Ambros – erraten: Peter Schleicher – gerade nach Unstimmigkeiten die Band der „Nummer eins vom Wienerwald“ verlassen. Und schien reif für eine eigene Karriere. Was lag näher, als ihm die Adaption des Ouevres der Rollings Stones anzutragen?

„Ich habe das als Job betrachtet“, erzählt Peter Schleicher heute. „Meine Idee war es jedenfalls nicht.“ Wie immer auch: man kann Jobs besser oder schlechter erledigen. Oder exzellent. Das Projekt „Peter Schleicher singt Rolling Stones“, das die nächsten Jahre prägen sollte, darf jedenfalls mit letzterem Prädikat bedacht werden. Auch wenn sich der Übersetzer z.B. weigerte, dem bekanntesten aller Stones-Songs, „Satisfaction“, nahezutreten. Die recht explizite „Beislhur’“, im Original „Honky Tonk Women“, geriet umgehend zum Ö3-Hit, ein aus heutiger Sicht – der strikt durchformatierte, stromlinienförmige Sender lässt heute nur mehr in Ausnahmefällen Dialekt erklingen – erstaunliches Phänomen. Aus „Play With Fire“ wurde „Roll’ mi net“, aus „Jumpin’ Jack Flash“ der „letzte Fetzentandler von Wien“, aus dem „Street Fighting Man“ der „Köch“, ein der tiefsten Seele des Wiener Dialekts entsprungenes Synonym für Ungemach, Wickel, kämpferische Auseinandersetzung, Streit. Es war und ist eben keine Wort-für-Wort-Übersetzung. Schleicher transponierte, transferierte und textete, wie ihm der Schnabel gewachsen war und wonach ihm der Kopf stand. Und es war gut. Es war sogar so gut, dass die Legende vermeldet, dass sich selbst Charlie Watts sachte erkundigt haben soll „What the hell is a Beislhur’?“

Das lässt sich rasch beantworten. Wer aber ist Peter Schleicher? 1945 geboren, gründete der von Internatserziehung und Malaria-Experimenten gepeinigte Nachwuchsmusiker 1967 The Clan, gemeinsam mit dem später zu Ruhm und Ehre gelangten Schauspieler und Sänger Ludwig Hirsch („Dunkelgraue Lieder“) und dem Gitarristen Helmut Novak, der Mitte der siebziger Jahre gemeinsam mit dem Keyboarder Schleicher zu Wolfgang Ambros stossen sollte. Zuvor betrieben beide aber noch die Soul-Rock-Band Plastic Drug, zu der auch Hansi Lang (voc) und die Wiener Lokal-Legende Uzzi Förster (sax) zählten. Von Plastic Drug existieren leider keine Aufnahmen (oder nur Bruchstücke einzelner Titel), von Schleichers knapp drei Jahren im Solde von Wolfgang Ambros ist vieles gut dokumentiert.

Das Zerwürfnis der beiden – Schleicher bestieg eines Tages einfach nicht mehr den Tourbus – hatte unzweifelhaft mit den kargen ökonomischen Bedingungen jener Tage zu tun. Zwar resultierte der Überraschungserfolg von „Hart auf hart“ auch in probaten Gastspiel- und Auftrittsangeboten, Schleicher entfernte sich aber ab Anfang der achtziger Jahre – eventuell unterfüttert durch eine zunehmend alkoholgetränkte Lethargie – mehr und mehr vom Rock’n’Roll-Business. „Mitgespielt hat auch, dass die Plattenfirma meine eigenen Songs nicht mochte.“, erinnert sich Schleicher. „Sie sind zwar unter dem Titel „Fifty-fifty (Wiener Geschichten)“ herausgekommen, gingen aber ziemlich unter.“

Was blieb, war der rote Faden Rolling Stones. Mit bekannten Musikern wie Harri Stojka, Mischa Krausz, Alex Mikulicz, „Bummi“ Fian, Lee Harper u.a.m. hatte Schleicher fähige Mitstreiter im Studio und auch live. A&R-Manager Jeff Maxian sang im Chor. „Durch die Wand“, 1982 – versehen mit einem nicht unauffälligen Covermotiv des Grafikers Manfred Deix – war eine folgerichtige Fortsetzung, aber nicht mehr der ganz grosse Erfolg. Hatte es damit zu tun, dass eine neue Generation von Ö3-Redakteuren – darunter meine Wenigkeit – das Projekt dem längst verwehten Zeitgeist der Siebziger zuschrieb? Oder doch eher mit der nachlassenden
Verve der Record Company?

Mit „Steinzeit“ (1994) und „Rotz & Wasser“ (1998, „Stones zum Hausgebrauch“) erschienen auf Kleinlabels weitere Bearbeitungen und Neuauflagen früherer Versionen, erstere sogar einmalig mit Mick Taylor als prominentem Gast an der Gitarre. Sie blieben Marginalien, sind aber von Rolling Stones-Sammlern im deutschsprachigen Raum nachwievor sehr gesucht. Schleicher, zwischenzeitlich fünffacher Vater geworden, bestritt seinen Lebensunterhalt als Importeur von Booten und Schiffen vornehmlich aus den USA, bevor er wieder zu den Ursprüngen zurückfand. Musical-Produktionen in Wien, Bad Ischl und Berlin waren teils erfolgreich, teils folgenreich, weil finanziell desaströs. Heute hat der eingefleischte Musiker wieder eine Band (Schleicher: „Die beste und angenehmste, die ich je hatte“) um sich geschart und tritt live mit zunehmender Frequenz und Resonanz auf. Natürlich nicht ohne die berühmten Stones-Versionen. Reanimiert, verschärft, frisch bearbeitet.

Dabei haben die alten Stücke, hört man sie heute wieder, kaum Moos angesetzt. „Da Köch“ zum Beispiel ist brisanter denn je. Einmal geht’s noch, lieber Peter Schleicher. Mindestens.

Hart auf hart / Durch die Wand“ erscheint am 23.04.2012 bei Bear Family Records / Lotus.

Kein Aprilscherz

1. April 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (diesmal nicht) Mit der “Vorratsdatenspeicherung” haben sich Politikerinnen und Politiker, die das entsprechende Gesetz unterschrieben haben, eventuell ein ordentliches Ei ins eigene Nest gelegt.

Eventuell wäre es Ihnen gar nicht aufgefallen: diese Kolumne, die Sie gerade am Laptop oder am Tablet Computer (oder gar am Smartphone, da sei bei älteren LeserInnen der Augenarzt vor!) studieren, ist nicht ident mit jener in der Papierausgabe der “Presse am Sonntag”. Auch nicht mit der gut versteckten Online-Version. Ausnahmsweise.

Durch mangelnde Kommunikation hatte ich letzte Woche, wie üblich, meine paar Zeilen geschrieben und rechtzeitig geliefert – nur waren für die Jubiläumsnummer gar keine Kolumnen vorgesehen. Gast-Chefredakteur Tobias Moretti hat sie einfach gestanzt. Und mir hatte das niemand gesagt. Nun: die Anmerkungen zum symbolisch überhöhten Thema “Volkswagen” sind zwischenzeitlich nicht ranzig geworden. Viel Vergnügen bei der Lektüre, sofern Sie das online nicht schon längst erledigt haben!

An dieser Stelle passend erscheint mir der Hinweis, dass regelmässige Blog-Besucher generell im Vorteil sind. Die Web-Version der “Maschinenraum”-Kolumne auf dieser Site ist meist ausführlicher – es gibt hier ja keine Platzprobleme – und aktueller (weil nachträglich aktualisier- und korrigierbar), geht durch absichtsvoll gesetzte Hyperlinks mehr in die Tiefe und wird auch früher ausgeliefert. Aber natürlich greift sich Papier beim sonntäglichen Frühstück für den Grossteil der “Presse”-Leser vertrauter an. Mir soll jede Rezeptionsform recht sein.

Warum ich Ihnen so ausführlich vom Auseinanderklaffen der Print- und Online-Welt erzähle? Weil ich es schade finde, dass das Agenda-Setting darunter leiden muss. Denn natürlich kann eine Kolumne am 1. April 2012 – keine Aprilscherze, bitte! – nur das Thema Vorratsdatenspeicherung abhandeln. Nun haben das meine Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion schon ausführlich, umfassend und in üblicher inhaltlicher Qualität erledigt. Eine Anmerkung aber, die zu diesem leidigen, akuten und hoch brisanten Thema (“Ich habe manchmal den Eindruck, wir werden ähnlich stark überwacht wie seinerzeit die DDR-Bürger von der Stasi“, so der vormalige Verfassungsgerichtshofpräsident Karl Korinek) noch fehlt, hat immerhin einen tröstlichen Aspekt. Allerdings nur für ausgewachsene Zyniker.

Denn die Vorratsdatenspeicherung, kurz VDS, deren grundsätzliche Problematik ich hier wohl nicht mehr darlegen muss, wird wohl niemanden aussparen. Nicht Journalisten, nicht Anwälte, Ärzte oder Priester. Und wohl auch nicht Politiker, Lobbyisten und Wirtschaftstreibende. „Der Generalverdacht beruht offensichtlich auf Gegenseitigkeit“, so ein Poster im Online-„Standard“. Ein anderer ergänzt: „Da auch VDS, wie alles Menschliche, eine Sicherheitslücke aufweist (etwa frustrierte, unterbezahlte Beamte) werden wir sicher bald dank der Leaks erfahren, welcher Politiker wie oft mit welchem Wirtschaftstreibenden telefoniert und mailt. Wie frequentiert die Kommunikationsströme sind. Wir werden erfahren, wo Politiker einkaufen und Urlaub machen. Oder deren Kinder. Aber: wer nichts zu verbergen hat, hat ja auch nichts zu befürchten, oder?“

Das sind ja – ganz unabhängig davon, ob diesem Szenario entsprechende, absehbare Anonymous-Aktivitäten jetzt als April-Scherz entlarvt werden – erschreckende Aussichten. Und sie könnten jenen exponierten, immer mächtiger unter Druck stehenden VolksvertreterInnen, die auf massive Einflussnahme der EU hin die Vorratsdatenspeicherung im Parlament abgezeichnet haben, noch mächtig in die Glieder fahren. Wenn nichts und niemand mehr heilig ist (und, ja, die Privatsphäre sollte privat sein und bleiben, sofern sie nicht zu offensichtlich als Geheimnisbunker für Mauscheleien, Manipulationen und Malversationen dient, die öffentliches Interesse verdienen), lässt Orwell grüssen.

Haben Sie bisweilen auch das Gefühl, „1984“ wird Jahr für Jahr absehbarer, spürbarer, greifbarer? Oder ist das, um bei Orwell zu bleiben, ein blosses Gedankenverbrechen? Miniwahr, Minipax, Minifluss, Minilieb: wer die Papierausgabe der visionären Dystopie nicht im Regal stehen hat, kann ja Google bemühen. Der Suchvorgang bleibt abgespeichert – in Österreich ab sofort sechs Monate lang, im Rechenzentrum der Datenkrake in Übersee wohl ewig und drei Tage.

P.S.1.: Nun ist es vielleicht wirklich eine „paradoxe Intervention“, sich u.a. „auf Facebook über den Grossen Bruder zu empören“, wie ich gerade im sozialen Netzwerk des Bruder Zuckerberg zu lesen bekam. In der Tat! Aber immerhin ist das noch selbstgewählte, selbstbestimmte, ev. selbstquälerisch gesuchte Öffentlichkeit, oder? (Wenn ich die diese Woche vorgestellte Studie „TwitterPolitik – Netzwerke und Themen der politischen Twittersphäre in Österreich” ansehe, kommen mir auch gewisse Zweifel. Sie ist in der Dichtheit der präzisen Beobachtung und Analyse der – freiwillig zur Verfügung gestellten und für jeden offen einsehbaren – Daten erschreckend. Und jede Wette, dass das Papier gerade in Parteizentralen, beim Verfassungsschutz und in diversen Chefetagen intensiv studiert wird…).

P.S.2.: Wenn Sie jetzt nur mehr Flimmern am TV-Bildschirm erblicken: kein Grund schwarzzusehen. Auch der Geheimdienst hat nicht den Antennendraht abgezwickt. Wahrscheinlich gehören Sie noch zu den rund 110.000 ÖsterreicherInnen, die via analogem Satelliten ferngesehen haben. Der SatellitenDienstleister Astra hat mit heutigem Datum die analoge Übertragung eingestellt. Sie müssen dringend – am besten noch heute – auf Digitaldecoder umstellen (wie und wo, kann Ihnen jeder TV-Händler sagen. Oder der ORF-Kundendienst.) Sonst… April, April! Kein Scherz: Sie haben noch einen Monat lang Zeit.

P.S.3.: Unterschreiben!

Die Unerträglichkeit der Makellosigkeit

20. Februar 2012

Es gibt eine Schnittmenge von Kunst und Leben, von Schönheit und Wirkungsmacht, von Pop und Propaganda. Sie sollte über Radiowellen kommunizierbar sein. Anmerkungen zu “We All Yell”, dem Debutalbum der Wiener Band GIANTREE.

Es gibt einen Moment auf diesem Album – und wir nehmen gleich vorweg, dass es das beste Pop-Album in und aus Österreich ist, das Sie in diesem Jahr zu hören bekommen werden –, da verschießen Giantree einen aufgelegten Elfmeter. Verschenken einen potentiellen Hit. Lassen eventuell die Feinspitze jubeln, aber die Ö3-Musikredaktion wieder einmal hängen. Das ist der Moment, wo Track 8 („SmilingDrowningLaughingCrawling“) nach zweiminütigem, unbeirrtem, unbeirrbaren Vorwärtspreschen plötzlich alles fallen und stehen lässt. Wo eine zwingende Hookline in eine gläserne, unwirkliche Slow Motion-Starre übergeht. Wo gerade mal ein wenig Klaviergeklimper den unendlichen Hallraum füllt. Wo ein Bruch stattfindet, wo ihn keiner erwartet hätte. Jedenfalls kein Hitradio-Programmchef. Und das, meine Damen und Herren, ist Ambition. Eventuell sogar Kunst. Große Kunst. Jedenfalls alles andere als stromgeladene Stromlinienförmigkeit.

Aber keine Sorge: „Alternative Mainstream“-Klischees von Brüchigkeit, LoFi-Ästhetik und L’art pour l’art-Notwendigkeiten (hinter denen sich nicht selten Unbeholfenheit, Rat- und Richtungslosigkeit verbergen) erfüllt „We All Yell“ weniger. Dieses Album ist purer Pop. Und deswegen, weil dieser Drang nach dem perfekten dreiminütigen Kunstwerk so selten geworden ist, eine willkommene Ausnahmeerscheinung. Giantree haben für jeden Hit, den sie selbst knapp vor dem Einschlag noch eine elegante, unbedingt gewollte, künstlerisch notwendige Kurve kratzen lassen, zwei weitere Hits in petto. Die dann diesen Umweg nicht nehmen. Und mitten ins Herz treffen. Kategorisch. Punktgenau. Und die auf einem anderen Planeten, in einer idealen Welt in jedem Radio, dessen Propaganda-Material Pop, Pop, Pop ist und nichts anderes, rauf und runter laufen müssten, tagaus, tagein. Und erst recht die ganze Nacht hindurch.

Ja, „We All Yell“ ist wirklich so gut geworden. Beinahe beängstigend gut. Dabei handelt es sich um ein Debutalbum. Einen Erstling. Auch wenn die Band, Giantree, eine Vorgeschichte hat. Die heute unter „Erfahrungsammeln“ archiviert werden darf (und gleich wieder vergessen). Die Geschichte beginnt im Jahre 2010. Eine erste EP unter dem Namen Giantree erscheint. Zum Kern um das Brüderpaar Roland und Hele Maurer findet – über ein Kurzfilmprojekt – die Publizistik-Studentin Ada Joachimsthaler zur Band und schließlich zum Synthesizer und zum Mikrofon. Franziska Kleinschmidt, Studentin an der Angewandten, stösst aus Deutschland und via Inserat zum Bass vor, der Studiobetreiber Konstantin Spork kommt als Studienkollege Roland Maurers an Bord und spielt Schlagzeug. Team komplett.

Eine Akustik-Tour durch alle Bezirke Berlins festigt den frisch zusammengewürfelten Haufen. „Time Loops“ und „Communicate“ entstehen, erste Single-Titel samt Videos (und befreundeten Schauspielern wie Sabrina Reiter und Michael Fuith). Die Radios springen umgehend darauf an – von FM4 in Wien über SoundPortal in Graz bis Radio Fritz in Berlin. Und diese Songs sind es auch, die man kennt. Weil sie z.B. in den FM4 Charts ganz an die Spitze vordringen (was Ö3 nicht stutzig machen sollte, wirklich nicht). Weil sie bei den Live-Konzerten mittlerweile begeistert mitgesungen werden. Weil sie das Potential, das ihnen innewohnt, – Ohrwürmer zu sein – schamlos ausreizen. Was auch „Life Was Young“ gelingen dürfte. „Cobwebbed & Frayed“. „Cascade“. Oder „Nord Rhodes“. Oder… Es gibt hier jede Menge Edelsteine zu entdecken. Sie sind nicht ungeschliffen. Eben nicht. Im Gegenteil.

Die Texte sind dito nicht nebensächlich. Es geht – klarerweise – um existentielle Fragen. Liebe (glücklich/unglücklich), Kommunikation, Tod, Gegenwarts- und Zukunftsängste, Fehleinschätzungen, Nähe und Fernweh, ein ewiges Auf-und-Ab, ein notwendiges Loslassen-Können. Um einen Anfang und ein Ende. Aber wozu druckt man heute noch Booklets und Lyric Sheets, wenn nicht, um dringend Gelegenheiten zur Eigeninterpretation offen zu lassen?

Es gibt übrigens auch ruhige Momente auf „We All Yell“, Interludes, die das Hit-Stakkato in all seiner bestürzenden Makellosigkeit, juvenilen Farbenpracht und ungestümen Opulenz, beinahe ist man versucht zu schreiben: erträglicher machen. Aber dann setzt wieder dieser markante Bass ein, ein Wall von Synthesizern oder auch nur ein atmosphärischer Layer, diese luftige, souveräne Gitarre, die leicht rauhe, selbstbewusste Stimme von Hele Maurer. „Filled with an ocean able to take / ready to give I’m awake…“

Mehr gibt es im Augenblick nicht zu sagen. Wir scheuen nicht davor zurück, es nochmals zu sagen. Außer, vielleicht: es wird die Welt niederreißen. Es wird groß werden. Es wird der Anfang von allem gewesen sein. Das ist die Botschaft, die Dringlichkeit, die Kraft von Pop. Das ist die Botschaft, die Dringlichkeit, die Mission von Giantree. Das ist „We All Yell“.

(Das Album erscheint am 23.03.2012 bei monkey./Rough Trade. Eine Möglichkeit, es zu hören, gibt es schon vorab – hier.)

Shine On You Crazy Diamond

14. Februar 2012

Ohne Geld ka Musi. Das gilt nicht nur für die Musikproduktion, sondern auch für Fernsehprogramme. Der Kultur- & Informations-Kanal ORF III leidet, liest man, schon kurz dem Start an Budgetproblemen. Dem lässt sich mit gutem Willen und klaren inhaltlichen Gewichtungen abhelfen. Ein Plädoyer.

Vor wenigen Tagen habe ich – gemeinsam mit einigen anderen – eine “Pink Floyd Nacht” im Radiokulturhaus inszeniert, die vom Kulturkanal ORF III aufgezeichnet wurde. Einerseits als exemplarische Übung, weil immer wieder (und vollkommen zurecht) beklagt wird, dass der ORF mit Populärkultur eigentlich nicht umzugehen weiss. Andererseits auch, um zu sehen, ob solch eine launige Mixtur aus Musik, Wort und Bewegtbild überhaupt Sinn & Spaß macht. Fazit: sie macht. (Natürlich gab’s auch kritische Stimmen, das sei nicht verschwiegen).

Pink Floyd sind nun ein recht populistisches, aber auch spannendes und generationenumspannendes Topic für einen – immerhin über vier Stunden langen – TV-Pop-Diskurs, trotzdem waren die Erwartungen zunächst nicht allzu hoch. Schliesslich ist ORF III Cross-Promotion in den zwei reichweitenstarken TV-Kanälen des ORF verboten (warum, sollten einem Normalbürger mal die beamteten Juristen der KommAustria beantworten). Und ein paar Hinweise auf Facebook und der eine oder andere launige Hinweis im Radio können natürlich kein Wunder bewirken. Trotzdem herrschte am Tag nach der Ausstrahlung Freude, ja Jubel: 3 Prozent der Fernsehzuseher hatten die “Pink Floyd Nacht” – Höhepunkt: wunderbares Originalmaterial aus dem ORF-Archiv – gesehen. Und das teilweise bis zwei Uhr früh. Das ist für einen Spartenkanal ein beachtlicher Erfolg. Die Quote fiel für diese Zeit etwa dreimal so hoch aus wie üblich. Der vergleichbare, aber millionenschwere Kanal des “Red Bull”-Eigners Dietrich Mateschitz, Servus TV, kommt auf einen (im breiten Bouquet technisch empfangbarer Sender auch durchaus respektablen) durchschnittlichen Marktanteil von 0,7 Prozent. ORF III liegt in der Regel deutlich darüber.

Nun sind Quoten für deklarierte Minderheitenprogramme nur zweitrangig. Insbesondere für Sport-, Kultur- & Informations-Zusatzangebote. Aber natürlich macht niemand Fernsehen, um möglichst wenige oder keine Zuseher zu haben. Im Gegenteil. ORF III ist insofern generell ein beachtlicher Erfolg. Und ein grosser Pluspunkt der Ära Wrabetz. Dass einige Spötter den Kanal als eine Art Mogelpackung, als Potemkinsches Dorf oder gar als “programmiertes Desaster” bezeichnen, weil hauptsächlich Archivmaterial aufbereitet wird (Zielgruppe: > 60-Jährige) und Wiederholungen angesetzt werden, darf als voreilige Polemik gewertet werden. Denn natürlich gibt es auch Eigenproduktionen. Und eine wirklich griffige, breite, sinnmachende Programm-Mixtur muss erst gefunden und bedächtig entwickelt werden. Aber ich gebe zu: auch ich würde mir von einem Angebot wie ORF III mehr Gegenwarts- und Popkultur wünschen. Mehr Experimente. Mehr Quergebürstetes. Mehr Jugend. Und weniger repräsentative oder gar museale Hochkultur. Pink Floyd darf in diesem Zusammenhang nur als aufreizend moderates und relativ risikoloses Signal verstanden werden. Aber: immerhin.

Nun lese ich, noch beflügelt von diesem (pekuniär selbstausbeuterischen) Ausflug in die Fernsehwelt, dass seitens der Direktion “Maschine stop!” durchgesagt wurde. Oder gar die Parole “Maschine retour!”. Denn es fehlt Geld. Geld, um etwa das – immerhin ORF-eigene – Radiokulturhaus als Produktionsstätte nutzen zu können. Für Talk-Sendungen. Für Diskussionen. Für Konzertaufzeichnungen. Und für Produktionen wie die “Pink Floyd Nacht”. Warum das? Weil das Gesamtbudget von ORF III einfach von Beginn an unrealistisch niedrig angesetzt war. Weil die Auslagerung der Produktion an billige, externe TV-Teams nicht reicht. Weil mit einem gewissen technischen und inhaltlichen Anspruch und Mindestniveau exzessives Preisdumping nicht möglich ist. Und weil zwar für einige Sendereihen Sponsoren gefunden wurden, aber längst nicht für alle. Pecunia non olet. Aber das Geld fehlt. Und diese Situation stinkt zum Himmel.

Denn wir sprechen hier von einem Budgetposten in der Höhe des Produktionsbudgets von zwei “Dancing Stars”-Folgen, wie ich dem “Standard” entnehme. Und, ja, es gehört zu den Aufgaben der Führungs-Crew des ORF, zu entscheiden, ob es einem öffentlich-rechtlichen Sender gut ansteht, das eine zugunsten des anderen sein zu lassen. Oder eben auch nicht. Ohne solch einen internen Verteilungskampf von außen kommentieren zu wollen (und weit davon entfernt, ihn auch nur annähernd beeinflussen zu können), erlaube ich mir, die entscheidende Frage an die Leserin, den Leser dieser Zeilen weiterzureichen: wollen Sie, wollen wir mehr “Dancing Stars”, mehr “Chili”, mehr Sido, mehr Formel 1-Übertragungen und mehr US-Fliessband-Serien? Oder wollen Sie, wollen wir auch Alternativen? Kleine, feine, entwicklungsfähige, quotenzwangferne Nischen und Programmzonen wie ORF III?

Meine Antwort liegt auf der Hand. Und ich fände es enorm enttäuschend, wenn man das mit viel Lob, Verve und Stolz gestartete ORF III nun zur Randnotiz erklärt. Zum Billigsberger-Alibi. Zum Kulturfederl, das man sich bei Bedarf gern an den Hut steckt, das aber tunlichst nichts kosten darf. Wenn man überhaupt in einer Mehrklassen-Gesellschaft der freien Produzenten, Mitarbeiter und Gestalter ein gutes Gewissen behalten kann und darf, dann dort. Ein Experimentierfeld muß nicht – oder zumindest nicht immer – Hochglanz-Fernsehen sein. Lernen, Üben, Ausprobieren schreit nicht nach Angestellten-Dasein und teuren Budgets. ORF III kann, nein: müsste ein Biotop der TV-Zukunft sein. Aber auch das kleinste Biotop kommt nicht ohne Sauerstoff aus.

Daher ein schlichter Appell: Herr Wrabetz, Herr Grasl, Frau Zechner, Herr Ströbitzer – schaufeln Sie ein, zwei zusätzliche Millionen frei. Für ORF III. Ohne Zaudern. Mit der x-ten Staffel von “Dancing Stars” werden Sie nicht in die Mediengeschichte dieses Landes eingehen. Mit einem Bekenntnis zu ihrem eigenen, öffentlich-rechtlichen Wunderkind – das in seiner Frühphase generell der Anerkennung und Zuwendung bedarf und bislang mehr als verdient hat – schon eher. Es ist ja nicht das eigene Geld, das Sie da reinstecken. Sondern das der ORF-Gebührenzahler. Und die scheinen mehr übrigen zu haben für derartige “Minderheitenprogramme”, als viele für denkbar und möglich hielten. Und dem vielbeschworenen “Public Value” dient es auch. Zweifellos.

Und wenn es hilft bei der Entscheidungsfindung: eine zweite Sendung nach dem Muster der “Pink Floyd Nacht” aus dem Radiokulturhaus in der Argentinierstrasse liefern wir gratis. Als kleinen Beitrag zur ORF III-Zukunft. Motto: “Shine On You Crazy Diamond”. Auch wenn es auf Dauer nicht ohne realistische Budgetierung, sensible Grundsatzentscheidungen und klare hausinterne Bekenntnisse gehen wird.

L’Etat cest moi!

18. Januar 2012

Dieser Tage läuft ein Film in den Kinos an, dem viele Seher zu wünschen sind – nicht zuletzt, weil er neue Sichtweisen und Einblicke in uralte Menschheitsträume und individuelle Umsetzungsversuche ermöglicht. Paul Poets „Empire Me“: ein Reiseführer.

“Millionen glauben an den Zusammenhang
von Schweiß, Gefühl und Ehrlichkeit
In Wahrheit zählt nur die Kunst des Zitats
In Wahrheit zählt nur der richtige Moment
Am Ende der Etappe
Am Anfang der Zukunft“

(Fehlfarben)

Zwischendurch, ein flüchtiger Moment einer langen filmischen Reise, taucht unvermittelt ein Schild auf. Es ist eine Spruchtafel, wie sie auf jeder Demonstration ins Bild gereckt wird, zusätzlich zur erhobenen Faust und den obligaten Spruchbändern der internationalen Protest-Folklore. Dieses Schild aber sagt etwas Ungewohntes, Ungewöhnliches, Denkwürdiges: „There is no Planet B.“ Es gibt keinen zweiten Planeten wie unseren.

Und ob es ihn gibt. Es gibt diesen Planeten, und auch Planet C, D, E. Und so fort. Sie existieren in der Phantasie. Und bisweilen existieren sie auch real, als Teilkörper des einen grossen Erdenrunds, das wir alle so gut zu kennen glauben. Und doch nicht kennen. Wenn wir uns auf die gängige Definition von Himmelskörpern versteifen, dann sind diese Orte eventuell keine Planeten. Sondern Trabanten. Sternschnuppen. Wunschvorstellungen. Aber sie verdinglichen sich. Bisweilen.

„Im 21. Jahrhundert kämpfen über 500 selbsterklärte Länder am Rande der Globalisierung um das Recht auf ein eigenes Territorien und eigene Lebenregeln. Könige, Piraten, Träumer.“ Die beschwörende Stimme des Narrators nimmt uns sanft bei der Hand. Nimmt uns mit auf eine Irrfahrt, die einen Ausgangspunkt kennt, aber keine klar auszumachenden Endstationen. Nur Etappenziele, Leerräume, Transitbereiche, Zwischenstationen. „Dies ist die Geschichte von sechs solcher Gegenwelten. Sechs Geschichten von der Suche nach Unabhängigkeit.“

Unabhängigkeit wovon? Wofür? Erwin Strauss, Autor von denkwürdigen Büchern wie „How To Start Your Own Country“ oder „Cheap Nukes. Die Konsequenzen billiger Massenvernichtungswaffen“ führt ins Thema ein. Grosse Städte und Nationen geben anno 2011 potentielle Angriffsziele ab, mächtige Armeen und Flotten werden immer unvorteilhafter. Der Trend, sagt Strauss, gehe folgerichtig hin zu Mikro-Nationen. Kleinen, unauffälligen, staatsähnlichen Gebilden und Gemeinschaften, die an der Grenze zur Non-Existenz existieren. „Die Frage ist, ob wir – wenn man den Vergleich zum Untergang des römischen Imperiums ziehen will – im 2. oder 5. Jahrhundert leben.“ Der Untergang des Status Quo, des vertrauten internationalen Machtgefüges ist für Strauss & Co. jedenfalls nur eine Frage der Zeit. Es liegt an uns, rechtzeitig Alternativen zu erkunden. Fluchtorte. Raststationen im Maelstroem von Politik, Gesellschaft, Raum und Zeit.

Schnitt. Station eins: das Fürstentum von Sealand. Lage: sechs Meilen entfernt der Küste von Suffolk, England. Grösse: 500 Quadratmeter. Einwohnerzahl: 2. Unabhängig seit 1967. Da in internationalem Gewässer liegend, als erste anerkannte Mikronation nach internationalem Seerecht. Es ist ein Königreich aus Rost. Eine alte Flak-Plattform aus dem zweiten Weltkrieg. Das Wort des Regenten – er heisst Prince Michael of Sealand, sein Thronfolger Prince James – ist Gesetz. Die Regeln sind einfach. Steuern gibt es keine. Erlaubt ist, was Geld einbringt. Vom Fischfang bis zu Serverfarmen. Red Bull ist auch vertreten, zumindest mit einem Werbebanner. Die Gemahlin des Prinzregenten schläft mit einer Pistole unter dem Kopfpolster. Der Ort wirkt unwirtlich, TV-Bilder zeigen ihn brennend. Inmitten der See. Über Freiheit an und für sich, philosophiert Michael of Sealand an Bord eines schwankenden Bootes, wird zuwenig nachgedacht. Erst wenn sie abgeht, lernt man sie begreifen.

Schnitt. Station zwei: ein Operettenstaat. The Principality of Hutt River. 75 Quadratkilometer, ein vorgeblich souveränes Fürstentum auf dem ehemaligen Straflager-Kontinent Australien. Die Bevölkerung zählt gerade einmal zwanzig Köpfe. Man verweist aber auf eine eigene Polizeigarde, Gerichtsbarkeit, Währung. Und einen Rolls Royce als Dienstfahrzeug von Prinz Leonard Casley. Er ist – l’etat c’est moi! – für die Ernennung von Diplomaten und Repräsentanten von Hutt River verantwortlich, über zweihundert an der Zahl. Und höchstpersönlich auch für die Ausgabe von Briefmarken und Stempeln. Überhaupt ist man auf dem fünften Kontinent, der noch einige Mikrostaatsgebilde mehr beherbergt, in solch banale Insignien der Selbstbestimmung verliebt. Prinz Leonard schlägt gern auch den einen oder anderen Besucher zum Ritter der untraurigen Gestalt. Jesus segnet die Zeremonie vom Ölbild herab.

Station drei verschlägt uns nach Italien. Ins Tal von Piedmont im Norden des Landes. Hier, auf immerhin 75 Quadratkilometern, residieren die Bürger der „Federation of Damanhur“. Ein rundes Tausend. Oder sagen wir so: die oberen Eintausend, die A-Klasse, die, die sich selbst Tier- und Pflanzennamen geben. Alle anderen zählen zu niedrigeren Kasten. Oder gar zu den nur temporären Angehörigen. Zu Touristen in einem „esoterischen Disneyland“, das nur lachende Gesichter kennt. Oder kennen will. Seit 1975 betreibt man dieses Freistaat-ähnliche Gebilde aus spiritueller Kommune, Baumhaus-Siedlungen und unterirdischen Kulträumen, die als Kathedralen und Weiheräume einer eklektisch-lustvollen Religionsklitterung besichtigt werden dürfen. Hier wandeln Sekten-Mitglieder wie aus dem Klischee-Bilderbuch: mit Pflanzen wird kommuniziert und musiziert, die Reise „zur Wiedererweckung der inneren Göttlichkeit“ angetreten, Atlantis und UFOs sind sowieso ein Thema. Und Science Fiction-Apparaturen, die H.R.Giger entworfen haben könnte oder Hermann Hesse in seiner „Glasperlenspiel“-Phase, dienen der Reinigung und Heilung. Bloss: wovon?

Abermals: Schnitt. Schauplatzwechsel. Überraschenderweise nach dem Osten Deutschlands. 18 Hektar Land bei Belzig, achtzig Kilometer entfernt von Berlin. HIer, in einer ehemaligen Missionarsstation, die von den Nazis zum Sportzentrum umfunktioniert worden war und danach von der DDR zum Stasi-Trainingslager, residiert heute das ZEGG. Das „Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung“. Ein Hybrid aus Feriensiedlung, Öko-Versuchslabor, Psychoseminar und Selbsterfahrungsgruppe. Achtzig ständige Mitglieder kennt die Gruppe, Gäste sind herzlich willkommen. Nicht zuletzt, daraus macht man kein Hehl, als potentielle Teilnehmer an absichtsvoll-spontanen erotischen Abenteuern. Die Sexualität steht im Mittelpunkt, Tempel für das „Liebe-Machen mit Gott“ kennt man im ZEGG nicht. Dafür Waldhütten für die Zweisamkeit und Separées für das „Schwimmen in der Ursuppe“, einer Umschreibung für Ölmassagen mit gleitendem Übergang zur Gruppen-Orgie. Ein wenig fühlt man sich an die legendäre Mühl-Kommune im burgenländischen Friedrichshof erinnert.

Christiania dagegen, Drehort No. 5, ist ein Kriegsschauplatz. Ein Ort des permanenten Kleinkriegs zwischen Hippies, Rockern, Säufern, Obdachlosen, Polit-Aktivisten, Dealern, Bikern, Schwulen und Feministinnen. Vereint ist man nur im Kampf gegen die Staatsgewalt, sonst ist es ein Semi-Rat Race zwischen den „Ausradierten des Mainstreams“. Christiania, mehr Freistadt als Freistaat, ein sozialer Vulkan mitten im Zentrum von Kopenhagen, ist 0,34 Quadratkilometer gross und beherbergt eintausend permanente Einwohner. Oder ein paar mehr. Seit 1971. Filmen ist verboten, tut man es doch, wechselt man besser die Strassenseite. Nächtens kippt (im Kontext der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen) die Stimmung, Musik, Tanz, Bier und Demo-Folklore stehen in blitzlichtgrellen Kontrast zu Hubschraubern, Tränengas und beständig kläffenden Polizeihunden. Ein gespenstisches Szenario, das in sich eine absurde, antagonistische Heimeligkeit birgt. Der aktuelle Status Quo: das oberste Gericht entzog Christiania vor kurzem den Unabhängigkeitsstatus, im April 2011 stimmten die Bewohner dem Angebot des Staates Dänemark zu, Grund und Gebäude für umgerechnet 20 Millionen Euro zu kaufen. Utopia for sale. And sold.

Schnitt. Die letzte Station auf der Reise, die die Crew von „Empire Me“ angetreten hat. Und wir mit ihr. Diese Etappe beginnt im Golf von Triest, in Ankaran in Slowenien. Und endet im Canale Grande von Venedig. Zwischen diesen Polen, Luftlinie 100 Meilen, treiben die Schwimmenden Städte von Serenissima. Drei bizarre Flosse, zwischen 31 und 47 Quadratmeter groß. Schrottskulpturen mit Aussenbordmotor, erdacht wie von einem albtraumgeplagten André Heller. Oder dem Regisseur der Fortsetzung von „Waterworld“, dem man „Mad Max“ als Style-Vorlage anempfohlen hat. Die Besatzung, erstaunliche 30 Mann (und Frauen) stark und „völlig pleite“, ist planlos, aber frohgemut. Der slowenische Hafenmeister inspiziert die schwimmenden Objekte, scheut jedoch eine Testfahrt. Es gibt nur rudimentäre Navigationseinrichtungen. Als Vertreter der staatlichen Ordnung gelangt er letztlich zur Einsicht, die Behörde hätte „keine Regeln für Kunst“. Das rettet die Kapitäne und Leichtmatrosen des mikro-utopischen Seespektakels nicht unbedingt vor dem fast sicheren Untergang. Aber: trotz aufkommender Bora-Fallwinde erreicht man Venedig. Es ist eine Lektion in Demut, ein Überlebenskampf in Zeitlupe. In Würde beendet. Mit Stolz und Bravour über die Runden gerettet. Mission Status: completed.

Man wünscht diesem Debut – das bisweilen mehr einer Sequenz von Fieber-Visionen nahekommt als einem herkömmlichen Dokumentarfilm, eventuell auch einem um Gelassenheit bemühten Rodeoritt – nicht nur offene Münder. Sondern offene Augen, Ohren, Ganglienstränge. Und, ja, mindestens eine „Spiegel“- oder „Newsweek“-Titelstory. Dieser Streifen kommt, wie jede instinktiv treffsichere Dokumentation, zum richtigen Zeitpunkt. Eine höhere Metapherndichte für die Enge, zeitgleiche Weite und die dauerhaften Sehnsüchte unserer Gesellschaft wird im aktuellen Filmschaffen schwerlich zu finden sein. Rund um den Globus.

Paul Poet wird seinem Namen gerecht: „Empire Me“ ist eine kühne Reise ins Licht, das Gegenteil einer Erkundungsreise ins Herz der Finsternis, wie sie Joseph Conrad und Francis Ford Coppola beschrieben haben. Da Licht aber den Schatten in sich trägt, muss nicht jede Utopie positiv bewertet werden – zumeist ist es eine Frage subjektiver, unterschiedlich liberaler, ja radikaler Standpunkte und Sichtweisen. Entstanden in fünf Jahren, mit der fixen Idee der mehr als ansatzweisen Auslotung gesellschaftlicher Anti-Pole und Gegenentwürfe im Hinterkopf und Ezzesgebern wie Robert Jelinek („State of Sabotage“) im Talon, beweist „Empire Me“, dass die wahren Abenteuer eben nicht nur im Kopf sind. Aber wenn man sie – um nochmals André Heller zu bemühen – dort nicht sucht, wird man sie auch in der Realität nicht finden. Hier liegen sie, aufgereiht auf einer Perlenkette aus Celluloid und Erzählwut, zum Greifen nahe.

Spotify in Österreich gestartet

15. November 2011

Folge mir auf Spotify

Mehr dazu demnächst in diesem Theater. Stay tuned.

The Quality Of Othmar Is Not Strnen

5. November 2011

Am 10. November 2011 spielen The Mekons in Wien. Im “Chelsea”. Wo sonst auch? Und ich vermute, dass der Auftritt der britischen Punk/Wave-Legenden einen besonderen Grund hat: das 25-Jahre-Jubiläum des Lokals am Wiener Gürtel. Prosit!

Ich bin ein Deadline-Junkie. Es ist ein fataler Fehler, wenn man mir zeitgleich mit der charmant-nachdrücklichen Aufforderung, einen Text zu schreiben („Wos zum 25-Jahr’-Jubiläum, waast eh…“), quasi unbegrenzt Zeit dafür einräumt. Indem man keine Deadline nennt. Indem man das selbst eher legér sieht („…irgendwann im Herbst soll’s erscheinen…“). Indem man mir als Honorar gerade mal eine Flasche Whisky in Aussicht stellt. Wobei: diese Art von Text schreibt man selbstverständlich gänzlich ohne Bezahlung. Als Tribut an das „Chelsea“, keine Frage. Den Whisky nehm’ ich trotzdem, Othmar, und es muß schon eine besonders gereifte, edle, seltene Marke sein.

Denn die Sache ist die: Othmar B. hat mir einst eine Schallplatte stibitzt. Und schuldet mir bis heute ihre Rückgabe. Ich tausche also diesen Text (gratis) und die Platte (teuer, weil selten) – es handelt sich um ein Werk der britischen Punk-Band The Mekons aus dem Jahr 1979 mit dem merkwürdigen Titel „The Quality Of Mercy Is Not Strnen“, das Cover zeigt einen Affen an der Schreibmaschine – gegen einen dreiviertel Liter hochprozentigen Alkohol. Ein schlechter Tausch, meinen Sie? Nein, das geht schon in Ordnung, sage ich. Das geht ganz und gar in Ordnung.

Denn erstens ist damit der Beweis erbracht, daß es sich bei Othmar B., dem „Paten“ des genannten Etablissements, um einen wahrhaftigen Musikfreund handelt. Die Mekons-Platte hat er einst, es muss Anfang bis Mitte der neunziger Jahre gewesen sein, vom Plattenteller weg in seinen Besitz überführt. Als Gelegenheits-DJ, der auch dann und wann im „Chelsea“ für Lärm, Gliederzucken und erhöhten Getränkeumsatz sorgte, fiel mir das nur aus den Augenwinkeln auf. Der Lärm übertönte meinen schwachen Protest. Aber Jahre später hat der gute Mann, dessen Ablenkungsstrategie durch joviale Einladungen zu Alkoholgenuß ich erst spät durchschaute, den Diebstahl gestanden. Er „müsse“ diese Platte einfach besitzen. Er sei ein wirklicher Fan der Mekons. Er hätte keine Alternative gehabt. Und überhaupt. Wer könnte da dagegenhalten? The Quality Of Othmar Is Not Strnen.

Und zweitens bin ich dem Erfinder, Betreiber, Seelenfreund, Grandsigneur und Gelegenheits-Schankburschen des „Chelsea“ auch etwas schuldig. Dank nämlich. Dank dafür, dass er ein Lokal geschaffen hat, das seit den tiefen achtziger Jahren bis heute (und wahrscheinlich für immer) ein Biotop des Rock’n’Roll war, ist und sein wird. Ein Refugium. Eine Anlaufstelle für den unsteten Kerl in uns allen (und Frauen sind hier explizit nicht ausgenommen). Eigentlich die erste Adresse in Wien für einschlägige Aktivitäten und Agglomerationen.

Ich habe im „Chelsea“ wüste Nächte sonder Zahl erlebt. Getrunken, geschmust, gelacht, gelebt, mit Barfrauen gescherzt, Musik um die Ohren geschmettert bekommen, unzählige Konzerte genossen, zigmale die Technics- (und später CD-)Laufwerke bedient, Weihnachts- und Silvesterabende verbracht, den Umzug mitgemacht, die herbe Frischluft am Gürtel eingeatmet, den Whisky durch die Gurgel rinnen lassen. Denn Whisky, probaten, um nicht zu sagen: exzellenten Whisky – über die Musik-Helden und -Moden all der Jahre möchte ich mich nicht äussern, da eint uns wohl eine gewisse Abgeklärtheit – hat der Wirt allemal im Regal stehen. Und schenkt immer kräftig aus. Und ein.

Die Jahre sind ins Land gezogen. Bajlicz, einst Fußball-Profi, fährt heute Jaguar. Gröbchen, einst „MusicBox“- & sonstiger Medien-Profi, hat auf das brotlose Gewerbe der Musikproduktion umgesattelt. Und fährt heute einen verbeulten Mazda. Unter uns: das passt so. Für beide (denn auch der Jaguar ist ein altes Exemplar, allein das hat Stil). Es soll jetzt nur keine Nostalgie – too old to R’n’R, too young to die? – aufkommen.

Aber igendwie geht mir die Idee nicht aus dem Sinn, die Kontaktdatenbank abzufragen, zum Telefon zu greifen und ein Konzert im „Chelsea“ zu organisieren. Mit Jon Langford, Tom Greenhalgh und wer immer noch dabei sein mag von den einstigen Punk-Heroen, wenn man anno 2011 The Mekons engagiert. Vielleicht mach’ ich’s noch (korr.: hat Othmar inzwischen längst erledigt, siehe oben). Solch ein lausiger Text und zwei zugedrückte Augen, was die Retournierung einer verstaubten Vinyl-Trophäe betrifft, können ja nicht alles gewesen sein. Vielleicht zum runden Fünfziger? Pardon, aber für eine Legende ist doch ein Vierteljahrhundert gerade mal eine Fliegenschiss. Also: weitermachen. Und jetzt her mit der Flasche, Othmar! Vom Feinsten. Wie immer.

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