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Die Beislhur’, der erste Herzinfarkt und der letzte Fetzentandler von Wien

23. April 2012

Anmerkungen zur Wiederveröffentlichung zweier legendärer Peter Schleicher-Alben.

Vorweg muss ich gestehen, dass ich beide hier vorliegende Alben – „Hart auf hart“, erstmals erschienen 1979, und „Durch die Wand“, das Nachfolgewerk aus dem Jahr 1982 – zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung offensiv ignoriert habe. Zwar ist mir noch das Cover von „Hart auf hart“ in Erinnerung, dessen siebdruckhafte, schwarz-weisse Schlichtheit die Plakativität und Symbolkraft des zentral ins Bild gerückten Pflastersteins noch verstärkte. Aber eine Austropop-Version der Rolling Stones war so ziemlich das Letzte, wonach ein damals Unter-Zwanzig-Jähriger gierte.

In Österreich hatte gerade, mit der üblichen Verspätung, die Zeitenwende begonnen – hinter sich liess man die siebziger Jahre, die Ära von Glam & Glitter, Art Rock, Disco und lokaler, zumeist unbeholfener Adaptionen internationaler Rock’n’Roll-Vorlagen. Vor einem lagen die Achtziger, das Nachglühen des Punk, die hereinbrechende New Wave (samt der hiesigen Spielart, der Neuen Deutschen Welle), das rasante Vordringen der elektronischen Musik, die allerersten Spurenelemente von Rap und HipHop, Sampling und funktionaler Tanzmusik. Und Peter Schleicher schien’ mir, bei allem Respekt, doch eher ein Vertreter vergangener Konventionen und Werte zu sein als ein Mann, dem die Zukunft gehörte.

Einerseits hatte ich mit meiner juvenil-forschen Einschätzung nicht ganz unrecht, das zeigt – wirklich deutlich wird dies natürlich erst im Rückblick, aus einer zeitlichen Distanz von über dreissig Jahren – der weitere Karriereverlauf von Peter Schleicher. „Hart auf hart“ und „Durch die Wand“ blieben Ausnahmewerke, sowohl ihrem Inhalt nach als auch in punkto Verkaufszahlen. Andererseits galten beide Alben schon recht bald als „legendär“, und sie sind es auch noch heute. Dass ein Wiener Musiker und Sänger so konsequent, stimmig und originell das Schaffen der Herren Jagger und Richards in die Alpenrepublik transferierte, mit einem Augenzwinkern ausstaffierte und mit jeder Menge Lokalkolorit versah, passierte ja nicht alle Tage. Zwar hatten hierzulande schon in den sechziger Jahren „The Vienna Beatles“ den originalen Pilzköpfen aus Liverpool nachgeeifert, später Wolfgang Ambros Bob Dylan ins Wienerische übersetzt („Wie im Schlaf“) und der eine oder andere Austropop- Lokalheroe das eine oder andere Liedlein aus dem Ausland importiert, adaptiert und exekutiert, aber dieses Kalkül hatte so ungeniert noch niemand gezogen. Und ohne Umwege umgesetzt.

Und, ja, es war ein Kalkül. Und zwar nicht jenes von Peter Schleicher. Sondern das seiner Plattenfirma WEA in Gestalt des damaligen Wiener Geschäftsführers Gunter Zitta. Der hatte zuvor bei der Bellaphon gesehen, dass sich mit derbem Zungenschlag und zärtlich-präziser, weil unendlicher Schattierungsfreude mächtiger Mundart ein schönes Geschäft machen liess. Sein Star hiess Wolfgang Ambros. Er hatte den „Urvater des Austropop“ (ein Etikett, gegen das sich Ambros noch heute verbissen wehrt) dem „Atom“-Label, einem Imprint der Schallplattenfirma Amadeo/Polydor – heute Universal – abspenstig gemacht. Und „Wie im Schlaf“, die Übersetzung einiger Songs von Bob Dylan ins Wienerische, hatte Ambros den überraschenden Durchbruch immerhin in Deutschland gebracht. Da ging noch was. Zufälligerweise hatte der Organist von Wolfgang Ambros – erraten: Peter Schleicher – gerade nach Unstimmigkeiten die Band der „Nummer eins vom Wienerwald“ verlassen. Und schien reif für eine eigene Karriere. Was lag näher, als ihm die Adaption des Ouevres der Rollings Stones anzutragen?

„Ich habe das als Job betrachtet“, erzählt Peter Schleicher heute. „Meine Idee war es jedenfalls nicht.“ Wie immer auch: man kann Jobs besser oder schlechter erledigen. Oder exzellent. Das Projekt „Peter Schleicher singt Rolling Stones“, das die nächsten Jahre prägen sollte, darf jedenfalls mit letzterem Prädikat bedacht werden. Auch wenn sich der Übersetzer z.B. weigerte, dem bekanntesten aller Stones-Songs, „Satisfaction“, nahezutreten. Die recht explizite „Beislhur’“, im Original „Honky Tonk Women“, geriet umgehend zum Ö3-Hit, ein aus heutiger Sicht – der strikt durchformatierte, stromlinienförmige Sender lässt heute nur mehr in Ausnahmefällen Dialekt erklingen – erstaunliches Phänomen. Aus „Play With Fire“ wurde „Roll’ mi net“, aus „Jumpin’ Jack Flash“ der „letzte Fetzentandler von Wien“, aus dem „Street Fighting Man“ der „Köch“, ein der tiefsten Seele des Wiener Dialekts entsprungenes Synonym für Ungemach, Wickel, kämpferische Auseinandersetzung, Streit. Es war und ist eben keine Wort-für-Wort-Übersetzung. Schleicher transponierte, transferierte und textete, wie ihm der Schnabel gewachsen war und wonach ihm der Kopf stand. Und es war gut. Es war sogar so gut, dass die Legende vermeldet, dass sich selbst Charlie Watts sachte erkundigt haben soll „What the hell is a Beislhur’?“

Das lässt sich rasch beantworten. Wer aber ist Peter Schleicher? 1945 geboren, gründete der von Internatserziehung und Malaria-Experimenten gepeinigte Nachwuchsmusiker 1967 The Clan, gemeinsam mit dem später zu Ruhm und Ehre gelangten Schauspieler und Sänger Ludwig Hirsch („Dunkelgraue Lieder“) und dem Gitarristen Helmut Novak, der Mitte der siebziger Jahre gemeinsam mit dem Keyboarder Schleicher zu Wolfgang Ambros stossen sollte. Zuvor betrieben beide aber noch die Soul-Rock-Band Plastic Drug, zu der auch Hansi Lang (voc) und die Wiener Lokal-Legende Uzzi Förster (sax) zählten. Von Plastic Drug existieren leider keine Aufnahmen (oder nur Bruchstücke einzelner Titel), von Schleichers knapp drei Jahren im Solde von Wolfgang Ambros ist vieles gut dokumentiert.

Das Zerwürfnis der beiden – Schleicher bestieg eines Tages einfach nicht mehr den Tourbus – hatte unzweifelhaft mit den kargen ökonomischen Bedingungen jener Tage zu tun. Zwar resultierte der Überraschungserfolg von „Hart auf hart“ auch in probaten Gastspiel- und Auftrittsangeboten, Schleicher entfernte sich aber ab Anfang der achtziger Jahre – eventuell unterfüttert durch eine zunehmend alkoholgetränkte Lethargie – mehr und mehr vom Rock’n’Roll-Business. „Mitgespielt hat auch, dass die Plattenfirma meine eigenen Songs nicht mochte.“, erinnert sich Schleicher. „Sie sind zwar unter dem Titel „Fifty-fifty (Wiener Geschichten)“ herausgekommen, gingen aber ziemlich unter.“

Was blieb, war der rote Faden Rolling Stones. Mit bekannten Musikern wie Harri Stojka, Mischa Krausz, Alex Mikulicz, „Bummi“ Fian, Lee Harper u.a.m. hatte Schleicher fähige Mitstreiter im Studio und auch live. A&R-Manager Jeff Maxian sang im Chor. „Durch die Wand“, 1982 – versehen mit einem nicht unauffälligen Covermotiv des Grafikers Manfred Deix – war eine folgerichtige Fortsetzung, aber nicht mehr der ganz grosse Erfolg. Hatte es damit zu tun, dass eine neue Generation von Ö3-Redakteuren – darunter meine Wenigkeit – das Projekt dem längst verwehten Zeitgeist der Siebziger zuschrieb? Oder doch eher mit der nachlassenden
Verve der Record Company?

Mit „Steinzeit“ (1994) und „Rotz & Wasser“ (1998, „Stones zum Hausgebrauch“) erschienen auf Kleinlabels weitere Bearbeitungen und Neuauflagen früherer Versionen, erstere sogar einmalig mit Mick Taylor als prominentem Gast an der Gitarre. Sie blieben Marginalien, sind aber von Rolling Stones-Sammlern im deutschsprachigen Raum nachwievor sehr gesucht. Schleicher, zwischenzeitlich fünffacher Vater geworden, bestritt seinen Lebensunterhalt als Importeur von Booten und Schiffen vornehmlich aus den USA, bevor er wieder zu den Ursprüngen zurückfand. Musical-Produktionen in Wien, Bad Ischl und Berlin waren teils erfolgreich, teils folgenreich, weil finanziell desaströs. Heute hat der eingefleischte Musiker wieder eine Band (Schleicher: „Die beste und angenehmste, die ich je hatte“) um sich geschart und tritt live mit zunehmender Frequenz und Resonanz auf. Natürlich nicht ohne die berühmten Stones-Versionen. Reanimiert, verschärft, frisch bearbeitet.

Dabei haben die alten Stücke, hört man sie heute wieder, kaum Moos angesetzt. „Da Köch“ zum Beispiel ist brisanter denn je. Einmal geht’s noch, lieber Peter Schleicher. Mindestens.

Hart auf hart / Durch die Wand“ erscheint am 23.04.2012 bei Bear Family Records / Lotus.

Kein Aprilscherz

1. April 2012

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (diesmal nicht) Mit der “Vorratsdatenspeicherung” haben sich Politikerinnen und Politiker, die das entsprechende Gesetz unterschrieben haben, eventuell ein ordentliches Ei ins eigene Nest gelegt.

Eventuell wäre es Ihnen gar nicht aufgefallen: diese Kolumne, die Sie gerade am Laptop oder am Tablet Computer (oder gar am Smartphone, da sei bei älteren LeserInnen der Augenarzt vor!) studieren, ist nicht ident mit jener in der Papierausgabe der “Presse am Sonntag”. Auch nicht mit der gut versteckten Online-Version. Ausnahmsweise.

Durch mangelnde Kommunikation hatte ich letzte Woche, wie üblich, meine paar Zeilen geschrieben und rechtzeitig geliefert – nur waren für die Jubiläumsnummer gar keine Kolumnen vorgesehen. Gast-Chefredakteur Tobias Moretti hat sie einfach gestanzt. Und mir hatte das niemand gesagt. Nun: die Anmerkungen zum symbolisch überhöhten Thema “Volkswagen” sind zwischenzeitlich nicht ranzig geworden. Viel Vergnügen bei der Lektüre, sofern Sie das online nicht schon längst erledigt haben!

An dieser Stelle passend erscheint mir der Hinweis, dass regelmässige Blog-Besucher generell im Vorteil sind. Die Web-Version der “Maschinenraum”-Kolumne auf dieser Site ist meist ausführlicher – es gibt hier ja keine Platzprobleme – und aktueller (weil nachträglich aktualisier- und korrigierbar), geht durch absichtsvoll gesetzte Hyperlinks mehr in die Tiefe und wird auch früher ausgeliefert. Aber natürlich greift sich Papier beim sonntäglichen Frühstück für den Grossteil der “Presse”-Leser vertrauter an. Mir soll jede Rezeptionsform recht sein.

Warum ich Ihnen so ausführlich vom Auseinanderklaffen der Print- und Online-Welt erzähle? Weil ich es schade finde, dass das Agenda-Setting darunter leiden muss. Denn natürlich kann eine Kolumne am 1. April 2012 – keine Aprilscherze, bitte! – nur das Thema Vorratsdatenspeicherung abhandeln. Nun haben das meine Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion schon ausführlich, umfassend und in üblicher inhaltlicher Qualität erledigt. Eine Anmerkung aber, die zu diesem leidigen, akuten und hoch brisanten Thema (“Ich habe manchmal den Eindruck, wir werden ähnlich stark überwacht wie seinerzeit die DDR-Bürger von der Stasi“, so der vormalige Verfassungsgerichtshofpräsident Karl Korinek) noch fehlt, hat immerhin einen tröstlichen Aspekt. Allerdings nur für ausgewachsene Zyniker.

Denn die Vorratsdatenspeicherung, kurz VDS, deren grundsätzliche Problematik ich hier wohl nicht mehr darlegen muss, wird wohl niemanden aussparen. Nicht Journalisten, nicht Anwälte, Ärzte oder Priester. Und wohl auch nicht Politiker, Lobbyisten und Wirtschaftstreibende. „Der Generalverdacht beruht offensichtlich auf Gegenseitigkeit“, so ein Poster im Online-„Standard“. Ein anderer ergänzt: „Da auch VDS, wie alles Menschliche, eine Sicherheitslücke aufweist (etwa frustrierte, unterbezahlte Beamte) werden wir sicher bald dank der Leaks erfahren, welcher Politiker wie oft mit welchem Wirtschaftstreibenden telefoniert und mailt. Wie frequentiert die Kommunikationsströme sind. Wir werden erfahren, wo Politiker einkaufen und Urlaub machen. Oder deren Kinder. Aber: wer nichts zu verbergen hat, hat ja auch nichts zu befürchten, oder?“

Das sind ja – ganz unabhängig davon, ob diesem Szenario entsprechende, absehbare Anonymous-Aktivitäten jetzt als April-Scherz entlarvt werden – erschreckende Aussichten. Und sie könnten jenen exponierten, immer mächtiger unter Druck stehenden VolksvertreterInnen, die auf massive Einflussnahme der EU hin die Vorratsdatenspeicherung im Parlament abgezeichnet haben, noch mächtig in die Glieder fahren. Wenn nichts und niemand mehr heilig ist (und, ja, die Privatsphäre sollte privat sein und bleiben, sofern sie nicht zu offensichtlich als Geheimnisbunker für Mauscheleien, Manipulationen und Malversationen dient, die öffentliches Interesse verdienen), lässt Orwell grüssen.

Haben Sie bisweilen auch das Gefühl, „1984“ wird Jahr für Jahr absehbarer, spürbarer, greifbarer? Oder ist das, um bei Orwell zu bleiben, ein blosses Gedankenverbrechen? Miniwahr, Minipax, Minifluss, Minilieb: wer die Papierausgabe der visionären Dystopie nicht im Regal stehen hat, kann ja Google bemühen. Der Suchvorgang bleibt abgespeichert – in Österreich ab sofort sechs Monate lang, im Rechenzentrum der Datenkrake in Übersee wohl ewig und drei Tage.

P.S.1.: Nun ist es vielleicht wirklich eine „paradoxe Intervention“, sich u.a. „auf Facebook über den Grossen Bruder zu empören“, wie ich gerade im sozialen Netzwerk des Bruder Zuckerberg zu lesen bekam. In der Tat! Aber immerhin ist das noch selbstgewählte, selbstbestimmte, ev. selbstquälerisch gesuchte Öffentlichkeit, oder? (Wenn ich die diese Woche vorgestellte Studie „TwitterPolitik – Netzwerke und Themen der politischen Twittersphäre in Österreich” ansehe, kommen mir auch gewisse Zweifel. Sie ist in der Dichtheit der präzisen Beobachtung und Analyse der – freiwillig zur Verfügung gestellten und für jeden offen einsehbaren – Daten erschreckend. Und jede Wette, dass das Papier gerade in Parteizentralen, beim Verfassungsschutz und in diversen Chefetagen intensiv studiert wird…).

P.S.2.: Wenn Sie jetzt nur mehr Flimmern am TV-Bildschirm erblicken: kein Grund schwarzzusehen. Auch der Geheimdienst hat nicht den Antennendraht abgezwickt. Wahrscheinlich gehören Sie noch zu den rund 110.000 ÖsterreicherInnen, die via analogem Satelliten ferngesehen haben. Der SatellitenDienstleister Astra hat mit heutigem Datum die analoge Übertragung eingestellt. Sie müssen dringend – am besten noch heute – auf Digitaldecoder umstellen (wie und wo, kann Ihnen jeder TV-Händler sagen. Oder der ORF-Kundendienst.) Sonst… April, April! Kein Scherz: Sie haben noch einen Monat lang Zeit.

P.S.3.: Unterschreiben!

Die Unerträglichkeit der Makellosigkeit

20. Februar 2012

Es gibt eine Schnittmenge von Kunst und Leben, von Schönheit und Wirkungsmacht, von Pop und Propaganda. Sie sollte über Radiowellen kommunizierbar sein. Anmerkungen zu “We All Yell”, dem Debutalbum der Wiener Band GIANTREE.

Es gibt einen Moment auf diesem Album – und wir nehmen gleich vorweg, dass es das beste Pop-Album in und aus Österreich ist, das Sie in diesem Jahr zu hören bekommen werden –, da verschießen Giantree einen aufgelegten Elfmeter. Verschenken einen potentiellen Hit. Lassen eventuell die Feinspitze jubeln, aber die Ö3-Musikredaktion wieder einmal hängen. Das ist der Moment, wo Track 8 („SmilingDrowningLaughingCrawling“) nach zweiminütigem, unbeirrtem, unbeirrbaren Vorwärtspreschen plötzlich alles fallen und stehen lässt. Wo eine zwingende Hookline in eine gläserne, unwirkliche Slow Motion-Starre übergeht. Wo gerade mal ein wenig Klaviergeklimper den unendlichen Hallraum füllt. Wo ein Bruch stattfindet, wo ihn keiner erwartet hätte. Jedenfalls kein Hitradio-Programmchef. Und das, meine Damen und Herren, ist Ambition. Eventuell sogar Kunst. Große Kunst. Jedenfalls alles andere als stromgeladene Stromlinienförmigkeit.

Aber keine Sorge: „Alternative Mainstream“-Klischees von Brüchigkeit, LoFi-Ästhetik und L’art pour l’art-Notwendigkeiten (hinter denen sich nicht selten Unbeholfenheit, Rat- und Richtungslosigkeit verbergen) erfüllt „We All Yell“ weniger. Dieses Album ist purer Pop. Und deswegen, weil dieser Drang nach dem perfekten dreiminütigen Kunstwerk so selten geworden ist, eine willkommene Ausnahmeerscheinung. Giantree haben für jeden Hit, den sie selbst knapp vor dem Einschlag noch eine elegante, unbedingt gewollte, künstlerisch notwendige Kurve kratzen lassen, zwei weitere Hits in petto. Die dann diesen Umweg nicht nehmen. Und mitten ins Herz treffen. Kategorisch. Punktgenau. Und die auf einem anderen Planeten, in einer idealen Welt in jedem Radio, dessen Propaganda-Material Pop, Pop, Pop ist und nichts anderes, rauf und runter laufen müssten, tagaus, tagein. Und erst recht die ganze Nacht hindurch.

Ja, „We All Yell“ ist wirklich so gut geworden. Beinahe beängstigend gut. Dabei handelt es sich um ein Debutalbum. Einen Erstling. Auch wenn die Band, Giantree, eine Vorgeschichte hat. Die heute unter „Erfahrungsammeln“ archiviert werden darf (und gleich wieder vergessen). Die Geschichte beginnt im Jahre 2010. Eine erste EP unter dem Namen Giantree erscheint. Zum Kern um das Brüderpaar Roland und Hele Maurer findet – über ein Kurzfilmprojekt – die Publizistik-Studentin Ada Joachimsthaler zur Band und schließlich zum Synthesizer und zum Mikrofon. Franziska Kleinschmidt, Studentin an der Angewandten, stösst aus Deutschland und via Inserat zum Bass vor, der Studiobetreiber Konstantin Spork kommt als Studienkollege Roland Maurers an Bord und spielt Schlagzeug. Team komplett.

Eine Akustik-Tour durch alle Bezirke Berlins festigt den frisch zusammengewürfelten Haufen. „Time Loops“ und „Communicate“ entstehen, erste Single-Titel samt Videos (und befreundeten Schauspielern wie Sabrina Reiter und Michael Fuith). Die Radios springen umgehend darauf an – von FM4 in Wien über SoundPortal in Graz bis Radio Fritz in Berlin. Und diese Songs sind es auch, die man kennt. Weil sie z.B. in den FM4 Charts ganz an die Spitze vordringen (was Ö3 nicht stutzig machen sollte, wirklich nicht). Weil sie bei den Live-Konzerten mittlerweile begeistert mitgesungen werden. Weil sie das Potential, das ihnen innewohnt, – Ohrwürmer zu sein – schamlos ausreizen. Was auch „Life Was Young“ gelingen dürfte. „Cobwebbed & Frayed“. „Cascade“. Oder „Nord Rhodes“. Oder… Es gibt hier jede Menge Edelsteine zu entdecken. Sie sind nicht ungeschliffen. Eben nicht. Im Gegenteil.

Die Texte sind dito nicht nebensächlich. Es geht – klarerweise – um existentielle Fragen. Liebe (glücklich/unglücklich), Kommunikation, Tod, Gegenwarts- und Zukunftsängste, Fehleinschätzungen, Nähe und Fernweh, ein ewiges Auf-und-Ab, ein notwendiges Loslassen-Können. Um einen Anfang und ein Ende. Aber wozu druckt man heute noch Booklets und Lyric Sheets, wenn nicht, um dringend Gelegenheiten zur Eigeninterpretation offen zu lassen?

Es gibt übrigens auch ruhige Momente auf „We All Yell“, Interludes, die das Hit-Stakkato in all seiner bestürzenden Makellosigkeit, juvenilen Farbenpracht und ungestümen Opulenz, beinahe ist man versucht zu schreiben: erträglicher machen. Aber dann setzt wieder dieser markante Bass ein, ein Wall von Synthesizern oder auch nur ein atmosphärischer Layer, diese luftige, souveräne Gitarre, die leicht rauhe, selbstbewusste Stimme von Hele Maurer. „Filled with an ocean able to take / ready to give I’m awake…“

Mehr gibt es im Augenblick nicht zu sagen. Wir scheuen nicht davor zurück, es nochmals zu sagen. Außer, vielleicht: es wird die Welt niederreißen. Es wird groß werden. Es wird der Anfang von allem gewesen sein. Das ist die Botschaft, die Dringlichkeit, die Kraft von Pop. Das ist die Botschaft, die Dringlichkeit, die Mission von Giantree. Das ist „We All Yell“.

(Das Album erscheint am 23.03.2012 bei monkey./Rough Trade. Eine Möglichkeit, es zu hören, gibt es schon vorab – hier.)

Shine On You Crazy Diamond

14. Februar 2012

Ohne Geld ka Musi. Das gilt nicht nur für die Musikproduktion, sondern auch für Fernsehprogramme. Der Kultur- & Informations-Kanal ORF III leidet, liest man, schon kurz dem Start an Budgetproblemen. Dem lässt sich mit gutem Willen und klaren inhaltlichen Gewichtungen abhelfen. Ein Plädoyer.

Vor wenigen Tagen habe ich – gemeinsam mit einigen anderen – eine “Pink Floyd Nacht” im Radiokulturhaus inszeniert, die vom Kulturkanal ORF III aufgezeichnet wurde. Einerseits als exemplarische Übung, weil immer wieder (und vollkommen zurecht) beklagt wird, dass der ORF mit Populärkultur eigentlich nicht umzugehen weiss. Andererseits auch, um zu sehen, ob solch eine launige Mixtur aus Musik, Wort und Bewegtbild überhaupt Sinn & Spaß macht. Fazit: sie macht. (Natürlich gab’s auch kritische Stimmen, das sei nicht verschwiegen).

Pink Floyd sind nun ein recht populistisches, aber auch spannendes und generationenumspannendes Topic für einen – immerhin über vier Stunden langen – TV-Pop-Diskurs, trotzdem waren die Erwartungen zunächst nicht allzu hoch. Schliesslich ist ORF III Cross-Promotion in den zwei reichweitenstarken TV-Kanälen des ORF verboten (warum, sollten einem Normalbürger mal die beamteten Juristen der KommAustria beantworten). Und ein paar Hinweise auf Facebook und der eine oder andere launige Hinweis im Radio können natürlich kein Wunder bewirken. Trotzdem herrschte am Tag nach der Ausstrahlung Freude, ja Jubel: 3 Prozent der Fernsehzuseher hatten die “Pink Floyd Nacht” – Höhepunkt: wunderbares Originalmaterial aus dem ORF-Archiv – gesehen. Und das teilweise bis zwei Uhr früh. Das ist für einen Spartenkanal ein beachtlicher Erfolg. Die Quote fiel für diese Zeit etwa dreimal so hoch aus wie üblich. Der vergleichbare, aber millionenschwere Kanal des “Red Bull”-Eigners Dietrich Mateschitz, Servus TV, kommt auf einen (im breiten Bouquet technisch empfangbarer Sender auch durchaus respektablen) durchschnittlichen Marktanteil von 0,7 Prozent. ORF III liegt in der Regel deutlich darüber.

Nun sind Quoten für deklarierte Minderheitenprogramme nur zweitrangig. Insbesondere für Sport-, Kultur- & Informations-Zusatzangebote. Aber natürlich macht niemand Fernsehen, um möglichst wenige oder keine Zuseher zu haben. Im Gegenteil. ORF III ist insofern generell ein beachtlicher Erfolg. Und ein grosser Pluspunkt der Ära Wrabetz. Dass einige Spötter den Kanal als eine Art Mogelpackung, als Potemkinsches Dorf oder gar als “programmiertes Desaster” bezeichnen, weil hauptsächlich Archivmaterial aufbereitet wird (Zielgruppe: > 60-Jährige) und Wiederholungen angesetzt werden, darf als voreilige Polemik gewertet werden. Denn natürlich gibt es auch Eigenproduktionen. Und eine wirklich griffige, breite, sinnmachende Programm-Mixtur muss erst gefunden und bedächtig entwickelt werden. Aber ich gebe zu: auch ich würde mir von einem Angebot wie ORF III mehr Gegenwarts- und Popkultur wünschen. Mehr Experimente. Mehr Quergebürstetes. Mehr Jugend. Und weniger repräsentative oder gar museale Hochkultur. Pink Floyd darf in diesem Zusammenhang nur als relativ risikoloses Signal verstanden werden. Aber: immerhin.

Nun lese ich, noch beflügelt von diesem (pekuniär selbstausbeuterischen) Ausflug in die Fernsehwelt, dass seitens der Direktion “Maschine stop!” durchgesagt wurde. Oder gar die Parole “Maschine retour!”. Denn es fehlt Geld. Geld, um etwa das – immerhin ORF-eigene – Radiokulturhaus als Produktionsstätte nutzen zu können. Für Talk-Sendungen. Für Diskussionen. Für Konzertaufzeichnungen. Und für Produktionen wie die “Pink Floyd Nacht”. Warum das? Weil das Gesamtbudget von ORF III einfach von Beginn an unrealistisch niedrig angesetzt war. Weil die Auslagerung der Produktion an billige, externe TV-Teams nicht reicht. Weil mit einem gewissen technischen und inhaltlichen Anspruch und Mindestniveau exzessives Preisdumping nicht möglich ist. Und weil zwar für einige Sendereihen Sponsoren gefunden wurden, aber längst nicht für alle. Pecunia non olet. Aber das Geld fehlt. Und diese Situation stinkt zum Himmel.

Denn wir sprechen hier von einem Budgetposten in der Höhe des Produktionsbudgets von zwei “Dancing Stars”-Folgen, wie ich dem “Standard” entnehme. Und, ja, es gehört zu den Aufgaben der Führungs-Crew des ORF, zu entscheiden, ob es einem öffentlich-rechtlichen Sender gut ansteht, das eine zugunsten des anderen sein zu lassen. Oder eben auch nicht. Ohne solch einen internen Verteilungskampf von außen kommentieren zu wollen (und weit davon entfernt, ihn auch nur annähernd beeinflussen zu können), erlaube ich mir, die entscheidende Frage an die Leserin, den Leser dieser Zeilen weiterzureichen: wollen Sie, wollen wir mehr “Dancing Stars”, mehr “Chili”, mehr Sido, mehr Formel 1-Übertragungen und mehr US-Fliessband-Serien? Oder wollen Sie, wollen wir auch Alternativen? Kleine, feine, entwicklungsfähige, quotenzwangferne Nischen und Programmzonen wie ORF III?

Meine Antwort liegt auf der Hand. Und ich fände es enorm enttäuschend, wenn man das mit viel Lob, Verve und Stolz gestartete ORF III nun zur Randnotiz erklärt. Zum Billigsberger-Alibi. Zum Kulturfederl, das man sich bei Bedarf gern an den Hut steckt, das aber tunlichst nichts kosten darf. Wenn man überhaupt in einer Mehrklassen-Gesellschaft der freien Produzenten, Mitarbeiter und Gestalter ein gutes Gewissen behalten kann und darf, dann dort. Ein Experimentierfeld muß nicht – oder zumindest nicht immer – Hochglanz-Fernsehen sein. Lernen, Üben, Ausprobieren schreit nicht nach Angestellten-Dasein und teuren Budgets. ORF III kann, nein: müsste ein Biotop der TV-Zukunft sein. Aber auch das kleinste Biotop kommt nicht ohne Sauerstoff aus.

Daher ein schlichter Appell: Herr Wrabetz, Herr Grasl, Frau Zechner, Herr Ströbitzer – schaufeln Sie ein, zwei zusätzliche Millionen frei. Für ORF III. Ohne Zaudern. Mit der x-ten Staffel von “Dancing Stars” werden Sie nicht in die Mediengeschichte dieses Landes eingehen. Mit einem Bekenntnis zu ihrem eigenen, öffentlich-rechtlichen Wunderkind – das in seiner Frühphase generell der Anerkennung und Zuwendung bedarf und bislang mehr als verdient hat – schon eher. Es ist ja nicht das eigene Geld, das Sie da reinstecken. Sondern das der ORF-Gebührenzahler. Und die scheinen mehr übrigen zu haben für derartige “Minderheitenprogramme”, als viele für denkbar und möglich hielten. Und dem vielbeschworenen “Public Value” dient es auch. Zweifellos.

Und wenn es hilft bei der Entscheidungsfindung: eine zweite Sendung nach dem Muster der “Pink Floyd Nacht” aus dem Radiokulturhaus in der Argentinierstrasse liefern wir gratis. Als kleinen Beitrag zur ORF III-Zukunft. Motto: “Shine On You Crazy Diamond”. Auch wenn es auf Dauer nicht ohne realistische Budgetierung, sensible Grundsatzentscheidungen und klares hausinternes Bekenntnis gehen wird.

L’Etat cest moi!

18. Januar 2012

Dieser Tage läuft ein Film in den Kinos an, dem viele Seher zu wünschen sind – nicht zuletzt, weil er neue Sichtweisen und Einblicke in uralte Menschheitsträume und individuelle Umsetzungsversuche ermöglicht. Paul Poets „Empire Me“: ein Reiseführer.

“Millionen glauben an den Zusammenhang
von Schweiß, Gefühl und Ehrlichkeit
In Wahrheit zählt nur die Kunst des Zitats
In Wahrheit zählt nur der richtige Moment
Am Ende der Etappe
Am Anfang der Zukunft“

(Fehlfarben)

Zwischendurch, ein flüchtiger Moment einer langen filmischen Reise, taucht unvermittelt ein Schild auf. Es ist eine Spruchtafel, wie sie auf jeder Demonstration ins Bild gereckt wird, zusätzlich zur erhobenen Faust und den obligaten Spruchbändern der internationalen Protest-Folklore. Dieses Schild aber sagt etwas Ungewohntes, Ungewöhnliches, Denkwürdiges: „There is no Planet B.“ Es gibt keinen zweiten Planeten wie unseren.

Und ob es ihn gibt. Es gibt diesen Planeten, und auch Planet C, D, E. Und so fort. Sie existieren in der Phantasie. Und bisweilen existieren sie auch real, als Teilkörper des einen grossen Erdenrunds, das wir alle so gut zu kennen glauben. Und doch nicht kennen. Wenn wir uns auf die gängige Definition von Himmelskörpern versteifen, dann sind diese Orte eventuell keine Planeten. Sondern Trabanten. Sternschnuppen. Wunschvorstellungen. Aber sie verdinglichen sich. Bisweilen.

„Im 21. Jahrhundert kämpfen über 500 selbsterklärte Länder am Rande der Globalisierung um das Recht auf ein eigenes Territorien und eigene Lebenregeln. Könige, Piraten, Träumer.“ Die beschwörende Stimme des Narrators nimmt uns sanft bei der Hand. Nimmt uns mit auf eine Irrfahrt, die einen Ausgangspunkt kennt, aber keine klar auszumachenden Endstationen. Nur Etappenziele, Leerräume, Transitbereiche, Zwischenstationen. „Dies ist die Geschichte von sechs solcher Gegenwelten. Sechs Geschichten von der Suche nach Unabhängigkeit.“

Unabhängigkeit wovon? Wofür? Erwin Strauss, Autor von denkwürdigen Büchern wie „How To Start Your Own Country“ oder „Cheap Nukes. Die Konsequenzen billiger Massenvernichtungswaffen“ führt ins Thema ein. Grosse Städte und Nationen geben anno 2011 potentielle Angriffsziele ab, mächtige Armeen und Flotten werden immer unvorteilhafter. Der Trend, sagt Strauss, gehe folgerichtig hin zu Mikro-Nationen. Kleinen, unauffälligen, staatsähnlichen Gebilden und Gemeinschaften, die an der Grenze zur Non-Existenz existieren. „Die Frage ist, ob wir – wenn man den Vergleich zum Untergang des römischen Imperiums ziehen will – im 2. oder 5. Jahrhundert leben.“ Der Untergang des Status Quo, des vertrauten internationalen Machtgefüges ist für Strauss & Co. jedenfalls nur eine Frage der Zeit. Es liegt an uns, rechtzeitig Alternativen zu erkunden. Fluchtorte. Raststationen im Maelstroem von Politik, Gesellschaft, Raum und Zeit.

Schnitt. Station eins: das Fürstentum von Sealand. Lage: sechs Meilen entfernt der Küste von Suffolk, England. Grösse: 500 Quadratmeter. Einwohnerzahl: 2. Unabhängig seit 1967. Da in internationalem Gewässer liegend, als erste anerkannte Mikronation nach internationalem Seerecht. Es ist ein Königreich aus Rost. Eine alte Flak-Plattform aus dem zweiten Weltkrieg. Das Wort des Regenten – er heisst Prince Michael of Sealand, sein Thronfolger Prince James – ist Gesetz. Die Regeln sind einfach. Steuern gibt es keine. Erlaubt ist, was Geld einbringt. Vom Fischfang bis zu Serverfarmen. Red Bull ist auch vertreten, zumindest mit einem Werbebanner. Die Gemahlin des Prinzregenten schläft mit einer Pistole unter dem Kopfpolster. Der Ort wirkt unwirtlich, TV-Bilder zeigen ihn brennend. Inmitten der See. Über Freiheit an und für sich, philosophiert Michael of Sealand an Bord eines schwankenden Bootes, wird zuwenig nachgedacht. Erst wenn sie abgeht, lernt man sie begreifen.

Schnitt. Station zwei: ein Operettenstaat. The Principality of Hutt River. 75 Quadratkilometer, ein vorgeblich souveränes Fürstentum auf dem ehemaligen Straflager-Kontinent Australien. Die Bevölkerung zählt gerade einmal zwanzig Köpfe. Man verweist aber auf eine eigene Polizeigarde, Gerichtsbarkeit, Währung. Und einen Rolls Royce als Dienstfahrzeug von Prinz Leonard Casley. Er ist – l’etat c’est moi! – für die Ernennung von Diplomaten und Repräsentanten von Hutt River verantwortlich, über zweihundert an der Zahl. Und höchstpersönlich auch für die Ausgabe von Briefmarken und Stempeln. Überhaupt ist man auf dem fünften Kontinent, der noch einige Mikrostaatsgebilde mehr beherbergt, in solch banale Insignien der Selbstbestimmung verliebt. Prinz Leonard schlägt gern auch den einen oder anderen Besucher zum Ritter der untraurigen Gestalt. Jesus segnet die Zeremonie vom Ölbild herab.

Station drei verschlägt uns nach Italien. Ins Tal von Piedmont im Norden des Landes. Hier, auf immerhin 75 Quadratkilometern, residieren die Bürger der „Federation of Damanhur“. Ein rundes Tausend. Oder sagen wir so: die oberen Eintausend, die A-Klasse, die, die sich selbst Tier- und Pflanzennamen geben. Alle anderen zählen zu niedrigeren Kasten. Oder gar zu den nur temporären Angehörigen. Zu Touristen in einem „esoterischen Disneyland“, das nur lachende Gesichter kennt. Oder kennen will. Seit 1975 betreibt man dieses Freistaat-ähnliche Gebilde aus spiritueller Kommune, Baumhaus-Siedlungen und unterirdischen Kulträumen, die als Kathedralen und Weiheräume einer eklektisch-lustvollen Religionsklitterung besichtigt werden dürfen. Hier wandeln Sekten-Mitglieder wie aus dem Klischee-Bilderbuch: mit Pflanzen wird kommuniziert und musiziert, die Reise „zur Wiedererweckung der inneren Göttlichkeit“ angetreten, Atlantis und UFOs sind sowieso ein Thema. Und Science Fiction-Apparaturen, die H.R.Giger entworfen haben könnte oder Hermann Hesse in seiner „Glasperlenspiel“-Phase, dienen der Reinigung und Heilung. Bloss: wovon?

Abermals: Schnitt. Schauplatzwechsel. Überraschenderweise nach dem Osten Deutschlands. 18 Hektar Land bei Belzig, achtzig Kilometer entfernt von Berlin. HIer, in einer ehemaligen Missionarsstation, die von den Nazis zum Sportzentrum umfunktioniert worden war und danach von der DDR zum Stasi-Trainingslager, residiert heute das ZEGG. Das „Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung“. Ein Hybrid aus Feriensiedlung, Öko-Versuchslabor, Psychoseminar und Selbsterfahrungsgruppe. Achtzig ständige Mitglieder kennt die Gruppe, Gäste sind herzlich willkommen. Nicht zuletzt, daraus macht man kein Hehl, als potentielle Teilnehmer an absichtsvoll-spontanen erotischen Abenteuern. Die Sexualität steht im Mittelpunkt, Tempel für das „Liebe-Machen mit Gott“ kennt man im ZEGG nicht. Dafür Waldhütten für die Zweisamkeit und Separées für das „Schwimmen in der Ursuppe“, einer Umschreibung für Ölmassagen mit gleitendem Übergang zur Gruppen-Orgie. Ein wenig fühlt man sich an die legendäre Mühl-Kommune im burgenländischen Friedrichshof erinnert.

Christiania dagegen, Drehort No. 5, ist ein Kriegsschauplatz. Ein Ort des permanenten Kleinkriegs zwischen Hippies, Rockern, Säufern, Obdachlosen, Polit-Aktivisten, Dealern, Bikern, Schwulen und Feministinnen. Vereint ist man nur im Kampf gegen die Staatsgewalt, sonst ist es ein Semi-Rat Race zwischen den „Ausradierten des Mainstreams“. Christiania, mehr Freistadt als Freistaat, ein sozialer Vulkan mitten im Zentrum von Kopenhagen, ist 0,34 Quadratkilometer gross und beherbergt eintausend permanente Einwohner. Oder ein paar mehr. Seit 1971. Filmen ist verboten, tut man es doch, wechselt man besser die Strassenseite. Nächtens kippt (im Kontext der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen) die Stimmung, Musik, Tanz, Bier und Demo-Folklore stehen in blitzlichtgrellen Kontrast zu Hubschraubern, Tränengas und beständig kläffenden Polizeihunden. Ein gespenstisches Szenario, das in sich eine absurde, antagonistische Heimeligkeit birgt. Der aktuelle Status Quo: das oberste Gericht entzog Christiania vor kurzem den Unabhängigkeitsstatus, im April 2011 stimmten die Bewohner dem Angebot des Staates Dänemark zu, Grund und Gebäude für umgerechnet 20 Millionen Euro zu kaufen. Utopia for sale. And sold.

Schnitt. Die letzte Station auf der Reise, die die Crew von „Empire Me“ angetreten hat. Und wir mit ihr. Diese Etappe beginnt im Golf von Triest, in Ankaran in Slowenien. Und endet im Canale Grande von Venedig. Zwischen diesen Polen, Luftlinie 100 Meilen, treiben die Schwimmenden Städte von Serenissima. Drei bizarre Flosse, zwischen 31 und 47 Quadratmeter groß. Schrottskulpturen mit Aussenbordmotor, erdacht wie von einem albtraumgeplagten André Heller. Oder dem Regisseur der Fortsetzung von „Waterworld“, dem man „Mad Max“ als Style-Vorlage anempfohlen hat. Die Besatzung, erstaunliche 30 Mann (und Frauen) stark und „völlig pleite“, ist planlos, aber frohgemut. Der slowenische Hafenmeister inspiziert die schwimmenden Objekte, scheut jedoch eine Testfahrt. Es gibt nur rudimentäre Navigationseinrichtungen. Als Vertreter der staatlichen Ordnung gelangt er letztlich zur Einsicht, die Behörde hätte „keine Regeln für Kunst“. Das rettet die Kapitäne und Leichtmatrosen des mikro-utopischen Seespektakels nicht unbedingt vor dem fast sicheren Untergang. Aber: trotz aufkommender Bora-Fallwinde erreicht man Venedig. Es ist eine Lektion in Demut, ein Überlebenskampf in Zeitlupe. In Würde beendet. Mit Stolz und Bravour über die Runden gerettet. Mission Status: completed.

Man wünscht diesem Debut – das bisweilen mehr einer Sequenz von Fieber-Visionen nahekommt als einem herkömmlichen Dokumentarfilm, eventuell auch einem um Gelassenheit bemühten Rodeoritt – nicht nur offene Münder. Sondern offene Augen, Ohren, Ganglienstränge. Und, ja, mindestens eine „Spiegel“- oder „Newsweek“-Titelstory. Dieser Streifen kommt, wie jede instinktiv treffsichere Dokumentation, zum richtigen Zeitpunkt. Eine höhere Metapherndichte für die Enge, zeitgleiche Weite und die dauerhaften Sehnsüchte unserer Gesellschaft wird im aktuellen Filmschaffen schwerlich zu finden sein. Rund um den Globus.

Paul Poet wird seinem Namen gerecht: „Empire Me“ ist eine kühne Reise ins Licht, das Gegenteil einer Erkundungsreise ins Herz der Finsternis, wie sie Joseph Conrad und Francis Ford Coppola beschrieben haben. Da Licht aber den Schatten in sich trägt, muss nicht jede Utopie positiv bewertet werden – zumeist ist es eine Frage subjektiver, unterschiedlich liberaler, ja radikaler Standpunkte und Sichtweisen. Entstanden in fünf Jahren, mit der fixen Idee der mehr als ansatzweisen Auslotung gesellschaftlicher Anti-Pole und Gegenentwürfe im Hinterkopf und Ezzesgebern wie Robert Jelinek („State of Sabotage“) im Talon, beweist „Empire Me“, dass die wahren Abenteuer eben nicht nur im Kopf sind. Aber wenn man sie – um nochmals André Heller zu bemühen – dort nicht sucht, wird man sie auch in der Realität nicht finden. Hier liegen sie, aufgereiht auf einer Perlenkette aus Celluloid und Erzählwut, zum Greifen nahe.

Spotify in Österreich gestartet

15. November 2011

Folge mir auf Spotify

Mehr dazu demnächst in diesem Theater. Stay tuned.

The Quality Of Othmar Is Not Strnen

5. November 2011

Am 10. November 2011 spielen The Mekons in Wien. Im “Chelsea”. Wo sonst auch? Und ich vermute, dass der Auftritt der britischen Punk/Wave-Legenden einen besonderen Grund hat: das 25-Jahre-Jubiläum des Lokals am Wiener Gürtel. Prosit!

Ich bin ein Deadline-Junkie. Es ist ein fataler Fehler, wenn man mir zeitgleich mit der charmant-nachdrücklichen Aufforderung, einen Text zu schreiben („Wos zum 25-Jahr’-Jubiläum, waast eh…“), quasi unbegrenzt Zeit dafür einräumt. Indem man keine Deadline nennt. Indem man das selbst eher legér sieht („…irgendwann im Herbst soll’s erscheinen…“). Indem man mir als Honorar gerade mal eine Flasche Whisky in Aussicht stellt. Wobei: diese Art von Text schreibt man selbstverständlich gänzlich ohne Bezahlung. Als Tribut an das „Chelsea“, keine Frage. Den Whisky nehm’ ich trotzdem, Othmar, und es muß schon eine besonders gereifte, edle, seltene Marke sein.

Denn die Sache ist die: Othmar B. hat mir einst eine Schallplatte stibitzt. Und schuldet mir bis heute ihre Rückgabe. Ich tausche also diesen Text (gratis) und die Platte (teuer, weil selten) – es handelt sich um ein Werk der britischen Punk-Band The Mekons aus dem Jahr 1979 mit dem merkwürdigen Titel „The Quality Of Mercy Is Not Strnen“, das Cover zeigt einen Affen an der Schreibmaschine – gegen einen dreiviertel Liter hochprozentigen Alkohol. Ein schlechter Tausch, meinen Sie? Nein, das geht schon in Ordnung, sage ich. Das geht ganz und gar in Ordnung.

Denn erstens ist damit der Beweis erbracht, daß es sich bei Othmar B., dem „Paten“ des genannten Etablissements, um einen wahrhaftigen Musikfreund handelt. Die Mekons-Platte hat er einst, es muss Anfang bis Mitte der neunziger Jahre gewesen sein, vom Plattenteller weg in seinen Besitz überführt. Als Gelegenheits-DJ, der auch dann und wann im „Chelsea“ für Lärm, Gliederzucken und erhöhten Getränkeumsatz sorgte, fiel mir das nur aus den Augenwinkeln auf. Der Lärm übertönte meinen schwachen Protest. Aber Jahre später hat der gute Mann, dessen Ablenkungsstrategie durch joviale Einladungen zu Alkoholgenuß ich erst spät durchschaute, den Diebstahl gestanden. Er „müsse“ diese Platte einfach besitzen. Er sei ein wirklicher Fan der Mekons. Er hätte keine Alternative gehabt. Und überhaupt. Wer könnte da dagegenhalten? The Quality Of Othmar Is Not Strnen.

Und zweitens bin ich dem Erfinder, Betreiber, Seelenfreund, Grandsigneur und Gelegenheits-Schankburschen des „Chelsea“ auch etwas schuldig. Dank nämlich. Dank dafür, dass er ein Lokal geschaffen hat, das seit den tiefen achtziger Jahren bis heute (und wahrscheinlich für immer) ein Biotop des Rock’n’Roll war, ist und sein wird. Ein Refugium. Eine Anlaufstelle für den unsteten Kerl in uns allen (und Frauen sind hier explizit nicht ausgenommen). Eigentlich die erste Adresse in Wien für einschlägige Aktivitäten und Agglomerationen.

Ich habe im „Chelsea“ wüste Nächte sonder Zahl erlebt. Getrunken, geschmust, gelacht, gelebt, mit Barfrauen gescherzt, Musik um die Ohren geschmettert bekommen, unzählige Konzerte genossen, zigmale die Technics- (und später CD-)Laufwerke bedient, Weihnachts- und Silvesterabende verbracht, den Umzug mitgemacht, die herbe Frischluft am Gürtel eingeatmet, den Whisky durch die Gurgel rinnen lassen. Denn Whisky, probaten, um nicht zu sagen: exzellenten Whisky – über die Musik-Helden und -Moden all der Jahre möchte ich mich nicht äussern, da eint uns wohl eine gewisse Abgeklärtheit – hat der Wirt allemal im Regal stehen. Und schenkt immer kräftig aus. Und ein.

Die Jahre sind ins Land gezogen. Bajlicz, einst Fußball-Profi, fährt heute Jaguar. Gröbchen, einst „MusicBox“- & sonstiger Medien-Profi, hat auf das brotlose Gewerbe der Musikproduktion umgesattelt. Und fährt heute einen verbeulten Mazda. Unter uns: das passt so. Für beide (denn auch der Jaguar ist ein altes Exemplar, allein das hat Stil). Es soll jetzt nur keine Nostalgie – too old to R’n’R, too young to die? – aufkommen.

Aber igendwie geht mir die Idee nicht aus dem Sinn, die Kontaktdatenbank abzufragen, zum Telefon zu greifen und ein Konzert im „Chelsea“ zu organisieren. Mit Jon Langford, Tom Greenhalgh und wer immer noch dabei sein mag von den einstigen Punk-Heroen, wenn man anno 2011 The Mekons engagiert. Vielleicht mach’ ich’s noch (korr.: hat Othmar inzwischen längst erledigt, siehe oben). Solch ein lausiger Text und zwei zugedrückte Augen, was die Retournierung einer verstaubten Vinyl-Trophäe betrifft, können ja nicht alles gewesen sein. Vielleicht zum runden Fünfziger? Pardon, aber für eine Legende ist doch ein Vierteljahrhundert gerade mal eine Fliegenschiss. Also: weitermachen. Und jetzt her mit der Flasche, Othmar! Vom Feinsten. Wie immer.

Jobs & wir

6. Oktober 2011

„Der Tod ist die beste Erfindung des Lebens“. Dieser Gedanke ist, bei aller Traurigkeit des Anlasses, Musik in meinen Ohren. Denn der Tod, der Abschied, das Hinter-sich-Lassen ist ein Produktivfaktor. “Krise ist”, wie Antonio Gramsci postulierte, „wenn das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann“. Und wir alle stecken tief in der Krise. Und müssen irgendwie herausfinden. Nur einer nicht (mehr).

Der Tag, an dem ich diese Zeilen in den Computer hämmere, ist ein denkwürdiger. Nicht nur, dass sich die Anzeichen mehren, dass demnächst Griechenland endgültig pleite ist (welche Auswirkungen dieser Umstand auf Europa und den Rest der Welt hat, wird sich erst weisen). Der Tag wird uns auch in Erinnerung bleiben als jener, an dem Steve Jobs starb. Oder, wohl präziser, als jener Tag, an dem sieben Milliarden Menschen erfuhren, dass einer nicht mehr unter ihnen weilt, den man bis in die hintersten Winkel dieses Planeten kennt. Der Gründer und Kopf der Firma Apple mit Sitz in Cupertino, Kalifornien wurde umgehend in Nachrufen als „Visionär“, „kreatives Genie“ und „IT-Revolutionär“ gewürdigt. Eine fast schon messianische Zuschreibung für einen manischen Marketing-Maschinisten und Unternehmer, der tatsächlich die Informationstechnologie, die Medien- und Entertainment-Branche der letzten drei Dekaden geprägt hat. Auch – und zuvorderst – die Musikwelt.

Und das in mehrfacher Hinsicht. Einerseits hat sich der Computer rasant als wesentliche Innovation, als zentrales Tool des Musiker-Daseins des 21. Jahrhunderts erwiesen (und es ist kein Zufall, dass gerade Geräte mit dem Apple-Logo besonders beliebt bei Musikern, Grafikern, Schreibern und Kreativschaffenden generell waren und sind). Als (Universal-)Instrument ist der PC – die Gattungsbezeichnung schliesst Macs selbstverständlich ein – historisch ähnlich wichtig wie die erste, aus Bein geschnitzte Flöte, die Trommel, die Geige, die Elektrogitarre oder das Klavier. Einerseits lassen sich dem Gerät Töne aller Art entlocken, andererseits hat es längst unzählige zusätzliche Funktionalitäten in sich aufgesogen: vom Synthesizer bis zum kompletten Tonstudio. Ein handlicher Laptop ersetzt heute oft ein meterbreites Mischpult, ganze Racks und Regale voll Hardware und hinterdrein – zumindest metaphorisch, oft aber auch real – auch noch Plattenfirmen, Vertriebslagerhäuser, CD-Stores, Radiosender und Konzertbühnen. Dass ich diese Zeilen auf einem MacBook Air schreibe und gleichzeitig Johann Sebastian Bachs gleichnamige Suite höre, hätte sowohl dem Komponisten Bach wie auch dem Produktfetischisten und Musikliebhaber Jobs gefallen.

Andererseits ist Musik – von wegen „Air“ – ein freies, atmendes, nicht greif- und fassbares Fluidum, das sich auch von noch so ausgeklügelter Hardware nicht in noch so elegante Aluminiumformen zwingen lässt. Das wusste wohl auch Steve Jobs. Und er wusste noch mehr: wenn man Musik von ihren „Tonträgern“ befreit – den Wachszylindern, Schellacks, Schallplatten, Tonbändern, MusiCassetten und anderen historischen Begleiterscheinungen des „Festhaltens“ eines flüchtigen Momentums –, dann hat das revolutionäre Folgen. Implikationen, die nicht nur die Art und Weise, wie wir Musik erzeugen, sondern auch, wie wir sie wahrnehmen, besitzen, nutzen, suchen, finden, transportieren, katalogisieren, bezahlen und hören grundlegend verändert.

Es gibt ein Foto von Steve Jobs, das zu meinen Lieblingsfotos überhaupt gehört: es zeigt einen Mann alleine in einem grossen, fast leeren Zimmer, im Schneidersitz auf dem Holzboden sitzend, sehr entspannt, dabei sehr konzentriert. Man schreibt das Jahr 1982. “This was a very typical time. I was single. All you needed was a cup of tea, a light, and your stereo, you know, and that’s what I had” hat Jobs selbst dieses annähernd ikonografische Bild kommentiert. Eine Tasse Tee, eine Lampe – und eine Stereoanlage. Plus ein Stapel Schallplatten. Musik als Lebens-, Überlebens-Mittel.

Jobs war als Kind der Rock’n’Roll-Ära, der Sixties und Seventies (und damit der vielleicht spannendsten Pop-Ära überhaupt) untrennbar mit dem Sound seiner Zeit und den Ideen, die er transportierte, verbunden. Das zeigte sich schon beim Firmenschild seines Garagenunternehmens – die Beatles hatten eines gleichen Namens. Und Jobs hat auch später, viel später noch darüber nachgedacht, wie er den Musikern und kulturellen Meinungsführern etwas zurückgeben könnte. Eventuell mehr als der Durchlauferhitzer Musikindustrie selbst. Denn iTunes wurde zur führenden Software, der iTunes Music Store zur ersten legal aufgesetzten, kommerziell funktionierenden Download-Plattform und der iPod zur „ersten kulturellen Ikone des 21. Jahrhunderts“, wie der Soziologe Michael Bull der englischen Universität Sussex verkündete. Über das iPhone und die bislang neueste Inkarnation, das iPad, brauchen wir gar nicht diskutieren: Steve Jobs und seine Mitstreiter haben seit der Jahrtausendwende den Musikmarkt annähernd auf den Kopf gestellt.

Es ist ein gewaltiger, positiver Treppenwitz der Geschichte, dass sich diese intensive biografische und marketingtechnische Verzahnung mit der Pop-Kultur als Rettung für den lange Jahre maroden Computer-Hersteller erwies – und letztlich sogar als alchemistische Zauberformel schlechthin: der neuerdings scheinbar “wertlose” Treibstoff Musik war es, der Apple – über den Verkauf von innovativer Hardware – zum zeitweise wertvollsten Konzern dieses Planeten wachsen liess.

Man muss nicht jedes Detail der Entwicklung gutheissen (über die Restriktionen von iTunes ärgern sich z.B. täglich Millionen User, aber es gibt auch gute Gründe dafür, warum die Software so ist wie sie ist), wird aber – zumindest als publikumszugewandter Künstler, Label-Betreiber oder Musikmanager, eventuell aber auch als auf Autarkie bedachter Selbstvermarkter – einige noble, clevere und edukative Züge in der Apple-Philosophie entdecken. „It’s not stealing – it’s good karma“ ist einer davon. Natürlich schwingt da ein gehöriges Quäntchen Pathos mit. Aber wo bitte in Zeiten wie diesen tut es das nicht?

Jobs mag sich später von der hippiesken Feelin’ Good-Lifestyle-Ideologie entfernt haben. Manche meinen gar, Apple wäre heute der gleiche Hort des Bösen wie jedes börsennotierte Grossunternehmen. Oder gar schlimmer: ein Konzern, der vom libertären David zum restriktiven Goliath mutiert sei. Zum arroganten Kontroll-Freak. Und zur fettgefressenen Cashcow. Ich persönlich sehe das nicht so: die Stringenz, Sicherheit und Verlässlichkeit der nutzerorientierten Politik von Apple überwiegen alle Einschränkungen gegenüber einer bisweilen ins grotesk Anarchistische kippenden, grenzenlosen User-Freiheit. Man kann mit guten Gründen aber auch der exakt konträren Meinung sein. Letztlich steckt die Diskussion noch in den Kinderschuhen: der Gesetzgeber, aber auch der Konsument konnte mit den Entwicklungen der letzten drei Jahrzehnte kaum Schritt halten.

Ob uns Orwell blüht oder doch eher das digitale Elysium, kann der wesentliche Schrittmacher der Industrie, Steve Jobs, nicht mehr persönlich mitbestimmen. Aber wir können es. Als Musiker, als Kreative, als Bürger, als Menschen. Und wir sollten, abseits von allem Pathos, das heute und morgen und wahrscheinlich noch lange in all den Nachrufen, Würdigungen, Grabreden und persönlichen Erinnerungsstücken (mit nur wenigen Gegenstimmen) mitschwingt, ab und an einige Zeilen von Jobs memorieren. Zeilen und Worte, die auf den Punkt bringen, worum es eigentlich geht, wenn es überhaupt um etwas geht. Um den kreativen Geist. Um den Willen zur Veränderung. Um das Leben selbst.

„Der Tod ist höchstwahrscheinlich die beste Erfindung des Lebens. Er ist der Vertreter des Lebens für die Veränderung. Er räumt das Alte weg, um Platz zu machen für das Neue. (…) Deine Zeit ist begrenzt, also verbrauche sie nicht, um das Leben anderer zu leben. Sei nicht gefangen von dem Dogma – welches sagt, dass Du mit den Resultaten der Gedanken anderer Leute leben musst. Lass’ nicht den Krach anderer Meinungen die eigene innere Stimme zum Verstummen bringen. Und das Allerwichtigste, habe den Mut, Deinem eigenen Herzen und der Intuition zu folgen. Die wissen irgendwie schon genau, was du wirklich sein willst. Alles andere ist zweitrangig.“

Danke, Steve Jobs. Ruhe in Frieden (der Himmel könnte durchaus eine neue Benutzeroberfläche brauchen, die alte – „Religion“ – wirkt ziemlich angestaubt). Und jetzt: Musik.

Amadeus? Amadeus!

27. August 2011

Man konnte über den grössten heimischen Musikpreis berechtigt spötteln, aber sich seiner Existenz durchaus auch erfreuen. Wie es jedes Jahr tausende Kulturschaffende machten. Anno 2011 sieht’s aber düster aus.

Die Meldung kam überraschend. Sogar für jene Mitglieder des Trägervereins IFPI, die nicht unmittelbar in die Organisation und Umsetzung des grössten heimischen Musik-Branchenpreises involviert waren und sind. Der „Amadeus“, hiess es in einer lapidaren Pressemitteilung, werde nicht, wie geplant, im Herbst stattfinden. Sondern erst im Frühjahr 2012. Der Grund: die Rahmenbedingungen hätten sich „aus finanziellen und logistischen Gründen leider massiv nachteilig verändert“.

Im Klartext: die Telekom Austria war als Hauptsponsor ausgefallen, andere Sponsoren hatten abgesagt, die Finanzierung des Events aus den (von der „Leercassettenabgabe“ gespeisten und sozial-kulturellen Zwecken zugedachten) Einnahmen der der IFPI angebundenen Urheberrechtsgesellschaft LSG reicht nicht, um die Stadthalle anzumieten, eine TV-Übertragung zu inszenieren und eine standesgemässe Party zu schmeissen.

Lange Gesichter allerorten. Wie, der „Amadeus“ fällt aus? Eventuell für immer? So die spontane Reaktion von Musikern, Managern, Labelbetreibern, der Mehrzahl der Branchenkolleginnen und -kollegen. Eine ziemliche Blamage. Und eventuell ein Spiegelbild des desolaten Zustands der österreichischen Musikindustrie (deren Existenz als produzierende Entität ich weithin in Abrede stelle). Aber abgesehen vom Umstand, dass der „Amadeus“ nicht begraben, sondern nur um ein paar Monate verschoben wurde, ist eine solche Denkzettel-Evaluierung nicht kategorisch negativ zu werten. Besser g’scheit als halbherzig. Oder gar nicht. Die Zwangspause sollte genutzt werden, um die Sinnstiftung, Finanzkonstruktion und den Nutzwert des „Amadeus“ nochmals zu überprüfen. Letzter bezieht sich vor allem auf die Image-Hebelwirkung, die über lange Jahre der ORF garantierte. Die Vergangenheitsform ist seit 2008 Gegenwart. Eine karge Gegenwart.

Nun: ein opulentes – oder, wie Kritiker immer monierten, zugleich provinzielles, überinszeniertes und teures – Fernseh-Spektakel, das heimische Altstars und Newcomer einem breiten Publikum nahebringen sollte, ist heute wirklich nicht mehr der Weisheit letzter Schluss. Der (gewollte? erzwungene?) Schwenk hin zu Szene-Sendern wie Puls 4 aber wohl auch nicht. Leider gelang es Hannes Eder, als Statthalter des marktbeherrschenden Konzerns Universal Music auch der logische IFPI-Präsident, und dem IFPI-Geschäftsführer Franz Medwenitsch – beide ehemalige langjährige ORF-Mitarbeiter – bis heute nicht, den alten und neuen ORF-Chef Alexander Wrabetz zu einem zukunftsweisenden Schulterschluss zu bewegen. Ob da die Doppelrolle von Franz Medwenitsch als Wortführer des ÖVP-„Freundeskreises“ im Stiftungsrat des ORF, der heftig gegen Wrabetz opponierte, mitspielt?

Es wäre Real-Österreich, und es wäre – wenn es denn so ist – zutiefst unprofessionell. Auf beiden Seiten. Der ORF, ungebrochen die grösste Medienorgel des Landes und mit all seinen TV- und Radiosendern der essentielle Durchlauferhitzer für heimische Populärkultur, betont ja bei jeder „Public Value“-Debatte seine rot-weiss-rote Identität. Warum sollte er nicht die Gelegenheit nützen, den für ein Medienunternehmen so wesentlichen „content“ Musik, eine ganze Generation von Kulturschaffenden und die für ein jüngeres Publikum weithin attraktiven heimischen Stars und Hits in einer Sendung zu verdichten, zu vermitteln und zu präsentieren?

Der „Amadeus“ hat in den letzten Jahren eine heftige Transformation – weg vom Major-Mainstream-Spektakel, hin zu einer von Web 2.0-Partizipation, Szenenähe und einer Portion Indie-Spirit getriebenen Präsentation – durchgemacht. Einiges davon liess unbedingte Durchdachtheit und Fingerspitzengefühl im Detail vermissen, vieles ging und geht in die richtige Richtung. Wenn man der Meinung ist – und ich bin es –, dass eine national definierte Szene einen anerkannten, öffentlichkeitswirksamen und anreizgebenden Preis benötigt, dann sollte man den „Amadeus“ nochmals anpacken. Aber richtig. Oder sanft entschlummern lassen. Und rasch eine Alternative – etwa parallel einen Kritiker- und einen Publikumspreis – forcieren.

Um gleich mal den Nutzwert jeglicher Variante zu erhöhen: die eine oder andere Preiskategorie sollte nicht nur „for art’s sake“, also Ruhm und Ehre willen, ausgeschrieben werden. Sondern auch mit probaten Sach- oder gar Geldspenden verbunden sein. Letztlich dreht sich (fast) immer (fast) alles um Geld.

I want the future – now!

7. Juli 2011

Musikmagazine. Wen scheren schon Musikmagazine? Heute fischt man sich seine Informationsbrocken doch aus dem Internet. Und Popkultur ist nun mal keine Spielfläche für intellektuellen Diskurs. Oder seriösen Journalismus. Und, wenn schon: dann genügt doch ein Magazin auf dem österreichischen Markt… Oder? Ein Plädoyer für ein offensives Umdenken. Und ein Fingerzeig auf das exzellente Exempel NOW!

Wir leben in seltsamen Zeiten. In einer Kulturära, in der der kaufmännische Leiter eines Wiener Musical- & Opern-Imperiums – der sich selbst ein höheres Gehalt als der Bundeskanzler genehmigt – erklärt, es wäre ein „überaus erfreuliches Bild“, wenn man jährlich nur 38 Millionen Euro Subvention brauche, um Udo Jürgens-Huldigungen abzuspulen. In einer Zeit, da der ORF – die ungebrochen mächtigste Medienorgel des Landes – stolz ein neues Programm („ORF 3“) startet, bezeichnenderweise einen Kultur- und Informationskanal, und zeitgleich die Zahlungen an die AKM, die Geld an die Kulturschaffenden weitergibt, um zehn Prozent kürzen will. In einer Gesellschaft, die Transparenz, Inhalte und Reformen einfordert, aber zugleich weithin einer „Geiz ist geil“-Philosophie und einem tiefen Ressentiment gegen Fragensteller, Reformgeister und Systemkritiker anhängt.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa („Der Leopard“) hat die Schizophrenie der Situation auf den Punkt gebracht: „Es muß sich alles ändern, damit alles so bleibt, wie es ist“. Die angepeilten Änderungen sind im Biotop Österreich freilich zumeist Lippenbekenntnisse, Halbherzigkeiten, Oberflächenkosmetik. Ein morscher Unterbau für den Status Quo, ein – wohl unbeabsichtigt – tragfähiges Fundament für radikale Umbrüche.

Schnitt. Nehmen wir das eingangs erwähnte Blatt in die Hand. Das in Salzburg verlegte und in ganz Österreich (und via Web) verbreitete Magazin NOW!: ein mit Herzblut, Idealismus und existenziellem persönlichen Einsatz hergestelltes Periodikum, das sich (grösstenteils) der Musik widmet. Populärer Musik, aber ohne Scheuklappen oder ausschliessliche Konzentration auf Mainstream-Fliessbandware. Dieses Magazin kostet die Leserin und den Leser nichts, wird aber hoffentlich nicht umsonst gelesen. Sondern mit Gewinn. Einem Informations- und Lustgewinn aufgrund kurzweiliger Artikel, profunder Rezensionen und kompetenter Einschätzungen.

Derlei kostet Geld. Geld, das in Zeiten der grassierenden Gratis-Kultur nur in Ausnahmefällen von Konsumentenseite einzufordern ist. Sondern von jenen stammt, die die Inhalte, die hierorts versammelt, besprochen und katalogisiert werden, herstellen und vertreiben. Von Künstlern, Labels, Management- und Booking-Agenturen, Distributoren und Händlern.

Und, ja, es gibt – hoffentlich – soetwas wie einen Grundkonsens, dass man nicht nur in schreiend-nichtssagende Werbeprospekte, müde Gefälligkeitsinterviews und bunten Copy & Paste-Papiermüll investiert, sondern auch in seriösen, unabhängigen, engagierten Musikjournalismus. Es soll ja auch ernsthafte Musikkonsumenten geben. Und ich garantiere, dass diese Minderheit für den Grossteil der Tonträgerverkäufe in den Plattenläden und CD-Stores dieses Landes verantwortlich zeichnet. Und sich längst auch lustvoll auf den Download-Plattformen tummelt.

Wir leben aber in seltsamen Zeiten. Einerseits herrscht Überfluss, Massenware, ein zudringliches Zuviel des Ewig-Gleichen – selbst ruinöses Preisdumping holt keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Andererseits hat man für jene, die die Tugenden der Sinnesschärfung, der systematischen Durchforstung des Angebots, der permanenten Suche nach dem Wahren, Guten, Schönen pflegen – keinen müden Cent übrig. Angeblich. Zunehmend. Fragen Sie den Herausgeber dieses Magazins, mit welchen Argumenten ihn man immer öfter, immer schnöder, immer kühler abspeist. Permanente Selbstausbeutung ist aber kein partnerschaftliches Prinzip. Und selbstverständlich auch keine Zukunftsperspektive.

Diese Kolumne ist daher ein Appell: wer Magazine wie NOW! nicht missen mag, muss etwas dafür tun. Lesen und das Gelesene zu schätzen wissen ist schon mal ein guter Start. Den Inseraten und Inserenten wohlwollende Aufmerksamkeit schenken ein grossherziges Signal. Die Botschaft weiterzugeben – auf Facebook, Twitter, Google+, am Musik-Stammtisch oder im Business-Meeting – ein Gebot der Stunde. „I want the future now! I want to hold it in my hands.“ (Peter Hammill).

Nur wird alles Pathos nichts helfen: wenn die mit den grossen und grösseren Hebeln auf den Büro-Schreibtischen nicht mitspielen, wird nichts draus. Ihr wisst schon, wer gemeint ist. Gebt euch einen Ruck. Jetzt.

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