Archiv für 'VERMISCHTES'Kategorie

Es gilt die Unmutsverschuldung

27. Dezember 2011

Anmerkungen zur unendlich zähen und mittlerweile auch unendlich nervigen „Causa Matt“. Und warum hier die Kulturpolitik endlich sich selbst in die Verantwortung nehmen muß.

Ich habe mir lange überlegt, ob ich mich in der Sache zu Wort melden soll. In Österreich – einem „Labyrinth, in dem sich jeder auskennt“ (Helmut Qualtinger) – gilt die Nichteinmischung ja als Tugend. Und die Selbstermächtigung als Sakrileg. Aber letztlich verstehe ich mich als aktiver Teilnehmer einer Bürgergesellschaft, der zudem im Kulturbereich professionell zugange und im Kontext des Kommenden nicht gänzlich unkundig ist. Es geht um Grundsätzliches. Und Schweigen könnte als Zustimmung gewertet werden. Zustimmung zu einem System und zu einer Systematik, die seit Jahren die Kulturpolitik in Wien bestimmt. Und die allmählich wirklich sauer aufstösst.

Es geht, um die Sache abzukürzen, um die „Causa Matt“, also die vermuteten, lautstark vorgebrachten und vice versa ebenso lautstark wieder in Abrede gestellten Malversationen rund um die Kunsthalle Wien. Aber, pardon!, nicht um Herrn Matt höchstpersönlich. Denn den Mann kenne ich, sieht man von einigen durchaus freundlich verlaufenen Gesprächen und einem Auftrag, den „project space“ der Kunsthalle mit Live-Musik und DJs zu bespielen und so die Besucherzahlen der zumeist leicht anämischen, tendenziell besucherarmen Ausstellungen am Karlsplatz ein wenig nach oben zu treiben, eigentlich nicht.

Ich halte es auch für einen Fehler der Kulturpolitik, eine szeneweite Diskussion, ob Matt ein eitler Dandy und intellektueller Blender ist oder doch eher ein charismatischer Manager und umtriebiger Museumsdirektor, detailversessen widerzuspiegeln und medial auszuwalzen. Das ist Geschmackssache. Jede Führungspersönlichkeit hat ihren eigenen Stil, und letztlich wird sie für geschicktes, wechselweises Hantieren mit Zuckerbrot und Peitsche bezahlt.

Ich bin Herrn Matt auch die kolportierte Gage für seine Aufgabe nicht neidig – andere Spitzenmanager in der Musical-, pardon: Kultur-Hemisphäre der Stadt Wien, hört man, wären noch weit besser bezahlt. Oft mit Gehältern jenseits der Einkommensklasse des Bundeskanzlers. Aber genaueres weiß man nicht, weil man – wir erinnern uns an eine dezidierte „profil“-Nachfrage, gefolgt von allseits betretenem Schweigen – derlei nicht wissen soll und darf. Man will wohl das in zunehmend prekären Verhältnissen tätige Kultur-Proletariat nicht zu sehr erregen.

Und Matt hat sich ja seinen Vertrag mit einem „privaten“ Verein ausgeschnapst, auf den der Kulturstadtrat – der aber jährlich die Schwungmasse für das perpetuum mobile, die millionenschwere Subvention für die Institution Kunsthalle, durch den Landtag befördert und auch politisch verantwortet – „leider keinen Einfluss“ hat, wie er selbst in den letzten Wochen und Monaten nicht müde wurde zu betonen. Was natürlich einer Kindesweglegung gleichkommt. Ein Aufsichtsgremium, das nicht mitverantwortlich sein will für ein opulentes Privilegien-Register, das es selbst abgenickt hat? Eine Magistratsabteilung, die jetzt – unter Druck – eiligst verwirft, was sie selbst eingefädelt hat (Stichwort: „Kunst im öffentlichen Raum“)? Ein Investigations-Team, das alle bisherigen Investigationen kreuzbrav und zugleich knochenhart konterkariert? Aber jetzt soll ja alles anders bleiben. Man darf gespannt sein. Eventuell mittlerweile auch leicht verspannt.

Denn was unendlich nervt in der Diskussion rund um die „Causa Matt“ ist die offensive Listigkeit, mit der man eine ernsthafte, tatsächlich „ergebnisoffene“ Debatte um die Rahmenbedingungen, Aufgabenstellungen, Finanzstrukturen und Zukunftsperspektiven der Kunsthalle hintanzuhalten, abzukürzen oder tunlichst ganz zu vermeiden versucht. Dafür wird auf „Die Grünen“ hingeprügelt, weil ihre gewählten Volksvertreter und einschlägigen Experten ganz selbstverständlich, penibel und weitgehend alleingelassen ihre Hausaufgaben – die Evaluierung und Hinterfragung verwachsener und verwilderter Strukturen – erledigen. Eine macht- und parteipolitische Einigelungs-Strategie, die in gleichem Maß durchschaubar, perfid und peinlich ist.

Wie erklärt man aber, dass u.U. allein die Taxi- und Telefonrechnungen des Direktors in Summe mehr ausmachen als die Support-Leistungen für jene, die die Ausstellungsflächen mit viel Idealismus bespielen (am Karlsplatz etwa wurden die Honorare für Tontechniker 2011 rigoros gestrichen. Mittlerweile hat man das Live-Programm „aus Kostengründen“ weitgehend eingestellt oder durch aufreizende H&M-Pop Up-Stores ersetzt). Warum überlässt man z.B. nicht konsequenterweise den „project space“ als zentrale, flexible, frei bespielbare Fläche der lokalen Szene? Welche Aussicht auf konstruktive Teamarbeit hat eigentlich ein Kunst-Impresario, der von all seinen KuratorInnen, so sie nicht längst gegangen sind oder gegangen wurden, am liebsten nicht mehr bei der Tür hereingelassen würde? Und warum wird plötzlich strikt getrennt, geprüft, re-strukturiert, ausgeschrieben und entflochten, was jahrelang als produktive Freunderlwirtschaft und Best Case-Szenario in Richtung „Private Public Partnership“ förmlich festgemauert war?

Letztlich: warum überhaupt gelangte die Kulturpolitik nicht schon im vorigen Jahrtausend zur Erkenntnis, dass das absichtsvolle Tolerieren, ja Forcieren von „ewigen“ Vertragsverlängerungen – und damit die tendenzielle Verwechslung einer Institution und einer temporären Aufgabenstellung mit dem eigenen Lebenswerk, der man solchermaßen legér Vorschub leistete – eine Kardinal-Untugend war und ist? Länger als fünf, sieben, höchstens zehn Jahre sollte keine Führungsrolle in einer öffentlichen Einrichtung dauern. Danach ist das visionäre Pulver üblicherweise verschossen, Routine und Ermüdung treten ein (Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber eine “Ausnahmeerscheinung” zu identifizieren kann niemals ein Akt der Selbsterkenntnis sein). Und, nebstbei, luxuriöse, um nicht zu schreiben: degoutante Pensions-, Nebenjobs-, Überstunden-, Spesen- und Abfertigungs-Regelungen haben in unserer Zeit nichts mehr verloren.

The times they are a-changin’. Gerald Matt hätte spätestens bei der Betrachtung des rapiden Endes des Königreichs von Peter Noever der Groschen fallen müssen. Aber es soll hier ja weniger um Namen, virtuelle oder tatsächliche Querverbindungen und persönliche Eitelkeiten gehen. Sondern mehr ums Prinzip. Und um eine Verantwortung, vor der sich die Kulturpolitik nicht mehr drücken kann. Sofern sie nicht selbst im byzantinischen Schlachtengemälde vom Aufstieg und Fall ihrer Proponenten inmitten einer kritischen – weil mit zunehmender Aufmerksamkeit der Gesellschaft aufgeladenen – Zeit- & Grundstimmung eine prominente Rolle spielen will.

Es geht in der „Causa Matt“ längst nicht mehr um ihren Namensspender (auch wenn sich der in stakkatoartigen Interview-Rundumschlägen und Propaganda-Erklärungen immer noch im Mittelpunkt des Geschehens wähnt). Es geht um eine grundsätzliche Durchlüftung, Öffnung und Neu-Fokussierung der Kultur-Agenda Wiens. Es geht – auch, und gewiss nicht zuletzt – um Transparenz. Und, ja, es geht um klare Signale, konsequente Entscheidungen und mutige Weichenstellungen. Selbstverständlich gilt die Unschuldsvermutung. Aber immer dringender, immer drängender auch die Unmutsverschuldung.

Günter S. & wir

13. Dezember 2011

Erst plump absahnen wollen, dann wehleidig sudern. Warum schicken wir Politiker, die ungeniert den Status quo ante repräsentieren, nicht raschest zum Teufel?

Ich gestehe: ich war einer derjenigen, die Günter S. „in den Schmutz gezogen“ haben. Eigentlich, ja eigentlich habe ich nichts anderes getan, als spontan ein mail zu schreiben. Und zwar, nachdem mir zu Ohren gekommen war, dass sich ein gestandener Parlamentarier und Volksvertreter zugleich als Lobbyist eines Glücksspielkonzerns verdingt. Das erschien mir, wiewohl hierzulande, am Rande des Balkans, vieles, wenn nicht alles möglich ist, gar tolldreist.

Sie erinnern sich? S., seit 1983 Abgeordneter zum Nationalrat, Träger des Großen Silbernen Ehrenzeichens am Bande für die Republik Österreich und Vorsitzender des parlamentarischen Finanzausschusses, schien mit seiner Tätigkeit nichts ausgelastet. Nachdem das Finanzministerium anno 2011 erstmals die Glücksspiel-Lizenzen öffentlich ausgeschrieben hatte, übernahm er den Aufsichtsratsvorsitz der M. Entertainment AG, die von Entrepreneur Frank St. gemeinsam mit einem einschlägig bekannten deutschen Konzern in das Rennen um die höchst lukrativen Casino- und Automatenkonzessionen geschickt wurde. Besonders pikant an diesem Szenario: der Finanzausschuss, dem S. vorsitzt, ist auch für die Vergabe der Lizenzen zuständig.

Man könnte meinen, die Unvereinbarkeit dieser Positionen müsse selbst einem Volksschüler auffallen. S. argumentierte aber, er würde die Umsetzung eines Gesetzes, das er selbst mit beschlossen habe, gern auch in der Praxis überprüfen. Die Antwort auf die sich abrupt auftuende Frage, warum er das, entlohnt von möglichen Begünstigten, nur auf diese Weise machen könne, blieb der Mandatar wortreich schuldig.

Immerhin erkannte er, dass die Sache „heikel“ war. Und tatsächlich gab S. die avisierte Tätigkeit nach Protesten und der Konsultation eines – völlig intransparenten – parlamentarischen Unvereinbarkeitsausschusses wieder auf. Nicht ohne umgehend in Wehleidigkeit zu verfallen. Man hätte ihn und seine Famile „täglich angepöbelt und beschimpft.“ Daran sei wohl „das überhitzte Meinungsklima durch die schrecklichen Telekom-Enthüllungen“ schuld, „in dem eine sachliche, korrekte Argumentationslinie keine Chance hat.“ Aha. Seltsamerweise lautete der Tenor der Kommentare zu S.’ Entschluss allseits gleich: selbst wenn er formal im Recht wäre, müsse ein Politiker erkennen, „wenn die Optik schief ist“ (so die „Kurier“-Wirtschaftsjournalistin Andrea Hodoschek). Und das ist gewiss sehr zurückhaltend formuliert.

Ich nehme Herrn S. übrigens seine larmoyante Vorwärtsverteidigung ein wenig übel. Denn in meiner offenen Elektropost-Depesche, die ich als einfacher, politisch interessierter Staatsbürger adressiert und, der Hebelwirkung wegen, auch via Facebook, Google+ und Twitter verbreitet hatte, stand nicht mehr (und nicht weniger), als dass ich S.’ ursprüngliches Ansinnen für „hochgradig fragwürdig, unappetitlich und unvereinbar“ hielt. „Das sollte Ihnen freilich Ihr eigenes Ehr- und Schamgefühl sagen“, hatte ich geschrieben. Und dass selbstverständlich die Unmutsverschuldung (sic!) gelte.

Warum sich der Volksvertreter ob der paar gleichlautenden mails aus dem Volk so pikiert zeigte, dass er daraus ein Beschmutzungs- und Bedrohungsszenario für seine Familie ableitet, sei dahingestellt. Bei näherer Betrachtung kommt dies einer Denunziation gleich (und es soll ja, etwa in Wiener Neustadt, Staatsanwälte geben, die dann gleich Mafia-Paragraphen bemühen). Die Story zeigt einmal mehr einen absurden Reflex österreichischer Politiker: Fragwürdigkeiten immer nur beim politischen Gegner zu vermuten. Kritik vorrangig als Kampagne zu werten. Und den eigentlichen Souverän, das vermeintlich dumme Wählervolk, möglichst auszublenden. Jo, dürfen’s denn dös?

Nun ist Herr S. nur eine – wenn auch symbolträchtige – Nebenfigur im aktuellen innenpolitischen Tohuwabohu. Und hat, spät, aber doch, die notwendigsten Konsequenzen gezogen. Im Parlament sitzt der alte Fuchs freilich nachwievor. Übrigens seit Jahrzehnten, zuvor im Bundesrat. Wagen Sie ja nicht, ihn nach der Höhe und dem Deckungsgrad seiner “wohlerworbenen”, aber doch deutlich überdurchschnittlichen Politikerpension zu fragen. Solche Fragen kommen im System Österreich üblicherweise gar nicht gut.

Man könnte nun meinen, dass – gerade in diesem Kontext – der gern als Bobo-Beschäftigungstherapie verunglimpften Web 2.0-Aktionismus etwas bringt. Und, ja, das tut er in einem gewissen, engen Rahmen auch. Dennoch: jegliches Triumphgeheul ist gänzlich unangebracht. Denn im Vergleich zur weltweiten Finanzkrise und ihren sukzessive ans Tageslicht tretenden Ungeheuerlichkeiten ist die krebsartig alle Organe durchdringende strukturelle Korruption im Staate Österreich ein Klacks. Die Ernüchterung der nächsten Monate und Jahre fällt wohl so grundlegend aus, die Erschütterung so gewaltig und der Schnitt so tief, dass sich simplere Gemüter noch zurücksehnen werden in die Ära der „Insel der Seligen“ (die real ja eher ein Selbstbedienungsladen der Unseligen war und ist).

S. und seine Mitstreiter, darunter ehemalige Bundeskanzler, Minister, Banken- und Kabinettschefs, Generalsekretäre, Landeshauptleute und Ehrenpräsidenten, werden, auch wenn sie aktuell noch herumrumoren, bald Geschichte sein. Und die jüngeren Populisten lauern schon auf den Moment, wo sie die Tragik der – von dieser Kameradschaft der Gestrigen zu verantwortenden und nachgerade befeuerten – Entwicklung für sich nutzen können.

Sprechen wir es klar aus: wenn uns demnächst ein Zahntechniker als Bundeskanzler blüht oder gar ein leutseliger Oligarch als Notstands-Staatenlenker, werde ich S. nochmals ein mail schreiben. Und mich herzlich bedanken. Nein: eher unherzlich. Oder den Mann, weil er gar so sensibel und saturiert und absehbar stummvoll ist, ignorieren. Es gibt dann wohl Wichtigeres zu tun.

Die fehlende Dimension

17. September 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (127) 3D macht Spass, aber auch viele Probleme. Und verkommt so zum Modegag ohne Zuschauer und Zukunft.

Unlängst erzählte mir ein Freund eine Geschichte, wie sie das Leben so schreibt. Eine Konsum-Parabel, die schliesslich in einem deftigen Lachanfall mündete, zuvor aber für Verblüffung, Rätselraten und einigen Ärger gesorgt hatte.

Die Geschichte geht so: die Freundin des Freundes gewinnt bei einem Preisausschreiben einen Fernseher. Hurra! Es handelt sich um ein schickes, flaches, mächtiges Teil. Auf dem neuesten Stand der Technik. Und es ist, wie die Beschreibung verkündet, 3D-fähig. Man holt also das TV-Gerät aus dem Karton, schliesst das Programmkabel an und setzt es unter Strom. Sich selbst setzt man 3D-Brillen auf, die dem Apparat beiliegen, denn ohne wird es klarerweise nichts mit der dritten Dimension. Das Bild ist, sagen wir mal: gewöhnungsbedürftig. Und erscheint eher, hm, zweidimensional. Oder ragt die Nase des Nachrichtensprechers nicht doch ein wenig aus dem Bildschirm heraus und ins Wohnzimmer hinein? Man sitzt ein Viertelstündchen da, zappt sich durch die Programme und sieht sich wechselseitig ratlos an. Und zunehmend enttäuscht. 3D: ein Humbug, ein Schwindel, eine Farce?

Meine Nachfrage, ob man denn auch eine codierte Sendung, DVD oder Blu-Ray-Disc ausgewählt hätte, löste das Rätsel. Wie, dafür brauche es spezielle Programmangebote? Die 3D-Brillen wandeln nicht einfach das stinknormale Fernsehbild und verleihen ihm Räumlichkeit und Tiefe? Und wenn dem schon so sei, wo kriegt man bloss die entsprechenden TV-Kanäle, Sendungen und Filme her? Gute Frage. Nächste Frage. Denn natürlich existieren solche Angebote. Aber sie sind nachwievor recht dünn gesät. Und 3D-Movies fallen zumeist in die Kategorie „Holzkeule“ (die wird dann aber, wir wollen nicht ungerecht sein, drastisch plastisch geschwungen). Man kann sich die Bilder auch vom Computerchip hochrechnen lassen, aber derlei Trickserei kann die Anmutung des Artifiziellen nie ganz abschütteln.

Dazu kommt ein weiteres Problem: die Inkompatibilität der Systeme. Samsung, Sony und Panasonic setzen auf Shutter-Brillen, LG, Philips und Toshiba forcieren dagegen die Polfilter-Technik mit billigen, leichten und jetzt schon geräteübergreifend nutzbaren Brillen. Nun hat auch die Konkurrenz einen „M-3DI“-Standard angekündigt, der aktive (und damit stromfressende und schwere) Sehbehelfe austauschbar macht. Kopfschmerzen sind da wie dort vorprogrammiert. Um aber die babylonische Verwirrung noch zu steigern, wurde auf der Funkausstellung in Berlin aber auch schon eine 3D-Technologie vorgestellt, die ganz ohne Brillen auskommt.

Ihnen fehlt da der Ein-, Aus-, Durch- und Weitblick? Unter uns: mir auch.

Idealzone U4

29. November 2010

Aus Anlass der Neuauflage des legendären Buchs zum legendären Lokal: zirka achtunddreißig Flash Memories eines U4-Veteranen.

”Im U4 geig’n die Goldfisch‘ / der Bruno längst im sich’ren Land”
(Falco)

Flash 1. Früheste Erinnerung: die U4-Plakate. Klebten in der ganzen Stadt, man konnte gar nicht dran vorbei. Ein erster Blitzkontakt ergab sich Ecke Neubaugürtel/Goldschlagstraße, gleich beim berüchtigten Café Effenberger, wo sich die Trankler gegenseitig gern die Taschenfeitln in die Lungenflügel stießen. Muss noch zur Schule gegangen, aber mit dem Herzen schon ganz woanders gewesen sein – jedenfalls markiert das plötzliche In-Erscheinung-Treten dieses Namens (“U4”, da waren U-Bahnen in Wien ja noch – Plastiksitze! Popfarben! Kreisky-Gratz-Zilk-Eröffnungen! – Vehikel des Zeitgeists) samt modernistischem Plakatdesign eines der Scharniere zwischen zwei Jahrzehnten. Hie die siebziger, da die achtziger Jahre. Aufbruch, meine Damen und Herren. Also, auf ins U4.

Flash 2. Dann war man drinnen. Mittendrin. Und machte z.b. mit beim “Air Band Wettbewerb”, einem höchst skurrilen Spektakel, wo Wiener “Szene-Menschen” berühmte Bands und Künstler jener Tage nachstellten. Erinnere mich an einen schlanken, ranken, feschen Werner Geier als Andreas Dorau. Und an Johnny Reggae, den ich dann – er äußerlich quasi unverändert – 19 Jahre später im “Amadeus” auf der Mariahilferstraße wiedertraf, ohne dass wir in nostalgische Zuckungen ob seiner “Air Band”- Konzeption verfallen wären. Johnny Reggae (auch so ein Künstlername, der nur damals entstanden sein kann) hatte mich, wenn mich nicht alles trügt, als eine Art Keyboarder-Laiendarsteller verpflichtet. Angeblich gibt’s irgendwo ein Video davon. So wie‘s es von allem und jedem, das/die/der mit dem U4 zu tun hatte, angeblich ein Video oder ein Foto oder sonst was gibt. Muss mal Conny fragen.

Flash. Conny. De Beauclair. Seltsamer Name, dachte ich damals. Denke ich heute manchmal auch noch. Guter Typ. Die Ruhe und Freundlichkeit in Person. Ganz anders als die mir sonst so verhassten Türlsteher. Thront heute immer noch als Zerberus und Zeremonienmeister knapp vor oder hinter dem U4-Eingang. Institution, sprichwörtlich. Like Christine Oberrauch, ganz zu Beginn (erinnert sie sich noch an die zufällige Begegnung auf der Portobello Road ’82, als ich als Ö3-Frischling zum Interview mit – dem damals noch stupend unbekannten – Boy George eilte?). Like Ossi Schellmann, Wolfgang Strobl. Karin Löffler. Bella. Venus. Willi Brumec, Marc und Boris Wörister, Nadja Sarwat und die ganze Brüder- und Schwestern-Partie.

Flash 3. Hansi Lang, ca. 1983, “Keine Angst”, live im U4. Drückte mich im Dunkel rum mit Martina R., die dann später berühmt werden sollte als “Willkommen Österreich”-Moderatorin und Billa-Pappfigur. Und die Mutter einer gemeinsamen Tochter (die das U4 auch schon von innen kennt). Irgendwo muss ja der Ursprung allen Lebens, aller Begierde, aller zwischenmenschlichen Hitze sein. Damals lag er in diesem Labyrinth in Wien-Meidling, zwischen all diesen euphorisierten, schwitzenden, zuckenden Leibern. Keine Angst. Gutes Konzert, übrigens. Sehr gutes Konzert. Hansi Lang war knapp dran an Falco, eine Zeit lang. Die Cyber-Musicals kamen erst später in Mode. Zwei Dezennien später, um exakt zu sein.

Flash 4. Gutes Stichwort: Konzerte. Ja, da war Prince (und ich hab‘ das Bootleg von seinem U4-Gig im Plattenschrank stehen, yes Sir). Und Ronnie Urini. Sade. Die Brüder. Nirvana. Die Happy. Wasweißichweraller. Nicht zu vergessen Der Schnakenkönig (alias Gerhard Potuznik) im Vorprogramm von Nikki Sudden. Aber jenes Gastspiel, das mir am grellsten und plastischsten in Erinnerung ist, war jenes der Godfathers. Muss gegen Ende der Achtziger gewesen sein. “Birth School Work Death”. Punk/Wave/Rock in seiner pursten Essenz: Schweiß. Der troff ob der unfassbaren Zusammenballung von Godfathers-Adoranten und ob der exorbitanten Hitze von der Decke. Tatsächlich. Greifbar. Wie in einer Tropfsteinhöhle.

Flash 5. Hitze. Feuer. Qualm. Flammendes Inferno im Kleinformat, so oder ähnlich. War ja nicht dabei. Gottseidank. Ich stand erst am nächsten Tag vor der feuerpolizeilich verschlossenen Tür, mit dem Plattenkoffer in der Hand. Hätte auflegen sollen, mit dem Geier, am Neujahrsabend 1989/90. Aber da war nichts mehr zum Auflegen, nur ein zerschmolzener Klumpen aus Plastik und Metall statt der Technics-Laufwerke (keine 1210er übrigens, für Kenner, sondern die noch massiveren Vorgänger-Modelle). Und ein ausgebranntes, geschwärztes, devastiertes U4. Eine Zäsur. Es wurde umgebaut und neu eröffnet, nach wenigen Wochen. Aber irgendwie war’s nicht mehr dasselbe, sagen Kenner. Ich sage nur: dieser Brand hat mir die zerfahrenste und unwirklichste Silvesternacht meines Lebens beschert. Ohne Job und Aufgabe, heimatlos förmlich, verbrachte ich sie auf dem Stephansplatz. Muss nicht nochmals sein.

Flash 6. Flash Gordon. Queen auch, manchmal. Oder Depeche Mode. Stroboskop-Blitzlichter. Flüchtige Erinnerungen. Karin Löffler und der kleine, speckdreckige Raum hinter der Bar, wo man abhängen und den aktuellen Dienstplan studieren konnte. “Demon Flowers”-Plakate mit wunderschönem Logo und “Dirty Dancing”-Parole (und einer Inschrift, die Angelika Lang nebst Werner Geier als Gastgeber anführte, was dann ja irgendwie nicht zutraf). Der ORF-Ü-Wagen auf dem Busbahnhof hinter dem Lokal, mit Gerald Pally an den Reglern oder Christian Sodl oder sonst irgendeinem Fuchs, der Bänder für einen “MusicBox”-Live-Mittschnitt mitlaufen ließ. Falco als legendenumraunter Stammgast in aller Herrgottsfrüh, leider nur bedingt ansprechbar. Gabi Dorschner als umschwärmte Frischblutzufuhr. Lisi Rühl bei einer “Rennbahn Express”-Weihnachtsfeier (?). Der kurios dreiste Annäherungsversuch an Barfrau Bella, nicht unerfolgreich, bestraft mit dem Versäumen eines Fliegers nach München (Virgin-Mann Wolfgang Pötsch zeigte Verständnis). Wolfgang Kopper im “Seniorenclub”. Willi Brumecs Daktari-Land Rover, fix geparkt vor dem Bankomaten auf der dem U4 gegenüberliegenden Straßenseite. Ich selbst als langzotteliger “Speak Easy”-DJ mit John Lennon-Brille, mit seltsamen Lieblings-Platten (etwa “Stranglehold” von Ted Nugent oder “Don’t Fear The Reaper” von Blue Oyster Cult). Ein zu letzterem Titel exzessiv tanzender Chris Duller. Wieder ich selbst beim manisch-jenseitigen Versuch, eine aufkeimende Grippe mittels noch exzessiverer Tanzeinlagen zu exorzieren. Oder beim gleichfalls manischen Experiment, “Ballroom Blitz” von Sweet mittels zweier Vinylsingles auf zirka dreißig Minuten Länge zu strecken. Zombies, die auch zur absoluten Sperrstunde noch auf der Tanzfläche rumzuckten. Gleißende Sonne beim Verlassen des Lokals in der Morgenstunde. Augenblickliches Eintreten des berüchtigten Boris Karloff-Effekts: Zerfall zu Mumienstaub. Schlafsucht. Ewige Alltagsferne. Ewige Jugend.

Flash 7. Bin erst neulich wieder in den dunklen Mutterschlund abgestiegen. Von wegen ewige Jugend. Verbleib bis zur Sperrstunde. Hab‘ “One” schätzen gelernt (und behaupte nur noch schwach, dass “New Years Day” doch der bessere U2-Song ist, Lisaschatz), habe mich gewundert, dass Venus immer noch hinter der Bar steht (und besser aussieht denn je), habe wie eh und je die vergrätzten Toilettenanlagen umschifft, Wolfgang Strobl hinter dem Mischpult zugewinkt, mit Conny geplaudert, Flyer eingestreift, Twinni-Eis in der Mitte geknackt, einen weißen Spritzer bestellt, mit dem Fuß gewippt und Nachtschattengewächse angegafft (werden immer jünger, die Dinger). Same as it ever was.

Flash 8. Frühjahr 2020. Total Recall. Ich soll einen Beitrag für den Prachtband “40 Jahre U4” abliefern, meint Conny. Geht in Ordnung. Unter einer Bedingung. Ich möchte, nein, ich muss das Video von jener schon heute legendären “Idealzone”-Nacht haben, wo am Mischpult DJ Elk gegen Peter Rauhofer antrat, Jimmy Deix am Lichtschalter saß (auf dem Schoß von Willi Türk, oder war’s doch Harry Lametta?), die Parole “Tonight Free Drinks / Free Sweets / Free Willie!” hieß und die Lotte Tobisch des U4, Karin Löffler herself, aufs Gogo-Podest stieg. Und am Schluss, tatsächlich nicht übermäßig überraschend, ein nur leicht gealterter Hans Hölzel um die Ecke bog und aufreizend beiläufig meinte “Wos is los, Buarschn? Ihr werdt’s doch net wirklich glaub’t ham, daß I mi auf aner Insel in der Karibik zur ewigen Ruah begeben werd‘?”.

Nein, wir hatten immer an das U4 gedacht. Conny Island. Das Goldfisch-Mausoleum.

Gypsy Spirit

29. August 2010

Indien: der Urkontinent der Roma. Ihrer Kultur. Ihrer Musik. „Gypsy Spirit“ ist eine Expedition zu den Wurzeln des eigenen Ich, die filmische Dokumentation einer Seelenreise. Harri Stojka, Roma, Gitarrist und Weltmusik-Star aus Wien, fährt nach Rajastan, Indien. Und retour. Und trifft da wie dort begnadete Künstler. Virtuosen. Menschen, die dieselbe Sprache sprechen: Musik. „Gypsy Spirit“ (Filmstart: 3.9.) nimmt uns mit auf diese Reise. Und bringt uns verändert, verklärt, verzaubert zurück.

„Wir im Westen sind teilweise übersättigt von Musik. In Indien habe ich wieder die existentiellen Grundlagen entdeckt: die Spielfreude, die Konzentration, die Freude am Üben, die Virtuosität, die Vollendung“ (Harri Stojka)

Die frühe Geschichte der Roma-Kultur liegt weitgehend im Dunkeln. Als gesichert gilt die Annahme, daß das Volk der Rom einst von Indien aus zu einer großen, bis heute nicht enden wollenden Reise aufbrach. Ihr Weg führte und führt über Jahrhunderte, eventuell Jahrtausende hinweg durch unzählige Länder, Kulturkreise, Hemisphären. Die einzige Heimat, die dem fahrenden Volk blieb, war die eigene Kultur, zuvorderst die Musik. Roma-Musiker tragen die Fähigkeit in sich, unterschiedlichste musikalischen Einflüsse aufzugreifen und in ihren persönlichen Stil und ihre individuelle Spielweise zu integrieren. Trotz gemeinsamer Wurzeln und einem Fundament traditioneller Tonleitern und Harmonien gibt es – einige wenige Lieder ausgenommen – keine einheitliche Romamusik. Im Gegenteil: sie ist so vielfältig wie die Weltgegenden, in denen ihre Interpreten und Hörer leben. In Mitteleuropa konnten sich trotz Ausgrenzung und Verfolgung von Rom und Sinti („Zigeuner“) verschiedene Biotope, Überlieferungen und Spielweisen entwickeln. Forscht man nach dem Wurzeln des „Gypsy Spirit“, führen alle Wege wieder zurück nach Osten, nach dem Urgrund der eigenen Identität und Existenz. Nach Indien.

Hier beginnt – und endet – auch diese Kinoreise. „Gypsy Spirit“ ist kein Musikfilm der üblichen Art. Er transportiert keine Rock’n’Roll-Klischees, keine grellen Machoismen, Pop-Philosophien und Business-Imperative, keine distinguierte Klassik-Hochkultur westlicher Prägung. Hier prallen Welten aufeinander, die eigentlich zusammengehören und nur einer sanften Zusammenführung bedürfen. Diese Verschmelzung ist das zentrale Motiv einer filmischen Erkundungsfahrt: Harri Stojka, Roma-Musiker aus Wien, begibt sich in Rajastan, Indien, auf die Suche nach seinen musikalischen und ethnischen Wurzeln. Im Gegenzug lädt er indische Gypsy-Musiker nach Wien ein.

So simpel der Plot, so facettenreich, subtil und gleichzeitig flirrend bunt gerät die Umsetzung. „Eigentlich war es die Idee meiner Frau Valerie“, erzählt Harri Stojka. „Ich bin ja geprägt von Bands wie Shakti oder dem Mahavishnu Orchestra. Ich wollte überprüfen, ob diese legendäre Virtuosität indischer Musiker vor Ort wirklich eine Grundgegebenheit ist. Und, um es vorwegzunehmen: sie ist es. Wir im Westen sind ja teilweise übersättigt von Musik. In Indien habe ich wieder die existentiellen Grundlagen entdeckt: die Spielfreude, die Konzentration, die Freude am Üben, die Virtuosität, die Vollendung“.

Die künstlerische Hemisphäre Harri Stojkas, der in Wien aufwuchs und lebt, ist neben traditioneller Lovara-Musik wesentlich geprägt von Rock (nicht zuletzt den Beatles), Bebop, Jazz und dem Gypsy Swing eines Django Reinhardt. Nicht zufällig wird der österreichische Gitarrist von einem Seelenverwandten und musikalischen Mitstreiter an der Violine nach Rajastan begleitet: Mosa Sisic. Geboren nahe Belgrad, ist der Roma-Geiger nach Wien übersiedelt, ohne seine Roots zu verleugnen. Im Gegenteil: bei Sisic paart sich die rhythmische und melodische Farbenpracht und Lebensfreude des Balkans mit einem kräftigen Schuß Orient. „Mosa ist das totale Gegenteil von mir“, so Harri Stojka. „Wo ich zu Introvertiertheit neige, ist Mosa extrovertiert bis zum Abwinken. Er geht auf Leute zu, unterhält sich mit Kindern und Alten, ohne auch nur ein Wort ihrer Sprache zu beherrschen, kann einfach gut kommunizieren.“ Und Kommunikation ist, zumal unter Künstlern, das essentielle Element dieser Reise ins eigene Ich.

„Wir haben 17 Tage in Indien gedreht und acht in Wien“, so Regisseur Klaus Hundsbichler. „Und von der Idee bis zur Kinopremiere hat es nicht einmal ein Jahr gedauert. Trotz aller Widrigkeiten, von stechender Hitze bis zum alle plagenden Durchfall, haben wir unseren Drehplan eingehalten. Ich bin überrascht, wie gut wir das hinbekommen haben. Und wie stimmig unser musikalisches Road Movie letztlich geworden ist.“ Die lakonische Lässigkeit der Protagonisten hat Hundsbichler in einen zurückhaltenden, beobachtenden, nicht kopflastigen Streifen umgemünzt. „Der Höhe- und Schlußpunkt passiert in dieser Teehütte im Niemandsland in Rajastan. Plötzlich tuckert da ein roter Traktor ins Bild, während sich die Hauptdarsteller über Sinn und Unsinn der Welt unterhalten. Jeder andere wäre durchgedreht, ich empfand das als höhere Choreographie“.

Auch Rudolf Klingohr war als Indien-Fan von Beginn weg angetan vom Konzept eines musikalischen Selbsterfahrungs-Trips. „Back to the roots“ bedeutet „Gypsy Spirit“ auch für den erfahrenen Produzenten, der u.a. mit seiner Firma Interspot u.a. die ORF-„Universum“-Serie gestaltet. „Wir haben mit einem höchst überschaubaren Budget unter schwierigen Umständen im High Definition-Format gedreht, und es war sehr spannend, die zweite Kamera zu bedienen. Der magischste Moment war für mich, als Harri am Dach eines Hauses, im Hintergrund eine Moschee, ein Musikstück seines Vaters spielt. Aber es gab viele magische Momente.“

„Gypsy Spirit“ ist eine Perlenkette von Momentaufnahmen. Junge indische Musiker (Stojka: „Wir haben einfach die besten genommen“) treffen beim Heurigen „Herrgott aus Sta“ auf Karl Hodina und im Schweizerhaus auf Wiener Schnitzel, Weltmusik-Stars gehen in Rajastan andächtig in die Musikschule, eine rumänische Roma-Band gesellt sich zum Gipfeltreffen in den Interspot-Studios. Letztlich ist das gemeinsame Konzert des „World Gypsy Orchestra“, das auch einen gewichtigen Part im Film spielt, der Höhepunkt der globalen Harmonie. Die letztlich nicht planbar ist: es bedarf gewaltiger künstlerischer Einfühlsamkeit, Aufmerksamkeit und Empathie, sich über ganz unterschiedliche Traditionen, Sichtweisen und Kulturen hinweg zu verständigen und auszutauschen. Und nicht immer schliesst sich der Kreis. „Die Musiker in Indien verstehen sich, ungeachtet der Erkenntnisse der Historiker, nicht als Roma, auch die Sprache ist – bis auf ein paar Worte und Sätze – keine gemeinsame mehr. Insofern blieb und bleibt uns nur die Musik.“

„So froh ich bin, die Strapazen dieser Reise hinter mir zu haben – die Wurzelsuche mußte einfach sein“, so Harri Stojka abschließend. „Jetzt kann man noch suchen. Und finden. In Zukunft wird alles verschmelzen. Und auch das hat sein Gutes, Befreiendes. Wir alle werden Menschen sein. Nur mehr Menschen, ohne Unterscheidungen. Und Musik unsere gemeinsame Sprache.“

Prinzenrolle

2. Juli 2010

Nach siebzehn Jahren Absenz von Österreichs Bühnen ist der ungekrönte König aller übermächtigen Pop-Zwerge zurück, alive & kickin’. Mein Damen und Herren! : Prince! Eine Einstimmung.

Es soll ja Leute geben, die ein sehr spezielles Verhältnis zu Prince Rogers Nelson haben. Offen gestanden: ich gehöre dazu. Die Sache ist nämlich so: meine Freundin hat den dringenden Wunsch, dereinst zu den Klängen von „Sometimes It Snows In April“ in die Grube gesenkt zu werden (oder, verdammt, war’s „Purple Rain“? Hier zu irren wäre fatal.) Das ist wahres Fan-Dasein. Das ist ultimative Erlösung. Und, ja, der ewige Kronprinz des Planeten Pop wird diesbezüglich noch auf Jahre und Jahrzehnte die Lebens-Charts beherrschen, oder, zutreffender: die Finalwertung. Vielleicht noch angefochten von Frank Sinatra („My Way“), Jim Morrison („The End“) und Hans Moser („Sperrstund’ is“), aber allzuviele Konkurrenten hat der Held dieser Geschichte nicht. Was für einen Platz im ewigen Pantheon der Musikhistorie spricht. Einen Ehrenplatz.

Erstmals aufgefallen ist der kleine, dunkle Ritter mit dem Laserschwert, das wie eine Gitarre aussieht – und das er auch so zu spielen versteht – Anfang der achtziger Jahre. Die ersten zwei Alben, noch den Siebzigern verhaftet, hatten selbst Auskenner verschlafen. Erst mit „Controversy“ kam hierzulande die Botschaft an, da wäre ein junger, vor Testosteron, Spielfreude und Zielstrebigkeit sprühender Musiker dabei, das Erbe von Smokey Robinson, James Brown und Stevie Wonder anzutreten. Fast gleichzeitig trat aber auch Michael Jackson in diverse Fußstapfen, und man wusste eine Zeitlang nicht recht, wen man denn jetzt zum persönlichen Favoriten küren sollte. Die Einigung in der Kritiker- und Fangemeinde sah so aus: Jackson war der „King of Pop“, Prince eben Prince. Der Erbprinz. Irgendwie cooler, vertrackter, intellektueller. Jedenfalls: ein tragbarer Image-Kompromiss.

Wie die beiden Künstler, deren kommerzielles Rivalitätsverhältnis solchermassen über Jahre hinweg determiniert war, damit selbst zurechtkamen, ist eine der hinterhältigsten Fragen in jedem Pop-Quiz. Überliefert ist die Ankedote, dass Jackson sich für seinen „Neverland“-Zoo eine Hirschkuh zulegte und ihr den Namen Prince gab. Der Namenspender wiederum erwarb vice versa einen Goldfisch, den er Michael nannte und der stumm seine Runden im Glas drehte. Anno 1987 hätten Hirschkuh und Fisch in realita „Bad“ als Duett intonieren sollen, Prince lehnte mit der – zutreffenden – Begründung ab, der Song werde auch ohne ihn ein Hit. Ob und wie sich Prince zum frühen Tod seines ewigen Rivalen äusserte, ist nicht überliefert – oder, ehrlicher: die schlichte „Google“-Recherche wird allein durch den Umstand behindert, dass Jacko seinen Erstgeborenen Prince Michael taufte. Und seinen zweiten Sohn dito. Das sollte uns aber auch einiges sagen.

Zurück zum weiteren Verlauf der Thronfolger-Karriere. „1999“, erschienen 1982, lief dann schon auf Ö3 rauf und runter (Privatradios gab’s damals noch keine). Die grossen Knaller folgten mit dem Soundtrack zum Film „Purple Rain“ und dann, in einem jährlichen Hit-Stakkato, mit den Alben „Around The World In A Day“, „Parade“ und „Sign O’ The Times“. Jedes Prince-„Best Of“-Album nährt sich vorwiegend aus jener Phase. Die stärkste Erinnerung habe ich aber an das offizielle Unter-der-Hand-Sammlerstück „Black Album“, das ich verbotenerweise komplett im Ö3-Nachtprogramm spielte und dazu den damaligen Warner Austria-Chef Manfred Lappé ins Studio bat. Dem verschlug es ob derlei Tolldreistigkeit die Worte. Prince selbst gab das Album später offiziell frei und schaute auf einen Kurzbesuch im Wiener U4 vorbei. Legendär.

In Österreich hatte der 158 Zentimeter grosse Veganer – haben wir nicht alle beim Pop-Quiz gut aufgepasst? – kurioserweise nie einen Nummer-eins-Hit, die grössten Erfolge blieben der L’amour-Hatscher „Purple Rain“ und die New Power Generation-Hymne „Cream“ jeweils auf Rang vier. Immerhin: „Love Symbol“, erschienen 1992, schaffte den Album-Chartsgipfel. Ringsum auf diesem Planeten verkauften sich Prince-Tonträger wie geschnitten Brot, kumuliert über 100 Millionen Stück. So funktioniert das Geschäft heute nicht mehr. Nach jahrelangen Streitigkeiten mit dem Mediengiganten Warner war Prince einer der Pioniere des Internet in punkto Musikvermarktung. Und er scheute auch nicht davor zurück, abrupt von den üblichen Business-Trampelpfaden abzubiegen: das 2007 veröffentlichte Album „Planet Earth“ verschenkte er an Leser der britischen Zeitung „The Mail On Sunday“. Das aktuelle Album „20Ten“ wird demnächst als Beilage des Magazins „Rolling Stone“ erwerbbar sein. Der Mann hat schnöde CDs als Einkommensquelle einfach nicht mehr nötig, es geht ihm schlichtweg um die Verbreitung des Inhalts. „Wenn er sie dazu aus einem Hubschrauber über London abwerfen könnte“, befand das Szeneblatt „Q“, „würde er das tun“. Uns soll es recht sein. Das Etikett in Musikindustrie-Kreisen, ein Sonderling zu sein, wird Prince wohl nie mehr los.

Nun: das hatte sich ja schon angedeutet. Pardon: was heisst angedeutet!? Mit derlei Aktionismus verbrachte – Zyniker meinen: verschiss – der heute 52jährige Superstar mehr oder minder die kompletten neunziger Jahre. Ab 1993 geriet der Konflikt mit den konservativen Kapitänen der Musikindustrie soweit, dass Prince seinen Namen ablegte und forthin als „TAFKAP“ (The Artist Formerly Known As Prince) oder gar nur mehr als grafisches Symbol in Erscheinung trat. Nicht, ohne selbst gelegentlich Opfer der allgemeinen Verwirrung zu werden – Herr Symbol sprach dann in der dritten Person von sich. „Prince hat früher nie Interviews gegeben.“, vermeldete er in Interviews. „Sie müssen da schon Prince fragen, weshalb er so gehandelt hat. Im Moment reden Sie ja nicht mit ihm. Sie reden mit mir.“ Aha. Den Rezensionen tat dies eher nicht gut. Den CD-Verkäufen erst recht nicht. Heissa!, im Mai 2000 überlegte es sich die zweifellos prägende Künstlerpersönlichkeit der achtziger Jahre doch wieder anders. Seither ist eine gewisse Prince-Renaissance zu bemerken. Seine Musik, – legal wie illegal, jedenfalls opulent ausgebreitet im World Wide Web und in unzähligen Facetten schwarz funkelnd –, ist vielleicht subjektiv nicht mehr so markant, erregend und innovativ wie anno dazumal. Aber um keinen Deut schwächer als in den Zeiten unser aller Adoleszenz.

Wenn Prince nun am 13. Juli nach knapp siebzehn (!) Jahren erstmals wieder in Österreich auf einer Bühne steht, sollte das ungebrochen (oder, meinetwegen: wieder) für Freudentränen, Beckenbodenzucken und Hormonschübe sorgen. Dass man von Linz nach Wien übersiedeln musste, hat laut Konzertveranstalter „organisatorische Gründe“. Die Spötter nicht als Nostalgie-Defizit interpretieren sollten, ohne selbst Gefahr zu laufen, sich dem Gespött der Prinzen-Gefolgschaft hinzugeben. Und, Achtung!, diese Leute waren und sind heissblütig. Dass zudem namhafte Überraschungsgäste wie Maceo Parker oder Candy Dulfer angekündigt sind, bleibt Nebensache. Die Prinzenrolle verlangt nach einem Hauptdarsteller. Dem einzig denkbaren Hauptdarsteller.

Helden von morgen

4. Mai 2010

Nun existiert sie also wirklich: die „Österreichische Musikcharta“. Aber noch gilt es, das Abkommen mit dem ORF mit Leben zu erfüllen. Zuvorderst im Visier: der Küniglberg und dessen TV-Studios.

Zuerst tobte der Streit jahre-, fast jahrzehntelang. Dann einigte man sich innerhalb weniger Tage. Die Rede ist von der Vereinbarung zwischen dem ORF, der grössten elektronischen Medienorgel des Landes, und einer Armada diverser Fachverbände, Interessensvertreter, SOS-musikland.at-Wappenträger und Einzelkämpfer im Namen der Musik.

Was knapp vor Weihnachten 2009 besprochen, beschlossen und unterzeichnet wurde, ist keine Revolution. Und schon gar keine kleinliche „Quotenregelung“ mit Daumenschrauben-Charakter. Eher die Festschreibung einer Evolution, die mit kleinen, aber konkreten und konzentrierten Schritten bergauf führen soll. Und den Medienpartner ORF nicht in die (zu lange seinerseits vermutete) Sackgasse oder gar schnurstracks in den Untergang, sondern zu einem gedeihlichen Neben- und Miteinander bewegen wird. Die Währung heisst Aufmerksamkeit. Das Fundament gegenseitiger Respekt. Erstmals wurde die Existenzberechtigung der Thematik praktisch anerkannt, auch die Festlegung auf Mindeststandards und Messmethoden ist ein Quantensprung.

Gestatten Sie also selbst einem alten Berufszyniker wie mir eine vorsichtig positive Beurteilung des Kontrakts, den Alexander Wrabetz einerseits, Universal- und IFPI-Chef Hannes Eder andererseits geschlossen haben. Und die Hoffnung, dass die „Österreichische Musikcharta“ ein Eckpfeiler eines neuen Selbstverständnisses und Selbstbewußtseins lokaler, regionaler, nationaler Kreativität (mit Drang zu internationalem Erfolg) ist. Hie wie da. Das in diesem Kontext äusserst treffliche Bild der kommunizierenden Röhren schliesst Medium und Botschaft, Sender und Empfänger, Künstler und Berichterstatter mit ein.

Damit wir uns aber nicht im Allgemeinen verlieren, und damit die Sache und der damit verbundene kommunikative Schwung nicht allzu rasch wieder einschlafen, erlaube ich mir ein paar konkrete Fingerzeige. Lassen wir Ö3 mal aussen vor, dazu haben sich (zu) viele schon erschöpfend geäussert, mich eingeschlossen. Auch Ö1 ist ein zu eigenwilliges Spielfeld und die zeitgenössische Klassik ein zu sensibles Pflänzchen, um hier einfach drauflos zu schwadronieren. Zu Radio Wien, einem der grössten Problemfälle des ORF in punkto „Österreicher-Anteil“, fiele mir schon mehr ein. Es kann wirklich nicht der Weisheit letzter Schluss sein, Oldie-Drall hin oder her, ewig Peter Cornelius, Ganymed und Rainhard Fendrich zu repetieren. Vorzugsweise spätnächtens. Und mit Falco, Christl Stürmer und Vera Böhnisch bewegt man sich schon wieder auf Ö3-Terrain; dabei gilt es die Sender zu beidseitigem Quotenvorteil und zur Abwehr von „Radio Arabella“ und „KroneHit“ strikt zu entflechten. Was tun?

Simpler Vorschlag: es gibt gerade eine hoch aktive, hochinteressante Wiener Szene, die nur partiell auf FM4 eine Heimat fand und findet. Ich sage nur: Ernst Molden. Könnte genauso gut aber auch Birgit Denk, 5 8terl in Ehr’n, Kollegium Kalksburg, Sterzinger, Der Nino aus Wien, Des Ano, Die Strottern, Garish, Kempf oder Das Trojanische Pferd nennen. Da würd’ ich gern mehr hören. Und andere wohl auch: Live-Novitäten wie das „Popfest Wien“ am Karlsplatz, programmiert von Robert Rotifer, aber auch generell die zunehmende Nachfrage nach den „guten Kräften“ dreissig Jahre nach Chuzpe dürfen als Indiz herhalten.

Der wesentliche Faktor ist und bleibt aber das Fernsehen. Dass anno 2010 immer noch zur Diskussion steht, ob und, wenn ja, wie der ORF seine – eh nicht mehr staatstragende, aber immer noch immanent identitätsstiftende – Rolle etwa in Hinsicht auf den Branchen-Jahrmarkt (der Eitelkeiten, aber auch der Marketing-Botschaften) „Amadeus“ zu definieren hätte, macht mich ein bissl fassungslos. Ja, wann und wie will man denn berichten über die Popszene dieses Landes, wenn nicht zumindest anlässlich des einzigen Events, auf den man sich szeneweit verständigt? Meinetwegen mit Ostrowski-Schmäh und Heinzl-Ironie (der Mann versteht mehr von Pop-Spielregeln, als ihm viele zutrauen), besser wohl mit Mut zur geschickten, innovativen Verbindung von Tönen, Zwischentönen und Bildern. Und einem Grundrespekt der Kundschaft – den MusikerInnen und MusikliebhaberInnen – gegenüber. Ja, ich will den „Amadeus“ wieder im ORF sehen. Oder soll auch hier „Red Bull“-Erfinder Didi Mateschitz via „Servus TV“ zeigen, wo’s lang geht?

Weil wir schon dabei sind: im neuen ORF-Gesetz, an dem unsere Volksvertreter ganz uneigennützig seit Monaten herumschrauben, hat doch ein zusätzlicher Kultur- und Informationskanal seine Existenzberechtigung festgeschrieben bekommen. Mehr als das: der ORF wird quasi zwangsverpflichtet, aus dem halb öffentlich-rechtlichen, halb privaten Obskuranten-Programm TW1 etwas Brauchbares zu machen. Man könnte dort z.B. ein Nachwuchsbiotop installieren, wie es früher die Jugendredaktionen von „Ohne Maulkorb“, „Okay“ und „X-Large“ waren. Und heute etwa FM4 ist. Der inneren Vergreisung bei gleichzeitig galoppierenden Personalkosten lässt sich so am ehesten entgegenwirken. Ebenso dem augenfälligen Überhang von Operninszenierungen, Schlager-Tralala und Volksmusik-Humtata, der einer dem Markt und der Demoskopie konformen Berücksichtigung von Pop im weitesten Sinne Hohn spricht. Mehr Mut, Herr Lorenz, Herr Böhm, Herr Strobl, Frau Roscic! Es muss ja nicht gleich die grosse Hauptabend-Show sein, die Anna F., Soap&Skin, Parov Stelar und Texta bis in die letzten Winkel und Dorfgasthäuser der Alpenrepublik trägt.

Thomas Rabitsch, Oberkapellmeister der Nation, hat neulich angedeutet, dass man am Küniglberg abseits von „Musikantenstadl“, „Starmania“ und ähnlichen Formaten tatsächlich nicht gänzlich uninteressiert sei an Ideen, Konzepten und Vorschlägen zum Thema Musik. Wiewohl: schwierige Materie. Aber doch. Nun, wenn’s denn so ist – hier ein simpler Vorschlag: lasst die Protagonisten doch für sich selbst sprechen. „15 minutes of fame“, ein knapper, aber dezidierter Freiraum, generös eingeräumt von der Programmdirektion. Und beinhart genutzt von den „Helden von heute“. Respektive morgen. Birgit Denk, Michael Ostrowski, Valerie Sajdik und/oder Eberhard Forcher als Moderator(inn)en, eine dichte, sympathische, respektvolle redaktionelle Introduktion und dann: Manege frei!

Drei Acts in sechzig Minuten, aus durchaus unterschiedlichen Biotopen und Subszenen. Live. Sagen wir mal, exemplarisch: Luttenberger/Klug, Die Vamummtn, Parov Stelar. Oder: Christl Stürmer, Bunny Lake, Attwenger. Oder: Norbert Schneider. Die Seer. Richard Dorfmeister. Für alle gibt es jeweils eine Viertelstunde, gestaltet nach eigenem Ermessen, der Rest auf die volle Stunde ist Drumherum, lockerer Talk und eine kurze Bedienungsanleitung. Inkludiert: unmittelbares Feedback. Von einem Fachmann á la Markus Spiegel. Oder einem Kritiker wie Karl Fluch („Der Standard“) oder Samir Köck (“Die Presse”). Oder einem Altvorderen wie Sigi Maron. Willi Resetarits. Wolfgang Kos. Oder.

Und von den drei Acts, die in einer Sendung vorgestellt werden, darf einer beim nächsten Mal wieder ran. Quasi eine Verlängerung der Spielzeit „on public demand“. Per Internet-Voting. Via Widgets. Auf Facebook, MySpace & Co. Und auf einer eigenen Website. Dort gibt’s Downloads, Videos, Links und ausführliche Infos zu den vorgestellten Künstlern. Und Buttons wie „Mehr davon auf Ö3!“. Oder „Radio Wien, bitte herhören!“. Also im Idealfall mehr als „15 minutes of fame“. Andy Warhol hätte wohl mächtig Spass an solch einer weitgehend unzynischen, aber gewiss nicht spannungsfreien „Gong Show“ gehabt.

Ein bisserl was wird man sich doch noch wünschen dürfen von der ORF-Entwicklungsabteilung (und sagen Sie bloss nicht, die wäre aus Kostengründen aufgelöst worden. „Die wahren Abenteuer sind im Kopf“, sang schon André Heller. „Und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo.“ Nicht mal im Internet, wage ich zu ergänzen.) Im Idealfall eine frische, unkonventionelle, zeitgemässe, spannende, unprätentiöse, clevere, ernstzunehmende, sich selbst, die Künstler und das Publikum ernst nehmende neue TV-Musik-Plattform. Einen Abglanz der Warhol’schen „15 minutes of fame for everyone“. Meine persönliche Viertelstunde reiche ich weiter an Willi Resetarits & Ernst Molden. Clara Luzia. Michi Gaissmaier. Franz Adrian Wenzl alias „Austrofred“. Olga Neuwirth. Oder Patrick Pulsinger (um noch mehr Namen zu nennen). Die wissen damit jede Menge anzufangen. Mit Garantie.

Wien, Du bist ein Taschenmesser

28. April 2010

André Heller sang einst “Wien ist eine alte Frau, drum wart’ ich bis zum Muttertag, daß ich erschlag’ die Sau”. Aber nicht doch! Es gibt ganz andere Mittel und Wege, mit dieser Stadt ins Reine zu kommen. Einer davon ist das Singen und Musizieren. Insbesondere das Singen über Wien. Ein anderer ist es, derlei musikalische Kleinode, Hymnen und Zornesausbrüche auf einer CD-Compilation zusammenzutragen.

“Die jungen Leute in Wien kommen mit siebzig Jahren auf die Welt und leben sich dann auf fünfzig herunter.” (André Heller)

Gibt es eine Wiener Popmusik, um nicht gleich allumfassend von Pop-Kultur zu schwadronieren, oder nur Pop in und aus Wien? Kann die Donaumetropole dem Berliner Flair, der Hamburger Schule, der Finanzkraft Zürichs etwas entgegensetzen, ganz zu schweigen von Paris, London, New York, Tokyo, Shanghai? Existieren Verbindungslinien zwischen dem althergebrachten „Austro-Pop“ der siebziger und achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts und der unzweifelhaft vorhandenen, berückend vielfältigen und höchst vitalen Szene anno 2010? Finden Ambros, Danzer, Heller, Falco, Zawinul und Novaks Kapelle nachgeborene Fackelträger, Geistesverwandte, Nachahmungstäter? Wenn ja: warum hört man davon so wenig auf Radio Wien? Darf Pop in diesem Kontext auch nach Punk, Fäkalien, Elektronik, Wienerlied, Balkan, Burgenland, HipHop, Avantgarde, Kitsch, Burenhäutl oder grünem Veltliner schmecken? May it contain lyrics in English? Wieso überhaupt gab es bislang keinen Tonträger, der die „guten Kräfte“ (© Chuzpe) so tolldreist wie liebevoll versammelt, verdichtet und vorführt? Und was hat Franz Schuh mit all dem am Hut? Fragen über Fragen. Diese Compilation kann keine definitiven Antworten geben. Aber dem Rätselraten eine Tonspur. WIEN MUSIK 2010. Viel Vergnügen, wir hören uns bald wieder.

Und hier noch die Tracklist:

1) LAOKOONGRUPPE : “Walzerkönig”
2) JA, PANIK : “Wien, Du bist ein Taschenmesser”
3) DJ DSL feat. URBS : “Oaschloch”
4) NONDESCRIPT : “Über den Dächern von Wien”
5) CLARA LUZIA : “Tired City”
6) MOLDEN & RESETARITS : “Hammerschmidgossn”
7) FRED SCHREIBER : “Diese Stadt”
8) DIE STROTTERN : “Grüß Gott, ich bin das Wienerlied”
9) FATIMA SPAR : “Istanbul darf nicht Wien werden”
10) DAS TROJANISCHE PFERD : “Wien brennt”
11) VOTAVA + FUNCTIONIST : “G’söchta”
12) 1. WIENER HEIMORGEL ORCHESTER : “Niemand hilft mir”
13) MONOMANIA : “Wien, nur Du allein”
14) DER NINO AUS WIEN : “Du Oasch”
15) 5/8TERL IN EHR’N : “Siasse Tschick”
16) DIE LEBKUCHENHERZEN : “Herzaln”
17) GARISH mit ELFRIEDE RAMHAPP : “Werktags Wien”
18) GUSTAV : “Verlass’ die Stadt”

Compilation & Liner Notes: Walter Gröbchen
Koordination: Eileen Zirzow
Grafik: Gerhard Potuznik
Foto: Manfred Klimek
Cover Model: Franz Schuh

Das System Klassik

28. April 2010

Millionenbetrug, Sinnkrise und wegsterbendem Publikum zum Trotz: in Salzburg und Wien kehrt man zu „business as usual“ zurück. Anmerkungen zum “System Klassik”.

Sollten Sie Lady Gaga, Slipknot oder Tocotronic für die Säulenheiligen der Gegenwartskultur halten, muss ich Sie gleich zum Auftakt enttäuschen: die gewichtigsten, teuersten und radikalsten Protagonisten im ewigen Orgien-Mysterien-Theater des Musikgeschäfts sitzen hinter den Kulissen. Etwa, sieh’ an, in Salzburg. Oder auch in Wien. Wer Gagen in Millionenhöhe für, sagen wir mal: Madonna für obszön hält – klassische Musik wird in Österreich jährlich mit etwa 80 bis 150 Millionen Euro vergoldet, je nach Betrachtungsweise. Das ergab eine Diplomarbeit von Clara Kirschner, nüchterner Titel: „Die öffentliche Förderung von Klassischer Musik in Wien, Salzburg und auf bundesstaatlicher Ebene im Vergleich“. Der Rest vom Fest – insbesondere die weitläufige Pop-Abteilung – darf sich mit den Brosamen begnügen, die vom reich gedeckten Tisch fallen. Und das ist nur ein Antriebsstrang eines wundersamen Hochkultur-Perpetuum Mobiles. Nennen wir es das „System Klassik“.

Als dieser Tage im Rahmen der Osterfestspiele die „Götterdämmerung“ an der Salzach erklang, der letzte Teil des „Ring der Nibelungen“, gespielt von den Berliner Philharmonikern und dirigiert von Sir Simon Rattle, konnte man von „rauschendem Orchesterklang, üppigen Stimmen, Musik, die nochmals die großen Linien der Geschichte zusammenfasst“ lesen. Aber auch von „trotziger Begeisterung“ und einem Scheitern an hohen, nein: höchsten Ansprüchen. Das Sinnbild, das Stephane Braunschweig dem Publikum vorsetzte, ist von drastischer Allegorik: “Es ist so, dass die Väter in diesem „Ring“ verantwortlich und schuldig sind daran, dass alles schief geht”, so der Regisseur. “Und dann kommen die Jungen, die diese Welt retten sollen. Aber sie verstehen die alte Generation nicht. Es handelt sich um eine Tragödie, wo der Held überhaupt kein Bewusstsein der Tragik hat.“

Nun denn: erstaunt uns das lebensfrohe Weiterwursteln der Haute-Volée? Erinnert sich noch jemand an all die Skandale, Skandälchen, Kontrollmiseren und Rabl-Stadlerschen Endzeitgesänge, was die Nebenwirkung des Anti-Korruptionsgesetzes auf den Kartenverkauf betraf? Verwundern die Klagen über eine “Verwienerung” der Salzburger Klüngelei, während man sich Diskussionen über kriminelle “Einzelfälle” (?) á priori verbittet?

Begleitet von den Molltönen einer Matthäus-Passion und eines Verdi-Requiems, flankiert von Sponsoren wie Audi und Vontobel, fuhren die – im Vergleich mit den eigentlichen Salzburger Festspielen eher nebensächlichen – Osterfestspiele 2010 ein hübsches, kleines Defizit von 880.000 Euro ein. Ein Fliegenschiss quasi, rechnet man doch mit Umwegrenditen und Tourismusumsätzen in Millionenhöhe. Diese, hm, indirekte Rentabilität wird gebetsmühlenartig auch immer wieder in die Schlacht der Pro- und Contra-Argumente geworfen, wenn z.B. die Frage nach der sauteuren Musical-Subventionierung in Wien aufploppt. Warum man mit populistischen Spektakeln wie der Udo Jürgens-Huldigung „Ich war noch niemals in New York“ in Deutschland Riesengewinne einfährt, hierzulande aber enorme Zuschüsse braucht, konnte noch niemand schlüssig erklären. Aber: andere Baustelle. Gegen den gutbürgerlich-feisten, vom immerdar sprudelnden Geldfluss genährten Klassikbetrieb – die ehemalige Musical-Hochburg Theater an der Wien ist ihm auch anheim gefallen – ist das ein billiges Schattenreich. Und kann natürlich mit dem Nimbus, der Strahlkraft, der künstlerischen Werthaltigkeit von Wagner, Mozart, Mahler nicht mithalten. Und dem künstlich, wiewohl gekonnt hochgeschraubten Marktwert von Anna Netrebko, David Garrett und Lang Lang.

Das „System Klassik“ nährt sich aus seltsamen Widersprüchen: einerseits der Wucht und Beharrungskraft eines Öltankers, was seinen gesellschaftlichen Status und die finanzielle Unterfütterung betrifft. Die Zahlen im CD-Markt steigen wieder, wenn auch in einem Umfeld, das zuvor seit dem Jahr 2000 jährliche Verkaufsrückgänge zwischen fünf und fünfzehn Prozent eingefahren hat. Andererseits hat das Genre mit einem schlichten demoskopischen Problem zu kämpfen: 64 Prozent der Klassikkäufer sind 50 Jahre und älter. Der Kulturwissenschaftler Martin Tröndle von der Universität Friedrichshafen brachte es in einer Langzeitstudie auf den Punkt: das Publikum stirbt aus. Profaner formuliert: es wird in den nächsten 30 Jahren deutlich schrumpfen, zumindest um ein Drittel. Die Gegenstrategie von Firmen wie Deutsche Grammophon, Decca und Sony Classics: Konzentration auf wenige Superstars, intensive Verzahnung mit dem Tournee- und Konzertbetrieb, ungenierte Partizipation am ehern festgeschriebenen Subventionierungsmechanismus für repräsentative Hochkultur.

Von gigantomanischen Turmbauten zu Babel, wie etwa der Elbphilharmonie in Hamburg (oh ja, wir alle haben den „Spiegel“-Artikel gelesen!) profitieren auch die Wiener Philharmoniker. Vom darbenden ORF-Radiosymphonieorchester profitieren auch die Salzburger Festspiele. Die Staatsoper, die diverse Klangkörper via Beamten-Gehaltsschema ernährt, ist der wichtigste Knotenpunkt im Geflecht. Und natürlich käme niemand auf die Idee, japanischen Touristen, US-Industriemillionären und deutschen Börsenspekulanten die international bekannteste Institution wegnehmen zu wollen. Die Kulturpolitik ist zuvorderst Verteilungspolitik: achtzig Prozent (oder mehr) des Budgets sind fix verplant, auf Jahre und Jahrzehnte hinaus, scheinbar oder tatsächlich unabänderlich. Konservativ, also besitzstandwahrend, im tatsächlichen Wortsinn. Der Bund stellt traditionell rund 95 Prozent (zuletzt insgesamt annähernd 113 Millionen Euro) seines Musikbudgets den Sparten “Klassik” und “traditionelles Musiktheater-Repertoire” zur Verfügung. Für zeitgenössische E-Musik bleiben 3,5 Prozent, der Rest (Rock/Pop, Jazz, World Music, Dance, Volksmusik) darf den verbleibenden Rest von 2 Prozent (!) unter sich aufteilen.

Da jetzt aber auch der österreichische Film boomt, die Literatur und ein wenig sogar die heimische Popularmusik, kommen die Lordsiegelbewahrer der Tradition tendenziell in Argumentationsnot. Wollen wir auf ewig ein Museum sein, ein Mausoleum, ein Musentempel konservativer K&K-Grandezza – oder eventuell doch auch in Zeitgenössisches oder gar Zukunftsverdächtiges investieren?

Diese Frage wird sich nicht länger vom Tisch wischen lassen. Dieses Thema ist wichtiger, drängender, brisanter denn je. Gut, dass die Klassikaner lautstark an ihrem eigenen Ast sägen (die stetige Selbstbeschädigung erinnert ein wenig an jene der Katholischen Kirche). Götterdämmerung inmitten einstürzender Altbauten.

Beiläufige Musiktipps (7)

11. Januar 2010

Enter: Martin Philadelphy. Ein „Gnom, Strolch, Lüstling und unruhiger Geist im Porzellanladen der Unterhaltungsbranche.” Enter Stephan Sperlich. Ebenfalls kein Mann, der seine Talente unter den Scheffel stellt. Wozu auch: gemeinsam bilden die beiden Musiker das interessante Duo Österreichs – die BLIND IDIOT GODS. Demnächst erscheint ihr Debutalbum “Animilation”.

„Man muß systematisch Verwirrung stiften, das setzt Kreativität frei.“ Keine Ahnung, ob Martin Philadelphy den Satz des Surrealisten Salvador Dali verinnerlicht hat. Oder überhaupt kennt. Aber mit Leben erfüllt der Musiker ihn tagtäglich. Irgendwann verliert auch der bestmeinende Rezipient den Überblick – allein über die Projekte, die Philadelphy betreibt, betrieben hat oder demnächst, bald oder irgendwann zu betreiben gedenkt. „Kloan und braun“ heisst ein Solo-Programm, „In Gnomini et Philadelphy, Amen“ ein anderes. „Elektro Farmer“ ein Projekt, „Die Sheriffs von Nottingham“ ein anderes, „The Philadelphy Experience“ ein drittes. Und das ist nur ein Bruchteil der Vita dieses Mannes. Zwischendurch gibt er dann auch mal den Herodes in „Jesus Christ Superstar“. Fast scheint es, als hätte der Künstler, 38, gebürtig aus Innsbruck („Aber ich weiß es nicht mehr so genau“) selbst den Überblick über sein Oeuvre verloren. Aber es scheint nur so.

Karrierberater würden jedenfalls drei Kreuze schlagen bei einem wie Philadelphy. Jetzt biegt er wieder mit einem neuen Etikett um die Ecke. Blind Idiot Gods. Daß es den Namen, allerdings ohne Plural-„s“, schon einmal gab in der Musik-Historie – nämlich für ein amerikanisches Dub/Jazz/Core-Instrumental-Trio der achtziger Jahre, von zugegebenermaßen nur mässiger Berühmtheit – stört den guten Martin nicht weiter. „Könnte einen Skandal geben, im besten Fall natürlich“, lässt er wissen. „Der Ausdruck “Blind Idiot God” ist ja ein Synonym für Offenheit, Direktheit, Geschenk, Zufall, Hingabe. Das passt schon.“ Na dann.

Tatsächlich spielt der Zufall eine große Rolle bei den Blind Idiot Gods. Und Martin Philadelphy nicht allein auf weiter Bühne. Neben und mit ihm werkt Stephan Sperlich, sonst zugange bei 78plus, an der Tastatur. Philadelphy selbst singt – mal deutsch, mal englisch, vom Timbre her gelegentlich an Grössen wie Alex Harvey oder Peter Gabriel erinnernd – und bearbeitet die Gitarre. Im Herbst 2008 erschien auf dem südsteirischen Label Pumpkin Records mit dem Song „Eva“ ein erstes Lebenszeichen der Götter mit Handicap. Im Herbst des Vorjahrs dann mit Steve Millers „Abracadabra“ auf dem „Death To The 80ies“-Sampler von Ink Music ein zweiter. „Animalation“ Anfang 2010 ist das erste umfassende Statement. Ein tierisches Unterfangen. Und vielleicht das erste Opus in Philadelphys umfangreicher Diskografie, das Chancen auf ein großes Publikum hat.

Chamäleongleich setzt das Duo sich in seinen Songs gern verschiedene (Tier-)Masken auf, als Platzhalter und Metaphern fur menschliche und alllzumenschliche Eigenheiten. Blind Idiot Gods verleihen jedem Vieh einen eigenen Sound. Und eine eigene Botschaft. Augenzwinkern scheint aber immer durch die Masken hindurch. Ratten, Elefanten, Chamäleons, Katzen, Fische, Vögel, gestiefelte Kater, Kalif Storch – auf „Animalation“ tritt ein ganzer Zoo unterschiedlichster Charaktere auf. Was Sperlich und Philadelphy uns damit sagen wollen? Allerhand: von der Abneigung gegen heutige Schönheitsideale bis zur Dunkelheit, die den Maulwurf schützt. Die seelischen Tiefen und Untiefen des „Human Animal“ Mensch. “Not An Amimal At All”? (Hörprobe ganz unten). Dieser Text stammt von Barbara Steiner, andere entstanden in Zusammenarbeit mit der New Yorker Lyrikerin Jane Le Croy.

„Martin Philadelphy scheint auf sympathische Art chaotisch – und ein wenig besessen. Von der Musik, versteht sich. So lässt sich zumindest der Sprung vom Krankenpfleger zum Straßenmusiker und weiter zum Berufsmusiker erklären.“ (Marlene Mayer, „Die Presse“). Tatsächlich ist die Vita des Duos Blind Idiot Gods so sprunghaft, schillernd und interessant wie die seiner Protagonisten. Aber die sollen Ihnen die Story ruhig selbst erzählen.

Kritiker verwenden, so sie die Musik von Philadelphy/Sperlich beschreiben (zum Projekt BIG gibt es selbstredend noch keine zitablen Wertungen), gerne Adjektive wie „ironisch“, „kontroversiell“, „schräg“ oder „hinterlistig“ Zum schönen Bild „Rumpelstilzchen meets Zappa“ verstieg sich das „Innsbrucker Stadtblatt“. Die „Vorarlberger Nachrichten“ zeichneten Philadelphy als „Gnom, Strolch, Lüstling und unruhigen Geist im Porzellanladen der Unterhaltungsbranche.” Andernorts heisst es: „Potenzielle Hits treffen deliziösen Schwachsinn”. Alles so zutreffend wie unzutreffend. Tatsache ist: die Blind Idiot Gods atmen die Spielfreude, Ungezwungenheit, Improvisationskraft und Virtuosität des Jazz (vor allem live). Und sind doch lupenreiner Pop. Rauh, ungeschliffen, derb; bisweilen auch nahe an Art Rock und Dada. Aber Pop.

„Wir sind in die Welt gevögelt, und können doch nicht fliegen“ postulierte der Dramatiker Werner Schwab einst. Martin Philadelphy und Stephan Sperlich, diese göttlich-blinden Idioten mit Musikinstrumenten, können es.

BLIND IDIOT GODS – “Not An Animal At All”


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 39 other followers