Conchitas grosse Chance

2. Mai 2014

Es ist gar nicht wichtig, welchen Platz Tom Neuwirth beim diesjährigen Eurovisions Song Contest erreicht. Denn mit seinem alter ego Conchita Wurst hat er bereits die Grenzen reiner Unterhaltung gesprengt.

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Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Österreich grösste Entertainment-Orgel, der ORF, könnte eine positive Überraschung erleben. Denn die Entsendung von Conchita Wurst – einer Kunstfigur mit weiblichen Attributen und präzise getrimmtem Bartwuchs, hinter der sich der 26jährige Gmundner Travestiekünstler Thomas Neuwirth verbirgt – zum diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) in Kopenhagen wird von Medien- und Publikumsreaktionen begleitet, wie sie in den Jahren zuvor eher selten waren.

Mit dem ruralen HipPop-Kinderlied „Woki mit Dein Popo“ der Trackshittaz hatte man noch 2012 den denkwürdigen letzten Platz unter allen Teilnehmern des TV-Spektakels eingefahren. „Rise Like a Phoenix“ dagegen – eine pathetisch-schwüle Hymne, die Conchita Wurst von einem internationalen Serienschreiber-Autorenteam auf den Leib geschneidert wurde – darf als Kampfansage gewertet werden. Und der glamouröse Auftritt als Statement. Das Selbstbewusstsein ist angebracht: denn Provokation, die sich ungeniert in die Gehörgänge frisst, hat sich beim Songcontest fast immer bewährt.

Und selbst wenn Wurst ihrem Künstlernamen gerecht wird und sich Jury wie Publikum gelangweilt geben: das Polarisierungs-Potential ihrer puren Erscheinung ist enorm. Und hat die Gender-Debatten auch jenseits der Landesgrenzen beflügelt: ist demonstrativ gelebte Transsexualität Ausdruck eines neuen, liberalen Menschenbilds oder nur eine aufgesetzte, kalkulierte Belästigung des „Normal“bürgers?

Die gewollte, aber keineswegs aufdringliche Originalität ihrer Rolle bringt Conchita Wurst jedenfalls ins Visier konservativer Geister. Der Nachrichtendienst Reuters berichtete schon vor Monaten von 15.000 Unterzeichnern einer Petition in Russland, die verlangte, die Übertragung des Songcontests („Ein Pfuhl der Sodomie“) im staatlichen TV einzustellen. Oder zumindest partiell auszublenden. Ähnliche Proteste und Forderungen nach Zensurmassnahmen werden aus Weissrussland und Armenien gemeldet.

Die britische Zeitung „Independent“ wertet diese Stimmen als „Transphobic backlash“, die European Broadcast Union (EBU) als Veranstalter des ESC hält dagegen. Die Übertragung des multinationalen Wettsingens hat nach dem Motto „ganz oder gar nicht“ zu erfolgen. Aber auch in Österreich regten sich schon ab Herbst des Vorjahres erregte Gegner zu Wort. Auf Facebook hatte die Gruppe „NEIN zu Conchita Wurst beim Song Contest“ enormen Zulauf: heute zählt sie 38000 Unterstützerinnen und Unterstützer.

Vordergründig geht es den Proponenten des Web-Protests weder um die Person Tom Neuwirth noch um seine/ihre sexuelle Ausrichtung. Die Antipathie richte sich, so ein anonym bleibender Organisator im „Standard“, gegen die einsame Entscheidung der ORF-Experten ohne Anhörung des Publikums. Denn das, so meint man, würde lieber Christina Stürmer oder Andreas Gabalier in den Wettbewerb schicken – dass diese aus karrieretechnischen Gründen wohl umgehend abwinken würden, kam da nicht weiter zur Sprache.

Gerade mit dieser demonstrativ autoritären und ganz bewussten Entscheidung für die Person Tom Neuwirth/Conchita Wurst haben aber die Strategen am Küniglberg seit langem wieder Mut bewiesen. Argumentierte man etwa in der zuletzt heftig aufgeflammten Ö3-Debatte um Airplay-Anteile für heimische Künstler genau umgekehrt – man wolle, erraten!, das Publikum entscheiden lassen (das viele neue Acts nicht kennt, weil sie im elektronischen Leitmedium ORF selten bis nie vorkommen) –, könnte das professionelle Risiko hier reich belohnt werden.

Allerdings gilt die alte austriakische Regel: einen Sieg gilt es tunlichst zu vermeiden. Die Ausrichtung des Songcontests 2015 in Wien, die damit automatisch verbunden wäre, würde das Budget des ORF bei weitem sprengen.


Strategie & Perfidie

25. April 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (259) Kann man einen “Shitstorm” inszenieren? Eine heikle Frage mit einer klaren Antwort.

Radio1

Es ist schwierig, etwas in eigener Sache zu sagen und zugleich den Versuch zu unternehmen, annähernd objektiv zu bleiben. Aber ich will es wagen.

Worum geht es? Vordergründig um die leidige „Affäre Lichtenegger“, die im Lauf der vergangenen Woche in YouTube, Facebook und Twitter – landläufig Neue Medien genannt – aufploppte. Und ihre zwangsläufige (?) Fortsetzung und Ausschlachtung in Print, Radio und TV fand. Eine Ö3-Moderatorin hatte in einem Interview so unbedarft wie unbedacht eine leicht abschätzige Haltung zur lokalen Musikszene geäussert, die sich rasant verbreitete. Und hämische Kommentare hervorrief. Die Sache wäre nicht weiter der Rede wert, wenn sich hier nicht ein weites und tiefes Unbehagen kanalisiert hätte, das diversen ORF-Top-Managern und „Public Value“-Strategen zu denken geben müsste.

Was es oberflächlich betrachtet auch tat. Denn der Ö3-Chef verkündete umgehend, die Kritik vieler „Interessierter“ – also Musikschaffender wie Radiohörer – sei nicht unberechtigt, sein Sender „denke nicht so“ und man müsse “bessere Bedingungen und eine Atmosphäre der Wertschätzung und des Miteinander” schaffen.

Positives Signal! Allein: diverse Kommunikationsexperten und Spin Doctors des Unternehmens schalteten zeitgleich in den Rückwärtsgang. Mit vollem Karacho. Die Kernbotschaft lautete nun gegenüber der eigenen gutgläubigen Kollegenschar und diversen „Medienpartnern“: das hätte die böse Musikindustrie angestossen. Um ihres eigenen wirtschaftlichen Vorteils willen.

Geht es noch dümmer, perfider, kontraproduktiver? Diese Verschwörungstheorie ist in etwa so weltfremd, absurd und unkundig der Spielregeln und Mechanismen der Online-Welt wie die These, der Zusammenbruch einer Moderatorin im Studio und der anlassgebende Shitstorm im Internet wäre eine Inszenierung des ORF selbst gewesen.

Bei allem Verständnis für Wagenburg-Mentalität und Mitgefühl mit der gebeutelten Ö3-Ansagerin: da schütten manche bewusst Öl ins Feuer, um ihre eigene Position möglichst nicht zu gefährden. Und die hat wohl auch in einem öffentlich-rechtlichen Unternehmen – it’s the economy, stupid! – mehr mit dem eigenen Geldbörsel als mit einem Kulturauftrag zu tun. Eine lästige Sachfrage, die – ohne greifbares Ergebnis – seit fast zwanzig Jahren diskutiert wird, so (vermeintlich) dialektisch-clever zu einem bald vergessenen “Seitenblicke”-Dramolett umzubiegen, kann und wird nicht gelingen.

Ich gestehe, die Rasanz und Vehemenz der Entwicklung im unkontrollierbaren Social Media-Minenfeld hat auch mich – ich sitze ja quasi mitten in der mächtigen Manipulations-Schaltzentrale der heimischen “Musikindustrie”, haha! – überrascht. Aber die Absehbarkeit der Reaktion des ORF, seine Dialogunfähigkeit und sein Unverständnis heutiger Medientechnologien macht nur noch traurig.


Unerhört!

23. April 2014

Aus gegebenem Anlass: mindestens dreihundert Antworten auf die Frage „Gibt es überhaupt genug gute Musik aus Österreich, um sie auf Ö3 zu spielen?“

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Bilderbuch. Falco. Hubert von Goisern. 5/8erl in Ehr’n. Anna F. Klangkarussell. Gustav. Wolfgang Ambros. Conchita Wurst. FlicFlac. Willi Resetarits. Chronic City. Die Strottern. Dame. Julian Le Play. Garish. Mary Broadcast Band. Der Nino aus Wien. GuGabriel. Neodisco. Rainhard Fendrich. Coshiva. Norbert Schneider. Natalia Kelly. Gin Ga. Eloui. Left Boy. STS. Parov Stelar. Marianne Mendt. Thomas David. Playbackdolls. Mauracher. !DelaDap. M185. Dawa. Klimmstein. Bo Candy & His Broken Hearts. Saint Privat. Tanz Baby! Iripathie. Attwenger. Fijuka. Ernesty International. Fii. Herr Tischbein. Saedi. One Two Three Cheers and a Tiger. James Cottrial. My Name Is Music. Bingo Boys. Sohn. Müßig Gang. Kollegium Kalksburg. She & The Junkies. Fatima Spar & The Freedom Fries. Clara Blume. Deja. Ken Hayakawa. Global Deejays. The Base. Darius & Finlay. Austria 3. Free Men Singers. Mono & Nikitaman. Shy. Holstuonarmusigbigbandclub. SheSays. Keiner mag Faustmann. Aphrodelics. The Bandaloop. Mile Me Deaf. Poxrucker Sisters. Kruder & Dorfmeister. Matt Boroff. Sterzinger Experience. Mojo Blues Band. Chris Gelbmann. PBH Club. Clara Luzia. Soap&Skin. Millions of Dreads. Ben Sky. Gerard MC. Boris Bukowski. Russkaja. James Hersey. Ghost Capsules. Monica Reyes. From Dawn To Fall. Waxolutionists. I-Wolf & The Chain Reactions. Papermoon. Leo Aberer. Parov Stelar. Ernst Molden. Ausseer Hardbradler. Catch-Pop String-Strong. Monika Ballwein. Makossa & Megablast. Lorelei Lee. Freischwimma. Dubblestandart. Fred Schreiber. Tagträumer. Luise Pop. Chris Shermer. Club 69. Oliver Mally. Sleep Sleep. Francis International Airport. Bella Wagner. Catastrophe & Cure. Christina Stürmer. Effi. Hubert Tubbs. The Makemakes. Nina Proll. Florian Horwath. DÖF. Sado Maso Guitar Club. DaLenz. Binder & Krieglstein. Mieze Medusa & Tenderboy. Harri Stojka. Nadine Beiler. Dzihan & Kamien. EAV. Heller Propeller. Anik Kadinski. Guadaljara. Marina Zettl. Renato Unterberg. Two in One. Gudrun von Laxenburg. MissIss. 3 Feet Smaller. Gordopac. Kamp. Estebans. Minisex. Alex Miksch. Magdalena Piatti. Monsterheart. Sabina Hank. Giantree. Skero. Marcus Smaller. Christoph & Lollo. Fuzzman. Rodney Hunter. Trio Lepschi. Christine Hödl. We Walk Walls. Yasmo. Ja, Panik. Madita. Hinterland. Texta. André Heller. Donauwellenreiter. Julian & der Fux. Ben Martin. Global Kryner. Eric Papilaya. Freud. Luttenberger-Klug. Bunny Lake. Chuzpe. Susana Sawoff. Wolfram. Mnozil Brass. Bernhard Eder. Zeronic. Dorian Concept. Bulbul. Agnes Milewski. Stereoface. Ganymed. Herzdame. Wilfried. PauT. Hallucination Company. Nowhere Train. Barefoot Basement. Philipp & Julia. Freedom Warriors. Rosengarten. Meena Cryle. Kommando Elefant. Georg Kreisler. Atomique. Her Voice Over Boys. Sofa Surfers. Alkbottle. Cama. Waldeck. Plexus Solaire. Axel Wolph. Mika Vember. Wolfgang Muthspiel. Camo & Krooked. Beat 4 Feet. Saint Lu. Valerie Sajdik. Bernhard Fleischmann. Brenk Sinatra. Neuschnee. L’Âme Immortelle. MLE(e). Sandra Pires. Farewell Dear Ghost. Edelweiss. Moreau`s Creatures. Laura & The Comrats. Die Brüder. Famp. Violetta Parisini. The Beth Edges. Andy Baum. Robert Rotifer. Mother’s Cake. The Makemakes. Como. Martin Spengler & die foischn Wiener. Paper Bird. Gary. Tyler. Drahdiwaberl. A Geh Wirklich. Sin. Filou. Pilots On Dope. Mimu. Hot Pants Road Club. Erstes Wiener Heimorgelorchester. Sigi Maron. Maur Due & Lichter. Chakuza. Mel. Marque. Broadlahn. MaDoppelT. Zweitfrau. Core. Misthaufen. Trackshittaz. Mo. Ogris Debris. Tom Pettings Hertzattacken. Rambo Rambo Rambo. Mondscheiner. Peter Cornelius. Café Drechsler. Helmut Qualtinger. Vera. Opus. Marrok. Sunrise16. Kreisky. Billy Rubin Trio. Marilies Jagsch. Schönheitsfehler. Andreas Gabalier. Heli Deinboek. Tosca. Coshiva. Mimi. Bauchklang. Nazar. DJ Schmolli. Velojet. A Life, A Song, A Cigarette. Unique 2. Weather Report. RAF 3.0. Beckermeister. Ostbahn-Kurti. Sweet Sweet Moon. Milk+. Petsch Moser. Excuse Me Moses. Martin 101. Ramon. Heinz aus Wien. Worried Men Skiffle Group. The Helmut Bergers. Dobrek Bistro. Thomas Stipsits. Joyce Muniz. Die Seer. Krautschädl. Gasmac Gilmore. Ludwig Hirsch. Eva K. Anderson. Die Chiller. Hansi Lang. Moneyboy. The Who The What The Yeah. Die Vamummtn. Kaiser Franz Joseph. Celia Mara. I Am Cereals. Saint Lu. Diver. Count Basic. Global Deejays. Aber das Leben lebt. Nihils. Rucki Zucki Palmencombo. Monobrother. Rounder Girls. Austrofred. Son of the Velvet Rat. Blümchen Blau. Supermax. Zeebee. René Rodriguez. Naked Lunch. Ramona Rotstich. Louie Austen. Georg Danzer. The Sorrow. Bretterbauer. Stefanie Werger. A.G. Trio. Roland Neuwirth. Facelift. Steaming Satellites. Hans Theessink. Manu Delago. Depeche Ambros. Stereotyp. Birgit Denk. Wandl. Count Basic. Room Island. The Vogue. Cardiochaos. Georg Prenner. Inner Storm. Harry Ahamer. Tschebberwooky.

Drei Anmerkungen: 1) Ja, ich halte alle diese Künstlerinnen, Künstler und Bands für potentiell spielbar auf Ö3 (ok, manche nur mit ausgewählten Songs und/oder in einem speziellen Kontext) 2) Man kann sich geschickt aus der Pop-Historie und der aktuellen Szene bedienen – und Generationen verbinden. “Format” hat zwei Wortbedeutungen. 3) Die Liste ist unvollständig. Und ich will den Satz „Es gibt ja keine….“ nie wieder hören.

(Der Beitrag erscheint – wohl gekürzt – am 24.04. als Gastkommentar in “Die Presse”)


Erinnerungen an die Zukunft

18. April 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (258) Next stop Kepler-186f? Gerade mal 490 Lichtjahre entfernt der Erde liegt ihre mögliche Zukunft.

Kepler-186f

Zu den faszinierendsten Topoi zwischen Himmel und Erde zählen die Zukunftsvisionen der Menschheit. Als alter Liebhaber des Genres Science Fiction – von abgegriffenen Perry Rhodan-Schundheftln über kuriose Erich von Däniken-Phantastik bis zu hoch philosophischen Werken von Stanislaw Lem, Isaac Asimov, Arthur C. Clarke, den Gebrüdern Strugatzki oder meinem All Time-Favoriten Philip K. Dick – meint man ja, jede Denkmöglichkeit und potentielle Verästelung der zukünftigen Entwicklungsgeschichte des Planeten Erde und seiner Bewohner zumindest schon einmal durchgespielt zu haben.

Viele utopische Entwürfe enden übrigens im Desaster, nicht wenige gar im endgültigen Untergang der Spezies Mensch. Apokalypse wow!? Könnte man die humanoide Geistesverfassheit im Jahr 2014 nach der Geburt eines gewissen Jesus von Nazareth von der Filmproduktion in Hollywood ableiten (mit besonderem Augenmerk auf das Werk von Roland Emmerich), würde ich eine Dystopie mit definitiv dunklem Ausgang jedenfalls nicht á priori als Unfug abtun. Vielleicht ist ja die Bibel auch nichts anderes als ein uralter, etwas wirrer (oder auch nur schlecht übersetzter) Science Fiction-Roman.

Inmitten des alltäglichen Trauerspiels auf diesem Erdenrund – die Ukraine, Syrien und Nordkorea geben die akutesten, bedrückendsten Exempel ab – kommt die Meldung, Astronomen hätten erstmals einen erdgroßen Planeten in einer potentiell bewohnbaren Zone rund um eine andere Sonne identifiziert, wie ein Lichtstrahl. Weniger, weil man dieses Ziel – es wurde 2012 entdeckt, Kepler-186f getauft und ist rund 490 Lichtjahre entfernt, in kosmischen Dimensionen also quasi ein Katzensprung – wirklich rasch erreichen könnte. Das wird noch Jahrhunderte dauern.

Aber es bietet jetzt schon Zuflucht. Und zwar jenen, die auf Fantasie setzen, auf den Überlebensdrang unserer Spezies (bei immer knapper werdenden Ressourcen) und auf positive Utopien. Und natürlich die Macht, die technologischen Visionen innewohnt. Ab sofort trägt die Hoffnung den Namen Kepler-186f. Und selbst wenn sich die Annahme, der Planet wäre erdähnlich, besässe Ozeane aus Wasser und eine atembare Atmosphäre, nicht bestätigt – seine Entdeckung war ja erst ein allerallererster Anfang.

Man hat Kepler-186f übrigens schon auf Anzeichen einer möglichen Zivilisation untersucht. Per Radioteleskop. Der Himmelskörper schweigt. Möglicherweise aus guten Gründen: vielleicht hat man ja schon Jahrtausende vor Christus im ewigen, allgegenwärtigen Utopien-Bestseller Bibel nachgelesen, was uns Menschen so antreibt.


Beam Me Up!

13. April 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (257) Die Vision “Heimkino” schreit doch eher nach dem Einsatz eines Beamers als nach Riesen-Flachbildschirmen.

BenQ TH681

Der erste Flachbildschirm meines Lebens war ein PC-Monitor mit 15 Zoll Durchmesser, der sich trotz seiner bescheidenen Grösse neben den fetten Röhrenmonitoren der Bürokollegen wie ein furioses Fanal des Fortschritts ausnahm. Das war noch im vorigen Jahrtausend. Rasch wuchsen die Bildschirmdiagonalen – heute sitze ich vor einem 27 Zoll-Panoramabildschirm, der in seinem eleganten Alu-Rücken auch gleich den Rechner integriert hat.

Im Entertainment-Bereich, landläufig auch „Patschenkino“ genannt, wagte ich den Einstieg in die Flatscreen-Moderne, als der koreanische Hersteller LG irgendwann seine erste massentaugliche Plasmabildschirmserie abverkaufte. Für einen wuchtigen 42 Zoll-Fernseher, an den man extra das Tuner-Teil anschrauben musste, verlangte ein Elektromarkt anno 2004 „nur noch“ dreitausend Euro – statt mehr als der doppelten Summe, was dem regulären Listenpreis entsprochen hätte. Dieser Tage habe ich das Gerät dem Sohn einer Freundin geschenkt. Der Monitor hat nicht mal HD-Auflösung oder einen HDMI-Eingang, von 3D-Tauglichkeit ganz zu schweigen.

Das ist der Preis, den Early Adopters zu zahlen haben – heute kriegen Sie ja riesige, hoch auflösende LCD-, LED- und OLED-Bildschirme (Plasmas sind selten geworden) um ein paar hundert Euronen. Und Jahr für Jahr übertrumpfen sich die Hersteller nicht nur in ruinösen Preiswettbewerben, sondern auch in Breiter-Heller-Schärfer-Pixelorgien. Der letzte Schrei sind geschwungene Panels in Kinoleinwand-Dimensionen.

Irgendwie scheint mir, wenn’s um schiere Bildgrösse geht, die Alternative etwas ins Hintertreffen geraten zu sein: Projektoren. Denn jeder TV- und Filmfreund, der etwas bislang auf sich hielt, verdunkelte gern mal geheimnistuerisch den Raum und holte den Beamer aus dem Schrank, um Bilder raumfüllend an die Wand zu werfen. Ist das aus der Mode gekommen? Das wäre schade. Denn ich habe z.B. gerade ein – noch dazu recht kostengünstiges – Modell von BenQ im Test, das wirklich zu begeistern weiss: den TH681 Heimkino-Projektor, der rechtzeitig vor der Fußball-WM in die Geschäfte kommt. DLP-Technik, 3000 Lumen Lichtstärke, eine maximale Bilddiagonale von 7,62 Meter, 3D-Fähigkeit und Full HD-Auflösung lassen keine Wünsche offen. Zumindest von den Prospektdaten her.

Nun: bis dato habe ich an dem Gerät – der Hobbykeller wurde umgehend zum Lichtspieltheater umfunktioniert – keinen noch so kleinen Makel entdeckt. Aber demnächst lasse ich den Newcomer frischfröhlich zu einem Vergleich mit einem zehn mal so teuren Spitzen-Beamer antreten… Bleiben Sie dran.


Denken ist wie Knipsen, nur krasser

6. April 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (256) Sex? Die schönste Nebensache der Welt. Die Parole der Stunde lautet: Macht ein, zwei, viele Protest-Selfies in diesem Land!

Düringer

Der neueste Trend auf Instagram, lese ich, sind Selfies nach dem Sex. Das zur allgemeinen Betrachtung im Netz freigegebene Partner-Porträt nach vollendetem Geschlechtsverkehr (Hashtag #AfterSex) nervt allerdings auch schon die Kollegen vom „Time Magazine“. Restgeile Angeberei, gezwungene Lockerheit und/oder moderner Exhibitionismus sind selten Ausweise von Intelligenz. Wie wär’s denn mal mit einem Selfie nach vollzogenem Denkvorgang?

Denn: „Denken ist wie Googlen, nur krasser“. Diesen trefflichen Spruch habe ich neulich im Netz gefunden, als ich auf der Suche nach Argumenten war, warum Herr Faymann und Herr Spindelegger von ihrer Idee, sich eine „unabhängige und unpolitische“ Kontrollinstanz in der Causa Hypo selbst auszusuchen, dringend Abstand nehmen sollten. Wonach es leider nicht aussieht. Kann es sein, dass die obersten Parlamentarier des Landes die Grundregeln der Demokratie nicht verinnerlicht haben? Und den Imperativ der „maximalen Transparenz“, den man in ORF-Pressestunden wie eine Monstranz vor sich herträgt, am Ende des Tages nicht annähernd ernst meinen?

Diese Kolumne soll gewiss keine Ersatzspielfläche für wutbürgerliche Einlassungen sein. Aber, pardon, es kann einem schon das Geimpfte aufgehen, wenn man einmal mehr erleben muss, wie sehr Überheblichkeit und Ignoranz der institutionalisierten Volksvertreter den gesellschaftlichen Konsens in Frage stellen. Und das Engagement des Staatsbürgers – jedes einzelnen von uns – geradezu erzwingen.

Apropos: es gibt viel zu wenige Politikblogs in diesem Land. Der junge PR-Experte Fabian Greiler präzisiert, dass es kaum Blogs gibt, die nicht eher extremistischen Positionen zuneigen und/oder von Parteizentralen selbst gesteuert werden. Das wäre also ein essentielles Betätigungsfeld: das entschiedene, mit Zahlen, Daten und Fakten unterfütterte Wachrütteln der Bevölkerung.

Und wenn Sie dem geschriebenen Wort nicht anhängen: wie wäre es, die technische Entwicklung in den Dienst der Sache zu stellen? Und in ein Gerät wie Canons Legria mini-X zu sprechen, die Files online zu stellen und darauf zu hoffen, dass sie tausendfach geteilt werden? Die spontan geknipsten Selfies müssen ja nicht zwingenderweise eitle Petitessen sein. Mit Sex zu tun haben (wiewohl, das wichtigste Sexualorgan ist das Gehirn!). Oder allein den Absender Roland Düringer zeigen. Sie sollen nur die Fayeggers und Spindelmänner in ihren Trutzburgen erreichen.


Zänd Zamm

28. März 2014

Anmerkungen zu einem neuen, ganz wunderbaren Album des bislang in Wien und Umgebung weithin unentdeckten Singer/Songwriters Alex Miksch.

Alex Miksch - Zänd Zamm

Alex Miksch? „Der“ Miksch? Wir kennen diesen Mann ja kaum. Wobei – um gleich mal die Dinge zurechtzurücken – dieses „wir“ nicht als pluralis majestatis gedacht ist, sondern kurzerhand den Schreiber dieser Zeilen und den Empfänger der Botschaft metaphorisch in ein Boot setzt. Einverstanden?

Vielleicht wissen Sie ja mehr als wir. Aus der Sicht des Labels ist es so: seit Jahren raunt man uns, mal deutlicher, mal versteckter, zu, dass wir „den Miksch“ doch hören, wahrnehmen, veröffentlichen und gefälligst großmachen sollen. Ein grandioser Musiker sei das, ein Mann, der sich hinter den Potentaten der aktuellen Singer/Songwriter-, Mundart- & Neo-Wienerlied-Szene – einem Molden etwa, einem Resetarits, dem Nino aus Wien, den Strottern oder den Kollegienbrüdern aus Kalksburg – keinsfalls verstecken brauche. Im Gegenteil. Also stünde dem Kerl eine Karriere nachgerade zu.

Bislang sei Miksch, der eigentlich aus Krems kommt, ja vielleicht nur ein „musicians musician“, also quasi ein Geheimtipp. Unter Kennern. Aber. Eigentlich blühe da lange schon, zu lange ein Genie im Verborgenen. Aber. Und nichts und niemand hätte die Verhältnisse zurechtgerückt. Aber. Aber in Wahrheit sei Alex Miksch der Tom Waits von Wien.

Solche Zuschreibungen sind – und ich schwöre beim Augenlicht meiner Geisteskinder, diesen Satz oft genug gehört zu haben, aus unterschiedlichsten Kreisen und Mündern – gefährlich. Denn erstens kann, soll und muß es keinen Tom Waits aus der Stadt an der Donau geben (selbst wenn man PR-technisch für alles greifbar Griffige dankbar ist, auch ein Ernst Molden musste lange mit dem Etikett leben, er wäre der Leonard Cohen von Wien.) Zweitens gefällt das dem hiesigen Waits-Pendant nicht (und auch über die lobenden Worte des eben erwähnten seelenverwandten Künstlers auf dem Album-Sticker mussten wir lange diskutieren). Und drittens ist Alex Miksch Alex Miksch. Oder, zielstrebig verkürzt: Miksch.

Er hat bislang schon zwei Alben gemacht, hörten wir staunend, denn wahrgenommen hat sie kaum jemand. Wir auch nicht. Das ist ja die Crux: Qualität und Originalität setzen sich nur in den seltensten Fällen aus sich selbst heraus durch. Also können wir nur mit einschmeichelnder Bestimmtheit sagen: ein besseres Album als „Zänd Zamm“ – das auf unserem Label zugleich das Debut-Album von Miksch ist – ist uns seit langer Zeit nicht untergekommen. Seit wirklich langer Zeit. Songs wie „Hundsvieh“, „Vegl“, „Foedhas“ oder gar „Der Turm“ haben eine Schwere und Tiefe und zugleich einen hinterhältigen Witz, wie auch ein ins Waldviertel emigrierter Neil Young sie kaum hinbekäme. Schon wieder so ein übermächtiger Name, der ins Spiel gebracht wird… Bitte um Pardon.

„Zänd Zamm“ wurde mit Mäx Mayerhofer (Gitarren, Banjo) und Florian Weiß (Bass, Mandoline, Akkordeon, Blech) eingespielt und mit weiteren Mitstreiter(inn)en wie Michael Karpfinger, Florian Weisch, Irene Wagner, Josef Kolarz und Jakob Kovacic – und eben nicht mit Crazy Horse. Das heisst aber noch lange nicht, dass diese Leute auch live auf der Bühne stehen werden – die Bandbesetzungen ändern sich ständig, der personelle Kern bleibt allein und immer der Sänger, Gitarrist und Urheber aller Songs: Alex Miksch.

Was wissen wir sonst noch über Miksch? Wenig. Er ist Autodidakt. Er kennt Ronnie Urini. Er soll eine Zeitlang – und das nicht etwa aus Gründen einer verlogenen Authentizität – dem Alkohol mehr zugeneigt gewesen sein, als ihm guttat, aber das gerade wieder zurechtrücken. Er verschmäht dito Zigaretten – und auch das nicht etwa aus Gründen einer verlogenen Authentizität – nicht. Er hat aktuell 749 Freunde auf Facebook. Er spielt nach Expertenmeinung famos Gitarre und das gerne in verrauchten Kaschemmen, intimen Hinterzimmern, abgewetzten Salons und kleinen Beisln. Bislang. Und, ja, er hat natürlich – neben seinen eigenen – auch so ziemlich alle Songs von Tom Waits drauf. Und eventuell auch den einen oder anderen Klassiker von Neil Young, Leonard Cohen, Tim Buckley, Elliott Smith, Scott Matthew oder Georg Danzer. Aber welcher ernstzunehmende Musiker hat das nicht?

„Zänd Zamm“ soll die Visitenkarte für einen neuen Abschnitt im Leben von Alex Miksch sein. Nicht mehr, nicht weniger. Nicht nichts. Die Erdigkeit, der Blues, die Tragik, das Lachen, der tiefschwarze Humor überhaupt, das sind die Ingredienzien, die dieser Überlebenskünstler jeden Tag in sein Leben, seine Präsenz, seine Musik injiziert. Was für die einen Gift ist, wusste schon Paracelsus, ist für die anderen Medizin. Allein die Dosis macht’s. Wir erhöhen sie sukzessive. Einverstanden?


Highest Fidelity

23. März 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (255) “Man sieht nur mit dem Herzen gut”, wusste Antoine de Saint-Exupéry. Aber wie ist das mit dem Hören?

PHILIPS GF851

Nie klang Musik besser als mit dem Philips GF851 Stereo Wechsler Electrophon inkl. Keramiksystem GP215 mit Diamant (genau so stand’s im Prospekt). Der Verstärker hatte nur 2 x 8 Watt Ausgangsleistung und der Rumpelgeräuschspannungsabstand lag bei >55 Dezibel, der „aufsteckbare Plattenandrücker für Wechslerbetrieb“ ging nie in Betrieb und die Lautsprecherboxen waren Vollplastik wie der Rest, aber anno 1977 war das, sagen wir mal: eher egal.

Natürlich war es ein billiges Klumpert. Aber es fehlte an Vergleichsmaßstäben. Objektivität ist sowieso langweilig. Und Pop ein bonbonfarbenes tangerinrot-gespritztes Stromlinienbaby. Das Ding in meinem Jugendzimmer klang gut. So gut, dass ich es nie wieder vergessen habe.

Denn das ist die – so erschütternde wie banale – Wahrheit in Sachen Audioqualität: High Fidelity hängt nur sehr bedingt von Messdaten, Preiszetteln und handpolierten Frontplatten mit der Signatur eines weltberühmten Designers ab. Eher von offenen Ohren, einer Riesenportion Entdeckungslust und Rock’n’Roll! als kategorischem Imperativ. Selbst wenn Sie eher Coltrane, Bach oder Eno zuneigen. Ich stand damals ja mehr auf Drahdiwaberl, Suzie Quatro und das Electric Light Orchestra.

Viele Jahre nach der Inbetriebnahme meiner ersten Stereoanlage machte ich eine Reportage für das „Diners Club Magazin“. Und sprach mit ausgesuchten Profis über ihr Hör-Equipment, von der – leider längst verstorbenen – ORF-Jazz-Legende Walter Richard Langer bis zu einem heute noch aktiven High End-Fetischisten, der sich kindssarggroße Verstärker selbst baute. Weil der Markt seiner Meinung nach „nichts Erwachsenes“ zu bieten hatte. Selbst für viel Geld nicht.

Das Fazit: die mit den protzigsten Anlagen spielten mir stolz durchaus probat klingenden Referenzpressungen vor, interessierten sich aber kaum für sonst etwas. Langer aber, der Mann mit der exquisitesten Musiksammlung, hörte seine Platten und Bänder über höchst durchschnittliche Geräte. Und schien trotzdem jede Menge Spaß zu haben – während die Freaks permanent die Sorge plagte, ob die Verkabelung ihrer Anlage eh optimal, der Strom „sauber“ und das Lautsprecher-Paar millimetergenau an seinem Platz wäre. Eine nie endenwollende Annäherung an das Elysium.

Bei aller Sympathie und Faszination: ich blieb in der Pubertät stecken. Bis heute.


Im Berg-Modus

16. März 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (254) Wie futuristisch ist es anno 2014, ein Elektro-Auto zu fahren? Ein Selbstversuch, Teil zwei.

Opel-Ampera

Vielleicht liegt’s ja in der Familie. Mein Vater fuhr Opel. Zumindest zeitweise. Einen Rekord, wenn ich mich recht erinnere – eine barocke Konstruktion der späten fünfziger Jahre, die er stolz in die Siebziger überführte, bevor er, reichlich skurril, auf einen Moskwitsch umstieg. Ich fahre Opel. Einen mittlerweile ziemlich verbeulten Zafira, wenn Sie’s genau wissen wollen. Und auch mein Sohnemann, der gerade den Führerschein macht, könnte einst Opel fahren. Vielleicht einen Ampera, das zukunftsweisendste – weil auf Elektrizität setzende – Modell der deutsch-amerikanischen Automarke?

Ich teste – kleines Privileg der schreibenden Zunft – den Wagen gerade. Wie fährt sich ein Ampera? Antwort: höchst geschmeidig. Aber man kommt nicht immer dort an, wo man eigentlich hin will. So landete ich am vergangenen Wochenende in Weißenbach an der Enns. Eigentlich wollte ich aber nach Weißenbach bei Schladming, um dort im Skigebiet Hauser Kaibling die Pisten unsicher zu machen. Die Orte liegen dann doch ein paar Kilometer entfernt (und dazwischen liegt, um die Verwirrung komplett zu machen, Weißenbach bei Liezen.)

Was soll ich sagen: das On Board-Navigationssystem des Ampera ist zu komplex und ich in der Bedienung zu ungeübt, um nicht schnurstracks in die Falle zu laufen. Das kann mein Uralt-Navi im Zafira, das Karten nicht mal färbig anzeigt, besser. Ich solle doch mal eine Kolumne über den Features-Overkill in modernen Kraftfahrzeugen schreiben, raunte mir Skifreund Thomas W. umgehend ins Ohr.

Aber die Sache hatte auch ihr Gutes. Erstens habe ich so, wenn auch unfreiwillig, die halbe Steiermark erkundet – bei Frühlingswetter eine höchst reizvolle Tour. Und zweitens konnte ich ungeniert den „Berg-Modus“ des Ampera ausprobieren. Den sollte man, so die Bedienungsanleitung, generell zuschalten, wenn es steil bergauf oder länger durch hügeliges oder gar gebirgiges Gelände geht. In diesem Modus wird die Hochspannungsbatterie geladen und kooperiert quasi aktiv mit dem Benzinmotor (der ja eigentlich nur als Range Extender gedacht ist) – was zwar die Reichweite verringert, aber den Durchzug erhöht. Bei extremen Steigungen sollte dieser spezielle Modus gar schon 20 Minuten vor dem ersten Hügelchen aktiviert werden. Okay, aber da müssten sie noch eine Extra-Warnanzeige einbauen.

Wer will schon mit einem hochmodernen Hybrid-Fahrzeug ausgerechnet vom Bergbauern mit seinem Traktor überholt werden? Den Sport-Modus habe ich mir bislang sowieso verkniffen.


Zeit-Los

8. März 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (253) Neue Zeiten brauchen neue Zeitmesser, könnte man meinen. Aber wo bleiben sie?

Pebbles

Es gibt ja, so scheint es, kaum eine Branche, die so konservativ ist wie die Gilde der Uhrenhersteller. Die letzte große Revolution, die es hier gab, war die Erfindung der “Swatch” Anfang der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts (das, wenn man’s recht bedenkt, auch schon im letzten Jahrtausend stattgefunden hat). Der Schmäh des visionären Marketing-Zampanos Nicolas George Hayek, billige, voll integrierte Uhrwerke mit zeitgeistigem Design zu verbinden und die Plastikteile zu Sammlerstücken zu (v)erklären, rettete angeblich sogar die Schweizer Uhrenindustrie. Bis heute sind eine wohl halbe Milliarde Swatch-Exemplare in Umlauf gebracht worden.

Was aber ist mit all den Digitalzeitmessern, Wearables und uhrförmigen Mini-Computern, die mir seit Jahr und Tag von diversen Lifestyle-Magazinen angedient werden? Diese offensiv innovativen und verkrampft originellen Multifunktions-Gadgets laufen gemeinhin unter dem neuen Übertitel „Smartwatch“ – hat sich schon jemand diesen Namen schützen lassen? – und repräsentieren die Zukunft. Angeblich.

Aber ‘s läuft irgendwie nicht. Ich kenne niemanden, der eine Samsung Galaxy Gear 2 trägt. Eine Talkband B1 von Huawei. Eine Smartwatch von Sony. Oder gar eine Pebble, CooKoo oder MyKronoz. Warten wieder mal alle auf Apple? Oder ist die ganze Spezies der futuristischen Uhren, mit denen man auch telefonieren, den Blutdruck messen und die Firmenkonferenz aufzeichnen kann, einfach nur ein feuchter Traum von Prototypensammlern und Daniel-Düsentrieb-Tätern?

Ich lehne mich wahrscheinlich nicht allzuweit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, es geht bei Uhren seit jeher weniger um Technik als um Ästhetik. Vielfach ist eine IWC, Rolex oder Breitling ja das einzige Schmuckstück eines Mannes. Wobei die Geschmäcker natürlich verschieden sind (und Geschmacksnerven nicht selten oft ganz fehlen): mit einer protzig-goldenen, platinenen und gar mit Edelsteinen verunzierten Uhr, die das obszöne Preisschild metaphorisch nie ablegt, können Sie mich jagen. Soetwas mag im Barockzeitalter modern gewesen sein, heute ist es nur ein Ausweis instinktlosen Distinktionsgewinns. Zumal auch Uhren in der Unter-hundert-Euro-Preisklasse tadellos die Zeit anzeigen.

Eine Uhr ist eine Uhr ist eine Uhr. Und soll es auch bleiben. Ich bemerke ja auch bei mir selbst Spuren einer zunehmend antimodernistischen Wertekonservativität. Unlängst fiel mir ein Prospekt der Marke Junkers (klarerweise „made in Germany“) in die Hände, die zu erstaunlich wohlfeilen Preisen geschmackssichere, sehr traditionell gestylte Armbanduhren anbietet. Insbesondere die Fliegeruhren haben es mir angetan.

Gekauft habe ich mir aber letztendlich das Modell 6086-5, das als „Bauhaus Chronograph Dessau 1925“ angepriesen wird. Bauhaus? Ein Mythos der Moderne. Und auch mit einem billigen Uhrlaufwerk aus Fernost im Inneren noch anno 2014 eine Kampfansage für Klarheit und Reduktion. Und gegen die Verschnörkelung des eigenen Lebens. Zeitlos, irgendwie.


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