Buchhaltung

1. Dezember 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (239) Es mag immer noch gute Gründe geben, auf Ebooks zu verzichten. Besonders im Urlaub wiegen sie dann richtig schwer.

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Ich bin gerade auf Urlaub. Und einmal mehr ärgere ich mich darüber, dass der schwerste Teil des Gepäcks aus Büchern und Zeitschriften besteht. Sie machen einen halben Koffer voll, den ich quer durch Vietnam schleppe, von Ho-Chi-Minh-Stadt bis Hanoi und wieder zurück. Ja, ich mag Papier (wie ich an dieser Stelle schon mehrfach festgehalten habe). Aber ich schaue auch neugierig und ein wenig eifersüchtig über den Bücherrand, wenn sich am Hotelpool neben mir jemand mit einem Ebook-Reader auf die Liege fläzt.

Die Leute wirken ja nicht gerade unglücklich mit ihren taschenbuchgrossen Geräten, auf die sie leidlich entspannt starren. Im Gegenteil: gelegentlich scheint mir, sie werfen ihrem altmodischen Nachbarn leicht amüsierte Blicke zu, die mit jedem Augenaufschlag eine unterschwellige Aufforderung kommunizieren: trau’ Dich doch, es tut gar nicht weh!

Tatsächlich habe ich mich vor dem Abflug noch einen halben Tag lang in Wien herumgetrieben, weil ich ahnte, dass es so kommen würde. Und weil ich ernsthaft vorhatte, den Urlaub für einen Praxis-Test in Sachen Ebooks zu nutzen. Natürlich war das Rumlaufen schon ein Fehler: man recherchiert heute nicht mehr, welches das individuell beste Gerät ist, indem man die Begegnungszone MaHü der Länge und Breite nach durchmisst.

Jedenfalls konnte (oder wollte) man mir z.B. in der Buchhandelskette Thalia kein Exemplar des hochgelobten, aber nicht unumstrittenen Kindle Paperwhite zeigen, sondern nur die Hausmarke Tolino. Beim PC-Diskonter ein Stockwerk tiefer – ein Fremdkörper in einem Kulturkaufhaus, wenn Sie mich fragen – hat man zwar alle möglichen Tablets und überdimensionalen Smartphones, aber in Sachen Ebook-Reader seltsamerweise fast nichts im Angebot (außer Schutzhüllen für ein Gerät von Sony). Und wenn man dann alle Elektronikmärkte zwischen Westbahnhof und Zweierlinie abklappert, ist man auch kaum schlauer.

Was nervt, ist vor allem der Hinweis, man möge doch auf die Kompatibilität mit bestimmten Lieferanten und Textformaten achten. Weil da die Hardware-Hersteller und Verlage gern ihr eigenes Süppchen kochen.

Ja, kruzitürken!, meine Bücher sind alle zu 100 Prozent kompatibel mit meinen Sehorganen und Gehirnwindungen, ausser ich erwische vielleicht mal irrtümlich eine vietnamesische Ausgabe des neuen Romans von Thomas Glavinic. Aber ich ahne, dass sich diese trotzige Ausrede, letztlich doch ohne Ebook-Reader in den Urlaub abzurauschen und mit Tonnen von Papier um den halben Erdball zu fliegen, auf Dauer nicht wird halten lassen.


Bad News, Good News

23. November 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (238) Print ist tot? Das Retro-Technik-Magazin “Nemo” behauptet – eventuell insignifikant, aber nicht unsympathisch – das Gegenteil.

Nemo Cover

„Jazz ist nicht tot, riecht aber schon komisch“ hat Frank Zappa einmal gemeint. Frank Who? Sie gestatten: es ist tatsächlich bitter, als alter Sack mit der Ignoranz nachrückender, jüngerer Generationen konfrontiert zu werden (was mir erst unlängst beim Tod von Lou Reed auffiel; zwar war Facebook voll von persönlichen Erinnerungen, aber unter die Postings mischten sich auch Stimmen, wer denn das überhaupt gewesen sei und warum man ihm huldige).

Nun wissen wir heute, dass der Jazz als Kunstform sehr wohl überlebt hat und ungebrochen seinen Freigeist in einer immer konformeren, formatierteren Welt behauptet. Und Frank Zappa – für die Teenies unter uns: das war ein bärtiger Mann, der seltsam verquere „Pop“-Musik komponierte – letztlich mit seinem subtilen Zynismus nicht recht behalten hat. Jedenfalls nicht ganz.

Vielleicht enthält diese Erkenntnis auch ein Quantum Trost für jene, die gerade an Bord alter Mediendampfer hocken und vom sicheren Ufer aus mit Schmährufen bedacht werden. Des Tenors, sie hätten die neuen Zeiten nicht verstanden und würden in „Holzmedien“ – damit sind Printprodukte gemeint, die traditionellerweise auf Papier gedruckt werden – dem sicheren Untergang entgegensegeln. Auftrieb erhielt die hämische und/oder ratlose Meute der Kommentatoren – darunter kurioserweise viele Journalisten – hierzulande erst diese Woche wieder, als von akuten Problemen des Magazins „News“ berichtet wurde. Mag sein, dass Boulevardblätter dieses Typs – Neuigkeiten zieht man längst minutenaktuell aus dem Internet – keine Zukunft haben.

Aber „Print ist tot!“ ist – so sehr dieser Weckruf das Management schon vor Jahren hätte wachrütteln müssen – generell eine banale, langweilige, zu simpel gestrickte Erkenntnis. Denn als Luxusartikel und sentimentale Objekte werden uns Zeitungen, Zeitschriften und Bücher locker noch für zwei, drei Generationen erhalten bleiben.

Es gibt auch good news für Papierfetischisten: nicht wenige Blätter haben in den letzten Jahren an Auflage und Lesern zugelegt (zuvorderst solche, die unverwechselbare Inhalte bieten). Und es gibt sogar Magazin-Neugründungen. Manche fallen gar in die Kategorie “Längst überfällig”.

Am Flughafen-Pressekiosk fiel mir erst unlängst ein solcher Erstling in die Hände: „Nemo“, ein Retro-Gadget-Magazin aus dem Hause Chip/Burda. Gewiss zielt „Nemo“ – Untertitel „Technik. Damals. Heute.“ – auf konservative männliche Jäger & Sammler. Es ist auch nicht unbedingt investigativer oder gar innovativer Journalismus, der hier geboten wird, eher leicht kauziges Nischen-Entertainment. Aber die Verquickung von launig-plakativen, doch präzise recherchierten Stories mit Emotionen und Erinnerungen der Leserschaft (etwa an den Sony Walkman, den Commodore C64 oder an die Marke Polaroid) ist ziemlich clever.

Und, sofern man keine Scheu davor hat, die Formel auch im Netz weiterzuspinnen, absolut zukunftsträchtig.


Anti-Ramsch-Kampagne

17. November 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (237) Helfen Sie, Licht ins Dunkel des Tonträgermarkts zu bringen – mit einer bewussten Konsumentenentscheidung.

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Der Trend zum Zweitjob hält an. Nun ist mein Hauptberuf der eines Musikproduzenten und Kulturmanagers, der Journalismus dagegen nur ein exaltiertes Hobby. Kennen Sie irgendjemanden, der vom Kolumnen-Schreiben leben könnte? Ich nicht. Die Honorare sind auf das Niveau milder Spenden oder reiner Spesenersätze gesunken – und würden meinen Installateur oder Zahnarzt vielleicht zu einem verständnislos-mitleidigen Grinsen veranlassen, mehr wohl kaum.

Aber ich will nicht klagen. Zumal der karge Lohn des Autors gelegentlich mit einem Nebenverdienst aufgefettet werden kann: Aufmerksamkeit und Eigenwerbung. Heute will ich dieses Unterkonto belasten. Und das ganz ungeniert, weil es sich um eine gute Sache handelt. „Licht ins Dunkel 2013“ heißt eine Compilation, die dieser Tage auf den Markt kommt – die silbrigglänzende CD, die einen vergnüglichen Querschnitt durch die österreichische Pop-Landschaft bietet, unterstützt die größte Spendenaktion des Landes mit fünf Euro pro verkauftem Exemplar.

Der TV-Spot, der in den Programmen des ORF nachdrücklich die frohe Botschaft verkündet, präsentiert nur einige der darauf vertretenen Namen – von Hubert von Goisern bis Christina Stürmer, von Anna F. bis Parov Stelar, von Ernst Molden & Willi Resetarits bis Conchita Wurst sind die Größen der Szene mit dabei. Selbst Andreas Gabalier steht nicht abseits. Und natürlich gibt es auch einige Newcomer und Altspatzen, Ö3-Hits, FM4-Stars und Radio Wien-Fixsterne zu entdecken. Danke dafür!

Einige Medien- und Musikmanager, deren Expertise ich durchaus schätze, haben mir allerdings erklärt, derlei mache im Jahr 2013 keinen Sinn. „Die Leute kaufen keine CDs mehr“, so ihre Prognose. „Und wenn, dann nur billige Ramschware.“ Alleine die Statistik spricht aber dagegen: noch immer werden über 70 Prozent der Musik auf Tonträgern erstanden, den Rest des Marktes teilen sich Downloads und Streaming. Die Pappenheimer, die meinen, sie müssten sich ihre Lieblingssongs gratis aus dem Netz ziehen und so die Künstler um ihren Lohn bringen (er ist tendenziell noch karger als der eines freien Journalisten), lassen wir mal außen vor.

Eine liebevoll verpackte Compact Disc oder gar eine opulente Vinylschallplatte haben schon ihre Meriten. Ungebrochen. Oder wollen Sie beim nächsten Konzert – „Licht ins Dunkel 2013“ wird übrigens am 29. November im ORF-Radiokulturhaus live präsentiert – eine gebrannte CD signieren lassen? Oder zu Weihnachten eine Handvoll MP3-Files in Geschenkpapier einwickeln? Eben. Ich freue mich auf Ihr Urteil. Es wird an der Kassa gefällt. Lassen Sie den Ramsch einfach liegen. Und bringen Sie “Licht ins Dunkel” – mit nach Hause.

P.S.: Es gibt die “Licht ins Dunkel”-CD freilich auch bei Amazon und im iTunes Store. Und Tickets für den Radiokulturhaus-”Abend für Licht ins Dunkel” am 29.11. gibt es hier. You’re welcome!


Hausfrauen-Aufstand

8. November 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (236) Europas Hausfrauen wattstarke Staubsauger wegnehmen zu wollen, kann auch nur einem Mann einfallen. Oder?

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Wenn Männer ihre Liebe zu Maschinen besingen, hat das oft etwas unfreiwillig Komisches. Sieht man mal von der teutonisch präzisen Ironie von Kraftwerk („Wir sind die Roboter“) ab, neigt die Spezies mit dem Y-Chromosom dazu, chromblitzende Motorräder und PS-Boliden, archaische Waffen und Instrumente und den Blut-Schweiß-und-Tränen-Faktor ihres Werkzeugschuppens zu verklären. Und das eher grobschlächtig, um nicht zu sagen: plump. Insbesondere, wenn Männerhorden auf der Bühne Elektrogitarren malträtieren.

Man könnte den besten Popsong des Jahres – er heisst „Maschin“ (sic!) und kommt, aber hallo!, aus Österreich – auch leichtfertig in diese Kategorie stecken. Schauen Sie mal auf YouTube (denn im ORF-Fernsehen werden Sie’s leider nicht zu sehen bekommen): eine Band mit dem seltsamen Namen Bilderbuch lässt da einen knallgelben Supersportwagen – einen Lamborghini Countach, wenn ich nicht irre* – auffahren. Und präsentiert ihn, nicht ohne Aberwitz, als Objekt, als Fetisch, als Pop Art-Symbol schlechthin. Der geilste Moment ist der Gitarren-Kolbenreiber á la Radioheads “Creep” im Refrain. Und generell das offensive 70er-Jahre-Retro-Feeling, das sich durch die Bilderbuchbilder zieht. Hätte der „Maschinenraum“ einen Soundtrack oder gar eine Hymne: das wär’s. Audiovisuelles Testosteron.

Aber gefällt derlei auch der anderen Hälfte der Menschheit? Jener, bei der der Faktor „emotionale Intelligenz“ angeblich – nicht doch: sicher! – stärker ausgeprägt ist als in der maskulinen Abteilung? Gute Frage. Nächste Frage. Denn die Mensch-Maschine-Beziehung wird in diesem Fall ja klischeehaft dem Küchen-, Kinderzimmer-, Garten- und Wellness-Bereich zugeordnet, und das weitgehend exklusiv. Die Wilde auf ihrer Maschin’ gilt immer noch als Ausnahmeerscheinung.

Bald aber wird, wage ich als eher unsensibler Macho zu behaupten, ein Phänomen auftauchen, das man ansatzweise schon in sozialen Medien oder öffentlichen Räumen wahrzunehmen beginnt: die wütende Hausfrau. Und sie wird schlimmer wüten als jede Rpckerbande, und sei es eine Armada der Hells Angels. Irgendjemand in irgendeiner Brüsseler EU-Amtsstube hat beschlossen – und ich wage zu vermuten, es war ebenfalls ein höchst unsensibler Macho (oder gar eine graue Bürokraten-Krawattenmaus) -, bis 2020 wattstarke Staubsauger zu verbieten. Unter dem Banner von Klimaschutzzielen will man schon ab 2014 den Verkauf von Geräten mit einer Saugleistung von mehr als 1600 Watt untersagen, drei Jahre später soll die Leistungsgrenze per Verordnung gar auf schwächliche 900 Watt sinken.

Dann aber haben wir einen Aufstand der Hardcore-Profi-Hausfrauen (das können durchaus auch Männer oder geschlechtsneutrale Transgender-Wesen sein). Und da überlebt, read my lips!, die Europäische Union eher noch die nächste Bankenkrise.

(*) Anm.: Ich irre. Die “Maschin” ist ein Lamborghini Diablo SE 30.


Turned On

3. November 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (235) Internetradio? Digital Audio Broadcasting? Gar DAB+? Ach was: Ö1 klingt erst “juju inspired” wirklich ewig frisch.

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Man kann es mit Forrest Gump halten: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man bekommt.“ Man könnte auch Albert Einstein zitieren: „Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.“ Um unterm Schlußstrich bei Wilhelm von Humboldt hängen zu bleiben, dem alten preussischen Staatsfritzen und Sprachwissenschaftler: „Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben.“

Menschen, wohlgemerkt, nicht Dinge. Dennoch: mit mehr als fünfzig Lebensjahren auf dem Buckel darf ich wohl die profunde Erkenntnis hintanfügen, dass auch vermeintlich tote Gegenstände zur höchstpersönlichen Lebendigkeit einiges beizutragen vermögen. Sofern in ihnen Witz und Wert stecken. Oder gar soetwas wie eine Seele. Auf der Suche nach solch einem „object of desire“, gedacht als Geburtstagsgeschenk – Sie erinnern sich – für einen guten Freund, stolperte ich unlängst in eine verborgene Werkstatt in der Fillgradergasse 11 in Wien-Mariahilf. Sie entpuppte sich rasch als Zauberkästchen. Betreiber Alex Riegler ist „juju inspired“, so Name und Motto dieser „Vintage Upcycling Manufactory“ (hier zu finden).

Alte Materialien treffen hier auf neue Kulturtechniken. Konkret bedeutet das, dass der gelernte Lichtdesigner allerlei antiquarischem Krempel zeitgemässe Funktionalität einhaucht. Und es gleichzeitig zum Kunstwerk veredelt. Alte Röhrenradios etwa: plötzlich können die per W-LAN oder Bluetooth mit iPads und Smartphones kommunizieren. Ihre frisch polierten Holz- und Bakelitgehäuse bekommen modische Stoffe appliziert, neue Lautsprecher eingesetzt und dürfen nach Lust & Laune mit Nachtlicht, USB-Anschluss und Weckfunktion auftrumpfen.

Das klingt profaner als es ist: im Idealfall haben Sie, sollten Sie sich zum Erwerb eines solchen „Art Retro Radios“ entschliessen, ein Einzelstück im Wohnzimmer stehen, das mit einem „magischen Auge“ und glühender UKW-Skala jeden Kenner verzückt. Und dennoch alles andere als ein unnützer Staubfänger ist.

Das Beste aber ist – das Leben ist ja ein Prozess, kein Handelsobjekt –, dass Sie ihr eigenes Uralt-Radio vorbeibringen und aufmöbeln lassen können. Und eventuell sogar selbst Hand anlegen dürfen. Ob Freund W., längst Ö1-Urgestein, noch sein erstes Empfangsgerät (einen prächtigen ITT Telefunken-Cassettenrecorder mit Radio Luxemburg-Fixtaste) zuhaus im Schrank stehen hat?


Ça plane pour W.

26. Oktober 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (234) Was schenkt man einem Mann, der schon alles hat, zum Geburtstag? Antwort: ein zukunftstaugliches Stück Vergangenheit.

Pinball Wizard

Neulich begab es sich, dass mein bester Freund W. Geburtstag feierte. Nicht irgendeinen, sondern den rundesten, den man üblicherweise – abgesehen vom hundertsten – in einem Menschenleben begeht. W. ist, trotz seines denkwürdigen Alters, ein junger Mann geblieben: verheiratet mit einer noch jüngeren, wunderbaren Frau, ausgerüstet mit blühender Gesundheit und allen erdenklichen irdischen Annehmlichkeiten, wach im Herzen und hell in der Birne wie eh und je.

Man darf diesen Mann also ruhigen Gewissens beneiden. Als Redakteur einer Radio-Sachbuchsendung geniesst W. zudem das Privileg, sich jedem ihn interessierenden Gegenstand und Thema schon von Berufs wegen widmen zu dürfen. Und ihn interessiert so ziemlich alles – da bedarf es keiner ausgeprägten Hobbies oder ausgefallener Gadgets mehr, um gegen etwaige Langeweile anzukämpfen.

Was schenkt man so einem Mann? Die Frage stellte sich, weil ich auf ein Angebot des Freundeskreises, mich an einem kollektiven Präsent – man sammelte für eine Reise – zu beteiligen, abschlägig reagierte. So fein solche Geschenke für den Beschenkten sein mögen – wer braucht schon acht Design-Zitronenpressen? –, so sehr ziehe ich individuelle Überlegungen und Überreichungen vor. Zunächst wollte ich W. also, der in Jugendjahren als Pinball Wizard von Wien galt (und in dieser Disziplin nur bisweilen, ha!, vom Schreiber dieser Zeilen geschlagen werden konnte), mit einem alten Flipper-Automaten beglücken. Einem Prachtstück der prä-digitalen, mechanischen Ära, die unsere Generation wohl als letzte in voller Blüte erlebt hat.

Das hätte ihm schon gefallen, aber auf meine leise Anfrage, ob er sich vorstellen könne, so ein Trumm ins Wohnzimmer zu stellen, folgte umgehend bedauerndes Kopfschütteln. Platzprobleme, wer hat sie nicht? Leider unterband exakt dieses existentielle Hindernis auch die Regung, W. eine Jukebox voller erinnerungsträchtiger Singles von Johnny Wakelin („In Zaire“), Drahdiwaberl („Plöschberger“), Slade (“Cum On Feel The Noize”) und Plastic Bertrand („Ca Plane Pour Moi“) zu schenken. Oder einen chromblitzenden Retro-Röhrenverstärker mit mannshohen Lautsprecherboxen. Oder.

Sie merken: eine gewisse technische Affinität teilen W. und ich. Da müsste ich schon sehr daneben liegen, wenn ich seine wildesten Wünsche und Phantasien nicht erriete, haben wir doch schon in der Volksschule Auto-Sammelbilder getauscht. Was also tun? Machen wir’s spannend: die Antwort erfahren Sie – und er – dann nächste Woche. Happy Birthday!


Das Geizhals-Syndrom

19. Oktober 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (233) Benzin- oder Elektromobil? Der Zukunftsmarkt hängt zuvorderst vom Sparwillen der Autokäufer ab.

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In der vorwöchigen „Presse am Sonntag“-Kolumne habe ich ungeniert meine Faszination für die Spezies Elektroauto durchklingen lassen – durchaus verstörend für Benzinbrüder, aber ich scheine damit nicht ganz allein auf weiter Flur zu sein. Auch wenn die Zulassungszahlen momentan noch am Rand der Wahrnehmungsgrenze herumgrundeln: bald könnte richtig Schwung in die Sache kommen.

Im Fall des Luxusmodells Tesla S, das in Norwegen in punkto Verkaufsstatistik selbst den Brot- & Butter-Boliden VW Golf hinter sich gelassen hat, ist das auf lokale Fördermassnahmen und Privilegien zurückzuführen. Und, klar, auf einen daraus resultierenden, vergleichsweise sehr günstigen Anschaffungspreis und verlockend niedrige Kilometerkosten.

Mittlerweile habe ich den Tesla des Musikproduzenten R., der zu den ersten Besitzern des Fahrzeugs in hiesigen Gefilden zählt, näher in Augenschein genommen. Das macht schon richtig Freude – vom überdimensionalen Touch-Monitor, der das Armaturenbrett ersetzt, bis zur vollkommenen Lautlosigkeit der Fortbewegung. Aber das sind nur erste, flüchtige Impressionen. Was zählt, sind Langzeiterfahrungen. Anyway: ich werde R. mit Flötentönen zu einer ausgedehnten Probefahrt zwingen und Ihnen dann berichten. Auch den BMW i3 habe ich schon auf die Wunschliste gesetzt.

Zuvor aber gilt es etwas zu bereden, was der Fahrzeugbranche – egal, ob Benzin oder Strom – noch mächtig Probleme bereiten wird: die um sich greifende Dumping-Mentalität. Nennen wir das Phänomen das „Geizhals-Syndrom“, das zunächst ja für die Konsumentenseite erfreulich wirkt: wer hat nicht gern ein neues Auto zum billigstmöglichen Preis? Die Möglichkeiten, Vergleiche anzustellen und Angebote systematisch zu durchforsten, sind ja mit dem Internet förmlich explodiert.

Jedoch: die Preisschlacht lässt automatisch auch die Handelsspannen gegen Null tendieren. Und fordert eine gewisse Schlankheit der Serviceleistungen. Auch die tendieren mittlerweile gen Null. Wenn der Automobilmarkt oberflächlich so überhitzt, in Wirklichkeit aber deutlich unterkühlt ist, dass sich die grossen Markenanbieter entweder in forcierten Export oder kaum camoufliertes Sich-gegenseitig-in-den-Ruin-Treiben flüchten, lässt das leider auch wenig Spielraum für die Entwicklungsabteilungen. Aber läge nicht gerade da das Hoffnungsterrain?

Im Schnitt gewähren Autohändler in Deutschland auf die 30 aktuell meistverkauften Modelle 20,1 Prozent Rabatt. Und in „Österreich“ (ja, ich meine die keck nach dem Verbreitungsgebiet benannte Zeitung, die inzwischen mehr einem Verkaufsprospekt ähnelt) überschlägt man sich bei KfZ-Inseraten mit Aktionitis: „Fahren ohne Anzahlung!“, Kurzzulassungen, “Servicegutscheine geschenkt!”, „Preiskracher!“, Superdupersonderkonditionen zum Abwinken. Einen Ford Fiesta gibt es z.B. um knapp über 10.000 Euro, das sind – ohne, dass ich den Taschenrechner zücke -, deutlich über 30 Prozent unter dem Listenpreis. Wozu dann aber überhaupt noch Hersteller-Preislisten? Sind die für die ganz Uninformierten (so wie die offiziellen Verbrauchsangaben)?

Sollen die Wirtschaftsexperten streiten: ist das jetzt ein Zeichen für eine immer grösser werdende Krise – oder für einen fulminanten Aufschwung? Und, wenn letzteres, wo? Oder einfach nur ein Fanal der ewigen Dummheit der Konsumenten, denen vermeintliche Geschenke später umso sicherer und deftiger in Rechnung gestellt werden. Mit Garantie.


Öl ins Feuer

13. Oktober 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (232) Angst vor einem Batterienbrand in einem Elektrofahrzeug? Tesla sagt: vergessen Sie’s!

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Dass sich mehr als drei Millionen Schaulustige auf YouTube ein – noch dazu relativ unspektakuläres – Video eines brennenden Fahrzeugs an einer einsamen Strassenkreuzung reinziehen, kommt auch nicht alle Tage vor. Jedes Jahr gehen allein 180.000 Autos in den USA aus unterschiedlichsten Gründen in Flammen auf. Bis auf die Besitzer dieser Vehikel, ihre Versicherungsagenten und die Einsatzkräfte der örtlichen Feuerwehr lässt das die Menschheit eher kalt. Dass aber solch ein Vorkommnis, das für den Fahrer gottseidank glimpflich verlaufen ist, den Hersteller des Fahrzeugs an der Börse in Kalamitäten bringt, darf dann doch als aussergewöhnliche Entwicklung gewertet werden. Ausser der Hersteller heisst Tesla. Und die verkohlte Maschine ist ein Elektro-Sport-Bolide vom Typ Tesla S.

Irgendein Metalltrumm, das auf der Fahrbahn herumlag, hat unlängst den Fahrzeugboden einer dieser flotten Karren durchschlagen und ein paar der unzähligen, flüssigkeitsgekühlten Lithium-Ionen-Akkuzellen erwischt. Die Feuerwehr, ungeübt im Umgang mit Elektroautos, verschlimmerte mit ihren Löschversuchen zunächst die Malaise eher als sie rasch zu beenden. Und noch rasanter, sprichwörtlich wie ein Lauffeuer, verbreiteten sich Augenzeugenberichte im Netz – „Oh, that’s a Tesla, dude!“ Am nächsten Tag rasselte die Aktie bis zu 13 Prozent ins Minus, macht unterm Strich rund drei Milliarden Dollar Kursverlust wegen einer ausgebrannten Limousine mit einem Listenpreis von knapp 70.000 Dollar.

Dabei hatte ausgerechnet dieses Modell erst im August dieses Jahres die Bestnote beim Sicherheitstest der National Highway Traffic Safety Administation erhalten. Treppenwitz: auf die Nachfrage, ob nun dieser – prototypische? – Fall von der Behörde genauer untersucht werde, erhielt die „New York Times“ keine Antwort. Die US-Behörde ist, wie unzählige andere Einrichtungen und Ämter, wegen des akuten Haushaltsnotstands der Vereinigten Staaten geschlossen.

Die Prognose, dass sich dagegen der Aktienkurs des innovativen Herstellers Tesla rasch erholen wird, ist teilweise schon eingetroffen. Weniger gut geht es im Kontrast dazu vielen Autofabriken rund um den Globus, die ungebremst auf altvatterische, benzinfressende Verbrennungsmotoren setzen. Hersteller und Händler liefern sich gerade jetzt im Herbst Dumping-Preisschlachten wie selten zuvor. Wann kommt eigentlich – Öl ins Feuer! – das erste Fahrzeug auf den Markt, das man für eine Unterschrift unter einen langjährigen Wartungsvertrag „geschenkt“ bekommt? Muß ja kein Tesla S sein. Obwohl sich ausgerechnet der in Norwegen inzwischen besser verkauft als ein VW Golf.


Der Killerfaktor

6. Oktober 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (231) Bang & Olufsen angeschlagen, Loewe pleite. Ist der Design-HiFi- & TV-Markt endgültig tot?

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Zwei Meldungen liessen diese Woche einige Menschen hellhörig werden. Erstens: Loewe, ein traditionsreicher deutscher Hersteller von TV-Geräten und Lautsprechersystemen, hat Insolvenz angemeldet. Noch glaubt man aber in der Chefetage an eine Zukunft und will schon in den nächsten Tagen einen Investor aus dem Nahen Osten oder China präsentieren. Oder gar Apple?

Die zweite Meldung betraf den dänischen Anbieter Bang & Olufsen, der vielen Kunden unter dem Kürzel B&O geläufiger ist. Bei einem Quartalsumsatz von nur noch 75 Millionen Euro rutsche der Anbieter tiefer und tiefer in die Verlustzone – allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2013 hat man einen Verlust von neun Millionen Euro erwirtschaftet. Der zweitgrösste europäische Unterhaltungselektronikkonzern „kämpft seit längerem mit einer Nachfrageflaute“, so die APA, „und der harten Konkurrenz aus Asien.“ Namentlich sind das zuvorderst Samsung und LG.

Nun sind die Krise von B&O und das mögliche Ende von Loewe nur für eine zahlenmässig kleine Klientel eine Schreckensnachricht. Es ist jene Bevölkerungsschicht, die – um ein leuchtkräftiges Klischeebild zu entwerfen – auf sauteuren Bobo-Sofas herumlümmelt, regelmässig den „Architectural Digest“ studiert und Nespresso mit abgespreizten Fingern aus italienischen Designer-Tassen (Limited Edition) schlürft. Und eine Marke oft nur aufgrund ihres „In“-Faktors und inhärenter Distinktionsqualitäten schätzt.

Wirkliche Sentimentalität, ja Trauer unterstelle ich dagegen Kennern der reichen Historie sowohl der dänischen wie der deutschen High End-Schmiede. Wer Gerätschaften wie den Plattenspieler Beogram 4000, den Radio-Portable Beolit 600 (Entwurf: Jacob Jensen) oder den auch im New Yorker Museum of Modern Art ausgestellten Fernseher Loewe Art 1 – to name just a few – geschaffen und durchgängig einen Willen zu minimalistischer Eleganz und neuen Formensprachen gezeigt hat, muss im Fall des Falles in einem Markt, der Konformität und Kack-Design begünstigt, als Verlust gelten. Unbedingt.

Wie aber konnte es so weit kommen? Vox populi sagt: die Geräte sind schön, aber schlichtweg zu teuer. Nun greift diese Sichtweite eindeutig zu kurz – denn ein bestimmter Menschenschlag giert nunmal nach Qualität und ist bereit, dafür fast jeden Preis zu bezahlen. Wenn aber hinter gebürsteten Aluminiumoberflächen letztlich auch nur Billig-Elektronik, Plastikteile und Panels aus Korea stecken und überteuerte Designlautsprecher kaum schmeichelhafter klingen als 08/15-Kisten aus dem Elektromarkt, wächst sich Gewinnmaximierung rasch zum Killerfaktor aus.


Neuland

28. September 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (230) Heisse Luft herrscht anderswo. “All Things Austrian” liefert das Dummy, das unsere Lese-Zukunft definiert.

All Things Austrian

Man hat immer die Wahl. Man darf nur nicht seiner eigenen Trägheit, Saturiertheit und Denkfaulheit nachgeben. Eventuell aber auch nur der Bequemlichkeit, es sich in den – oftmals reichlich engen – Gedankengebäuden, Wirtschaftskammern und realen Systemen der eigenen Lebensgeschichte kommod eingerichtet zu haben. Nicht zuletzt, weil man vom politischen und gesellschaftlichen Status Quo profitiert. Leute dieses Schlags – gehören wir nicht (fast) alle dazu? – mögen eventuell wieder einmal Giuseppe Tomasi de Lampedusas Roman „Der Leopard“ nachlesen. Darin findet sich das berühmte Zitat: „Es muß sich alles ändern, damit es bleibt, wie es ist.“

Aber vielleicht sollen die Verhältnisse auch partout so bleiben, wie sie sind. Damit sich perspektivisch alles umso kräftiger ändert. Annähernd explosionsartig. Wie gesagt: man hat immer die Wahl. Ich persönlich z.B. habe diese Woche eine ganz bewusste Entscheidung getroffen. Die Entscheidung, einmal mehr den „Österreichischen Medientagen“ fernzubleiben, wo angeblich die Gegenwart und Zukunft der heimischen Print-, Radio- und TV-Landschaft verhandelt wird. Was natürlich nicht der Fall ist.

Da unser aller Zeitbudget gleich bemessen ist – ein unendlich demokratischer Aspekt der menschlichen Natur – und pure Zeitverschwendung sich früher oder später selbst entlarvt, habe ich ein Treffen mit den Machern von „All Things Austrian“ dem Besuch der nestwarmen VIP-Schaukel in der Wiener Stadthalle vorgezogen.

Jede Wette, Sie haben noch nie von „All Things Austrian“ gehört. Wie auch? Es handelt sich um eine App, die – nach zweijähriger Entwicklungszeit – gerade mal seit Mitte dieser Woche für das iPad downloadbar ist (gratis, eine Android-Version soll folgen). Nein, eigentlich ist es ein Magazin. Aber eines, das technisch und formal den Begriff Magazin neu definiert. Dahinter stecken zuvorderst zwei Köpfe: der freie Journalist Richard Brem (u.a. ORF/Ö1) und der Software-Architekt Gerhard Zeissl. Für das Design zeichnet die Crew von Typejockeys, einer international renommierten Wiener Agentur, verantwortlich. „Wir wollten Neuland betreten und ein High End-Fanzine für das 21. Jahrhundert kreieren“, meinen die Schöpfer von „All Things Austrian“. „Ein lebendes Demonstrationsobjekt“. Ich sage nur: Wow! Mission accomplished.

Mehr zum Wie?, Warum? und Wohin? demnächst hier. Sie werden jetzt eh ein paar Minuten damit beschäftigt sein, die App herunterzuladen. Und ein paar Jahre, über Ihre Wahlentscheidung nachzudenken.


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