Highest Fidelity

23. März 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (255) “Man sieht nur mit dem Herzen gut”, wusste Antoine de Saint-Exupéry. Aber wie ist das mit dem Hören?

PHILIPS GF851

Nie klang Musik besser als mit dem Philips GF851 Stereo Wechsler Electrophon inkl. Keramiksystem GP215 mit Diamant (genau so stand’s im Prospekt). Der Verstärker hatte nur 2 x 8 Watt Ausgangsleistung und der Rumpelgeräuschspannungsabstand lag bei >55 Dezibel, der „aufsteckbare Plattenandrücker für Wechslerbetrieb“ ging nie in Betrieb und die Lautsprecherboxen waren Vollplastik wie der Rest, aber anno 1977 war das, sagen wir mal: eher egal.

Natürlich war es ein billiges Klumpert. Aber es fehlte an Vergleichsmaßstäben. Objektivität ist sowieso langweilig. Und Pop ein bonbonfarbenes tangerinrot-gespritztes Stromlinienbaby. Das Ding in meinem Jugendzimmer klang gut. So gut, dass ich es nie wieder vergessen habe.

Denn das ist die – so erschütternde wie banale – Wahrheit in Sachen Audioqualität: High Fidelity hängt nur sehr bedingt von Messdaten, Preiszetteln und handpolierten Frontplatten mit der Signatur eines weltberühmten Designers ab. Eher von offenen Ohren, einer Riesenportion Entdeckungslust und Rock’n’Roll! als kategorischem Imperativ. Selbst wenn Sie eher Coltrane, Bach oder Eno zuneigen. Ich stand damals ja mehr auf Drahdiwaberl, Suzie Quatro und das Electric Light Orchestra.

Viele Jahre nach der Inbetriebnahme meiner ersten Stereoanlage machte ich eine Reportage für das „Diners Club Magazin“. Und sprach mit ausgesuchten Profis über ihr Hör-Equipment, von der – leider längst verstorbenen – ORF-Jazz-Legende Walter Richard Langer bis zu einem heute noch aktiven High End-Fetischisten, der sich kindssarggroße Verstärker selbst baute. Weil der Markt seiner Meinung nach „nichts Erwachsenes“ zu bieten hatte. Selbst für viel Geld nicht.

Das Fazit: die mit den protzigsten Anlagen spielten mir stolz durchaus probat klingenden Referenzpressungen vor, interessierten sich aber kaum für sonst etwas. Langer aber, der Mann mit der exquisitesten Musiksammlung, hörte seine Platten und Bänder über höchst durchschnittliche Geräte. Und schien trotzdem jede Menge Spaß zu haben – während die Freaks permanent die Sorge plagte, ob die Verkabelung ihrer Anlage eh optimal, der Strom „sauber“ und das Lautsprecher-Paar millimetergenau an seinem Platz wäre. Eine nie endenwollende Annäherung an das Elysium.

Bei aller Sympathie und Faszination: ich blieb in der Pubertät stecken. Bis heute.


Zeit-Los

8. März 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (253) Neue Zeiten brauchen neue Zeitmesser, könnte man meinen. Aber wo bleiben sie?

Pebbles

Es gibt ja, so scheint es, kaum eine Branche, die so konservativ ist wie die Gilde der Uhrenhersteller. Die letzte große Revolution, die es hier gab, war die Erfindung der “Swatch” Anfang der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts (das, wenn man’s recht bedenkt, auch schon im letzten Jahrtausend stattgefunden hat). Der Schmäh des visionären Marketing-Zampanos Nicolas George Hayek, billige, voll integrierte Uhrwerke mit zeitgeistigem Design zu verbinden und die Plastikteile zu Sammlerstücken zu (v)erklären, rettete angeblich sogar die Schweizer Uhrenindustrie. Bis heute sind eine wohl halbe Milliarde Swatch-Exemplare in Umlauf gebracht worden.

Was aber ist mit all den Digitalzeitmessern, Wearables und uhrförmigen Mini-Computern, die mir seit Jahr und Tag von diversen Lifestyle-Magazinen angedient werden? Diese offensiv innovativen und verkrampft originellen Multifunktions-Gadgets laufen gemeinhin unter dem neuen Übertitel „Smartwatch“ – hat sich schon jemand diesen Namen schützen lassen? – und repräsentieren die Zukunft. Angeblich.

Aber ‘s läuft irgendwie nicht. Ich kenne niemanden, der eine Samsung Galaxy Gear 2 trägt. Eine Talkband B1 von Huawei. Eine Smartwatch von Sony. Oder gar eine Pebble, CooKoo oder MyKronoz. Warten wieder mal alle auf Apple? Oder ist die ganze Spezies der futuristischen Uhren, mit denen man auch telefonieren, den Blutdruck messen und die Firmenkonferenz aufzeichnen kann, einfach nur ein feuchter Traum von Prototypensammlern und Daniel-Düsentrieb-Tätern?

Ich lehne mich wahrscheinlich nicht allzuweit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, es geht bei Uhren seit jeher weniger um Technik als um Ästhetik. Vielfach ist eine IWC, Rolex oder Breitling ja das einzige Schmuckstück eines Mannes. Wobei die Geschmäcker natürlich verschieden sind (und Geschmacksnerven nicht selten oft ganz fehlen): mit einer protzig-goldenen, platinenen und gar mit Edelsteinen verunzierten Uhr, die das obszöne Preisschild metaphorisch nie ablegt, können Sie mich jagen. Soetwas mag im Barockzeitalter modern gewesen sein, heute ist es nur ein Ausweis instinktlosen Distinktionsgewinns. Zumal auch Uhren in der Unter-hundert-Euro-Preisklasse tadellos die Zeit anzeigen.

Eine Uhr ist eine Uhr ist eine Uhr. Und soll es auch bleiben. Ich bemerke ja auch bei mir selbst Spuren einer zunehmend antimodernistischen Wertekonservativität. Unlängst fiel mir ein Prospekt der Marke Junkers (klarerweise „made in Germany“) in die Hände, die zu erstaunlich wohlfeilen Preisen geschmackssichere, sehr traditionell gestylte Armbanduhren anbietet. Insbesondere die Fliegeruhren haben es mir angetan.

Gekauft habe ich mir aber letztendlich das Modell 6086-5, das als „Bauhaus Chronograph Dessau 1925“ angepriesen wird. Bauhaus? Ein Mythos der Moderne. Und auch mit einem billigen Uhrlaufwerk aus Fernost im Inneren noch anno 2014 eine Kampfansage für Klarheit und Reduktion. Und gegen die Verschnörkelung des eigenen Lebens. Zeitlos, irgendwie.


Testphase (1)

2. März 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (252) Wie futuristisch ist es anno 2014, ein Elektro-Auto zu fahren? Der Auftakt zu einem Langzeit-Test.

Opel Ampera

“Die Dichtung muß aufgefasst werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor den Menschen zu beugen.” (Filippo T. Marinetti, “Futuristisches Manifest”, 1909)

Die Betriebsanleitung hat 216 Seiten. Daran, dass man nach dem Einstieg keinen Zündschlüssel mehr drehen muss (sondern eine blau illuminierte Starttaste drücken), gewöhnt man sich rasch. Ebenso an das leise Surren des Elektromotors, der auch bei Beschleunigung – und, wow!, das Fahrzeug sieht nicht nur aus wie ein „Fast & Furious“-Renner, sondern beschleunigt auch so – kaum mehr Laute von sich gibt.

Was doch etwas übertrieben wirkt, ist die Cockpit-Landschaft, die auf zwei 7-Zoll-Displays Informationen sonder Zahl liefert. Hier stehen aber nicht mehr Geschwindigkeit und Drehzahl im Mittelpunkt, sondern Batterieladung, Reichweite, Kraftfluss und Fahreffizienz. Opel selbst nennt diese Hightech-Kommandozentrale „futuristisch“. Sie merken: eines der üblichen Brot-und-Butter-Automodelle ist hier nicht im Spiel.

Tatsächlich hat man mir einen Opel Ampera zur Verfügung gestellt. Das Schwestermodell in den USA heisst Chevrolet Volt. Nomen est omen: das Fahrzeug nutzt Elektrizität als Antriebsquelle – hat aber zusätzlich einen Benzinmotor eingebaut, um im Bedarfsfall die Batterie mit bordeigenen Mitteln aufladen zu können. Kein ganz neues Konzept: der Ampera ist seit 2011 auf dem Markt.

Der Hersteller hat also einige Erfahrungen gesammelt – und meint, die vollmundige Werbeansage, man müsse bei diesem Fahrzeugtyp „keinerlei Einschränkungen in Bezug auf Reichweite und Alltagstauglichkeit hinnehmen“, mit Fakten untermauern zu können. Aber spielt auch die Infrastruktur mit? Wo und wie kann man Strom tanken? Wieviel Benzin lässt sich im Durchschnitt sparen? Wann rechnet sich ein solches Vehikel (das ja immer noch deutlich teurer ist als ein vergleichbarer Opel mit herkömmlichem Verbrennungsmotor)?

Fragen über Fragen. Gesucht sind Antworten. Sie sind es, die mich reizen, mit dem Ampera einen mehrwöchigen Test zu machen, zumal mich die zukunftsträchtige (?) Sparte e-Mobil wirklich elektrifiziert. Das erste, was ich gelernt habe, ist: man kauft heute kein Auto mehr – man investiert in ein individuelles Mobilitätskonzept. Die Steckdose in der eigenen Garage ist ein Fixpunkt in all diesen Überlegungen (apropos: viele Garagen in Österreich haben traditionellerweise keine Steckdosen), aber natürlich nur die halbe Miete.

Man sieht sich erstmals im Leben mit Firmennamen wie Smatrics oder Electrodrive Europe konfrontiert, die von der persönlichen Ladestation bis zum per Smartphone-App aufrufbaren Starkstrom-Stützpunktnetz essentielle Dienstleistungen bieten. Opel kooperiert sehr intensiv mit diesen Start-Up-Unternehmen (hinter denen grosse Energie- und Technikkonzerne stehen). Die erste Elektro-Tankladung habe ich dennoch – semifuturistisch – am Parkplatz des Supermarkts um die Ecke stibitzt.


Plattenspielerei

23. Februar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (251) Der heimische Plattenspieler-Produzent Pro-Ject definiert die Einsteigerklasse elementar neu.

Pro-Ject Elemental

Hoch an der Zeit, die Allgemeinplätze hinter sich zu lassen – und mögen sie sich noch so trivialphilosophisch durchmessen lassen – und wieder mal über greifbare Produkte zu schreiben. Konkrete Daten, Zahlen und Fakten. Und profunde Urteile zu aktuellen Spielzeug-Objekten der Erwachsenenwelt. Nutzwert, Nutzwert, Nutzwert – und immer an die Leser denken!, um einen Spruch des ehemaligen „Focus“-Chefredakteurs Helmut Markwort abzuwandeln.

Aber ganz so einfach ist das nicht. Denn wenn ich hier und jetzt meiner Begeisterung über ein neues Plattenspieler-Modell der Marke Pro-Ject Ausdruck verleihe – die „Elemental“-Baureihe, um exakt zu sein –, höre ich schon die Meckeranten und Misanthropen ihre Messer wetzen. Warum? Erstens: weil der „Elemental“ die neue Benchmark im Bereich der Billig-Plattendreher mit Qualitätsanspruch ist. Sein unverbindlich empfohlener Verkaufspreis beträgt keine 200 Euro (mit USB-Anschluß und Phono-Vorstufe einen Fünfziger mehr). Darunter gibt es nur Kinderkram und Plastikware aus Taiwan.

Zweitens: weil das Design dieses HiFi-Geräts radikal abgespeckt ist. Es sieht wirklich filigran aus – und ist es partiell auch: die Tonarm-Ablage meines Testexemplars ist gleich beim Auspacken abgebrochen (was aber zugegebenermassen mehr über meine Patschertheit erzählt als über die Bauqualität von Pro-Ject).

Drittens: der Hersteller ist eine österreichische Firma. Und zugleich Weltmarktführer in dieser speziellen Nische, die merkbar breiter und breiter wird. Musikenthusiasten scheinen sich rund um den Globus darauf geeinigt zu haben, die CD sterben zu lassen und kabellos Audio-Files von der Festplatte oder wahlweise von Streaming-Plattformen wie Spotify oder Deezer abzurufen. Gilt es aber, Robbie Williams, Helene Fischer, Marteria oder Garish in höchster Qualität zu geniessen – sagen wir mal, in einem bequemen Leder-Ohrensessel bei einem guten Glas Wein –, ist die Schallplatte das Objekt der Wahl. Und das gilt auch in Zukunft. Das Comeback von Vinyl selbst bei Elektro-Discountern und Grosshandelsketten spricht Bände.

Jetzt gibt es aber eine alteingessene Gemeinde von High End-Fetischisten, die dann sicher murren: das kann nix sein. Ein Design-Turntable „made in Austria“ zum Niedrigstpreis, der absolut unkompliziert ist, richtig brauchbar klingt und zum Verkaufsschlager auch bei Käufern unter 40 Jahren werden könnte – das grenzt an Blasphemie. Nun: für diese Silberrücken-Gemeinde gibt es andere Kultmarken. Auch ich überlege gerade, zu meinen Thorens-, Technics-, Dual-, Lenco- und Rega-Laufwerken noch einen Linn Sondek LP12 zu stellen. Aber der Pro-Ject „Elemental“ bleibt ebenfalls im Haus. Definitiv.


Zukunftsforschung

15. Februar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (250) Wenn Sie diese Zeilen in ein paar Jahrzehnten oder Jahrhunderten noch lesen können, ist alles gut gegangen.

On-Off Switch

Wenn das Internet nichts und niemanden vergisst, wie die Sage geht, dann schreibe ich hier für die Ewigkeit. Das ist, zugegeben, eine hohe Bürde: die allwöchentliche Veröffentlichung ein paar rasch und beiläufig hingeworfener Sätze soll den Test der Zeit bestehen.

Aber worin besteht dieser Test? Darin, dass sich einst – sofern dieser Planet dann noch um die Sonne kreist – überhaupt irgendjemand an Herrn Gröbchen, seines Zeichens Maschinenraumpfleger und Lohnschreiber des frühen 21. Jahrhunderts, erinnert? Darin, dass ein paar ferne Nachfahren den digitalen Nachlass verwalten? Oder darin, dass sich aus den gesammelten Werken für Historiker der Zukunft punktuell signifikante Beobachtungen und Entwicklungen extrahieren lassen?

Vielleicht ist eine Kolumne wie diese ja auch nur ein Zettelkasten voller Witze, Skurrilitäten und Fußnoten für die Technik-Experten und Sozialforscher folgender Generationen. Wie immer: es gilt der alte Merksatz „Prognosen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen“, der wahlweise Karl Valentin, Mark Twain oder Niels Bohr zugeschrieben wird. Zumindest diese Erkenntnis hat den Test der Zeit bestanden.

Oder etwa doch nicht? Denn noch bin ich nicht im greisenhaften Alter, mich nicht daran erinnern zu können, dass 2013 das Jahr war – und das ist wahrlich nicht lange her –, in dem in Mainstream-Medien der Macht der Computeralgorithmen erstmals die Planbarkeit und Vorhersage individueller Lebensregungen zugeschrieben wurde. Und zwar ernsthaft, wenn auch mit jener Beiläufigkeit, die uns gemeinhin den alltäglichen Lauf der Dinge wahrnehmen lässt. Bis dahin waren „Big Data“, „Reality Mining“ und “Post Privacy” ein Thema für IT-Fachleute, Geheimdienst-Mitarbeiter und Science Fiction-Autoren.

Aber die Idee z.B., Verbrechen verhindern zu wollen, bevor sie noch begangen werden – Sie erinnern sich an den Hollywood-Reisser „Minority Report“? – hat Implikationen, die das kollektive Zu-Ende-Denken noch nicht mal den Startschuß hören hat lassen. Es ist, wage ich hier und heute zu behaupten, das Ende der Unschuldsvermutung. Wenn wir freiwillig, ja lustvoll – ja, ich habe da banalerweise Facebook, Twitter & Co. im Hinterkopf – unsere Psychogramme zeichnen helfen und zugleich zulassen, dass sie mit objektiven Daten und Taten ergänzt werden – egal ob sie aus der elektronischen Krankenakte ELGA stammen, von der Überwachungskamera im Beserlpark festgehalten wurden oder dem letzten Hort der unmoderierten Meinungsfreiheit, dem eigenen Blog, nachzulesen sind –, wen können wir dafür verantwortlich machen ausser uns selbst?

Im übrigen wage ich auch die Prognose, dass dem “ewigen Speicher” Internet diese Zeilen verloren gehen werden. Denn wenn sie zu einem beliebigen Zeitpunkt auch nur annähernd relevant sind, würden sie mit Sicherheit gelöscht. Die Vergangenheit gehört jenen, die sie in Zukunft am perfektesten fälschen werden. Schlichtes Vergessenwerden ist mir lieber.


Zauberkasten

9. Februar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (249) Schicke Oberflächlichkeit ist Trumpf in der heutigen Medienwelt – eine fatale Entwicklung.

Dampfmaschine

Da diese Kolumne, wenn ich den Zählerstand richtig ablese, die zweihunderneunundvierzigste in einer langen Reihe von „Maschinenraum“-Kolumnen ist und demnächst also soetwas wie ein rundes Jubiläum dräut, drängt es mich, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Zumal jenes Gerät, das ich seit Wochen der werten Leserschar vorführen und anpreisen möchte, nicht und nicht daher kommt. Aber so ist das nun mal im ewigen Spannungsfeld zwischen Erwartung und Realität, in dem Marketing, PR und Berichterstattung fröhlich Ping-Pong spielen.

Also machen wir mal die alltägliche Arbeit selbst zum Thema. Denn es ist Arbeit, wenn man die Sache ernst nimmt. Ich bewundere Kollegen (leider sind Frauen in diesem Metier immer noch seltene Ausnahmen), die sich wirklich Zeit und Muße nehmen, Dinge genauer unter die Lupe zu nehmen. Und die auch die entsprechende Sachkenntnis und Seriosität mitbringen, um nicht nur an der schicken Oberfläche dieser und jener Gadgets, Entwicklungen und Novitäten zu kratzen (wie leider der Schreiber dieser Zeilen allzuoft auch). Ob das nun ein Redakteur bei ORF.ON ist, der der Fotografie zugeneigt ist und neue Kameras auf Herz und Nieren testet, die Crew der „Spielzeug“-Warte in der „Presse am Sonntag“ oder ein Reporter, der den Chef des Dampfreiniger-Weltmarktführers interviewt und nebenher dessen Gerätepark plastisch vorführt. Good job.

„Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“ Dieses Axiom des Science Fiction-Autors Arthur C. Clarke ist ja das Leitmotiv jedes technikbegeisterten Journalisten. Die bisweilen kindliche Faszination an den magischen Objekten weiterzugeben ist nicht verwerflich, sofern nicht auch der fundierte Versuch einer Entzauberung erfolgt. Nicht wenige Hersteller haben ja kaum mehr drauf als billige Taschenspielertricks und noch billigere Fertigungsstrassen in China.

Und leider, das soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, leben auch Medienunternehmen, Zeitungshäuser, Herausgeber und Chefredakteure nicht selten von prekärem Hobbyisten-Enthusiasmus und einem lässlichen Umgang mit komplexer Materie. Technikjournalismus läuft über weite Strecken unter denselben zauberhaft halbseidenen Rahmenbedingungen und Prämissen wie Lifestyle-, Society- oder Popkulturberichterstattung. Copy/Paste rules OK?

Immerhin: meine heutige kleine Beschwerde – in der Online-Welt würde man sie „rant“ nennen, also: spontanes emotionales Gemecker – ist garantiert nicht von einem PR-Waschzettel abgeschrieben.


Generation iNewsroom

1. Februar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (248) Innovative Journalisten und eitle Selbstdarsteller sollten dringend in neue Technik investieren.

recording app

Im Journalismus geht gerade ein Gespenst um. Es heisst „Zentraler Newsroom“ und soll eine Art eierlegende Wollmilchsau der modernen Medienwelt sein. Oder auch nur, man wird sehen (und lesen und hören), ein Papiertiger, der sich hinter sogenannten „Synergieeffekten“ verbirgt. Und letztlich für nichts anderes steht als für einen beinharten Sparkurs der Chefetage und der Medieneigner.

Denn diese ominöse zentrale Schaltstelle ist zumeist „trimedial“ angelegt – also als Ort, an dem Texte (zuvorderst für den Online-Auftritt), Töne und Bilder gleichberechtigt erdacht, verwaltet, produziert und kanalisiert werden. Jeder Reporter und jede Berichterstatterin soll in Hinkunft sowohl einen Bleistift als auch eine Kamera und ein Mikrofon halten und kompetent nutzen können. Tatsächlich macht das ja Sinn – nicht zuletzt, weil die Konsumenten ihrerseits längst über einen multimedialen Park eleganter Empfangsgeräte verfügen: vom ans Internet angebundenen TV-Gerät bis zum hochgerüsteten Laptop, Tablet oder Smartphone.

Die Qualität der Nachrichten und Neuigkeiten zukünftiger Medien wird – einmal abgesehen von der Anzahl, Ausbildung und individuellen Agilität der beschäftigten Mitarbeiter/innen – also auch stark von der Technik bestimmt. Die Digitalisierung ermöglicht, wie in anderen Bereichen, billigere Produktion, niedrigschwelligen Zugang und unkomplizierte Vernetzung. An dieser Stelle wage ich eine Prognose: der Trend zu nicht-institutionalisiertem, eventuell sogar nur hobbyistischem, aber nicht minder ernsthaftem Schwarm-Journalismus wird anhalten.

Sie erinnern sich an meine vorwöchige Kolumne, die den ärgerlichen Ball samt Ball-Radau rund um die Wiener Hofburg zum Aufhänger hatte? Nun: die brisantesten, aktuellesten und aussagekräftigsten Töne und Bilder kamen nicht aus hochprofessionellen Übertragungswägen. Und einen guten Teil der Diskussionsanstösse lieferte nicht „Im Zentrum“, sondern Facebook, Twitter und diverse Blogs.

Natürlich ist, wo viel Licht ist, auch viel Schatten. Und jenseits der Frage, ob die Neuen Medien nicht zuvorderst ausgeprägten Selbstdarstellern, eifrigen Nachwuchs-Demagogen und eitlen Selfie-Botschaftern – solche soll es ja auch unter den Top-Journalisten des Landes geben – eine Plattform bieten, ist die technische Grundausstattung immer verbesserungsfähig. Mit iPhones und Gratis-Recording-Apps lassen sich halt nur Amateurreportagen gestalten (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Ich habe letztens versprochen, der Generation iNewsroom auf die Sprünge zu helfen. Und dazu ein prototypisches Gerät – quasi eine persönliche zentrale Newsroom-Produktionseinheit – im Hinterkopf: den Camcorder Legria mini X von Canon. Weil er aber brandneu ist (und noch nicht in den Geschäften steht), konnte ich bislang kein Testexemplar entgegennehmen. Ohne geht aber nix. Konklusio: Fortsetzung folgt.


Verdummungsverbot

24. Januar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (247) Ist Facebook das neue Zentralorgan des demokratischen Diskurses? Eher schon: sein wirksamstes – und zugleich problematischstes – Werbemittel.

images

Wenn diese Zeilen erscheinen, wird der alljährliche Mummenschanz rund um eine Wiener Ballveranstaltung „für Demokratie und Freiheitsrechte“ schon wieder Geschichte sein. Hoffentlich für immer.

Dieser Ball, bei dem sich ein paar besondere Kapazunder der Leistungsträgergeselligkeit ausgerechnet in der Hofburg versammeln, steht ja unter spezieller Beobachtung. Sowohl der Polizei wie auch einer nicht unbeträchtlichen Menge an Bürgerinnen und Bürgern, denen die höhnische „Gesetzeskonformität“ von Provokation und Gegenprovokation und die symbolträchtige Selbstbeschmutzung der Republik samt Einschränkung der Versammlungs- und Pressefreiheit auf die Nerven gehen. Mindestens. Kann man sich bitte einmal zu einer intelligenteren, sensibleren Lösung durchringen als alljährlicher wechselseitiger Aufganselung, ja Aufhetzung und Aufrüstung?

Aber hier soll nicht Politik gemacht werden. Ich habe übrigens auch kein Selbstporträt mit Sturmhaube, Schal oder einer sonstigen originellen Ver- bzw. Bekleidung auf Facebook eingestellt wie viele Freunde und Bekannte. Derlei Selbstkatalogisierung mag ja eine gewisse Signalwirkung haben und als klares Zeichen gegen die Absurditäten eines polizeilichen „Vermummungsverbots“ mitten im Winter – angeblich kann man unter dieser Prämisse schon für das blosse Mitführen eines Schals bei einem Spaziergang verhaftet werden – gelten.

Aber irgendwie macht mir die freiwillige, ja aufgeregt-freudige Mitarbeit bei dieser Minderheitenzählung und schematischen Zuordnung von Teilen der Bevölkerung zu diesen und jenen „Lagern“ in Zeiten von NSA-Spähtechnik, Big Data und mangelndem gesetzlichen Schutz vor dem übergreifenden Überwachungswahnsinn Sorgen. Herr Faymann, Herr Spindelegger, Frau Mikl-Leitner, Herr Strache: ist Ihnen eigentlich klar, in welche Richtung wir hier – EU-konform? – marschieren? Und ist es wirklich lustig, wenn man sich gegenseitig auf Twitter und Facebook – ja, auch die Ball-Brüder und ihre Gesinnungsschwestern haben dort ihren Auftritt, ebenso wie (verkündigungstechnisch durchaus zeitgemäß) die Wiener Polizeizentrale – verfolgt, und zwar durchaus auch im wortwörtlichen Sinn?

Letztlich bleibt es eine Aufgabe der Medien, auch in dieser Angelegenheit systematisch tiefer nachzubohren. Und ja nicht nachzulassen. Und es ist nicht mehr allein instituionalisierter Journalismus, der wichtige, dringliche, eventuell schmerzliche Fragen stellt und Beobachtungen liefert. Bunte Vögel wie Robert Misik (www.misik.at), Martin Blumenau oder Erich Möchel (fm4.orf.at) sind eine Bereicherung eines lebendigen gesellschaftlichen Diskurses, selbst ein Christian Ortner („Das Zentralorgan des Neoliberalismus“, www.ortneronline.at) liefert immer wieder Denkanstösse (auch wenn die Abgrenzung zu wirklich randwertigen Figuren nicht recht gelingt). Wie die genannten Herren und jede/r andere Interessierte mit fortschrittlicher Technik Blogs, Beiträge und Selfie-Botschaften noch verbessern können, erzähle ich ihnen – und Ihnen – nächste Woche.


Das kaputte Internet

18. Januar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (246) Das Internet hat sich als perfides Vehikel der totalen Überwachung und Untergrabung der demokratischen Gesellschaft entpuppt. Ist da noch Hoffnung?

lobo

„Das Internet ist nicht das, wofür ich es so lange gehalten habe. Ich glaubte, es sei das perfekte Medium der Demokratie und der Selbstbefreiung.“ Mit diesen Worten hebt ein Artikel an, der unlängst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist und den man gelesen haben muss. Jedenfalls, solange man nicht für sich allein auf einer fernen, weltabgewandten Insel lebt.

Der Autor dieses Artikels heisst Sascha Lobo und ist – zumindest in der sogenannten „Netzgemeinde“, also unter technikaffinen Menschen und überzeugten Nutzern der Digitalsphäre – kein Unbekannter. Gemeinhin gilt er als Evangelist des Fortschritts, nun tönt er plötzlich abgeklärt, ernüchtert, ja: gekränkt. „Was so viele für ein Instrument der Freiheit hielten, wird aufs Effektivste für das exakte Gegenteil benutzt. Der Spähskandal und der Kontrollwahn der Konzerne haben alles geändert.“

Dieser Text – eventuell kann man ihn einen Essay nennen, einen Zeitbefund, polemisch auch einen narzisstischen Rundumschlag – hat mannigfaltige Reaktionen ausgelöst. Zunächst (man ist geneigt zu sagen: typischerweise) nicht gerade selten auf absolutem Kindskopfniveau in diversen Online-Foren, auf Facebook und Twitter („Sascha Lobo glaubte ja auch, dass seine Frisur originell ist“), dann auf argumentativer Augenhöhe im Feuilleton und in der Netzgemeinde selbst.

Mitten im Getümmel fanden und finden sich natürlich auch Dissidenten wie der Journalist und Blogger Karsten Lohmeyer, der das Medium seiner Wahl „diesen Internet-Philosophen entreißen“ will, „den Nerds und Piraten mit ihrer unsäglichen Diskussionskultur und Lust an der Selbstzerstörung.“ Geschenkt. Ich lege Ihnen den Originalartikel ans Herz. Und erst im Anschluß die Lektüre der Fußnoten der Nachkläffer, Sub- und Meta-Querdenker, Gegenredner und Widersacher.

Zugegeben: ich fühle mit Lobo. „Trotz Fachwissens nicht für möglich gehalten zu haben, was Realität ist – das war meine Naivität“, diesen Satz können wir uns alle ins Stammbuch schreiben. Die dräuende Erkenntnis, dass die Digitalisierung unserer Existenz – von elektronischen Krankenakten bis zum Smart Metering der Energieversorgung, von der Auflösung traditioneller Geschäftsmodelle im Kultur- und Medienbereich bis hin zur kompletten Infragestellung unserer Privatsphäre – die Gesellschaft viel stärker prägt, „als die meisten Politiker, Journalisten und Fußgänger erkennen wollen oder können“ (Lobo), bedarf dringend des Weiterdenkens.

Noch – noch!? – üben wir uns in Optimismus. „Das Internet ist kaputt, die Idee der digitalen Vernetzung ist es nicht.“


Neujahrskonzert

12. Januar 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (245) Wer das Neujahrskonzert in bester Qualität nachhören will, sollte sich eventuell neue Kopfhörer gönnen.

Sennheiser Momentum

Wieviele Zillionen Kopfhörer wurden eigentlich zu Weihnachten verschenkt? Okay, das ist jetzt etwas übertrieben, aber die Notwendigkeit, Musik aus mobilen Geräten – vom Billig-MP3-Player bis zum Edel-Smartphone – in brauchbarer Qualität an die Ohren ihrer Besitzer und Benützer weiterzuleiten, hat unzweifelhaft einen Boom ausgelöst.

Seit einigen Jahren verkauft die Unterhaltungselektronik-Branche deutlich mehr Headphones als Lautsprecher. Und nicht nur die absoluten Zahlen sind Trumpf, sondern auch der Gesamtumsatz. Experten meinen, dass es allein in Europa mittlerweile mehr als sechshundert (!) Anbieter mit etwa 6000 Kopfhörer-Modellen gibt – der Großteil davon im Billigst-Segment unter 50 Euro. Die Ohrmuschel-Klangriesen sind zum Mitnahme- und Modeartikel geworden, Beats by Dr. Dre & Co. beherrschen das Strassenbild. Und natürlich wollen auch die alteingessenen Hersteller – von AKG bis Sennheiser, Stax und Yamaha – ein Wörtchen mitreden.

Wie aber herausfinden, welcher Kopfhörer auf welchen Kopf passt? Und auch noch besser als der Rest klingt? Hierzu gibt es nur einen gültigen Tipp: Ohren aufmachen! Zunächst aber gilt es, mit der ganz unterschiedlichen Passform und spezifischen Funktionsweise von In-Ears, On-Ears, Noise-Cancelling-Headphones, Funk- und DJ-Kopfhörern oder gar elektrostatischen High End-Hörgeräten samt eigenen Kopfhörerverstärkern umgehen zu lernen. Vieles – bis hin zum Preis, den man für gute Exemplare ausgeben kann und will – ist Geschmackssache.

Ich habe in den letzten Monaten immer wieder die unterschiedlichsten Hersteller und Modelle getestet. Vom eleganten RHA MA450i aus Großbritannien (mit Fernbedienung und Mikrofon) über superbe Noise-Cancelling-Modelle von Bose (Quietcomfort 20i) und Sennheiser (MM 550-X Travel) bis hin zu Bügelexemplaren für dem Heimgebrauch von Harman/Kardon, Pro-Ject und KEF. Zum aktuellen Lieblingsmodell habe ich den Sennheiser Momentum erkoren – es handelt sich um ein noch brieftaschenverträgliches, edles Kunstwerk aus Aluminium, Leder und fast schon greifbarem Wohlklang. Es gibt das gute Stück übrigens auch in Sondereditionen, aktuell z.B. für Fans von David Bowie. Wer’s braucht.

Generelle Erkenntnis: je mehr Materialeinsatz und damit Ohrmuscheldimension, desto besser. Schnuckelige In-Ear-Headphones sind eher nichts für mich. Nicht zuletzt, weil ich nie so recht weiss, ob das potentiell unangenehme Ding im Ohr jetzt richtig eingesetzt ist oder ich selbst der eigentliche Fremdkörper bin… Wenn aber alles sitzt und passt, klingt das Neujahrskonzert gleich doppelt gut.


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