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Big Dada

16. März 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (203) Schon mal von “Big Data” gehört? Wenn nein: Nichtwissen schützt definitiv nicht. Insbesondere vor Folgewirkungen.

BD

Die neueste Sau, die durchs Dorf getrieben wird, heisst „Big Data“. Diese Erkenntnis stammt nicht von Rudi Klausnitzer (der dieser Tage ein Buch zum Thema herausgebracht hat) oder gar von mir – der Satz fiel, neben vielen anderen gescheiten und/oder zynischen Sätzen, unlängst im Parlament. Bei einer Urheberrechts-Enquete der Grünen, die sich dankenswerterweise bemühen, Stimmen und Meinungen möglichst aller Interessensgruppen in einer zunehmend drängenden und dabei höchst komplexen Debatte zu hören, die am Rande auch damit zu tun hat.

„Big Data“ also. Eine Umschreibung für das exponentielle Wachstum an beiläufig oder absichtsvoll gesammelten Bits & Bytes, die sich mir nix, dir nix zu Petabytes, Exabytes und Zettabytes auswachsen. Riesige Informations- und Datenmengen. Von Internet-Providern, Verkehrsüberwachungskameras oder Computerkassen (um ein paar Beispiele zu nennen). Daten, die, von Experten analysiert und bewertet, vielfältig nutzbar sind. Etwa um – Stichwort „Vorratsdatenspeicherung“ – seine Schäfchen einschätzen zu können, in ihrem Konsumverhalten genauso wie in Hinsicht auf Verhaltensauffälligkeiten. Hiess das gestern nicht noch „Big Brother“? Und warum stammt gleich der dritte Google-Eintrag zum Thema von McKinsey, einem der berühmt-berüchtigten Think-Tanks des Turbokapitalismus? Handelt es sich um ein Bedrohungsszenario, das an allererster Stelle ein gutes Geschäftsfeld eröffnet? Und…

Na bravo, Herr Gröbchen! Die absichtsvolle Fragestellung und naiv-schlichte Verknüpfung all dieser Worte ist nun (auf ewig?) festgehalten im kollektiven Speicher. Wo man früher Artikel mit der Schere ausschnitt und, mit Randnotizen bekritzelt und in Dossiers eingeklebt, im Aktenschrank oder gleich im Kellerarchiv bunkerte, reicht heute die elektronische Indizierung. Und die erledigt der potentielle Delinquent als geübter Blogger – der die Stich- und Schlagworte automatisch mitliefert – gleich selbst. Die „Big Data“-Daddies müssen sich partout nicht selbst die Hände schmutzig machen.

Das allerschönste Beispiel für die halb freiwillige, halb unbewusste Verwandlung in eine gläserne Menschheit liefert ja Facebook. Was hier von uns allen an markanten Spuren, Psycho-Röntgenbildern, Ego-Stichworten (und demnächst wohl auch -Hashtags) und persönlichen, nein: persönlichsten Informationen zusammengetragen und über Jahre hinweg verdichtet wird, lässt jeden Nachwuchs-CIA-Agenten und Patschenkino-CSI-Profiler jubeln. Wir liefern unbekümmert und unablässig frei Haus. Und fürchten Big Data? Big Dada.

Wie, Sie sind „aus guten Gründen“ nicht bei Facebook? Ziemlich verdächtig. Ist hiermit festgehalten. Kommt umgehend in den Datenschrank. Danke für Ihre Mitwirkung.

Das Hansi Hinterseer-Dossier

1. Oktober 2011

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (129) Langsam spricht es sich herum, dass der “gläserne Mensch” längst Realität ist.

Legen Sie es mir bitte nicht als Egozentrik aus. Ich wäre ja höchst interessiert daran, zu erfahren, welche Daten über mich an welchen Orten abgespeichert sind. Einerseits natürlich jene, die ich, Stichwort Facebook, freiwillig preisgebe. Oder auch unfreiwillig, dann aber unbedarft & unbedacht. Andererseits jene Gigabyte an Informationen, die Geschäftspartner, Info-Broker, Parteizentralen, TeleKoms, Dienstleister und Warenhäuser, Social Media-Plattformen, Provider, Banken, Behörden und sonstige Pappenheimer gesammelt haben. Und weiter unermüdlich sammeln.

Gelegentlich stösst man da ja auf denkwürdige Einträge. Wie mag sich etwa die ehemalige ÖH-Vorsitzende Sigrid Maurer gefühlt haben, als sie ihren Namen auf der „Extremismusliste“ des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung entdeckte? Oder die singende Ski-Legende Hansi Hinterseer, als Zeitungen in fetten Lettern auf der Titelseite verkündeten, Hinterseers Krankenakte wäre „geknackt“?

Offensichtlich bedarf es ja solch stupender Exempel, um das spröde Thema Datenschutz und dessen Status Quo zu illustrieren. Und einer breiteren Bevölkerungsschicht nahezubringen. In Zeiten, wo – die Metaphorik wird bisweilen von der Realität überholt – die Unfallfotos und Röntgenbilder von Versicherungsnehmern, Kontodaten von ORF-Gebührenzahlern, Privatadressen von Polizisten (die wiederum, sofern sie nicht mit dem Aufrufen von Porno-Seiten beschäftigt sind, ungeniert auf die Datenprofile unbescholtener Staatsbürger zugreifen können) und jede Menge sonstiger sensibler Informationen mehr oder minder offen zugänglich sind, dämmert es allmählich auch den naivsten Mitgliedern unserer Gesellschaft, dass hier einiges im Argen liegt. Selbst Verfechtern der „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“-Idiot-, pardon, -Ideologie.

Zu strukturellem Schindluder gesellt sich individueller. Wer z.B. gestern noch Innenminister war und sich heute vor Korruptions-Ausschüssen wiederfindet, legt zwar eventuell – weil eh schon wurscht! – auf „Reputationsmanagement“ keinen gesteigerten Wert mehr, muss sich aber mit der Tatsache herumschlagen, dass auch die Enkelkinder via Google-Sündregister oder Facebook-Timeline bis in alle Ewigkeit mit den eigenen Verfehlungen konfrontiert sind. Und den daran klebenden Unschuldsvermutungen. Personensuchmaschinen wie „Yasni“ oder “123 People” greifen zudem zwar auch „nur“ auf öffentlich zugängliche Datensätze zurück, verdichten sie aber zu regelrechten Dossiers.

Und, hallelujah!, was wissen dann erst Anonymous, WikiLeaks, Mark Zuckerberg, Maria Fekter, Google, Amazon, die CIA, die Chinesen, die Nordkoreaner, das Verkehrs-, das Finanz- und das Salzamt? Oder der eigene Chef, der zu gern die e-mails mitliest – und längst weiß, was ich hier über ihn schreibe?

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