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Der Schalldämpfer

27. Mai 1995

Liner Notes zu einer CD-Edition von Texten und Aufnahmen von Axel Cortis Ö3-Serie „Der Schalldämpfer“.

Der gelernte Österreicher neigt zur Herabwürdigung oder, kurios genug, da doch das Von-einem-Extrem-ins-andere-Fallen der phlegmatischen Natur eher abzusprechen ist, zur Verklärung.

Sie ist fast schon als Steigerungsform des Umgangs mit den exponierteren Personen und Erscheinungen unserer Gesellschaft zu werten; sie nimmt Distanz, indem sie sich des Objekts der Verklärung bemächtigt. Diese Phänomen, festzumachen in unzähligen Festreden, Lobgesängen und Nachrufen, gilt gemeinhin all jenen, die sich außerhalb der Bandbreite der gewohnten – und durchaus gewöhnlichen – Sensibilitäten und Befindlichkeiten bewegen.

Zu diesen mentalen Aggregatszuständen, die wir gelegentlich mit großzügiger Geste zu unserem Bild von uns selbst beisteuern (vielleicht, weil der Kontrast mit klischeehafter Korrektheit, Strenge oder Nüchternheit doch auch Sympathisches aufblitzen läßt?), zählt im besten Fall ein Hang zur zur Welterklärung, verschmitzte Beobachtungswut und eine im Biotop der Kaffee- und Wirtshäuser blühende Kommentarlaune. Sie ist uns, auch wenn wir selbst uns zu den Stillen, Zurückhaltenden zählen wollen, genausowenig fremd wie jene polternde Larmoyant, jene opportune Wendigkeit, jene Unschärfe im Denken und Handeln, die zu den Wesensmerkmalen unseres Schlages zu zählen wir gezwungen sind. Da hockt sie, die menschelnde Meute ringsum. Man kann ihr, die Ambivalenz ihrer Eigenheiten als gottgegeben hinnehmend, nicht einmal wirklich böse sein.

Es ist somit nicht weiter verwunderlich, daß Axel Corti in biografischen Abrissen gelegentlich als “schwierig”, “kompromißlos” und “einzelgängerisch” beschrieben wird. Er mochte beobachten und kommentieren wie andere auch, aber er tat es mit verstörendem Ernst. Er mochte uns die Welt erklären, im großen Ganzen oder in beiläufig anmutenden, feinen Details, aber da schlich nichts als Papiertiger aus dem Feuilleton-Zoo um die Ecke, sondern als Epistel aus einer anderen, moralisch gefestigteren menschlichen Provinz.

Fast in allen Dokumenten der Auseinandersetzung mit Cortis Leben und Werk schimmert eine – schon zu seinen Lebzeiten ausgeprägte – Bewunderung für die Akkuratesse des Regisseurs, Dramaturgen und Autors durch, aber immer wieder auch eine deutliche Kluft unterschiedlicher Ansprüche und Werte. Die Ettikettierung des Axel Corti als Schwieriger sagt eigentlich: Er war anders, er gehörte nicht zu uns, er ist uns nie wirklich ans Herz gewachsen. Somit zeichnet sie ihren Träger zwangsläufig aus.

Dennoch: Axel Corti ist heute – nach seinem zu frühen Tod – vor Verklärung in Schutz zu nehmen. Dies geschieht wie selbstverständlich durch seine Texte, die aus sich zu uns sprechen. Jedes ablenkende Salbadern, jeder schwulstige Hymnus, jede unredliche Anbiederung an den Autor gerät im direkten Vergleich augenblicklich ins Trudeln und schmiert ab.

So ist auch diese CD-Edition des “Schalldämpfer” kein Vermächtnis, kein Denk-Mal, kein Beitrag zur Legendenbildung. Sie ist schlicht ein Dokument einer einzigen, konsequenten Anstrengung. (Da der ORF die Originalbänder bis auf wenige Ausnahmen vernichtete, musste auf Cassettenmitschnitte eines Privatsammlers “zurückgegriffen” werden. Sie wurden in bestmöglicher Weise bearbeitet.)

Der “Schalldämpfer” ging zum ersten Mal am 4. Mai 1969 auf Sendung. Gerd Bacher hatte dem jungen, vielseitig talentierten Mitarbeiter des Landesstudios Tirol angeboten, eine Glosse zu produzieren, ganz nach eigenem Gutdünken, um “Qualität meuchlings über den Sender zu bringen”. Corti schlug aber, so Bacher, alle formalen Register seines Radiokönnens aus, um sich voll und ganz auf die Form des von ihm selbst gesprochenen Feuilletons zu konzentrieren.

„Wenn du Dich einlässt, musst du es ganz machen“, bekannte Corti in einem “Menschenbilder”-Porträt. Er machte es ganz: während sechs Jahren fiel aus Cortis Verschulden kein einziger “Schalldämpfer” aus. Er feilte, gemeinsam mit seinem Freund Bert Breit, an der Kennmelodie. Er sprach seine Texte in Hotelzimmern, Scheunen, Abstellkammern und Strandbädern auf Band. Er besaß ein Gerät, das es ihm ermöglichte, seine Glossen überall auf der Welt aufzuzeichen und in das Funkhaus in Wien zu übermitteln. Den letzten “Schalldämpfer” im Dezember 1993 betrachtete er, auch wenn sich die Legende vom Rabbi Hillel ein wenig danach anhört, nicht als Vermächtnis, als Botschaft an die Hinterbliebenen. Tatsächlich war im Studio Salzburg ein weiterer Aufnahmetermin für den Silvestertag bereits fixiert. Wenige Tage zuvor starb Axel Corti.

Er hatte es, um der Wahrheit die Ehre zu geben, zeitlebens immer abgelehnt, seine Hörbeiträge in Buchform zu veröffentlichen. Gegen die Kürzung der im Gegenwind des Zeitgeists zunehmend anachronistischer wirkenden Radio-Viertelstunden wehrte er sich solange, bis ihn ein von ihm selbst in Spiel gebrachtes Argument überzeugte: eine kürzere Sendezeit würde ihn als Autor zu noch grösserer Genauigkeit zwingen.

Und Genauigkeit ist das zwingendste Attribut, das man Cortis Beobachtungen und Gedankengängen attestieren muss. Oder auch: Wahrhaftigkeit.

Corti war, wenn seine Stimme am Sonntag-Nachmittag aus dem Radio kam, eine Instanz. Ein Lehrer (C. Hätte hier Einspruch erhoben!), eine Autoritätsperson, eine Vaterfigur, deren penible Wortgewandtheit und liebevolle Strenge und, mehr noch, die fast körperlich spürbare menschliche, politische, intellektuelle Korrektheit auf ein imaginäres Verwandtschaftsverhältnis schliessen liessen, aber ein entferntes. Er erschien nie, so sanft und leise sein machtvolles Organ auch tönen konnte, als guter Onkel oder als Traummännlein für Erwachsene. Der “Schalldämpfer” dämpfte mit dem Ertönen seiner Kennmelodie augenblicklich auch die unbedarfte Pop-Fröhlichkeit und middle of the road-Mediokrität seines Senderumfelds.

Eine Belangsendung waren diese fünfzehn, zehn oder zuletzt acht Minuten nie, eher schon eine freundliche, aber bestimmte moralische Lektion, eine Buss- und Betstunde für die Ö3- (und Ö1-)-Gemeinde. Selbst wenn die Gedankenschwere einmal einer fast beiläufigen, heiteren Stimmung wich, liess Cortis konzentrierter Vortrag und die Präzision seiner Texte keine Ablenkung zu. Dabei wollte ihr Autor “keine Botschaften mitteilen, sondern Dinge verschiedenster Art in nicht furchtbar ernster Weise” weitergeben. Axel Corti drückte es so aus: “Im heutigen Klima, in dem man alles schrecklich wichtig nimmt und Aussagen in dröhnender Weise tätigt, versuche ich eine Art Gegenpol zu sein. Ich möchte die Dinge reduzieren, leise sein“.

Wie sehr sein Bestreben vom Publikum angenommen wurde, wie beliebt der “Schalldämpfer” war, zeigten die zahlreichen Hörerreaktionen. Manuskriptwünsche wurden vom ORF erfüllt, aber Corti betonte immer wieder kategorisch, dass diese Form des Feuilletons für das Medium Radio – und nur für dieses – konzipiert sei. “Es muss gesprochen werden. Würde man es drucken, müsste es anders gemacht werden.”

Diese CD-Edition, eine Auswahl der besten und berührendsten “Schalldämpfer”, friert die Flüchtigkeit des Mediums ein. Sie kann, im Gegensatz zu den nunmehr doch auch in Buchform vorliegenden Beispielen für Cortis Radiokolumne, jenes enorm wichtige Element ins Treffen führen, das zur Einzigartigkeit des “Schalldämpfers” mindestens soviel beitrug wie die Qualität der Texte: Axel Cortis Stimme. Eine, so Gerd Bacher, “fesselnde, unverwechselbare, besitzergeifende menschliche Stimme“. Eine Stimme, die Geschichten erzählt und damit im glücklichsten Fall – hier haben wir ihn – selbst Geschichte wird.

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