Archive for Juli, 1998

Schalldämpfer

7. Juli 1998

Im April 1998 erfolgte der flächendeckende Start von Privatradios in Österreich. Auf dem Weg zum kommerziellen Erfolg hat allerdings eine tiefe Kluft in der Rundfunk-Landschaft, jene nämlich zwischen Anspruch und Wirklichkeit, viele verunsichert und desillusioniert zurückgelassen. Nicht zuletzt die Radiomacher selbst.

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Es ist annähernd erstaunlich. Immer, wenn in Wien nach Kommentaren zur Radiolandschaft verlangt wird, klingelt das Telefon auf meinem Schreibtisch in Hamburg. Dabei habe ich seit einem halben Jahrzehnt mit dem Medium wenig am Hut. Der einstige Abenteuerspielplatz Ö3 wurde zum stromlinienförmigen „Hitradio“, die neue Weichspül-Konkurrenz läßt mich meine verschüttgegangene Liebe für das Medium nicht wiederentdecken. Warum also die Bemühungen?

Offenbar scheint man ein Faible für delikate Polemik und eine verschärfte Gangart zu haben, die sich im Lande selbst nicht befriedigen läßt. Das ist eine ungute Situation. Mit dem ORF will oder kann sich kaum jemand anlegen. Nachwievor nicht. Mit Dichand und den Fellners und dem Rest vom Fest auch nicht. Und wenn dann ab und an ein kritisches Wort fällt ob der Fragwürdigkeit der Entwicklungen und jener Aufdringlichkeit des Banalen, die uns Politiker und Marketingstrategen als „neue Vielfalt“ unterjubeln wollen, schießen Experten vom Schlage eines Pius Strobl vor, die staatstragend das Unbehagen zur irrelevanten „Geschmacksfrage“ erklären. Hauptsache, der Monolith ORF wird nicht angekratzt und man kann weiter seine Geschäfte mit ihm machen.

Österreich ist ein seltsames Land. Das wird einem erst aus der Distanz bewußt – in der Enge der Alpenrepublik scheint man gewöhnt an verlotterte Sitten und ungenierte Schmähführerei. Ein Parteisekretär, der eine seit Jahrzehnten an der Macht befindliche Partei zur „Protestbewegung“ erklären will, würde in Deutschland höhnische Kommentare sondergleichen ernten. Hierzulande zuckt man mit den Achseln. Die lachhafte Umdeutung der großkoalitionären Medienpolitik zur „neuen Medienfreiheit“, wo man doch seit Jahr’ und Tag zwischen ungeniertem Protektionismus und angewandtem Dilletantismus herumlaviert, fällt auch in diese Kategorie. Mitglieder jener Behörde, die man für die Vergabe der Radio- und TV-Lizenzen ins Leben gerufen hat, müssen öffentlich anregen, ihre Aufgabe bitt’schön nicht als Nebenjob zu definieren. Es wär’ auch fein, wenn der Gesetzgeber ein paar Fernsehgeräte zur Verfügung stellen könnte. Reichlich keck, solche Forderungen. Aber Medienrechtler Heinz Wittmann ist schon aufgefallen, als er den Regionalradio-Gesetzesentwurf für – zumindest dem Geiste nach – verfassungswidrig erklärte, den Ausschluß von Satellitenrundfunk im Widerspruch zur Menschenrechtskonvention sah und auch noch die ungebührliche Frage stellte, warum denn kein bundesweites Spartenradio zugelassen sei.

Berechtigte Fragen. Denn mediale Freiheit und Chancengleichheit existiert, obwohl vielbeschworen, nachwievor nicht. Der immense Startvorteil des ORF ist in fast allen Bereichen geblieben. Natürlich beherrscht ein Bogdan Roscic den perfiden semantischen Trick, Dudelfunk zu machen und gleichzeitig zu erklären, der Unterschied zum Privatradio sei der, daß „Ö3 einem nicht einfach entgegendudelt, sondern zu etwas gut ist“. Unter anderem, um mit seinen Werbeeinnahmen die Kulturbastion Ö1 zu erhalten und irgendwie zur nationalen Sinn- und Identitätsstiftung beizutragen. Merke: solch edle Aufgaben rechtfertigen allemal ein Gebühren-Monopol. Das Monopol auf einen – sowieso nur vage formulierbaren, aber, sofern existent, instinktiv spürbaren – höheren journalistischen und ethischen Anspruch kann der ORF in der Ära von „Vera“ nicht mehr für sich beanspruchen. Das mußte auch Gerhard Zeiler mit säuerlicher Miene zur Kenntnis nehmen. Gerhard Weis wird den Kurs seines Vorgängers beinhart fortsetzen, dialektisch verfeinert und kokett verbrämt mit der Altersweisheit eines „Leider-nein-Pensionärs“.

Zurück zu den jungen Schreihälsen und frechen Neutönern. Zurück zur turbulenten Privatradioszene. Tatsächlich sind „Geschmacksfragen“ im weiteren, Stroblschen Sinn irrelevant. Im engeren Sinn ist die Musikprogrammierung, ein Querschnitt durch den imaginierten Geschmack seines Zielpublikums, schlicht der Schlüssel zum Erfolg. Dagegen ist Frage, ob man Mat Schuh (oder irgendeinen anderen Kasperlmoderator) lustig, halblustig oder ganz und gar nicht lustig findet, vergleichsweise nebensächlich. Die Spielregel lautet: vermeide es, Deine Hörer zu langweilen. Ich bin aber gelangweilt. Enorm gelangweilt. Der Einwurf, die Vorlieben eines Musikprofis deckten sich wohl kaum mit denen des sprichwörtlichen Durchschnittshörers, ist per se Unsinn. Denn genau das ist der Job eines A&R-Managers: die divergente Interessenslage des Publikums auszuloten und auf einen Nenner zu bringen. Auf die Möglichkeit, das Format auch enger zu ziehen und klarere Konturen zu gewinnen, ohne gleich in die Obskurität abzudriften, scheint man hierzulande noch nicht wirklich gestossen zu sein. XFM? Radio Nova? Delta Radio? Kiss FM? Alles tolle Sender – aber leider nur in London, Paris, Hamburg oder Berlin empfangbar. Österreich ist Nik Kershaw-Land. Macht man den Instanttest und kurbelt auf der Westautobahn durch das Frequenzband, tönt einem ständig „Wouldn’t It Be Good“ entgegen. Gewiß, ein netter Ohrwurm, aber anno ‘98 eher irrelevant. Zumindest in den Augen und Ohren eines heute 25jährigen – und Leute dieses Alters haben sie fast alle im Zielpublikums-Visier. Die neuen Privatsender scheinen das verstaubte Ö3-Archiv aufgekauft zu haben.

Mit Ausnahme von Radio Energy, das sich – clever genug – auf das Publikum zwischen Blümchen und den Beastie Boys stürzte. Und damit in Wien mehr Erfolg hat als der Bertelsmann-Dampfer RTL, dessen von Programmchef Mario Colantonio propagierte, quasi-wissenschaftliche Rezeptur aus extensivem „Music Research“ und intensiver Werbezurückhaltung beim kläglichen Ergebnis von 1,2 Prozent Tagesreichweite landete. 88,6 L!VE dagegen, der große Sieger der ersten Radiotest-Runde, setzt auf eine schlichte Anti-These zu Ö3. Weniger Wort, weniger Schrillheit, noch weniger aktuelle Musik. Dafür mehr Eagles und Phil Collins. Österreich ist auch Phil Collins-Land.

Daß dagegen die knallig rot-gelbe Ö3-Parodie „Antenne Wien “ – im reziproken Verhältnis zu ihrem Marketing-Overkill – im heißumkämpftesten Markt Österreichs nur auf unter zehn Prozent kommt, irritiert selbst die Spötter. Noch mehr aber die siegessichere Truppe im Galaxy-Tower, wo es sich Wolfgang Fellner oft genug nicht nehmen ließ, höchstpersönlich ins laufende Musikprogramm hineinzupfuschen. „Wirbel um Radiotest: Sind die Zahlen verzerrt?“ titelte trotzig „tv media“, nur um sich zu beklagen, daß 88.6 gewitztere und forschere Marketingmethoden angewandt hatte als der hauseigene Kanal.

Ein kurioses Beispiel für weiteres, österreichtypisches Phänomen: die unverhüllten Eigeninteressen der Radio-Eigner. Da sich diese – neue Stimmen im Medienkonzert schienen vom Gesetzgeber eher unerwünscht – überwiegend aus dem Bereich der Printmedien rekrutieren (was zu kuriosen Allianzen wie jener zwischen „Krone“ und „Standard“ oder „Presse“ und „News“ führt), ist jede Berichterstattung über die elektronischen Seitenarme von einer eigenartigen Schlagseite geprägt. Da jubelt die „Presse“, gewiß zurückhaltender als die Fellner-Propagandacrew, noch im Mai über „Spitzenwerte für Antenne Wien“ – basierend auf einer Gallup-Umfrage, die heute verschämt als „Momentaufnahme“ gewertet wird. Da macht der „Wiener“, wenn in einem Artikel über das sommerliche Rolling Stones-Fieber mit offenem Zynismus von einem „revolutionären“ Sender namens 88,6 L!VE die Rede ist, flugs „Ö3“ draus. Da schneidet das müde 92,9 RTL in einer Wertung des „Falter“ überraschend positiv ab. Und selbst wiederholte publizistische Sympathieerklärungen für Radio Energy, die das „profil“ dezent einstreute, lassen kritische Geister nach Hintergedanken forschen. Man darf gespannt sein, was noch alles aus der Hick-Hack-Maschinerie purzelt. Der verbale Seitenhieb des Kulturpublizisten Karl-Markus Gauß („Ö3 scheint mir die größten Deppen jedes Maturajahrgangs als Moderatoren zu rekrutieren“) samt postwendender Ö3-Klagsflut hat freilich einen Unterhaltungswert, der kaum zu übertreffen sein dürfte.

Abseits der „Geschmacksfragen“ ist kühles unternehmerisches Handeln angesagt. Man kann davon ausgehen, daß die Privatradio-Macher rasch dazulernen. Man muß sich keine Sorgen machen um Bertelsmann, Fellner & Co. Man sollte erwarten, daß – über kurz oder lang – eine gewisse Ausdifferenzierung des Marktes erfolgt. Man darf gespannt sein auf den Versuch von Gerhard Weis und Ö1-Chef Alfred Treiber, aus den disparaten Elementen „Blue Danube Radio“, FM4 und Ö1-Gegenwartskultur einen neuen Sender zu stricken (ohne wieder einmal die ÖVP zu vergrätzen und fatalerweise die Trademarks FM4 oder Blue Danube aufzugeben) Man darf sich freuen auf zukünftige Alternativen wie Radio Orange, Radio Stephansdom oder noch im Planungsstadium befindliche Lokalradios, die nicht Gewinn als einzige Maxime kennen. Man kann ruhig prognostizieren, daß sich der Marktanteil der ORF-Radios, der z.B. in Wien nachwievor fette 70 Prozent beträgt, kontinuierlich verringern wird. Man wird sehen, ob Ö3 in fünf Jahren immer noch das Rudel anführt. Business as usual.

„Gutes Radio“, haben Viktor Klima und sein Souffleur Andreas Rudas am 1. April, dem Start der „neuen Ära“, ins Mikrophon gesprochen, „ist eines, das sendet“. Ach, ja.

(TREND)

Sympathie für die Teufel

2. Juli 1998

Am 11. Juli treten sie in Wiener Neustadt zum Konzertereignis des Jahres an – die größte, wichtigste, erfolgreichste, dienst-älteste, meistgeliebte, meistgehaßte Rock’n’Roll-Band der Welt. Ladies & gentlemen! – The Rolling Stones.

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„Wenn ich heute abend Louis Armstrong oder Mozart hören könnte – ich würde hinwetzen wie blöd und mich nicht um das Alter oder irgendwelche Generationszuordnungen kümmern“, meint Keith Richards. Recht hat er, der alte Haudegen.

Dabei war es ausgerechet er – die eine Hälfte der „Glimmer Twins“ Jagger/Richards -, der das Live-Weltereignis Stones ‘98 fast zum Kippen gebracht hätte. Mit einem lächerlich anmutenden Unfall (der Legende nach kippte Richards von einer Bibliotheksleiter) samt Genesungspause zwang er die Manager, Techniker und den gesamten Tour-Troß zu einer kostenintensiven Zwangspause. Mittlerweile aber scheint sicher, daß das Konzert in Wiener Neustadt am 11.Juli genauso in Szene gehen wird wie alle anderen 40 Europatermine. „Mindestens 100.000 Fans“ erwartet Organisator Wolfgang Klinger auf dem Flugfeld Ost. „Das wäre neuer österreichischer Besucherrekord für ein Pop-Ereignis.“

The greatest Rock’n’Roll-Band ever? Der englische New Musical Express formulierte es – unter der unübertrefflichen Überschrift „Senile on main street“ so: „The greyest rock’n’roll act in the world“. Und fügte erstaunlich respektvoll hinzu, die Stones hätten die Dinge durchaus noch im Griff: „The Glimmer Twins still, if not shine, then at least manage the occasional glow“.

Erstaunlich: die lebendige Wachsfiguren Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ron Wood vermögen nachwievor Gefühlsregungen auszulösen (und sei es nur Ärger, über das Superlativ-Sperrfeuer als Begleiterscheinung des Showspektakels). Genau das ist es, was die Rock’n’Roll-Flamme am Leben hält – und die rollenden Steine auf der Straße.

Kalt läßt der „Bridges To Babylon“-Zirkus niemanden – wenn doch, hier zwanzig Argumente, um die Emotionen noch ein wenig hochzukochen. Eine Hitparade pro & contra Stones.

10 Gründe, die Rolling Stones zu lieben

1. – Die Stones sind gierig. Das ist tatsächlich kaum zu widerlegen. Originalton Keith Richards: „Wir könnten die Tickets auch zum zehnfachen Preis losschlagen. Dann würden wir statt fünf nur noch eine Million verkaufen, trotzdem mehr verdienen und weniger arbeiten. Das Las Vegas-Konzept. An unseren Eintrittspreisen ist nichts auszusetzen, solange wir den Leuten etwas dafür bieten“. Moralische Einwände erscheinen generell unangebracht im Zeitalter der „shareholder values“, des Wertekanons der spätkapitalistischen Überflußgesellschaft. Und – war es nicht David Bowie, der als erster Künstler an die Börse ging?

2. – Die Stones sind zu reich. Eine populäre Variante des ersten Arguments mit den Zusatzvorwürfen der „abgehobenen Existenz“ und des „fehlenden Bezugs zum wirklichen Leben“. Nun, reich ist gar kein Ausdruck. Allein Jaggers Vermögen wird auf dreieinhalb Millarden Schilling geschätzt. Aber hat man mit nur 40 Millionen einen realeren Bezug zur Wirklichkeit? Reißt dieser Realitätsfaden womöglich schon, wenn man nur lumpige vier Millionen sein eigen nennt? Dann hätten die Stones ihre Existenzberechtigung als authentische Rock’n’Roll-“poor boys“ bereits vor dreißig Jahren verspielt, irgendwann zwischen „Satisfaction“ und „The Last Time“.

3. – Die Stones sind zu alt. Ein Frevel, sich in diesem Alter (Schnitt: 53,2 Jahre) noch unter Menschen zu wagen, gar auf eine Bühne. Sind sie den Strapazen überhaupt gewachsen? Bill Wyman, der als ehemaliger Mitstreiter am Baß den Altersdurchschnitt noch gehörig nach oben drückte (der Methusalem ist bereits einundsechzig!), pflegte diese Frage bei früheren Tourneen lakonisch zu beantworten: „Fragen sie meine Frau“.

4. – Die Stones machen plumpen Stadion-Rock. Genau. Wäre es nicht viel toller, sie würden im Wiener „Metropol“ auftreten? Im „Chelsea“, auf dieser schnuckeligen Miniaturbühne? Oder in der „Arena“, sagen wir mal im Vorprogramm der Ärzte oder Toten Hosen?

5. – Die Stones spielen live schlampig. Stimmt. Trifft auch auf ihre Studiowerke zu. War noch nie anders. Haben einfach keinen Sinn fürs Metrische, Perfekte, Programmierte, die Burschen. Hauen in die Saiten und auf die Trommeln, daß es kracht. Der Berliner Autor Wolfgang Doebeling dazu: „Wenn – frei nach Nietzsche – das Erhabene aus der Bändigung des Entsetzlichen resultiert, ist diese auratische Rock’n’Roll-Bestie ein wahrhaft erhabenes Wesen“. Da fügt sich auch gut ins Bild, daß der „klassische“, aber seit jeher klischeehaft-falsche Antagonismus der sechziger Jahre – hie die adretten, auch für die ältere Generation akzeptablen Beatles, da die bösbösbösen Stones – wieder herhalten müssen für Vergleichswertungen im Rahmen des aktuellen Musikgeschehens. Nur handelt es sich dabei nur mehr bedingt um idelogisch überhöhte und verklärte Massenphänomene wie anno dazumal, sondern um blaßbunte Blaupausen für unbedarfte Youngsters. Schon einmal Oasis oder The Verve gehört?

6. – Die Stones geben der Jugend ein schlechtes Beispiel. Nach Japan durften sie erst nach knapp dreißigjähriger Showkarriere einreisen. In Italien forderte der Abgeordnete Gianni Rivera noch 1990 ein Auftrittsverbot. Begründung: unterschwellige Aufforderung zum Drogenkonsum. Über fünfzig Parlamentsvertreter aller Fraktionen unterschrieben Riveras Petition. Hat sich in Österreich noch kein Volksanwalt in Sachen Recht und Ordnung zu Wort gemeldet – sagen wir mal Herr Khol oder irgendeiner aus der bigotten FP-Heerschar? Zur Hölle – wer denkt beim Betrachten von yellow press-Fotos, die Mr. Jagger beim Cricket-Spiel zeigen oder Charlie Watts beim Besuch des Pferderennens in Ascot, noch an Rebellion? Selbst Keith Richards, Säulenheiliger der „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“-Glaubensgemeinschaft, bevorzugt heute Kräutertee als Genußmittel.

7. – Die Stones schreiben keine guten Songs mehr. Schon wahr. „Beggars Banquet“, das offizielle Fanzine, hat Buch geführt über Fremdversionen von Jagger/Richards-Kompositionen und kommt zu folgendem Resultat: mehr als die Hälfte der Stones-Covers bedienen sich der Songs aus den Sechzigern, 39 Prozent aus den Siebzigern, magere sechs Prozent stammen aus den Achtzigern – und die Coverversionen von aktuellen Stones-Songs sind an den Fingern einer Hand abzuzählen, also eine zu vernachlässigende Größe. „Auch die beträchtlichen Qualitäten etwa des „Steel Wheels“-Albums“ – für den Musikfeuilletonisten Wolfgang Doebeling das wichtigste Alterswerk der Stones – „liegen mehr in der Propeller-Energie und packenden Unmittelbarkeit als in der Klasse des Songmaterials“. Auf der Haben-Seite verbuchen Jagger & Co. dennoch Gemmen wie „Start Me Up“, „Anybody Seen My Baby“ oder „Flip The Switch“.

8. – Die Stones sind heute nicht mehr so gut (stilbildend, laut, wild, wichtig, erfolgreich, potent) wie zu ihrer besten Zeit um 1971 (1965, 1978, 1974, 1991). Nichtzutreffendes streichen. Hier kann jeder mitreden. Tobt euch aus.

9. – Die Stones beklauen alle und besitzen keinen eigenen Stil. Oder, wahlweise: Die Stones imitieren immer nur sich selbst. Diese Sichtweisen geistern seit „Out Of Our Heads“ durch Kritikerköpfe. Da sie sich gegenseitig ausschließen, kann man es dabei bewenden lassen.

10. – Die Stones haben den Schwarzen ihre Musik weggenommen. Eine perfide und dummdreiste Variante von Argument No. 9. Der Kulturimperialismus-Verdacht ist – in der Ära von Sampling, Retro-Rock und tollkühnen Crossover-Versuchen – sowieso längst von der Zeit überholt. Dennoch soll hier ein Betroffener zu Wort kommen: Bobby Womack. „Ich haßte sie“, bemerkt der Autor von „It’s All Over Now“, des ersten großen Stones-Hits in den Vereinigten Staaten, „bis ich meinen ersten Tantiemenscheck bekam. Seit diesem Tag jage ich hinter ihnen her, um sie dazu zu bringen, nochmal ein Stück von mir aufzunehmen.“

10 Gründe, die Rolling Stones zu hassen

1. – Die Stones sind die beste Rockband aller Zeiten. Wer das glaubt, dem ist sowieso nicht zu helfen.

2. – Die Stones schlagen alle Rekorde. Das 450 Köpfe-42 Städte-67 LKW-500 Millionen Dollar-350 Tonnen-2,5 Megawatt-Monster, das über die „Brücken nach Babylon“ rollt, läßt jeglichen kleinlichen Einwand plattgewalzt zurück. Zitate aus der Presseaussendung des Konzertveranstalters: „Die eindrucksvolle Babylon-Bühne wird von prächtigem Gold überflutet und von ca. 15 Meter hohen exotischen, statuenartigen, aufblasbaren Frauen flankiert. (…) Bühnen-Designer Mark Fisher: „Zugrunde liegt eine Vorstellung von der göttlichen Kraft der Könige: eine Vision von Reichtum, Pracht, Großartigkeit und unglaublicher Üppigkeit“. (…) Teile der Show sind stark auf Pyrotechnik angewiesen. 48 Laserrraketen leiten das erste Stück ein, Feuerstöße erfreuen das Publikum bei „Sympathy For The Devil“, Feuerbälle bei „Jumping Jack Flash“ und ein überwältigendes Feuerwerk am Ende der Show. (…) Die Beleuchtungsanlage besteht aus „intelligenten“ Festanschlüssen und ungefähr 350 individuellen Einheiten. Es wird erstmals eine neue Sound-Technologie verwendet – das Electrovoice X-Array PA System. Es bietet einen ehrfurchtsgebietenden Anblick – alles in Goldfarbe dekoriert. Das Stadionsystem besteht aus 160 Lautsprechern, 100 Bühnenmonitoren, 100 Verstärkern und nicht weniger als 6 Mischpulten. (…) Vor dem Start der Tour in Chicago hielten die Stones ihre Proben in einem Freimauerertempel in Toronto ab, wo sie fünf Stockwerke belegt hatten“. Undsoweiter undsofort. It’s only Rock’n’Roll?

3. – Die Stones bieten die großartigste Live-Show der Welt. Vielleicht. Bei dem Aufwand (siehe oben) allerdings keine große Kunst. Wenn Pepi Prohaska aus Wien-Ottakring mit seinem Operngucker einen Blick auf eine der „15 Meter hohen aufblasbaren exotischen Frauen“ wirft oder die Sony Jumbo Tron-Leinwand, wo Videoclips mit vielversprechenden Titeln wie „Sex“, „Blut“ oder „Hure“ (merke: die Stones sind immer noch wilde, gefährliche Burschen!) laufen, geht ihm gewiß einer ab. Jagger oder Richards wird er sowieso – trotz Operngucker! – nur als millimetergroße Phantome aus der Ferne bewundern können – sollte er nicht stundenlange Entbehrungen auf sich nehmen, um möglichst nahe der Bühne gegen die Ellbogen, Knie und Knoblauch-Atemfahnen der Fanarmada ankämpfen zu dürfen. Der Soundtrack dazu: ein vom Winde verwehtes „The Last Time“. Na dann mal viel Spaß.

4. – Die Stones haben den Oberlangweiler Bill Wyman gefeuert. Das stimmt natürlich nicht. Nicht im geringsten. Bill Wyman hatte einfach genug – genug vom Touren, genug von den ewig gleichen Songs, genug von Jagger, Richards und dem Rest der Bande. Der stoische, ruhige Bassist spielt heute lieber Restaurantchef, Kunstsammler oder Hobby-Bluesmusiker (gelegentlich tritt er dann auch mal mit einem Häuflein halb- bis viertelprominenter Gleichgesinnter bei „secret gigs“ in Wien oder sonstwo auf). Zwar hat Keith Richards – oder war’s Jagger? – mal behauptet, daß kein Mitglied der Stones die Gruppe lebendig verlasse, aber das hat schon Mick Taylor anno 1975 widerlegt. Und Ian Stewart, in den Anfangsjahren der Band ein heimliches Quasi-Mitglied, dürfte seinen Kollegen sowieso über Jahrzehnte hinweg gram gewesen sein.

5. – Die Stones sind coole, umsichtige Geschäftsmänner. Eben. Das darf doch nicht wahr sein. Da purzelt sein Kompagnon Keith die Bibliotheksleiter runter, bricht sich drei Rippen und holt sich zudem eine schmerzhafte Rückgradprellung und Lungenverletzung – und Mick Jagger hat nichts anderes zu tun, als via CNN buchhalterisch die Gefährdung des Gesamtunternehmens zu monieren: „Was Keith getan hat, ist verantwortungslos. Man kann ein Milliardenprojekt nicht derart rücksichtslos gefährden. Auch ich habe mich für diese Tour fit zu halten und nicht auf irgendwelchen Leitern herumzuturnen.“ Na gut, der kleine Unfall kostet den Business-Strategen („Die Rolling Stones sind längst zum Multi-Entertainment-Faktor gereift“) ein paar Milliönchen, weil die gesamte Logistik des Welteroberungsplans durcheinandergeriet – aber gings nicht einmal schlicht um den Spaß, den man mit einer Klampfe, einem Mikrophon, ein paar Mädels und einer Flasche Johnny Walker haben kann? Oberkontrolleur Jagger findet das nicht witzig: „Was hat Keith überhaupt auf der Leiter seiner Bibliothek gesucht? Lagert er den Whisky jetzt hinter Büchern?“

6. – Die Stones sind voll auf der Höhe der Zeit. Klar doch. Haben eine Internet-Site. Haben mit den Dust Brothers tolle Produzenten, die auch schon für Beck und die Beastie Boys gerackert haben. Haben auch Fluke-Remixe (wow!) auf der aktuellen Single „Out Of Control“. Deswegen werden sie wahrscheinlich auf so progressiven, revolutionären, auf der Höhe der Zeit befindlichen Radiosendern wie „Antenne Wien“ oder „88.6 L!VE“ rauf und runter gespielt. Daß angeblich jugendorientierte Programme wie FM4 die Stones schnöde ignorieren, ist purer Trotz.

7. – Die Stones sind geil (oder, wahlweise: voll super, megamäßig, anturnend, dufte, echt klasse, s’Beschte vom Eck) Hat kein Mensch je bestritten. Aber wie kommt es, daß die Fußball-WM die Leute da draußen mehr beschäftigt als die Frage, ob Keith Richards nun von der dritten oder vierten Sprosse der Bibliotheksleiter gefallen ist?

8. – Die Stones sind immer noch besser als die Pop-Größen von heute. Abgeschwächte Variante von Argument No.1. Wer das ernsthaft behauptet, muß an einem Hörsturz leiden oder die letzten 23 Jahre keinen Plattenladen mehr betreten haben.

9. – Die Stones sind in Österreich besonders beliebt. Ausgerechnet in Österreich. Dem Land, das den Rock’n’Roll gepachtet hat – wenn man Ronnie Urini oder Andy Baum trauen darf. Spät, aber doch scheint die Heurigen- und Operettenkultur besiegt. „Bridges To Babylon“, schwärmt Virgin Records-Statthalterin Turid Pichler, „ist das erste Nummer eins-Album der Stones hierzulande. Wir sind direkt von Null auf Eins gegangen! Und fünf Wochen lang an der Spitze der Hitparaden geblieben! Österreich ist das einziges Land der Welt, in dem das gelungen ist.“. Gratulation. Wahrscheinlich wird Karin Resetarits versuchen, Keith Richards als Studiogast für „Treffpunkt Kultur“ zu gewinnen. Oder Mick Jagger darf eine Ansprache in der „ZiB 2“ halten. Ich persönlich wünsche mir ja eine Direktübertragung des Wiener Neustädter-Jahrtausendevents, mit Karl Löbl, Marcel Prawy und Stermann/Grissemann als Simultan-Kommentatoren.

10. – Die Stones sind ein Gesamtkunstwerk. Fuck art – let’s fuck. Irgendjemand muß ja für den Fan-Nachwuchs sorgen, der dann im Jahr 2035 die (letzte? wirklich letzte?) Rolling Stones-Live-Show besucht.

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