Schalldämpfer

7. Juli 1998

Im April 1998 erfolgte der flächendeckende Start von Privatradios in Österreich. Auf dem Weg zum kommerziellen Erfolg hat allerdings eine tiefe Kluft in der Rundfunk-Landschaft, jene nämlich zwischen Anspruch und Wirklichkeit, viele verunsichert und desillusioniert zurückgelassen. Nicht zuletzt die Radiomacher selbst.

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Es ist annähernd erstaunlich. Immer, wenn in Wien nach Kommentaren zur Radiolandschaft verlangt wird, klingelt das Telefon auf meinem Schreibtisch in Hamburg. Dabei habe ich seit einem halben Jahrzehnt mit dem Medium wenig am Hut. Der einstige Abenteuerspielplatz Ö3 wurde zum stromlinienförmigen „Hitradio“, die neue Weichspül-Konkurrenz läßt mich meine verschüttgegangene Liebe für das Medium nicht wiederentdecken. Warum also die Bemühungen?

Offenbar scheint man ein Faible für delikate Polemik und eine verschärfte Gangart zu haben, die sich im Lande selbst nicht befriedigen läßt. Das ist eine ungute Situation. Mit dem ORF will oder kann sich kaum jemand anlegen. Nachwievor nicht. Mit Dichand und den Fellners und dem Rest vom Fest auch nicht. Und wenn dann ab und an ein kritisches Wort fällt ob der Fragwürdigkeit der Entwicklungen und jener Aufdringlichkeit des Banalen, die uns Politiker und Marketingstrategen als „neue Vielfalt“ unterjubeln wollen, schießen Experten vom Schlage eines Pius Strobl vor, die staatstragend das Unbehagen zur irrelevanten „Geschmacksfrage“ erklären. Hauptsache, der Monolith ORF wird nicht angekratzt und man kann weiter seine Geschäfte mit ihm machen.

Österreich ist ein seltsames Land. Das wird einem erst aus der Distanz bewußt – in der Enge der Alpenrepublik scheint man gewöhnt an verlotterte Sitten und ungenierte Schmähführerei. Ein Parteisekretär, der eine seit Jahrzehnten an der Macht befindliche Partei zur „Protestbewegung“ erklären will, würde in Deutschland höhnische Kommentare sondergleichen ernten. Hierzulande zuckt man mit den Achseln. Die lachhafte Umdeutung der großkoalitionären Medienpolitik zur „neuen Medienfreiheit“, wo man doch seit Jahr’ und Tag zwischen ungeniertem Protektionismus und angewandtem Dilletantismus herumlaviert, fällt auch in diese Kategorie. Mitglieder jener Behörde, die man für die Vergabe der Radio- und TV-Lizenzen ins Leben gerufen hat, müssen öffentlich anregen, ihre Aufgabe bitt’schön nicht als Nebenjob zu definieren. Es wär’ auch fein, wenn der Gesetzgeber ein paar Fernsehgeräte zur Verfügung stellen könnte. Reichlich keck, solche Forderungen. Aber Medienrechtler Heinz Wittmann ist schon aufgefallen, als er den Regionalradio-Gesetzesentwurf für – zumindest dem Geiste nach – verfassungswidrig erklärte, den Ausschluß von Satellitenrundfunk im Widerspruch zur Menschenrechtskonvention sah und auch noch die ungebührliche Frage stellte, warum denn kein bundesweites Spartenradio zugelassen sei.

Berechtigte Fragen. Denn mediale Freiheit und Chancengleichheit existiert, obwohl vielbeschworen, nachwievor nicht. Der immense Startvorteil des ORF ist in fast allen Bereichen geblieben. Natürlich beherrscht ein Bogdan Roscic den perfiden semantischen Trick, Dudelfunk zu machen und gleichzeitig zu erklären, der Unterschied zum Privatradio sei der, daß „Ö3 einem nicht einfach entgegendudelt, sondern zu etwas gut ist“. Unter anderem, um mit seinen Werbeeinnahmen die Kulturbastion Ö1 zu erhalten und irgendwie zur nationalen Sinn- und Identitätsstiftung beizutragen. Merke: solch edle Aufgaben rechtfertigen allemal ein Gebühren-Monopol. Das Monopol auf einen – sowieso nur vage formulierbaren, aber, sofern existent, instinktiv spürbaren – höheren journalistischen und ethischen Anspruch kann der ORF in der Ära von „Vera“ nicht mehr für sich beanspruchen. Das mußte auch Gerhard Zeiler mit säuerlicher Miene zur Kenntnis nehmen. Gerhard Weis wird den Kurs seines Vorgängers beinhart fortsetzen, dialektisch verfeinert und kokett verbrämt mit der Altersweisheit eines „Leider-nein-Pensionärs“.

Zurück zu den jungen Schreihälsen und frechen Neutönern. Zurück zur turbulenten Privatradioszene. Tatsächlich sind „Geschmacksfragen“ im weiteren, Stroblschen Sinn irrelevant. Im engeren Sinn ist die Musikprogrammierung, ein Querschnitt durch den imaginierten Geschmack seines Zielpublikums, schlicht der Schlüssel zum Erfolg. Dagegen ist Frage, ob man Mat Schuh (oder irgendeinen anderen Kasperlmoderator) lustig, halblustig oder ganz und gar nicht lustig findet, vergleichsweise nebensächlich. Die Spielregel lautet: vermeide es, Deine Hörer zu langweilen. Ich bin aber gelangweilt. Enorm gelangweilt. Der Einwurf, die Vorlieben eines Musikprofis deckten sich wohl kaum mit denen des sprichwörtlichen Durchschnittshörers, ist per se Unsinn. Denn genau das ist der Job eines A&R-Managers: die divergente Interessenslage des Publikums auszuloten und auf einen Nenner zu bringen. Auf die Möglichkeit, das Format auch enger zu ziehen und klarere Konturen zu gewinnen, ohne gleich in die Obskurität abzudriften, scheint man hierzulande noch nicht wirklich gestossen zu sein. XFM? Radio Nova? Delta Radio? Kiss FM? Alles tolle Sender – aber leider nur in London, Paris, Hamburg oder Berlin empfangbar. Österreich ist Nik Kershaw-Land. Macht man den Instanttest und kurbelt auf der Westautobahn durch das Frequenzband, tönt einem ständig „Wouldn’t It Be Good“ entgegen. Gewiß, ein netter Ohrwurm, aber anno ‘98 eher irrelevant. Zumindest in den Augen und Ohren eines heute 25jährigen – und Leute dieses Alters haben sie fast alle im Zielpublikums-Visier. Die neuen Privatsender scheinen das verstaubte Ö3-Archiv aufgekauft zu haben.

Mit Ausnahme von Radio Energy, das sich – clever genug – auf das Publikum zwischen Blümchen und den Beastie Boys stürzte. Und damit in Wien mehr Erfolg hat als der Bertelsmann-Dampfer RTL, dessen von Programmchef Mario Colantonio propagierte, quasi-wissenschaftliche Rezeptur aus extensivem „Music Research“ und intensiver Werbezurückhaltung beim kläglichen Ergebnis von 1,2 Prozent Tagesreichweite landete. 88,6 L!VE dagegen, der große Sieger der ersten Radiotest-Runde, setzt auf eine schlichte Anti-These zu Ö3. Weniger Wort, weniger Schrillheit, noch weniger aktuelle Musik. Dafür mehr Eagles und Phil Collins. Österreich ist auch Phil Collins-Land.

Daß dagegen die knallig rot-gelbe Ö3-Parodie „Antenne Wien “ – im reziproken Verhältnis zu ihrem Marketing-Overkill – im heißumkämpftesten Markt Österreichs nur auf unter zehn Prozent kommt, irritiert selbst die Spötter. Noch mehr aber die siegessichere Truppe im Galaxy-Tower, wo es sich Wolfgang Fellner oft genug nicht nehmen ließ, höchstpersönlich ins laufende Musikprogramm hineinzupfuschen. „Wirbel um Radiotest: Sind die Zahlen verzerrt?“ titelte trotzig „tv media“, nur um sich zu beklagen, daß 88.6 gewitztere und forschere Marketingmethoden angewandt hatte als der hauseigene Kanal.

Ein kurioses Beispiel für weiteres, österreichtypisches Phänomen: die unverhüllten Eigeninteressen der Radio-Eigner. Da sich diese – neue Stimmen im Medienkonzert schienen vom Gesetzgeber eher unerwünscht – überwiegend aus dem Bereich der Printmedien rekrutieren (was zu kuriosen Allianzen wie jener zwischen „Krone“ und „Standard“ oder „Presse“ und „News“ führt), ist jede Berichterstattung über die elektronischen Seitenarme von einer eigenartigen Schlagseite geprägt. Da jubelt die „Presse“, gewiß zurückhaltender als die Fellner-Propagandacrew, noch im Mai über „Spitzenwerte für Antenne Wien“ – basierend auf einer Gallup-Umfrage, die heute verschämt als „Momentaufnahme“ gewertet wird. Da macht der „Wiener“, wenn in einem Artikel über das sommerliche Rolling Stones-Fieber mit offenem Zynismus von einem „revolutionären“ Sender namens 88,6 L!VE die Rede ist, flugs „Ö3“ draus. Da schneidet das müde 92,9 RTL in einer Wertung des „Falter“ überraschend positiv ab. Und selbst wiederholte publizistische Sympathieerklärungen für Radio Energy, die das „profil“ dezent einstreute, lassen kritische Geister nach Hintergedanken forschen. Man darf gespannt sein, was noch alles aus der Hick-Hack-Maschinerie purzelt. Der verbale Seitenhieb des Kulturpublizisten Karl-Markus Gauß („Ö3 scheint mir die größten Deppen jedes Maturajahrgangs als Moderatoren zu rekrutieren“) samt postwendender Ö3-Klagsflut hat freilich einen Unterhaltungswert, der kaum zu übertreffen sein dürfte.

Abseits der „Geschmacksfragen“ ist kühles unternehmerisches Handeln angesagt. Man kann davon ausgehen, daß die Privatradio-Macher rasch dazulernen. Man muß sich keine Sorgen machen um Bertelsmann, Fellner & Co. Man sollte erwarten, daß – über kurz oder lang – eine gewisse Ausdifferenzierung des Marktes erfolgt. Man darf gespannt sein auf den Versuch von Gerhard Weis und Ö1-Chef Alfred Treiber, aus den disparaten Elementen „Blue Danube Radio“, FM4 und Ö1-Gegenwartskultur einen neuen Sender zu stricken (ohne wieder einmal die ÖVP zu vergrätzen und fatalerweise die Trademarks FM4 oder Blue Danube aufzugeben) Man darf sich freuen auf zukünftige Alternativen wie Radio Orange, Radio Stephansdom oder noch im Planungsstadium befindliche Lokalradios, die nicht Gewinn als einzige Maxime kennen. Man kann ruhig prognostizieren, daß sich der Marktanteil der ORF-Radios, der z.B. in Wien nachwievor fette 70 Prozent beträgt, kontinuierlich verringern wird. Man wird sehen, ob Ö3 in fünf Jahren immer noch das Rudel anführt. Business as usual.

„Gutes Radio“, haben Viktor Klima und sein Souffleur Andreas Rudas am 1. April, dem Start der „neuen Ära“, ins Mikrophon gesprochen, „ist eines, das sendet“. Ach, ja.

(TREND)

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4 Antworten to “Schalldämpfer”

  1. Peter Pachner Says:

    Extrem kurios. Wir schreiben Mai 2009, ich sitze in einem Garten, im Hintergrund läuft Ö3. Was höre ich? Nik Kershaw, „Wouldn’t It Be Good“. Genesis feat. Phil Collins, „Land Of Confusion“. Und jährlich grüsst das Murmeltier.


  2. […] gestern, heute, morgen und übermorgen”) war und ist evident. Und die latente Hinfälligkeit des österreichischen Radiomarkts hat nicht zuletzt mit der Ideen- und Ratlosigkeit vieler Programm-Macher und ihrer – gemeinhin […]


  3. […] Hits der 80er, 90er und von heute“ versprochen werden, geht meist nur die übliche Formatradio-Tristesse on air, „der schnellste Verkehrsservice Österreichs“ ist genauso flott und akkurat (oder auch […]


  4. […] war, von Radio Hamburg bis Bayern 3) in ein „Hitradio“ nach üblich-üblen Kommerzschema stand knapp bevor. Der ORF meinte damals, die kommende private Konkurrenz weniger durch den Einsatz eigenen […]


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