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Kaiserschmarr’n

11. März 1999

„Voom Voom Vanilla Camera“ heißt das neue, zwanzigste Studioalbum von Wolfgang Ambros. Wir warten auf das einundzwanzigste.

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Nein, kein Lauern auf einen todsicheren Verriß. Vielleicht Beharrlichkeit. Oder Sturheit mit einem Beigeschmack von Resignation. Irgendwie kann ich es mir nicht abgewöhnen, bei jeder Neuerscheinung, die diesen kunstvoll geschwungenen Namenszug trägt, nach Spurenelementen einstiger Größe zu forschen. Nach jenen grandios grantigen – „Es lebe der Zentralfriedhof!“ – Lebensgefühl-Konzentraten in Liedform, die eine Generation prägten und erstmals eine Ahnung davon vermittelten, daß Pop und deutsche Sprache nicht unbedingt gleichzusetzen sind mit Materie und Antimaterie. Daß der räudige Hund Rock’n’Roll auch mit einem oder zwei G’spritzten großzuziehen ist. Daß ein rebellischer Geist kein Ablaufdatum kennt.

Stets folgt die Enttäuschung auf dem Fuß.

Wolfgang Ambros ist eine Legende. Das ist das Problem. Man kann ernsthaft darüber diskutieren, ob er oder Falco wichtiger sind für die Populärkultur dieses Landes – international und in absoluten Zahlen wohl letzterer; mit Blick auf die emotionale Topologie dieses Landes und seine Seelenabgründe wohl doch eher ersterer. Falco ist tot. Ambros kann sich gegen Umarmungen von Dolezal & Rossacher noch einigermaßen zur Wehr setzen. Und hat – während Hans Hölzel im Grab rotiert – Kontrolle über das, was unter seinem Namen veröffentlicht wird. Hoffentlich. Die Latte liegt für Legenden automatisch hoch.

Doch Wolfgang Ambros steckt in einer Krise. Seit annähernd zwanzig Jahren. Langsam, aber sicher nähert sich die „No. 1 vom Wienerwald“, wie er sich und seine Band – Selbstironie? Trotz? – gern apostrophieren läßt, der Grenze zur künstlerischen Irrelevanz. Gewiß, verkaufstechnisch ist ein Ambros allemal noch für eine Goldplatte gut („Könnte sich ausgehen“, so Branchenexperten). Die Stadthalle füllt er nachwievor mit links. Und die launige „Austria 3“-Nostalgierevue im Verbund mit Schurl Danzer und Rainhard Fendrich übertraf alle Erwartungen. Der kommerzielle Triumphzug des Austropop-Triumvirats vermochte die substantielle Misere allerdings nur oberflächlich zu kaschieren. Ambros’ Popularität nährt sich von der Vergangenheit, fast ausschließlich aus dem ersten Dezennium seines Schaffens, als er Quasi-Volkslieder vom Zuschnitt des „Hofa“ und der „Blume aus dem Gemeindebau“ aus dem Handgelenk schüttelte. Ewig dazu verdammt zu sein, wieder und wieder die inoffizielle Bundeshymne „Schifoan“ abzuspulen, muß zermürben.

Wir schreiben 1999, und Wolfgang Ambros hat sein zwanzigstes Studioalbum abgeliefert. „Voom Voom Vanilla Kamera“. Achselzucken. Einmal mehr ist ein Stück, der den „Woifaal“ der Nation nachhaltig in Erinnerung rufen würde, ein gewitzter Ohrwurm, der ohne „Seitenblicke“-Umweg für Aufmerksamkeit und Gesprächsstoff und Radiopräsenz sorgen könnte, irgendetwas, das das Prädikat „Pop“ auch nur annähernd verdiente, nicht vorzufinden. Gut, da ist die Neil Young-Adaption „Herz aus Gold“, die Aneignung eines paradigmatischen Songs, um den sich angeblich auch schon Peter Maffay und Ostbahn-Kurti bemüht haben, allerdings erfolglos. Per se eine treffliche Wahl – nur wenige Vorlagen spiegeln Ambros’ erdigen Daseinsentwurf („I wü nur leb’n / wü alles geb’n / I suach no immer noch an Herz aus Gold / und langsam werd’ I oid“) besser wider. Aber warum, zum Gotterbarmen, schmiert der Keyboarder alles mit dünnflüssiger synthetischer Streicher-Soße zu? Und wie kommt „News“ bloß darauf, Ambros – nach Einschätzung der Illustrierten „für immer jung“ und ungebrochen der „Austropop-Kaiser“ – würde den „Neil Young-Klassiker aus dem Jahr 1972 in der Instrumentation zu seinen Grunge-Wurzeln zurückführen“, was immer das bedeuten mag? Wer solche Freunde (News: „wahrscheinlich bestes Album seit sehr langem“) hat, braucht keine Feinde mehr.

Ambros, seit jeher eher hölzern und verstockt im Umgang mit den Medien, versucht zwar a priori einen ironischen Befreiungsschlag gegen die „übermächtigen“ Printgegner Kurier, profil & Co. („die lauern doch nur drauf“), landet aber mit „Kommt nicht in Frage“ nur einen matten Treffer. Dann doch lieber „Feinde“. Deutlich kräftiger und zielführender („Komm laß’ uns Feinde sein, einfach nur Feinde sein“), wenn auch im Arrangement hatschert und patschert wie fast alles, was von einer der laut Plattenfirmen-Info „komplettesten Formationen des Landes“ kommt – Ambros läßt endlich einmal seinen emotionalen Panzer fallen und geht aus der Defensive ewiger Wehleidigkeit in die Offensive über. Motto: „Sag mir die Wahrheit, auch wenn sie verletzt“.

Bittesehr. Diese Platte ist insgesamt ein rechter Schmarr’n. Der Rest des Songmaterials pendelt zwischen belanglosem Schlager und heilloser Flucht in die Vergangenheit und riecht nach altem Wunderbaum. Legendäre Szene-Lokale, Stätten der kulturellen Sozialisierung des heute 47jährigen Ambros, werden ebenso beschworen wie eine flüchtige Sommerliebe oder der Geist von Bob Marley. Damit auch Erinnerungsschwache ein Aha-Erlebnis haben, folgen musikalische Zitate („Child In Time“! „Get up, stand up“!) wie das Amen im Gebet. Man ist bisweilen versucht, die ungenierte Plumpheit der Text- und Tonkonstrukte zugunsten des Künstlers mit Offenheit und entwaffnender Simplizität zu verwechseln, aber Sentimentalität grenzt dann rasch an Verklärung. „Voom Voom Vanilla Camera“ ist davon heftig angekränkelt. Dagegen hilft nur eine Radikalkur. Inklusive schmerzhafter Frischzellen-Injektion.

Denn die Wahrheit, die Ambros hören will und muß, lautet: er sollte das tun, was er schon vor zirka fünfzehn Jahren hätte tun sollen. Seine Band feuern, ein paar heutige Platten hören (Tips: Radiohead, Grönemeyer, die letzte Dylan), den Mut zu künstlerischer Erneuerung, Verletztlichkeit und Intimität entwickeln, seinen früheren, kongenialen Co-Texter anrufen, Herrn Prokopetz (aber nur, wenn der zur selben Entschlackungskur bereit ist), sich einen guten Produzenten suchen und seine Wut und seine Lebenserfahrung und sein ganzes Können in die nächste Platte packen. Sein Comeback-Album. Ein Opus, das uns – Freunden? Feinden? (im Showbusiness sowieso wertlosen Kategorien) – durch die Bank eines abverlangt: Respekt. Ich lauere darauf, dieses Wort noch einmal im Zusammenhang mit Wolfgang Ambros in die Tastatur zu klopfen. Hoffnungslos?

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