Archive for September, 1999

Schönheitsfehler im System

19. September 1999

Das Internet-Format MP3 setzt die Musikindustrie unter Druck. Fieberhaft arbeiten Bertelsmann, Sony & Co. an ihrer digitalen Neuerfindung.

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“Es wird immer weitergeh’n / Musik als Träger von Ideen…” (Kraftwerk)

Leise surrt die Festplatte. Der Balken, der die Menge der heruntergeladenen Daten anzeigt, wächst langsam. Peter B. aus Wien-Döbling lehnt sich zurück, jetzt ist sein Computer dran. Wenige Minuten später ist die neue Single von Jamiroquai im Kasten. Und flugs auf CD gebrannt. B. grinst zufrieden.

“Hunderte von Musik- und Computerfreaks stellen Songs und ganze Alben ins Internet, kostenlos”, so der Wirtschaftsstudent. “Klar, daß man da in Versuchung gerät. Es ist ein bißchen wie Fahren ohne Führerschein. Oder sagen wir so: Fahren zu einer Zeit, wo das Auto gerade erfunden wurde und es noch keine Führerscheine gab”. Was Peter B. so leger umschreibt, treibt andere an den Rand des Nervenzusammenbruchs. “Schluß mit lustig!”, fordert etwa Jörg Hacker, Sony-Labelboss in Frankfurt, in seiner jüngsten Hausmitteilung. Und, in genreadäquater Anspielung auf die rasant zunehmende Verbreitung von CD-Recordern, “Don’t burn baby burn!” Tatsächlich brennt der Hut. Die Musikindustrie schreibt anno 1999 ein hochgerechnetes Umsatz-Minus von 12 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Eine Anzeigenkampagne, die das Unrechtsbewußtsein zum Thema Raubkopien hochkitzeln soll, kündigt gar “Das Ende vom Lied” an.

Das Ende vom Lied? Zumindest handelt es sich um den Anfang vom Ende des traditionellen Tonträgerhandels. Denn “die größte Revolution seit Erfindung der Schallplatte” (Dieter Meier, Yello) stellt schlicht die Spielregeln, Strukturen und Vertriebskanäle der Unterhaltungsbranche auf den Kopf. Ihr Vorbote ist der heiße Scheiss schlechthin: MP3.

Spätestens mit der Markteinführung der ersten Generation putziger Hardware-Player, etwa des “Diamond Rio”, geriet das kryptische Kürzel zum Schlagwort der Saison. Mittlerweile ist auch Computer-Neueinsteigern klar, was sich dahinter verbirgt: das vom deutschen Fraunhofer Institut entwickelte Kompressionsverfahren MPEG 1 Audio Layer 3, populär verkürzt auf MP3. Der Algorithmus ermöglicht es, Musikinformationen ohne deutlichen Qualitätsverlust auf ein Zwölftel ihrer ursprünglichen Datenmenge zu reduzieren. Solchermaßen geschrumpfte Bit-Pakete lassen sich ohne großen technischen Aufwand erzeugen, kopieren, ins Netz stellen oder – etwa als Anhang an e-mails – verschicken. Suchmaschinen oder Utilities wie “MP3 fiend” erlauben es, jeden verfügbaren Song im Internet aufzuspüren und auf die eigene Festplatte zu transferieren. Die Audioqualität reicht an die MiniDisc, die eine ähnliche Technik nutzt, und einigermaßen auch an die teure CD heran. Der Rechner ersetzt zunehmend die HiFi-Anlage.

Dabei ist der MP3-Boom nur eine Inkarnation des Zauberlehrlings, den die Mediengiganten selbst riefen. Und ein milder Vorgeschmack auf die Zukunft. Durch die digitale Atomisierung, die Zerlegung in einen endlosen Strom von Nullen und Einsen, ist dem “Klonen” von Text, Ton und Bild keine Grenze gesetzt – die Kopie entspricht dem Original. Und das Original ist dank Glasfaserkabel, Digitalfunk und innovativer Speichertechnologien bald überall und jederzeit verfügbar. Zunächst, in den goldenen achtziger Jahren, profitierte die Industrie von diesem revolutionären Schritt. Die gute alte Vinylscheibe wurde durch silbrigglänzende Compact Discs ersetzt – man konnte also die alten Inhalte in neuen Schläuchen nochmals verkaufen. Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich gerade im Videobereich beim Übergang von der VHS-Cassette zur Digital Versatile Disc (DVD) ab.

Fachleute erklären aber MiniDisc, DVD & Co., gerade mal auf dem Weg zu Marktrelevanz, schon wieder zu Auslaufmodellen. Die Zukunftsformel lautet: Audio und Video On Demand, auf Abruf also. MP3 ist nicht viel mehr als ein “Appetizer” mit dem – für Hobbypiraten gewiß nicht bitteren – Beigeschmack der Illegalität. Die Digitalhäppchen zum Runterladen sind für Jim Griffin, einen ehemaligen Manager von Geffen Records und heute New Media-Konsulent, nur etwas für Technik-Freaks und Über-Fans. “Immer noch zu primitiv, zu unbequem und zu statisch”, so Griffin. “Die Zukunft liegt im “Streaming”, in der Übertragung im Netz, wie wir es heute von Radio und Fernsehen gewohnt sind”. Das World Wide Web – eine gigantische Jukebox, die annähernd alles bereithält, was je von einem Mikrofon oder einer Kamera eingefangen wurde. Medien, und damit auch Musik, werden vom Produkt zur Dienstleistung – der Wunsch, daheim Zeitungen zu stapeln oder CD-Plastikboxen, verblaßt mit der universellen Verfügbarkeit der Inhalte.

Natürlich bereit diese Vision einigen Leuten Kopfschmerzen. Nicht zuletzt jenen, die mit dem Verpacken, Verladen und Verkaufen dieser Produkte ihr Geld machen. Behende werden Abwehrstrategien geschmiedet und strategische Allianzen eingegangen – unter dem SDMI-Banner (“Secure Digital Music Initiative”) wollen die “big five” BMG, Universal, EMI, Sony und Warner im Bunde mit High Tech-Giganten wie IBM und AT&T eigene Software für den Online-Verkehr zum Standard erheben. Digitale “Wasserzeichen” sollen dabei Musikpiraten das Leben schwer machen. Auch Bill Gates hat Interesse angemeldet: er dient gerade das MP3-Konkurrenzformat MS Audio 4.0 der Industrie und der Netzgemeinde an. Welches Verfahren auch immer auserkoren wird – spätestens zum Weihnachtsgeschäft will man startklar sein. EMI hat bereits angekündigt, 500.000 Titel online zugänglich zu machen. Allerdings gewiß nicht im MP3-Format.

“Es ist der Kampf der Kathedrale gegen den Basar”, so der Free Music-Guru Ram Samudrala. Künstler wie die Beastie Boys oder Public Enemy sehen im ideologischen Gemetzel nicht nur Gefahren, sondern an erster Stelle Chancen. “Es wird eine Million Musiker und fünfhunderttausend Plattenfirmen geben”, so Public Enemy-Mastermind Chuck D. “Die großen Labels werden zwar nicht verschwinden, aber sie werden lernen müssen zu teilen”. Und David Bowie hält das Internet gar für “die bisher beste Realisierung von Demokratie”.

Der Wiener Musiker und Discjockey Christoph Weiss, mit seiner HipHop-Truppe Schönheitsfehler ein Fixstern der lokalen Szene, sieht den Abenteuerspielplatz MP3 dagegen vergleichsweise nüchtern und pragmatisch. “Es gibt mir als Österreicher die seltene Gelegenheit, ohne Rieseninvestition ein Millionenpublikum zu erreichen.” Weiss hat unter seinem Pseudonym Böastab (engl. Burstup) einige Files ins Netz gestellt – der Song “Funky Ass Beatz” führte innerhalb weniger Tage die Download-Charts in der Kategorie “Drum’n’Bass / Jump Up” an. Gewiß, ein marginaler Erfolg – aber einer, der dem umtriebigen DJ eine Menge Feedback, Kontakte und “auch einige hundert verkaufte CDs” einbrachte. MP3.com tritt ihm die Hälfte der Erlöse ab. “Wenn MP3 Anarchie bedeutet, dann hat mir diese Anarchie bislang jedenfalls mehr Geld eingebracht als sonstwas. Ziemlich spannende Zeiten…”

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Non scholae sed disco

9. September 1999

Red Bull Music Academy – die ultimative Antwort auf die Frage „Wo und wie kann man das DJ-Handwerk erlernen?“

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Die Antwort vorweg: das Gespür fürs Publikum und die Musik läßt sich schwerlich erlernen (höchstens vertiefen!), das Handwerk eventuell schon. Hier allerdings nicht.

Hier, das ist kein Spielplatz für Anfänger: Berlin-Ost, Friedrichshain, drei Etagen im zweiten Hinterhof einer ehemaligen Mietskaserne. Die Akademie, die sich diesen wenig mondänen Ort frühsommers zum Tagungsmittelpunkt auserkoren hat, camoufliert sich mit Läßigkeit (Heurigenbänke, Sixties-Design, coole Dekoelemente). Nur einige Hinweisschilder offenbaren strukturelle Notwendigkeiten wie einen „Empfang“ oder „Technikraum“. Vordergründig am erstaunlichsten: der Sponsor, ein österreichischer Energy-Limonaden-Brauer, verleiht der Veranstaltung zwar finanziell Flügel, hält sich aber sonst weitgehend im Hintergrund. „Vernünftiges Marketing braucht keinen Logo-Friedhof“, bekräftigt der Academy-Erfinder und –Vorstand Many Ameri. „Ich nenn‘ das hier einen Glücksfall. Man läßt uns freie Hand“. Was allerdings nicht bedeutet, daß Mani, seine Crew und die bunte Gästeschar eine Party nach der anderen abbrennen würden. Im Gegenteil. Es gibt einen festen Stundenplan, weitgereiste Dozenten und ein generell spürbare Ernsthaftigkeit und Lernbegier im Auditorium. Igor und Matrix aus Tschechien, Danny aus England, Cutmando aus der Schweiz, Tomek aus Polen, DJ Gockel aus Deutschland, Nina und Gina aus Österreich und einige mehr – insgesamt rund 50 Auserwählte aus 12 Nationen – nehmen in zwei Tranchen an etwa jeweils etwa fünfunddreißig „workshops“, „lectures“ und „sessions“ teil. Egal, ob Theorie, Musikgeschichte, Business oder Technik-Lektion: die Vortragenden sind absolute Meister ihres Fachs. Wo sonst kann man Westbam so konzentriert auf die Finger sehen, von Techno-Heroine Miss Djax aus Holland Tips zur Gründung eines eigenen Labels ergattern oder den Berliner Lokalmatadoren Jazzanova persönliche Clubempfehlungen abringen?

„Die Inhalte sind klasse und authentisch“, so Mani Ameri. „Das hier ist kein Kinderfest, kein Wettbewerb und keine Volkshochschule.“ Sondern ein ungezwungener Begegnungsort für „open minded people“, die abseits banaler DJ-Volksbeglückungs-Klischees Fragen stellen und Antworten suchen. Daß man nebstbei erlernt, wie man ein Mischpult zerlegt oder ein Sample rechtlich korrekt klärt, schärft den Blick über den Tellerrand zusätzlich. Die Höhepunkte sind aber die Übungsstunden in den RBMA-Zellen, wo einem gern mal Legenden wie Norman Jay, Christian Vogel oder The Invisible Skratch Piklz zur Hand gehen. „Richtige Arbeit an der richtigen Stelle“, bilanzierte das Fachmagazin „Groove“ den Akademie-Jahrgang ’99. Bleibt die Frage: wie wird man Schüler dieser Eliteschmiede? Antwort: mittels Aufmerksamkeit (es gibt nur wenig und noch weniger aufdringliche Werbung für das Projekt, und die nur in Szene-Läden und –Medien), Knowhow und Können (es gilt, ein Mixtape aufzunehmen…), Mutterwitz (…und einen gewitzten Fragebogen auszufüllen) und ein Quentchen Glück. Die Akademie öffnet in wenigen Monaten wieder ihre Pforten. Bis dahin kann ein wenig Üben nicht schaden.

Wo, bitt’schön, ist der neue Ambros?

6. September 1999

Bitte melden! Dieses Land hat einen neuen „Hofa“ dringend nötig. Und nicht die ewige Regentschaft alter Austropop-Kaiser.

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In meinem CD-Player dreht sich gerade die aktuelle „FM4-Soundselection“. Exakter: Scheibe Nummer Zwo dieses feinen Doppelalbums (das, wie ich höre, auch weit vorne liegt in den heimischen Sampler-Charts). Erstaunlich, erstaunlich: eine eigene CD, vollgepfropft ausschließlich mit Tönen made in Austria – und sie klingt nicht einen Millimeter schlechter, langatmiger oder gar hinterwäldlerischer als die Versammlung der „big names“ – von Busta Rhymes bis Fanta 4. Lauter alte Bekannte: Schönheitsfehler, Shy, Potuznik, Planet E, Waldeck, Total Chaos etc. usw. Die Underground-Heroen.

Underground? Draußen in der Welt, zwischen Hamburg und Tokio, weiß man längst Bescheid über die Qualitäten der heimischen Post-Austropop-Szene. Nur hierzulande herrscht – abseits des institutionalisierten Widerstandsnests FM4 und weniger Printmedien – permanenter Eurovisions-Songcontest. Gutgemeinte, aber fehlkonstruierte Alibi-Entwicklungshilfe (wie die „Aktion Pop!“ von AKM und Ö3) ersetzt ein tiefgreifendes Verständnis des Unterhaltungsgeschäfts. Eine desaströse Medienpolitik fördert mehr vom Gleichen statt belebender Vielfalt. Und die notorischen Raunzer der Szene flüchten sich in immer absurdere Weltverschwörungstheorien, statt künstlerisch überzeugende und tatsächlich realpolitisch wirksame Statements abzugeben. Durchbeißen, nix scheißen. Das Leben ist ein Hit. Und täglich grüßt das Murmeltier.

Ich werde gewiß nicht dabei sein, wenn Fendrich & Co. zur Jahrtausendwende am Rathausplatz „I Am From Austria“ anstimmen. Bei allem Respekt vor der Perpetuierung eines künstlerischen Erfolgsrezepts: der Austropop alter Bauart ist tot. Schlicht und einfach tot. Und zwar schon ziemlich lange. Da können auch – wahrscheinlich hochsubventionierte – Volksbeglückungs-Inszenierungen nicht drüber hinwegtäuschen. Der Terminus „Austropop“ mag als Bezeichnung für eine Periode lokalen Populärmusikschaffens (die tatsächlich einige grandiose Momente hatte) seine historische Berechtigung haben, aber als Identifikationsformel und vor allem als Marketing-Etikett hat er ausgedient. Einen „neuen Austropop“ braucht auch niemand. Wenn sich nun, etwas unerwartet, junge Branchenkollegen nach einer Wiederbelebung sehnen – wie mir erst unlängst auf der „PopKomm“, der weltgrößten Musikmesse, zu Ohren gekommen ist –, dann verdeutlicht dies ein kulturelles Defizit, das weder von schamlosen Popopopulisten vom Stamm der „Klanan Indianer“ noch von der zu Recht hochgerühmten, aber tendenziell elitär-dünkelhaften neuen Elektronik-Szene ausgefüllt wird.

Wolfgang Ambros mag dem „Voom Voom“ nachtrauern oder Tom Waits-Stücke bearbeiten (grandios übrigens, Wolferl!) – für die Generation der heute 14- bis 30jährigen ist es schlicht irrelevant. Und leider ist ein gewitzter, goscherter, treffsicherer Neo-Ambros, der sich einfach über strukturellen Austro-Widrigkeiten und -Widerstände hinweg zum Sprachrohr aufschwingt, weit und breit nicht in Sicht. Wenn doch: bitte melden! Dieses Land hat einen neuen „Hofa“ dringend nötig.

(NEWS)

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