Wo, bitt’schön, ist der neue Ambros?

6. September 1999

Bitte melden! Dieses Land hat einen neuen „Hofa“ dringend nötig. Und nicht die ewige Regentschaft alter Austropop-Kaiser.

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In meinem CD-Player dreht sich gerade die aktuelle „FM4-Soundselection“. Exakter: Scheibe Nummer Zwo dieses feinen Doppelalbums (das, wie ich höre, auch weit vorne liegt in den heimischen Sampler-Charts). Erstaunlich, erstaunlich: eine eigene CD, vollgepfropft ausschließlich mit Tönen made in Austria – und sie klingt nicht einen Millimeter schlechter, langatmiger oder gar hinterwäldlerischer als die Versammlung der „big names“ – von Busta Rhymes bis Fanta 4. Lauter alte Bekannte: Schönheitsfehler, Shy, Potuznik, Planet E, Waldeck, Total Chaos etc. usw. Die Underground-Heroen.

Underground? Draußen in der Welt, zwischen Hamburg und Tokio, weiß man längst Bescheid über die Qualitäten der heimischen Post-Austropop-Szene. Nur hierzulande herrscht – abseits des institutionalisierten Widerstandsnests FM4 und weniger Printmedien – permanenter Eurovisions-Songcontest. Gutgemeinte, aber fehlkonstruierte Alibi-Entwicklungshilfe (wie die „Aktion Pop!“ von AKM und Ö3) ersetzt ein tiefgreifendes Verständnis des Unterhaltungsgeschäfts. Eine desaströse Medienpolitik fördert mehr vom Gleichen statt belebender Vielfalt. Und die notorischen Raunzer der Szene flüchten sich in immer absurdere Weltverschwörungstheorien, statt künstlerisch überzeugende und tatsächlich realpolitisch wirksame Statements abzugeben. Durchbeißen, nix scheißen. Das Leben ist ein Hit. Und täglich grüßt das Murmeltier.

Ich werde gewiß nicht dabei sein, wenn Fendrich & Co. zur Jahrtausendwende am Rathausplatz „I Am From Austria“ anstimmen. Bei allem Respekt vor der Perpetuierung eines künstlerischen Erfolgsrezepts: der Austropop alter Bauart ist tot. Schlicht und einfach tot. Und zwar schon ziemlich lange. Da können auch – wahrscheinlich hochsubventionierte – Volksbeglückungs-Inszenierungen nicht drüber hinwegtäuschen. Der Terminus „Austropop“ mag als Bezeichnung für eine Periode lokalen Populärmusikschaffens (die tatsächlich einige grandiose Momente hatte) seine historische Berechtigung haben, aber als Identifikationsformel und vor allem als Marketing-Etikett hat er ausgedient. Einen „neuen Austropop“ braucht auch niemand. Wenn sich nun, etwas unerwartet, junge Branchenkollegen nach einer Wiederbelebung sehnen – wie mir erst unlängst auf der „PopKomm“, der weltgrößten Musikmesse, zu Ohren gekommen ist –, dann verdeutlicht dies ein kulturelles Defizit, das weder von schamlosen Popopopulisten vom Stamm der „Klanan Indianer“ noch von der zu Recht hochgerühmten, aber tendenziell elitär-dünkelhaften neuen Elektronik-Szene ausgefüllt wird.

Wolfgang Ambros mag dem „Voom Voom“ nachtrauern oder Tom Waits-Stücke bearbeiten (grandios übrigens, Wolferl!) – für die Generation der heute 14- bis 30jährigen ist es schlicht irrelevant. Und leider ist ein gewitzter, goscherter, treffsicherer Neo-Ambros, der sich einfach über strukturellen Austro-Widrigkeiten und -Widerstände hinweg zum Sprachrohr aufschwingt, weit und breit nicht in Sicht. Wenn doch: bitte melden! Dieses Land hat einen neuen „Hofa“ dringend nötig.

(NEWS)

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