Non scholae sed disco

9. September 1999

Red Bull Music Academy – die ultimative Antwort auf die Frage „Wo und wie kann man das DJ-Handwerk erlernen?“

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Die Antwort vorweg: das Gespür fürs Publikum und die Musik läßt sich schwerlich erlernen (höchstens vertiefen!), das Handwerk eventuell schon. Hier allerdings nicht.

Hier, das ist kein Spielplatz für Anfänger: Berlin-Ost, Friedrichshain, drei Etagen im zweiten Hinterhof einer ehemaligen Mietskaserne. Die Akademie, die sich diesen wenig mondänen Ort frühsommers zum Tagungsmittelpunkt auserkoren hat, camoufliert sich mit Läßigkeit (Heurigenbänke, Sixties-Design, coole Dekoelemente). Nur einige Hinweisschilder offenbaren strukturelle Notwendigkeiten wie einen „Empfang“ oder „Technikraum“. Vordergründig am erstaunlichsten: der Sponsor, ein österreichischer Energy-Limonaden-Brauer, verleiht der Veranstaltung zwar finanziell Flügel, hält sich aber sonst weitgehend im Hintergrund. „Vernünftiges Marketing braucht keinen Logo-Friedhof“, bekräftigt der Academy-Erfinder und –Vorstand Many Ameri. „Ich nenn‘ das hier einen Glücksfall. Man läßt uns freie Hand“. Was allerdings nicht bedeutet, daß Mani, seine Crew und die bunte Gästeschar eine Party nach der anderen abbrennen würden. Im Gegenteil. Es gibt einen festen Stundenplan, weitgereiste Dozenten und ein generell spürbare Ernsthaftigkeit und Lernbegier im Auditorium. Igor und Matrix aus Tschechien, Danny aus England, Cutmando aus der Schweiz, Tomek aus Polen, DJ Gockel aus Deutschland, Nina und Gina aus Österreich und einige mehr – insgesamt rund 50 Auserwählte aus 12 Nationen – nehmen in zwei Tranchen an etwa jeweils etwa fünfunddreißig „workshops“, „lectures“ und „sessions“ teil. Egal, ob Theorie, Musikgeschichte, Business oder Technik-Lektion: die Vortragenden sind absolute Meister ihres Fachs. Wo sonst kann man Westbam so konzentriert auf die Finger sehen, von Techno-Heroine Miss Djax aus Holland Tips zur Gründung eines eigenen Labels ergattern oder den Berliner Lokalmatadoren Jazzanova persönliche Clubempfehlungen abringen?

„Die Inhalte sind klasse und authentisch“, so Mani Ameri. „Das hier ist kein Kinderfest, kein Wettbewerb und keine Volkshochschule.“ Sondern ein ungezwungener Begegnungsort für „open minded people“, die abseits banaler DJ-Volksbeglückungs-Klischees Fragen stellen und Antworten suchen. Daß man nebstbei erlernt, wie man ein Mischpult zerlegt oder ein Sample rechtlich korrekt klärt, schärft den Blick über den Tellerrand zusätzlich. Die Höhepunkte sind aber die Übungsstunden in den RBMA-Zellen, wo einem gern mal Legenden wie Norman Jay, Christian Vogel oder The Invisible Skratch Piklz zur Hand gehen. „Richtige Arbeit an der richtigen Stelle“, bilanzierte das Fachmagazin „Groove“ den Akademie-Jahrgang ’99. Bleibt die Frage: wie wird man Schüler dieser Eliteschmiede? Antwort: mittels Aufmerksamkeit (es gibt nur wenig und noch weniger aufdringliche Werbung für das Projekt, und die nur in Szene-Läden und –Medien), Knowhow und Können (es gilt, ein Mixtape aufzunehmen…), Mutterwitz (…und einen gewitzten Fragebogen auszufüllen) und ein Quentchen Glück. Die Akademie öffnet in wenigen Monaten wieder ihre Pforten. Bis dahin kann ein wenig Üben nicht schaden.

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