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Spiel mir das Lied vom Tod

12. August 2000

Die PopKomm, Rummelplatz und Diskussionsforum der deutschen Musikindustrie, spiegelt den Ausnahmezustand der Branche wider. Im Fokus der Debatte: MP3, Napster & der Kampf gegen Piraterie und Zukunftspessimismus.

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18. August, 17.30 Uhr, PopKomm Stage. Den Termin haben sich Connaisseure längst dick angestrichen im Kalender. Aber auch manch altgedienter Manager könnte sich angesprochen fühlen und den Titel des zu diesem Zeitpunkt angesetzten Vortrags – “How To Survive In The Music Industry” – als Bedienungsanleitung interpretieren. Eine Anleitung für schwere Zeiten. Ein klassisches Mißverständnis. Henry Rollins, der Vortragende, hat gewiß nicht das Wohlergehen der Musikindustrie im Sinn.

Andererseits hat sich die wortmächtige Galionsfigur der US-Punk- und Hardcore-Szene bis dato auch nicht – zumindest nicht öffentlich – auf die Seite der Kollegen Chuck D. oder Courtney Love geschlagen. Der Anführer der HipHop-Truppe Public Enemy (“Fight The Power!”) und die ehemalige Ehefrau des verklärten Nirvana-Sängers Kurt Cobain, selbst nicht allzu erfolgreich mit ihrer Band Hole, posieren seit geraumer Zeit als personifizierte Aushängeschilder einer Revolution. Keine ästhetische Erneuerung ist angesagt, sondern ein technischer Quantensprung, eine radikale Umwälzung, ein “Paradigmenwechsel” im globalen Musikgeschäft, wie Thomas Middelhoff zu formulieren pflegt. Der spricht übrigens auch auf der PopKomm. Kann es sein, daß Henry Rollins im selben Boot sitzt wie der mächtige Bertelsmann-Konzernlenker?

Die Branche hat ein Problem. Das pfeifen mittlerweile die Spatzen von den Dächern – auch wenn die Kennzahlen ungebrochen gut sind, und 1999 mit einem Plus von 1,8 Prozent bei einem deutschen Gesamtmarktvolumen von 3,31 Milliarden Mark zwar kein herausragendes, aber gewiß auch kein Katastrophenjahr war. “Die Branche befindet sich in einem Prozeß der Neuorientierung”, weiß Uli Großmaas, Geschäftsführer der MusiKomm, des Ausrichters der – neben der Midem – weltgrößten Musikmesse PopKomm. “Zur Zeit sind die technischen Entwicklungen starke Impulsgeber”.

Tatsächlich vermerkt man in Köln einen “Aufmarsch der dot.coms” unter den mehr als 900 Ausstellern aus 32 Ländern, darunter erstmals Unternehmen aus Korea, Island, Kuba, Russland und Hongkong. Vom Brenn-Roboter bis zur “Musiktankstelle”, vom neuesten Download-Businessmodell bis zur Hausse der Web-Radios kreist die Debatte vornehmlich um die Auswirkungen des Internet. Der im Zuge des “Buena Vista Social Club”-Booms angekündigte Besuch des kubanischen Kultusministers wirkt da vergleichsweise wie ein Gruß aus einer längst verblichenen Ära.

War im Vorjahr noch die Parole der “digitalen Herausforderung” ausgegeben worden, versucht man im zwölften Jahr des Bestehens der Messe bereits mit dem “digitalen Alltag” umzugehen. Aber kann wirklich von Alltag die Rede sein, wenn Themen wie “Download Now! – Abrechnung im Netz”, “Wer zu spät kommt, den bestraft der Markt”, “Digitalisierung – das Ende der Promotion?” oder “Wer jetzt nicht handelt…” ausgegeben werden? Gewiß: die schrillen Molltöne, die allerorten angestimmt werden, sind präventiv. Business-Folklore as usual. Und doch auch wieder nicht. Die Zukunftsmusik anno 2000 klingt wie ein Potpourri aus “Let It Be”, “You Can’t Always Get What You Want” und Ennio Morricone. Spiel mir das Lied vom Tod?

Das Problem, ja das “Krebsgeschwür” (“Music & Media”) der Musikindustrie heißt nicht Napster, auch wenn die Hysterie der letzten Wochen dies glauben machen konnte. Napster, eine Art Tauschbörse für – zumeist illegal gehandelte – Musikstücke im Internet, ist nur die aktuellste Inkarnation des Zauberlehrlings, den die Unterhaltungsindustrie mit der Digitalisierung von “content” – Text, Ton, Bild, bewegtes Bild – und dessen daraus resultierender unendlicher Vervielfältigbarkeit selbst heraufbeschworen hat. In Kombination mit ausgeklügelten Verfahren wie MP3, das die Datenmenge eines Audio-Files auf etwa ein Zwölftel der ursprünglichen Menge eindampft, erwies sich das World Wide Web rasch als probates, universales Distributions- und Kommunikationsmedium. Eine riesige “virtuelle Jukebox” (“Rolling Stone”) – nur leider ohne Zahlschlitz. Denn funtionierende Abrechnungssysteme existieren nur ansatzweise und scheinen im Sog des freien Datenverkehrs und der ungehemmten Selbstbedienung á la Napster undurchsetzbar.

In einem Akt der Vorwärtsverteidigung hat nun die RIAA, der Dachverband der US-Musikindustrie, ein Verfahren angestrengt, das der vorgeblich non-kommerziellen “File Sharing Community” Napster systematische Verletzung der Urheberrechte vorwarf – ein Prozeß mit Beispielwirkung und weitreichenden Folgen. Zwar gab die Richterin des Bezirksgerichts in San Francisco der Klage statt und ließ sich sogar dazu hinreißen, die Erfindung des 19jährigen Ex-Studenten Shawn Fanning mit einem “Monster” gleichzusetzen, aber der Urteilsspruch – die de facto-Schließung des Web-Angebots per 28.Juli – wurde für die Berufungsfrist ausgesetzt. Die Internet-Gemeinde von mittlerweile rund 20 Millionen Napster-Usern, nach der richterlichen Entscheidung kurzfristig in Download-Torschlußpanik verfallen (5,8 Millionen Page Impressions innerhalb von sieben Tagen und damit Rang eins der meistbesuchten Entertainment-Angebote), kann aufatmen. Zumindest bis September, wenn es zu einer endgültige Entscheidung kommen soll.

Faktisch erweist sich die forsche Gangart der RIAA als “Schuß, der nach hinten losging” (“Der Standard”) und Bärendienst für die Popularisierung von Download-Konzepten. Im Wettlauf um die potentielle Napster-Nachfolge buhlen mit “Gnutella”, “Scour”, “Napigator”, “Audiogalaxy”, “FreeNet” und anderen Plattformen bereits alternative Gratis-Tauschbörsen um das Publikum – ihre Namen werden längst nicht mehr als Geheimtips gehandelt. Im Gegensatz zu “Mojo Nation”. Das auf der diesjährigen DefCon, dem legendären Hacker-Treff in Las Vegas, vorgestelltes File Sharing-Modell soll den “neuen Volkssport Dateien-Tauschen” (Telepolis) mit den Spielregeln eines sozialökonomisch schaumgebremsten Kapitalismus versöhnen.

Zwischenzeitlich ist auch die Musikindustrie nicht untätig geblieben. EMI bietet ab sofort ausgewählte Pretiosen des firmeneigenen Archivs zum kostenpflichtigen Download an, Universal und BMG haben ab Spätsommer umfangreiche Testläufe angekündigt. “Wir haben das Internet ignoriert, weil wir das Internet ignorieren wollten”, bekennt Gerd Gebhardt, Europachef der WEA. Tim Renner, Universal-Musikpräsident in Hamburg, fordert zwar Aktionismus ein, hat aber in Hinblick auf Napster & Co. “noch keine Ahnung, wie wir mit diesen Leuten zusammenarbeiten sollen”.

Heftig diskutiert werden branchenintern neue, angeblich sichere Speichermedien und -Formate – etwa Advanced Audio Coding, kurz AAC, das wie MP3 vom deutschen Fraunhofer Institut entwickelt wurde, aber keine unbeschränkte und unkontrollierte Weiterverbreitung erlaubt. “Musik gehört zu den wenigen Gütern, die sich über das Internet nicht nur bestellen, sondern auch liefern lassen”, skizziert BMG-Chef Thomas Stein. Bertelsmann setze nun “einen Meilenstein für die kommerzielle Nutzung von Musik im Internet”, weil der Markt eine Bringschuld habe und dringend ein Gegenmodell zur grassierenden MP3-Piraterie benötige. “Der Konsument”, so Stein, “kann erstmals attraktives Repertoire online legal erwerben”.

Ein Schritt, der – knapp, aber doch – zu spät erfolgt? Börsenanalysten empfehlen der Branche einen radikalen Kurswechsel. Der Schlachtruf lautet “If you can’t beat them, join them” – und trifft damit den Nerv der User, die durch die “Killer-Applikation” MP3 mit einer Rasanz und Vehemenz auf den Geschmack gekommen sind, die selbst Experten überraschte. Hand in Hand mit der von der Hardware-Industrie kannibalistisch forcierten Schwarzbrennerei per CD-Kopiermaschinerie dürfte der Verlust für den traditionellen “brick & mortar”-Plattenhandel mittlerweile einen deutlich zweistelligen Prozentsatz ausmachen, bei einem 80 Milliarden Mark-Weltmarkt insgesamt.

Der Kommentator der britischen “Music Week”, Ajax Scott, ruft zu den Fahnen: “Es ist hoch an der Zeit, eine Botschaft deutlich in den Raum zu stellen: Autoren, Buchverleger, TV- und Filmregisseure, Radiogestalter – ihr seid als nächste dran”. Ob als treibende Kraft oder in Geiselhaft, bleibt offen.

So findet sich die alte Tante Popkultur, der man längst jeglichen revolutionären Impetus abgesprochen hatte, wieder einmal an zentraler Stelle im Malstrom des Zeitgeschehens. “Musiker haben ihre Songs bislang praktisch gratis hergegeben”, heizt Courtney Love die Diskussion an. “Das ist die wahre Piraterie – das Abrechnungssystem der Großlabels. Deshalb kann eine neue Technologie, die unsere Musik einer größeren Öffentlichkeit zugänglich macht, nur gut sein”. Love’s flammender Appell, nachzulesen etwa in der aktuellen Ausgabe des “Spiegel Reporter”, ist allerdings – so ein hochrangiger Industrie-Controller – “nur unter demonstrativer Weglassung des Rechenschiebers schlüssig”.

Legal, illegal, scheissegal: die Begehrlichkeit der Gratis-Download-Ideologen und Content-Raubritter hat mittlerweile ein neues Objekt der Begierde ausgemacht – die Leinwand. “Panik in Hollywood”, titelte die deutsche Branchen-Gazette “Net Business”. “Kinofilme jetzt kostenlos im Internet”. Ganz entspricht dies – noch – nicht den Tatsachen. Versuche von PC-Experten, jene heiß gehandelten Programme, mit denen der aufwendige Kopierschutz und die enormen Datenmengen von DVDs ausgehebelt werden können – DeCSS und DivX – unter “Normalbedingungen” zu nutzen, erwiesen sich als enervierend und fehlerbehaftet. Aber das Konzept der Datenkomprimierung á la MP3 und des freien Warenverkehrs Modell Napster läßt sich ohne Zweifel auch auf das Filmbusiness projiizieren.

Vorsichtshalber läßt man dort schon mal die Propagandamaschinerie anlaufen. “Es gibt kein Hollywood zum Nulltarif”, so Jack Valenti, Vorsitzender des US-Filmwirtschaftsverbands Motion Picture Association of America (MPAA) in einem Kommentar für die “New York Times”. Es sei unumgänglich, energisch gegen “diebische Fanatiker” vorzugehen, die “Filme nun genauso in den Würgegriff nehmen wollen wie bereits die Musikwelt”. Ob der flugs branchenübergreifenden Schicksals-Debatte sind sogar die großen Themen der letzten Monate – etwa die Elefantenhochzeiten von AOL, Time-Warner und EMI oder Vivendi-Universal in den Hintergrund gerückt. Ob BMG nun mit Sony liebäugelt, das Hamburger Indie-Aushängeschild Edel aufschnupft oder doch den großen Coup mit Vivendi plant, bleibt in Anbetracht der pessimistischen Töne des Vorsitzenden Middelhoff, möglicherweise stehe “die gesamte Musikindustrie vor dem Aus”, fast schon nebensächlich.

Selbst Dieter Gorny, ehemals Initiator der PopKomm und heute Chef des Clip-Kanals “Viva”, wird sich ins Fäustchen beißen. Daß der Kurs des frisch börsennotierten TV-Senders nicht so recht abhebt, schreiben nicht allein böswillige Konkurrenten dem verpatzten Internet-Antritt von “Viva” und der potentiellen Bedrohung aus dem Netz zu. Immerhin steht auf der PopKomm-Agenda auch “Next Generation Entertainment”, sprich: digitale Produktion und Distribution von Musikclips vermerkt.

Auf der Visitenkarte von Michael Knuth, einem der Vortragenden zum Thema, lautet der Firmenname “Sudden Industries Inc.” Eine treffliche Metapher: plötzlich sehen die Großen von heute reichlich alt aus.

(FINANCIAL TIMES)

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