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Wo ist der Chef dieser seltsamen Anstalt?

4. Oktober 2001

Vom Burgtheater-Punk zum Staatssekretär. Anmerkungen zu Franz Morak.

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Zu Franz Morak fällt mir nichts ein. Nein, lassen wir das. Diese Art von bildungsbürgerlichem Brachialzynismus ist mir mehr und mehr verhaßt.

Natürlich wäre einem Karl Kraus zu einem Franz Morak eine ganze Menge eingefallen. Doch der logische Antagonismus Künstler versus Staatssekretär – hie der seziermesserscharfe, strikt Distanz nehmende Kritiker, da der in seiner staatstragenden Politiker-Rolle gefangene Ex-Burgschauspieler – weicht zu leicht und zu oft einem Kasperltheater auf niedrigstem Niveau. Es ist kein Kunststück, Morak als Krokodil auszumachen und ihm eine drüberzuziehen. Zuviele selbsternannte Kraus-Epigonen haben das getan und werden es bis ans Ende seiner Tage tun. Aber war Moraks Vorgänger Wittmann nicht eine vordergründig mindestens ebenso tragische Figur?

Man sollte dem Menschen hinter der Funktion, so schwer das fallen mag, jenen Respekt entgegenbringen, den man selbst einfordert. Und den Politiker, den Funktionsträger dafür umso entschiedener in die Pflicht nehmen. Nun, ich vermag mit dem Staatssekretär nicht Theater oder Film oder Literatur zu verhandeln (dies läge mir zwar nicht grundsätzlich fern, aber außerhalb meines professionellen Wirkungskreises). Aber in punkto Medien oder Musik fiele mir schon einiges ein.

„Wo ist der Chef dieser seltsamen Anstalt?“. Mit Slogans wie diesem warf sich Morak, keine zwanzig Jahre ist das her, in eine Klaus Kinski-meets-Sid Vicious-Pose, und man konnte darüber lachen oder weinen, aber als Pop-Inszenierung ist dieser mehrfach wiederholte künstlerische Ausritt nachträglich als gelungen zu werten. Gelungen, da clever konzipiert, provokant (wenn auch nicht gerade authentisch), aufmerksamkeitserregend und verkäuflich. Pop im besten Sinne des Wortes. Austro-Pop.

Der Mann weiß also Bescheid. Allein: ich habe seit seinem Amtsantritt nichts zu dem Thema gehört, außer einer resignativen Bestandsaufnahme – Österreich sei im Bereich der Populärkultur ein Distributionsriese, aber ein Produktionszwerg. Sprich: es passiert zu wenig. Fast gar nichts. Und das ist die eigentliche Tragik. Die „Musiknation“ Österreich pflegt mit Milliardenaufwand ihre Hochkultur-Mausoleen und gibt einen Pfifferling oder, wenn’s hochkommt, zwei auf zeitgenössisches Musikschaffen.

Hat man Morak je in einem Konzert von, sagen wir, Mia Zabelka gesehen oder bei einem DJ-Abend mit Dzihan & Kamien? Gibt es brauchbare Konzepte und Thesen zu Themenkreisen wie Schutz des Copyrights im digitalen Zeitalter oder Förderungsmechanismen abseits der üblichen Gießkannen-Praxis? Hat Morak zugunsten seiner Klientel (oder auch nur schlicht als Kulturmensch) Einspruch erhoben etwa gegen die beschämenden, milliardenraubenden „Wir brauchen Düsenjäger, um uns gegen Bin Laden & das Böse der Welt zu verteidigen“-Fieberphantasien seiner Politikerkollegen?

Und hat der Mann je ein Wort verloren, abseits aller medienpolitischen Taktik, über die absehbare Bredouille, in die er den ORF hineinmanövriert – bei aller berechtigten Kritik immer noch die vielfärbigste und wirkungsvollste Meinungsorgel und damit das mediale Rückgrat des Landes? (Ad hoc erinnere ich mich flüchtig: als ich Morak zuletzt sah, ca. 1994, gab er das Rumpelstilzchen und jammerte über Ö3, weil der Sender partout seine letzte Platte nicht spielen wollte. Hat er, nunmehr nach oben gefallen, Bogdan Roscic im Interesse seiner Ex-Musikerkollegen in die Pflicht genommen?)

Wo ist also der Chef dieser seltsamen Anstalt? Ich hoffe, er denkt in seinem heimeligen Bunker nicht nur über die Höhe seiner Politikerpension, die Verdängungsmöglichkeiten eines ehemaligen Schizo-Punks und nunmehrigen FP-Mephistos und die Vorzüge von Rotwein, der aus Riedel-Gläsern genossen wird, nach. Ich wünsche ihm und uns Vision, Mut und Energie. Ohne Sicherheitsnetz. Ohne Rücksicht auf Schüssel, Khol, Haider & Westenthaler. Ohne Wenn und Aber. Es ist wohl die einzige Chance, dem Titel „Kulturstaatssekretär“ soetwas wie Glanz und Würde zu verleihen. Mehr fällt mir zu Franz Morak nicht ein.

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