Archive for Dezember, 2001

Das Leben nach Napster

14. Dezember 2001

Zwischen aktueller Krise und visionärer Zukunftsmusik versucht die Plattenindustrie einen – schmerzhaften – Spagat. 2001, das Jahr der Business-Odyssee, bescherte einige Antworten, aber noch mehr Fragen. Und berechtigte Hoffnungen.

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Auch wenn der Chefredakteur schon zum dritten Mal anruft – es macht Sinn, die Abgabe eines Artikels zum Thema „Zukunft der Musikindustrie“ möglichst lange hinauszuzögern. Denn die Ereignisse überschlagen sich förmlich. Täglich, stündlich, fast schon minütlich, trudeln News und Meldungen zu komplexen Reizthemen wie „Major-Online-Oligopole“, „File-Sharing-Modelle“ oder „Peer-to-peer-Pipi-Pop“ ein. Dabei, und das ist die traurige Pointe der Geschichte, rührt sich kaum etwas wirklich vom Fleck. Zumindest scheinbar.

Tatsache ist: anno 2001 sind die Probleme für Künstler, Medien und Plattenfirmen, die Geld mit der virtuellen Materie „Musik“ verdienen wollen, nicht kleiner geworden. Sondern deutlich größer. Die Zahl der kopierten CDs hat sich von April 2000 bis März 2001 mehr als verdoppelt, und bereits im letzten Jahr wurden über 300 Millionen Songs aus dem Internet heruntergeladen. 2002 wird die Zahl der gebrannten CDs die der gekauften erstmals überschreiten. Diesen Trend betrachtet nicht nur die Musikindustrie mit Argwohn – geht es doch um eine Umsatzeinbuße von rund 3 Milliarden Mark -, auch die Urheber, sprich: die Künstler, beobachten die rasante Talfahrt in die digitale Zukunft zunehmend mit gemischten Gefühlen.

Dabei ist das Geplänkel um kopiergeschützte CDs, die in diesem Jahr erstmals breitflächig getestet und anschließend mehr oder minder stillschweigend eingeführt wurden, ein Rückzugsgefecht in einem Kampf, den man weitestgehend für verloren betrachtet. Jeder Volksschüler weiß bereits, daß er nur den ersten Track weglassen muß, um „BravoHits“ zu klonen. Morgen ist es ein anderer kleiner schmutziger Trick im ewigen Hase-Igel-Wettlauf. Den perfekten Kopierschutz wird es nie geben, das ständig von Juristen durchgekämmte Online-MP3-Archiv genausowenig, allein die Hürden für Hobbypiraten sollen auf allen Weltmeeren möglich hochgeschraubt werden. Die Chefetagen der Tonträgerkonzerne versuchen so pragmatisch, den Übergang in ein neues Business-Zeitalter ohne allzu dramatische Umsatz- und Gewinneinbrüche hinzubiegen. Durchschnittlich zehn Prozent Minus, einer aktuellen Merill Lynch-Studie zufolge, sprechen aber Bände. Und 2001 war nicht das letzte Jahr des großen Kuchen-Schrumpfens.

Das Ende der Produktära kündigt sich an, der physische Tonträger wird absehbar zum nostalgischen Relikt, der Gang ins Plattengeschäft oder zum CD-Dealer zur „sentimental journey“. Eine tiefgreifende Revolution und Erschütterung, zweifelsohne. Aber auch eine frische Chance für die Industrie: wenn die CD aus der Mode kommt, kommt auch die raubkopierte CD aus der Mode. Neue Geschäftsmodelle sind der Silberstreif am Horizont: Abonnements, Download-Tankstellen, UMTS- und Wireless Broadband-Dienste, Add On-Services. Das Fachchinesisch steht für eine Palette an Dienstleistungen, die Töne aller Art zukünftig jederzeit und überall verfügbar machen werden – etwa via Handy oder Pocket-PC – und die man nach Lust und Laune um Bilder, Texte, Interviews, also Informationen und sonstige Zusatzstoffe aller Art, wird ergänzen können. Bezahlt wird pauschal oder auf Abruf, mit Minimalbeträgen, die sich schnell – siehe SMS – zu beträchtlichen Summen addieren. Die Taschengeld-Raubritter sterben nicht aus, mit Garantie.

Der Versuch der Majors, ab sofort monopolistische Internet-Quellen wie „MusicNet“ oder „pressplay“ zu installieren bzw. das coole Image und die Bekanntheit von Instant-Legenden wie Napster oder mp3.com für eigene Zwecke umzumodellieren, wird absehbar scheitern. Universal etwa wurde – Eilmeldung vom 13. November! – gezwungen, seinen Musikkatalog auch an FullAudio zu lizensieren, und einige Anbieter und Vertreiber, Service-Provider und alteingesessene Medien mehr werden folgen. Und es werden, sofern kabellose Breitbandzugänge zum Daten-Maelstrom einmal zum alltäglichen Inventar gehören und sich eine verbindende Geschäftsmethodik herauskristallisiert hat, auch die im Sog der Baisse genauso darniederliegenden Indie-Labels, Web-Plattformen und Fan- und Tauschbörsen wieder zu erblühen beginnen. Denn: letztlich macht nur etwas, das etwas wert ist, was der andere nicht hat oder kaufen kann, auch wirklich Spaß.

Sonst wäre es ja jetzt der günstigste Zeitpunkt, um Stereo-Hardware beim HiFi-Großmarkt einzukaufen, spottbillig wie nie. Man muß sich allerdings nur umsehen im Vorweihnachtsrummel – die Kids drängeln zu den MP3-Playern. Und noch kosten die Dinger (sofern sie was wert sind). Noch.

(MUSIKEXPRESS / SOUNDS)

Austropop

7. Dezember 2001

„Ich habe das Gehirn des österreichischen Menschen untersucht, und es ist Grauenhaftes dabei herausgekommen.“

(Helmut Qualtinger, „Das Schreckenskabinett des Dr.Österreicher“)

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Es ist eine fremde, seltsame Welt. Wir schreiben das Jahr 2001, ein Jahr, zu dem Stanley Kubrick Raumspaziergänge imaginierte, musikalisch untermalt von Strauss’ „An der schönen blauen Donau“. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Während in New York das World Trade Center einstürzt, zu Fall gebracht von religiösem Wahn, marschiert „Hey Baby“ von DJ Ötzi auf Platz eins der britischen Charts. Der für Kultur zuständige Staatsekretär ist ein ehemaliger Burgtheater-Schauspieler, der vor zwei Dezennien im Nebenerwerb als schneeweißer New Wave-Schizo-Punk in Erscheinung trat. Der Einpeitscher einer rechtslastigen Partei fordert „mehr österreichische Musik im Radio“, die größte Pop-Orgel des Landes verschließt sich ungebrochen starrkrampfig dem Ansinnen. Auf der vorgeblichen Insel der Seligen wird ein „Integrationsvertrag“ besiegelt – Ausländer, selbst solche, die seit Jahren in der Alpenrepublik heimisch sind, müssen die Schulbank drücken und sich fit machen für Österreich. Sprachkenntnisse werden gefordert, und, ja, Kultur. Ob „Hey Baby“ zum Lehrplan gehört, ist noch offen. Im Fall von „An der schönen blauen Donau“ darf dies nachdrücklich angenommen werden, gehört der Walzer doch zum Reliquienschatz des Homo Austriacus.

Sie gestatten: ich hätte da noch paar Vorschläge. Den „Hofa“ von Wolfgang Ambros zum Beispiel. Oder „Die Freiheit“ von Georg Danzer. Auch Rainhard Fendrichs „I Am From Austria“ ist überlegenswert, entweder im Original oder in der besonders abgefeimten Version von Das Balaton Combo. Auch im Fundus der EAV, von Falco und seiner Ur-Formation Drahdiwaberl, von Sigi Maron, Heli Deinboek, Arik Brauer, Roland Neuwirth, STS, Hubert von Goisern, Kurt Ostbahn, André Heller, Ludwig Hirsch oder Wilfried Scheutz, selbst im Ouevre eines Udo Jürgens fänden sich treffliche Denk- und Lehrstücke. Von den (vergleichsweise) jungen Rotzern á la Total Chaos, Shy, Hans Platzgumer, Texta, Josef Hader, Heinz, Äbyss oder Schönheitsfehler ganz zu schweigen.

Austropop!? Es gibt ja plötzlich Leute, die nach einer neuen Chiffre für nationales, regionales, lokales Musikschaffen Ausschau halten. „A-Pop“ steht z.B. zur Diskussion, oder gar „A-Musik“. Man kann darüber genauso schmunzeln wie über den naiv-beherzten Versuch, einen ganzen Konzertabend unter dieses Motto zu stellen („The Sound Of A-Musik“, 25.November, Wiener Gasometer). Wirklich lustig wird’s aber werden, wenn demnächst der neue ORF-Publikumsrat Peter Paul Skrepek, einer der engagiertesten und kompromißlosesten Kämpfer für die heimische Musikszene, auf die ORF-Granden trifft. Dann spielt’s einen Schlager, der bald zum Standardrepertoire aller A-Tanzkapellen zählen dürfte: „Granada“.

Vielleicht kann bei der Gelegenheit auch die Frage geklärt werden, warum ein Bogdan Roscic immer noch in seiner pubertär-autistischen Verweigerungshaltung gegenüber der Musikszene dieses Landes gefangen ist. Statt Diplomatie zu pflegen oder gar einen echten Dialog zu beginnen, schadet der Chefideologe von Ö3 so dem ORF á la longue mehr als er ihm nützt. Ein öffentlich-rechtlicher Sender, der der Armseligkeit der Privatsender dieses Landes gerade mal die doppelten und dreifachen Reichweiten voraus hat, ist nichts, woraus man ein Gebührenmonopol, die Erfüllung eines Kulturauftrags oder gar soetwas wie Stolz ableiten könnte. Wenn schon Kommerzmaschinerie, dann sollte sie konsequenterweise auch „Hey Baby“ schreien.

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