Austropop

7. Dezember 2001

„Ich habe das Gehirn des österreichischen Menschen untersucht, und es ist Grauenhaftes dabei herausgekommen.“

(Helmut Qualtinger, „Das Schreckenskabinett des Dr.Österreicher“)

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Es ist eine fremde, seltsame Welt. Wir schreiben das Jahr 2001, ein Jahr, zu dem Stanley Kubrick Raumspaziergänge imaginierte, musikalisch untermalt von Strauss’ „An der schönen blauen Donau“. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Während in New York das World Trade Center einstürzt, zu Fall gebracht von religiösem Wahn, marschiert „Hey Baby“ von DJ Ötzi auf Platz eins der britischen Charts. Der für Kultur zuständige Staatsekretär ist ein ehemaliger Burgtheater-Schauspieler, der vor zwei Dezennien im Nebenerwerb als schneeweißer New Wave-Schizo-Punk in Erscheinung trat. Der Einpeitscher einer rechtslastigen Partei fordert „mehr österreichische Musik im Radio“, die größte Pop-Orgel des Landes verschließt sich ungebrochen starrkrampfig dem Ansinnen. Auf der vorgeblichen Insel der Seligen wird ein „Integrationsvertrag“ besiegelt – Ausländer, selbst solche, die seit Jahren in der Alpenrepublik heimisch sind, müssen die Schulbank drücken und sich fit machen für Österreich. Sprachkenntnisse werden gefordert, und, ja, Kultur. Ob „Hey Baby“ zum Lehrplan gehört, ist noch offen. Im Fall von „An der schönen blauen Donau“ darf dies nachdrücklich angenommen werden, gehört der Walzer doch zum Reliquienschatz des Homo Austriacus.

Sie gestatten: ich hätte da noch paar Vorschläge. Den „Hofa“ von Wolfgang Ambros zum Beispiel. Oder „Die Freiheit“ von Georg Danzer. Auch Rainhard Fendrichs „I Am From Austria“ ist überlegenswert, entweder im Original oder in der besonders abgefeimten Version von Das Balaton Combo. Auch im Fundus der EAV, von Falco und seiner Ur-Formation Drahdiwaberl, von Sigi Maron, Heli Deinboek, Arik Brauer, Roland Neuwirth, STS, Hubert von Goisern, Kurt Ostbahn, André Heller, Ludwig Hirsch oder Wilfried Scheutz, selbst im Ouevre eines Udo Jürgens fänden sich treffliche Denk- und Lehrstücke. Von den (vergleichsweise) jungen Rotzern á la Total Chaos, Shy, Hans Platzgumer, Texta, Josef Hader, Heinz, Äbyss oder Schönheitsfehler ganz zu schweigen.

Austropop!? Es gibt ja plötzlich Leute, die nach einer neuen Chiffre für nationales, regionales, lokales Musikschaffen Ausschau halten. „A-Pop“ steht z.B. zur Diskussion, oder gar „A-Musik“. Man kann darüber genauso schmunzeln wie über den naiv-beherzten Versuch, einen ganzen Konzertabend unter dieses Motto zu stellen („The Sound Of A-Musik“, 25.November, Wiener Gasometer). Wirklich lustig wird’s aber werden, wenn demnächst der neue ORF-Publikumsrat Peter Paul Skrepek, einer der engagiertesten und kompromißlosesten Kämpfer für die heimische Musikszene, auf die ORF-Granden trifft. Dann spielt’s einen Schlager, der bald zum Standardrepertoire aller A-Tanzkapellen zählen dürfte: „Granada“.

Vielleicht kann bei der Gelegenheit auch die Frage geklärt werden, warum ein Bogdan Roscic immer noch in seiner pubertär-autistischen Verweigerungshaltung gegenüber der Musikszene dieses Landes gefangen ist. Statt Diplomatie zu pflegen oder gar einen echten Dialog zu beginnen, schadet der Chefideologe von Ö3 so dem ORF á la longue mehr als er ihm nützt. Ein öffentlich-rechtlicher Sender, der der Armseligkeit der Privatsender dieses Landes gerade mal die doppelten und dreifachen Reichweiten voraus hat, ist nichts, woraus man ein Gebührenmonopol, die Erfüllung eines Kulturauftrags oder gar soetwas wie Stolz ableiten könnte. Wenn schon Kommerzmaschinerie, dann sollte sie konsequenterweise auch „Hey Baby“ schreien.

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