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Goldkehlchen

14. Oktober 2002

Popbusiness. Kolportierte 127 Millionen Euro ist der Marktwert von Robbie Williams. Mitte November erscheint die neue Platte des Entertainers.

Wie lang muß sich ein Weltstar beim Bankomaten anstellen, um seinen Plattenvertrag in klingende Münze (respektive in Notenbündel) umwandeln zu können? Nun, im Falle von Robbie Williams genügt zur Beantwortung der stupenden Frage eine simple Division: einhundertsiebenundzwanzig Millionen Euro durch den täglichen Höchstbetrag von vierhundert Euro durch 365 Tage ergibt 869 Jahre und ein paar Zerquetschte. Nun, Williams wird seinen Vorschuß für CD-Verkäufe sicher stilvoller einstreifen, aber die fiktive Rechnung hat ihren Reiz. Genauso wie jener Vertrag, der den Briten zum bestbezahlten Pop-Gigolo des Jahres, eventuell sogar des Jahrzehnts, macht. Ein! Hundert! Sieben! Und! Zwanzig! Millionen! Euro!!! Hat da irgendjemand etwas von einer Krise des Musikgeschäfts gesagt?

Doch wer würde dieses Handgeld, das dem smarten Jüngling förmlich aufgedrängt wurde, nicht nehmen? Zumal das Leitmotiv für Robbie schon mit Sechzehn „Take That“ hieß. In diesem frühreifen Alter brach Robert Peter Maximillian Williams die Schule ab, um für ein Reißbrett-Konzept des Musikagenten Nigel Martin-Smith Kopf und Körper hinzuhalten. Seine Rolle inmitten einer der erfolgreichsten Boygroups der achtziger Jahre war die des Clowns. Und Robbie war ein guter Clown. Doch das quirlige Eigenleben, das er entwickelte, war in seinem Vertrag so nicht vorgesehen. Nach fünf Jahren, etlichen Konflikten mit dem Management und Drogeneskapaden verließ Williams seine Kollegen Gary Barlow & Co. Die Solokarriere läutete er mit einer plakativen Geste ein – einer Coverversion von George Michaels „Freedom“, die nur von den Spice Girls auf Achtungsdistanz zum Chartsgipfel gehalten werden konnte. Gemeinsam mit seinem „Musical Director“ Guy Chambers gelang es Robbie Williams, zügig von der Teens-Marionette zum anerkannten Universal-Entertainer zu mutieren. Zielgruppe: weiblich, weiß, zwischen Sechs und Sechzig.

Vier Alben und annähernd 20 Millionen verkaufte Stück nach seinem ersten Husarenstück übt sich der „extrem talentierte und vielseitige Künstler“ (so EMI-Chairman Alain Levy) wieder in Befreiungsschlägen. „Escapology“, so der Titel des neuen Albums, wird weltweit am 18.November erscheinen, rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft. Zuvor hatte es eine Art halböffentlicher Auktion gegeben – mit allen Großen des Plattengeschäfts im Auditorium. Universal, Sony, Warner und andere Platzhirsche hatten sich überboten, eine Zeitlang schien Branchenlegende Richard Branson („Virgin“) mit seinem neuen Label „V2“ der Favorit. Kolportierte Vertragssumme: 46 Millionen Pfund. Pardon!, zu wenig. Denn letztlich erhielt wieder Williams’ altes Label EMI den Zuschlag. Für, so die Mär, sage und schreibe 127 Millionen Euro.

Ein erstaunlicher Deal. Denn die EMI, das letzte Traditionslabel, das (noch) nicht in einem Medienkonzern aufgegangen ist und daher die tiefgreifende Krise der Musikindustrie härter verspürt als Sony, Bertelsmann oder Time-Warner, fiel in den letzten Monaten vor allem durch Negativschlagzeilen auf. Erst kürzlich wurden 1800 Mitarbeiter freigestellt, ebenso Heerscharen „zweitklassiger Künstler“ (Levy), der vormalige EMI-Chef Ken Berry war zudem mit einer Abfindung von sechs Millionen Pfund in die Wüste geschickt worden. Rekord in der Abfertigungs-Hitliste britischer Manager. Doch ein Klacks im Vergleich zu jener Künstlerin, die für Berrys Karrieretief verantwortlich gemacht wird: Mariah Carey. Deren Longplayer „Glitter“ geriet zum Totalflop, der Berry-Nachfolger Levy – branchenweit gefürchtet als Brachialsanierer – entließ sie mit einem Schmerzensgeld von 28 Millionen US-Dollar in die ungewollte Freiheit. Carey begab sich umgehend in psychiatrische Behandlung, Levy dagegen verkündete das Ende der Multimillionen-Veträge für überzüchtete Superstars.

Bei Robbie Williams bleibt aber alles anders. „A truly groundbreaking deal“ über mindestens sechs Alben sei besiegelt, verkündete die Presseabteilung des Major-Konzerns. Über die Höhe der Ablösesumme ließ man jedoch nichts verlauten, die in der Boulevardpresse kolportierten 127 Euro-Millionen werden als „Spekulation“ abgetan. „Der Vertrag macht mich reicher, als ich es mir jemals erträumt habe“ blieb auch Williams selbst gegenüber der britischen „Sun“ reichlich vage. Man kann aber davon ausgehen, daß Williams durchaus neunstellig träumt.

Dennoch sind Zahlen im Musikbusiness strikt relativ zu werten. Denn natürlich kassieren Williams und sein Manager diese Summe nicht bar auf die Hand. Sogenannte „marketing commitments“, also jene nicht unbeträchtlichen Garantie-Ausgaben für Videos, TV-Werbung und weltumspannende Bauzaunplakatierung, sind selbstverständlich eingerechnet. Und die EMI selbst bezeichnet den Kontrakt mit Robbie Williams als „highly innovative“, was darauf hindeutet, daß man den Wünschen des Künstlers nach kreativer Fessellosigkeit auch in ungewöhnlichen (und wahrscheinlich ungewöhnlich riskanten) Vertragsparagraphen fixierte. Tatsächlich hatte der Freigeist hoch gepokert: CD-Presswerke waren von Williams Management längst gebucht, als das Vertriebslabel noch nicht festand. „Escapology“ wäre dem Namen gerechter geworden, wenn es tolldreist quasi im Eigenverlag erschienen wäre.

Aber man kann nicht alles haben. Ex-Freundin Nicole Appleton berichtete der Regenbogenpresse inzwischen von einer Abtreibung eines gemeinsamen Kinds, Nachfolgerin Rachel Hunter nannte Williams nach der aktuellen Trennung öffentlich einen „Heuchler“. Und Freund und Hitlieferant Guy Chambers kündigte seinem Goldspatzen inzwischen die Zusammenarbeit – nach einer Weigerung, exklusiv für ihn zu werken. „Ich habe fast alle seine Hit geschrieben“, so Chambers, „und er behandelt mich wie Dreck. Der Mann ist völlig abgehoben.“ Wirklich danach klingt der Hauptdarsteller allerdings nicht: „Spaß macht mir mein Leben nicht. Nur die Bezahlung ist fantastisch“.

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