Archive for Mai, 2003

Ein Hoch auf den Dieb!

30. Mai 2003

Anmerkungen zum neuen Album „Hail The Thief“ von Radiohead.

310696.jpg

„Are you such a dreamer / to put the world to rights…”
(“2+2 = 5”)

Daß Radiohead eine innovative, wagemutige, progressive – und damit essentielle – Band sind, muß hierorts niemandem nähergebracht werden. Das Interesse gilt voll und ganz „Hail To The Thief“, dem neuen, sechsten Album des Kollektivs rund um Sänger Thom Yorke. Schluß mit den Experimenten? Die Wiedergeburt der frühen, konventionellen Rock-Phase? Ein sonnigeres, optimistischeres, altersmildes Opus gar? State Of The Art in Sachen Kunst-Pop?

Nein. Ja. Jein. Ja, doch. Sagen wir so: es ist, wer hätte anderes vermutet, einmal mehr eine reichlich spannende Angelegenheit, dem neuesten Radiohead-Werk zu lauschen. Die Erwartungshaltung des Kenners und Fans wird, und diese Kunst beherrschen Yorke & Co. wahrscheinlich meisterlicher als jede andere Band auf diesem Planeten, gleichwohl eingelöst wie komplett zerstört.

Der Titel „Hail To The Thief” spielt ungeniert auf George Bush an. (Der Slogan „Hail To The Thief! Love Your Country. Never Trust It’s Government.“ wurde nach dem höchst umstrittenen Ausgang der US-Präsidentenwahlen anno 2000 durch die amerikanische Protestbewegung geprägt). Die vierzehn Stücke auf dem gleichnamigen Album sprechen in oft kryptischen Metaphern und Textfragmenten zu uns, eingebettet in komplexe, fragile, bisweilen zögerliche, gleichwohl eindringliche Songstrukturen und Arrangements. Es ist der Soundtrack zu einer Welt, die nach dem 11.September 2001, nach Afghanistan und dem aktuellen Versuch im Irak, eine neue Weltordnung zu erzwingen, nicht mehr dieselbe ist wie zu Zeiten von „O.K. Computer“ oder gar „Pablo Honey“. Heute überwiegen Verunsicherung, Paranoia, Depression, Angst, Wut. Sie schwingen auf „Hail To The Thief“ unüberhörbar mit. Die Karma-Polizei schreitet wieder ein.

Dabei verbinden Radiohead auf ihrem neuen Werk die Eingängigkeit früherer Jahre mit der Widerborstigkeit und Sprödheit der letzten Alben, etwa „Kid A“. Schon der Opener „2+2 = 5“ erinnert mit seinem Rock-Habitus an „The Bends“, bei anderen Stücken des von Nigel Godrich in Oxfordshire und Los Angeles produzierten Albums blitzt die symphonische Opulenz der neunziger Jahre durch. Gewiß ist „Hail To The Thief“ aber lauter, schneller und direkter als „Amnesiac“ oder „Kid A“ ausgefallen. Das Video zur ersten Single-Auskoppelung „There There“ läßt uns mit Yorke in einem magischen, labyrinthischen Wald aus Tönen herumirren. Manche könnten zurückbleiben, aus schierer Überforderung oder intellektueller Kurzatmigkeit. Dem Radiohead-Apostel kommt derlei gerade recht. „Die Meßlatte für introvertierte Alternative Music wird mal wieder für einige Zentimeter nach oben verschoben“, mußmaßte ein Fan im Internet. Womit ein wichtiges Stichwort gefallen ist.

Das World Wide Web ist für Radiohead zum wichtigsten Kommunikations-Tool geworden. Der Cyberspace als Paralleluniversum, als riesiger Hohlspiegel, der die Emotionen und Reaktionen auf „Hail To The Thief“ bündelt und widerspiegelt. So startete am 30.Mai „Radiohead TV“ (www.radiohead.tv), das Live-Mitschnitte, Videos, Fan Footage usw. versammelt. Dazu sind – nebst allerlei Teasern, Trailern, e-cards und Popups, die uns demnächst um die Ohren schwirren werden – interaktive Online-Spiele („The Gloaming Game“) in Aussicht gestellt, die mit Textbrocken und Songzeilen aus dem aktuellen Album hantieren lassen. Für Journalisten haben sich Radiohead einen besonderen Spass einfallen lassen. In „Spin With A Grin“ können Fragen an die Band gestellt werden; diese Fragen werden kassandra-artig entweder persönlich beantwortet oder gelöscht. Nach dem Versteckspiel von „Kid A“ – keine Singles, keine Videos, kein Interview – ein menschenfreundlicher Zug mit Mehrwert.

Nebstbei: daß das Album „Hail To The Thief“ für Insider seit Wochen aus dem Netz zu fischen ist, stört die Band nicht weiter. „Ich bin irritiert, aber nicht verärgert“, postete Jonny Greenwood im Message Board der Band-Homepage. Der Albumtitel sei jedenfalls nicht als Kommentar zu Kazaa & Co. zu werten. Dort kursieren, so Produzent Nigel Godrich, meist Rough Mixes (Vorabversionen) der neuen Stücke. Was Liebhaber der Band zu eindeutigen Schlüssen bringt. „Wenn ich sage, daß Radiohead Mehrwert hat“, so eine Stimme auf der FM4-Homepage, „meine ich damit, daß ich nur Menschen kenne, die sich das Album aus dem Internet runterladen, weil sie solche Freaks sind, daß sie den CD-Release nicht erwarten können. Sie saugen die neuen Songs in sich auf und kaufen sich später das zugehörige Album. Denn eine Radiohead-Platte ist eben nicht nur eine einfache Platte. Sondern hat Mehrwert.“

Mehr hin, Wert her. Radiohead inszenieren große Kunst, und die muß, soll, kann und darf nicht in Verkaufseinheiten, Page Impressions, Downloads oder Quoten nach Noten gemessen werden. Oder doch? Man hat der Band bisweilen vorgeworfen, sich in Manierismen zu verlieren, „nur mehr elektronisch herumzufrickeln“ und dabei nachvollziehbare Songstrukturen zu vernachlässigen, das eigene Dilemma im Spannungsfeld zwischen Stadionrock und Gummizelle, zwischen Autismus und Chartserfolg zum Thema zu machen. Nun, das tun sie, und es verdient Respekt. Mächtigen Respekt. Das – professionelle und persönliche – Ringen um Integretät ist für Thom Yorke, Ed O’Brien, Phil Selway, Colin und Jonny Greenwood zum intensiven – und damit für den Hörer zumeist wohlig irritierenden -Wechselbad der Gefühle geworden. Herausgekommen sind in diesem permanenten Wandlungsprozeß einige der wichtigsten, berührendsten und stilbildenden Pop-Entwürfe der Jetztzeit.

„Es gibt überhaupt keinen Zweifel, wo Thom Yorke & Co. stehen“, so der Kritiker Matthew Cooke. „Die Distanz zum Prog-Rock bei „2+2 = 5“ und Yorkes Terror bei dem Gedanken, in eine Schublade gesteckt zu werden, machen das sofort klar. Aber ein Gefühl von Machtlosigkeit überschattet alles. Das klimpernde Klavier hinter der kühlen Klangfassade von „Backdrifts“ und die kurze, herabschwirrende Melodie inmitten von „Sail To The Moon“ sind Inseln in einem Meer von Verwirrung. Wie bei allen gelungenen Stücken dieser Band muß man sich „Hail To The Thief“ oft anhören, bis man es so richtig würdigen kann. Wer es tut, wird reich belohnt.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

%d Bloggern gefällt das: