Das Ende der Stein-Zeit

23. Februar 2004

Showdown in den Chefetagen der Musikindustrie. Her mit den Enthüllungs-Biographien von Stein, Renner & Co.!

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„Mögest Du in interessanten Zeiten leben“ lautet ein alter chinesischer Spruch. Wohlgemerkt: es handelt sich keineswegs um einen frommen Wunsch, mit dem man Freunde zu bedenken pflegt. Im Gegenteil. „Mögest Du in interessanten Zeiten leben“ gilt als Fluch.

Nun: wir leben in interessanten Zeiten. Zweifelsohne. Kollegen, die in jenen Branchen tätig sind, denen die Aufmerksamkeit von „Sound & Media“ gilt, wissen davon ein Lied zu singen. Egal, ob Klagelied, lethargisches Mantra oder Spottgesang – es ist im Regelfall in Moll gestimmt. Nicht wenige retten sich in Zynismus (Wer hat nicht gerade das „Ich bin in der Musikindustrie – holt mich hier raus!“-Scherzkeks-File in seinem Outlook-Eingangsfach vorgefunden?). Viele geben auf. Freiwillig oder gezwungenermaßen.

Womit wir beim Thema wären. Die spannenden Zeiten resultieren schlichtweg aus dem größten Umbruch der letzten fünf Jahrzehnte. Seit Thomas Alva Edison den Phonographen erfand, hat die Musikindustrie einige Aufs und Abs erlebt, meist eng verbunden mit technologischen Entwicklungen (nebstbei, ein Fingerzeig auf ein neu erschienenes, ausgezeichnetes Kompendium aus heimischen Landen: Peter Tschmuck, „Kreativität und Innovation in der Musikindustrie“, Studien Verlag). Der Umstieg von analogen auf digitale Formate ab Beginn der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bedeutete aber einen Paradigmenwechsel, dessen Folgen damals noch nicht abzusehen waren. Heute erschüttern sie eine ganze Industrie. Die Revolution frißt nicht ihre Kinder. Sondern ihre Väter.

Lange, L.A.Reid, Schenk, Renner, Stein… Es geht Schlag auf Schlag. Showdown in der obersten Etage. Bezeichnenderweise sind es die Personalien, die in dieser Branche als besonders heißer Scheiß gehandelt werden, weniger jene Meldungen, die für wirkliches Aufhorchen sorgen sollten („Apple fährt mit dem iPod das beste Ergebnis seit langem ein“, „Nokia plant eigenes Musiklabel“, „HP schließt Allianz mit Apple“ usw.usf.) Verständlich – „It’s a people’s business“, und das ist in der Regel keine Leerformel. Dennoch schimmert bei all den Personalentscheidungen eines durch: die Zeit der Glanz und Gloria versprühenden Musikmagnaten, Impresarios und Pop-Potentaten ist vorbei. Sie sind bzw. waren zu teuer, zu unflexibel, zu eitel, zu konservativ, zu unsympathisch, zu fixiert auf jene Insignien, die das Business der letzten Jahrzehnte ausgemacht haben. Schluß mit lustig. Jetzt haben Investoren, Controller und Ex-Kollegen eine Münze (ein)geworfen und spielen das Lied vom Tod.

Wie immer auch: wir müssen uns keine Sorgen um Udo Lange, Tim Renner oder Thomas Stein machen. Der eine wird eine Zeitlang damit beschäftigt sein, seine Vermögenswerte zu sortieren. Den anderen zieht es unter dem großen, weiten Bertelsmann-Dach zu RTL. Der dritte wiederum, Renner, mag sich in der Politik wiederfinden, oder bei der Telekom, bei Apple oder, pardautz!, an der Spitze von BMG-Sony. Wir dürfen gespannt sein. Erst recht, wer nachfolgt. Möglicherweise kommen jetzt ja die „Bettnässer“ (Copyright T. Stein) ans Ruder. Möglicherweise aber auch Leute, die das Geschäft vollkommen neu denken, lenken und formen. Das Ende der Stein-Zeit war absehbar.

Dennoch: die Häme, die man jetzt dem DSDS-Juror hinterherschleudert, war ebenso absehbar, wie sie ungerecht ist. Denn eines muß man den genannten Ex-Führungskräften lassen: es waren Macher mit Ecken, Kanten, Selbstbewußtsein und Initiativkraft. Respekt, noch im Nachhinein. Natürlich stand ein Thomas M.Stein für andere Werte und einen anderen Stil als ein Tim Renner (der es wiederum nicht notwendig hätte, daß solch peinliche Huldigungs-Artikel erscheinen wie die Hagiographie in „Spiegel online“. „Als hätte man den Jesus Christus der Musikbranche ans Kreuz geschlagen!“, lästerte man andernorts – zurecht). In der persönlichen Begegnung waren und sind beide aber mehr als interessante Gesprächspartner, und ihre Meriten und Positionen waren keine Zufallsprodukte oder Ergebnisse einer sie begünstigenden Konzern-Innenpolitik. Im Gegenteil.

Biographische Werke von „Onkel Stein“ oder dem Ex-Journalisten Renner über die Vorgänge und Hintergründe der Branche („DSDS – der Triumph, der gleichzeitig der Killer war“, „Rammstein, Apocalyptica & Co. – wollt ihr den totalen, lokalen A&R-Krieg?“…) wären jedenfalls aufschlußreicher und kurzweiliger als die launigen Erinnerungen eines Dieter Bohlen. Da wage ich jede Wette. Falls ein Ghostwriter gesucht wird – stehe gerne zur Verfügung. Man kann ja mittlerweile mit dem Schreiben über die Fisematenzen und Kalamitäten der Branche mehr Geld verdienen als in der Branche selbst.

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Eine Antwort to “Das Ende der Stein-Zeit”


  1. […] Nachwehen verspüren wir noch heute – und die „PopKomm“ einen langsamen Tod sterben, diverse Industrie-Magnaten dagegen rasch abtreten, beäugte Franz Morak bei skurrilen Auftritten, näherte mich wieder dem […]


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