Archive for März, 2004

Mein Freund Harvey & der Schrottplatz-Blues

29. März 2004

Beiläufige Anmerkungen zum Debut-Album von The Bunny Situation.

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Ach ja, noch etwas. „Es geht in fast jedem Track um Liebe: sehnsüchtige Liebe, mißbrauchte Liebe, Selbstliebe, mangelnde Liebe, abhängige Liebe… Sie existiert auch in dieser Welt noch, sie muß aber gefunden werden. At the end love is here to be found…“. Schreibt Ellen Muhr. Schreibt das Leben. Life ain’t funny.

Dieses Album kommt wie aus dem Nichts. Dabei ist es zwei Jahre alt, mindestens. Und findet jetzt, eine große Plattenfirma im Rücken, die Beachtung, die es verdient. Life Ain’t Funny. Das Debutalbum. Von: The Bunny Situation. Ein Statement. Ein Duo. Florian Prix und Ellen Muhr. Prix ist für die Bedienung der Computer zuständig, und für alles, was Geräusche, Töne, Lärm von sich gibt. Ellen Muhr für den Rest. Den Gesang etwa, nicht gerade den unwichtigsten Part in The Bunny Situation. Und natürlich die Texte. Flaschenpost aus dem Mikrokosmos einer intensiven, gleichwohl höchst eigenwilligen künstlerischen Zweierbeziehung.

„Wenn diese Musik eine Struktur aus Stahl hätte, dann die eines Schrottplatzes“, sagt Prix. „Lokomotiven, die zu Töpfen und Pfannen eingeschmolzen werden. Schrauben, Mütter und Bolzen, dazu Schienen als Ornamente. Lose herumliegende Teile, die gebogen, gedehnt und gebrochen werden, um musikalische Ideen und Formen zu schaffen. Ein gleichwohl organisierter wie anonymer Prozeß. Hier gehen Musique Concrete, Fuck-you-Punk, eine gute Tasse Kaffee, Improvisation und die Leidenschaft, die Nase in den akustischen Mülleimer zu stecken, Hand in Hand.“

Wir finden uns wieder inmitten eines Ensembles aus Geschirrspüler, Laptops, verstimmten Pianos und unsynchronisierten Tape-Loops. Nochmals Prix: „Die ältesten Soundfiles stammen aus dem November 1998. Keine Ahnung mehr, was das ursprünglich war. Vielleicht ein Korg MS20-Synthesizer, auf Viertelzollband aufgenommen? Die Harddisk, die nicht mit der Soundcard harmonierte? Die Nachbarn? Wer weiß das schon, wen kümmert’s auch?”

The Bunny Situation: ein fanatisch-fantastischer Klangbastler und eine Stimme aus dem tiefsten Inneren. Wenn diese Antagonisten aufeinandertreffen, selten genug, dann sprühen kühlen Funken. Ein Austausch von Momentaufnahmen findet statt, Polaroids ihrer akustischen und emotionalen Ist-Zustände, akustische Puzzle-Teilchen, Files, die nach Belieben vermengt, verworfen und neu arrangiert werden. Die Kommunikation findet bisweilen fast ausschließlich über das Telefon statt, die Nebengeräusche als unabdingbare Begleitmusik des eigentlichen schöpferischen Prozesses. Oder man trifft sich, wie beiläufig, in einem Wohnzimmer, das als Aufnahmestudio und Konferenzraum mißbraucht wird. Nie im Studio selbst. So tönt der Schrottplatz des Herzens.

Hier der Beipackzettel. „Wir lieben Plastik-Beats. Wir lieben 60er-Jahre-Soul, Funk, Rock’n’Roll und Elektronikschrott. Wir lieben minimalistische Makro-Bewegungen. Die grobe Struktur von Xerox-Kopien. Das ist unser persönlicher Bunny-Scrapyard-Blues“.

Auftritt Ellen Muhr. „Schon mit neun Jahren habe ich Geige in einem klassischen Orchester gespielt. Ich liebte es, Opernarien zu singen und Melodien aus Musicals, besonders „Hair“. Ich mochte den Pop der sechziger und die Disco-Musik der siebziger Jahre, aber auch Jazzrock. Später hörte ich dann Bands wie Prefab Sprout, Everything But The Girl oder The Nits. Ich übte meine Stimme und wollte an die Oper. Da mein Freund aber Jazzbass studierte, geriet ich stärker und stärker in diese Richtung und gründete schließlich eine Jazz-Band namens „Icy Finger“. Ich improvisiere gerne, mag es, meiner Stimme unterschiedliche Färbungen zu verleihen. Heute studiere ich Jazz, gebe Gesangsunterricht und arbeite mit unterschiedlichsten Jazzmusikern, DJs und Protagonisten der Elektronik-Szene zusammen.“ Darunter, für Chronisten, Enduro, Takon Orchestra und Forms Of Plasticity.

Auftritt Florian Prix. 1972 geboren. Pinguin-Fanatiker. Macht sich gern unbeliebt auf Parties, wo die CD-Kollektion des Gastgebers nicht weggesperrt ist – denn dann läßt Prix gerne Weberns Streichquartette auf The Rolling Band folgen, konterkariert von Glenn Goulds Improvisationen zu Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ oder Guns `n Roses. Studierte Tontechnik, experimentelle Komposition und unzählige andere nutzlose Dinge. Glaubt unbedingt an die „If it’s not broken don’t fix it“-Theorie. Aus diesem Grund keine Software-Updates und Skeptizismus gegenüber Beatles-, Michael Jackson- und Jimi Hendrix-Coverversionen (mit einigen bemerkenswerten Ausnahmen). Fand irgendwann in den frühen Neunzigern per Zufall heraus, daß Systeme (Musik inklusive) desto besser funktionieren, je eher sie im ursprünglichen räumlichen, emotionellen und technischen Kontext belassen werden. Mit-Gründer von „cat-x“, einer Firma, die sich auf die technische Realisation von Medien-Projekten, Ausstellungen, Installationen usw. spezialisiert hat. Der Prozeß der Transformation als Unternehmensgegenstand: Konzept, Durchführung und künstlerisches Resultat inklusive.

„Flo gab mir Bänder voll mit coolen Beats und undefinierbaren Sample-Sounds. So begann diese ganze Bunny-Geschichte“. Originalton Ellen Muhr. „Es klang roh, dreckig – und wunderbar. Ich gewann dazu sehr rasch eine persönliche emotionale Beziehung. Jeder Track inspirierte mich, eine Geschichte zu erzählen. Singen bedeutet zu mir selbst zu sprechen, und Worte bedeuten nur etwas, wenn sie meine Seele berühren. Es geht mir nicht um „schönen“ Gesang. Wenn meine Stimme angenehm und im herkömmlichen Sinn schön klingt, dann hat das mit der Geschichte, die ich erzähle, zu tun. Meine Stimme hat drei, vier verschiedene Facetten auf diesem Album, aus diesem Grund. Musik und Texte sind ungeschliffen, tiefgängig, stimmungsgeladen, sensibel, schön. Und besitzen einen Anflug von Humor.

Life Ain’t Funny? Wie man’s nimmt. Wie das Leben selbst, oszilliert das Album zwischen „Good Vibes“ und „Nightmare Monsters“, zwischen streichelweichem Trip-Hop und schockgefrorener Elektronik. Lassen wir das Name-Dropping, wer Vorbild, wer vergleichbar, wer seelenverwandt sein könnte. Unser aller Freund Harvey, der unsichtbare Hase, sitzt nebenan auf einem Barhocker und nippt gelassen an seinem Drink. Im Hintergrund leise Musik. Kommt einem irgendwie bekannt vor, wohlvertraut, verstörend sublim. Entertainment subkutan. „Life Ain’t Funny“, sagt der Barkeeper. The Bunny Situation. Man sollte sich daran gewöhnen. Man wird es lieben lernen. Man wird es lieben.

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MP3 und die Folgen

26. März 2004

Den einen gilt er als Heilsbringer, den anderen als Totengräber der Musikindustrie: Karlheinz Brandenburg, der Erfinder des MP3-Formats, über moralische Zeigefinger, das Kulturgut Musik und die Stereoanlage der Zukunft. Das Interview wurde im März 2004 in München geführt.

Prof. Dr. Karlheinz Brandenburg, 49, studierte Elektrotechnik und Mathematik. Heute leitet er das Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT und ist Direktor des Instituts für Medientechnik an der Technischen Universität Ilmenau. Ende der achtziger Jahre entwickelte Brandenburg ein Verfahren zur Kompression von digitalen Audio-Daten, das es ermöglichte, Musik unkompliziert, sprich: mit deutlich verringertem Speicherbedarf, über das Internet zu distribuieren oder auf Datenträgern festzuhalten.

Das Verfahren wurde weltweit unter dem Kürzel „MP3“ bekannt und ist bis heute ein milliardenfach verbreiteter Standard. Mit einer – eventuell fatalen – Detailschwäche: es bietet vordergründig keinen wirksamen Kopierschutz. „MP3“ wurde damit zum Synonym für den Aufstieg der Tauschbörsen á la „Napster“ und zur unkontrollierten Verbreitung von digitalen Soundfiles.

Anno 2004 beschäftigt sich Karlheinz Brandenburg u.a. mit aktuellen Download-Geschäftsmodellen, der Weiterentwicklung von MP3 (und verwandten MPEG-Formaten), wirksamen Kopierschutzmaßnahmen und der „Stereoanlage der Zukunft“. Für die Etablierung des MP3-Standards erhielt der Forscher u.a. den „Deutschen Zukunftspreis“.

Gröbchen: „Herr Professor Brandenburg – für Musiker, Computerfachleute, IT-Fachleute tragen Sie einen geläufigen Namen. Laien ist er aber mehr oder minder vollkommen unbekannt. Wenn Sie sich selbst einem Laien vorstellen – wie würden Sie das tun?“

Prof. Brandenburg: „Ich bin Professor für Elektronische Medientechnik an der Technischen Universität in Ilmenau, gleichzeitig Leiter des Fraunhofer Institutes für digitale Medientechnologie in Ilmenau und eigentlich am ehesten bekannt für meine intensive Mitarbeit am Standard MPEG 1 Audio Layer 3, viel häufiger bekannt als MP3.“

Gröbchen: „Dieses Stichwort ist vielen geläufig – MP3. Aber wiederum an einen Laien gerichtet: was genau darf man darunter verstehen?“

Prof. Brandenburg: „MP3 wird heute schon von vielen Leuten als Synonym für digitale, komprimiert gespeicherte Musik gesehen, ist aber streng genommen eine Variante eines jetzt schon ziemlich alten Standards zur komprimierten Speicherung und Übertragung von Musik. Was da passiert ist, ist, daß gegenüber der CD – da ist ja eine bestimmte Datenmenge vorhanden – mit recht komplexen mathematischen Operationen eine Darstellung erzeugt wird, die zum Beispiel nur noch ein Zwölftel des Speicherplatzes braucht. Und, ja, damit kann ich die zwölffache Menge Musik über Internet übertragen in einer bestimmten Zeit, oder – wenn der CD-Spieler das kann – die zwölffache Menge Musik auf einer CDR speichern und wieder abspielen.“

Gröbchen: „Das heißt, das Revolutionäre ist der deutlich verringerte Platzbedarf, der durch MP3 ermöglicht wird?“

Prof. Brandenburg: „Ganz richtig. Das funktioniert mit Methoden, die einbeziehen, wie das menschliche Gehör funktioniert. Das heißt, die Musik soll trotz dieser Komprimierung noch genauso klingen wie vorher, obwohl eine ganze Menge an Detailinformationen außen vor gelassen wurde.“

Gröbchen: „Wann haben Sie mit der Entwicklung dieser Datenreduzierungs-Standards begonnen? Was war der Ausgangspunkt und wie verlief die Entwicklung?“

Prof. Brandenburg: „Das geht sehr weit zurück in der Geschichte. Natürlich, wie immer, gibt’s noch Vorgängerverfahren. Der Auslöser war meine Doktorvater, Prof. Dieter Seitzer, der Ende der 70er Jahre gedacht hat, ISDN kommt, da müßte man doch nicht nur Sprache, sondern auch Musik übertragen können. Er hat es zum Patent angemeldet und ein Patentprüfer hat gesagt „Nein, nein – es ist bekannt nach Stand der Technik, daß es unmöglich ist“. Seitzer hat dann einen Doktoranden gesucht, der beweist, daß es doch funktioniert.“

Gröbchen: „Das waren Sie.“

Prof. Brandenburg: „Das war ich – und damit ging die ganze Sache los. Erst mal ziemlich langsam; und es war erst 1986, daß wirklich technisch der Durchbruch erfolgt ist, neue Ideen reingekommen sind und dann 1987, -88, -89, daß das Thema aufgenommen wurde vom damals ganz neuen Fraunhofer Institut in Erlangen. Leiter der Arbeitsgruppe war Professor Gerhäuser. Im Rahmen des Eureka-DAB-Programms wurde dann ganz wesentlich geforscht an diesen Themen und die Vorschläge wurden auch in die Standardisierung eingebracht – eben in diese MPEG Moving Pictures Expertengruppe.

MP3 ist ja nicht der einzige Audiokomprimierungs-Standard, den es gibt. Da sind auch andere Varianten, wie sie z.B. im digitalen Rundfunk und Fernsehen eingesetzt werden, vorhanden – der sogenannte Layer 2, der übrigens in München ganz wesentlich vom Institut für Rundfunktechnik mitentwickelt wurde. Wir haben uns damals sozusagen auf Weltebene einen inner-bayerischen Konkurrenzkampf geliefert. Erlangen und München – später kamen natürlich andere dazu. AT&T in USA, die ganz wesentlich mitgearbeitet haben. Dazu Thomson, mit denen heute auch die Lizensierung läuft. Das ganze bedeutete erst mal intensive technische Entwicklung, dann die Frage der Umsetzung in den Markt, die gar nicht so einfach lief und seither aber auch technische Weiterentwicklung. MPEG ist ja gleichzeitig auch der Standard fürs digitale Fernsehen, der Videoteil davon. Mittlerweile existieren sehr viele weitere Standards aus diesem Umfeld.“

Gröbchen: „Das heißt, eine Welt der Medien ohne MPEG-Formate ist heute gar nicht mehr vorstellbar. War das denn damals eigentlich absehbar?“

Prof. Brandenburg: „Das waren natürlich die Träume, die die Leute gehabt haben. Weil es vorher in diesem Bereich verschiedene Einzelstandards gab, immer für eine einzelne Anwendung, war die Idee, die Doktor Leonardo Chiariglione – sozusagen der Vater von MPEG – damals, Mitte der 80er Jahre, einen universellen Standard zu schaffen, der in ganz verschiedenen Bereichen angewandt werden kann. Unter anderem eben auch im Rundfunkbereich, beim Fernsehen – und das hat auch wirklich so funktioniert. Alle digitalen Fernsehsysteme weltweit heute arbeiten nach MPEG-Standards, obwohl leider es heute immer schwieriger ist in Sachen Standardisierung. Die Fernsehstandards in Europa in USA und in Japan arbeiten zwar alle nach MPEG-Normen, sind aber nicht direkt zueinander kompatibel. Leider.“

Gröbchen: „Das würde man sich doch als Konsument eigentlich wünschen – Kompatibilität. Was verhindert diesen Universalschlüssel?“

Prof. Brandenburg: „Das würde man sich wünschen – und das ist auch das Ziel von Standardisierung, nämlich Interoperabilität zu ermöglichen. Das scheitert immer wieder an den Egoismen verschiedener Beteiligter. Ob das jetzt Firmen sind, Firmenkonsortien – es gibt eben immer wieder die Überlegung, daß, wenn ich etwas selbst mache, ich bessere Kontrolle über den Markt habe. Das machen Firmen so, die dann ja auch verurteilt werden, wegen monopolistischen Verhaltens wie etwa Microsoft. Das machen aber auch entsprechende lokale Standardgremien in den USA, in Europa und Japan so.“

Gröbchen: „Zurück zu MP3. Das Verfahren hat sich doch, vielleicht auch unbeabsichtigt, als Standard etabliert. Also als das freie Format, das sozusagen von jeder Hardware auf dieser Welt gelesen werden kann. MP3 hat Musik über das Internet sehr unkompliziert verfügbar gemacht und damit eine Branche und die Welt insgesamt verändert. Das Avantgardmagazin de:bug hat einmal geschrieben, daß das Konzept von MP3 die Sprengkraft der Atombombe hätte – zumindest für die Musikindustrie. Nun: die Unterhaltungsindustrie ist tatsächlich in ihren Grundfesten erschüttert. Waren diese Folgen schon relativ frühzeitig absehbar?“

Prof. Brandenburg: „Es ist die Frage, was man als frühzeitig sieht. Anno 1989 vielleicht noch nicht, auch wenn ich mich erinnere, daß mich mal ´88 jemand gefragt hat, was aus der Forschung werden könnte und ich gesagt habe damals, „naja, es kann in Bibliotheken verstauben wie viele andere Dinge – oder es kann ein weltweiter Standard werden, der von Millionen Leuten genutzt wird“. Das war natürlich ein Traum. Vor knappen zehn Jahren allerdings war schon absehbar, daß das Internet immer wichtiger wird. In diesem Kontext haben wir bei Fraunhofer in einer internen Besprechung festgestellt, beim Durchblick dessen, was es sonst alles so gab, daß wir eine Chance haben, MP3 zu dem Internet-Audio-Standard zu machen. Ohne wirklich zu wissen, was es bedeutet. Es gab aber auch schon Visionäre wie einen gewissen Ricky Adar, der damals – Ende ’94, Anfang ’95 – in England versucht hat, eine Firma aufzumachen, die elektronischen Musikvertrieb machen wollte. Adar hat uns damals in Erlangen besucht und wo ich erinnere mich heute noch genau, wie er bei uns im Büro saß und uns mit indischem Akzent gefragt hat :“ Do you know that you will destroy the music industry?“… Also ich denke, seit knapp zehn Jahren kann man nicht sagen, daß die Entwicklung völlig überraschend verlief. Allerdings, trotz aller Versuche, diese Kunde weiterzutragen – darunter, auch vor zehn Jahren schon, sinnvolle Kopierschutzsysteme zu entwickeln, Dinge zu entwickeln, die wirklich helfen, das neue mögliche Geschäft zu entwickeln, was ja notwendig ist, wenn alte Dinge sozusagen nicht mehr so funktionieren – ist das alles nur sehr zögerlich aufgenommen worden. Ganz deutlich zu zögerlich.“

Gröbchen: „Sie selbst erzählen immer wieder die Geschichte, daß Sie – oder Kollegen von Ihnen – ja eine Art Rundreise bei der Musikindustrie gemacht hätten, um einerseits dieses Format vorzustellen und andererseits auch auf mögliche Schutzmaßnahmen hinzuweisen. Das Interesse sei damals, gelinde gesagt, sehr verhalten gewesen…“

Prof. Brandenburg: „Richtig. Das war mein Kollege Harald Popp damals, Abteilungsleiter in Erlangen, der Anfang 1995 schon Kontakte zur deutschen Musikindustrie hatte. Ich selbst habe ja – ich würde nicht sagen, ich hab’ mich selbst eingeladen, aber habe schon um das eine oder andere Gespräch nachgesucht und bin sehr offen aufgenommen worden. Schon im Jahre 1997 war ich bei der RIAA (Recording Association of America) – und schon damals war dort im Büro bei den entsprechenden Leuten die Problematik bekannt. Auch, was wir Ihnen nochmals versichert haben, nämlich, daß wir als Technologie- Entwickler gerne bereit sind, jene Maßnahmen mitzuentwickeln, die notwendig sind, um die ganzen Sache sinnvoll in den Griff zu bekommen. In punkto „sinnvoll“ muß ich auch sagen, daß ich schwer enttäuscht bin darüber, was zur Zeit nach wie vor gemacht wird… Stichwort Interoperabilität. Was für die Endnutzer wichtig ist, ist ein System, das sich nachwievor so einfach nutzen läßt wie jetzt MP3. Also wenn ich immer aufpassen muß, daß ich als berechtigter User eingeloggt bin, um meine Musik hören zu können und irgendwelchen langen Paßwörter eingeben muß, oder wenn mir gesagt wird, ja jetzt ist das vierte Mal Hören vorbei und du mußt jetzt wieder 20 Cent zahlen und das durch dreimalige Unterschrift bestätigen – da wird eine ganze Menge gemacht im Bereich Digital Rights Management, das alles andere als gut ist. Ganz zu schweigen davon, daß mal ein System mit Software und Abspielgerät zusammenpaßt. Eine allgemeine Standardisierung in diesem Bereich ist zwar in Ansätzen mal versucht, aber dann rundherum von der Industrie abgelehnt worden ist. Dummerweise, muß ich sagen.“

Gröbchen: „Sie haben die Geschichte von diesem indisch-britischen Unternehmer sehr leger erzählt, fast ironisch. Andererseits wird es wahrscheinlich doch Manager geben, die, wenn sie Ihnen begegnen, sich quasi bekreuzigen und Sie vielleicht auch als Totengräber und Zerstörer der Musikindustrie titulieren. Wie fühlt man sich dabei?“

Prof. Brandenburg: “Das trifft die Sache nicht wirklich. Ich fühle mich absolut nicht als Zerstörer der Musikindustrie. Wie gesagt, wir haben neue Möglichkeiten erarbeitet, die, denke ich, über die Zeit hinweg dazu führen werden, daß Musik für die Hörer besser zugänglich ist, es mehr Möglichkeiten gibt, Musik zu hören, gute Musik zu hören – und ich bin sicher, daß die Leute auch in Zukunft bereit sind, dafür Geld auszugeben. Deswegen wird nach den schwierigen Zeiten der Umsatz wieder wachsen, da bin ich ganz sicher. Das ist der eine Teil. Der andere ist, ich habe zwar die Geschichten gehört von großem Ärger über MP3 – sooft ich aber selbst Leute getroffen habe, habe ich eher viel Respekt vermittelt bekommen für die technische Entwicklung, Anerkennung für das, was wir die ganze Zeit auch schon versuchen, um die Dinge wieder in die richtigen Bahnen zu lenken. Ich muß dazu sagen, auch bei Fraunhofer leben wir ja davon, daß geistiges Eigentum etwas wert ist. Insofern war ich und war das ganze Team auch nie der Meinung, die es ja auch gibt, nämlich daß Musik frei für alle seien sollte und die Industrie schon selbst schuld sei, wenn sie keine Einnahmen mehr hat. Also – von solchen Meinungen möchte ich mich deutlich distanzieren. Das habe ich immer schon und das wird auch gehört. Insofern habe ich also viele gute Freunde in der Musikindustrie bis hin zu den Vereinigungen.“

Gröbchen: „Von einem größeren Ansatz her ist MP3 und sind alle MPEG-Formate nur ein Aspekt der Digitalisierung – also eines wirklichen Paradigmenwechsels. Ist die Digitalisierung der Zauberlehrling, den man rief, und den man jetzt nicht mehr kontrollieren kann ?“

Prof. Brandenburg: „Ich denke, der möglichen geringen Datenmenge wegen ist Musik das erste Beispiel geworden eines virtuellen Guts – im Englischen spricht man ja von „virtual goods“. Das heißt, in Zukunft ist Information der eigentliche Wert, losgelöst von physikalischen Datenträgern. Und dafür ist MP3 eines der ersten Beispiele – es erfordert ein Umdenken an vielen Stellen. Insofern ist es sozusagen nur jenes Format, wo es richtig losgegangen ist.“

Gröbchen: „Nun ist aber für viele Menschen ein Audio-File, also eine Kette von Nullen und Einsen, losgelöst von einem Träger etwas sehr Abstraktes. Und damit ist auch der Wert nicht mehr wirklich vermittelbar, er scheint sozusagen am physischen Gegenstand zu kleben. Konstatieren Sie auch einen gewissen Wert- oder Werteverlust, durchaus auch in einem philosophischen Sinn?“

Prof. Brandenburg: „Also, ich merke schon, daß an der Stelle vielen Leuten das Gefühl fehlt. Auch das Unrechtsbewußtsein – und das ist traurig. Das braucht einen neuen gesellschaftlichen Konsens. Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Ansonsten ist das ja nicht eine gänzlich neue Sache. Ich selbst bin als Jugendlicher am Radio gesessen und hab mir mittels Tonbandgerät Musik aufgenommen – übrigens die Musik, die ich dadurch kennen und lieben gelernt habe und wo ich mir später dann die CDs gekauft habe – solange es LPs gab, hatte ich noch nicht genug Geld dafür. Das ist eine Sache, die nicht völlig neu ist, aber jetzt natürlich in völlig neuer Qualität passiert. Das ist etwas, wo ich auch sage, da müssen wir neu schauen, wie das wirklich weitergeht, daß dieses Wertbewußtsein wieder vorhanden ist. “

Gröbchen: „Wertbewußtsein hat natürlich einen gewissen moralischen Impetus. Was im Moment gerade läuft, also von Mahn-e-mails, die man erhält, wenn man einmal in einer Tauschbörse aufgetaucht ist bis hin zu Klagen gegen Teenager, die zumindest in Amerika laufen, Werbespots, wo Gefängnishaft in Aussicht gestellt wird usw. – ist das Ihrer Meinung nach der richtige Weg oder läuft da gerade etwas definitiv falsch?“

Prof. Brandenburg: „Einerseits – andererseits. Es ist ganz wichtig, daß alle Leute -es sind ja nicht nur die Jungen – sozusagen vor Augen geführt bekommen, was da wirklich passiert. Diebstahl bleibt Diebstahl, auch wenn er sehr einfach mit Hilfe des Computers vorgenommen wird. Andererseits kommt es zu Auswüchsen, wo die Größenordnungen nicht mehr stimmen – was dann leicht auch wieder als Ausrede hergenommen wird, so nach dem Motto „Das sind sowieso nur die Bösen“. Bis hin zu Dingen, die auch mir selber den CD-Kauf verleiden – wie mittlerweile diese silbernen Scheiben, die aussehen wie CDs, aber nicht wirklich dem Redbook-CD-Standard entsprechen und damit nur auf manchen Abspielgeräten funktionieren, auf anderen nicht. Solche Dinge finde ich eigentlich eine Katastrophe, die den Niedergang der Musikindustrie nur noch beschleunigen.“

Gröbchen: „Niedergang der Musikindustrie – das ist doch eine recht brachiale Aussage. Und dann gibt es Analytiker, Journalisten und Fachleute, die sagen, die Musikindustrie, so wie wir sie kennen, ist schon tot. Sehen Sie das auch so?“

Prof. Brandenburg: „Durchaus nicht. Jetzt ist natürlich die Frage, was ich als „Musikindustrie, wie wir sie kennen“ bezeichne. Es ist eine Branche, die ganz wesentlich von der Technik mitbestimmt wird und die sich deswegen auf neue technische Möglichkeiten einstellen muß, neue Geschäftsmodelle erfinden muß, sich neu positionieren muß. Daß Leute Musik mögen und schätzen, ist altes Kulturgut und wird gewiß nicht vergehen. Ich hoffe, daß wir nicht zurückgedrängt werden auf den Zustand, wo Musiker nur von Mäzenen leben konnten, wie es ja vor Jahrhunderten der Fall war. Ich hoffe, daß es nachwievor funktionieren wird, daß Leute,die gute Musik machen, vom Verkauf und der Rechteverwertung leben können. Und wenn sie ganz tolle Musik machen, auch sehr gut leben können. Warum nicht?“

Gröbchen: „Womit wir beim Urheberrecht wären. Das ist ja für viele eine sehr abstrakte Sache – für die Unterhaltungsindustrie, also für Plattenfirmen, für Verleger, aber natürlich auch für die Künstler selbst, ist es eine der wesentlichen Grundlagen ihres Einkommens. Ist das Urheberrecht Ihrer Meinung nach im Digitalzeitalter bedeutsamer geworden oder ist es quasi von der Realität überholt? Ich kann ja fast nach Belieben Klonen und Kopieren – und die Wirkung von Gegenmaßnahmen hat unlängst ein Politiker so beschrieben, als würde man ein Gesetz gegen das Nasenbohren erlassen. Gut gemeint vielleicht, aber unkontrollierbar und praktisch undurchführbar.“

Prof. Brandenburg: „Also, das ist erstmal eine Aussage, der ich zustimmen würde. Man muß immer aufpassen – ein Rechtsstandard hilft mir immer sehr wenig, wenn er zum einen sehr leicht umgehbar ist und zum zweiten im öffentlichen Bewußtsein überhaupt nicht klar ist, warum das verboten sein soll. Deswegen empfinde ich Ideen wie jene, das Recht auf Privatkopie mit entsprechender Pauschalvergütung wieder komplett abzuschaffen, eigentlich als katastrophal. Was darüber hinaus geht, ist eine sehr komplexe juristische Materie wo ich mich auch lieber zurückhalten möchte mit Bewertungen.“

Gröbchen: „Wird man als Techniker und Wissenschaftler mit der Frage nach dem Urheberrecht konfrontiert – oder ist das eine relativ ferne Materie?“

Prof. Brandenburg: „Nein, natürlich werden wir damit konfrontiert. Und ich muß auch sagen, im Nachhinein war das goldrichtig, daß wir vor zehn Jahren ganz, ganz vorsichtig damit umgegangen sind. Wir hatten etwa für Musikbeispiele, um MP3 zu demonstrieren, einen eigenen Mitarbeiter, der nicht Mitglied der GEMA war und der dann selbst Musik komponiert, arrangiert und gespielt hat, nur damit wir urheberrechtlich auf der sicheren Seite waren. Ich habe auch über die Zeit hin viel von diesen Bereichen mit lernen müssen – ja manchmal mehr mit Juristen geredet als mit Technikern.“

Gröbchen: „Stichwort Kopierschutz – ein mögliches Heilmittel oder nur ein Placebo?“

Prof. Brandenburg: „Bei Kopierschutz muß man verschiedene Methoden unterscheiden – und es gibt für mich da zwei Extreme. Das eine ist, daß leider die völlig offene Methode offensichtlich in unserem Kulturkreis nicht so viel Sinn hat – das Experiment, seine Wohnungstür immer offen zu lassen, machen auch nur sehr wenige Leute. Wenn wir aber bei dem Beispiel bleiben – es ist durchaus bekannt, daß eine Wohnungstür dem echten, professionellen Einbrecher nur sehr wenig Widerstand entgegensetzt. Ich denke, ähnliche Ideen sind auch für den Kopierschutz wichtig. Daß ich nicht versuche, das hundertprozentig sichere System zu bauen, das, solange es nur um Software geht, nach Aussage aller Kryptospezialisten, die ich kenne, sowieso nicht möglich ist. Sondern daß eine sinnvolle Methode gefunden wird, die den moralischen Zeigefinger verstärkt.“

Gröbchen: „Jetzt entwickelt das Fraunhofer-Institut auch immer wieder solche Methoden oder Sie erarbeiten Vorschläge. Das geht also quasi vom elektronischen Wasserzeichen bis hin zu Containersystemen. Was darf man denn darunter verstehen und wie wirksam sind denn solche Dinge?“

Prof. Brandenburg: „Die können recht wirksam sein. Da gibt’s ganz verschiedene Ideen. Eine wird bei uns unter dem Begriff „lightweight digital rights management“ (LWDRM) bearbeitet. Die Idee ist, das System quasi umzudrehen, so wie wir’s aus dem Straßenverkehr kennen. Im Verkehrsrecht ist es auch nicht so, daß überall Systeme hingebaut sind, die direkt auf die Fahrzeugelektronik wirken, sodaß, wenn ich zu schnell fahre, das Auto sofort stehen bleibt und erst nach Zahlung von Strafe wieder weiterfahren kann und darf. Im Gegenteil. Jeder, der fährt, kennt seine Pflichten und weiß, ich habe ein Nummernschild am Auto. Das heißt, wenn ich zu schnell fahre, dann ist da ein gewisses Risiko, daß ich erwischt werde. LWDRM versucht etwas ähnliches. Wie aus dem Presserecht bekannt: wenn ich etwas veröffentlichen will, dann muß ich darunter schreiben „verantwortlich im Sinne des Presserechtes. Ähnlich dort – wenn ich Musik, elektronische Musik in ein Format bringen will, das ich weitergeben kann, dann muß ich elektronisch unterschreiben. Und, wenn das an der falschen Stelle wieder auftaucht, bin ich derjenige, der die kritischen Fragen zu beantworten oder eine Strafe zu zahlen hat. Das ist natürlich etwas, was entsprechend auch von der Rechtslage her abgesichert sein muß. Wo ich auch auf kritische Fragen bezüglich Schutz der Personenrechte und ähnliches aufpassen muß. Aber die Grundidee, daß damit Dinge, die im privaten Bereich passieren, qua Definition entzogen und möglich sind ohne Einschränkungen, und daß ich andererseits weiß, daß, sobald ich die Musik aus dem privaten Bereich herausgebe, das dann illegal ist und verfolgt werden und gefunden werden kann – das sollte eigentlich weithin akzeptabel sein.“

Gröbchen: „Gibt es einen Kopierschutz auch für das Format MP3 ?“

Prof. Brandenburg: „Verschiedene Varianten: LWDRM läßt sich natürlich auch für MP3 machen. Darüber hinaus gibt es seit fast zehn Jahren ein System, das wir MMP (multi media protection protocol) genannt haben. Es bietet eine Art sicherer virtueller Hülle für MP3-Files darstellt und hat z.B. im Music On Demand-Systemen der Deutschen Telekom Verwendung gefunden. Ähnliches ist jetzt übrigens auch bei „Phonoline“ in Einsatz ist. Was wenig bekannt ist, ist, daß das MPEG-Audioformat selbst schon die zwei Bits des Serial Copyright Protocols vorsieht und damit eigentlich ein Kopierschutz vorhanden ist. Die Frage ist, ob er wirklich wirksam ist – denn ich kenne kein Kopierprogramm auf Computern, auch nicht das Betriebssystem Windows, das nachschaut ob diese Bits gesetzt sind und somit das weitere Kopieren vermeidet.“

Gröbchen: „Das heißt im Klartext, es wäre eigentlich eine einfache Kopierschutz-Implementierung vorgesehen gewesen, man hat die aber immer links liegen gelassen?!“

Prof. Brandenburg: „Richtig. Unsere Referenz-Software und bestimmte Decoder-Chips passen da durchaus drauf auf, aber Computerprogramme im allgemeinen nicht. Damit ist es nie wirksam geworden… Woran wir aktuell arbeiten, zusammen mit Thomson, sind neuere Varianten eines Kopierschutzsystemes spezifisch für MP3. Die Idee dabei ist insbesondere, daß für viele der heutigen, insbesondere Flash-basierten MP3-Player ja sowieso die interne Software nachladbar ist. Das bietet die Chance, neben herkömmlichen nicht-kopiergeschützten MP3s auch neue kopiergeschützte Formate weithin nutzbar zu machen.“

Gröbchen: „Fühlen Sie da einen gewissen Druck von Rechteinhabern – oder ist das etwas, das Sie aus moralischen Gründen forcieren? Ich nehme ja mal an, daß es kein Konsumentenwunsch ist?“

Prof. Brandenburg: „Das ist etwas, was wir aus moralischen Gründen seit vielen Jahren forcieren. Die Rechteinhaber und großen Plattenfirmen haben uns da eigentlich immer wieder enttäuscht, weil‘ s geblieben ist bei der Aussage „das müßte es geben“ – ohne wirklich konkret nachzuhelfen und einen universellen Standard zu entwickeln. Es gab einen Ansatz: die Secure Digital Music Initiative (SDMI), die seinerzeit unter anderem daran gescheitert ist, daß da zu viele Firmen drin waren, die absolut keinen technischen Standard wollten und damit Interoperabilität verhindert haben.“

Gröbchen: „Zu Boom der Online-Plattformen – da würde mich Ihre Meinung schon sehr interessieren. Im Moment scheint da eine gewisse Goldgräberstimmung herrschen, die möglicherweise gar nicht in der Realität verankert ist, denn es gibt ja auch Stimmen, die sagen, mit diesem Modell, das im Moment forciert wird, diesen 99 Cent-Downloads wäre eigentlich ja gar kein Geschäft zu machen etc. Wie beurteilen Sie das?“

Prof. Brandenburg: „Ob ein Geschäft zu machen ist oder nicht, liegt natürlich daran, wie die Fixkosten an den verschiedenen Stellen sind und wie sich die Geschäftsmodelle weiterentwickeln. Das muß langfristig sehr wohl möglich sein. Insofern sehe ich das sehr positiv. Was mir am besten gefällt ist einfach, daß die Stimmung umgeschlagen ist. Daß jetzt die Leute sehen, daß da tatsächlich etwas geht und nicht nur Dinge probieren, die sowieso von vornherein chancenlos sind – etwa, was vor ein paar Jahren mal probiert worden ist, daß ich eine komplette CD zu Preisen, die etwas teurer sind als im Laden, herunterladen kann. Dazu in zweifelhafter Qualität und nur über ein bestimmtes Programm an einem einzigen Rechner abspielbar – das war wirklich nicht ernst gemeint. Da sind die jetzigen Systeme, allen voran natürlich Apples „iTunes music store“, wirklich deutlich realistischer angelegt – und das sehe ich sehr positiv.“

Gröbchen: „Der erwähnte iTunes Store ist bezeichnenderweise keine Entwicklung der Musikbranche, sondern des Computerherstellers Apple. Was hat denn Steve Jobs da anders oder richtiger gemacht als die Vorläufer, als die Konkurrenten?“

Prof. Brandenburg: „Nach all dem, was ich gehört habe, war, was er richtig gemacht hat, im richtigen Ton mit den Leuten der großen Plattenfirmen zu reden. Ansonsten hat er Dinge versucht, die andere schon länger versucht haben. Mit der Hardware-Basis durch die iPod-MP3-Player hat er von vornherein bessere Chancen gehabt.“

Gröbchen: „Geben Sie diesem Einzelsong-Download-Modell letztlich eine Chance? Es gibt auch andere Stimmen, wie z.B. jene von Real Networks-Chef Rob Glaser, die eher einem Abo-Modell den Vorzug geben.“

Prof. Brandenburg: „Das verfolge ich seit ein paar Jahren und jedes Jahr ist ja was anderes das Allerbeste. Ich fürchte, über die Prozesse, die da in den Gehirnen der Kunden ablaufen, wissen wir viel zu wenig. Es bleibt nur all diese Dinge auszuprobieren und zu schauen, was das beste Geschäft ergibt.“

Gröbchen: „Nehmen wir mal an, Sie bekämen jetzt ein Angebot, Aktien einer Musikfirma kaufen. Sie sagen ja eigentlich eine durchaus goldene Zukunft voraus – es wird mehr Menschen leichter möglich sein an Musik zu kommen und der gesamte Mechanismus, das gesamte Geschäftsmodell hat eine interessante Perspektive… Heißt das, daß wir uns jetzt sozusagen gerade mitten im Jammertal befinden, wo das Alte durch das Neue abgelöst wird? Man weiß noch nicht, was wird kommen, was genau sich durchsetzen wird, welches Geschäftsmodell und welche Technik… Können Sie persönlich ein Szenario entwickeln, wie das denn so in den nächsten drei bis fünf Jahren weitergehen könnte? Sehen Sie denn diesen Zeitrahmen für einen möglichen Aufschwung als realistisch an?“

Prof. Brandenburg: „Ob der Zeitrahmen realistisch ist, ist ganz schwer zu sagen – je nachdem, ob an bestimmten Stellen wirklich der Nerv der Leute getroffen wird, daß die sagen, ja, das muß ich unbedingt haben. Man muß sich schon dran erinnern: selbst jetzt mit den sehr erfolgreichen Modellen ist es nur ein minimaler Teil der Bevölkerung, der es wirklich nutzt. Allerdings dort auch Leute, die richtig viel Musik kaufen. Auch das ist zu hören und ist wieder ein sehr positives Zeichen. Insofern ist das wirklich ein Ratespiel. Es kann noch mal weiter runtergehen. Es kann sein, daß das jetzt schon das Tal war. Es ist ja eine kleine Gruppe von Firmen, die es sind, die auch das Ruder herumreißen – es kann sein, nachdem nach der ersten Euphorie die damals gegründeten Startup-Firmen ja praktisch wieder alle verschwunden sind, daß neue kommen gibt, daß es kleine Labels gibt, die über die richtigen Ideen verfügen, die die richtigen Musiker anziehen, auch um wirklich gute Musik zu vertreiben und die dann groß werden. Das ist ja auch etwas ganz Normales, daß in solchen Umbruchzeiten neue Firmen entstehen, die mit neuen Ideen entsprechend gut vorankommen. Vielleicht sogar ganz andere Modelle entwickeln, etwa, daß sich Musiker zusammentun und sozusagen selbst die Dinge in die eigene Hand nehmen. Auch das ist ja eine Möglichkeit, die jetzt geschaffen wird, die auch an vielen Stellen schon ausprobiert worden ist, wo es auch spezielle Methoden gibt. Bei Fraunhofer haben wir z.B. dieses sogenannte „Potato“-System entwickelt. Das ist nicht für den Mainstream-Musikmarkt gedacht, aber für Künstler, die versuchen, sich ihre Fangemeinde aufzubauen und gleichzeitig Geld zu verdienen.“

Gröbchen: „Bezahlte Promotion – könnte man so in etwa sagen?“

Prof. Brandenburg: „Das Modell wird auch Superdistribution genannt. Kern ist die Fangemeinde – und derjenige, der seinen Freund, seine Freundin überzeugt , die Musik nicht nur zu hören, sondern auch zu bezahlen, soll selbst etwas davon haben. So kann und soll sozusagen eine Art legales Schneeball-System entstehen, mit dem die Musik weitergegeben wird. Wenn es gute Musik ist, dann kann das richtig schön erfolgreich werden.“

Gröbchen: „Was sind die Faktoren, die Ihrer Meinung nach ein Bezahlangebot von einem Gratisangebot positiv abheben können? Normalerweise würde man ja nach den kapitalistischen Grundregeln annehmen, eine zu bezahlende Ware hat nie eine Chance gegen ein zwar illegal, aber dennoch leicht und kostenlos verfügbares Gut…“

Prof. Brandenburg: „Das stimmt so nicht. Das Leitungswasser, zumindest in Mitteleuropa, ist an vielen Orten von der Qualität her genauso gut wie das Wasser, das ich in großen Flaschen im Supermarkt kaufen kann. Trotzdem wird da ’ne ganze Menge Geld damit umgesetzt. Wichtig ist immer der sogenannte „added value“, der Mehrwert. Wenn ich ein kommerzielles Angebot habe, dann habe ich eine garantierte Qualität, ich weiß, es ist tatsächlich die Musik drin, die draufsteht – nicht irgend ein Filename, wo dann was anderes reingeschmuggelt wird… Gibt’s ja auch schon alles. Ich kann Zusatzangebote bekommen wie etwa direkten Kontakt zum Künstler, zum Fanclub. Ich kann Dinge bekommen, die sonst nicht wirklich einfach zugänglich sind. Da gibt es eine ganze Menge Möglichkeiten einerseits , das andere ist auch die Frage des Impulskaufes. Wenn das verknüpft ist mit irgend einem Service – da’s gibt’s ja jetzt, auch mit Fraunhofer-Technologie. Etwa, daß ich Musik höre, mein Handy in die Richtung der Schallquelle halte und wenn es verknüpft ist mit Musikverkauf, dann kann ich da nicht nur so herausfinden, welcher Song und welcher das gerade war, dann kann ich durch eine simple Bestätigung-SMS die Musik einkaufen und automatisch auf meinen Rechner zuhause schicken lassen, oder aber auch die CD kaufen. Ich kann in meiner Stereoanlage, wenn das verknüpft ist mit Internetradio, ein Programm haben, wo ich mein Radioprogramm sozusagen selbst beeinflusse – auch solche Systeme gibt es schon. Oder ich möchte mehr Informationen, „wer ist das“ zum Beispiel? Die Antwort eröffnet die Direktbestellung. Da gibt‘ s also viele Ideen, die schon an vielen Stellen gesponnen werden für neue Services. Der Teufel steckt im Detail – deswegen geht das nicht ganz so schnell, wie viele Leute das gerne möchten. Aber es sind wirklich große Chancen vorhanden.“

Gröbchen: „Das klingt nach einem Konsumenten-Shangri-La. Sie arbeiten ja auch, populistisch gesagt, an dieser Stereoanlage der Zukunft.“

Prof. Brandenburg: „Richtig! Also das sind Visionen vorhanden, wo ich auch als Privatmensch sagen kann, ich freu‘ mich schon drauf, wenn’s das gibt.“

Gröbchen: „Noch mal ganz kurz zurück zum Status Quo der Musikindustrie. Manche versuchen ja sozusagen am alten Modell festzuhalten bzw. es technisch in neue Sphären zu transportieren – Stichworte wären hier SACD zum Beispiel und DVD Audio, also Tonträger-Formate, die einerseits Hochbit- und andererseits Hochpreis-Formate sind. Geben Sie denn diesen avancierteren Tonträgern eine Chance ? Oder wird man denn in Zukunft weder CD noch SACD und DVD Audio hören?“

Prof. Brandenburg: „Also, wenn man sich im Augenblick den Markt anschaut, dann passiert ja Erstaunliches. Die eigentlich für Musik gedachten neuen Formate kommen gar nicht so toll an. Daneben gibt’s aber etwas, was für Filme gedacht ist und was trotzdem auf der Musikseite ganz toll ankommt – nämlich die ganz normale DVD, wo eben Musik drauf ist in 5 Kanal-Tonqualität, wenn auch komprimiert, und verbunden mit all den Dingen die auf DVD möglich sind. Videos, Konzertmitschnitte, all diese Dinge. Und nach allem was ich höre, sind da die Verkaufszahlen ganz stark ansteigend. Zusatzwert für die Nutzer, das wird sehr gut ankommen. Und da sind auch Datenraten und Komplexitäten vorhanden, sodaß das nicht so einfach über das Internet geht.“

Gröbchen: „Haben Sie selbst schon die nächste Killer-Applikation im Talon? Es gibt ja jetzt auch schon Surround-MP3s, habe ich gelesen.“

Prof. Brandenburg: „Richtig. Das ist das Ergebnis einer Kooperation der Erlanger Kollegen mit der Firma Agere – das sind Möglichkeiten, dem normalen Zweikanalton- MP3 noch Zusatzinformationen mitzugeben und damit, wenn ich die entsprechende Anlage habe, fünfkanalig wiederzugeben. Das ist gewiß interessant. Was mich im Augenblick an Zukunftstechnologien aber am meisten fasziniert, ist aber etwas ganz anderes. Etwas, das auch mit Internet jetzt erstmal gar nichts zu tun hat. Das ist nämlich die Technik der Klangfeldsynthese, „IOSONO Wavefield Synthesis“, ursprünglich eine Entwicklung der Technischen Universiät Delft. Damit ist es möglich, die Natürlichkeit von Klangwiedergabe um wirklich eine ganze Größenordnung noch mal zu steigern. In etwa jener Qualität, die der Übergang von Mono zu Stereo bedeutete. Fünfkanal funktioniert ganz gut, wenn ich allein in der Mitte des Raumes sitze und ansonsten alles perfekt ist. Mit IOSONO haben Sie im ganzen Raum ein Gefühl an Natürlichkeit, Klangquellen, die außerhalb sein können, die innerhalb sein können. Ich höre die Regentropfen von oben kommen und an einer bestimmten Stelle aufschlagen, ich kann eine Person an einer anderen Stelle reden hören und kann sozusagen im Halbkreis drum herumgehen… Nun, ich sollte nicht zwischen die virtuelle Person und einen Lautsprecher gehen, aber ansonsten funktioniert es und wenn man‘ s gehört hat – das ist wirklich noch mal der Riesenschritt vorwärts, an dem wir da in Ilmenau mit einer ganzen Menge anderer Leute arbeiten. Das ist sehr faszinierend, auch für unsere Studenten, wir haben da ja den Studiengang Medientechnologie in Ilmenau , wo ’ne ganze Menge Leute dann an diesen Themen mitarbeiten – und sozusagen die Zukunft des Klangs wirklich erarbeiten, im Augenblick.“

Gröbchen: „Könnte das auch integraler Bestandteil werden dieser Stereoanlage, ach was: Stereo-, dieser Klangfeldanlage der Zukunft?“

Prof. Brandenburg: „Ganz richtig. Also – die Stereoanlage der Zukunft ist ein Symbol für verschiedene Techniken, da gehört dazu, daß ich dann Lautsprecher im ganzen Raum verteilt z.B. als Bilder an der Wand habe oder in Möbel eingebaut , damit wirklich genug Klangquellen vorhanden sind für die Klangfeldsynthese. Das ist da ganz wichtig, daß andererseits die Stereoanlage der Zukunft auch weiß, was meine Hörgewohnheiten sind, Metadaten kennt, ich also z.B. mich hinsetzen kann, „spiel’ mir ein bischen Softrock“ sage, „was ich sonst so um die Uhrzeit gerne höre“. Ich kann sogar dazu sagen „Aber bitte nichts, was ich die letzten zwei Wochen schon gehört habe, weil, das wird langweilig sonst“ – und dann kann diese Stereoanlage mit dem Wissen über Genres die gespeicherte Musik durchforsten, mir etwas abspielen, kann dann sogar selbstständig nachsuchen und kann mir sagen, da gibt‘ s von der Künstlerin was Neues im Internet, da ist eine Quelle, wo man vorhören darf und soviel kostet es, sich das runterzuladen usw. usf. Da gibt’s also eine ganze Menge feine Ideen. Ansätze davon sehen wir schon in jetzigen Geräten. Manches wird schneller kommen, als wir denken, anderes vielleicht länger brauchen.“

Gröbchen: „Das klingt faszinierend. Ich fürchte nur, die Wirtschaftskapitäne von heute werden das in den Bereich der Utopien verweisen – und sind dabei andererseits gezwungen, sich gerade mit den Realitäten auseinanderzusetzen. Da gab‘ s ja auch in den letzten Jahren spannende Richtungsstreite zu verfolgen. Thomas Middelhoff, der vormalige Bertelsmann-Chef, hat etwa darauf gesetzt, aus der illegalen Downloadbörse „Napster“ ein bezahltes, legales Modell zu machen. Er ist damit gescheitert, er wurde geschasst. Hat er Unrecht gehabt?“

Prof. Brandenburg: „Die Marke wurde von der Firma Roxio aufgekauft und ist wieder in Betrieb – ich weiß noch nicht, ob’s gut läuft, ich habe noch keine Zahlen gehört. Die Grundidee, denke ich, war richtig. Wie an vielen Stellen ist die Gefahr gegeben, daß man die Schwierigkeiten im Detail übersieht und damit Dinge nicht so schnell gehen, wie man es sich wünscht, und man so wirtschaftlich wieder Schiffbruch erleidet. Aber das ist sozusagen die Kunst der Leute auch in den Firmen – und das werde manche falsch machen und manche richtig. Und die, die es richtig machen, werden überleben und eine goldene Zukunft vor sich haben.“

Gröbchen: „Es gibt ja auch Stimmen, wie etwa jene des amerikanischen Rechtsprofessors Lawrence Lessig, die befürchten, die Musik- und auch die Filmindustrie seien gerade dabei, den revolutionären technischen Umbruch und die aktuelle Krise dazu zu benutzen um sich, Zitat, „eine nie dagewesene Kontrolle über kreative Prozesse“ zu verschaffen. Ihr Standpunkt dazu?

Prof, Brandenburg: „Also es gibt in den Diskussionen jetzt manche Elemente, da bin ich fast versucht, dem Herrn Lessig zuzustimmen – wobei man nie so pauschalisieren sollte. Es ist richtig, daß mit Digital Rights Management und mit entsprechenden elektronischen Abrechnungssystemen die Verkäufer dann auch ja „gläserne Kunden“ bekommen. Das ist manchmal zum Vorteil des Kunden, weil ich dann wirklich nur die Dinge angeboten bekomme, die ich vielleicht auch wirklich mag. Das kann aber auch fürchterlich danebengehen und sollte für mich eigentlich abschaltbar und blockierbar sein. Da sind eine ganze Menge Dinge im Gange, die nicht nur auf diesen Bereich der elektronischen Medien beschränkt sind, sondern allgemein auf Internet-Nutzung, auf die Frage der Abwägung, kriminellen Machenschaften Riegel vorzuschieben und trotzdem die Bürgerrechte zu beachten und auch weiterhin gut genug abzusichern. Der Kampf ist im Gange. Das ist ganz richtig.“

Gröbchen: „Es gibt ja auch Modelle kollektiver Abgaben. Ein amerikanischer Ex- Musikindustrie-Manager, Jim Griffin, schlägt vor, nach dem Muster der Radio- und TV-Gebühren kollektive Abgaben für Musikkonsum einzuführen. Ist das auch denkbar und zukunftsträchtig?“

Prof. Brandenburg: „Wir haben ja derzeit ein Mischsystem. In Deutschland gibt es etwas, das als Leercassetten-Abgabe eingeführt worden ist, aber für alle möglichen Tonträger gilt. Das geht jetzt natürlich wieder in Bereiche, wo ich als Techniker nicht unbedingt der Spezialist bin, aber mir sehr wohl eine Meinung bilde. Letztere ist, daß Extreme in die eine oder andere Richtung eigentlich nicht gut aussehen. Alles nur mit Digital Rights Management ohne jegliche Privatkopie, das wird nicht funktionieren. Wenn ich mal falsch huste, dann ist das schon ’ne gesummte Melodie ich und muß dafür bezahlen – das würde mir nicht gefallen. Nun, ich hab’s jetzt mit Absicht überspitzt. Auf der anderen Seite: ein System, wo es irgendwelche Leute gibt, die herausrechnen, wer denn wieviel wert ist und was aus dem großen Globaltopf wie und an wen verteilt wird, das würde mir auch nicht gefallen. Die möglichen Geschäftsmodelle und die möglichen Modelle für Künstler, Geld zu verdienen würden in ihrer Vielfalt automatisch beeinträchtigt. Das heißt, man muß die Wertigkeiten und ihre Abstimmung vielleicht neu ordnen, aber es sollte weiterhin ein Mischsystem sein.“

Gröbchen: „Zum Abschluß: was würden Sie anno 2004 der Musikindustrie raten?“

Prof. Brandenburg: „Weniger zurück und mehr vorwärts zu schauen. Und wirklich den Mut zu entwickeln, auch in der jetzigen Situation die Dinge anzugehen. Und vor allem sich zu überlegen, wie wirklich gute Musik in entsprechender Menge mit guten Geschäftsmodellen an die Leute kommt, damit wirklich die Liebe zur Musik Chancen hat.“

Gröbchen: „Schönes Schlußwort. Eine Frage noch: Wie gefällt Ihnen die MP3-Plattform Tonspion?“

Prof. Brandenburg: „Die Geschichte ist gut – und ich finde auch gut, daß solche Initiativen existieren.“

Gröbchen: „Danke für das Gespräch.“

Das Interview ist hier kostenlos hör- und downloadbar.

Spiel mir das Lied vom Tod nocheinmal, Sam

25. März 2004

Die Musikindustrie rutscht immer tiefer in die Krise. Und tritt, was neue Techniken, Chancen und Vertriebsmöglichkeiten betrifft, ungebrochen weiter auf der Stelle. Der Autor als Chronist einer unendlichen Geschichte.

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Es gibt ja die These, daß jeder Autor in seinem Leben eigentlich nur eine Geschichte erzählt, die dafür aber in unzähligen Varianten, Abwandlungen und Transformationen. Selbst wenn man diese Theorie, die in der Tiefenpsychologie fußt, umgehend als gewollt provokanten Unsinn verwirft, wird man doch bei näherer Betrachtung oft eine Art „Leitmotiv“ im Ouevre von Dichtern, Denkern und, ja doch!, Journalisten finden. Quasi einen roten Faden, der sich – bisweilen unterschwellig, manchmal ganz offen – durch das Werk des Schreibers zieht (und ich spreche hier nicht von der Fließband-Zeilenschinderei eines „News“-Sklaven, dessen wöchentlicher Output in Form und Inhalt oft dem eines Wiederkäuers gleichkommt).

Welche Geschichte erzähle ich Ihnen nun immer wieder, in unterschiedlichsten Varianten? Ich habe darüber nachgedacht. Und bin die letzten Jahre zurückgegangen. Der Computer als neumoderne, elektronische Hängeregistratur macht das ja auf Knopfdruck möglich, da muß man nicht in alten Leitz-Ordnern oder Schreibtischschubladen wühlen. Sieh‘ an: da gab es etwa im September 1998 einen Artikel in der „Zeit“, mit dem prophetischen – aber leider vom redigierenden Redakteur geänderten – Titel „Bleibt alles anders“. Worum ging’s? Um das damals noch weithin unbekannte Stichwort „MP3“. Und um eine erste Ahnung von Downloads, illegalen Tauschbörsen, digitalen Klonen und einer massiven Veränderung einer gesamten Branche. „Es ist die Schreckensvision der Musikindustrie: das Internet als riesiger Selbstbedienungsladen.“ schrieb ich damals. „Alles kostenlos, alles verfügbar, alles außer Kontrolle.“

Anno 2004 ist dieses Szenario die Realität. Dazwischen war Napster, war Kazaa, war (räusper) Popfile. Und natürlich das Aufkommen der CD-Brenner, das die Industrie, wie wir sie kannten, von der anderen Seite her in den Würgegriff nahm. Dazwischen waren auch gut dreißig Artikel zum Thema. Bezeichnendes Detail am Rande: der seinerzeitige Anlaß für die „Zeit“-Story war die Einführung des ersten MP3-Players auf dem deuschen Markt, ein Gerät der kleinen Regensburger Bastler-Firma Pontis. Vor wenigen Tagen traf ich wieder auf Pontis, und zwar in Gestalt des Geschäftsführers Erich Böhm. Er stellte, wie dutzende weit größere Firmen – von Philips über Sony bis hin zu unaussprechbaren Koreanern – auf der CeBit, der weltgrößten IT-Messe in Hannover aus. Und war guter Laune. Sein neuestes Gerät, ein Medienserver, zeige wieder, meinte er, wo’s langgeht. Der gute Mann hat recht. Die Stereoanlage der Zukunft ist ein dezent getarnter Computer, per (im Idealfall drahtlosen) Netzwerk mit der Welt verbunden und angedockt an alle verfügbaren Quellen für Musik, Unterhaltung, Information. Legal, illegal, den Konsumenten schert’s kaum. Und CDs werden diesem dienstbaren Geist nur noch als nostalgisch schmeckendes Futter verabreicht.

Auch das habe ich schon vor Jahren geschrieben. Immer wieder, immer öfter. Für das „profil“ und das „WOM Journal“, für „ME Sounds“ genauso wie für den „Wiener“ oder die „Musikwoche“. Und natürlich auch in „Sound & Media“. Im Prinzip immer wieder dieselbe Geschichte – ein Requiem auf den Status Quo. Es bedurfte wahrlich keiner großen Prophetie, um einen gewaltigen Umbruch vorauszusagen. Nachhaltig verblüffend war und ist in diesem Zusammenhang allein der blindwütige Konservatismus und die zähe Beharrungskraft der Spitzenmanager, die das „Internet ignorierten, weil wir es ignorieren wollten“ (wie der deutsche IFPI-Präsident Gerd Gebhardt einmal zugab). Daß „Phonoline“ erst 2004 startet, und auch das mit Pannen und bezeichnenderweise auf der CeBit, ist ein Armutszeugnis für eine gesamte Branche. Und zwar im doppelten Sinne. Dabei muß man den Germanen noch Hochachtung aussprechen: die Lenker der Mutterkonzerne in England und den USA warten ungerührt weiter ab. Apple, Dell, Microsoft, Telekom & Cie. reiben sich derweil die Hände.

Sie meinen, es wäre leicht zu spötteln? Nein, es fällt mir schwer. Denn zufälligerweise arbeite ich in dieser Branche, und ich lebe von Copyrights und Musikliebhabern, die bereit sind, dafür Geld zu bezahlen. Die Drastik des Geschriebenen war und ist kein Selbstzweck. Ich lege keinen Wert darauf, als Mahner in die Geschichte einzugehen. Ich halte es nur für die selbstverständlichste Pflicht von Spitzenmanagern, sich nicht nur für ihre Jahresboni zu interessieren, sondern auch für die technologische Perspektive eines Geschäfts, das mehr oder minder auf einem einzigen Produkt beruht. Und das gerade verloren geht. Schlafen kann man in der (Zwangs-Früh-)Pension.

Ich erinnere mich daran, daß ich im Vorjahr, zur PopKomm, einen langen Artikel zum Thema für das gewiß nicht esoterische Nachrichtenmagazin „profil“ schrieb. Titel: „Das Lied vom Tod“. Das Ende der CD, hieß es da, sei so gut wie besiegelt. Ich erhielt einen Leserbrief. Absender: Herbert Kollisch, Geschäftsführer der kleinen heimischen Plattenfirma Musica. Tenor: das sei doch Unsinn, die CD werde uns noch lange erhalten bleiben und ich solle mich meiner Verantwortung besinnen und doch nicht schwarzmalen.

Kein Jahr später – und Musica sperrt zu. Soviel zum Thema.

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