Spiel mir das Lied vom Tod nocheinmal, Sam

25. März 2004

Die Musikindustrie rutscht immer tiefer in die Krise. Und tritt, was neue Techniken, Chancen und Vertriebsmöglichkeiten betrifft, ungebrochen weiter auf der Stelle. Der Autor als Chronist einer unendlichen Geschichte.

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Es gibt ja die These, daß jeder Autor in seinem Leben eigentlich nur eine Geschichte erzählt, die dafür aber in unzähligen Varianten, Abwandlungen und Transformationen. Selbst wenn man diese Theorie, die in der Tiefenpsychologie fußt, umgehend als gewollt provokanten Unsinn verwirft, wird man doch bei näherer Betrachtung oft eine Art „Leitmotiv“ im Ouevre von Dichtern, Denkern und, ja doch!, Journalisten finden. Quasi einen roten Faden, der sich – bisweilen unterschwellig, manchmal ganz offen – durch das Werk des Schreibers zieht (und ich spreche hier nicht von der Fließband-Zeilenschinderei eines „News“-Sklaven, dessen wöchentlicher Output in Form und Inhalt oft dem eines Wiederkäuers gleichkommt).

Welche Geschichte erzähle ich Ihnen nun immer wieder, in unterschiedlichsten Varianten? Ich habe darüber nachgedacht. Und bin die letzten Jahre zurückgegangen. Der Computer als neumoderne, elektronische Hängeregistratur macht das ja auf Knopfdruck möglich, da muß man nicht in alten Leitz-Ordnern oder Schreibtischschubladen wühlen. Sieh‘ an: da gab es etwa im September 1998 einen Artikel in der „Zeit“, mit dem prophetischen – aber leider vom redigierenden Redakteur geänderten – Titel „Bleibt alles anders“. Worum ging’s? Um das damals noch weithin unbekannte Stichwort „MP3“. Und um eine erste Ahnung von Downloads, illegalen Tauschbörsen, digitalen Klonen und einer massiven Veränderung einer gesamten Branche. „Es ist die Schreckensvision der Musikindustrie: das Internet als riesiger Selbstbedienungsladen.“ schrieb ich damals. „Alles kostenlos, alles verfügbar, alles außer Kontrolle.“

Anno 2004 ist dieses Szenario die Realität. Dazwischen war Napster, war Kazaa, war (räusper) Popfile. Und natürlich das Aufkommen der CD-Brenner, das die Industrie, wie wir sie kannten, von der anderen Seite her in den Würgegriff nahm. Dazwischen waren auch gut dreißig Artikel zum Thema. Bezeichnendes Detail am Rande: der seinerzeitige Anlaß für die „Zeit“-Story war die Einführung des ersten MP3-Players auf dem deuschen Markt, ein Gerät der kleinen Regensburger Bastler-Firma Pontis. Vor wenigen Tagen traf ich wieder auf Pontis, und zwar in Gestalt des Geschäftsführers Erich Böhm. Er stellte, wie dutzende weit größere Firmen – von Philips über Sony bis hin zu unaussprechbaren Koreanern – auf der CeBit, der weltgrößten IT-Messe in Hannover aus. Und war guter Laune. Sein neuestes Gerät, ein Medienserver, zeige wieder, meinte er, wo’s langgeht. Der gute Mann hat recht. Die Stereoanlage der Zukunft ist ein dezent getarnter Computer, per (im Idealfall drahtlosen) Netzwerk mit der Welt verbunden und angedockt an alle verfügbaren Quellen für Musik, Unterhaltung, Information. Legal, illegal, den Konsumenten schert’s kaum. Und CDs werden diesem dienstbaren Geist nur noch als nostalgisch schmeckendes Futter verabreicht.

Auch das habe ich schon vor Jahren geschrieben. Immer wieder, immer öfter. Für das „profil“ und das „WOM Journal“, für „ME Sounds“ genauso wie für den „Wiener“ oder die „Musikwoche“. Und natürlich auch in „Sound & Media“. Im Prinzip immer wieder dieselbe Geschichte – ein Requiem auf den Status Quo. Es bedurfte wahrlich keiner großen Prophetie, um einen gewaltigen Umbruch vorauszusagen. Nachhaltig verblüffend war und ist in diesem Zusammenhang allein der blindwütige Konservatismus und die zähe Beharrungskraft der Spitzenmanager, die das „Internet ignorierten, weil wir es ignorieren wollten“ (wie der deutsche IFPI-Präsident Gerd Gebhardt einmal zugab). Daß „Phonoline“ erst 2004 startet, und auch das mit Pannen und bezeichnenderweise auf der CeBit, ist ein Armutszeugnis für eine gesamte Branche. Und zwar im doppelten Sinne. Dabei muß man den Germanen noch Hochachtung aussprechen: die Lenker der Mutterkonzerne in England und den USA warten ungerührt weiter ab. Apple, Dell, Microsoft, Telekom & Cie. reiben sich derweil die Hände.

Sie meinen, es wäre leicht zu spötteln? Nein, es fällt mir schwer. Denn zufälligerweise arbeite ich in dieser Branche, und ich lebe von Copyrights und Musikliebhabern, die bereit sind, dafür Geld zu bezahlen. Die Drastik des Geschriebenen war und ist kein Selbstzweck. Ich lege keinen Wert darauf, als Mahner in die Geschichte einzugehen. Ich halte es nur für die selbstverständlichste Pflicht von Spitzenmanagern, sich nicht nur für ihre Jahresboni zu interessieren, sondern auch für die technologische Perspektive eines Geschäfts, das mehr oder minder auf einem einzigen Produkt beruht. Und das gerade verloren geht. Schlafen kann man in der (Zwangs-Früh-)Pension.

Ich erinnere mich daran, daß ich im Vorjahr, zur PopKomm, einen langen Artikel zum Thema für das gewiß nicht esoterische Nachrichtenmagazin „profil“ schrieb. Titel: „Das Lied vom Tod“. Das Ende der CD, hieß es da, sei so gut wie besiegelt. Ich erhielt einen Leserbrief. Absender: Herbert Kollisch, Geschäftsführer der kleinen heimischen Plattenfirma Musica. Tenor: das sei doch Unsinn, die CD werde uns noch lange erhalten bleiben und ich solle mich meiner Verantwortung besinnen und doch nicht schwarzmalen.

Kein Jahr später – und Musica sperrt zu. Soviel zum Thema.

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Eine Antwort to “Spiel mir das Lied vom Tod nocheinmal, Sam”


  1. […] wirft. Und das, obwohl ich die Silberscheibe schon vor Jahren zum Auslaufmodell erklärt habe. Die Prognose, die mir viel Häme eintrug, hat sich als zutreffend […]


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