Ashes To Ashes

9. Mai 2004

Die Vinyl-Nostalgie in allen Ehren – aber ich bin kein Discjockey (und selbst die wenden sich von der guten, alten Schallplatte ab). Und kein Analog-HiFi-Fetischist. Und schon gar kein Vergangenheits-Verklärer um jeden Preis.

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De mortuis nil nisi bene – über Tote kein schlechtes Wort. Warum auch? Die Vinyl-Schallplatte war ein perfektes „object of desire“, was natürlich vorrangig an der Verpackung lag. Und ihren Dimensionen. Wer einmal das Original-Album zu, sagen wir mal: John Coltranes „A Love Supreme“ (Impulse! 1964, Schwarz-Weiß-Cover, 180 Gramm Vinyl, fester Karton, umfangreiche Liner Notes) in Händen hielt, wird eine öde CD-Plastikschachtel oder gar ein MP3-File niemals als vollwertigen Ersatz akzeptieren.

Und selbstverständlich gingen Form und Inhalt bei der Langspielplatte oft in einzigartiger Weise kongruent, wenn etwa Mozarts „Requiem“ nach wenigen Minuten zu knistern und zu knacken begann, adäquat der Botschaft von der Vergänglichkeit alles Irdischen. Die anheimelnde Wärme der Abtastgeräusche des Diamanten in der Vinylrille wird ja heutzutage gern von Avantgarde-Produzenten sterilen Digitalaufnahmen beigemischt – davon hätte vor zwanzig Jahren kein Chefredakteur eines HiFi-Magazins zu (alb)träumen gewagt.

Generell muß festgehalten werden, daß der vermeintliche Fortschritt der Digitalisierung zwar technisch einen wirklichen Quantensprung darstellt, von Konsumentenseite aber hauptsächlich von Berieselungs-Mentalität und Bequemlichkeit getrieben war. Nie wieder nach 25 Minuten aus Großmutters Ohrensessel hochschrecken und die Platte umdrehen!, hieß das allgemein Credo ab Mitte der achtziger Jahre. Nie wieder Geschlechtsverkehr zum „chr-chr-chr“ des Tonarms in der Endlos-Spur am Ende von Bob Dylans „Blood On The Tracks“! Nie wieder grotesk verwelltes Vinyl nach der Zwischenlagerung der LP-Neuerwerbungen auf der Auto-Rückbank an einem heißen Juni-Tag! Undsoweiter undsofort. Die Fernbedienung war seit jeher das Zepter der Zukunftsgläubigen.

Wahrscheinlich lachen sich State Of The Art-Fetischisten in zwanzig, dreißig Jahren auch krumm über schnuckelige Mini-Festplatten á la iPod (samt deren Batterie-Problemchen), „Windows Media Centers“ (Jesus!), aktuelle Inkompatibilitäten zwischen SACD und DVD Audio oder den Verkauf von Musik nach der Wurstaufschnitt-Methode, auf Scheiben also, generell. Sei’s drum – ich wage zu behaupten, daß die gute, alte, schwarze Scheibe mit dem kleinen Loch in der Mitte das Medium mit dem weitaus größten Sex-Faktor war. Und betone gleichzeitig: war. Da mögen DJs und Analog-Adoranten noch so sehr dagegenhalten: das Ding ist tot, tot, tot.

Ich besitze nachwievor tausende LPs und Singles. Und geb’ die gewiß nicht zum Teuchtler oder einem anderen antiquarischen Feinspitz. Rausholen’ tu’ ich die Bowie & Co. auf Vinyl aber selten bis gar nicht mehr. „Ashes To Ashes“, Staub zu Staub.

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Eine Antwort to “Ashes To Ashes”


  1. […] dem Medium Radio an (um mich schliesslich selbst an einer Station zu beteiligen), holte nach langem Zögern wieder den Plattenspieler hervor, bastelte an Zukunftsplattformen (deren Zukunft heute schon wieder […]


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