Archive for Juli, 2004

Positivkolumne

9. Juli 2004

Geht Ihnen das uniforme Klagelied der Branche längst gegen den Strich? Sind die durchwegs in Moll gestimmten Ein- und Aussichten zur Lage mehr als nervige Folklore? Genug vom ewigen Gejammer? Dann finden Sie hier Zuflucht. Diese Seite wird zur strikten Nichtraunzer-Zone erklärt.

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„Nur die Phantasielosen flüchten in die Realität; und zerschellen dann, wie billich, dran.“ (Arno Schmidt)

Okay, das Wetter in diesem Sommer war bislang unter aller Sau. Aber – abgesehen von der alten Print-Regel, daß längst wieder eitel Sonnenschein herrscht, wenn derlei Aussagen beim Leser ankommen – hat es nicht seine Vorteile, wenn es draußen blitzt, schüttet und schneit? (Nun, lassen wir die Kirche im Dorf: tatsächlich geschneit hat es im Juli dieses Jahres nur über 2200 Meter Seehöhe). Können wir uns so nicht alle viel besser auf unsere Arbeit konzentrieren? Ohne ständige Ablenkungen, die nach Piz Buin, Swimming-Pool und Cabrio riechen? Man erinnere sich nur an den Sommer des Vorjahrs. Diese gnadenlose, in jeder Ritze und Falte unseres Daseins brütende Hitze verdarb einem ja jeden Spaß an der Ich-AG… Die Devise anno 2004 lautet daher: think positive! Von so einem bißchen Nieselregen und Gegenwind lassen wir uns nicht die Laune verderben.

Womit wir beim Thema wären. Positives Denken. Denken überhaupt. Mir zum Beispiel gab es ja heftig zu denken, als ich unlängst im „Standard“ (oder war es die Homepage des MICA?) als „Kassandra der Branche“ tituliert wurde. Warum das denn? Nur weil man quasi nebenher den Untergang der Musikindustrie, wie wir sie kennen, prophezeit hat? Aber, Leute!, das ist doch nun wirklich nicht besonders visionär oder provokant. Das ist die banale Realität. Und jene, die daran phantasie- und lustvoll zerschellen – wie etwa Tim Renner, der begnadete Selbstdarsteller und Ex-Universal Germany-CEO – schreiben dann Bücher drüber. Renners Werk, das pünktlich zur PopKomm erscheinen soll, wird „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“ heißen. Funky, funky! Ich bestelle schon mal ein Exemplar vorab. Nein, zwei. Möglicherweise ein feines Abschiedsgeschenk für den hiesigen Geschäftsführer von Sony. Oder die Chefin von BMG. Elefantenhochzeiten hinterlassen, vorhersehbar, McKinsey-Waisen. Das Schöne dran: die zynischen Stehsätze zum Karriereende („Wollte sich immer schon selbständig machen…“, „im beiderseitigen Einvernehmen…“, „stellt sich neuer, noch unbekannter Aufgabe“…, „Mit Dank für die exzellente Leistung“ etc.usw.usf.) muß man sich als an- und eigenständiger Unternehmer nie wieder anhören. Und zu den forschen Aufschwungs-Szenarien und -Plänen in den internationalen Vorstandsetagen – etwa jene, Händler und Konsumenten in Zukunft mit gleich drei CD-Konfigurationen beglücken zu wollen – kann man vielsagend schweigen.

Positives Denken allerorten also. Befreite Zuversicht. Auf- und Durchatmen. Angeblich auch in der Baumannstraße im dritten Wiener Gemeindebezirk. Kenner wissen: dort residiert die AKM. Eine Institution, die im Namen und Interesse ihrer Gesellschafter – Autoren, Komponisten und Verleger – eine nicht unbeträchtliche Summe Geldes verwaltet und kanalisiert. Und natürlich sensible Verhandlungen mit dem Gesetzgeber, dem ORF und ähnlich gewichtigen Zwangspartnern zu führen hat. Da dürfte das, hüstel, wenig diplomatische Verhalten und die eigenwillige österreichische Note eines Vorstandsmitglieds nicht mehr so recht ins Konzept gepasst haben. Auf mehr oder weniger elegante Art wies man dem kämpferischen Multifunktionär die Tür. „Das ist wieder typisch für die Kommunisten in der AKM!“, entfuhr es darob dem verdienten Ex-Kommunisten und Protestsänger Sigi Maron, „Wer nicht spurt, wird ausgeschlossen.“

Man kann diese Meinung teilen – oder nicht. Ehrlich gesagt: ich habe dazu gar keine. Zu undurchsichtig, zu komplex, zu verquer scheint mir in diesem Fall die Fakten- und Interessenslage. Da müßte schon ein Aufdeckungsjournalist ran, um in der per se unsympathischen Causa Klarheit zu schaffen, kein Kolumnen-Kasper. Letzterer erlaubt sich schlicht darauf hinzuweisen, daß der (theater?)donnernde Ex-Vorsitzende letztlich auch nur an den Ergebnissen gemessen werden kann. Und wurde. Offensichtlich fiel die Bilanz eher negativ aus. Sonst hätte das (pseudo?)-demokratische Abstimmungsergebnis anders ausfallen können und müssen.

Damit aber zum Positiven, meine Damen und Herren!: Peter Paul Skrepeks Ex-AKM-Kollegen wie Andi Baum oder Nachfolger wie Peter Vieweger haben nun die Gelegenheit, die Agenda entschieden voranzutreiben. Wir werden sehen. Und hoffentlich keine billigen Sprüche zu hören bekommen. Außer, immer wieder gern genommen, diesen: „Nur die Phantasielosen flüchten in die Realität“.

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