Archive for August, 2004

Frischgebrühte Melange, extrastark.

5. August 2004

Café Drechsler, das sind Ulrich Drechsler, Oliver Steger und Alex Deutsch. Gemeinsam sind der heisseste Jazz/NonJazz-Scheiss im Mikro-/Makro-Kosmos Wien und Umgebung. Der Pressetext zum neuen Album „Radio Snacks“.

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Café Drechsler: wer, was, wo war das nochmal? Keinesfalls einer dieser neuen, trendigen Coffeeshops „in town“, wo man den Pappbecher partout nicht hinter abgegriffenen Tageszeitungen verstecken will. Abgewetzte Plüschbänke, vergilbte Klangtapeten und muffelige Ober sind hier aber auch nicht auszumachen. Ein cooler Live- oder Dance-Club also? Oder gar eine extra-spezieller Örtlichkeit, das geheime Ziel unserer Sehnsüchte, ein Refugium für ewig Verliebte, eventuell mit „eternal sunshine on the spotless mind“? Nun: das Café Drechsler ist in Wirklichkeit nichts von alledem. Und zugleich etwas von allem.

Café Drechsler sind zuallererst und nicht zuletzt drei Individuen. Man könnte es auch eine Band nennen. Aber das wäre denn eine Spur zu konventionell gedacht. Das Trio, das Café Drechsler im Kern bildet, hat radikal seinen eigenen tönenden Privatkosmos entworfen und aufgetan. Das Interieur dieses Cafés wurde von Audio-Innenarchitekten geschnitzt und gedrechselt, die auf ihrem Gebiet seit Jahren Profis sind: Ulrich Drechsler (sic!, Saxophon und Baßklarinette), Oliver Steger (Kontrabaß) sowie Alex Deutsch alias aleXdrum (Schlagzeug). Was Uli mit dem gleichnamigen legendären Wiener Café zu tun hat oder auch nicht, warum Oliver einmal Punk war und wie er zum Jazz gefunden hat, und warum Alex die Fragmente eines ehemaligen Schlagzeug-Ersatzteillagers nun liebevoll „mehr oder weniger einen Haufen Müll“ nennt, dem immerhin „extrasanfte Seeelenstreichler-Grooves“ zu entlocken seien – fragen Sie die Herren doch selbst.

In ihrer inzwischen vierjährigen Band-Existenz haben Café Drechsler ihren impulsiven, oft spontan improvisierten und unverwechselbaren Sound weltweit an und in viele höchst gewöhnliche und ebenso viele höchst un- und außergewöhnliche Plätze, Räume und Veranstaltungsorte gebracht. Von randvollen U-Bahn-Stationen bis zu einsamen Zwei-Raum-Wohnungen, von prunkvollen Schlössern bis in diverse fashionable Underground-Clubs (was manchmal einunddasselbe ist), vom ehrwürdigen Wiener Konzerthaus in das nicht minder ehrwürdige Nublu in New Yorks East Village, von Festivals in Rom, Prag und Warschau bis zum „Lovefield“ und „mo vibes“ in Deutschland.

Café Drechsler ist somit ein „Hot Spot“, eine Fix-Anlaufstelle im Universum erstklassiger, qualitativ anspruchsvoller Dance- & Pop-Tunes. Hier wird nur frisches Gebräu serviert, Achtung!, immer brandheiss. Geschmacksrichtung ganz nach Wunsch. „Flavour of the month“ ist die exotischte aller neuen und aufregenden Kaffeesorten – süß und zugleich herb, mit pfeffriger Würze und jeder Menge Schaum obendrauf.

Café Drechsler ist – lassen wir doch jetzt mal die kulinarische Methaphorik, jessas! – schlichtweg eine bewegende Live-Club-Band aus Wien. Was sie bewegt? Kleine Menschen, große Tiere, einsame Herzen, arge Schmerzen, lange Ohren, knackige Ärsche, suchende Seelen und gefundenes Fressen, lange Beine & alltägliche Sorgen. Das Hier und Jetzt also. Und manchmal auch das Morgen. Und Übermorgen.

Café Drechslers gleichnamiges Debutalbum, erschienen 2002 bei Universal Music / mouth to mouth, wurde in über 20 Ländern veröffentlicht und brachte der Gruppe umgehend Aufhorchen und weltweite Anerkennung ein. „Café Drechsler“ war in den deutschen Clubcharts genauso vertreten wie in Australien, Griechenland und in Indonesien in den Top 10 Radio Charts. Österreich, wo der Prophet zu Lebzeiten oft wenig gilt, zeigte ebenfalls Instant-Respekt: eine Nomination für den Amadeus Award.

2004 folgt nun das zweite Album. „Radio Snacks“ enthält, neben den erprobten Ingredienzien, Würzstoffe u.a. von Zuzee, den scratchenden Vibe-Spezialisten der Waxolutionists. Außerdem: Tam Tam d’Afrique-Frontmann Cheikh aus Senegal (Djembe, Shakers usw.) sowie die erotischen und seelenvollen Stimmbeiträge der erst einundzwanzigjährigen Daniela Bauer a.k.a. „Zyra Daisy“, die auf insgesamt sechs Tracks ein eindrückliches Debüt als Sängerin und Co-Autorin abliefert. Weitere Stimmspenden steuerten der kanadische Singer/Songwriter und FM4-Host John Megill, Ex-„Bauchklang“-Mitglied Flo a.k.a. Voyeur sowie der Wiener Keyboarder und Sänger Paul Plüsch bei. Alle Instrumente auf „Radio Snacks“ wurden von Café Drechsler live eingespielt und bearbeitet – nach vorgefertigtem Material, Samples und Loops frägt man in diesem Etablissement vergebens.

Alex Deutsch alias aleXdrum ist einmal mehr der Produzent des neuen Café Drechsler-Albums. Mit seiner treuen musikalischen Wegbegleiterin DJ Shalom und der Hilfe von Tobias Pichler sowie einer Handvoll „fantastischer Enthusiasten und unerschrockener Individualisten“, so Alex Deutsch, ist gegen viele Widerstände und Zeiterscheinungen, die die Realität dem Künstler gern als Knüppel vor die Beine wirft, der Zweitling gelungen. Im doppelten Wortsinn. „Radio Snacks“ ist eigenwillig, eigenartig (wer beginnt schon ein Album verblüffenderweise mit absoluter Stille?) und eigenständig. Das ist schon eine ganze Menge. Daß auch wirkliche Zuckerstücke und radiotaugliche Audio-Snacks im Klanggebräu verborgen sind, etwa der mächtig fahrende „Train Track“, überrascht. Nicht wirklich, natürlich. Café Drechsler bleiben ihrem Stil und ihrer Spur treu.

„Radio Snacks“ erscheint auf dem Wiener Independent-Label mouth to mouth (Vertrieb: Soul Seduction). Wien hat nun nach den Kaffeehaus-Literaten, der Kaffeehaus-Downbeat-Melange und den ersten Coffeeshops auch den Kaffeehaus-Jazz. Ober, bitte zahlen!, wir bleiben aber noch ein, zwei Stündchen sitzen. Hervorragende Musik hier, nebstbei.

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