Austropop-Kult

9. September 2004

Austropop? Kult!? Noch vor Jahresfrist war allein das Stichwort ein Unding.

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„Ich mag den Begriff nicht, er klingt wie eine Automarke“ gab Ludwig Hirsch zu Protokoll. Marianne Mendt, mit der „Glock’n, die 24 Stund’n läut’“ eine der Ahnfrauen des Genres, stellte klar: „Die Zeit des Austropop ist vorbei“. Und die junge österreichische Szene beschwor zwar mit kuriosen Coverversionen und ironischen Sampler-Beiträgen mehr oder minder offen zur Schau getragene historische Einflüsse, blieb aber – „Exorcising The Ghosts!“ – übervorsichtig auf Distanz. Dies alles mehr als fünfzehn Jahren nach jener markanten Presse- und Publikums-Zäsur, zu der Michael Hopp im „profil“ (Ausgabe 44/1987) die Initialzündung gesetzt hatte: „Schickt Ambros in Pension!“

Und anno 2004 soll nun wieder alles anders sein? Die Restitution der alten Austropop-Kaiser, passenderweise zeitlich koinzident mit der Seligsprechung des letzten Habsburger-Herrschers? Eine Wunderheilung uralter Kultur-Hämorrhoiden? Der neue alte Kanon, intoniert und inszeniert vom ORF, dem damaligen (remember Eva Maria Kaiser!) und jetzigen („Austropop-Show“) staatstragenden Impulsgeber?

Die Wahrheit, meine Damen und Herren, ist eine viel einfachere und banalere: das Pendel mußte wieder einmal zum Ausgangspunkt zurückkehren. Der Ausgangspunkt hieß: Lust an der deutschen Sprache, am Dialekt, an lokalen und regionalen Beobachtungen, Sprachbildern und Gegebenheiten. Was folgte, war ab Ende der sechziger Jahre ein unvergleichlicher Boom an ebenso verwegen wie vorsichtig eingebürgertem, unbedarft bis genial adaptiertem, im Herzen kosmopolitischem Singer & Songwriter-, Pop-, Rap- und Rock’n’Roll-Spirit. Schöpfungen wie der „Hofa“ des jungen Wolfgang Ambros, der „Kommissar“ eines Falco oder die inoffizielle Landeshymne „I Am From Austria“ eines Rainhard Fendrich haben die Zeiten überdauert. Zurecht.

Daß zwischendurch – und immer wieder – das Pendel scharf in die Gegenrichtung ausschlug, wo junge Wilde den Altvorderen den nackten Hintern zeigten und alles neu, besser, anders machen wollten und natürlich auf keinen Fall, Teufel auch!, „Austropop“ – das ist der natürliche Lauf der Dinge. Der ewige Zyklus von Bewegung und Gegenbewegung, von Anziehung und Abstoßung, von Verehrung und Abscheu. Anno 2004 markiert das Pendel wieder ein Mode-Hoch. Und ermöglicht, von einigen notorisch geisterfahrenden Pendlern im Feuilleton-Salonwagen vielleicht abgesehen, uns allen einen entspannten, ja liebevollen Blick über die Schulter zurück. Marketingtechnisch leicht dramatisch überhöht wird daraus ein neuer Austropop-Kult. Aber das muß – und sollte – man genausowenig ernst nehmen wie die lust- und nostalgiefeindliche Antithese, der die Unterfütterung des Zeitgeists gottlob abhanden gekommen ist.

Es ist kein Zufall, daß die Großen des hiesigen Pop-Geschäfts immer noch Fendrich, Ambros, Danzer, Hirsch, Goisern usw. heißen. Sie sind Umsatz- und Stimmungsgaranten; dabei gibt es keine gnadenloseren Karriere-Intendanten als den Markt und die Zeit. Der Austropop als frisches Genre hat sich gewiß überlebt, aber er hat auch überlebt – da kommen selbst manchen Neue Welle-, Grunge- und Elektronik-Frühpensionisten mittlerweile Tränen der Rührung. Fehlt nur noch, daß Günter Nenning den Austropop-Koff… Nein, lassen wir das.

Wesen Archiv noch nicht reichlich bestückt ist, dem kann ab sofort geholfen werden – etwa mit der gleich siebenteiligen „Austropop-Kult“-Serie der BMG. Das Strickmuster ist ebenso simpel wie ambitioniert: nach dem Motto „10 + 3“ kombinierte man bei sieben der hauseigenen Austropop-Säulenheiligen je zehn der unbestritten größten Hits mit jeweils drei eher unbekannten, seltenen, bemerkenswerten Raritäten und Schmankerln. Herausgekommen ist eine Reihe, die ein mächtiger Teil der Tonspur zur ORF-„Austropop-Show“ sein dürfte. Eventuell sogar mit dem größten Austropop-Hit aller Zeiten. Fortsetzung folgt, mit Garantie.

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2 Antworten to “Austropop-Kult”


  1. […] abgesehen davon, daß nur der allerdümmste Hund annimmt, die gesamte Austropop-Historie wäre ein einziger fataler Irrtum der Musikgeschichte und Wurzelforschung per se obsolet, […]

  2. Alfred Pawlin Says:

    Walter Frey!!!!!

    Mad,Jesus H.C.,Fatty George Crew……….


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