Apfel-Komplott

14. Januar 2005

Warum Alf Poier aktuell kein Thema ist. FM4 zwar doch, aber auch nicht wirklich. Steve Jobs Apple-Offensive dagegen schon, wenn’s auch manchem Boß der Old School-Musikindustrie nicht so recht schmecken wird.

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Glauben Sie bloß nicht, daß es an Stoff mangelt. Von wegen Marktgröße, Themenbreite und Auflagehöhe („Sound & Media“ wird von Spöttern ja gerne, adäquat dem Objekt der Berichterstattung, mit „Sado & Maso“ gleichgesetzt). Auch wenn Österreich ein kleines Land ist und man ständig allerorts den üblichen Verdächtigen begegnet, ist das Minimundus der hiesigen Kreativwirtschaft eine probate Übungs-Sandkiste für die vermeintlich große, weite Welt. Und weder da noch dort höre ich Journalisten, Publizisten, Kolumnisten über ein Unterangebot aktueller, wichtiger, ja brennender Themen klagen. Im Gegenteil. Die vielbeschworene Krise ist ein vortreffliches Unterfutter für Intensivstation-Berichterstattung, so akkurat und umfassend, daß nicht einmal mehr der zynische Stehsatz, wir alle wären „overnewsed & underinformed“ gelten kann. Eventuell sind wir ja overinformed, paralyzed & a little bit schmähstad. Der Business- und Innovations-Globus da draußen rotiert, daß einem schwindlig wird. Wer sich täglich von der „Financial Times“ über „Musikwoche online“ bis hin zum „MICA:filter“ alles reinzieht, kommt a) trotzdem nicht hinterher und b) auf keinen Fall mehr dazu, selbst noch etwas Substantielles zu leisten.

Aber auch bloßes Achselzucken hilft nicht weiter. Das Leben besteht ja generell darin, sich manchen Themen, Dingen, Personen zu widmen und andere ungerührt links liegen zu lassen. Man kann sich nicht um alle(s) kümmern. Worum man sich dann allerdings kümmert, wann und warum, das ist der Stoff, den ein deutscher Dichter und Denker einmal als das „Glutamat unser Existenz“ identifiziert hat. Aus dem Romane entstehen. Gelegentlich auch launige Kolumen.

Worum also solls heute gehen? Gewiß nicht um Alf Poier. Und den Songcontest. Der Sturm im Wasserglas, den nun „TV Media“ & Co. um das – eher unlustige – Liedl „Good Old Europe Is Dying“ entfachen, ist absurd. Satire darf bekanntlich alles. Und fundamentalistische Christen hätten genauso gute respektive schlechte Gründe sich zu empören wie Muslime, müßte man den plumpen Provokationsversuch des Kabarettisten auch nur annähernd ernst nehmen. Contenance!, meine Damen und Herren!, möchte man rufen. Contenance! Die Gefahr, daß sich Neonazis in Zukunft am Wirtshaustisch auf Alf Poier berufen, ist doch eher gering. Jene, daß dessen zweiter Song „Hotel, Hotel“ (Hit!) die Vorausscheidung gewinnt, schon größer. Und dann hat der ORF eine internationale Debatte am Hals. Wer erklärt der „Sun“, daß Alf ein, äh, „leerer Spiegel“ und herrenloser Zen-Dadaist ist?

Auch kein Thema ist FM4. Daß ich zu dem Sender ein aus der Historie und Gegenwart gespeistes Naheverhältnis habe (ein „nicht unanstrengendes“, wie ich liebevoll anzumerken wußte… Ja, das ist rauher Charme!), nimmt jedem öffentlichen Kotau ein wenig die Grazilität. Wenn nun aber sogar ein Gerd Bacher, der vor zehn Jahren lieber einen weiteren Klassiksender installieren wollte (ein Plan, der dank hinhaltenden Widerstands des seinerzeitigen Hörfunk-Intendanten Nagiller im Abfallkorb des Bildungsbürger-Dünkels verschwand), FM4 die herausragende ORF-Innovation der letzten Jahre nennt, darf ich ihm mich wenigstens verstohlen anschliessen. Hoppauf und tolldreist ins nächste Dezennium, FM4! Selbst ein Vico Antippas, mit dem sich der Schreiber dieser Zeilen seinerzeit in seiner damaligen Funktion als Universal Österreich-Präsidenten auf Tod und Teufel stritt, ob man denn einen derartigen Sender unterstützen könne, ja müsse, dürfte inzwischen die Bedeutung eines vitalen „Alternative Mainstream“-Kanals einsehen.

Was nun? Ich bedaure, keine Apple-Aktien zu besitzen. Was Steve Jobs anstellt und wie er den Rest der Bande, egal ob in der Musik- oder Consumer Electronics-Industrie, vor sich hertreibt, hat ganz große Klasse. Ein Umsatz allein mit iPods von 1,3 Milliarden Dollar, ein Plus von 126 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – das läßt Shareholder und Analysten frohlocken. Und gibt der Download-Fraktion mächtigen Auftrieb. (Der Wermutstropfen dabei: Apple gibt keine absoluten Verkaufszahlen, aufgeschlüsselt nach Interpreten, Alben und Songs bekannt… Sie ließen wohl eine erschreckende Kluft zwischen Hardware- und Software-Absatz erkennen). Die iPod-Familie, mittlerweile um einen schnuckeligen Flash-Stick erweitert, ist immer noch „state of the art“ und der Konkurrenz in vielen Details voraus. Die Verzahnung mit „iTunes“ ungebrochen eine clevere, fast schon hinterhältig zu nennende Idee. Und da Apple mit dem „Mac mini“, einem äußerst stylishen und dabei verblüffend kostengünstigen Schuhschachtel-PC, nun auch noch vom Elitär & Sauteuer-Image abrückt, steht dem weiteren Siegeszug im Jahr 2005 nichts im Wege. Wirklich dagegenhalten können derzeit weder Microsoft noch Sony, die Telekom oder gar Coca Cola. Das Musikbusiness hat ganz neue Gesichter und Namen bekommen. Von den großen Plattenfirmen, die wir einstmals kannten (Universal, BMG, EMI, Warner, Virgin usw. – you remember?), spricht kaum noch jemand.

Ein vortreffliches Thema für die nächste Kolumne, meinen Sie nicht?

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