Archive for April, 2005

Vermischtes, Vermengtes

16. April 2005

Aufatmen! Der „Amadeus“, sein im Vergleich mit dem „Echo“ durchaus probater Glamour und sein verbesserungswürdiges Nominierungs- und Auszeichnungs-Regelwerk sind erst im nächsten Monat dran. Diesmal gilt der Rundumschlag des Hofnarren vom Dienst (vulgo Kolumnist) dem Status Quo von hier bis anderswo.

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„Das ist ein beinhartes Protestlied. Allerdings richtet sich die Kritik nicht gegen eine bestimmte Gruppe, sondern gegen jedermann, der sich betroffen fühlt – auch gegen mich selbst.“ (Arik Brauer, „Köpferl im Sand“)

Daß die Uhren in diesem Land langsamer ticken als anderswo und einige sogenannte Entscheidungs- und Funktionsträger sich ungebrochen in einem Dornröschen-Reich von „Das war immer schon so“-Regularien, Standesvertreterpfründen und K&K (Kunst & Kommerz)-Hegemonien wähnen, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Allmählich blättert der Lack aber ab. Egal, ob es sich um das seltsame Selbstverständnis von Wiener SP-Kulturpolitikern handelt, die tolldreist Millionen in ödeste Musical-Inszenierungen blasen und Jubelgehälter samt Sonderprämien selbst dann auszahlen, wenn die Gesamtinszenierung als Generaldisaster verbucht werden darf. Oder um die unzähligen Zwergerlpolitiker, Selbstbejubler und Funktionärs-Gschaftlhuber, wie sie zuletzt etwa vor der Wirtschaftskammerwahl massiv in Erscheinung traten – und bis heute die Antwort auf die Frage nach der tieferen Sinnhaftigkeit ihres Zwangsmitglieds-Vereins schuldig blieben.

Immerhin!, rufen dann die ewigen Optimisten, das eine oder andere haben wir weitergebracht! Immerhin. So lese ich denn auch mit ungläubigem Staunen, daß etwa der AKM-Vorstand nunmehr den Beschluß gefasst hat, FM4 „zum vollen Minutenwert“ abzurechnen. Was nichts anderes heißt, als daß dieser Sender nunmehr als vollwertig gilt und nicht mehr nur als Spielwiese für pickelige Underground-Nachwuchsmusiker, die froh sein dürfen, vergleichsweise ein Tantiemen-Taschengeld zu erhalten. Immerhin: das fällt doch gut mit dem Zehn-Jahres-Jubiläum von FM4 zusammen. Als weniger nobel darf in diesem Kontext freilich der kleine, feine Trick gewertet werden, Sendungen zwischen null und sechs Uhr früh weiterhin nur mit zehn Prozent der Tantiemenausschüttungen zu bedenken. Denn so lassen sich mit gerade dann bevorzugt eingesetztem Austro-Liedgut für alle Seiten billigst die Sendezeit-Statistiken auffetten – durch die Finger sehen die Urheber.

Nun ja. Man kennt das ja. Irgendwoher muß das Geld ja kommen, und irgendwohin muß es gehen. Daß in diesem ewigen Regelkreis der Wirtschaft mithin da und dort etwas versickert, in allerlei ominösen Strukturen, diversen Sachzwängen und freilich verwaltungsaufwändigen Selbstbehalts-, Sozial-, Steuer- und Sonder-Schatullen, nimmt man mehr oder minder zähneknirschend zur Kenntnis. Ganz unlustig wird es aber dort, wo man mitbekommt, daß eine Institution, deren Kern-Existenzgrundlage die nachhaltige Förderung und Unterstützung einer bestimmte Zielgruppe ist (sagen wir beispielsweise: Musikschaffende mit Drang zu Öffentlichkeit), fragwürdige, weil erstaunliche teure, langwierige und ineffiziente (Schein?-)Aktivitäten betreibt und sich dennoch als Platzhirsch und kulturelle Speerspitze des Landes geriert. Oder, schlimmer noch, hoch subventioniert selbst in wirtschaftliche Konkurrenz zu ihrer ureigenen Klientel tritt. Wer sich betroffen fühlt, darf aufzeigen. Wird es aber, hach!, nicht tun.

Dazu, quasi nebenher, zwei Buchempfehlungen. Zunächst einmal „Im Vorhof der Schlacht“ von Harald Fidler (Falter Verlag). Der „Standard“-Mitarbeiter ist ja einer der wenigen Medienjournalisten dieses Landes, die diese Bezeichnung wirklich verdienen. Neulich traf ich bei einer CD-Präsentation einen ehemaligen Hörfunkintendanten, der diese Meinung lebhaft teilte, dann allerdings einen Nachsatz fallen ließ: „Warum ist er bloß immer so verbissen?“. Die Antwort, die mir dazu einfiel, lautete: weil es gar nicht anders geht in einem – hierorts besonders ausgeprägten – Umfeld von Machthaberei, Politik-Querverbindungen und oligarchischen Strukturen. Wer wissen will, wie es dazu kam, daß „zwei Riesen, nämlich der staatsnahe ORF und ein Ungetüm aus „Krone“, „Kurier“ und „News“-Konzern, vollkommen ungehindert von Kartellgesetzen und Medienpolitik, die österreichische Medienlandschaft beherrschen können“ (Pressetext), der ist mit Fidlers verschärfter Materialiensammlung treffsicher bedient.

Und dann hätten wir da das unverzichtbare, im Neuen Wissenschaftlichen Verlag erschienene Werk „Kulturmanagement leicht gemacht “, verfasst von Susanne Moser (Schauspielhaus Wien), Gerald Matt (Kunsthalle) und dem profilierten Steuerberater Wolfgang Steirer. Wenn ich vorhin „unverzichtbar“ geschrieben habe, zumeist eine von Lohnschreibern eilfertig gebrauchte Propaganda-Floskel, dann ist das hier auch tatsächlich so gemeint. Denn das konzentrierte Kompendium zu Themen wie Betriebsmanagement, Controlling , Organisation, Finanzierung und Steuern ist zwangsweise das „Kleine ABC“ des Unternehmers, auch und gerade im Kunst- und Kulturbereich. Wer nicht weiß, wie man einen Verein gründet und wie und ob dieser Subventionen beziehen darf (und wird), wie man elegant Besucheranalysen erstellt, erhöhte Kilometergelder abrechnet oder einen freien Dienstvertrag kündigt – der bekommt keinen Fuß auf den Boden in unserem neoliberalen, postkapitalistischen, sozialdemokratischen Creative Industries-Dschungel. Selbst ein Straßenmusikant ist ja heute eine Ich-AG.

Und der wohlig im Angestelltendasein ruhende ORF-, Sony-BMG- oder AKM-Mitarbeiter (das sind nur Chiffren, meine Damen und Herren!, keine Sorge!), vom pragmatisierten Magistrats-Kulturbeamten gar nicht zu reden, sollte sich vielleicht auch einmal die Spielregeln des K&K-Betriebs zu Gemüte führen. Einerseits, um eventuell gewollte, eventuell ungewollte Perspektiven zu erkunden. Anderseits, um seine Kunden-, Konsumenten- und Lieferanten-Klientel kennenzulernen. Und deren gelegentliches leises Stöhnen verstehen zu lernen.

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Zwischen Graz, Wien und Reykjavik

14. April 2005

Helgi Hrafn Jonsson. Oder: wie ich verlernte, beim Thema „Pop aus Island“ automatisch an Björk zu denken.

Helgi Hrafn Jonsson. Der Name allein. Dann die physische Erscheinung, die diesen Namen trägt: ein schmächtiger, gleichwohl attraktiver, sehr wohl selbstbewußter Blondschopf, unübersehbar jung an Jahren, unübergehbar zielstrebig (bei aller anfänglichen Zurückhaltung). Unüberhörbar ist da auch ein sympathisch steirischer Zungenschlag, mit Beimengungen, deren Wurzeln erst zu identifizieren sind, wenn man mit Helgi ins Gespräch gekommen ist. Und das geht rasch. Denn dieser Helgi Hrafn Jonsson hat einiges zu erzählen.

Die Geschichte geht im wesentlichen so: das Licht der Welt erblickt 1979 in Reykjavik, Island. Mit 7 Jahren Posaune zu spielen begonnen. Von 13 bis 18 bei „Bossanova“, einer Gruppe von jungen Musikern, die Jazz und lateinamerikanische Musik paaren und ständig zwischen Europa und den USA unterwegs sind. Mit 19 Abschluss am Reykjavik College of Music. Solo Performers Diploma. Dann Studium an der Kunst-Universität Graz ab Herbst 1999, bei Carsten Svanberg und Ed Neumeister. Im selben Jahr Solodebüt mit dem Iceland Symphony Orchestra. 2000 Solist der „Voices of Europe“ im Rahmen der kommissionierten Komposition „European Rap for Choir and Solo Trombone“. Der Chor bereist alle neun Kulturhauptstädte in Europa und arbeitet mit Künstlern wie Björk und Arvo Pärt zusammen. Seit 2001 Teil von „Beefólk“, einer in Graz entstandenen Gruppe, die einen alternativ-ambitionierten – und höchst erfolgreichen – Mix aus Folk, Rock, Jazz, Dance und Tango spielt. Instrumentarium: Posaune, Stimme. Seit Herbst 2002 Mitglied der Jazz Big Band Graz.

Helgi Hrafn Jonsson hat also Talente. Und er hat eine Historie, die diese Talente heranzubilden half. Und die gewiß nicht alltäglich ist. Ob Helgi nun Isländer oder Steirer oder Wiener oder eigentlich der Prototyp eines vagabundierenden Kosmopoliten ist – egal. Ob Helgi singender Posaunist oder posaunenspielender Sänger oder Neo-Punk mit Klavierstunden ist oder eigentlich der Prototyp eines grenzverachtenden Multi-Instrumentalisten – egal. Jedenfalls ist der junge Mann immer gut für Überraschungen. Zweifellsohne.

Denn trotz seiner klassischen Ausbildung als Posaunist entwickelte sich Helgi Hrafn Jonsson in den letzten Jahren immer mehr zu einem dem aktuellen Pop/Rock-Geschehen nicht allzu fernen (aber gewiß auch nicht zu nahen) Singer/Songwriter. Und zum eigenwilligen und denkbar besten Interpreten der eigenen Schöpfungen. Mit einer androgynen Falsettstimme besingt Helgi die Zerstörung der isländischen Landschaft durch US-Aluminiumkonzerne. Oder auch nur eine sanfte Berührung der Seele durch die Liebe im allgemeinen und speziellen. Da steckt so einiges in den vordergründig leichtfüßigen, eingängigen Songs, das einen packt und festhält und fasziniert, mehr und mehr fasziniert, je öfter man sie hört. Und der Autor lächelt dazu. Tiefgründig wie – ? Eventuell wie Björk.

Ja, Helgi Hrafn Jonsson mag Björk. Dieser Name mußte ja fallen. Warum auch nicht? Björk, sagt er, hat für die isländische Popmusik mehr geleistet als sonst irgendjemand. Island ist klein. Man kennt sich. Helgi hat auch schon mit Sigur Rós gearbeitet, auch nicht gerade unbekannten Island-Musik-Exporteuren, drei Songs des letzten Albums mit eingespielt, danke, nette Kollegen, man kennt sich. Irgendetwas muß da in der isländischen Atmosphäre sein, was Künstler auf- und durchatmen läßt. Und die Hälfte der Bevölkerung der Insel in Chorproben, Studios oder private Musikzirkel treibt. Licht. Luft. Sonne. Meer. Island hieß einmal ein Label. Kann ja auch kein Zufall sein, irgendwie.

Von wegen Label: im September 2005 erscheint auf Material Records Helgi Jonssons erstes Soloalbum. Wolfgang Muthspiel ist nicht nur einer der profiliertesten Jazzer Österreichs. Er hat auch einen Riecher für Talente. Und mit dem eigenen Label eine probate Infrastruktur. „Mein Ziel ist es, ein weltbekannter Star zu werden“, sagt Helgi. Lacht, und winkt im gleichen Atemzug ab. Seltsam: ich habe das nicht für einen leichthin fallengelassenen Scherz gehalten. Sondern für eine denkbar treffliche, denkbar realistische, denkbar einlösbare Ansage. Ein wirkliches Ziel.

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