Zwischen Graz, Wien und Reykjavik

14. April 2005

Helgi Hrafn Jonsson. Oder: wie ich verlernte, beim Thema „Pop aus Island“ automatisch an Björk zu denken.

Helgi Hrafn Jonsson. Der Name allein. Dann die physische Erscheinung, die diesen Namen trägt: ein schmächtiger, gleichwohl attraktiver, sehr wohl selbstbewußter Blondschopf, unübersehbar jung an Jahren, unübergehbar zielstrebig (bei aller anfänglichen Zurückhaltung). Unüberhörbar ist da auch ein sympathisch steirischer Zungenschlag, mit Beimengungen, deren Wurzeln erst zu identifizieren sind, wenn man mit Helgi ins Gespräch gekommen ist. Und das geht rasch. Denn dieser Helgi Hrafn Jonsson hat einiges zu erzählen.

Die Geschichte geht im wesentlichen so: das Licht der Welt erblickt 1979 in Reykjavik, Island. Mit 7 Jahren Posaune zu spielen begonnen. Von 13 bis 18 bei „Bossanova“, einer Gruppe von jungen Musikern, die Jazz und lateinamerikanische Musik paaren und ständig zwischen Europa und den USA unterwegs sind. Mit 19 Abschluss am Reykjavik College of Music. Solo Performers Diploma. Dann Studium an der Kunst-Universität Graz ab Herbst 1999, bei Carsten Svanberg und Ed Neumeister. Im selben Jahr Solodebüt mit dem Iceland Symphony Orchestra. 2000 Solist der „Voices of Europe“ im Rahmen der kommissionierten Komposition „European Rap for Choir and Solo Trombone“. Der Chor bereist alle neun Kulturhauptstädte in Europa und arbeitet mit Künstlern wie Björk und Arvo Pärt zusammen. Seit 2001 Teil von „Beefólk“, einer in Graz entstandenen Gruppe, die einen alternativ-ambitionierten – und höchst erfolgreichen – Mix aus Folk, Rock, Jazz, Dance und Tango spielt. Instrumentarium: Posaune, Stimme. Seit Herbst 2002 Mitglied der Jazz Big Band Graz.

Helgi Hrafn Jonsson hat also Talente. Und er hat eine Historie, die diese Talente heranzubilden half. Und die gewiß nicht alltäglich ist. Ob Helgi nun Isländer oder Steirer oder Wiener oder eigentlich der Prototyp eines vagabundierenden Kosmopoliten ist – egal. Ob Helgi singender Posaunist oder posaunenspielender Sänger oder Neo-Punk mit Klavierstunden ist oder eigentlich der Prototyp eines grenzverachtenden Multi-Instrumentalisten – egal. Jedenfalls ist der junge Mann immer gut für Überraschungen. Zweifellsohne.

Denn trotz seiner klassischen Ausbildung als Posaunist entwickelte sich Helgi Hrafn Jonsson in den letzten Jahren immer mehr zu einem dem aktuellen Pop/Rock-Geschehen nicht allzu fernen (aber gewiß auch nicht zu nahen) Singer/Songwriter. Und zum eigenwilligen und denkbar besten Interpreten der eigenen Schöpfungen. Mit einer androgynen Falsettstimme besingt Helgi die Zerstörung der isländischen Landschaft durch US-Aluminiumkonzerne. Oder auch nur eine sanfte Berührung der Seele durch die Liebe im allgemeinen und speziellen. Da steckt so einiges in den vordergründig leichtfüßigen, eingängigen Songs, das einen packt und festhält und fasziniert, mehr und mehr fasziniert, je öfter man sie hört. Und der Autor lächelt dazu. Tiefgründig wie – ? Eventuell wie Björk.

Ja, Helgi Hrafn Jonsson mag Björk. Dieser Name mußte ja fallen. Warum auch nicht? Björk, sagt er, hat für die isländische Popmusik mehr geleistet als sonst irgendjemand. Island ist klein. Man kennt sich. Helgi hat auch schon mit Sigur Rós gearbeitet, auch nicht gerade unbekannten Island-Musik-Exporteuren, drei Songs des letzten Albums mit eingespielt, danke, nette Kollegen, man kennt sich. Irgendetwas muß da in der isländischen Atmosphäre sein, was Künstler auf- und durchatmen läßt. Und die Hälfte der Bevölkerung der Insel in Chorproben, Studios oder private Musikzirkel treibt. Licht. Luft. Sonne. Meer. Island hieß einmal ein Label. Kann ja auch kein Zufall sein, irgendwie.

Von wegen Label: im September 2005 erscheint auf Material Records Helgi Jonssons erstes Soloalbum. Wolfgang Muthspiel ist nicht nur einer der profiliertesten Jazzer Österreichs. Er hat auch einen Riecher für Talente. Und mit dem eigenen Label eine probate Infrastruktur. „Mein Ziel ist es, ein weltbekannter Star zu werden“, sagt Helgi. Lacht, und winkt im gleichen Atemzug ab. Seltsam: ich habe das nicht für einen leichthin fallengelassenen Scherz gehalten. Sondern für eine denkbar treffliche, denkbar realistische, denkbar einlösbare Ansage. Ein wirkliches Ziel.

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