Reality Rules OK

24. Mai 2005

Voilá!, wie angekündigt: der „Amadeus“, sein im Vergleich mit dem „Echo“ durchaus probater Glamour und sein – wirklich? –
verbesserungswürdiges Nominierungs- und Auszeichnungs-Regelwerk sind hier und heute das Thema.

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Der „Amadeus“ also. Alle Jahre wieder. Alle Jahre wieder heiß diskutiert, abschätzig kommentiert, vorgeblich ignoriert oder schlichtweg milde belächelt. Immer wieder aber auch gerne genommen. Denn allzuviel ist es ja nicht, was die Musiknation Österreich und die „Weltkulturhauptstadt Wien“ (so ORF-Marketingchef Thomas Prantner bei der Vorstellung des ORF-Marketingspektakels „Lange Nacht der Musik“) den Künstlern an konkreter Wertschätzung angedeihen lassen, abseits der musealen Klassik- und Hochkultur-Tempel mit den güldenen Türklinken. So nimmt man denn gern auch mal allerlei mit lustigem Brimborium überreichte Ehrenzeichen aus der Hand des Kulturstadtrats in Empfang oder freut sich über das schmallippige Lächeln des Kulturstaatssekretärs in der ersten Sitzreihe – und geht dann wieder zur Tagesordnung über. Der Schaumwein schmeckt nicht weniger schal, wenn das eigene Gemüt stets unterkühlt ist.

Der „Amadeus“ also. Selbst von Leuten, die es besser wissen müßten (Journalisten z.B., die die Schülerzeitungs-Phase altersmäßig doch schon einige Jahre hinter sich gelassen haben), wird diese Veranstaltung ja gerne mit einem staatstragenden Kulturhochamt verwechselt. Um einmal mehr in den rituellen Abschlußchor der ewig Enttäuschten einstimmen zu können. „Warum immer Ambros, Danzer, Fendrich, Hirsch, Jürgens“? „Warum Christl Stürmer gleich zweimal“? „Nicht schon wieder DJ Ötzi!“ „Andrea Berg ist genauso unerträglich wie die Kastelruther Spatzen“ etc. usw. usf. Ödes Geraunze am „Amadeus“-Buffet und in Stadtzeitungs-Kolumnen.

Man ignoriert dabei leider geflissentlich, daß die Spielregeln der Nominierung einfache und in gewisser Weise unbestechliche sind: die Verkaufszahlen bestimmen das Starterfeld, nicht die Geschmacksknospen. Oder nebulose Wunschträume. Letztlich kann daraus eine anonyme Jury immer noch „das geringste Übel“ wählen, wie Kritiker hinterlistig festhielten. Nun: das mag böse böse böse, weil schnöde kommerziell sein – aber wer bitte erwartet von der Musikindustrie die Ausrichtung des Alternativen Literaturnobelpreises? Und der „Amadeus“ ist nun mal eine Propaganda-Party der IFPI resp. Musikindustrie. Oder dessen, was von ihr noch übrig blieb. Reality rules OK!

Glauben Sie mir: ich habe genug derartige Veranstaltungen besucht, um den Gestaltern des hiesigen Spektakels guten Gewissens zu ihrer probaten lokalen Inszenierung gratulieren zu können. Im Vergleich zum „Echo“ etwa, dem großen bundesdeutschen Bruder des „Amadeus“, hat letzterer – bei weit geringeren Mitteln – einfach mehr Schmäh, Eigenironie und musikalische Zwischentöne. Und ich erachte es als nicht gerade gering zu wertendes positives Signal, daß Kategorien wie der „FM4 Alternative Award“ oder die Newcomer- und Jazz/Blues/World Music-Fraktion dieselbe Gewichtung bekommen wie, sagen wir, das „Album des Jahres international“.

Natürlich hat Roland Düringer recht, wenn er („Das Leben ist kein Hit“) mangelnde Entfaltungsmöglichkeiten und mediale Spielflächen für Minderheiten-Genres beklagt. Aber allein sein – löblicherweise ungeschnittener – Auftritt ist ein Statement. Auch und insbesondere der „Amadeus“-Veranstalter. Genauso wie jener von Gustav, der Balaton Combo oder dem ebenso treffsicheren wie unschlagbar amüsanten „Projekt X“. Und wenn selbst einem bissigen Profi-Beobachter wie dem FM4-Kapo Martin Blumenau an Kritik (nachzulesen hier) nicht viel mehr einfällt, als daß sich hier „die neue Mitte“ inszeniere – tja, Teufel auch! Zumal die Zuseher-Quote Edgar Böhm, Peter Nagy, Franz Medwenitsch und jede(n) am TV-Event Teilnehmende(n) zusätzlich zufrieden stimmen durfte.

Natürlich gab und gibt es einiges zu verbessern. Daß mit Silbermond, Juli, Christl Stürmer und (den in letzter Sekunde hineinreklamierten, kreuzbrav ein Playback-Medley – ihrer größten Ö3-Hits? – vortragenden) Shiver gleich vier Bands gleicher Bauart auf der Bühne standen, war des Guten doch zu viel. Daß man sich vor Ort am Küniglberg wie ein Statist in einer nervös-zügig abgespulten TV-Inszenierung wähnte und Zeuge sein durfte, wie man dem nachdenklichen Georg Danzer das Wort abschnitt – das gelang insgesamt schon mal stimmiger und würdiger. Daß man sich zudem etwas einfallen lassen muß, um der bedenklichen Kargheit des Angebots im lokalen Mainstream-Bereich (die konterkariert wird von einer bemerkenswerten quantiativen und qualitativen Fülle potentieller „Alternative Award“-Kandidaten) mehr Zukunftsperspektive und Marktpotential zu injiziieren, liegt auf der Hand. Das sollte Thema eines ständigen runden Tisches zwischen der IFPI und dem ORF sein. Saint Privat, Café Drechsler – die dieser Tage ihren „Amadeus“ im Internet versteigern, um auf die realen Lebens- und Produktionsbedingungen österreichischer Künstler aufmerksam zu machen –, Roland Düringer oder Georg Danzer sollte man da übrigens auch mal einladen und zu Wort kommen lassen. Seriously.
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Im übrigen erlaube ich mir, Prof.Stefan Weber zum Silbernen Ehrenzeichen der Stadt Wien und zum „Amadeus“ für sein Lebenswerk zu gratulieren. Wenn jetzt auch noch der Filmförderungsfonds grünes Licht zum großen finalen Drahdiwaberl-Celluloid-Spektakel gibt, hat eine große, weil lebensgroße Rock’n’Roll-Story ein fast schon kitischiges Ende gefunden. Zumindest vorläufig. Respekt.

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3 Antworten to “Reality Rules OK”


  1. […] und das ORF-Fernsehen (das ist scheinbar ein ewig gültiges Thema), lobte FM4, spöttelte über den „Amadeus“, porträtiere ambitionierte heimische Musiker (liftet Alex Deutsch nun Anna F. in höhere Sphären? […]


  2. […] „Amadeus“ hat in den letzten Jahren eine heftige Transformation – weg vom Major-Mainstream-Spektakel, hin zu einer von Web 2.0-Partizipation, Szenenähe und Indie-Spirit getriebenen Präsentation – […]


  3. […] unter einen Hut zu bekommen. Der Charme des „Amadeus“, schrieb ich einmal an anderer Stelle (und vor vielen Jahren) sinngemäß, rührt daher, dass er es schafft, die verschiedenen Lager und […]


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