Archive for Juni, 2005

Café Schnorrer

21. Juni 2005

Eine Band holt den „Amadeus“ ab, Österreichs very own little „Grammy“. Und versteigert ihn umgehend via Internet, um die Produktionskosten für das ausgezeichnete Album hereinzuspielen. Eine Realsatire aus der Creative Industries-Provinz.

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„Ob man von Musik leben kann?“. Alex Deutsch in dem Moment, wo diese Frage fällt, fallen mußte, einen bitteren Zug um die Mundwinkel zuzuschreiben, wäre ungerecht. In Wahrheit umspielt der Anflug eines Lächelns seine Lippen. Alex Deutsch lächelt fast immer. Ein feines, distinguiertes Lächeln, das die Abgründe der Mühsal, von denen gerade noch die Rede war, vom Tisch wischt wie Brösel als unvermeidliche Begleiterscheinungen eines opulenten Festmahls. „Nun – man kann an Musik zumindest nicht sterben“. Sagt er. Und lächelt. Einmal mehr.

Alex Deutsch ist Schlagzeuger. 45 Jahre alt, im Camouflage-Outfit ungebrochen auf jung, urban, hip getrimmt, rastlos unterwegs in der Stadt. Im Café Latte in der Neubaugasse sieht man ihn immer wieder mal rumhocken. Weil der Espresso gut ist, sagt er, aber es gibt Leute, die vermuten, weil es dort einen kostenlosen Internet-Zugang gibt, der jede Menge Laptop-Junkies anzieht. Da klopfen sie in die Tastaturen, verhuscht-verstohlen im Business-Dress oder freudig-erregt im Lifestyle-Kampfanzug, wie Deutsch. Der Mann schreibt gerne e-mails. Lange e-mails, sehr lange, über laufende oder gerade geplatzte Deals, Aktionen, Ideen, Vorhaben. Über aktuelle Zerwürfnisse und neue Koalitionen. Über verlockende Visionen und ernüchternde Realitäten. Er flickt immer wieder mal englischsprachige Brocken in den Textfluß, „we need to make decisions now“ oder „I got the message“ oder auch „I really can’t wait much longer“, aber das hat weiter nichts zu bedeuten, außer daß der Autor der dringlichen Elektro-Depeschen seine Ungeduld zu gern mal mit weltläufiger Gelassenheit vertauschen würde. Wenn denn nur irgendetwas klappen würde wie geplant.

Ich weiß, wovon ich rede, denn ich erhalte eine Menge e-mails von Alex Deutsch. Solche, die ich erwartet habe. Manche, die ich explizit erbeten habe. Viele, von denen ich nicht recht weiß, warum ich mit in den Verteiler aufgenommen wurde. Aber es ist irgendwie eine Auszeichnung, gebetenermaßen oder auch ungebeten, involviert zu werden in diese unüberblickbare fiktive Schicksalsgemeinschaft. Leibhaftig teilzuhaben an dem ewigen Infight mit dem unabänderlichen Gegner Wirklichkeit. Einem Gegner, der einen zu gern foppt, kitzelt, verhöhnt.

Da ist zum Beispiel die Geschichte mit dem „Amadeus“. „Diese Trophäe abzuholen war wie durch einen Virtual Reality-Tunnel zu gehen“. Sagt Alex. Tatsächlich stand er im Mai diesen Jahres auf der Bühne, vor laufenden ORF-Kameras, ein wenig verloren, ein wenig überrascht. Ehrlich. Café Drechsler hatten die zackige Plexiglas-Statue verliehen bekommen, in der Kategorie „Bestes Jazz/Blues/Folk-Album“. Roland Düringer, der Kabarettist, hatte als Laudator zu ernsthaften Worten gefunden, Erinnerungen eingeflochten, sich über den nachlässigen Umgang mit Musik abseits der ausgetrampelten Mainstream-Pfade beschwert, ein wenig gekoffert in Richtung Ö3, „das Leben ist kein Hit. Das Leben ist viel mehr“. Alex Deutsch dagegen hatte sich nur bedankt. Bei jener, sagte er das wirklich?, Handvoll fantastischer Enthusiasten und unerschrockener Individualisten, die die Verwirklichung des soeben ausgezeichneten zweiten Café Drechsler-Albums „Radio Snacks“ denn überhaupt erst ermöglicht hätten. Dann ging es gleich weiter mit Tschin-Bumm und Trara und anschließender großer Party auf der Charts-Gipfelplattform des Küniglbergs. Der österreichische „Grammy“ will schließlich gefeiert werden. Auch wenn die Journalisten, zumindest jene, die sich nicht nur, aber auch als „Medienpartner“ am Do&Co-(DoRo&Co?)-Buffet umschmeichelt fühlen, immer sagen, daß es da nix zu feiern gibt. Eigentlich.

Alex Deutsch hat aber gefeiert an diesem Abend. So lange, daß er locker ins reale Café Drechsler hätte überwechseln können, jenes Etablissement auf der Wiener Wienzeile, das bekanntermaßen die trefflichste Kulisse für den stimmungsvollen Ausklang eines Abends bietet. Wenn der Morgen schon graut. Ob ihm das in den Sinn gekommen ist? Eher nicht. Der Besitzer dort mißtraue der Band gleichen Namens irgendwie, als führe man einen perspektivischen Undercover-Image-Transfer im Schilde. Eine CD-Präsentation des Café Drechsler im Café Drechsler liege zwar auf der Hand, sei aber bislang aus ebendiesen Gründen unterblieben.

Außerdem rühre der Namen ja nicht wirklich daher. Ulrich Drechsler, der Saxophonist und Baßklarinettist des Trios, sei schuld. Und Oliver Steger, der Mann mit dem Kontrabaß, ein ehemaliger Punk. Wenn Deutsch, der dritte Mann im Bunde, schließlich von seinem Instrument als „Fragment eines ehemaligen Schlagzeug-Ersatzteillagers“ spricht, das nunmehr „mehr oder weniger ein Haufen Müll“ sei, dem man immerhin „extrasanfte Seelenstreichler-Grooves“ entlocken könne, dann ist man mittendrin im Kapitel Band-Historie. Aus Deutschs Sicht. Drechsler und Steger waren übrigens nicht dabei an jenem denkwürdigen „Amadeus“-Abend. Anderweitig engagiert. Man betreibt Zweit-, Dritt-, Viert-Projekte.

In ihrer fünfjährigen Band-Existenz haben Café Drechsler ihren impulsiven, strictly spontan improvisierten – und damit mehr oder minder unverwechselbaren – Sound (Jazz? NuJazz? JazzNotJazz?) vom ehrwürdigen Wiener Konzerthaus bis ins nicht minder ehrwürdige „Nublu“ in New Yorks East Village exportiert, von Festivals in Rom, Prag, Warschau oder Moskau bis zum „Lovefield“ in Germanien. Juli eröffnet man das Jazzfestival in Istanbul, im Herbst steht Barcelona an, 2006 eine Tournee durch Mexiko. „Wir sind definitiv eine internationale Marke“, sagt Alex Deutsch, nicht ohne Stolz. Das Debutalbum, vor drei Jahren erschienen bei Universal, wurde in zwanzig Ländern veröffentlicht und war in Australien, Griechenland und Indonesien in den Radiocharts. Das hätte Roland Düringer gefallen.

Die Manager bei Universal zeigten sich unterm Strich weniger beeindruckt, wiewohl gerade die Jazz-Abteilung des Musikkonzerns am Schwarzenbergplatz als besonders engagiert und rührig gilt und als konzern-untypisch schlau in seinen Veröffentlichungsstrategien und Vermarktungswegen. Die leidigen Zahlen. Zwanzig mal nicht allzuviel verkauft in zwanzig Ländern, das ist zwar respektabel, schon, aber macht das Controller-Kraut nicht fett. Und dann schreibt Alex gerne, das wissen wir schon, lange mails. Weil er sich ärgert, daß wieder dies nicht klappt. Oder jenes. Controller haben aber wenig Zeit und Lust, lange mails zu lesen. Es gärte der Verdacht, daß jene mit dem Absender „Deutsch“ irgendwann dem automatischen Spam-Filter überantwortet wurden. Das zweite Café Drechsler-Album sollte dann jedenfalls nicht mehr bei Universal erscheinen, sondern bei mouth to mouth, einem – bei allem Respekt – doch kleineren Label. Betrieben wird es von Isabelle, der Freundin von Alex Deutsch, die nebenher auch das Wiener „Birdland“ mit Live-Künstlern bestückt. „Wir schulden Universal noch immer Geld“, klagt der Musiker. „Fünfhundert Euro im Monat zurückzahlen, jeden Monat, das knabbert am Budget“. Deutsch vermutet absichtliche Verzögerungen bei der Abrechnung des Majors und andere Taschenspieler-Tricks. Aber das gehört zur Folklore der Branche.

Tatsache ist, daß man nur mit Spielen, Spielen, Spielen über die Runden kommt. Ein Live-Gig von Café Drechsler kostet, Freundschaftspreis!, um die zwölf- bis fünfzehnhundert Euro, Anreise und Hotel exklusive. Rund hundert Gigs im Jahr lassen sich aufstellen. Ausschließlich leben davon kann niemand, aber Nebenerwerbs-Taxifahrer weiß die Profi-Truppe keinen unter sich. Das „Zufallsprodukt“ (Deutsch) Café Drechsler, das eigentlich entstand, weil ein SAE-Student Mitmusiker für Aufnahmen im Rahmen der Diplomarbeit zusammentrommelte und Uli so Oliver kennenlernte und sich dann an Alex, den Ex-Kollegen von der Grazer Jazzakademie, erinnerte, hat Flexibilität und Improvisationskunst nicht zufällig auf seine Fahnen geschrieben. Im Gegenteil. Es ist Lebens-, Überlebensstrategie. Produzieren, in anderen Bands spielen, veranstalten, checken, rumwursteln, weitermachen. There’s no business like show business.

„Ich wollte nie alles hinschmeissen und, sagen wir, Wirt werden“, sagt Alex. Meist, nein: fast immer hat man es mit ihm zu tun, wenn es um Café Drechsler geht. „Ich spiele Schlagzeug, seit ich denken kann. Ich liebe es, Leute über und mit Musik zu bewegen. Und ich meine das durchaus auch in einem körperlichen Sinn. Ich kann mir nichts anderes vorstellen“. Zitat Ende. In den Presseunterlagen auf der äußerst eleganten Band-Homepage liest sich das dann so: „Was wir bewegen? Kleine Menschen, große Tiere, einsame Herzen, arge Schmerzen, lange Ohren, knackige Ärsche, suchende Seelen und gefundenes Fressen, lange Beine und alltägliche Sorgen. Das Hier und Jetzt also. Und manchmal auch das Morgen. Und Übermorgen“. Café Drechsler sollten dringlich über ihren Werbetexter nachdenken.

Denn der gute Herr kostet Geld. Auch. Nicht wenig Geld. Aber irgendwie muß ein geglücktes Album, und „Radio Snacks“ ist ein reichlich geglücktes Album (trotz der etwas verwirrenden Idee, es mit absoluter Stille beginnen zu lassen), auch gepreßt und promoted und vermarktet und vertrieben und gelistet, sprich: unbekümmert unter die Leute gebracht werden. Und Café Drechsler sind zu lange im Geschäft, um nicht den Anfängerfehler zu begehen, mit Ach und Krach ein Budget für die Produktion aufzustellen, das aber keinerlei Spielraum mehr hat für Werbekostenzuschüsse, Covergestaltung, Pressefotos oder Point Of Sale-Maßnahmen. Für den Rattenschwanz an Folgekosten, den eine CD-Veröffentlichung zwangsläufig nach sich zieht. Die Jungs von den Waxolutionists, den Tam Tam d’Afrique-Frontman Cheikh aus Senegal, den FM4-„Sunny Side Up“-Host John Megill oder die erst zweiundzwanzigjährige Sängerin Daniela Bauer a.k.a. „Zyra Daisy“ – sie alle hat Alex Deutsch für gute Worte und wenig Kohle ins Studio locken können. Ein Produzent für ein Indie-Label versteht es, auf Kollegialität und Solidarität und ein absehbar geiles Produkt zu pochen. Aber spätestens bei den patenten Promo-Ladies von Octopussy in Hamburg hören derlei Späße auf.

Dabei ist heute eine CD oft nicht mehr als ein Live-Souvenir. Und eine Original-CD eine Original-Brennvorlage. Von mythisch überhöhten potentiellen Einnahmequellen wie iTunes, Klingeltönen oder MyCokeMusic ganz zu schweigen. Groschenbeträge hie wie da, und davon abgesehen, muß eine auf der Label-Landkarte per se mikroskopisch kleines Start Up-Bude á la mouth to mouth erst einmal den Not-Eingang ins vermeintliche Business-Shangri-La finden. Nicht mal Michael Jackson kann heutzutage seine Stromrechnung bezahlen. Und dann erzählen sie einem immer von den Creative Industries und daß Musik, Medien, Mode, Multimedia die Welt retten werden.

Oder das Internet. Im kleinen zumindest. Denn plötzlich tauchte die Idee auf, den frisch überreichten „Amadeus“ („Einer der häßlichsten Preise, die ich je gewonnen habe“, so André Heller bei seiner Dankensrede ein Jahr zuvor) zu versteigern. Auf Ebay. Oder so. One Two Sold. Meinetwegen. Da sollte auch ein „Krone“-Artikel drin sein. Daß ein Heller oder eine Christl Stürmer oder ein DJ Ötzi auch so eine Trophäe zuhause hatten, müßte doch auch auf den vergleichsweise unmondänen Kosmos des gemeinen Café Drechsler-Fans abstrahlen. Wer immer auch diese Pletschn in sein privates Regal stellen mochte. Eine Presseaussendung mußte her. Sofort. Doch: der Promotionexperte zeigte sich anfänglich skeptisch. Die Manager der IFPI, des Dachverbands der großen Record Companies, die man – als ursprünglich preisvergebende Instanz – freundlicherweise kontaktierte, erst recht. Nein, es ginge keineswegs eine Herabwürdigung des Preises an sich. Sondern um schlichte Nutzwert-Lukrierung. Ja, man sei ausschließlich an einem Reality Check des tatsächlichen Zustands der heimischen Musikindustrie interessiert. Und wolle deshalb den durchaus demütig und ehrlich freudig empfangenen „Amadeus“ als einmaliges Zuckerl für alle Fans ausloben. Schweren Herzens? Nein, das nun doch nicht. Egal. Auktionsbeginn: 19. Mai, 9 Uhr, Startpreis ein Euro.

Der Rest ist rasch erzählt. Herausgekommen sind 550 Euro. Nicht gerade viel. Schulterzucken. Bezahlt schon die eine oder andere offene Rechnung. Warum ausgerechnet die Betreiber des „Seastar Tauchsportgeschäfts“ zugeschlagen haben, weiß Alex Deutsch nicht zu sagen. Unzufrieden wirkt er jedenfalls nicht. „Ich würde das Ergebnis unter dem Stichwort Preis-Realität einreihen, in jeder Hinsicht“. Da ist wieder das feine Lächeln um seine Lippen. „Schau, die Leute hier haben geglaubt, weil wir den „Amadeus“ gewonnen haben, sind wir fein aus dem Schneider. Quasi schon Millionäre. So funktioniert das in diesem Land, in dieser kleinen Szene. Vollkommen irrational.“ In New York, wo Deutsch lange gelebt hat, sei das anders. Da sei kein Platz für emotionalen Negativ-Luxus wie Neid. „Mich nichts zu scheissen, habe ich dort gelernt. Eigentlich bin ich ja eher schüchtern.“ New York hätte er schließlich verlassen wegen „Reizüberflutung“. Und sich in der Oststeiermark verkrochen, in Gleisdorf, bevors weiterging nach Wien. Eine Zwischenstation mehr in der punktuellen Annäherung an das große existentielle Rosa Rauschen. Come and rock me Amadeus. Oder so. Lächeln. Schulterzucken.

Wie’s nun weitergeht mit Café Drechsler? Wie immer. Irgendwie. Unbeirrt. Unbeirrbar. „Wachsen. Sich treu bleiben. Nie proben.“

P.S.: Gerade ist wieder ein e-mail eingelangt. 0:02h. Absender: Alex Deutsch. Wer sonst? „Um die Ecke kommt aleXdrum – watch out for this one – live clubbeatz mit einem wicked drummer als frontman on the next level. Und im oktober spiele ich eine personalie im “porgy & bess”, zum 30jährigen bühnenjubiläum… Walter, wenn du das noch rüberkriegen könntest, wäre echt schön. Vielen dank, aleX.“

(DATUM)

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Ingenieure, Spekulanten, Künstler

20. Juni 2005

Wer schläft, sündigt nicht, sagt das Sprichwort. Das gilt allerdings gewiß nicht für Musikindustrie-Manager, die z.B. den MP3-Boom verschlafen haben. Der Umkehrschluß „Wer nicht schläft, sündigt“ könnte dafür im Fall der EMI-Konzernspitze geltend gemacht werden.

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Pontis – dieser Name rief augenblicklich Erinnerungen wach. Denkwürdige Erinnerungen. Geben Sie einfach mal in Google die Stichworte „Pontis“ und „Gröbchen“ ein, und Sie werden sehen, was ich meine. Einen Artikel aus der Hamburger „Zeit“ aus dem Herbst 1998, der sich – wohl als einer der ersten im deutschsprachigen Raum – mit dem damals recht neuen und für viele noch nie gehörten Stichwort MP3 beschäftigte. Es war auch meinerseits die erste Recherche und journalistische Konfrontation mit einem wachsenden Phänomen. „Die Wirkung, die von diesem Konzept ausgeht“, zitierte ich damals das Avantgarde-Magazin de:bug (und eigentlich den MP3-Erfinder Karl-Heinz Brandenburg, wie er mir unlängst erklärte), „ist nur mit der Entdeckung der Kernspaltung vergleichbar“.

Sätze, über die etwa mein damaliger Chef Heinz Canibol, ein gestandener Record Man, nur den Kopf schüttelte. MP3? Wie zur Hölle sollte ein Datenreduktionsalgorithmus von und für Computer-Nerds die mächtige, prächtige, unsinkbare Musikindustrie gefährden? Wohlgemerkt: von Napster und Kazaa, von Peer-To-Peer, Downloads, iTunes und iPods war damals noch lange nicht die Rede. Aber der angejährte „Zeit“-Artikel hat, bis auf ein paar Details, recht behalten. Schon 1999 löste, hoppla!, MP3 „Sex“ als häufigsten Internet-Suchbegriff ab.

Nun: ich will mich ja nicht im Nachhinein wichtig machen, aber ein paar Herren – in den oberen Etagen von Sony, Philips, Universal oder Bertelsmann etwa – hätten damals schon ein bisserl mehr Aufmerksamkeit und Weitsicht zeigen können für das geschmalzene Honorar, das man ihnen Monat für Monat auf ihr Konto schaufelte. Da wär’ sich locker auch ein Pontis-MP3-Player ausgegangen, den man sich zu Test- und Erkenntniszwecken hätte zulegen können, sollen, müssen. Pontis, eine kleine Regensburger Firma rund um den Ingenieur und Geschäftsführer Erich Böhm, war damit der erste Hersteller und Anbieter auf dem deutschsprachigen Markt. Nur in den USA bei Diamond Multimedia war man mit dem „Rio“ noch fixer…

Zeitsprung: Böhm wurde nicht wirklich reich mit seiner Firma, er mußte später auch asiatische Hardware importieren und kleine Brötchen backen, hat sich dabei aber seine Aufmerksamkeit und Entdeckungsfreude bewahrt. Denn dieser Tage stieß ich wieder auf die Firma Pontis. Im Zusammenhang mit den exzellenten Produkten von Roku, einem Anbieter sogenannter „Netzwerk-Player“, die von Böhm & Co. exklusiv in Europa vertrieben werden.

Was können diese Dinger? Kurzgesagt: über eine Kabel- oder Funkverbindung (Ethernet bzw. WLAN) etwa auf das Musikarchiv eines Computers oder Festplatten-Players im Arbeitszimmer zugreifen und sie z.B. über die etwas ins Abseits geratene, aber immer noch höchstklassige Stereoanlage im Wohnzimmer wiedergeben. Inklusive Titelanzeige, Fernbedienung und komfortablen Playlisten-Zugriffs.

Das mag jetzt wenig revolutionär klingen. Aber, ich sag’s ihnen freimütig: wenn man eine solche „SoundBridge“ einmal sein eigen nennt, mag man sie nicht mehr hergeben. Sie vermählt den Computer-Nerd mit dem HiFi-Enthusiasten. Den iTunes-Freak mit dem Couch Potatoe. Den Modernisten mit dem Traditionalisten. Hier wird eine – höchst funktionale und längst notwendige – Brücke geschlagen zwischen alten und neuen Musikwelten.

Dabei können die eleganten Roku-Aludosen – siehe http://www.pontis.de – weniger als viele andere Net Devices und Media Server, die Ihnen gern auch Fotos oder Videos andienen. Aber das dafür perfekt. Musik pur, auf der Höhe der Zeit. (Fast) immer noch im Format MP3.

And now for something completely different… Ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Musikindustrie wirft das Gedröhne rund um das
neue und reichlich famose Album „X&Y“ der Brit-Pop-Formation Coldplay, die damit endgültig in die Riege der Superstars aufstieg.
Coldplays Label Captitol-EMI – unter starkem Druck der Jahresabschlußbilanz zum 31.03. – hatte angeboten, Chris Martin & Co. einen Bonus zu bezahlen, wenn die Band das Album früher abgeliefert hätte. Einen Bonus von sage und schreibe acht Millionen Pfund. Die Künstler verzichteten dankend. „Es wäre nicht richtig gewesen, die Kohle zu nehmen und ein Album herauszubringen, mit dem man nicht glücklich ist“, kommentierte Sänger Martin.

Er sollte mit seiner künstlerischen Sturheit recht behalten: „X&Y“ schaffte es in über zwanzig Ländern, darunter erstmals die USA, aus dem Stand auf Platz eins der Charts. Die Record Company-Aktie stieg am Tag nach der Veröffentlichung flugs um ein Prozent. Was Chris Martin wohl ziemlich kalt ließ und läßt. Die EMI sei ihm egal, erklärte er. Und Aktionäre seien das größte Übel der Welt.

Das werden wiederum die Chefitäten von EMI anders sehen. Denn das Vertrauen der internationalen Börsenspekulanten-Gemeinde in die Topmanager des Konzerns scheint unerschütterlich. Trotz eines Gewinneinbruchs von vormals 13 Prozent müssen Eric Nicoli, Alain Levy und Martin Bandier nicht darben. Das Triumvirat an der Spitze der EMI Group (von Spöttern wird der Name EMI bereits als „Einfältige Musik Industrie“ interpretiert) kassierte im vergangenen Geschäftsjahr zusammen rund zehn Millionen Pfund an Bezügen und Prämien. Anno 2005 darf, nicht zuletzt dank Coldplay, abermals mit einer kräftigen Kurserhöhung nach oben gerechnet werden.

Verdientermaßen? Gute Frage. Berechtigte Frage. Bohrende Frage. Wäre interessant, dazu einen Kommentar von Chris Martin zu
erhalten. Oder von gestandenen deutschen EMI-Managern wie Sylvia Kollek, Evelyn Junker oder Peter Müller, die jahrelang u.a. für
den Erfolg von Martin, Nicoli, Levy, Bandier und natürlich zigtausender Aktionäre gerackert hatten. Ihn aber jetzt nur mehr „in gegenseitigem Einvernehmen“ aus der Ex-EMI-Perspektive erleben dürfen. Möglicherweise mit einem Stoßseufzer der Erleichterung. Und einem Coldplay-Song im Ohr.

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