Ingenieure, Spekulanten, Künstler

20. Juni 2005

Wer schläft, sündigt nicht, sagt das Sprichwort. Das gilt allerdings gewiß nicht für Musikindustrie-Manager, die z.B. den MP3-Boom verschlafen haben. Der Umkehrschluß „Wer nicht schläft, sündigt“ könnte dafür im Fall der EMI-Konzernspitze geltend gemacht werden.

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Pontis – dieser Name rief augenblicklich Erinnerungen wach. Denkwürdige Erinnerungen. Geben Sie einfach mal in Google die Stichworte „Pontis“ und „Gröbchen“ ein, und Sie werden sehen, was ich meine. Einen Artikel aus der Hamburger „Zeit“ aus dem Herbst 1998, der sich – wohl als einer der ersten im deutschsprachigen Raum – mit dem damals recht neuen und für viele noch nie gehörten Stichwort MP3 beschäftigte. Es war auch meinerseits die erste Recherche und journalistische Konfrontation mit einem wachsenden Phänomen. „Die Wirkung, die von diesem Konzept ausgeht“, zitierte ich damals das Avantgarde-Magazin de:bug (und eigentlich den MP3-Erfinder Karl-Heinz Brandenburg, wie er mir unlängst erklärte), „ist nur mit der Entdeckung der Kernspaltung vergleichbar“.

Sätze, über die etwa mein damaliger Chef Heinz Canibol, ein gestandener Record Man, nur den Kopf schüttelte. MP3? Wie zur Hölle sollte ein Datenreduktionsalgorithmus von und für Computer-Nerds die mächtige, prächtige, unsinkbare Musikindustrie gefährden? Wohlgemerkt: von Napster und Kazaa, von Peer-To-Peer, Downloads, iTunes und iPods war damals noch lange nicht die Rede. Aber der angejährte „Zeit“-Artikel hat, bis auf ein paar Details, recht behalten. Schon 1999 löste, hoppla!, MP3 „Sex“ als häufigsten Internet-Suchbegriff ab.

Nun: ich will mich ja nicht im Nachhinein wichtig machen, aber ein paar Herren – in den oberen Etagen von Sony, Philips, Universal oder Bertelsmann etwa – hätten damals schon ein bisserl mehr Aufmerksamkeit und Weitsicht zeigen können für das geschmalzene Honorar, das man ihnen Monat für Monat auf ihr Konto schaufelte. Da wär’ sich locker auch ein Pontis-MP3-Player ausgegangen, den man sich zu Test- und Erkenntniszwecken hätte zulegen können, sollen, müssen. Pontis, eine kleine Regensburger Firma rund um den Ingenieur und Geschäftsführer Erich Böhm, war damit der erste Hersteller und Anbieter auf dem deutschsprachigen Markt. Nur in den USA bei Diamond Multimedia war man mit dem „Rio“ noch fixer…

Zeitsprung: Böhm wurde nicht wirklich reich mit seiner Firma, er mußte später auch asiatische Hardware importieren und kleine Brötchen backen, hat sich dabei aber seine Aufmerksamkeit und Entdeckungsfreude bewahrt. Denn dieser Tage stieß ich wieder auf die Firma Pontis. Im Zusammenhang mit den exzellenten Produkten von Roku, einem Anbieter sogenannter „Netzwerk-Player“, die von Böhm & Co. exklusiv in Europa vertrieben werden.

Was können diese Dinger? Kurzgesagt: über eine Kabel- oder Funkverbindung (Ethernet bzw. WLAN) etwa auf das Musikarchiv eines Computers oder Festplatten-Players im Arbeitszimmer zugreifen und sie z.B. über die etwas ins Abseits geratene, aber immer noch höchstklassige Stereoanlage im Wohnzimmer wiedergeben. Inklusive Titelanzeige, Fernbedienung und komfortablen Playlisten-Zugriffs.

Das mag jetzt wenig revolutionär klingen. Aber, ich sag’s ihnen freimütig: wenn man eine solche „SoundBridge“ einmal sein eigen nennt, mag man sie nicht mehr hergeben. Sie vermählt den Computer-Nerd mit dem HiFi-Enthusiasten. Den iTunes-Freak mit dem Couch Potatoe. Den Modernisten mit dem Traditionalisten. Hier wird eine – höchst funktionale und längst notwendige – Brücke geschlagen zwischen alten und neuen Musikwelten.

Dabei können die eleganten Roku-Aludosen – siehe http://www.pontis.de – weniger als viele andere Net Devices und Media Server, die Ihnen gern auch Fotos oder Videos andienen. Aber das dafür perfekt. Musik pur, auf der Höhe der Zeit. (Fast) immer noch im Format MP3.

And now for something completely different… Ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Musikindustrie wirft das Gedröhne rund um das
neue und reichlich famose Album „X&Y“ der Brit-Pop-Formation Coldplay, die damit endgültig in die Riege der Superstars aufstieg.
Coldplays Label Captitol-EMI – unter starkem Druck der Jahresabschlußbilanz zum 31.03. – hatte angeboten, Chris Martin & Co. einen Bonus zu bezahlen, wenn die Band das Album früher abgeliefert hätte. Einen Bonus von sage und schreibe acht Millionen Pfund. Die Künstler verzichteten dankend. „Es wäre nicht richtig gewesen, die Kohle zu nehmen und ein Album herauszubringen, mit dem man nicht glücklich ist“, kommentierte Sänger Martin.

Er sollte mit seiner künstlerischen Sturheit recht behalten: „X&Y“ schaffte es in über zwanzig Ländern, darunter erstmals die USA, aus dem Stand auf Platz eins der Charts. Die Record Company-Aktie stieg am Tag nach der Veröffentlichung flugs um ein Prozent. Was Chris Martin wohl ziemlich kalt ließ und läßt. Die EMI sei ihm egal, erklärte er. Und Aktionäre seien das größte Übel der Welt.

Das werden wiederum die Chefitäten von EMI anders sehen. Denn das Vertrauen der internationalen Börsenspekulanten-Gemeinde in die Topmanager des Konzerns scheint unerschütterlich. Trotz eines Gewinneinbruchs von vormals 13 Prozent müssen Eric Nicoli, Alain Levy und Martin Bandier nicht darben. Das Triumvirat an der Spitze der EMI Group (von Spöttern wird der Name EMI bereits als „Einfältige Musik Industrie“ interpretiert) kassierte im vergangenen Geschäftsjahr zusammen rund zehn Millionen Pfund an Bezügen und Prämien. Anno 2005 darf, nicht zuletzt dank Coldplay, abermals mit einer kräftigen Kurserhöhung nach oben gerechnet werden.

Verdientermaßen? Gute Frage. Berechtigte Frage. Bohrende Frage. Wäre interessant, dazu einen Kommentar von Chris Martin zu
erhalten. Oder von gestandenen deutschen EMI-Managern wie Sylvia Kollek, Evelyn Junker oder Peter Müller, die jahrelang u.a. für
den Erfolg von Martin, Nicoli, Levy, Bandier und natürlich zigtausender Aktionäre gerackert hatten. Ihn aber jetzt nur mehr „in gegenseitigem Einvernehmen“ aus der Ex-EMI-Perspektive erleben dürfen. Möglicherweise mit einem Stoßseufzer der Erleichterung. Und einem Coldplay-Song im Ohr.

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Eine Antwort to “Ingenieure, Spekulanten, Künstler”


  1. […] und Merchandisingeinnahmen in die Rechnung einbezieht, ist der Schrumpfprozeß kaum umkehrbar. Die digitale Revolution hat künstlich errichtete Markteintrittshürden zerbröselt, mediale Kanäle transformiert und […]


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