Formen von Elastizität, von Unbiegsamkeit

13. September 2005

Zehn Gedanken zu „10“, dem neuen Album der Wiener Jazz-Formation Forms Of Plasticity.

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Eins. Ein Konzeptalbum also. Nicht gerade die leichteste, leichtfüssigste Form, die sich die Burschen da ausgesucht haben. So meine erste Assoziation. Konzeptalben, soetwas riecht nach den Siebzigern, nach Doppel- oder gar Triple-Vinyl, nach Theorie und Gedankenschwere. Andererseits: das hat etwas. Klingt nach selbstgestellter Aufgabe, nach intellektueller Reibung, nach Lust am Reibungswiderstand. Ein Statement. Aber ein lockeres, entspanntes, nicht vordergründig politisches. Auch hintergründig nicht. „Es ist kein typisches Konzeptalbum geworden“, sagt Gitarrist Johannes Specht. Aber: gibt es denn untypische Konzeptalben? Und wie klingt soetwas?

Zwei. Warum „10“? Nun: es sind zehn neue Staaten, die die Europäische Union seit dem Vorjahr zu ihren Mitgliedsländern zählt. Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn, Zypern. Alphabetisch gereiht. Man saß zusammen, am Piaristenplatz in Wien, damals im Sommer 2004, erzählt uns das Booklet zu „10“. Und hätte Kaffee getrunken. Unmengen von Kaffee. Und dann hatte Oliver Steger die Idee. Die Idee mit den Staaten als Inspirationsquellen. Oder, besser gesagt: dem grenzüberschreitenden Verkehr zwischen diesen Staaten. Auch wenn die Reisen (zumeist) nur im Kopf stattfanden, hatten die imaginierten, an Fred Frith erinnernden „steps across the border“ ein hohes Trigger-Potential. Ein Spannungsmoment, das aus vielen Ansätzen, Momenten und Stücken auf „10“ herauszuhören ist.

Drei. Sehr sympathischer Ansatz. Der konstante Versuch, nach unterschiedlichsten Inspirationsquellen zu fahnden. Die Scheuklappen unbeweglicher „Puristen“ beiseite zu lassen. Offen zu sein und zu bleiben. Also gerade das Konzept zugunsten konzentrierter Konzeptlosigkeit zu verwerfen, wenn die Situation es erfordert. Instinkt statt Intellekt. Oder, auch: Instinkt und Intellekt. Denn natürlich steckt – mehr oder weniger – hinter jedem Song eine Geschichte. Die Aufgabenstellung für den Hörer ist und bleibt, diese Story herauszukitzeln. Mit Instinkt und/oder Intellekt.

Vier. Zwischendurch immer wieder mal Jazz-Rock-Assoziationen. Nein, keine klischeehaften, retroaktiven, unangenehmen. Im Gegenteil. Jazz-Rock? Natürlich ist da Virtuosität, ist da ein kompaktes Zusammenspiel, ein unüberhörbares Können. Aber, wichtiger, ein unüberhörbares Wollen. Ich meine, ein Lorenz Raab (Hans Koller-Preis 2003), ein Oliver Steger (Amadeus 2005), ein Felix Bergleitner (alias Bionic Kid, Waxolutionists), ein Johannes Specht oder Mike Breneis daddeln nicht einfach so rum. Und die Plattensammlung ihrer Väter oder Ex-Konservatoriums-Kollegen hat nicht den Stellenwert, den manche sentimentstrunkene Nostalgiker unter den Rezensenten und Konsumenten jetzt hineingeheimnissen werden. FOP ist drittes Jahrtausend. FOP ist jetzt. FOP ist aber auch zeitlos. Herrlich zeitlos.

Fünf. Dreh’ diese Musik leiser, sagt meine Freundin, während wir durch Ungarn kurven, auf der Suche nach einer in der pannonischen Tiefebene verborgenen Zaubervilla samt Zaubergarten. Was ist denn das? Das könnte auch auf FM4 laufen, sage ich. Wenn FM4 die Ohren aufmacht für Klänge, die den Pfad des selbstauferlegt Erlaubten verlassen. Die komplizierter und komplexer sind als die Bloodhound Gang. Mehr K&K als Franz Ferdinand. Eventuell heftiger als Mando Diao. Eventuell anschmiegsamer als Moby. Dreh’ noch mal lauter, sagt meine Freundin. Aber wir spielen doch keinen Jazz. Oder Jazz-Rock. Oder so. Sagt sie. Ach, sage ich. Dann sind ja die bei Ö1 jünger im Kopf als diese Hipness-Priester.

Sechs. Plötzlich ist da eine Frauenstimme. Eine nicht gerade unbekannte Stimme. Aber ich komme nicht gleich drauf. Sandra Pires, sagt das Booklet. Track drei, „Poland“. Der sticht unzweifelhaft heraus. Die Musik, verrät uns Mike Breneis, basiert auf einem Motiv von Karol Szymanowski. Und man hätte sich durch Web-Tagebuch-Eintragungen von Touristen, die mit dem Fahrrad quer durch Polen unterwegs gewesen wären inspirieren lassen. Und dann wäre da noch so eine Geschichte aufgetaucht, von einer Frau, die an den Ort ihrer Herkunft zurückkehrt, eine ländliche Gegend. Per Fahrrad? Ich drücke die Repeat-Taste.

Sieben. Auf „Slovakia“, Track vier, kratzt der Waxolutionists-Wizard rum. Nicht nur dort, aber dort besonders intensiv. Ein sekundenlanges Schaben und Ziehen und Drehen. Pardon: Scratchen. Bionic Kid, auf dem FOP-Vorgängeralbum noch Gast, ist jetzt dauerhaftes Mitglied der Forms Of Plasticity. Das gibt der Flexibilität und Elastizität des nunmehrigen Quintetts ganz neue Formen. Das… Fett setzen Schlagzeug und Baß und alles andere und alle anderen ein. Und tragen meine Gedanken fort.

Acht. Unbiegsamkeit? Wenn schon Antagonismen in der Überschrift, dann jetzt aber mal her mit dem Gedankenkonstrukt. Aber fix! Aber gern doch. „Es ist nur eine Momentaufnahme eines Sounds, der sich ständig weiterentwickelt. Virtuose Jazz-Klänge verschmelzen mit Elektro-Beat-Mustern und TripHop-Elementen, verändern ihre Farbe, ohne völlig aus der Form zu kommen, und fügen sich elastisch in melodische Songstrukturen“… Ich lese es, den Zeigefinger die drei, nein: vier Zeilen entlangstreichend. Ja, schön gesagt. Gut gemeint. Quasi universell allumfassend generationenübergreifend. Etwas vage viellleicht. Aber, halt!, auch trefflich. Weil in seiner Vielgestaltigkeit tatsächlich nicht festmachbar. Flexibel. Elastisch. Formstabil. Schönes Wortspiel: stabil in seiner musikalischer Höchstform. Und dabei unbeugsam, unbiegsam, unbequem in seiner konsequenten Format-Verweigerung. Darauf kommen wir noch zu sprechen.

Neun. Persönliche Favoriten? Gewiß. Etwa dieses Monster ganz zum Schluß, 13 Minuten 6 Sekunden, „Tschechische Republik“. Irgendwie aufreizend unorthodox gegliedert, zuerst zarte, stimmige Virtuosität, Trompete, weite Landschaften, nichts ganz Ungewohntes. Ich mag ja diese ruhigen, zäh fließenden Momente. Dann Stille, viel Stille, dann – einem Hidden Track gleich – überraschendes Gestampfe und kokette Beat-Ballerei. Und eine Stimme, konterkariert von einer Vocoder-Stimme. „After nights of rain air is fresh and clean“. Höre ich recht? Verstörung. Bis zum Schluß.

Zehn. Wilkommen in Europa.

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