Revolution, Baby!

9. Oktober 2005

Format-Radio, das ist für viele Hörer und Medienkritiker ja eine contradictio in adjecto. Ein Oxymoron. Ein Widerspruch in sich. Dabei können natürlich auch Privatradio-Manager Format beweisen. Sofern sie nicht auf die Heilsbringer der Konturlosigkeit und Wechselhaftigkeit hereinfallen.

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Ein sogenanntes Schlüsselerlebnis bringt es ja mit sich, als eine Art Wiedergänger des Unterbewußtseins immer wieder mal naßforsch in das Bewußtsein vorzudringen. Ein solches Schlüsselerlebnis hatte ich vor einigen Jahren, als mir auf den “Münchener Medientagen” die öffentliche Wortspende eines gewissen Mike Haas zu Ohren kam. Das Privatradio heutzutage sei stinklangweilig, meinte er sinngemäß. Zu gleichförmig, zu schematisch, zu eintönig. Eine kreative Katastrophe geradezu. Kein Wunder, daß die Hörer mehr und mehr zu Ex-Hörern würden.

Als positives, ja geradezu leuchtendes Gegenbeispiel erwähnte Haas ausgerechnet das österreichische Jugendkultur-Zentralorgan FM4. Ja, dieser Sender hätte Format, gerade weil er kein Format hätte! Und das sei irgendwie der neueste Trend. Und generell die Zukunft.

Potzblitz! Nicht, dass ich mich der Message verschlossen hätte. Im Gegenteil. Die vorformatierte 08/15-Tristesse des Großteils der Mainstream-Heulbojen (“Die größten Hits von gestern, heute, morgen und übermorgen”) war und ist evident. Und die latente Hinfälligkeit des österreichischen Radiomarkts hat nicht zuletzt mit der Ideen- und Ratlosigkeit vieler Programm-Macher und ihrer – gemeinhin nicht gerade am Hungertuch nagenden – Berater zu tun, denen über Jahre hinweg nichts besseres einfiel, als blasse Ö3-Kopien als den heissesten Scheiß von Scheibbs bis Nebraska zu verkaufen. Natürlich, ohne daß ihnen die Hörermassen diesen Schmäh abgenommen hätte. Da sahen selbst Schlager- & Oldie-Stationen wie “Arabella” vergleichsweise frisch dagegen aus. Mit entsprechendem Erfolg.

Was dann aber doch verblüffte an der späten Erkenntnis, daß die Schnittmenge aus Privatradio-Lehrbuch und tollen, innovativen Inhalten tendenziell gleich null ist, war der Überbringer der Botschaft. Mein Name ist Haas, ich weiß von nichts!? Eine erstaunliche Flexibilität ist dem Mann allemal eigen. Denn der gute Mike, Ex-US Army-Kommunikationsoffizier und Mitbegründer des deutschen Consulting-Unternehmens BCI, ist einer der Gurus der mitteleuropäischen Kommerzradio-Szene. Er zählt von Antenne Bayern bis zu Ö3 fast alle größeren Stationen zur BCI-Kundenklientel. Und ist bei jedem Panel, jeder Podiumsdiskussion und allerlei Seminaren meist ganz vorn dabei. Sofern er sie nicht gleich selbst veranstaltet und die Riege der bestens beratenen Vorzeige-Senderchefs eigenhändig auswählt.

Seit geraumer Zeit aber zeigt die Erfolgsformel immer deutlichere Abnützungserscheinungen. More of the same, das kann ja wohl nicht der Weisheit letzter Schluß sein in einem hochkompetitiven Markt. Das erkennt allmählich auch der letzte Manager alten Formats. Also, Maschine retour!, gestern war gestern, heute gilt das Gegenteil. Es gilt, frisches Format zu beweisen. Wenn’s passt, kann das auch schon mal die Totalabkehr von der früheren Lehre sein. Der Zweck heiligt die Mittel. Daß dann auch der eine oder andere Bertelsmann auftritt (wie neulich bei den “Österreichischen Medientagen”, die eine löblich skeptische, ja bisweilen bissig kritische Grundhaltung vieler Besucher und Diskutanten erkennen ließen) und seinen Kollegen die Leviten liest, nimmt man mit Schmunzeln zur Kenntnis. Wenn aber ausgerechnet ein Totengräber individueller Kreativressourcen als neuer Messias einer perspektivisch blühenden Nischen-Radiokultur auftritt, dann hat das “radical chic”. Andere würden es Chuzpe nennen. Egal: es gilt, eine neue Sau durchs Dorf zu treiben. Damit der Rubel weiter rollt.

Wenn der Rubel allerdings so gar nicht rollen will auf Seiten der fortwährend Beratungsbedürftigen, dann dürfen auch Verzweiflungsmaßnahmen gesetzt werden. Pardon: “Verzweiflungsmaßnahmen”, mit deutlichen Anführungsstrichen oben und unten. Denn anders kann man das nicht mehr nennen, wenn die eigene Orientierungs- und Erfolglosigkeit zu tolldreist camoufliertem Marketing-Aktionismus umgemünzt wird. Dieser Tage geschehen beim Wiener Sender 88,6, wo ein Relaunch des Formats (?) als “Meuterei” des Programmchefs und “Revolte” der Moderatoren ausgegeben wurde. Verdutzte Hörer fanden sich plötzlich der Auffordung ausgesetzt, sich zu wünschen, was immer sie wollten, ob “Biene Maja” oder AC/DC in der Morning Show, egal. Nun sei alles erlaubt und möglich. Und Bernd Sebor & Co. eh schon alles egal. Anarchie im Formatradioland? Darauf schien auch die prompte Neuauschreibung diverser Spitzenpositionen bei 88,6 per Zeitungsinserat hinzuweisen. Allein: es war und ist ein billiger Gag. Guerilla-Marketing nach Vorbild des Senders Jack FM aus den USA.

Ob derlei allerdings in Österreich, wo man sich nur schwer zum Kurbeln am Frequenzband und zur Festlegung auf eine neue Lieblingsstation drängen läßt, nicht ein astreiner Schuß ins eigene Knie war, wird der nächste Radiotest beweisen. Denn die Liebhaber des vormaligen Formats vertreibt man so ziemlich gewiß, und ob der Fake-Revolutions-Schrei bis zur neuen, noch unscharfen Zielgruppe durchdringt, sei dahingestellt. Die Leute in meinem Bakanntenkreis jedenfalls winkten nur müde ab. Eine Revolution ohne revolutionäre Inhalte, Baby, das nennt man schlechthin Farce.

2 Antworten to “Revolution, Baby!”


  1. […] überholt), schimpfte Ö3 und das ORF-Fernsehen (das ist scheinbar ein ewig gültiges Thema), lobte FM4, spöttelte über den „Amadeus“, porträtiere ambitionierte heimische Musiker (liftet Alex […]


  2. […] in den letzten Jahren kam es zu einer Ausdifferenzierung der Formate, die sich vorrangig über das Musikangebot definiert. Und natürlich ist die Zeit nicht stehen geblieben: Internet-Stationen, Digitalradio, […]


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